Viele Schweizer Musiker sind erwerbslos – warum eigentlich?

Gemäss einer neuen Erhebung befinden sich viele Musikerinnen und Musiker ein Jahr nach Studienabschluss in einer schwierigen Lage. Derweil haben Musikschulen oft Mühe, offene Stellen zu besetzen.

Als Strassenmusiker müssen sich nur wenige verdingen, doch Probleme auf dem Arbeitsmarkt sind recht häufig. Foto: georgesheldon / depositphotos.com

Musizieren ist erfüllend, aber nicht unbedingt einträglich. Letzteres geht aus Zahlen hervor, die das Bundesamt für Statistik (BfS) Ende August publizierte. Die BfS-Erhebung beleuchtet die berufliche Situation von Hochschulabsolventinnen und -absolventen des Abschlussjahrgangs 2024 ein Jahr nach dem Ende des Studiums. Unter allen Fachrichtungen weist dabei die Sparte «Musik, Theater und andere Künste» mit 10,8 Prozent die höchste Erwerbslosenquote auf, zumindest auf Stufe FH-Bachelor. Auf Stufe FH-Master sieht es nicht viel besser aus, wenngleich hier mit 8,2 Prozent «nur» der zweithöchste Wert erreicht wird (hinter der Sparte Design).

Ändert sich das Bild, wenn man alleine die Musikberufe betrachtet, also losgelöst vom Bereich Theater und andere Künste? Die BfS-Publikation enthält hierzu keine separaten Zahlen; das Amt hat sie jedoch auf Anfrage der Schweizer Musikzeitung errechnet. Demnach beträgt die Erwerbslosenquote für Musikberufe bei Bachelors 5,4 und bei Master-Berufen 9,0 Prozent. Die Zahlen seien aufgrund breiter Vertrauensintervalle mit Vorsicht zu betrachten, gibt das BfS zu bedenken.

Insgesamt jedenfalls scheint die Lage für die Musikerinnen und Musiker schwieriger zu sein als für den Durchschnitt aller Fachholschulabsolventen. Dort liegen die Quoten bei 4,9 (Bachelor) respektive 6,2 Prozent (Master).

Oft gesucht: Klavierlehrer auf dem Land

Die BfS-Befunde sind insofern erklärungsbedürftig, als es an offenen Stellen für Musiklehrinnen und -lehrer eigentlich nicht mangelt. In Medienberichten der letzten Jahre war gar von Wartelisten für musikbegeisterte Kinder die Rede, da mancherorts Lehrkräfte fehlten. «Vor allem für ländliche Musikschulen ist es schwierig, insbesondere in begehrten Fächern wie Klavier und Gitarre», sagt Philippe Krüttli, Präsident des Verbands Musikschulen Schweiz (VMS).

Die Gründe dafür sind komplex. Oft fehlt es nicht an Bewerbungen, sondern an der nötigen Qualifikation: «Viele Kandidierende stammen aus ursprünglich aus dem Ausland und beherrschen die Landessprachen zu wenig», sagt Krüttli. Hinzu komme, dass junge Musiker gerne zunächst den schwierigen Weg einer Konzertkarriere anpeilten und an den Hochschulen die entsprechenden Ausbildungsgänge wählten. Krüttli sieht aber auch die eigene Branche in der Pflicht: Musik zu unterrichten, müsse als Beruf insgesamt attraktiver werden – sei es beim Zeitfenster, bei der Jobsicherheit oder bei den Pensen.

Tatsächlich sind manche Musikschulen schon von sich aus initiativ geworden. «In Graubünden arbeiten wir unter den Musikschulen gut zusammen», sagt Urban Derungs, Leiter der Musikschule Chur. So habe man sich erfolgreich koordiniert, um Lehrkräften von selten gewählten Instrumenten ein in der Summe attraktives Pensum anbieten zu können.

«Lebenslanges Lernen» soll einfacher werden

Valentin Gloor, der die Konferenz Musikhochschulen Schweiz (KMHS) präsidiert, sieht in einem laufenden gemeinsamen Projekt von VMS und KMHS «zielführende Handlungsansätze». Das «lebenslange Lernen», sagt Gloor, müsse «vereinfacht werden für spätere Zusatzqualifikationen». Aber auch ausgebildete Musikerinnen und Musiker, die sich erst in einer späteren Phase für den pädagogischen Weg entschieden, «benötigen Möglichkeiten via Nachqualifikationen». Beide Themen sowie eine Verbesserung der Praktika-Situationen würden gegenwärtig in einer Kooperation der beiden Verbände bearbeitet. Was die Sprachkompetenzen der ausländischen Studierenden betrifft, weist Gloor darauf hin, dass man kürzlich zusammen mit dem VMS Mindeststandards für die Kenntnisse der Landessprachen definiert habe.

Fest steht, dass die anstehenden Pensionierungswellen das Fachkräfteproblem in den kommenden Jahren eher verschärfen dürften. Oder wenn man es positiv formulieren will: Für Musikerinnen und Musiker auf Stellensuche wird der Arbeitsmarkt tendenziell attraktiver.

Sonart kritisiert Radioverkauf durch die SRG

Dass die SRG drei Musiksender veräussert, stösst beim Verband der Schweizer Musikschaffenden auf Kritik. Er stösst sich insbesondere daran, dass die Verpflichtung, 50 Prozent Schweizer Musik zu senden, für die neuen Eigentümer nur zwei Jahre gilt.

Der SRG-Sitz an der Schwarztorstrasse im Bern. Foto: Wikimedia Commons

Radio Swiss Pop, Radio Swiss Classic und Radio Swiss Jazz wechseln den Besitzer: Der erstgenannte Sender geht an CH Media, die anderen zwei an Digris, wie die SRG diese Woche bekannt gab. Die neuen Eigentümer verpflichten sich, die bisherige musikalische und inhaltliche Ausrichtung der Sender beizubehalten – allerdings nur für zwei Jahre.

Für Sonart, den Verband der Schweizer Musikschaffenden, ist das eine herbe Enttäuschung. «Nur wenige Monate nachdem sich Musikschaffende mit grossem Engagement gegen die Halbierungsinitiative und für eine starke SRG eingesetzt haben, müssen sie erneut einen Abbau ausgerechnet bei der Schweizer Musik hinnehmen», schreibt Sonart in einem Mediencommuniqué. Zwei Jahre seien keine nachhaltige Absicherung – sie würden die Unsicherheit lediglich vertagen. «Radio Swiss Pop, Radio Swiss Classic und Radio Swiss Jazz sind wichtige Plattformen für die Sichtbarkeit Schweizer Musik», betont Sonart. Die Sender würden via Suisa und Swissperform auch direkte Einnahmen für Musikschaffende generieren.

Sonart fordert von CH Media und Digris, den bisher geltenden Anteil von mindestens 50 Prozent Schweizer Musik auch über die zweijährige Garantie hinaus beizubehalten. Von der SRG wiederum erwarte man, dass sie «den Verlust dieser wichtigen Plattformen in ihren verbleibenden Radio-, TV- und digitalen Angeboten konkret kompensiert und zusätzliche, dauerhafte Sichtbarkeit für Schweizer Musik schafft».

Gotthelfs Spinne singt, tanzt und feiert

«Codewort: Spider» des Jungen Theaters Biel bringt Laien und Profis, Senioren und Kinder zusammen. Die Premiere am Mittwoch sorgte für Begeisterung.

Mal gruselig, mal makaber-heiter: die Tanzeinlagen in «Codeword: Spider». Foto: Joel Schweizer

Es geht los, bevor es losgeht. Ein verfremdetes Dies Irae und eine Installation, die mit Motiven der Spinnen-Thematik arbeitet, nehmen den Besucher vor der Spielstätte in Empfang. Es folgen, immer noch auf der Terrasse vor dem Eingang, kleine, fragmentiert wirkende Einlagen und Performances, dargeboten durch eine Kindergruppe, ein Ländler-Duo, Schauspieler in Gruselkostümen, einen jungen Mann mit Behinderung – alles mit und ohne Musik, live und aus Lautsprechern. Der Ton von Codeword: Spider ist damit buchstäblich gesetzt.

