Wie Sebastian Nordmann Musik in Luzerns Strassen bringt

Noch bis 13. September läuft das Lucerne Festival. Der Start war unter anderem geprägt von ungewöhnlichen Formaten, mit denen der neue Intendant Publikum hinzugewinnen will.

Bei der «Symphonic Jukebox» spielen die Musikerinnen und Musiker Stücke nach Wahl des Publikums. 
Foto: Manuela Jans/ Lucerne Festival

In der Altstadt von Luzern hört man dumpfe Schläge. «Ist das eine Turmuhr?», fragt eine Touristin ihre Begleitung – und setzt ihre Schritte Richtung Weinmarkt fort. Von allen Seiten kommen Neugierige auf den Platz, wo sich schon ein Kreis von Menschen gebildet hat und ein Schlagzeuger seine Bongos stimmt. Zwei Vibraphone und zwei Marimbas stehen ebenfalls auf dem Pflaster. Das kostenlose Konzert im Rahmen des neu konzipierten Festivals «In den Strassen: City Stage» kann beginnen.

Der neue Intendant Sebastian Nordmann möchte das Lucerne Festival noch mehr in die Stadt hinaustragen. Den vier jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Lucerne Festival Academy gelingt es auf dem Weinmarkt, die Laufkundschaft zu begeistern. Handys werden gezückt, manche Menschen bewegen sich zu den groovenden, rhythmisch verschobenen Klängen von Steve Reichs Mallet Quartet.

Ein paar Strassen weiter auf dem Kapellplatz wird es noch interaktiver. Bei der «Symphonic Jukebox» können die Zuhörer aus über 30 Titeln wählen, die dann vom Lucerne Festival Contemporary Orchestra live gespielt werden. Populäres wie der Walzer aus Schostakowitschs Jazz-Suite erklingt ebenso wie das rhythmisch komplexe Short Ride in a Fast Machine von John Adams. Dirigent Joseph Sieber erklärt kurz die ausgewählten Stücke und gibt auch mal bei einem Ausschnitt aus Jupiter von Gustav Holsts The Planets den Dirigierstab an einen Freiwilligen ab.

Am Schirmerturm empfängt «Klanggärtner» Andres Bosshard eine zwanzigköpfige Gruppe zum «Sound Walk». Man hört gemeinsam dem Regen zu, drückt die Nase summend an die Museggmauer, erfährt etwas über die positive soziale Auswirkung des «Murmelstroms» und ist beeindruckt von den erzeugten Echos, die sogar die auf der benachbarten Wiese grasenden Kühe zusammenzucken lassen.

Beethoven, vom 18. Jahrhundert her gedacht

Auf diese Weise sensibilisiert, steigt man mit veränderter Wahrnehmung die Treppen zur Stadt herunter. Und geniesst die Feinheiten, die man im Konzert des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam im voll besetzten KKL hören kann. Der Beethoven-Klang des Orchesters beim 5. Klavierkonzert in Es-Dur ist luftig. Die Streicher spielen mit wenig Vibrato, der Paukist greift zu Holzschlägeln. Auch der isländische Pianist Víkingur Ólafsson, der in Luzern das neue Pulse-Festival im Frühjahr kuratiert, denkt Beethoven mehr vom 18. Jahrhundert her – in der Kadenz lässt er den Steinway-Flügel fast wie ein Hammerklavier klingen. Die Pizzicati der Streicher sind perfekt gesetzt; wie überhaupt die Amsterdamer mit einem vollendeten Zusammenspiel beglücken. Das Adagio lässt Ólafsson ganz körperlos. Um dann das Finale mit Energie zu fluten und es, auch wenn nicht jeder Triolenaufgang technisch sauber gelingt, im  dichten Zusammenspiel mit dem Orchester zu einem mitreissenden Tanz zu machen.

Auch in Sergej Prokofjews 1945 uraufgeführter 5. Sinfonie präsentiert sich das Royal Concertgebouw Orchestra unter der Leitung des finnischen Gastdirigenten Santtu-Matias Rouvali als lebendiger Klangkörper, dessen einzelne Instrumentengruppen bestens miteinander vernetzt sind. Im zweiten Satz werden die Konturen greller und die Rhythmen schärfer – das Adagio hat Spannung und Dringlichkeit. Nur wenn die Violinen wie hier zu Satzbeginn ganz exponiert in hohen Lagen spielen, ist die Intonation leicht getrübt.

