«Trauerkantate»

Jeden Freitag gibts Beethoven: Zu seinem 250. Geburtstag blicken wir wöchentlich auf eines seiner Werke. Heute auf die Kantate auf den Tod Kaiser Josephs II.

Ja, es gibt sie, die durch das Raster der Geschichte gefallenen Werke. Die Gründe dafür sind vielfältig: Im 20. Jahrhundert waren es oft politische Umstände, die dafür sorgten, davor spielten verschiedenste Faktoren eine Rolle: ein ausbleibender Anfangserfolg, eine ungewöhnliche Besetzung, ein missratener Text … Wenn solche Partituren unerwartet aufgefunden werden oder nach Jahrzehnten wieder zur Aufführung gelangen, dann ist oft die Rede von einer «zu Unrecht vergessenen» Komposition. Ob sie dann aber auch ins Repertoire eingeht oder wenigstens in die allgemeine Wahrnehmung rückt, das sei dahingestellt. Eine ketzerische Frage drängt sich dabei immer auf: Gibt es nicht auch «zu Recht vergessene» Kompositionen – etwa allzu frühe Jugendwerke oder gar Gelegenheitsmusiken?

Die Mechanismen des Repertoires funktionieren jedenfalls nicht nach festen Regeln. So auch bei Beethoven und seinem reichen Œuvre, von dem nicht alles gleichermassen bekannt ist – im Gegenteil: von dem noch einiges zu entdecken wäre. So auch die Kantate auf den Tod Kaiser Josephs II. WoO 87 (1790), ein Auftragswerk der Bonner Lese- und Erholungsgesellschaft (die es übrigens noch heute gibt und seit 2019 auch Frauen als Mitglieder zulässt). In den alten Protokollen des Geschäftsführenden Ausschusses ist der Vorschlag nachzulesen, dass «entweder vor oder nach der Rede etwas Musikalisches aufgeführt» werden solle. Zur Darbietung der Kantate kam es indes nicht. Wie es später heisst: «aus mehreren Ursachen». Vielleicht hatte Beethoven das Werk zu umfangreich disponiert (mit einer Spieldauer von knapp einer Dreiviertelstunde), möglicherweise wurde es zu spät fertig (zwischen Auftrag und der Gedenkfeier am 19. März standen nur drei Wochen zur Verfügung), zudem hatte Kurfürst Maximilian, der Bruder des Verstorbenen und Prorektor der Gesellschaft, um eine Stille Stunde im Sinne eines Trauergottesdienstes gebeten.

Beethovens Autograf ging ungespielt verloren. Eine Abschrift tauchte erst 1884 wieder auf, und die Kantate erklang auf Anregung von Eduard Hanslick erstmals in einem Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Seither führt sie ein Schattendasein. – Zu Recht? Mit Sicherheit nicht, denn hier ist schon sehr viel vom späteren Beethoven zu hören. Keineswegs zufällig hat nämlich der Meister musikalisches Material später in anderen seiner Werke (auch im Fidelio) wiederverwendet.


Hören Sie rein!

Aargau mit neuem Kulturchef

Der Aargauer Regierungsrat hat den bisherigen Kantonsarchäologen Georg Matter zum neuen Leiter der Abteilung Kultur im Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS) bestimmt. Er tritt die Nachfolge von Thomas Pauli-Gabi an, der zum Direktor des Bernischen Historischen Museum ernannt worden ist.

Georg Matter (Bild: zVg)

Georg Matter amtet seit Februar 2018 als Stellvertreter des Abteilungsleiters Kultur. Vor seiner Tätigkeit beim Kanton war erwährend zehn Jahren als Gründungs- und Geschäftsleitungsmitglied der Firma ProSpect GmbH in Reinach tätig.

Georg Matter hat an den Universitäten Basel und Freiburg im Breisgau (D) Ur- und Frühgeschichte, Mittelalterarchäologie und Klassischen Archäologie studiert. 2008 promovierte er am Institut d’Archéologie et des Sciences de l’Antiquité (IASA) der Universität Lausanne. 2012 absolvierte er einen CAS Zertifikatslehrgang an der Fachhochschule Nordwestschweiz zu Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre.
 

Was die Kulturbotschaft 2021–2024 bringen kann

Im Mittelpunkt der jüngsten Veranstaltung der Parlamentarischen Gruppe Musik stand die neue Kulturbotschaft – trotz der aktuellen grossen Herausforderung des Musiksektors durch Covid-19.

Das Bundeshaus in Bern, wo das Parlament tagt. Foto: Claudio Schwarz | @purzlbaum on Unsplash

Auf dem Programm des März-Treffens der Parlamentarischen Gruppe Musik standen: Erläuterungen zur neuen Kulturbotschaft 2021–2024. Business as usual, hätte man sich denken können. Dennoch fanden sich im Saal der Berner Schmiedstube noch nie so viele Verbandsvertreter und auch Mitglieder von National- und Ständerat ein wie diesmal. Es war offensichtlich: Es gab einen Elefanten im Raum – den wegen des Coronavirus erzwungenen Stillstand des Kulturbetriebes, der Veranstalter, freie Musiker, Technikerinnen, Konzertlogistiker und Ticketanbieterinnen in Existenznöte bringt. Nach den Präsentationen des Bundesamtes für Kultur (BAK) und von Pro Helvetia zur Kulturstrategie der kommenden vier Jahre gab es denn auch emotionale Voten, mit dringenden Appellen an die Räte, Lösungen zu finden, um den sich abzeichnenden verheerenden wirtschaftlichen Schaden für die Musikbranche zu begrenzen.

