Blicke auf die Schweizer Alte-Musik-Szene

Das Festival Alte Musik Zürich lies die Vielfalt der hiesigen Ensembles und Solisten aufscheinen und ermöglichte die Begegnung mit tonangebenden Exponenten.

Coro della Radiotelevisione Svizzera. Foto: retedue.rsi.ch

Den Titel des angekündigten Werks haben wohl die wenigsten Freundinnen und Freunde der Alten Musik schon gehört: Fontana d’Israel – Israelis Brünnlein. Das Werk stammt vom Leipziger Thomaskantor Johann Hermann Schein, der es dort im Jahr 1623 drucken liess. Es handelt sich um eine Sammlung mit vorwiegend fünfstimmigen Kompositionen für Vokalensemble und Generalbass. Die Texte stammen aus dem Alten Testament, hauptsächlich aus den Psalmen, und formulieren in einer bilderreichen Sprache Weisheiten zu Leben und Tod, zum Verhältnis des Menschen zu Gott. Stilistisch bewegt sich der Zyklus zwischen der Madrigal- und der Motettentradition.

Emotionale Deutung
Den Staub vom altehrwürdigen Werk geblasen haben Gli Angeli Genève unter der Leitung ihres Gründers Stephan MacLeod. In der Zürcher Kirche St. Peter realisierte das Ensemble eine zündende Interpretation des – leicht gekürzten – Zyklus. MacLeod, der selber Bass sang, bildete zusammen mit den Sopranistinnen Dorothee Mields und Monika Mauch sowie den Tenören Robert Getchell und Georg Poplutz ein sehr aussagekräftiges Quintett, das von der Harfenistin Giovanna Pessi, der Cellistin Hager Hanana und dem Organisten François Guerrier auf seiner Truhenorgel klanglich eingebettet wurde. Alle fünf Sänger sind anerkannte Spezialisten für Alte Musik und kultivierten einen geraden, aber emotional durchdrungenen Klang. Hervorragend war die Textgestaltung, die sowohl den Sinn wie auch die Stimmung dieser Bibeltexte erfasste. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten, heisst das dritte der 26 Stücke. Die expressiven chromatischen Linien bei den «Tränen» und die hüpfenden Rhythmen bei den «Freuden» verdeutlichten diesen Inhalt ganz unmittelbar. Gli Angeli Genève sind wahrlich kein blutleeres Ensemble, ihre von Herzen kommende Gestaltung, die auch gerne mit kräftigen Farben operiert, löste beim Publikum grosse Begeisterung aus.

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