«Die genialste Frau, die mir je  vorgekommen»

«Die genialste Frau, die mir je vorgekommen»

04.09.2019

Eine neu erschienene Aufnahme von Pauline Viardot- Garcias Operette «Le dernier sorcier» macht mit einem lange verschollenen Werk der Ausnahmekünstlerin des 19. Jahrhunderts bekannt.

Daniel Lienhard — Eine Recherche bei Amazon.de fördert mehr als zwanzig Biographien, Romane, Briefausgaben und musikwissenschaftliche Werke über Pauline Viardot-Garcia zutage. Was sind die Gründe für das Interesse an ihr? Es werden sowohl die romanhaften Züge ihres Lebens als auch ihre aussergewöhnliche Ausstrahlung und ihre Verdienste als Künstlerin sein. In ihrem Salon verkehrten Musiker wie Chopin und Wagner, aber auch Schriftsteller wie Charles Dickens und bildende Künstler. Ihr Einfluss auf Komponisten wie Berlioz, Brahms, Gounod, Saint-Saëns, Massenet und Fauré war bedeutend. Zu ihren engsten Freundinnen gehörten George Sand und Clara Schumann, die Viardot-Garcia als «die genialste Frau, die mir je vorgekommen» bezeichnete.

Ein Leben auf der Opernbühne

Pauline García, 1821 in Paris als Tochter eines spanischen Sängerehepaars geboren, erhielt bereits als Kind bei Franz Liszt Klavierunterricht, studierte bei Anton Reicha Komposition und wurde von ihren Eltern im Gesang unterrichtet. Mit knapp 18 Jahren debütierte sie, wie auch ihre Schwester Maria Malibran gut zehn 10 Jahre zuvor, an der Oper in London. 1840 heiratete sie Louis Viardot, den Direktor des Pariser Théâtre- Italien, mit dem sie vier Kinder hatte.

1843 lernte sie anlässlich eines Gastspiels in St. Petersburg den Schriftsteller Ivan Turgenev ken- nen, der fortan bis zu seinem Tod eine Art ménage à trois mit den Viardots führte. Bis zu ihrem Bühnenabschied mit 42 Jahren dominierte sie die europäischen Musiktheater. Ihre legendäre Interpretation von Berlioz’ Bearbeitung von Glucks Orphée wurde in Paris 138mal aufgeführt. 1870 wirkte sie noch in der Uraufführung von Brahms’ Altrhapsodie mit.

Idylle in Baden-Baden

Aus politischen Gründen - die Viardots gehörten zur republikanischen Opposition - übersiedelten sie mit Turgenev 1863 von Paris nach Baden-Baden, damals einer der mondänsten Kurorte in Europa. Hier verbrachte Pauline Viardot-Garcia einige der befriedigendsten Jahre ihres Lebens. In ihrem Salon verkehrten Republikaner und Adelige, Deutsche, Franzosen und Russen. Der deutsch- französische Krieg zerstörte diese Idylle. Nach kurzem Exil in London kehrte Viardot-Garcia 1872 mit ihrer Familie nach Paris zurück. Bis zu ihrem Tod 1910 unterrichtete sie, komponierte und gab Gesangswerke wie ihre École classique du chant heraus.

Salonoperetten

In Baden-Baden komponierte Pauline Viardot-Garcia vier Salonoperetten, von denen nur eine, Le dernier sorcier, komplett erhalten ist. Diese kleinen Bühnenwerke für SängerInnen und Klavier auf Libretti von Turgenev, wurden mit Familienmitgliedern und Schülerinnen aufgeführt. Wie in Offenbachs Einaktern wurde viel improvisiert, und sie wurden mit aktuellen Anspielungen versehen. Der Uraufführung des Dernier sorcier 1867 wohnten Liszt, Brahms, Clara Schumann und der spätere Kaiser Wilhelm I. bei. Brahms war von dem Werk so angetan, dass er es 1869 selber vom Klavier aus dirigierte. In der Tat ist die Musik voller Charme und Witz und für die SängerInnen sehr dankbar.

Nachdem sich Viardot-Garcias Manuskript über hundert Jahre in einer Privatsammlung befunden hatte, wurde es kürzlich von der Houghton Library der Harvard University erworben. Ein amerikanisches Team um Camille Zamora realisierte die Ersteinspielung (Bridge Records BRIDGE 9515). Musikalisch hervorragend, wirkt die Aufnahme durch die gesprochenen Verbindungstexte, die die Handlung schildern, wenig dramatisch. Viel sinnvoller wäre es gewesen, den originalen Dialogtext zu verwenden. Die Handlung der Operette ist recht lustig: Der alte machtlose Zauberer Krakamiche, der im Wald der Elfen ein protziges Schloss gebaut hatte, wird von den Elfen und ihrer Königin geneckt und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dazu gebracht, seine Tochter Stella gegen seinen Willen mit Prinz Lelio zu verheiraten und mit ihnen in ein Schloss ausserhalb des Waldes zu ziehen. Das Fazit könnte lauten: Frauensolidarität bringt die Welt wieder in Ordnung.