Die Energie eines Orchesters

Das Kammerorchester Basel schickte ein Trio ins Tinguely-Museum, um über Nachhaltigkeit nachzudenken. «Unter Strom» lieferte Musikgeschichte im Speedrun, viele Fragen und wenig Antworten.

Musik und Theater zwischen Maschinengetöse. Foto: Lukas Nussbaumer

Dass Musik die Klimakatastrophe abwenden kann, würde vermutlich niemand behaupten. Was aber kann sie tun gegen das Problem, dass die Menschheit (in rasant zunehmendem Masse) über ihre Verhältnisse lebt?

Das Naheliegendste: das Thema aktiv ansprechen. Das machte das Kammerorchester Basel am 5. Februar 2026 im Tinguely-Museum mit dem Musiktheaterprojekt «Unter Strom», erarbeitet und aufgeführt von der Violinistin Eva Miribung, dem Violinisten Mathias Weibel und der Regisseurin und Schauspielerin Salomé Im Hof. Von «weit weg» seien sie gekommen und hätten gehört, dass es Probleme gäbe auf der Erde. Ihr Stück sei kein Lamento, sondern «will euch zu nahe treten, vor den Kopf stossen». So die Ansage, nachdem die drei astronautisch Gekleideten zum selbstgebastelten «Energiesong» via Tinguelys Utopia-Maschine auf die Bühne marschiert waren. Dort prophezeite das Orakel von Tinguely, dass die Menschen irgendwann verschwunden sein würden – «darauf erst einmal ein bisschen Musik».

Es folgte in den nächsten 60 Minuten eine Art Speedrun durch die Musikgeschichte, mit Stücken und Songs, die, dramaturgisch geschickt verknüpft, die Natur, die Energie und den eigenen Handlungshorizont ins Visier nahmen. Zum Beispiel der schwedische «Wasserkanon», Lueget, vo Bärgen und Tal, I’ll Follow the Sun der Beatles, Never Turn Your Back On Mother Earth der Sparks oder Bob Dylans Blowin’ in the Wind. Vor allem populäre Lieder standen auf dem Programm, dazwischen gab es aber auch Klassisches von Leclair, Liszt oder Berio. Zu Hilfe nahm sich das Trio eine akustische Violine, eine E-Violine, einen Synthesizer, eine Mandoline und eine Loopstation. Den elektrischen Instrumenten wurde zum Schluss der Performance der Stecker gezogen.

Witz, Konfrontation und irritierendes Klappern

Zwischen den musikalischen Nummern leiteten theatrale Einlagen von einem Stück ins nächste über, hatten aber gleichzeitig die Funktion, das Publikum einzubeziehen. Wie bei einer Befragung, was das gute Leben eigentlich heisse. Die Antworten wurden aufgenommen und bildeten als Loop quasi die zweite Stimme in Vivaldis Sonate in F-Dur. Oder bei einer Quickfire-Session, bei der das Publikum auf Entweder-Oder-Fragen («Bio oder regional», «Fleisch oder Tofu», «Zug oder Velo» etc.) antworten musste. Das Programm hatte Witz, Höhepunkt in dieser Hinsicht war das umgedichtete Vaterunser an einen Öltanker.

Die konfrontative Art und Weise der Performance sorgte dafür, dass man sich als Zuhörerin oder Zuhörer nie einfach nur zurücklehnen konnte, sondern geistig dabei und kritisch bleiben musste. Dass eine Atmosphäre des Sich-Einlullen-Lassens aufkommen könnte, wurde schon allein dadurch verhindert, dass immer wieder mitten in den Stücken die Tinguely-Maschinen zum Laufen gebracht wurden. – Wer sie kennt (übrigens ein schönes Beispiel für Re- oder Upcycling), kann sich vorstellen, dass das Klappern und Krachen in einem Konzert mächtig irritiert.

v. li.: Mathias Weibel, Salomé Im Hof Eva Miribung. Foto: zVg

Umgewandeltes Klassenzimmerstück

Künstlerisch überzeugend war der Abend auf alle Fälle. Und es ist lobenswert, dass sich das Kammerorchester mit der Thematik vertieft auseinandersetzt. Das ist mehr, als viele andere Orchester tun. Eine Handlungsorientierung fehlte aber. Eine Suggestion kam immerhin ganz zum Schluss, als es um die Frustration ging, nichts ausrichten zu können. Nach dem Vorbild von Georg Danzer wurde sie umgedreht in die Freiheit, nicht dasselbe wie andere tun zu müssen, auch mal einfach nichts zu tun. Eine Enthaltsamkeitslogik, die die Menschheit als Ganze nicht aus der Misere herausführen wird, als individuelle Lebensphilosophie aber sicher keine schlechte ist.

Dass Klangkörper wie das Kammerorchester Basel durch ihre Dimension – und die Konzertreisen – selbst viele Ressourcen schlucken, ist natürlich ein paradoxer Umstand. «Unter Strom», Teil der Nachtklang-Serie, kurze Vorstellungen, die Mitglieder des Orchesters in Museen darbieten, ist aber ein gutes Beispiel für Redimensionierung und Synergien; das Konzertticket war gleichzeitig Eintrittsbillett ins Museum. Und da das Trio mit dem Stück auch in Schulen auftritt, war der Abend sozusagen Recycling. Die Thematik zum Programm zu machen, ist auf jeden Fall wichtig – vielleicht kommen so irgendwann auch mehr Antworten als Fragen heraus.

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