«Community Opera» nennt sich die Produktion, die am Mittwoch in der «Manufacture: TOBS!» in Biel Premiere feierte. Sie ist das Resultat einer Kooperation des Jungen Theaters Biel und der Hochschule der Künste Bern, mit Isabelle Freymond als Regisseurin, Pascal Viglino als musikalischem Leiter und Leo Dick als Gesamtleiter und Komponist. Unter einer «Community Opera» versteht man für gewöhnlich ein von Laien und Profis gemeinsam aufgeführtes Werk; das Team von Codeword: Spider geht darüber noch deutlich hinaus. Es bringt, wie im Pressetext treffend festgehalten ist, «Menschen zusammen, die sich im Alltag oft nicht begegnen würden»: solche mit und ohne Behinderung, ein Laienorchester aus Senioren, Hobby-Schauspieler jeden Alters, darunter mehrere Kinder, einige Profi-Bühnenkünstler und -Instrumentalsolisten.

Musik aus Folklore, Moderne, Mittelalter und Film

Grösstmögliche Heterogenität also – der die Musik von Leo Dick durchaus Rechnung trägt. Sie kombiniert folkloristische Elemente unterschiedlicher Provenienz mit Anklängen aus der Moderne, aus dem Mittelalter und aus der Filmmusik. Für das einigende Element sorgt das Dorffest aus Die Schwarze Spinne von Jeremias Gotthelf. In der Novelle liefert das Fest lediglich die erzählerische Klammer für die Binnenhandlung, die den Hauptteil des Buches ausmacht. In Codewort: Spider hingegen schafft es das Setting für eine längere Reihe von Darbietungen, die Theater, Oper und Tanz vereinigen. Als eine Klimax fungiert dabei der sechste Akt Präsentation Dorftheater, in dem – sozusagen als Theater im Theater – ein guter Teil der Handlung aus der Gotthelf-Novelle nacherzählt wird.

Codeword: Spider besteht aus insgesamt acht Akten, die das Publikum in aufgelisteter Form das ganze Stück über auf der Bühne vor Augen hat: ein gelungener Regieeinfall, der die Orientierung in dem doch sehr collagenartig strukturierten Werk erheblich erleichtert. Für die Einheitlichkeit sorgt aber, trotz oder gerade wegen seiner Heterogenität, das überragende Ensemble. Eine besondere Erwähnung verdienen die beteiligten Kinder, die nicht nur darstellerisch glänzen, sondern auch mühelos vom Französischen ins Deutsche und wieder retour wechseln. Der begeisterte Applaus des Premierenpublikums dürfte, mehr noch als den individuellen Leistungen, der Virtuosität gegolten haben, mit der hier Alters-, Ausbildungs- und sonstige Grenzen überwunden wurden.

Weitere Aufführungen am 18., 19. und 20. September.

Festival Between Mountains: Zwischen Konzertsaal und Dancefloor

Zum zweiten Mal fand in Hölstein BL das Festival Between Mountains statt. Klassische Solistinnen und Ensembles trafen auf elektronische Liveacts und DJs.

Offene Improvisation mit verschiedenartigen Künstlern: Das Detect Ensemble gemeinsam mit Martin Gretschmann alias «Acid Pauli» (links). Foto: Ronja Burkard

Die zweite Ausgabe von Between Mountains erstreckte sich über drei Tage, vom 4. bis zum 6. September. Rund 800 Personen besuchten das Gelände auf der Holdenweid bei Hölstein BL; gegenüber der ersten Ausgabe wurden nach Angaben der Veranstalter doppelt so viele Tickets verkauft. Klassische Solistinnen und Ensembles trafen dabei auf elektronische Liveacts und DJs; Konzerte in Sälen gehörten ebenso zum Programm wie Auftritte im Freien und in ehemaligen Sanatoriumsräumen. Die verschiedenen Formate folgten oft dicht aufeinander – erst ein Klavierrezital, direkt im Anschluss ein Dancefloor auf dem Garagenareal.

Between Mountains versteht sich als Schweizer Variante des seit 2019 stattfindenden Detect Classic Festivals in Berlin, das Verbindungen zwischen klassischer Musik, Elektronik und anderen musikalischen Szenen sucht. Auf der Holdenweid wird zwischen den Konzerten gegessen, diskutiert und getanzt; Konzert und Festivalbetrieb sind bewusst nicht deutlich voneinander getrennt.

Andere Zugänge zur Musik

Baldur Brönnimann, der für die klassischen Programmteile mitverantwortlich ist, beschreibt den Gedanken dahinter als Suche nach anderen Zugängen zur Musik. Das Interesse an klassischer Musik sei keineswegs gering. Viele Menschen hörten sie heute über Streamingdienste und eigene Playlists, gingen aber trotzdem nicht in Konzerte.

Gerade darin sieht Brönnimann eine interessante Schnittmenge: Menschen, die sich durchaus für diese Musik interessieren könnten, für die der traditionelle Konzertrahmen aber eine Schwelle darstelle. «Das ist eigentlich ein bisschen die Grundidee: dass es eine Tür gibt», sagt er. Auf der Holdenweid soll diese möglichst weit offenstehen.

Das Publikum bewegt sich zwischen den verschiedenen Räumen und trifft dabei auf Musik, nach der es möglicherweise selbst nie gesucht hätte. Dabei geht es Brönnimann nicht einfach um die Verbindung von elektronischer und klassischer Musik. Entscheidend sei vielmehr, die Kategorien selbst weniger wichtig werden zu lassen. Idealerweise solle man gar nicht erst darüber nachdenken, ob das, was man gerade höre, neu oder alt, klassisch oder elektronisch sei. Im besten Fall sei es einfach Musik.

Franz Liszt mit Kuhglocken

Wie unterschiedlich sich dieser Gedanke in der Praxis auswirken kann, zeigte das Programm immer wieder. Die Walliser Pianistin und Komponistin Beatrice Berrut war gleich zweimal zu hören, zunächst im Freien bei Tageslicht, später in einem der Innenräume. Ihre beiden Auftritte fanden damit unter unterschiedlichen Bedingungen statt und machten deutlich, wie sehr die Wahrnehmung eines Konzerts auch vom jeweiligen Raum geprägt wird. Ein tadellos dargebotenes Werk von Franz Liszt wird auf einer kleinen Festivalbühne mit Kuhglocken im Hintergrund plötzlich zum Ohrenöffner der besonderen Art. Berrut führte in ihrem vielseitigen Programm Mahler-Bearbeitungen, Popklassiker und originelle Eigenkompositionen auf überraschende Weise zusammen.

Einen eigenen Akzent setzte auch das Junge Kammerorchester Baselland. Die sehr jungen Musikerinnen und Musiker traten mehrfach und auch mal mit einem Hauptakteur wie dem Trompeter Simon Höfele auf und wirkten dabei bemerkenswert selbstbewusst. Auch andere Beiträge schienen sich unmittelbar in die Offenheit des Formats einzufügen. Der Auftritt von Los Sara Fontan gehörte zu den gelungenen Festivalmomenten ebenso wie jener von AFAR & Kai Schumacher. Hier entstand jene Selbstverständlichkeit, die das Festival sucht: Musik musste nicht erst über ihre stilistische Zugehörigkeit definiert werden, sondern konnte sich im jeweiligen Moment und Raum behaupten.

Besonders deutlich zeigte sich beim gemeinsamen Auftritt von Acid Pauli und dem Detect Ensemble, wie unterschiedlich die Erwartungen an eine solche Begegnung sein können. Die Verbindung von elektronischem Künstler und klassisch geprägtem Ensemble liess zunächst eine pointierte musikalische Wechselwirkung vermuten. Das Konzert entwickelte sich dann vor allem als offene Improvisation, in der Acid Pauli dem Ensemble viel Raum liess und selbst eher zurückhaltend in Erscheinung trat.

Bitte mehr davon!

