Johann Melchior Gletle (1626–1683): Tagung und Konzerte zum 400. Geburtstag

In Bremgarten/AG geboren, wirkte Johann Melchior Gletle den grössten Teil seines Lebens als Domkapellmeister in Augsburg. Vom 21. bis 23. August 2026 steht Gletle in Muri/AG im Zentrum einer interdisziplinären Tagung sowie mehrerer Konzerte der Reihe «Musik in der Klosterkirche».

Der französische Musiktheoretiker Sébastien de Brossard (1655–1730), der in seiner Bibliothek Exemplare von Gletles Op. 1, 2 und 6 besass und dessen Werke er teilweise selbst spartierte, äusserte sich ausgesprochen lobend über den Augsburger Domkapellmeister. In dem handschriftlichen Katalog seiner später der «Bibliothèque du Roy» vermachten Musiksammlung charakterisierte er Gletle mit den Worten: «On peut dire que c’est icy le Prince de la coriphée des musiciens modernes surtout d’Allemagne. Sa musique est sage et reguliere et cependant brillante et legere quand il le faut; elle est sçavante, expressive, gracieuse et surtout bien proportionnée aux lieux, aux tems et au vray sens des paroles etca.» Dieses Zeugnis blieb Hans Peter Schanzlin und Adolf Layer, die sich in den späten 1950er-Jahren zuletzt eingehender mit Gletle beschäftigten, noch unbekannt.
Erst die Edition des Op. 5 durch Peter und Silija Reidemeister (2015, Reihe «Editionen der Schweizerischen Musikforschenden Gesellschaft») sowie dessen erste Einspielung durch Musica Fiorita unter der Leitung von Daniela Dolci machten deutlich, dass Gletles Œuvre Musik von erheblichem ästhetischem Rang birgt. Gleichwohl lässt sich eine vollständige Überprüfung von Brossards Urteil bis heute nur eingeschränkt vornehmen, da der überwiegende Teil der rund 220 überlieferten Kompositionen weiterhin unediert ist. Vor diesem Hintergrund haben Musikwissenschaftsstudierende der Universität Genf 2025 begonnen, ausgewählte Kompositionen aus dem insgesamt sieben Opera umfassenden Schaffen Gletles zu transkribieren. Der neu erschlossene Notentext dient sowohl als Aufführungsmaterial als auch als Ausgangspunkt für die vertiefte Auseinandersetzung mit Gletles Musiksprache. Ein erster Teil des Op. 6, herausgegeben von Raphael Eccel, Cla Mathieu und Christoph Riedo, wird noch in diesem Jahr erscheinen.

Rezeption und globale Verflechtungen

Auch über den engeren musikästhetischen Zugang hinaus erscheint eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem in der paritätischen Freien Reichsstadt Augsburg tätigen Komponisten überfällig. Seine Bedeutung und Position innerhalb der frühneuzeitlichen Musikzirkulation verdienen dabei eine präzisere historische Einordnung im kultur­historischen Kontext des 17. Jahrhunderts. Anhand historischer Inventare sowie weiterer Quellen wie Rechnungen und Verzeichnisse lässt sich nachweisen, dass Gletles Musik im 17. und frühen 18. Jahrhundert weit über den katholischen Raum hinaus rezipiert wurde und in Mitteldeutschland, Sachsen, dem Elsass, der Schweiz, Österreich, Südtirol, der Slowakei, Tschechien, Polen und Schweden Verbreitung fand.
Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die Briefe des in der Jesuitenprovinz Paraguay tätigen Missionars Anton Sepp (1655–1733), die sowohl dessen Wunsch dokumentieren, Gletles katholische Kirchenmusik in die Reduktionen übermittelt zu erhalten, als auch belegen, dass zumindest das Op. 6 tatsächlich dort eintraf. Das Beispiel Gletles, der trotz seiner Tätigkeit in Augsburg zeitlebens Bürger Bremgartens blieb und seiner Heimat verbunden war, zeigt, dass musikalische Kultur im 17. Jahrhundert nur in transregionalen und globalen Zusammenhängen angemessen verstanden werden kann.

