Wiederkehr der Grossformen

An den Donaueschinger Musiktagen wurden vom 18. bis 20. Oktober Werke uraufgeführt, deren gemeinsames Merkmal eine ausgedehnte Dauer ist.

Probe zu «Registre des lumières» von Raphaël Cendo für 19 Instrumentalisten, Live-Elektronik und 30 Sänger. Foto: Tilman Stamer/SWR

Die Grossform, eine Lieblingserscheinung der spätromantischen Musikwelt, wurde anfangs des 20. Jahrhunderts von den jungen Musikern weitgehend abgelehnt. Als mit der frühen Zwölftontechnik, bei Anton Webern beispielsweise, die musikalischen Strukturen so komplex und zerbrechlich wurden, liess dieser sich auf Stücke von wenigen Minuten Dauer ein. In neuerer Zeit tauchen immer wieder Stücke in der Grössenordnung von rund einer Stunde auf. Armin Köhler, Programmleiter am SWF und im Speziellen für die Donaueschinger Musiktage, hat schon seit etlichen Jahren versucht, den Programmen eine bestimmte Thematik zugrunde zu legen. Dieses Jahr ist es nun eben die neu erstandene Grossform, und zwar in allen Programmteilen bis hin zu den Installationen.

Grundlegende Probleme

Das Problem der Grossform: das Publikum immer wieder von Neuem und stetig zu interessieren und dennoch eben eine einheitliche grosse Form zu schaffen. Dies zeigten gleich die zwei Stücke des ersten Abends mit dem grossen SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter der gemeinsamen Leitung von Pascal Rophé, Wolfgang Lischke und Christopher Sprenger. Bernhard Lang arbeitet in seinen Monadologien – hier ging es um die 13., genannt «The Saucy Maid» – mit Motivwiederholungen und ihren Veränderungen, und das in einer mechanisierten Struktur, die durch die ewigen Repetitionen rasch langweilt. Dass die zweite Orchesterformation, die sich hinter dem Publikum aufstellt, um einen Viertelton tiefer gestimmt ist, bringt nicht sehr viel und geht im massigen Gesamtklang, wo Klangflächeneinheiten gegeneinander verschoben werden, unter. Ganz anders bei Walter Zimmermann in seinem Suavi Mari Magno Clinamen I-VI für sechs Orchestergruppen, die rund um die Zuhörer verteilt sind und mit mehreren Dirigenten und TV-Übertragungen des Hauptdirigenten über Monitore zusammengehalten werden. Kanonfügungen ergeben eng nebeneinander liegende Zusammenklänge, aber alles ist ständig in Bewegung, mit viel Fantasie, springt hin und her.

Faszinierend und verängstigend zugleich wirkt Speicher für grosses Ensemble (Klangforum Wien) des 44-jährigen Sauerländer Komponisten Enno Poppe, bei dem ein ruhiger Viervierteltakt dirigiert wird, die Töne aber immer nach dem Schlag herunterkugeln, in ihrer Abfolge wohl vom Computer definiert. Der Komponist lässt die Instrumente ständig in exzessiven Höhenlagen schreien, 71 Minuten lang in einer unglaublichen Hektik, und das alles in höchster Präzision, wie ein Uhrwerk. Dieses Klanggeschehen fasziniert, gleichzeitig tun einem die Musiker leid, die unablässig Garben von Tönen spielen müssen, die einfach so eingeübt sein müssen, dass sie ohne nachzudenken abgerufen werden können. Es wirkt unmenschlich, was der schlacksige rothaarige Komponist als Dirigent locker tänzelnd unaufhörlich hervorzaubern kann.

Verschiedene Kompositionstechniken

Vergleichbar komponiert der in Frankreich lebende Grieche Georges Aperghis. Bei ihm beginnen die Klangkaskaden auf den Schlag des Dirigenten (Emilio Pomàrico leitete diesmal das Klangforum Wien), wodurch oft fast eine Art Taktgefühl entsteht, und er lockert den Gesamtablauf der Situations für 23 Solisten mit Kinderversen, Soloeinlagen, mit Klangduellen der beiden Pianisten etc. und durch vom einen Pianisten gesprochene Texte philosophischer Art (wie «Man trifft eine  Wahl zwischen dem, was sich sagen lässt, und dem, was man für immer verschweigt …»), wobei manches so gelispelt wird, dass man absichtlich nichts versteht. Konsequenz: das 54 Minuten lange Stück ist immer spannend, zerfällt formal ein wenig.