Pro-Helvetia-Direktor Philippe Bischof sah sich genötigt, die Anwesenden zu mahnen, die Themen nicht zu vermischen. Und tatsächlich gibt es zur nationalen Kulturpolitik im Grunde genommen Erfreuliches zu berichten. Der Bundesrat will die Ausgaben erneut erhöhen. Wo dabei mit Blick auf die Musik die Schwerpunkte liegen, erläuterte für das BAK David Vitali, dessen Leiter der Sektion Kultur und Gesellschaft.

Musikalische Bildung

Da ist zunächst das mit der letzten Botschaft gestartete Programm Jugend+Musik (J+M). Nach einer ermutigenden Evaluation soll die Ausbildung der J+M-Leiter «inhaltlich justiert» und die Zertifizierung in die Studiengänge für Musiklehrpersonen an den Musikhochschulen integriert werden. Eine Datenbank soll Informationen zu Programm und Kursleitenden transparent zugänglich machen. Ausgebaut werden sollen auch die Leistungs- und Wirkungsmessungen. Ab 2022 plant der Bund überdies, auch ein eigenes Programm zur Begabtenförderung anzubieten, mit dem pro Jahr rund 1000 Talente erfasst werden können. Den Kern soll eine «Talentkarte Musik» bilden, die «den Zugang zu geeigneten (kantonalen) Förderangeboten ermöglicht». Die Idee einer Talentkarte sei, laut Vitali, in der Vernehmlassung allerdings nicht überall auf Wohlwollen gestossen. Deshalb soll nun vorerst von Bund, Kantonen und weiteren Involvierten partnerschaftlich ein Rahmenkonzept erarbeitet werden.

Im Fokus des Bundes seien, so Vitali weiter, zudem die Musikschultarife. Das Ziel bleibe ein «chancengerechter Zugang für alle Kinder und Jugendlichen zu musikalischer Bildung». Eine auch hier realisierte Evaluation hat ergeben, dass die Tarifdifferenzen für Erwachsene und Jugendliche innerhalb der Bildungsregionen signifikant unterschiedlich sind. Rund ein Achtel der Musikschulen kennt keine subventionierten Tarife bis Abschluss Sek II, rund zwei Drittel keine einkommensabhängige Tarifstruktur und über die Hälfte keine erweiterten subventionierten Angebote für Begabte. Seit 2016 habe sich diese Situation kaum geändert, räumte Vitali ein. Die Vorschläge des Bundesrates, wie dem beizukommen wäre, bleiben dabei noch recht vage: Er will die Musikschulträger weiter für das Thema sensibilisieren und erneut evaluieren.

Massnahmen für Musikschaffende

Über die nahe Zukunft der nationalen Kulturstiftung Pro Helvetia informierten deren Direktor Philippe Bischof und der Abteilungsleiter Musik Andri Hardmeier. Laut Bischof will die Kulturstiftung gezielter darauf hinarbeiten, dass Finanzhilfen verstärkt mit fairer Entlöhnung der Kulturschaffenden verknüpft werden. Auch die Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen möchte Pro Helvetia fördern. Zudem sollen Anstrengungen unternommen werden, um eine solide Kulturwirtschaftsstatistik aufzubauen.

Die Kulturstiftung wolle, erklärte Andri Hardmeier, der Tatsache Rechnung tragen, dass sich Kunst- und Kulturformen immer schneller wandelten und vermischten. Formate, die dem bisher im Musikbereich angewandten Werkbegriff nicht entsprechen, sollen künftig im Rahmen der Werkförderung besser berücksichtigt werden. Hardmeier erwähnte etwa ortsspezifische oder kollektive Arbeiten, Klanginstallationen und Klangkunst oder multimediale Werke. Auch die Förderung des Musiktheaters soll «konsolidiert und weiterentwickelt» werden. Ein Anliegen ist Pro Helvetia zudem die kantonsübergreifende und internationale Verbreitung neuer Werke.

Dem Schweizer Musikrat genügt dies noch nicht. Er wünscht sich, wie er in einer Stellungnahme schreibt, «die Erarbeitung von längerfristigen Entwicklungsstrategien für die drei Genres Volksmusik, Aktuelle Musik (Pop, Rock, Jazz, Neue klassische Musik) und Klassische Musik». Als Vorbild dienen könnte dabei etwa die deutsche Initiative Musik gGmbH oder die European Agenda of Music (EAM) des Europäischen Musikrates. Überdies anerkennt der Musikrat zwar, dass die Sichtbarkeit der Schweizer Musik im Ausland teils «substanziell verbessert werden konnte», der Musikexport werde von seinen Mitgliedern aber als zu zersplittert und damit zu wenig schlagkräftig wahrgenommen. Um die Wirksamkeit zu verbessern, müsse der Export aus Sicht des Musiksektors koordinierter und mit mehr Mitteln erfolgen.

«Ausserordentliche Lage» wegen Coronavirus

Läden, Restaurants, Bars, Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe werden vorerst bis am 19. April geschlossen. Der Kultursektor soll unterstützt werden.