Informationen zur Tagung

21.–23. August 2026, Muri/AG, ehem. Benediktinerkloster, Singisen SaalInterdisziplinäre Tagung mit Konzerten

Johann Melchior Gletle (1626–1683): Ein Musiker zwischen den Kulturen. Zum 400. Geburtstag des Komponisten

Die Tagung ist öffentlich.

www.unige.ch/lettres/armus/unites/music/evenements/colloques/johann-melchior-gletle-1626-1683-au-dela-des-frontieres

Musik-Kurswochen Arosa mit 1300 Anmeldungen

Mitte Juni startet die 40. Ausgabe der Musik-Kurswochen Arosa. Bereits haben sich über 1350 Teilnehmende zu den 133 Kurswochen angemeldet. Und täglich werden es mehr. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich auch in diesem Jahr Kurswochen für Volksmusik, Alphorn und Böhmische Blaskapelle.

Wer noch einen Kurs besuchen möchte, findet auf der Internetseite musikwochen.ch alle Informationen zu den Kursen, Anmeldung und freien Plätzen. Einige Kurse sind bereits ausgebucht.

 

Meisterkurse Arosa

Unter dem Label «Masterclasses Arosa» bündelt Arosa Kultur all jene Kurse der Musik-Kurswochen Arosa, die das Niveau von Meisterkursen anbieten. Insgesamt sind es 15 Einzelkurse für verschiedene Instrumente. Ein spezielles Angebot innerhalb der Meisterkurse ist die «AROSA MUSIC ACADEMY», welche Einzelunterricht mit intensivem Kammermusikunterricht kombiniert. Als Dozierende bei den Meisterkursen sind bekannte Musiker­innen und Musiker wie Maurice Steger, Simon Fuchs, Lars Mlekusch, Markus Fleck, Jens Lohmann, Isabelle Schnöller und viele andere tätig.

 

Attraktive Auszeichnungen für Teilnehmende der Meisterkurse

Arosa Kultur hat für Teilnehmende der Meisterkurse attraktive Auszeichnungen geschaffen. Der Hans-Schaeuble-Award wird an maximal neun Teilnehmende vergeben. Ein Award beinhaltet ein Konzertengagement im Rahmen des Festivals Arosa Klassik im darauffolgenden Winter. Dabei bietet Arosa Kultur die Möglichkeit für kammermusikalische Auftritte mit renommierten Musiker:innen. Der Award kann dank der finanziellen und ideellen Unterstützung der Hans Schaeuble Stiftung vergeben werden.

 

Erleben Sie den Zauber des Kultursommers Arosa

Der Kultursommer Arosa startet gleich mit einem Highlight. Wir freuen uns, den grossartigen Schweizer Geiger Sebastian Bohren und den Ausnahmeblockflötisten Maurice Steger in Arosa begrüssen zu dürfen. Zusammen mit dem Cembalisten und Organisten Martin Zimmermann ­präsentieren sie ein Kammermusikfest aus drei Jahrhunderten.

Die OPERETTA ARDEZ hat sich in Arosa längst zum Publikumsliebling gemausert. Zuletzt mit dem Adventskonzert in der Evangelischen Kirche und im Sommer 2025 mit «Hänsel e Grettina» auf der Waldbühne. Diesen Sommer geben sie «The Bear» von William Walton. Es ist ein musikalisch und szenisch bestechendes Musiktheatermeisterwerk für drei Personen, welches mit Witz, Tempo und Tiefsinn das Publikum von der ersten bis zur letzten Sekunde in seinen Bann zieht. Zusammen mit «The Bear» wird die Krimioperette «Grandhotel XY ungelöst» auf die Bühne gebracht.