Für Brönnimann geht es bei diesem Experimentieren ohnehin um mehr als bloss um einige gelungene oder weniger gelungene Konzerte. Offenheit für neue Ideen prägt auch seine Arbeit mit jungen Dirigentinnen und Dirigenten im Contemporary-Conducting-Programm der Lucerne Festival Academy. Der klassische Ausbildungsbetrieb sei noch immer stark von Traditionen geprägt, sagt er. Umso wichtiger seien Orte, an denen noch nicht alles festgelegt sei und neue Ideen erprobt werden könnten. Die klassische Musik habe ihn immer fasziniert, ergänzt Brönnimann. Gleichzeitig sei sie ihm bisweilen wie eine «geschlossene Gesellschaft» vorgekommen. Heute versuche er deshalb, Räume für andere Erfahrungen zu schaffen: «Unser höchstes Ziel ist eigentlich, dass du gar nicht merkst, was du hörst.»

Between Mountains verfolgt diesen Anspruch konsequent, auch wenn die verschiedenen musikalischen Welten nicht immer gleich selbstverständlich ineinandergreifen. Auf der Holdenweid treffen unterschiedliche Publika und Hörgewohnheiten aufeinander – was daraus entsteht, bleibt offen. Und wenn zum Festivalschluss auch noch das Cello von Dobrawa Czocher in den umliegenden Wäldern des Baselbiets widerhallt, ist man geneigt zu sagen: bitte mehr davon.

Grossartiger Musikalienfund im Oberengadin

Das Kulturarchiv Oberengadin in Zuoz bewahrt eine der grössten privaten Musiknotenbibliotheken mit Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts in der Schweiz auf. Inzwischen wurde sie für RISM (Répertoire International des Sources Musicales) erschlossen.

Claudio Bacciagaluppi beim Ordnen der Musiknoten im Kulturarchiv Oberengadin in Zuoz. Bild: Gian-Nicola Bass

Neben der Chesa Planta im Dorfzentrum prägt sich in Zuoz vor allem die Chesa Poult mit dem turmartigen Mitteltrakt und den beiden Seitenflügeln dem Betrachter ein. Das Turmhaus ging im 18. Jahrhundert in den Besitz des Generals Gian Battista Planta über, um 1762 dann in jenen von Jachem Pult, dessen Vater Cla mit der Schwester des Generals verheiratet war. Sowohl Gian Battista Planta wie auch Cla und Jachem Pult dienten als Militärs in den Niederlanden und bekleideten dort hohe Positionen. Für die Mitwirkung in den 1693 gegründeten Bündner Kompanien der Niederlande gab es mehrere Gründe. Neben konfessionellen und politischen Übereinstimmungen mit den Drei Bünden versprachen vor allem die kolonialen Handelsmöglichkeiten der Seemacht, ausgehend von Hafenstädten wie Amsterdam, das Anhäufen eines beträchtlichen Vermögens.

Infolge des Verkaufs und Umbaus der Chesa Poult erhielten Mathias Gredig und Kurt Gritsch im Herbst 2023 den Auftrag, historische Schriftdokumente in das Kulturarchiv Oberengadin (KAOE) zu überführen. Anders als erwartet, befanden sich im Gebäude nur wenige Schriftspuren zum Söldnerwesen. Von der Militärsfamilie Pult stammten aber zahlreiche Notenstimmen, die in mehreren Zimmern und Schachteln verstreut herumlagen und die zusammen eine ansehnliche Notenbibliothek ergaben. Ferner versteckte sich im Stall unter Holzstücken und Hüten noch eine alte Traversflöte.

Die Notenbibliothek wurde dieses Jahr durch Claudio Bacciagaluppi geordnet und erschlossen und ist inzwischen auf den Katalogsystemen von RISM und des KAOE vollumfänglich sichtbar. Mit 281 bibliografischen Einheiten – wobei jede Einheit in der Regel eine Sammlung von Musikstücken umfasst – zählt sie neben jener des Lukas Sarasin in der Universitätsbibliothek Basel sowie jener der Königin Hortense de Beauharnais im Napoleonmuseum Arenenberg zu den grössten privaten Schweizer Musikbibliotheken des 18. bis frühen 19. Jahrhunderts. In ihrem Repertoire, ihrer Auswahl der Gattungen und der instrumentalen Besetzungen, ihrer Provenienz und der hohen Anzahl an Drucken (66 Einheiten) sowie unbekannter Musikstücke aber bildet die Zuozer Musiknotenbibliothek einen Sonderfall in der Schweizer Musiklandschaft.

Musik aus dem Bündner Regiment in Maastricht

Abgesehen von wenigen Sammlungen aus dem 19. Jahrhundert und aus der Barockzeit, dazu noch zwei rätoromanischen Psalmenstimmbüchern und einem Fragment der Brevis musicae isagoge (1554) von Johannes Frisius, enthält die Pultsche Musiknotenbibliothek mehrheitlich profane Werke aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Kammermusikstücke, Tänze, Sinfonien und Konzerte sowie Opernarien für Sopran und Orchester.

Die Arien, etwa von Pasquale Anfossi oder Giuseppe Gazzaniga, wurden, vermutlich in der Schweiz oder in Süddeutschland, auf in Basel hergestelltes Papier kopiert und deuten vor allem auf Musik der venezianischen Oper. Der Major Jachem Pult hatte sie erworben, ebenso wie zahlreiche Duette für zwei Flöten und zwei Violinen oder für merkwürdige Besetzungen wie zwei Fagotte, zwei Klarinetten oder Cello und Bass. Ferner kaufte sich Jachem Pult mehrere gedruckte Musikstücke, wohl öfters auch in den Niederlanden selbst. Darauf verweisen Werke von Komponisten wie Friedrich Schwindl,  bestimmte Verlagsorte oder der Stempel einer Musikalienhandlung aus Den Haag. Zudem taucht der Major in einer Subskribentenliste auf, die  ein Organist der Maastrichter Servaasbasiliek für die Bearbeitung einer Triosammlung von Luigi Boccherini erstellen liess. Für die Kadermitglieder der Bündner Kompanien, in Maastricht stationiert, war es von Vorteil, in der Winterpause noch Violine oder Flöte zu üben, um sich durch das Musikspiel leichter Zugang zur aristokratischen Elite zu verschaffen.

Musik der Herrnhuter Pietisten in Neuwied

Noch mehr Musikwerke als sein Vater Jachem erwarb Nicolo Pult. In Neuwied bei Koblenz etwa kaufte er offenbar auf einen Schlag ein Konvolut von gedruckter und handschriftlicher Kammermusik der Mannheimer Schule, aus Deutschland und Böhmen. Laut einer Notiz auf dem Titelblatt gedruckter Cembalosonaten von Johann Christian Bach holte sich Nicolo bereits 1773, damals im Alter von elf Jahren, Musiknoten aus der Herrnhuter Brüdergemeine.

Wie andere Engadiner Kinder in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, dabei nicht selten solche der sogenannten Noblesse (Albertini, Frizzoni, Perini, Planta), wurde vermutlich auch Nicolo nach Neuwied geschickt, um dort Deutsch und Musik zu erlernen. Die Herrnhuter Pietisten pflegten tüchtig das Spiel der Kammer- und Orchestermusik und dies stand vielleicht auch im Zusammenhang mit der musikaffinen böhmisch-mährischen Diaspora. Ein weiterer Teil der Musiknotenbibliothek, meistens für Tasteninstrument, teils auch für Harfe gesetzt, kam aus dem Besitz Uorschla Perinis aus S-chanf, Nicolos dritter Ehefrau.

Die Musiknotenbibliothek der Chesa Poult enthält erstaunlich viele unbekannte Stücke von bekannten und teils unbekannten Komponisten. Diese werden erstmals im Sommer 2028 in Zuoz im Rahmen des Engadin Festivals erklingen.

Mathias Gredig forscht an der Universität Basel und arbeitet für das Kulturarchiv Oberengadin in Zuoz. Claudio Bacciagaluppi ist Mitarbeiter des RISM Digital Centre in Bern.

 

Benutzte Literatur:

Bundi, Martin, Bündner Kriegsdienste in Holland um 1700. Eine Studie zu den Beziehungen zwischen Holland und Graubünden von 1693 bis 1739, (= Reihe Historia retica, Band 3), Chur: Calven Verlag 1972.

Finze-Michaelsen, Holger (Hg.), Gian Battista Frizzoni (1727–1800). Ein Engadiner Pfarrer und Liederdichter im Zeitalter des Pietismus. In Zusammenarbeit mit Gion Gaudenz-Ganzoni und Hans-Peter Schreich, Chur: Verlag Bündner Monatsblatt 1999.