Gefährdete Personengruppen sollen zuhause bleiben. Foto: Paweł Czerwiński/unsplash.com

Der Bundesrat teilt heute mit, dass er die Situation in der Schweiz neu als «ausserordentliche Lage» gemäss Epidemiengesetz einschätzt. Das bedeutet unter anderem, dass heute ab Mitternacht «öffentliche und private Veranstaltungen verboten (sind). Alle Läden, Märkte, Restaurants, Bars sowie Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe wie Museen, Bibliotheken, Kinos, Konzert- und Theaterhäuser, Sportzentren, Schwimmbäder und Skigebiete werden geschlossen.» (…) «Die Versorgung der gesamten Bevölkerung mit Lebensmitteln, Medikamenten und Waren des täglichen Gebrauchs ist sichergestellt.» Ebenso bleiben die Schulen bis am 19. April geschlossen.

Die aktuelle Medienmitteilung kann hier eingesehen werden:

https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-78454.html
 

Kulturbereich

Bereits am Freitag, 13. März, hat der Bundesrat Unterstützung für den Sport- und Kultursektor zugesagt: «Für den Kulturbereich will der Bundesrat ebenfalls zusätzliche Mittel bereitstellen. Das EDI erarbeitet im dringlichen Verfahren eine befristete Gesetzesvorlage für zusätzliche wirtschaftliche Massnahmen, die ergänzend zu anderen Instrumenten zur Abfederung von Härtefällen im Kulturbereich eingesetzt werden können. Damit will der Bundesrat verhindern, dass wiederkehrende kulturelle Anlässe in ihrer Existenz bedroht sind, und insbesondere selbständig erwerbende sowie freischaffende Kulturschaffende in Notsituationen unterstützen. Im Rahmen der Erarbeitung des Gesetzes soll auch geprüft werden, wie die Kantone als Zuständige für den Kulturbereich in die Finanzierung einbezogen werden können.»

Wie genau diese Unterstützung aussieht, wird erarbeitet. Der Bundesrat ist bestrebt, rasch konkrete Lösungen zu finden.

 

Quintett Es-Dur

Jeden Freitag gibts Beethoven: Zu seinem 250. Geburtstag blicken wir wöchentlich auf eines seiner Werke. Heute auf das Quintett für Klavier, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott.

Nach Vorstellung und Wunsch des Grafen Waldstein sollte Beethoven in Wien «Mozart’s Geist aus Haydens Händen» empfangen. Den Umständen geschuldet (Mozart war zehn Monate zuvor überraschend verstorben), war damit bereits 1792 die klassische Trias benannt, noch bevor Beethoven überhaupt einen eigenen Stil hatte ausbilden können. Diese bei der Abreise aus Bonn im Privaten auferlegte Verpflichtung sollte jedoch eher dazu führen, dass sich Beethoven alsbald schöpferisch eigenständig mit dem Erbe auseinandersetzte und sich dabei nicht immer vom wohlmeinenden Haydn beirren liess. (Brahms hatte es mit Schumanns an prominenter Stelle gedrucktem Essay Neue Bahnen weitaus schwieriger, die öffentlich aufgebürdete Last von den eigenen Schultern zu wälzen.)

Was Waldstein in den Tagen des Abschieds natürlich nicht wissen konnte und noch heute verblüfft: Seinem im Frühjahr 1796 in Berlin skizzierten Quintett für Klavier, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott Es-Dur op. 16 legte Beethoven ganz konkret ein Werk Mozarts zugrunde – das Klavierquintett KV 452. Mozart selbst hielt es «für das beste was ich noch in meinem Leben geschrieben habe». Nicht nur die für jene Zeit aussergewöhnliche Besetzung und die für Bläser bequeme Tonart Es-Dur ist identisch, sondern auch Satzfolge und Charakter. Mehr noch erweist Beethoven im Andante cantabile seinem Vorbild musikalisch Reverenz: Das Thema spielt, für jeden erkennbar, auf Zerlinas «Batti, batti, o bel Masetto» aus dem Don Giovanni an. Dass aber Beethoven nicht nur bei den Kadenzen seiner Klavierkonzerte ins Fantasieren kam, sondern wohl auch an anderen Stellen sich zu exponieren wusste, zeigt ein von Ferdinand Ries überlieferter Vorfall anlässlich einer Wiener Aufführung des Klavierquintetts: «Im letzten Allegro ist einigemal ein Halt, ehe das Thema wieder anfängt; bei einem derselben fing Beethoven auf einmal an zu phantasiren, nahm das Rondo als Thema, und unterhielt sich und die Andern eine geraume Zeit, was jedoch bei den Begleitenden nicht der Fall war. Diese waren ungehalten und Herr Ramm sogar sehr aufgebracht. Wirklich sah es possirlich aus, wenn diese Herren, die jeden Augenblick erwarteten, dass wieder angefangen werde, die Instrumente unaufhörlich an den Mund setzten, und dann ganz ruhig wieder abnahmen. Endlich war Beethoven befriedigt und fiel wieder in’s Rondo ein. Die ganze Gesellschaft war entzückt.»


Hören Sie rein!

Der Schweizer Kultursektor steht zusammen

Der Kultur- und Veranstaltungssektor hat sich in Bern mit dem Bundesamt für Kultur und Pro Helvetia getroffen. Er erwartet rasche und griffige Massnahmen wegen Covid-19.