Wenn das lebendige Moritz Weiss Klezmer Trio aus der Steiermark aufspielt, fliegen die Funken. Mit Klarinette, Gitarre und Kontrabass schaffen sie klangliche Räume, die zum Staunen einladen und voller Sinnlichkeit die Seele berühren. Einst in der vielfältigen Welt des Klezmers verwurzelt, stehen heute vor allem die eigenen Kompositionen und verspielten Interpretationen im Mittelpunkt und brachte ihre Musik auf Bühnen und Festivals in über 20 Ländern. Special Guest Simon Reithofer an der Gypsy- Gitarre unterstreicht mit seinem beseelten Ausdruck die instrumentale Lyrik der Band.

Kinderkonzerte gehören seit jeher zum festen Bestandteil des Arosa Kultursommers. An fünf Montagen ab dem 13. Juli verzaubern verschiedene Theatergruppen, Musiker und Puppenspielerinnen jeden Montag Kinderherzen, Eltern, Göttis und Nanis mit ihren Darbietungen.

Auch auf der Waldbühne zu hören und zu sehen: Volksmusikkonzerte, Suzie Candell and Band, Vorträge, Lesungen und diesem Jahr zum ersten Mal «Das kleine Waldbühni Openair». Zwischen Bäumen, Freunden und Livemusik soll der Bergsommer gefeiert werden.

Und zu guter Letzt: In 19 Bergkirchli-Konzerten sind 33 Musiker:innen zu hören! Jeweils dienstags um 17:00 Uhr.

 

Alle Informationen sind auf www.arosakultur.ch zu finden.

Junge Talente und neue Perspektiven: Das Finale 2026 des Schweizerischen Jugendmusikwettbewerbs

Das Finale des Schweizerischen Jugendmusikwettbewerbs (SJMW) zählt Jahr für Jahr zu den wichtigsten Treffpunkten der jungen Schweizer Musikszene.

Vom 30. April bis zum 3. Mai 2026 war Zürich erneut das Zentrum der jungen Schweizer Musikszene. Nach den regionalen Entrada-Runden im März qualifizierten sich 378 junge Musikerinnen und Musiker aus allen Sprachregionen der Schweiz für das Finale der 51. Ausgabe des SJMW. Die Teilnehmenden präsentierten ihre Programme in den Kategorien Classica, Composition und FreeSpace und überzeugten dabei mit grosser stilistischer Vielfalt und individuellen künstlerischen Ansätzen.

Die Vorspiele und Proben fanden an verschiedenen Orten in Zürich statt, darunter im MKZ Florhof, im Schulhaus Hirschengraben und an der Universität Zürich. Vier Tage lang war die Stadt geprägt von Musik, Begegnungen und intensivem Austausch. Neben hoher Konzentration und beeindruckenden künstlerischen Leistungen war vor allem auch die offene und inspirierende Atmosphäre des Wettbewerbs spürbar.

Die Teilnehmenden wurden von insgesamt 83 Jurymitgliedern aus unterschiedlichen Bereichen der Schweizer und internationalen Musikszene begleitet. Durch ihre Bewertungen und Gespräche mit den jungen Musikerinnen und Musikern bietet der Wettbewerb ihnen jedes Jahr nicht nur eine Bühne, sondern auch wichtige musikalische und pädagogische Impulse.

Auch die Resultate unterstreichen das hohe Niveau der diesjährigen Ausgabe. In der Kategorie Classica wurden insgesamt 30 Zertifikate und 332 Diplome vergeben: 59 erste Preise mit Auszeichnung, 90 erste Preise, 116 zweite Preise und 67 dritte Preise. In den Kategorien Composition und FreeSpace vergab die Jury zudem jeweils vier erste Preise mit Auszeichnung, fünf erste Preise, vier zweite Preise sowie einen dritten Preis.