Kaiser, Dolf, Cumpatriots in terras estras. Prouva d’üna documentaziun davart l’emigraziun grischuna – considerand in speciel l’Engiadina e contuorns, Samedan: Stampara engiadinias S. A. 1968.

Kaiser, Dolf, «Genealogia Pult/Poult. Famiglia da Sent, ram Zuoz», in: Kulturarchiv Oberengadin, sig. 29.9.2017, Schachtel 18.

Kantonale Denkmalpflege Graubünden (Hg.), Zuoz. Inventar der historischen Bauten im Ortskern von Zuoz: von den Anfängen bis um 1920, Chur: Kantonale Denkmalpflege Graubünden 1993.

Kopp, Peter, «Die Brüdergemeine und ihre Musik: aus Herrnhut in die Welt – und zurück», in: herrnhuter. Zeitschrift der Herrnhuter Brüdergemeine in der Schweiz 23 (2022), S. 2–4.

Naamregister der Heeren Militaire Officieren, den Capitein Generaal en Veld-Marschalk. De Generaals, Lieutenant Generaals, Generaals Major, Colonels, Lieutenant Colonels, Majors, Capiteins, Lieutenants en Vendrigs van den Cavallery, Dragonders, Infantery, Artillery, Ingenieurs, Mineurs, enz. over de Troupen der Verenigde Provintien […] in dienst van Haar Hoog Moogende. Veranderd en Verbeterd voor de Jaare 1779, Leiden: Hendrik van der Deyster 1779 [Exemplar in: Kulturarchiv Oberengadin, sig. 30.10.2023].

Planta, Peter Conradin von, Chronik der Familie von Planta. Nebst verschiedenen Mittheilungen aus der Vergangenheit Rhätiens, Zürich: Orell Füssli 1892.

Schmidt, Töna, Famiglias veglias vaschinas da Sent, Sent: Archiv cumünal Sent 1998.

Er wollte Musik sichtbar machen

Dirigent, Konzertveranstalter und durchaus polemischer Musikvermittler: Ein Nachruf auf Armin Brunner, der am 12. August im Alter von 93 Jahren verstorben ist.

Armin Brunner (1933-2026). Bild: Wikimedia Commons/Anthropogen anthropogen

Man wandelte durch das Gebäude, während in jedem Raum simultan eine andere Musik erklang. Wer hören wollte, musste sich entscheiden. «3×5 Stunden Musik» hiess der Anlass;  er war eine jener auf- und anregenden Veranstaltungen, mit denen Armin Brunner in den 70er Jahren das Musikleben aufmischte. Das Konsumverhalten wurde herausgefordert, die Hörgewohnheiten wurden in Frage gestellt, das Konzertformat aufgebrochen, auf ebenso witzige wie provokante Weise. Die Neue und ältere Musik geriet zuweilen ins Wechselspiel mit Poppigem – eine Folge der bewegten 60er Jahre. Das andächtige Hineinhorchen ins Absolut-Musikalische war Brunners Sache nicht. Das waren wichtige Impulse auch für unsere, damals junge Generation, die zu diesen Anlässen pilgerte.

Geboren 1933 in Zollikon, hatte Brunner an der Musikhochschule Zürich studiert. Bald schon wurde er am Opernhaus Assistent bei Hans Rosbaud, einem der wichtigen Dirigenten für zeitgenössische Musik damals. Brunner nämlich war am Neuen interessiert, aber auch am Szenischen – oder weiter: an der Verbindung von Musik mit dem Visuellen. Nach Erfahrungen mit Kammeropern gründete er 1971 das Musikszenische Studio Zürich, das er bis 1983 leitete. Gleichzeitig engagierte er sich für das Widerborstige. So führte er etwa Hans Werner Henzes Show Der langwierige Weg in die Wohnung der Natascha Ungeheuer auf, in der ein Autowrack als Perkussionsinstrument diente.

Dann ging er zum Deutschschweizer Fernsehen, wo er von 1979 bis 1998 die Abteilung «Musik und Ballett» leitete. Nie zuvor und nie danach herrschte dort punkto Klassik eine solche Betriebsamkeit. Es war eine Zeit des Aufbrechens und des Experimentierens. Regisseure wie Fred Bosman, Peter Schweiger oder Werner Düggelin realisierten ungewöhnliche Musikfilme, der letzte etwa eine eindrückliche Johannes-Passion. Ein Zyklus mit Balletten von Heinz Spoerli entstand. Mauricio Kagel, eine von Brunners Leitfiguren im Umgang mit Musik und Medien, schuf grandiose Musikfilme.

Innovative Zusammenarbeit mit Adrian Marthaler

Vor allem aber die innovativen Produktionen mit Adrian Marthaler wurden über die Landesgrenzen hinaus ein Riesenerfolg: kritisch bis hin zum Parodistischen wurde das Konzertleben kommentiert und neu erzählt. Klassische Werke erschienen in einem modernen Kontext. Gershwins Rhapsody in Blue etwa wurde in einer Bar lokalisiert. Später folgten aber auch «ernsthaftere» Mozart-Verfilmungen oder Mahlers Sechste als Filmepos. Das Schweizer Fernsehen hat das alles schon lange nicht mehr gezeigt, obwohl es zu den glorreichsten Schöpfungen seiner Geschichte gehört.

Brunner, der lange den Frauenfelder Oratorienchor leitete, wollte aber auch die grossen Werke der Kirchenmusik befragen. So realisierte er insgesamt 21 «Musikalische Meditationen», in denen kritische Zeitgenossen quasi von der Kanzel zu einem klassischen Werk «predigten». Wolfgang Hildesheimer zum Beispiel formulierte zu Mozarts Requiem ketzerische Gedanken: «Herr, gib ihnen die ewige Ruhe nicht!» Ihm folgten Schriftsteller und Theologen wie Dorothee Sölle, Günter Wallraff, Hans Küng, Peter Bichsel, Martin Walser, Wolf Biermann, Adolf Muschg.

Schliesslich galt Brunners besondere Liebe dem Stummfilm: Berühmte Beispiele wie Nosferatu, Panzerkreuzer Potemkin oder Metropolis hat er vertont, freilich nicht, indem er neue Musik dazu komponierte, sondern indem er bestehende Werke kompilierte und sie unter die Bilder legte. Mit der Zeit wurde darin auch ein Misstrauen gegenüber dem Elitarismus der Neuen Musik spürbar. Eine Musik, die sich nicht vermitteln wollte, wurde Brunner mit den Jahren suspekt. Arvo Pärt galt ihm als leuchtendes Gegenbeispiel.

Ihn faszinierte die Verbindung von Ohr und Auge

Als Konzertmanager bei den Migros-Klubhauskonzerten setzte er nach der Fernsehzeit seine Vermittlertätigkeit fort. Nach acht Jahren schloss er sie mit einem Mitbestimmungskonzert ab – das bunte Programm wurde bei den letzten Konzerten aufgrund eines Fragebogens eruiert. In jenen Jahren griff er aber auch die ungewöhnlichen Konzertformate von einst wieder auf, in allerdings viel grösserem Ausmass. Für die Alte Oper Frankfurt hatte er schon 1990 ein grossangelegtes Sonoptikum geschaffen. Auch da ging es wieder um die Verbindung von Ohr und Auge, das Thema, das ihn bis zuletzt faszinierte und antrieb.

Am 12. August ist Armin Brunner verstorben, ein kritischer Geist, der im Übrigen auch beim Gegenüber den kritischen Impuls schätzte. Dass etwa die Musikkritik in den letzten Jahrzehnten darniederging, empfand er als grosse Verarmung. Tatsächlich, und das stimmt wehmütig, ist vieles, was er geschaffen hat, heute kaum mehr denkbar, zumal am Fernsehen nicht.

Schostakowitschs dritte Ehefrau

Die Journalistin Elena Yakovich hat Gespräche mit Irina Antonowna geführt, die Ereignisse aus dem letzten Lebensabschnitt des Komponisten in einem differenzierten Licht zeigen.