PM/SMZ

In einer Medienmitteilung teilt der Schweizer Musikrat mit Sonart – Musikschaffende Schweiz und vielen andern Verbänden mit, der Kultur- und Versammlungssektor zeige sich «erfreut über den konstruktiven Austausch mit den Bundesbehörden» am 12. März.

Gemeinsames Ziel sei, die vielfältige Schweizer Kulturlandschaft sowie ihre Orte, Veranstalter und Arbeitsplätze zu erhalten. Dafür müssten und wollten alle Akteurinnen und Akteure am gleichen Strick ziehen. Schnell greifende Massnahmen seien nötig, um Schäden wegen der «Coronakrise» zu verhindern oder zumindest abzumildern, die die Branche im Speziellen, aber auch die wirtschaftliche Entwicklung des ganzen Landes nachhaltig treffen können.

Die Forderungen lauten:

«1. Temporäre ALV im Kulturbereich für Selbstständigerwerbende und alle, bei denen die Kurzarbeit jetzt nicht greifen würde (z.B. EinzelunternehmerInnen, Freischaffende, Geschäftsleitungen, InhaberInnen sowie TeilhaberInnen)
2. Unkomplizierter Zugang zu Kurzarbeit für alle KMU im Bereich Kultur
3. Kompensation für ausgefallene Veranstaltungen, inkl. Künstlerentschädigung
4. Notfallkasse für existentiell bedrohte Kulturschaffende und -Betriebe
5. Öffentliche Gelder in Kultur müssen weiterfliessen, Kulturförderer (auch private) sollen sich koordinieren
6. Weiterhin direkter Einbezug der Organisationen von Kulturschaffenden und VeranstalterInnen bei Ausgestaltung und Umsetzung der konkreten Massnahmen»

Zürcher Tonhalle Gesellschaft wird AG

Der bisherige Verein Tonhalle-Gesellschaft Zürich hat beschlossen, mittels Vermögensübertragung Aktiven und Passiven sowie sämtliche Vertrags- und Arbeitsverhältnisse auf eine neu gegründete Aktiengesellschaft zu übertragen.

Chefdirigent Paavo Järvi bei der Besichtigung der Tonhallen-Baustelle. Foto: Alberto Venzago

Die Tonhalle-Gesellschaft Zürich AG beabsichtigt, im Anschluss an die Vermögensübertragung, anlässlich einer ausserordentlichen Generalversammlung, eine ordentliche Erhöhung des Aktienkapitals von 100‘000 Franken auf maximal 2‘650‘000 Franken durchzuführen. Der Zeitpunkt der ausserordentlichen Generalversammlung kann erst festgelegt werden, wenn absehbar ist, dass der Gemeinderat der Stadt Zürich der Übertragung des Subventionsvertrags zustimmt.

Zwischen der Stadt Zürich und dem Verein Tonhalle-Gesellschaft Zürich besteht ein Subventionsvertrag, in dem sich die Stadt Zürich zur kalenderjährlichen Leistung von Beiträgen an den Verein verpflichtet. Im Rahmen der Umstrukturierung muss der Subventionsvertrag mit Zustimmung des Gemeinderates von Zürich auf die Tonhalle-Gesellschaft Zürich AG übertragen und angepasst werden.

Der gesamte Nennbetrag, um den das nominelle Aktienkapital durch Ausgabe von maximal 25‘500 vollliberierten Namenaktien zu einem Nennwert von 100 Franken erhöht werden soll, beträgt maximal 2‘550‘000 Franken. 23‘000 Namenaktien werden der Öffentlichkeit zum Ausgabepreis von 400 Franken angeboten, 2500 Namenaktien werden der Stadt Zürich zum Ausgabepreis von 100 Franken angeboten.

Mehr Infos: https://tonhalle.ch/ueber-uns/die-liebhaberaktie/

Die Nachtwerkerin

Margrit Zimmermann, Komponistin, Dirigentin, Pianistin, Pädagogin, geboren 1927, gestorben 2020.

Die Schweizer Musikerin an ihrem Erard-Flügel. Foto: zVg

Margrit Zimmermanns kompositorisches Werkverzeichnis ist umfangreich und deckt ausser der Oper alle Musikgattungen ab. Dem kammermusikalischen Schaffen widmete sie viel Beachtung und wählte gerade da ungewöhnliche Kombinationen von Instrumenten und Klangwelten. Von Haus aus Pianistin stand ihr das Klavier zeitlebens nahe. Alles entstand an ihm und vorwiegend nachts, ob die grossen Orchesterpartituren, die Streichquartette oder die eigentlichen Klavierkompositionen. Der in ihrem Haus im Berner Schönbergquartier stehende Erard-Flügel war Arbeitsinstrument und Arbeitsort, auf ihm türmten sich Entwürfe und ausgearbeitete, ins Reine geschriebene Kompositionen. Ein zentrales Werk ist im buchstäblichen Sinn für das Klavier geschrieben: In den Etüden bianchi-neri werden die schwarzen Ober- den weissen Untertasten entgegengesetzt, als wäre die Klaviatur zweimanualig.