Den feierlichen Höhepunkt bildete traditionsgemäss das Preisträgerkonzert am Sonntag, dem 4. Mai, im Grossen Saal des MKZ. Vor einem begeisterten Publikum präsentierten ausgewählte Preisträgerinnen und Preisträger ein vielseitiges und musikalisch beeindruckendes Programm. Besonders eindrücklich waren neben der hohen Qualität auch die musikalische Ausdruckskraft und die natürliche Bühnenpräsenz der jungen Künstlerinnen und Künstler. Die Aufzeichnung des Konzerts durch SRF 2 Kultur verlieh diesem besonderen Anlass zusätzliche Aufmerksamkeit.

Der SJMW steht jedoch nicht nur für musikalische Exzellenz, sondern auch für Gemeinschaft und Förderung. Hinter jedem Auftritt stehen engagierte Lehrpersonen, unterstützende Familien, Begleitpersonen und Institutionen, die junge Menschen auf ihrem musikalischen Weg begleiten. Gerade dieses Zusammenspiel macht den Wettbewerb seit vielen Jahren zu einer wichtigen Plattform für die Förderung des musikalischen Nachwuchses in der Schweiz.

 

Ausblick auf die Ausgabe 2027

Mit dem erfolgreichen Abschluss des Finales 2026 richtet sich der Blick bereits auf die nächste Ausgabe des Wettbewerbs. Die regionalen Entrada-Runden 2027 finden vom 26. bis 28. Februar in Arbon, Genf, Lugano, Neuenburg, Sitten, Winterthur und Zug statt.

Das Finale wird anschliessend vom 8. bis 11. April 2027 in Luzern durchgeführt. Dort werden junge Musikerinnen und Musiker aus der ganzen Schweiz erneut die Gelegenheit haben, einander zu begegnen, Erfahrungen auszutauschen und ihre Begeisterung für Musik gemeinsam zu erleben.

Seit 1975 hat sich der SJMW als der nationale Jugendmusikwettbewerb etabliert. Jährlich machen etwa 1000 Jugendliche mit. Auch wenn wir stets danach streben, unsere Wettbewerbe und Förderprogramme so kosteneffizient wie möglich zu organisieren, sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen.

 

Jede Spende ist steuerbefreit und kann auf das folgende Konto gemacht werden IBAN CH27 0026 1261 1705 3740 K.

Wir danken Ihnen herzlich für Ihre wertvolle Unterstützung!

Glück – ein Momentum, das man packen muss

Eine Kolumne von Michael Kaufmann

Miguel Bruna/unsplash.com

Wie die meisten anderen Berufe auch ist der Musikberuf nicht immer von Glück begleitet. Viele von uns haben nicht das Glück – oder ist es jeweils nur eine zufällige Fügung? –, mit ihrem Schaffen in der Konsumgesellschaft anzukommen, Wirkung zu entfalten, Erfolg zu haben oder wohlhabend zu werden. Dieses Glück in der Musikwelt ist denn auch meist kurzlebig. Nachhaltig rezipiert werden im Vergleich zum gewaltigen Output der Musikschaffenden als Komponierende, Songschreibende, Interpretierende und Bühnenkünstler*innen letztlich nur ganz wenige Werke sein, und auch die klingendsten Namen von «Stars» verblassen spätestens innerhalb einer Generation.

Klar ist die Formel «Glück = Erfolg» eher schief und ganz sicher keine ausreichende ­Definition von Glück. Glück für Musikschaffende könnte auch sein, das zu finden, was man als Künstler*in sucht: das Finden einer eigenständigen und gültigen Aussage, die Gewissheit, dass das, was man wollte, im Kunstwerk erfüllt ist. Damit einhergeht sicher auch die Genugtuung darüber, dass sowohl Aufführende als auch ein (vielleicht kleines) Publikum diese Sprache verstehen, sich davon inspirieren und anregen lassen. Es ist schon etwas wie ein Glücksgefühl, verstanden zu werden – und wenn davon einiges weitergetragen wird.

 

«Glück könnte aber auch sein, dass die Musikberufe gesellschaftliche Bedeutung und Anerkennung haben.»