Komponist Dmitri Schostakowitsch mit seiner um 28 Jahre jüngeren Ehefrau Irina. Foto: zVg

Dieser schmale Band weckt das Interesse am letzten Abschnitt von Schostakowitschs Leben, der wohl am spärlichsten dokumentiert ist. Seine dritte Gattin, Irina Antonowna, 28 Jahre jünger als er, hat die letzten 13 Jahre seines Lebens begleitet. Sie ist noch heute, mit 91 Jahren, mit seinem Nachlass beschäftigt. Deshalb lohnt es sich, diese von der russischen Journalistin Elena Yakovich im Jahr 2021 geführten Gespräche mit ihr zu lesen, die auch die Vorgeschichte in wenigen Abschnitten berührt.

Irina war drei Jahre alt, als ihr Vater von Stalins Schergen verhaftet und zu acht Jahre Gefängnis verurteilt wurde; im gleichen Jahr starb ihre Mutter. Eindrücklich sind ihre Schilderungen der Kinderzeit im blockierten Leningrad, das mehr als zwei Jahre lang belagert war. Dass sie als siebenjähriges Waisenkind in das Haus kam, in dem der Komponist Schostakowitsch wohnte, war ein merkwürdiger Zufall, der sich duplizierte, als sie zwanzig Jahre später als Literaturredaktorin beim Verlag Sowjetischer Komponisten Librettotexte redigierte und an Sitzungen teilnahm, wo Schostakowitsch auch anwesend war. Dann erhielt sie den Auftrag, den Text zu dessen Operette Moskau, Tscherjomuschki (op. 105, 1958) zu redigieren und allenfalls zu korrigieren.

Unromantische Heirat

Wie es 1962 zur Heirat kam, erzählt Irina zurückhaltend, ohne Romantisierung. Für sie war es eine realistische, unpoetisch fachorientierte Annäherung, deren emotionale Seite ihr erst nach und nach bewusst wurde. Sie erlebte mit ihm einige Uraufführungen und damit auch die Schwierigkeiten bei der 13. Sinfonie Babi Jar. Denn das «Tauwetter», die Zeit von Chruschtschows Entstalinisierungswelle, war am Verebben. Die Jahre bis zu Schostakowitschs Tod standen erneut unter stalinähnlicher Repression. Irina war ihm nun eine geduldige Hilfe in seinem durch Herzinfarkte und Stürze beeinträchtigten Alltag, der dennoch mit öffentlichen Ämtern, Reisen und Auftritten belastet war.

Manche Ereignisse, die man aus der Fachliteratur kennt, erhalten durch ihre Aussagen notwendige Präzisierungen – etwa die gefälschte Unterschrift unter den offenen Brief der Gegner Sacharows. Sie stellt sich aber nie in den Vordergrund und setzt sich seit Dmitris Tod 1975 intensiv für die Ordnung des Nachlasses und für die Schaffung einer Gesamtausgabe seiner Werke ein.

Elena Yakovich: Zu Zweit. Irina Antonowna Schostakowitsch – Mein Leben mit Dmitri Schostakowitsch, 120 S., € 20.00, Jaron, Berlin 2025, ISBN 978-3-89773-185-1

Wie Sebastian Nordmann Musik in Luzerns Strassen bringt

Noch bis 13. September läuft das Lucerne Festival. Der Start war unter anderem geprägt von ungewöhnlichen Formaten, mit denen der neue Intendant Publikum hinzugewinnen will.

Bei der «Symphonic Jukebox» spielen die Musikerinnen und Musiker Stücke nach Wahl des Publikums. 
Foto: Manuela Jans/ Lucerne Festival

In der Altstadt von Luzern hört man dumpfe Schläge. «Ist das eine Turmuhr?», fragt eine Touristin ihre Begleitung – und setzt ihre Schritte Richtung Weinmarkt fort. Von allen Seiten kommen Neugierige auf den Platz, wo sich schon ein Kreis von Menschen gebildet hat und ein Schlagzeuger seine Bongos stimmt. Zwei Vibraphone und zwei Marimbas stehen ebenfalls auf dem Pflaster. Das kostenlose Konzert im Rahmen des neu konzipierten Festivals «In den Strassen: City Stage» kann beginnen.

Der neue Intendant Sebastian Nordmann möchte das Lucerne Festival noch mehr in die Stadt hinaustragen. Den vier jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Lucerne Festival Academy gelingt es auf dem Weinmarkt, die Laufkundschaft zu begeistern. Handys werden gezückt, manche Menschen bewegen sich zu den groovenden, rhythmisch verschobenen Klängen von Steve Reichs Mallet Quartet.

Ein paar Strassen weiter auf dem Kapellplatz wird es noch interaktiver. Bei der «Symphonic Jukebox» können die Zuhörer aus über 30 Titeln wählen, die dann vom Lucerne Festival Contemporary Orchestra live gespielt werden. Populäres wie der Walzer aus Schostakowitschs Jazz-Suite erklingt ebenso wie das rhythmisch komplexe Short Ride in a Fast Machine von John Adams. Dirigent Joseph Sieber erklärt kurz die ausgewählten Stücke und gibt auch mal bei einem Ausschnitt aus Jupiter von Gustav Holsts The Planets den Dirigierstab an einen Freiwilligen ab.

Am Schirmerturm empfängt «Klanggärtner» Andres Bosshard eine zwanzigköpfige Gruppe zum «Sound Walk». Man hört gemeinsam dem Regen zu, drückt die Nase summend an die Museggmauer, erfährt etwas über die positive soziale Auswirkung des «Murmelstroms» und ist beeindruckt von den erzeugten Echos, die sogar die auf der benachbarten Wiese grasenden Kühe zusammenzucken lassen.

Beethoven, vom 18. Jahrhundert her gedacht

Auf diese Weise sensibilisiert, steigt man mit veränderter Wahrnehmung die Treppen zur Stadt herunter. Und geniesst die Feinheiten, die man im Konzert des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam im voll besetzten KKL hören kann. Der Beethoven-Klang des Orchesters beim 5. Klavierkonzert in Es-Dur ist luftig. Die Streicher spielen mit wenig Vibrato, der Paukist greift zu Holzschlägeln. Auch der isländische Pianist Víkingur Ólafsson, der in Luzern das neue Pulse-Festival im Frühjahr kuratiert, denkt Beethoven mehr vom 18. Jahrhundert her – in der Kadenz lässt er den Steinway-Flügel fast wie ein Hammerklavier klingen. Die Pizzicati der Streicher sind perfekt gesetzt; wie überhaupt die Amsterdamer mit einem vollendeten Zusammenspiel beglücken. Das Adagio lässt Ólafsson ganz körperlos. Um dann das Finale mit Energie zu fluten und es, auch wenn nicht jeder Triolenaufgang technisch sauber gelingt, im  dichten Zusammenspiel mit dem Orchester zu einem mitreissenden Tanz zu machen.

Auch in Sergej Prokofjews 1945 uraufgeführter 5. Sinfonie präsentiert sich das Royal Concertgebouw Orchestra unter der Leitung des finnischen Gastdirigenten Santtu-Matias Rouvali als lebendiger Klangkörper, dessen einzelne Instrumentengruppen bestens miteinander vernetzt sind. Im zweiten Satz werden die Konturen greller und die Rhythmen schärfer – das Adagio hat Spannung und Dringlichkeit. Nur wenn die Violinen wie hier zu Satzbeginn ganz exponiert in hohen Lagen spielen, ist die Intonation leicht getrübt.

Hadelich, der Klangästhet

Auch die Berliner Philharmoniker haben mit Aleksandr Skrjabins Sinfonie Nr. 3 in c-Moll op. 43 eine selten gespielte russische Komposition im Programm. Wie das Orchester dieses klangfarbenreiche, komplexe, mitunter auch schwülstige Orchesterwerk modelliert, wie im sinnlichen zweiten Satz Voluptés die Holzbläser wie Vögel zwitschern und das Blech emotionale Spitzen setzt, ist berauschend. Chefdirigent Kirill Petrenko entwickelt das Extrovertierte aus dem Introvertierten, steuert mit seiner Linken die Balance und sorgt mit seiner Rechten für musikalischen Fluss. Leider erklingen die Tuttieinsätze nach Generalpausen und die Akkordwechsel am Ende des Kopfsatzes nicht ganz zusammen.