Margrit Zimmermann bezeichnete ihre Musik als frei-atonal und traditionell. Letzteres bezog sie auf die Notation und den formalen Aufbau. Ihre Klangsprache bewegt sich im nichttonalen, dissonanten Grenzgebiet. Sie ist geprägt durch die horizontalen und vertikalen Schichtungen von Quarten und Septimen, folglich auch von deren Umkehrungen, Quinten und Sekunden. Klangliche Erweiterungen setzte die Komponistin spielerisch-improvisatorisch im Sinn pointierender Effekte ein und schrieb dafür in den Partituren eigene Zeichen mit vorangestellten Erklärungen. Da rasselt mal zum Klavierspiel eine schwere Kette oder müssen Unterarme über die Tasten gerollt werden, Bläser und Streicher in Vierteltönen spielen. Der Organisation, Stimmung und Verwendung der Vierteltonmusik widmete sie eine theoretische Arbeit und grafische Darstellungen.

Margrit Zimmermanns Werke fanden ihre Interpreten, kleine und grosse Bühnen und wurden mehrfach ausgezeichnet.

1927 in Bern geboren, bildete sich Margrit Zimmermann zur Pianistin aus, in Bern bei der Pianistin und Komponistin Jeanne Bovet und später in Paris bei Alfred Cortot, wo sie das Glück hatte, ein Jahr bei Arthur Honegger einen Kompositionskurs besuchen zu können. Die Ausbildung zur Dirigentin kam später dazu, 1973 gründete sie in Bern ihr eigenes Orchester. 1978 schloss sie ein achtjähriges Studium der Komposition am Mailänder Conservatorio Giuseppe Verdi mit dem Diploma di Composizione ab.

Das Werkverzeichnis Margrit Zimmermanns ist einsehbar bei musinfo.ch, Kompositionen sind zugänglich in der Bibliothek der Hochschule der Künste Bern. Eine CD versammelt die Werke Quadriga und Piano Time für Klavier, Pensieri für Tenor, Gitarre und Flöte, ein Streichquartett und die Orphischen Tänze für Flöte, Klarinette, Bratsche, Violoncello und Klavier (erhältlich über gerber.iris@gmx.ch). Im Buch Nachtwerk – Hommage an eine Komponistin, erschienen 2011 im Verlag Zytglogge Oberhofen/Basel, erzählt Iris Gerber Ritter als Margrit Zimmermanns ehemalige Schülerin und Interpretin aus deren Leben und Schaffen.

Am 23.Februar dieses Jahres ist Margrit Zimmermann nach langer Krankheit in ihrem dreiundneunzigsten Lebensjahr verstorben. Ihre letzte Ruhestätte wird der Schosshaldenfriedhof in Bern.
 

Neuausrichtung der «Tage für Neue Musik»

Im Rahmen eines dreijährigen Pilotprojekts sollen die Zürcher «Tage für Neue Musik» als Festival für zeitgenössische Musik eine inhaltliche Neuausrichtung erfahren. Die Dienstabteilung Kultur der Stadt wünscht sich eine neue private Trägerschaft.

Die «Tage für Neue Musik» spielen auch in Zürich West. Foto: Yves Moret / unsplash.com

Die Stadt Zürich sucht laut ihrer Medienmitteilung für die Jahre 2021 bis 2023 eine Trägerschaft der bisherigen «Tage für Neue Musik». Sie sollen im Rahmen des vorliegenden Pilotprojekts sowohl inhaltlich wie formal eine Neuausrichtung und Neupositionierung erfahren. Die Auswahl eines geeigneten Betriebs- und Programmkonzepts erfolgt durch ein zu diesem Zweck gegründetes Gremium mit externen Fachpersonen unter dem Vorsitz des Kulturdirektors der Stadt Zürich.

Die Stadt unterstützt das Festival in der dreijährigen Pilotphase mit einem einmaligen Beitrag von insgesamt 850’000 Franken. Dieser unterteilt sich in einen Startbeitrag von 100’000 Franken im Jahr 2020 und Betriebsbeiträge von je 250’000 Franken für die Jahre 2021 bis 2023. Während der Pilotphase wird das Festival evaluiert. Danach kann die weitere Unterstützung durch die Stadt durch jährliche Betriebsbeiträge geprüft und bei den zuständigen Stellen beantragt werden.

Das Festival für zeitgenössische Musik wurde seit 1986 jährlich durchgeführt. Aufgrund begrenzter finanzieller Mittel wurde 2016 auf einen zweijährlichen Rhythmus umgestellt. Die Reaktion der Musikszene und die Erfahrungen mit dem Ersatzfestival «Focus Contemporary Zürich West» im Jahr 2017 zeigten, dass ein jährliches Festival der zeitgenössischen Musik in Zürich einen hohen Stellenwert hat. Mit dem vorliegenden Pilotprojekt soll eine inhaltliche Neuausrichtung des Festivals geprüft und evaluiert werden.
 

Wallis unterstützt Veranstalter

Die Dienststellen des Staates Wallis werden den Organisatoren kantonal unterstützter Veranstaltungen die zugesagten Beträge auszahlen, auch wenn diese aufgrund der Coronavirus-Epidemie abgesagt werden müssen.

Das Walliser Regierungsgebäude. Foto: Oliver Cossalter (Nachweis siehe unten)

Die Kosten, die durch die Vertagung einer Veranstaltung entstehen, werden laut der Meidenmitteilung des Kantons ebenfalls berücksichtigt. Die Zahlung von Subventionen für eine abgesagte oder verschobene Veranstaltung kann nur im Falle eines Defizits erfolgen.