Der 61-jährige Franzose Philippe Manoury hat mit In Situ für Orchester und Ensemble das fünfte vergleichbare Grosswerk geschrieben. Hier sitzt das 20-köpfige Ensemble Modern vorn, rund um das Publikum das SWR Sinfonieorchester. Manoury komponiert in der französischen Tradition, die zwar etwa  genau so viele Töne pro Sekunde durchlaufen lässt, aber nicht bei allen gleichzeitig, von Formation zu Formation springend, ebenfalls mit dem Dirigenten (hier der Hausdirigent Xavier Roth) auf verschiedenen Fernsehmonitoren. Aber hier herrschen noch traditionelle Klangvorstellungen, oft in kleinen, durch Pausen (boulezschen Fermaten) getrennten Figurengruppen. Alle fünf Werke waren natürlich in Uraufführung zu hören, alle fanden unerhört exakte und durchdifferenzierte Darstellungen.

Weitere Möglichkeiten

Uraufführungen waren natürlich auch die vier weiteren Kompositionen, die neben den genannten etwas ins Hintertreffen gerieten. Da war das Registre des lumières des in Berlin lebenden 38-jährigen Franzosen Raphaël Cendo für 19 Instrumentalisten, Live-Elektronik und 30 Sänger (Ensemble musikFabrik aus Köln, das SWR Vokalensemble Stuttgart und das IRCAM Paris) auf antike Texte. Das Werk produziert ausschliesslich urtümliches Rauschen und Grollen, ganz ohne Takt oder Metrum, mit fast ausschliesslich ungewöhnlichen Spielweisen auf den Orchesterinstrumenten; der Chor singt nie, er flüstert und raunt. Für die Chorabschnitte der 43 Minuten dauernden Aufführung wäre unbedingt nötig gewesen, dass man den Text, der ja im Programmheft vollständig abgedruckt war, hätte mitlesen können. Dazu wäre eine Konzertvollbeleuchtung nötig gewesen, aber in Donaueschingen wird leider immer eine Art Fernsehbeleuchtung praktiziert, bei der die Ausführenden im Scheinwerferlicht stehen, die Zuhörerschaft im Dunkel versinkt!

Alberto Posadas hat mit Kerguelen ein Tripelkonzert für ein Trio verstärkter Holzblasinstrumente und Orchester geschaffen. Kerguelen heisst eine kleine Insel im südlichen indischen Ozean, ähnlich soll das Solistentrio wie eine «Hochebene» über dem Gesamtklang liegen. Klangflächen beherrschen das Bild, durch ständige Triller und Tremoli ermöglicht, auf- und abwogend. Doch das allein langweilt bald, und die Triller nerven allzu bald. Und schliesslich schrieb Bruno Mantovani seine Cantate Nr.3 für Chor und Orchester auf Schiller-Texte in einem so sehr konventionellen und verbrauchten Stil, dass massive Buh-Rufe nicht ausbleiben konnten. Bleibt noch hinzuweisen auf ein sehr schönes, 18 Minuten dauerndes rein elektronisches Stück von Hèctor Parra, geboren 1976 in Barcelona. I have come like a butterfly into the hall of human life ist sehr gediegen gearbeitet, aber im Stil der 60er-Jahre.

Frei Zugängliches

Als Klanginstallation schufen Kirsten Reese und Enrico Stolzenburg zusammen unter dem Titel Debatte ein sehr langes Hörspiel, das man sich stückweise im Rathaussaal anhören konnte. Und Georg Nussbaumer nahm mit Ringlandschaft mit Bierstrom den wagnerschen Ring, eine der berühmtesten Grossformen, auf die Schippe: im Brauereisaal  (Fürstenberg Bier) verfolgen acht Streicher mit Kopfhörern den ganzen Ring (15 ½ Stunden hier) und spielen anhand von Klavierauszügen die wichtigen Themen heraus und als Zwischenfüllung streichen sie über die ganzen Saiten oder spielen langsame Glissandi. Sie spielen in dem sehr hohen Saal hoch oben auf Rohrgerüsten, die mit allerlei Kostümen behängt sind; Dias und viel Nebel im Raum sorgen ironisch für die richtige Atmosphäre: ein gelungener Scherz. Sehr angenehm empfand man dieses Jahr, dass die Programmabfolgen etwas mehr Zeit zur Besinnung liessen, das heisst, nicht mehr so hektisch wie sonst waren.

Letztes Jahr hat das Land Baden-Württemberg beschlossen, dass das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg bis 2016 mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart fusioniert werden soll. Das gab natürlich auch jetzt viel zu diskutieren, ein Protestmarsch durch Donaueschingen wurde organisiert, Ansteckknöpfe wurden verteilt und kurze Ansprachen in den Konzerten zwischen den Stücken fanden statt, doch offiziell zeichnet sich noch keine Lösungsmöglichkeit ab, dieses katastrophale Unheil zu verhindern.

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