Auch in Beethovens Violinkonzert klappert der erste Holzbläsereinsatz – dann aber findet das Orchester in einen warmen, in den Streichern voll vibrierten Klang und einen fliessenden Puls. Und legt den Teppich aus, auf dem Augustin Hadelich an der Violine mit zarten Oktaven das Geschehen betritt. Der diesjährige «artist in residence» des Festivals ist ein Klangästhet. Kein Bogenwechsel ist bei ihm zu hören, jede Figuration wird ausgespielt. Die Berliner Philharmoniker folgen ihm auf dem Fuss und geben Raum zur Entfaltung. Im Larghetto lässt Petrenko die gedämpften Streicher extrem leise musizieren, während Klarinettist Wenzel Fuchs und Fagottist Stefan Schweigert Kantables zaubern – und Hadelich die Melodie mit kunstvollen Umspielungen veredelt.

Sebastian Nordmann, Intendant des Lucerne Festival. Foto: Lucerne Festival / Priska Ketterer

Insgesamt 20 Orchester sind beim Lucerne Festival innerhalb eines Monats zu hören. Auch mit den 12 Uraufführungen setzt der neue Intendant Sebastian Nordmann die langjährige Arbeit Michael Haefligers fort. Neues Publikum möchte er mit einem poppigeren Branding, neuen Formaten wie «Mittendrin», bei dem das Publikum auf der Bühne sitzt, und kostenlosen Veranstaltungen wie dem  Open Air zu Beginn gewinnen.

Mit Jörg Widmann an die Grenze der Hörbarkeit

Mit Jörg Widmann hat Nordmann einen charismatischen Komponisten in der Nachfolge des verstorbenen Wolfgang Rihm als Leiter der Lucerne Festival Academy eingesetzt, der auch als Dirigent und Klarinettist im Einsatz ist – besonders eindrucksvoll beim vierten Academy-Konzert. Gemeinsam mit dem Lucerne Festival Contemporary Orchestra und dem Freiburger SWR Experimentalstudio (Klangregie: Michael Acker, Joachim Haas, Daniel Miska) lässt Widmann unter der Leitung von Peter Rundel Über des französischen  Komponisten Mark Andre aus dem Atem entstehen, spielt zarte Mehrklänge und leise Klarinettentöne an der Grenze der Hörbarkeit.

Die Uraufführung von Tongue of the Land (Roche Commissions) der australischen Komponistin Liza Lim wird mit stehenden Ovationen gefeiert. Das wiederentdeckte, rekonstruierte keltische Instrument Carnyx (Solist: Marco Blaauw) steht im Mittelpunkt der sinnlichen, theatralischen Komposition. Mit der mitreissend musizierten Doctor Atomic Symphony von John Adams schlägt sich im Academy-Konzert auch das diesjährige, im Vorfeld stark diskutierte Motto «American Dreams» nieder. Eine Komposition als Kritik an der Atombombe? Auch das ist möglich in der amerikanischen Musik.

Lucerne Festival, noch bis 13.09. www.lucerne-festival.ch

Wunden, warm verpackt

Auf seinem dritten Album hält das Basler Trio Malummí am Folk- und Indie-Pop fest, präsentiert sich aber persönlicher. Die neun Stücke verweben schonungslose Verletzlichkeit mit tröstenden Klangfarben.

Die Basler Band Malummí. Foto: zVg

Malummí, das 2018 gegründete Trio, steht und fällt mit Larissa Rapold. Die Frontfrau ist nicht nur fürs Songwriting, sondern auch für den besänftigenden Gesang verantwortlich. Komplettiert wird die Formation durch den Multiinstrumentalisten Giovanni Vicari, der ausserdem als Albumproduzent fungiert, sowie den Schlagzeuger Lucas Zibulski. Mit Damaged By Their Silence, dem dritten Album, bleibt die nach einer imaginären Rückzugsinsel benannte Band ihrem Sound zwischen Indie-Folk und verträumtem Pop treu und garniert diesen mit hochgradig persönlichen Texten. Während sich auf der letzten Platte noch Raum für Improvisiertes fand, wirkt das Klangbild nun weniger verspielt, dafür fokussierter.

Nähe und Distanz

Mit dem Resultat, dass sich die neun Songs mal roh und konfrontativ zeigen, mal ruhig und luftig. Das Album beginnt mit dem verschleppten Therapist, einer ebenso melancholischen wie fragilen Ballade, mit funkelnden Rhythmen und schonungslosen Lyrics, die mit viel Wärme vorgetragen werden. Der angenehm brummende Song Silent Baby, der von den Sorgen der Eltern sowie vom immer wieder neu auszutarierenden Wechselspiel zwischen Distanz und Nähe erzählt, lässt dagegen die ansonsten gut versteckte Aufmüpfigkeit der Sängerin erkennen. Nicht minder direkt ist das anschliessende Adrian. Dessen Soft-Rock knüpft mitunter an Joe Dassins Chanson-Klassiker L’été indien an – zumal beide Lieder Sehnsuchtsgefühle heraufbeschwören. Dass die drei Bandmitglieder auch ein Herz für cineastischen Pop besitzen, beweisen sie mit dem 56 Sekunden dauernden Consumption, das wie eine kurze, aber nahezu perfekte Mischung zwischen 2026er-Tagebucheintrag und Judy Garlands Musical-Evergreen Over the Rainbow von 1939 klingt.

Das Fazit? Mit Damaged By Their Silence ist Malummí ein Werk gelungen, das der omnipräsenten Verletzlichkeit mit innerer Stärke und Haltung begegnet. Das Resultat ist feinsinnig, vielschichtig und geradezu rührend.

Malummí: Damaged By Their Silence. Mouthwatering Records

Experimentelle Flötenstudien

In den beiden Bänden seiner «Flute Expedition» bringt Gergely Ittzés den Spielenden erweitere Spieltechniken und ungewöhnliche Kläge näher. Er schlägt aber auch eine Brücke zum traditionellen Repertoire.

Gergely Ittzés. Foto: zVg

The Flute Expedition des ungarischen Flötisten Gergely Ittzés enthält eine Sammlung zeitgenössischer Etüden, die dazu dienen, das Instrument mit Neugierde zu erkunden. Besonderes Augenmerk wird auf Klänge und Spieltechniken gelegt, die zwar nicht zum klassischen Flötenspiel gehören, aber dennoch Teil des gesamten Klangspektrums sind. Mit 42 einfallsreichen Miniatur-Studien in zwei Bänden bietet Ittzés eine schrittweise Einführung in Techniken wie Multiphonics, spezielle Atemeffekte, Glissandi, Mikrotonalität und ungewöhnliche Klangfarben, die die Grenzen des Möglichen dieses Instruments erweitern. Jedes Stück enthält in einer ausführlichen Legende detaillierte Erklärungen sowie Notationshinweise.

Ittzés konzipierte The Flute Expedition als Brücke zwischen traditioneller Flötentechnik und modernem/experimentellem Spiel. Wie er im Vorwort anmerkt, erlangen Spielerinnen und Spieler dank dieses Ansatzes zudem Kenntnisse, von denen sie – direkt oder indirekt – auch bei der Aufführung traditioneller Werke profitieren werden. Anstatt «normale» und «erweiterte» Klänge getrennt zu behandeln, präsentiert das Werk sie als Teil einer einheitlichen musikalischen Sprache.

«Ungewöhnlich viele Griffe»

Der erste Band stellt neue Spieltechniken vor und enthält beispielsweise No. 2 Oberton-Präludium und No. 5 Ohrenbrecher, die zwischen Obertönen über demselben oder unterschiedlichen Grundtönen wechseln. No. 24 Elegie in C basiert ebenfalls auf Obertönen, denjenigen über dem tiefen C, und verwendet ausschlieslich Intervalle, die innerhalb der harmonischen Struktur liegen. In No. 7 Klopfen-Zupfen kommen verschiedene Klappen- und Pizzicato-Effekte zum Einsatz. Eine interessante Kombination ist No. 10 Gregors Choral, wo Stimme und «Pseudo-Multiphonics» in Oktaven verwendet werden, um polyfone Linien zu erzeugen, die an gregorianische Gesänge erinnern. No. 28 Tremor ist Klangfarben-Trillern gewidmet und nutzt mikrotonale Triller und Flatterzunge, während No. 29 Kiemenl die Technik der Zirkularatmung einführt.