Der Staat Wallis unterstützt zahlreiche Veranstaltungen durch die Gewährung von Subventionen, vor allem in den Bereichen Tourismus, Kultur und Sport. Er verpflichtet sich, die Zahlung der gesprochenen Beträge für jede aufgrund der Coronavirus-Epidemie abgesagte oder verschobene Veranstaltung aufrechtzuerhalten.

Im Falle einer Absage bleiben die zugesagten Zuschüsse den Begünstigten erhalten, sofern sie sich auf die angefallenen Kosten beziehen, die bereits gezahlt wurden oder noch bezahlt werden müssen.

Im Falle einer Vertagung der betroffenen Veranstaltung werden die zugesagten Beträge für die Ausgabe am neuen Datum beibehalten. Ausgaben, die sowohl für die ursprünglich geplante als auch für die verschobene Ausgabe anfallen, können beim Nachweis der entstandenen Kosten berücksichtigt werden. Etwaige Verluste aus früheren Ausgaben können jedoch nicht berücksichtigt werden.

Die betroffenen Dienststellen werden die zugesagten Zahlungen leisten, jedoch vorbehaltlich der Einhaltung der offiziellen Empfehlungen durch die Organisatoren zum Zeitpunkt des Entscheids über die Absage oder Verschiebung der Veranstaltung. Der Zusammenhang zwischen diesem Entscheid und der Coronavirus-Epidemie muss ebenfalls klar sein.
 

Sonate für Klavier Nr. 30

Jeden Freitag gibts Beethoven: Zu seinem 250. Geburtstag blicken wir wöchentlich auf eines seiner Werke. Heute auf die Sonate für Klavier E-Dur op. 109.

Es gibt die, die immer pünktlich sind. Sie liefern ihre Arbeit in einem ordentlichen Zustand vor der Zeit oder auf den Punkt ab.  Und sie hinterlassen auch den Eindruck eines vollkommen geregelten Lebenswandels. Und es gibt die, die einfach immer etwas länger brauchen. Leicht fällt dann das böse Wort vom Prokrastinieren, dabei geht es hier um eine spezielle Form der Kreativität, die nicht den Reiz des «letzten Moments» auskostet, wohl aber erst unter erhöhtem Druck zu den allerbesten Ergebnissen kommt. Ganze Opernouvertüren sind mit dieser verbreiteten Schaffens-Disposition über Nacht gerade noch rechtzeitig fertig geworden. Bis am Ende aber alles gut wird, muss vielfach im Terminkalender geschoben, vertröstet und entschuldigt werden.

Auch Beethoven zählte nicht zu den pünktlichsten Komponisten. Nachdem er den Berliner Verleger schon bei den Schottischen Liedern op. 108 hingehalten hatte, verzögerte sich auch die Ausarbeitung der nicht nur nach aussen hin als Gruppe verstandenen Sonaten op. 109, op. 110 und op. 111. Noch am 31. Mai 1820 hatte er alle Werke für Juli angekündigt – passiert war freilich wenig. Auch die gutwillige Erinnerung im August durch den befreundeten Franz Oliva half nur wenig («auf die Sonate nach Berlin müssen Sie denken»). Schliesslich sah sich Beethoven gezwungen, dem Verlag Auskunft über den Stand der Arbeit zu gewähren. Mit bekannten Schlüsselwörtern und Formulierungen, die sich in solchen Situationen über die Jahrhunderte kaum verändert haben: «Mit den 3 Sonaten wird es schneller gehen als zuletzt mit op. 108; – die erste ist fast bis zur Correctur ganz fertig, und an den beyden lezten arbeite ich jetzt ohne Aufschub.»

Das Warten hat sich freilich gelohnt. Schlesinger bekam Anfang 1821 endlich die versprochene Stichvorlage, vor allem aber Werke, die am Ende von Beethovens Sonatenschaffen konzeptionell einen Aufbruch darstellen. Im Fall der E-Dur-Sonate op. 109 mit einem Kopfsatz, der nicht nur kleinformatig ist, sondern sich auch mit seinen fantasiehaften Adagio-Einschüben von der gängigen Struktur entfremdet, einem forschen, durchkomponierten Scherzo in Moll und einem Variationssatz, der sich mit seinen mehr oder minder deutlichen Rückbezügen alsbald als Finale erweist. Er bildet den Kern der Komposition, auch und gerade mit seinem berührenden Ausdrucksgehalt: Gesangvoll mit inniger Empfindung.


Hören Sie rein!

Kantonsmassnahmen zur Epidemieeindämmung

Suisseculture hat für Veranstalter eine Liste aufgeschaltet, der zu entnehmen ist, welche Massnahmen einzelne Kantone zur Corona-Krise getroffen haben.

Foto: Daniele Levis Pelusi on Unsplash

Die Regelungen werden von den verschiedenen Kantonen zur Zeit uneinheitlich gehandhabt, schreibt Suisseculture, grundsätzlich gelte jedoch fast überall, dass alle Veranstaltungen (privat und öffentlich) dem jeweiligen Kanton gemeldet werden müssen und dass das Publikum darauf hingewiesen werden muss, dass niemand Zutritt erhält, der in den letzten zwei Wochen die vom BAG definierten betroffenen Gebiete besucht hat.