 

Dass alle, die Musikkunst machen, eine gemeinsame «Hefe» sind, um im «Teig» der Gesellschaft Bewegung, (Nach-)Denken, Freude und Menschlichkeit auszulösen. Dabei spielt in dieser Hinsicht der einzelne Musiker oder die einzelne Musikerin gar nicht so eine Rolle. Bei dieser Art von Glück geht es lediglich um das gesellschaftliche Verständnis dafür, dass alle Kulturschaffenden un­abhängig von ihrem Status und ihrem Ruf als wichtig erachtet werden, weil jeder und jede von ihnen mit ihrem Werk einen kleineren oder grösseren Beitrag leisten. Der Bekanntheitsgrad oder das künstlerische Renommee spielen dabei keine Rolle.

So weit sind wir hierzulande noch lange nicht. Erst mit der Pandemie von 2020–2022 hat in der Schweiz erstmals ein gesellschaftlicher und politischer Diskurs darüber begonnen, dass künstlerische Berufe – mehr denn je – systemrelevant sind, Anerkennung verdienen und nicht zuletzt auch einen ökonomischen Wert haben. Das damals deutlich sichtbar gewordene Prekariat vieler Musikschaffender war für die breitere Öffentlichkeit ein Schock. Dies hat sich in ersten gesetzlichen Grundlagen der Arbeits- und Sozialrechte niedergeschlagen, aber auch in der sich seither zuspitzenden Kulturpolitik von Bund, Kantonen und Kommunen. Man spricht heutzutage über die Musikberufe, man debattiert über gerechte Honorare und Sozialleistungen. Das hat die bundesrätliche Kulturbotschaft 2025–2028 deutlich festgehalten. Viele Kantone und Städte haben, darauf gestützt, ihre Förderpolitik neu ausgerichtet – und teilweise verstärkt.

Mit der Anwendung digitaler Technologien bei der Produktion von Musik sowie deren kapitalistischer Massenvermarktung durch global tätige Medien- und Musikkonzerne werden aktuell im Schweizer Bundeshaus Fragen wie Urheberrechte, Lizenzen für kreative Kunst, der erweiterte Schutz der Urheber*innen sowie die Abgeltung für die Verbreitung oder Aneignung von Musik zu wichtigen Themen. All diese Anzeichen für eine wertschätzendere Anerkennung der Musikberufe stehen erst am Anfang. Real hat sich für die Musikschaffenden seither noch nicht wirklich etwas verbessert.

Damit sich dies substanziell verändert, bedarf es eines Treibers. Und das sind die Kulturdachverbände. Für die freien Musikschaffenden ist dies selbstredend SONART. Wenn der Komponist, Musikdenker und Publizist Hans Zender [1] von ­einem «politischen Akt» im Zusammenhang mit «der Arbeit an autonomer Kunst» gesprochen hat, meinte er genau das:

 

«Das Kunstwerk, die Musik per se, muss nicht offensichtlich politisch sein. Aber ihr Hintergrund, ihre Produktionsbedingungen, ihre Verwertung und ihre wirtschaftlichen und sozialen Abgeltungen haben sehr viel mit Politik zu tun.»

 

Glück kann man nicht erzwingen. Aber das aktive und öffentliche Vorantreiben gerechter Honorare, einer vielfältigen und kontinuierlich ausgebauten Kulturpolitik, der sozialen Absicherung im Arbeitsleben und im «Ruhestand» sowie deutliche Antworten auf die Herausforderungen der digi­talen Welt sind der unverrückbare Fokus von ­SONART. Ich bin zuversichtlich, dass SONART das packt: So können Glücksmomente entstehen.

 

«Die Arbeit an der autonomen Kunst selber ist ein politischer Akt» [Hans Zender]

 

 

Note

1. Hans Zender (1936-2019), Zitat aus dem Essay «Kulturpolitik» in «Waches Hören», Hanser Verlag, 2014

Forschungs-Interview: Carmina Burana online

O Fortuna! In der Bearbeitung von Carl Orff gehört die Carmina Burana zu den bekanntesten europäischen Musikstücken. Im Original handelt es sich um eine Textsammlung aus dem frühen Mittelalter, deren Geheimnisse ein Basler Forschungsprojekt zu lüften sucht.

