Musikunterricht muss bezahlbar bleiben

Die Elternbeiträge für Musikunterricht im Kanton Bern sind höher als die der meisten anderen Kantone, wie die Statistik 2025 des VMS zeigt. Eine Gruppe von Grossrätinnen und Grossräten möchte das ändern.

Besonders bemerkenswert finde ich, dass der parlamentarische Vorstoss „Musik für alle: Musikschulunterricht stärken“ von einer überparteilichen Gruppe von Grossrät*innen eingereicht worden ist. Die Motionär*innen – angeführt von Nadja Günthör (SVP) – beauftragen den Regierungsrat damit, dafür zu sorgen, dass sich wieder alle Familien im Kanton Bern Musikunterricht leisten können. Der Kanton soll zusätzliche finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, sodass der Kantonsanteil an den Besoldungskosten signifikant über den aktuellen 30 Prozent liegt und die Elternbeiträge dadurch deutlich gesenkt werden können. Die Gruppe bezieht sich dabei auf Artikel 12a des Bundesgesetzes über die Kulturförderung, in dem steht, dass bei der Festlegung der Musikschultarife die wirtschaftliche Situation der Eltern zu berücksichtigen sei.

Die Motionär*innen weisen in ihrer Begründung darauf hin, dass kaum eine Aktivität die kognitiven und sozialen Fähigkeiten von Kindern so fördert wie das Musizieren und das Erlernen eines Instruments, dass die Musikschulen nicht Eliteschmieden sind, sondern dass sie den Nachwuchs für Laienorchester, Volksmusikensembles, Dorfmusiken, Chöre und die lokale Bandszene ausbilden.
Sie schreiben, dass die hohen Elterntarife von rund 800.- Franken pro Kind und Semester zusehends auch für mittelständische Familien unerschwinglich werden.
Dagegen gibt es eigentlich nichts zu sagen, und dass die Motion von Grossrät*innen aus der SP, der SVP, der GLP, der FDP, der Mitte, der EDU, den Grünen und der EVP zusammen eingereicht wurde, legt nahe, dass hier ein breiter Konsens besteht.

Enttäuschende die Antwort des Regierungsrats

Der Regierungsrat würde die Motion gerne in ein Postulat umwandeln. Er unterstützt zwar das Bestreben der Motionär*innen, dass Musikunterricht im Kanton Bern einer möglichst breiten Bevölkerungsschicht offenstehen soll, er möchte aber zuerst analysieren, ob eine Erhöhung der Kantonsbeiträge wirklich zu einem chancengerechteren Zugang führen würde. Ich verstehe, dass der Kanton sparen will und muss und der Regierungsrat deshalb die Kantonsbeiträge lieber nicht erhöhen würde, aber diese Begründung scheint mir doch an den Haaren herbeigezogen. Natürlich können sich die Familien des unteren Mittelstands den Musikunterricht eher leisten, wenn die Tarife tiefer sind.

Und es ist vorbildlich, dass der Kanton für Sozialhilfehaushalte die situationsbedingten Leistungen für Freizeitaktivitäten, zu denen auch kulturelle Aktivitäten wie Musikunterricht gehören, von CHF 600.- auf 1‘200.- pro Jahr und Kind verdoppelt hat, aber es geht hier nicht um die Einkommensschwächsten, für die schon viele Unterstützungsinstrumente bereitstehen, sondern es geht hier um den unteren Mittelstand, also um die Familien, die keinen Anspruch auf Sozialhilfe haben, denen aber nach Abzug von Miete, Steuern, Krankenkasse, Grundbedarf etc. wenig frei verfügbares Einkommen bleibt, und es geht auch um die Familien aus der Mittelschicht, die mehrere Kinder haben. Sie können sich zwar grundsätzlich die Musikschulgebühren leisten, aber bei mehreren Kindern werden diese auch bei ihnen zu einer relevanten Belastung.