Hadelich, der Klangästhet

Auch die Berliner Philharmoniker haben mit Aleksandr Skrjabins Sinfonie Nr. 3 in c-Moll op. 43 eine selten gespielte russische Komposition im Programm. Wie das Orchester dieses klangfarbenreiche, komplexe, mitunter auch schwülstige Orchesterwerk modelliert, wie im sinnlichen zweiten Satz Voluptés die Holzbläser wie Vögel zwitschern und das Blech emotionale Spitzen setzt, ist berauschend. Chefdirigent Kirill Petrenko entwickelt das Extrovertierte aus dem Introvertierten, steuert mit seiner Linken die Balance und sorgt mit seiner Rechten für musikalischen Fluss. Leider erklingen die Tuttieinsätze nach Generalpausen und die Akkordwechsel am Ende des Kopfsatzes nicht ganz zusammen.

Auch in Beethovens Violinkonzert klappert der erste Holzbläsereinsatz – dann aber findet das Orchester in einen warmen, in den Streichern voll vibrierten Klang und einen fliessenden Puls. Und legt den Teppich aus, auf dem Augustin Hadelich an der Violine mit zarten Oktaven das Geschehen betritt. Der diesjährige «artist in residence» des Festivals ist ein Klangästhet. Kein Bogenwechsel ist bei ihm zu hören, jede Figuration wird ausgespielt. Die Berliner Philharmoniker folgen ihm auf dem Fuss und geben Raum zur Entfaltung. Im Larghetto lässt Petrenko die gedämpften Streicher extrem leise musizieren, während Klarinettist Wenzel Fuchs und Fagottist Stefan Schweigert Kantables zaubern – und Hadelich die Melodie mit kunstvollen Umspielungen veredelt.

Sebastian Nordmann, Intendant des Lucerne Festival. Foto: Lucerne Festival / Priska Ketterer

Insgesamt 20 Orchester sind beim Lucerne Festival innerhalb eines Monats zu hören. Auch mit den 12 Uraufführungen setzt der neue Intendant Sebastian Nordmann die langjährige Arbeit Michael Haefligers fort. Neues Publikum möchte er mit einem poppigeren Branding, neuen Formaten wie «Mittendrin», bei dem das Publikum auf der Bühne sitzt, und kostenlosen Veranstaltungen wie dem  Open Air zu Beginn gewinnen.

Mit Jörg Widmann an die Grenze der Hörbarkeit

Mit Jörg Widmann hat Nordmann einen charismatischen Komponisten in der Nachfolge des verstorbenen Wolfgang Rihm als Leiter der Lucerne Festival Academy eingesetzt, der auch als Dirigent und Klarinettist im Einsatz ist – besonders eindrucksvoll beim vierten Academy-Konzert. Gemeinsam mit dem Lucerne Festival Contemporary Orchestra und dem Freiburger SWR Experimentalstudio (Klangregie: Michael Acker, Joachim Haas, Daniel Miska) lässt Widmann unter der Leitung von Peter Rundel Über des französischen  Komponisten Mark Andre aus dem Atem entstehen, spielt zarte Mehrklänge und leise Klarinettentöne an der Grenze der Hörbarkeit.

Die Uraufführung von Tongue of the Land (Roche Commissions) der australischen Komponistin Liza Lim wird mit stehenden Ovationen gefeiert. Das wiederentdeckte, rekonstruierte keltische Instrument Carnyx (Solist: Marco Blaauw) steht im Mittelpunkt der sinnlichen, theatralischen Komposition. Mit der mitreissend musizierten Doctor Atomic Symphony von John Adams schlägt sich im Academy-Konzert auch das diesjährige, im Vorfeld stark diskutierte Motto «American Dreams» nieder. Eine Komposition als Kritik an der Atombombe? Auch das ist möglich in der amerikanischen Musik.

Lucerne Festival, noch bis 13.09. www.lucerne-festival.ch

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