Der Autor empfiehlt den Spielenden nachdrücklich, erst dann mit dem zweiten Band zu beginnen, wenn sie den ersten Band durchgearbeitet haben, da nicht alle Erläuterungen wiederholt werden. Für den zweiten Band sind eine Querflöte mit offenen Löchern und ein B-Fussstück erforderlich. Ittzés verwendet, wie er selbst schreibt, «ungewöhnlich viele Griffe» und mehrere Griffnotationen: Zusätzlich zur numerischen Fingersatznotation setzt er auch die akustische Griffnotation und die grafische Fingersatznotation ein. Die beiden Bände eignen sich für fortgeschrittene Flötisten sowie für Komponistinnen, um die klanglichen Möglichkeiten des Instruments zu erforschen.

Gergely Ittzes, The Flute Expedition, 42 imaginative Studien auf Entdeckungsreise nach erweiterten Techniken und ungewöhnlichen Klängen auf der Flöte; Vol. 1, Nr. 1–21, ED 23693; Vol. 2, Nr. 22–42, ED 23843; je € 29.00, Schott, Mainz

Umfangreiches, wenig bekanntes Orgelwerk

Unter den Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört Joseph Jongen nicht zu den bekannten. John Scott Whiteley hat das Orgel- und Harmoniumwerk des Belgiers nun in drei Bänden herausgegeben.

Der belgische Komponist und Organist Joseph Jongen. Foto: Conservatoire royal de Bruxelles

Auch wenn seine schwergewichtige Sonata eroica (1930) oder die Toccata (1937) gelegentlich auf Orgelkonzert-Programmen auftauchen oder man mit etwas Glück auch einmal seine Symphonie concertante (1926) für Orgel und Orchester im Konzertsaal hören kann: Der Grossteil des Orgelschaffens des belgischen Komponisten Joseph Jongen (1873–1953) dürfte nur wenigen Spezialistinnen und Spezialisten bekannt sein. Dank dieser dreibändigen Gesamtausgabe, bei Bärenreiter mustergültig herausgegeben und ausführlich kommentiert von John Scott Whiteley, lässt sich nun aber ein vollständiger Blick auf Jongens Orgel- und Harmonium-Werk gewinnen, das zuvor über diverse Verlage (auch in Form von Reprints oder sogar Raubdrucken) verstreut war. – Der kritische Bericht gibt akribisch darüber Auskunft.

Jongen hatte nach brillanten Orgel-, Klavier- und Kompositionsstudien schon früh als Komponist wichtige Erfolge zu verzeichnen (u. a. 1897 den belgischen Prix de Rome) und war mit vielen Musikgrössen seiner Zeit in Kontakt (neben Richard Strauss, bei dem er kurzzeitig Kompositionsunterricht hatte, auch Fauré, d’Indy, Arthur Rubinstein, Joseph Joachim u. v. m.). Nachdem er zunächst in Lüttich unterrichtet hatte, verbrachte Jongen die Kriegsjahre im Londoner Exil und war dann ab 1920 am Brüsseler Konservatorium tätig, das er später auch als Direktor leitete. Sein vielgestaltiges kompositorisches Schaffen schliesst eine Fülle an Kammer- und Orchestermusik ein.

Auch das Spektrum der in diesen drei Bänden publizierten Musik ist ausgesprochen breit: neben kurzen Versetten und Préludes (oft nur wenige Takte umfassend) und weiteren liturgischen Stücken findet sich eine Vielzahl von Charakterstücken für Gottesdienst und Konzert in unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad, bis hin zu glänzender Virtuosität. Während die frühen Werke stilistisch noch stark an Schumann, Brahms und v. a. César Franck und sein Umfeld erinnern, entwickelt sich Jongen dann in eine Richtung, welche auch Einflüsse des Impressionismus aufnimmt und schliesslich in eine Musiksprache mündet, die der Herausgeber im Vorwort als «oneirischen Stil von abstrakter, synästhetischer Farbigkeit» beschreibt, dem er verschiedene Publikationen gewidmet hat und über den man gerne auch in dieser Ausgabe etwas mehr erfahren hätte.

Viele der Werke verfügen über detaillierte Registrierungsangaben und setzen eine Orgel mit den wesentlichen Klangfarben der französischen Romantik (Streicher, Voix céleste, Hautbois etc.) voraus; die Harmonium-Stücke sind relativ unspezifisch registriert, was eine Adaption für einen ähnlichen Orgel-Typ problemlos erlaubt. Fazit: wer sich für selten gespielte Orgelmusik des früheren 20. Jahrhunderts interessiert, wird sich über diese vorbildlich präsentierte Gesamtausgabe freuen.

Joseph Jongen: Sämtliche Orgel- und Harmoniumwerke, hg. von John Scott Whiteley, 3 Bände, BA11255–11257, je € 54.00, Bärenreiter, Kassel

Fröhlich-Violinsonaten im Erstdruck

Der Brugger Romantiker Friedrich Theodor Fröhlich komponierte acht Violinsonaten. Die beiden letzten sind nun im Erstdruck erschienen.

Fröhlichs Geburtsort Brugg um 1810. Aquatinta von Johann Wilhelm Heim / Wikimedia commons

Friedrich Theodor Fröhlich, geboren 1803 in Brugg, begegnete in Berlin bedeutenden Musikern, die ihn dazu anregten, vom Jura- zum Musikstudium zu wechseln. Ab 1826 entstanden nebst Chören, Liedern und Streichquartetten acht Violinsonaten; die zwei letzten sind jetzt als Erstdruck herausgekommenen. Beide sind leicht zu spielen, instrumentengerecht gesetzt und musikalisch noch ganz im klassisch-schulmässigen Stil: 1. Satz Exposition–Durchführung–Reprise–Coda, Scherzo mit Trio, Adagio, Rondo finale. Die Themen sind eingängig, versehen mit vielen fröhlichen, virtuosen Passagen in beiden Instrumenten. Abrupte Tonartenwechsel wirken im Zusammenhang natürlich.

Die 8. Sonate, entstanden im Juni 1826, ist sehr ausgedehnt: Das Durchspielen mit meinem Kollegen dauerte fast eine Stunde, und wir hatten grosses Vergnügen dabei. Im Scherzo hat es sogar eine kleine Fuge. Die 7. Sonate, im Mai 1826 komponiert, ist viel gedrängter, die Ideen folgen sich dichter. Anstelle eines Scherzos steht ein Marsch mit singendem Mittelteil, der Übergang vom Adagio zum Finale ist eine Rückbesinnung auf das Hauptthema des 1. Satzes – ein Vergleich mit den Sonaten von Carl Maria von Weber drängt sich auf.

Der Druck der Erstausgaben ist sauber, aber sehr ausgedehnt und nimmt keine Rücksicht auf Wendemöglichkeiten: Man muss Takte auslassen, um weiterzukommen, was zwar wegen des einfachen Zusammenhangs und für gemütliche Hauskonzerte geht, für Aufführungen aber unmöglich ist.

Selbstmord mit 33 Jahren

Fröhlich kehrte 1830 in die Schweiz zurück, arbeitete an der Kantonsschule Aarau, heiratete Ida von Klitzing, mit der er zwei Töchter hatte, seine vielen Kompositionen fanden keine Anerkennung, Mut-, Hoffnungslosigkeit und finanzielle Probleme führten 1836 zu seinem Selbstmord im Alter von 33 Jahren.

Seine 700 Kompositionen, fast alles Manuskripte, liegen in der Universitätsbibliothek Basel. 2017 wurden in Brugg die Internationale Friedrich-Theodor-Fröhlich-Gesellschaft und der Kulturverein Fröhlich-Konzerte Brugg gegründet, die sich um Herausgabe der Werke und öffentliche Konzerte kümmern.