Viele Gemeinden finanzieren bereits mehr als die gesetzlich festgelegten 30% der Personalkosten. Der Verband Bernischer Musikschulen VBMS schreibt dazu in seiner mit «Musik darf kein Luxusgut werden» betitelten Stellungnahme zur Antwort des Regierungsrats: «Eine Auswertung der Reportingdaten 2025 zeigt: Bei fast allen Musikschulen liegt der Gemeindebeitrag bereits über dem gesetzlich vorgesehenen Anteil von 30% am anrechenbaren Personalaufwand, im Median bei 35%. … Mehrere Gemeinden haben die Mehrleistungen inzwischen sogar vertraglich in ihren Leistungsverträgen mit den Musikschulen verankert.» Die Gemeinden sehen natürlich, dass die Anmeldungen an ihren Musikschulen zurückgehen, hören direkt von den Gemeindemitgliedern, dass die Schulgelder zur zu grossen Belastung werden, und es ist deshalb auch gut, dass sie bereits gehandelt haben. Nur werden die Unterschiede von Gemeinde zu Gemeinde immer grösser, weil nicht alle Gemeinden das tun (können). Leider bleibt dann die Chancengleichheit auf der Strecke.

Der Regierungsrat möchte weiter untersuchen, ob es Spielraum bei der Ausgestaltung des Tarifsystems gibt. Leider haben die Musikschulen kaum Spielraum: 85% der Kosten sind Personalkosten, und deren Höhe ist durch das Musikschulgesetz festgelegt. Die Kosten, die nach Abzug der Gemeinde- und Kantonsbeiträge bleiben, müssen von den Eltern übernommen werden, da findet man nicht plötzlich eine andere Lösung.

Den Einwand des Regierungsrats, dass der Rückgang der Schülerzahlen an Musikschulen nicht nur von zu hohen Elterntarifen ausgelöst wird, würde ich sogar gelten lassen. Die Blockzeiten in der Volksschule bewirken, dass Musikunterricht oft erst ab 16 Uhr besucht werden kann, und dann wollen viele Kinder den Unterricht zwischen 16 Uhr und maximal 18 Uhr besuchen, was halt nicht immer möglich ist. Unterrichtszeiten drei oder mehr Stunden nach Schulschluss können schon abschrecken. Vielleicht müsste die an sich vorgesehene Möglichkeit, Musikunterricht auch während den Blockzeiten stattfinden zu lassen, viel mehr genutzt werden. Auch die Musiklehrpersonen würden das sicher sehr begrüssen.

Zusammenarbeit von Musikschulen und Volksschulen

Der letzte Vorschlag des Regierungsrats ist eine intensivierte Zusammenarbeit der Musikschulen mit der Volksschule. Das tönt ja gut, nur ist bisher keine Finanzierung für solche Projekte vorgesehen. Ein gemeinsam geplantes Musical lässt sich vielleicht übers Schulbudget finanzieren, möchte man aber eine echte musikalische Förderung in Zusammenarbeit von Musikschulen und Volksschulen erreichen, müssten das Projekte in der Form von Singklassen, Bläserklassen, Streicherklassen etc. sein, das heisst von Klassen, in denen mindestens ein oder zwei Jahre lang jedes Kind unter professioneller Anleitung ein Instrument spielt oder bei Singklassen, in denen in (fast) allen Fächern gesungen wird. Französisch lernen «en chantant» ist ein Projekt, das ich schon lange gerne verwirklicht sähe. Ob man dabei gegenüber dem etwas stärker subventionierten Musikschulunterricht Kosten spart, wage ich allerdings zu bezweifeln. Was als Zusammenarbeit funktionieren könnte und Kosten sparte, wäre das konsequente zur Verfügung Stellen von Räumlichkeiten in Schulhäusern für den Musikunterricht nach Schulschluss. Damit könnte viel mehr Simultanunterricht stattfinden und betreutes Üben angeboten werden, wodurch man allenfalls die Minutenzahl pro Kind leicht senken könnte, weil die Kinder dann grundsätzlich viel länger an der Musikschule wären. Das bedingte allerdings, dass alle Lehrpersonen bereit wären, nach diesem System zu unterrichten.

Ich möchte den Grossrätinnen und Grossräten ans Herz legen, dass sie, wenn dieser Vorstoss debattiert wird, daran denken, dass Musikunterricht nicht nur die kognitiven und sozialen Fähigkeiten fördert, sondern dass das Erlernen eines Instruments auch ein unvergleichliches Koordinationstraining ist, und dass Musizieren die Konzentrationsfähigkeit nachhaltig verbessert, zwei Dinge, die für viele Berufe von grosser Wichtigkeit sind, dass eine Investition in Musikunterricht sich also langfristig lohnt.

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