Die folgenden Informationen zu den einzelnen Kantonen können sich laufend ändern. Wer Fragen zu einer konkreten Veranstaltung habe, müsse sich an die Behörden des entsprechenden Kantons wenden. Alle Kantone stellten auf ihren Websites entsprechende Informationen und Kontaktadressen zur Verfügung.

Link zur Suissculture-Zusammenstellung:
https://www.suisseculture.ch/index.php?id=23&tx_ttnews%5Byear%5D=2020&tx_ttnews%5Bmonth%5D=03&tx_ttnews%5Btt_news%5D=172&cHash=0f7d764ef005efe2e835fbbec954f755

Musikmesse Frankfurt vertagt

Wegen der fortschreitenden Ausbreitung der durch ein neues Coronavirus verursachten Krankheit Covid-19 wird die Musikmesse 2020 verschoben. Die regionalen Veranstaltungen «Musikmesse Plaza» und «Musikmesse Festival» finden wie geplant statt.

Foto: ål nik / unsplash.com,SMPV

Wie die Messe Frankfurt mitteilt, habe sie sich aufgrund der zunehmenden Verbreitung von Covid-19 in Europa für die Verschiebung der Musikmesse 2020 entschieden. «Die Gesundheit der Aussteller, Besucher, Partner und Mitarbeiter habe für die Messe Frankfurt oberste Priorität. Der neue Termin wird in Kürze bekannt gegeben. Besuchertickets behalten ihre Gültigkeit.

Der Pop-up Erlebnismarkt ‹Musikmesse Plaza› (3. und 4. April) sowie das ‹Musikmesse Festival› (31. März bis 4. April 2020) können aus heutiger Sicht zu den geplanten Terminen stattfinden. Diese Events richten sich vor allem an ein regionales Publikum aus dem Grossraum Frankfurt.

Die weiterhin verstärkte Verbreitung von Covid-19 in Europa erforderte eine neue Bewertung der Situation in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt. Es soll vermieden werden, dass Teilnehmer der Messe aus Risikogebieten kommen und erkrankt die Messe besuchen. Da diese Messeteilnehmer möglicherweise auch an Covid-19 erkrankt sein können, ist eine gesundheitliche Überprüfung notwendig, um einer weiteren Infektionsausbreitung entgegen zu wirken. Dies ist ein wesentlicher Bestandteil der infektiologischen Risikobewertung. Die notwendige Umsetzung kann durch die Messe Frankfurt nicht realisiert werden. Hinzu kommen vermehrt Reiserestriktionen, die es potenziellen Besuchern wie Ausstellern erschweren, an der Messe teilzunehmen.

Aktuelle Informationen sind abrufbar unter www.musikmesse.com.»

Musikmesse 2020 abgesagt!


Aktualisierung am 13. März 2020

Petrenko überzeugt als Klangorganisator

Die Berliner Philharmoniker sind glücklich mit ihrem neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko. An den Osterfestspielen in Baden-Baden spielen sie unter seiner Leitung Beethoven und Mahler.

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker. Foto: Stephan Rabold

Die Berliner Philharmoniker haben schon längst die Bühne verlassen, da kommt Kirill Petrenko nochmals zurück, weil das Publikum nicht aufhört zu klatschen. Der Dirigent verbeugt sich und zeigt hinter sich auf die leeren Stühle. Nicht er, sondern das Orchester verdiene den Beifall, möchte er sagen, auch wenn die Musiker schon beim Feierabendbier sind. Dann huscht der freundliche, kleine Mann wieder mit schnellen Schritten hinaus. Oft hat das Publikum in der Berliner Philharmonie den neuen Chefdirigenten seit Ende August letzten Jahres nicht erlebt, weil Petrenko noch als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München gebunden ist. Beethovens 9. Sinfonie zum Saisonstart, auch am Brandenburger Tor aufgeführt, ein Silvesterkonzert mit der Sopranistin Diana Damrau und die 6. Sinfonie von Gustav Mahler waren bisher die einzigen Programme, die Petrenko in Berlin dirigierte.

An diesem vierten Konzert zeigt sich der neue Chefdirigent im ersten Teil, bei Igor Strawinskys durchaus spröder Symphonie in drei Sätzen und Bernd Alois Zimmermanns sinnlich-groovender Ballettsuite Alagoana, als recht nüchterner Klangorganisator, der häufig mit beiden Armen parallel dirigiert, den Kopf immer wieder in der Partitur hat und klare Einsätze gibt. Kirill Petrenko ist kein Zampano, sondern ein Handwerker. Seine Zeichengebung ist funktional, nicht ästhetisch: kein Kringel zu viel. Er inszeniert sich nicht, sondern macht einfach nur seinen Job. Dabei kann Petrenko im Dirigat aber auch freier werden und den Dingen ihren Lauf lassen, wie es im zweiten Teil, bei den perfekt ausbalancierten Symphonischen Tänzen von Sergej Rachmaninow, zu erleben ist. Den Bläsersoli gibt er genügend Atem, die Homogenität der Streicher beglückt. Alles perfekt aufeinander abgestimmt – die Mannschaft ist der Star.
 