Friedrich Theodor Fröhlich: Duo per il Pianoforte e Violino obligato (7. Violinsonate), IFTFG-05, Fr. 30.00, hg. von Johannes Vigfusson, Erstdruck, Partitur und Stimme,  Int. Friedrich-Theodor-Fröhlich-Gesellschaft, Brugg, mail@froehlich-gesellschaft.comId.: 8te Sonate für Flügel und Geige, IFTFG-06, Fr. 35.00, froehlich-gesellschaft.com/

Ein Jugendorchester im Einklang

Der Film «Unisono» porträtiert das Jugend-Sinfonieorchester Aargau. Wer ihn sieht, möchte nachher gerne selbst dazugehören.

Die Cellogruppe des Jugend-Sinfonieorchesters Aargau bei der Probe: Szene aus «Unisono». Foto: zVg

Da ist die angehende Berufsflötistin, die bereits von Wien, Berlin und Paris («Dort sind die Götter!») träumt. Die junge Violinistin, die als Laienmusikerin mit ihrem «megatollen Hobby» glücklich ist. Der Gymnasiast, der vielleicht Geige, vielleicht Komposition studieren will, «etwas mit Musik» jedenfalls. Im Jugend–Sinfonieorchester Aargau sind solche Unterschiede nicht von Belang, wie der neue Film von Georges Gachot eindrücklich zeigt. Unisono – Von der Liebe zur Musik heisst die anderthalbstündige Dokumentation, die Gachot im Sommer 2020 realisierte. Eine Woche lang begleitete der heute 63-jährige Regisseur, der in jüngeren Jahren Berühmtheiten wie Martha Argerich und Beat Richner porträtierte, den Workshop des Orchesters in Boswil.

Vom ersten Moment an fesseln die Professionalität und Ernsthaftigkeit, mit der die jungen Musikerinnen und Musiker ans Werk gehen. Sie und ihre begeisterten Statements zur Musik und zur Arbeit im Orchester sind es, die Gachot über die gesamte erste Hälfte des Films in den Mittelpunkt stellt. Selbst der Dirigent und künstlerische Leiter Hugo Bollschweiler wirkt da mit seinen zurückhaltenden Auftritten wie ein Primus inter Pares.

Und plötzlich kommt der charismatische Solist

Die zweite Hälfte des Films bringt insofern einen Bruch, als hier der Solist Iiro Rantala auf den Plan tritt: eine charismatische Künstlerpersönlichkeit mit immensem pianistischem Können und durchaus provokanten Ansichten (Bachs Goldberg-Variationen? Alle improvisiert und vom Komponisten «netterweise» für uns aufgeschrieben). Rantalas jazzgeprägte Kompositionen bildeten einen Teil des anspruchsvollen Programms, welches das Orchester in jenem Sommer erarbeitete. Die Improvisationseinlagen Rantalas im spontanen Duett mit Freiwilligen aus dem Orchester gehören zu den eindrücklichsten Momenten des Films.

Dieser wiederum verzichtet weitestgehend auf «private» Szenen aus der jugendlichen Lagergemeinschaft. Zwischenmenschliche Spannungen, wie sie in einem solchen Setting immerhin denkbar wären, sind ebenfalls kein Thema: Alles wirkt buchstäblich im Einklang, Unisono – Von der Liebe zur Musik nimmt seinen Titel durchaus ernst. Mit dem Resultat für den Zuschauer, dass man das Jugend–Sinfonieorchester Aargau gerne live hören möchte. Aber auch, dass man, fast eher noch, selbst gerne dazugehören würde.

Unisono – Von der Liebe zur Musik. Georges Gachot, Regie. Verleih Gachot-Films. Ab 27. August 2026 im Kino.

Ausgabe 4/2026 – Focus «Generationen»

Inhaltsverzeichnis

Focus

Grenzgängerin zwischen den Generationen
Ilva Eigus wurde bereits als Stargeigerin bezeichnet, als sie noch minderjährig war. Die 2007 geborene Zürcher Violinistin verrät im grossen Interview, wie sie in ihrem Beruf mit älteren Orchestermusikern und ergrautem Publikum klarkommt – und mit ihrem Vater und gelegentlichen Mitmusiker, dem Pianisten Nik Bärtsch.

Auf Tournee durch die Altersheime
Die junge Waadtländer Band Léa & the Lions verfolgt seit zwei Jahren ein ungewöhnliches Projekt: Sie will Senioren zum Tanzen bringen.

Der kuriose Wandel des Pop-Geschmacks
Wie toll man den jeweils neuesten musikalischen Schrei findet, daran scheiden sich traditioneller­weise die Geister und die Generationen. Doch auch in dieser Hinsicht hat das Internet für einen gewaltigen Umbruch gesorgt.

Auf zu neuen Horizonten
Ein Beitrag in eigener Sache: Die SMZ ist im Umbruch. Redaktor Jean-Damien Humair schreibt über seine langjährige Zusammenarbeit mit Chefredaktorin Katrin Spelinova und Redaktorin Pia Schwab – die nun beide in Pension gehen.

Chat
Sängerin Phanee de Pool diskutiert mit ihrem Vater, der auch ihr Manager ist, über die Wechselwirkung von beruflichem und familiärem Verhältnis.

(kursiv = Zusammenfassung in Deutsch des französischen Originalartikels)

Critiques

Neuerscheinungen Bücher, Tonträger, Webseiten, Noten, Filme

Echo 

Der Platz in der gedruckten Ausgabe reicht längst nicht für alle Texte, deshalb werden sie hier aufgelistet und auf die entsprechenden Online-Artikel verlinkt. Diese sind grösstenteils schon vor Erscheinen der gedruckten Ausgabe publiziert worden.

Ende und Anfang in der Kartause Ittingen
Die dreissigsten Ittinger Pfingstkonzerte vom 22. bis 25. Mai 2026 handelten vom «Auf-hören». – Über die erste Austragung des Festivals unter der künstlerischen Leitung von Reto Bieri und Vertikalität im Erleben von Musik.

Du ballet de baleines aux incendies, l’anthropocène embrase Verbier
La sérénité majestueuse de la montagne nous transporte dans un sentiment d’éternité, d’immuabilité. Pourtant, au cœur du ­changement climatique, la montagne souffre, les glaciers fondent, cet été incandescent nous asphyxie dans les quatre coins du Monde. Le concert du premier août « Voice of nature ; the anthropocen » s’en fait l’écho.

Schweizer Klänge am Vilnius-Festival
Zwischen den beiden kleinen Ländern Litauen und Schweiz gibt es erstaunlich viele Verflechtungen. Dies zeigte sich auch beim diesjährigen Vilnius Festival.

A Montreux, 80 septembres en musique
C’est l’un des plus anciens festivals de musique classique en Suisse. Le Septembre Musical fête à Montreux son 80e anniversaire entre découvertes et valeurs sûres, sous la direction inspirée de Mischa Damev.

Das Schöpferische erproben
Erstmals fand im Stellwerk Basel Ende Mai das «Atelier Création» statt, ein kleines, von der Musik-Akademie Basel initiiertes Festival, das sich der Kreativität widmet, an der Nahtstelle von Laien und Professionalität.

Basis

Artikel und Nachrichten aus den Musikverbänden

Musikalische Bildung Schweiz

Konferenz Musikhochschulen Schweiz (KMHS) / Conférence des Hautes Ecoles de Musique Suisse (CHEMS)

Schweizer Musikrat (SMR) / Conseil Suisse de la Musique (CSM)

Swissmedmusica (SMM) / Association suisse de Médecine de la Musique (SMM)

Schweizerische Musikforschende Gesellschaft (SMG) / Société Suisse de Musicologie (SSM)

Schweizerischer Musikerverband (SMV) / Union Suisse des Artistes Musiciens (USDAM)

Schweizerischer Musikpädagogischer Verband (SMPV) / Société Suisse de Pédagogie Musicale (SSPM)

SONART – Musikschaffende Schweiz

Stiftung Schweizerischer Jugendmusikwettbewerb (SJMW)

Arosa Kultur

SUISA – Genossenschaft der Urheber und Verleger von Musik

Verband Musikschulen Schweiz (VMS) / Association Suisse des Écoles de Musique (ASEM)

 

Die Last der Generationen
Rätsel von Chris Walton

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