Der Oper sehr verbunden

Wie genau Petrenko an der Balance arbeitet, kann man in der Generalprobe zuvor beobachten. Kein einfacher Durchlauf ist das, sondern ein Suchen und Finden von modellierten Übergängen, klaren Rhythmen und feinen dynamischen Unterschieden. Freundlich, aber bestimmt, mit leiser Stimme spricht der neue Chef – und die Berliner Philharmoniker spitzen die Ohren. «Kirill Petrenko kommt so gut vorbereitet in die Probe, wie ich es von niemand anderem kenne», sagt Cellist und Orchestervorstand Knut Weber im anschliessenden Gespräch. «Er weiss immer genau, was er korrigieren möchte, und ist dabei sehr schnell. Die Spannung im Orchester ist derzeit auf einem Level, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe.» Von einem langen Honeymoon ist beim Pressegespräch die Rede und von einem Zauber, der noch lange währen werde. «Wir lernen uns ja erst kennen», ergänzt die aus Sankt Georgen im Schwarzwald stammende Intendantin Andrea Zietzschmann. «In der ersten Saison ist er nicht überpräsent. Das tut auch dieser wachsenden Beziehung gut.»

Eine kürzere Tournee im Herbst mit ihm am Pult wurde schon absolviert, zwei weitere werden in dieser Saison noch kommen. Vor allem aber stehen die Osterfestspiele Baden-Baden vor der Tür, die Kirill Petrenko, der ganz der Oper verbunden ist und vor München bereits in Meiningen und der Komischen Oper Berlin Generalmusikdirektor war, am 4. April mit Beethovens Fidelio eröffnet. Die slowenische Schauspiel-Regisseurin Mateja Koležnik wird in Baden-Baden erstmals eine Oper inszenieren und dabei Florestans Wahrnehmung durch Träume erweitern, verrät Andrea Zietzschmann. «Mit unserer Artist in Residence Marlis Petersen haben wir auch eine exzellente Sängerdarstellerin als Leonore.»

Knut Weber freut sich sehr auf die Osterfestspiele und verspricht ein «Feuerwerk an Inhalt». Dass alle 16 Streichquartette Beethovens sowie die Grosse Fuge von 17 verschiedenen Ensembles der Berliner Philharmoniker im Kurhaus Baden-Baden gespielt werden, sei ambitioniert. «Gerade in den Kammerkonzerten schätzen wir auch die vielen persönlichen Begegnungen, die wir mit dem Publikum haben. Dieser direkte Kontakt ist etwas ganz Besonderes in Baden-Baden», sagt er. Neben den Gastdirigenten Herbert Blomstedt, Tugan Sokhiev und dem für Yannick Nézet-Séguin eingesprungenen Schweizer Dirigenten Lorenzo Viotti ist Kirill Petrenko auch in den Orchesterkonzerten zu hören: mit Beethovens Missa solemnis, exklusiv in Baden-Baden, und Mahlers 6. Sinfonie, mit der sich Simon Rattle von den Berliner Philharmonikern verabschiedet hatte.

Die Osterfestspiele möchte Zietzschmann noch stärker international vermarkten. Den immer wieder auftauchenden Abwanderungsgerüchten, dass die Berliner Philharmoniker wieder nach Salzburg zurückkehren würden, begegnet sie mit einem selbstbewussten Lächeln: «Wir fühlen uns in Baden-Baden zu Hause.» Und kündigt an, dass Kirill Petrenko ab 2022 als Operndirigent nur noch in Baden-Baden zu erleben sein werde. Darüber wird man nicht nur in Salzburg enttäuscht sein. Aber Baden-Baden darf sich freuen.

Coronavirus bedroht Musikbranche

Während überall im Land Konzerte abgesagt werden, wächst wegen des Coronavirus in der Musikbranche die Sorge vor einer wirtschaftlichen Katastrophe.

Foto: Jonas Jacobsson / Unsplash

Alle Beteiligten bei Konzerten, die in den nächsten zwei Wochen geplant sind, müssen laut Sonart, dem «Berufsverband freischaffender Musiker*innen», mit grossen Einnahmeausfällen rechnen. Wenn die Massnahmen verschärft oder verlängert werden, also auch Veranstaltungen mit weniger als 1000 Personen abgesagt werden, oder der Ausnahmezustand über den 15. März hinaus bestehen bleibt, wachsen die Verluste mit jedem Tag.

Da sehr viele Musikschaffende in Ensembles, Bands und teilweise Orchestern selbständig erwerbend sind, treffen sie solche Ausfälle besonders hart. Das gilt für das ganze Spektrum, für Jazz- und Popbands ebenso wie für Opern- oder Klassikproduktionen. Freischaffende verdienen oft grosse Teile ihres Jahreseinkommens in der kurzen Zeit, in der die Auftritte stattfinden und müssen so lange Vorbereitungs- und Probephasen querfinanzieren.

Wenn Konzerte nicht stattfinden, betrifft das sehr direkt auch die Veranstalter. Abgesagte Einzelveranstaltungen sind katastrophal betroffen. Auch regelmässige programmierende Musikveranstalter arbeiten oft mit wenig Reserven, so dass schon die Ausfälle von ein paar Wochen zu existentiell bedrohlichen Finanzlöchern führen können.

Sonart erwartet vom Bundesrat, dass er neben den anderen berechtigten Wirtschaftszweigen auch die Musikbranche in ihrer Gesamtheit im Bewusstsein hat und mit einbezieht, wenn weitere Massnahmen und Kompensationsmöglichkeiten diskutiert werden.

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