Wer hat die Handschrift der Carmina Burana verfasst? Welche Melodien verstecken sich hinter den grafischen Zeichen – den linienlosen Neumen – die für einen Teil der 254 Texte vorhanden sind? Der Codex Buranus, wie die Carmina Burana wissenschaftlich genannt wird, gehört zu den wichtigsten Quellen lateinischer und mittelhochdeutscher Lyrik. Sie enthält Liebeslieder, gesellschafts- und kirchenkritische Texte und geistliche Spiele. Im Rahmen des Forschungsprojekts Carmina Burana Online der Schola Cantorum Basiliensis werden der Codex sowie auch dessen Parallelquellen in einer Datenbank bis 2027 zugänglich gemacht. Zusätzlich erforscht das Team die in Neumen notierten Melodien und sucht nach einem Ansatz, sie musikalisch umzusetzen. Projektleiterin Christelle Cazaux, Musikwissenschaftlerin und Historikerin und seit 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Schola Cantorum Basiliensis, gibt Auskunft. 

Wie entstand die Idee für Carmina Burana Online?

Ich hatte den Wunsch schon lange, mich musikwissenschaftlich mit dieser berühmten Quelle zu befassen. Als ich an die Schola in Basel gekommen bin, wusste ich, dass ich dafür am richtigen Ort bin. Hier haben wir Musikwissenschaftler:innen, die auch als Musiker:innen auftreten, die ­Profis sind in historischer Aufführungspraxis. In dieser Form wäre das Projekt wohl nirgendwo ­anders möglich gewesen.

 

Für rund einen Drittel der Texte sind Neumen vorhanden, allerdings unlinierte, die nur ungefähr angeben, ob ein Ton höher oder tiefer sein soll. Wie ist es möglich, daraus die ursprüngliche Melodie zu rekonstruieren?

Wir wissen heute, dass die Verschriftlichung des Codex zu Beginn des 13. Jahrhunderts passierte, die Notation zum Teil aber viel später erfolgt ist – das ist etwas, was wir in diesem Projekt entdeckt haben. Wenn eine Melodie erst hundert Jahre später notiert wurde, ist es sehr schwierig zu erkennen, wie sie ursprünglich klang. Wenn man das Glück hat, mehrere Parallelquellen zu haben, kann man manchmal Muster erkennen, weil sich gewisse Dinge ähneln.

Es gibt Texte, bei denen wir nicht sicher sind, ob die Neumen überhaupt Melodien entsprechen. Und wir sind auch nicht sicher, ob all diese Liedtexte überhaupt mit festen Melodien gesungen wurden.

 

Die Neumen wurden zusammen mit Studierenden an der Schola erforscht. Wie sind sie an die Aufgabe herangegangen?

Es ist ein spannendes Experiment. Sie und ihre Professor:innen haben so viele Melodien vom Mittelalter im Kopf, sie verfügen über so viel Wissen und Erfahrung, dass sie Musik entstehen lassen können, die für diese Zeit wahrscheinlich ist. Es ist eine Übung, die sie im Studium sowieso oft machen, denn vom Mittelalter, aber auch von der ­Renaissance und vom Barock gibt es so viele unvollständige Quellen, dass die Rekonstruktion zum Alltag gehört.

 

Sie werden den Codex Buranus und die Parallelquellen erstmals komplett in einer Open-Access-Datenbank online stellen. Welche Herausforderungen stellen sich Ihnen dabei?

Der Codex Buranus ist einzigartig und sehr wertvoll. Es ist eine der allerersten Quellen für die mittelhochdeutsche Lyrik und die grösste Sammlung lateinischer Lieder des Mittelalters. Trotz der umfangreichen bisherigen Forschung über die Texte der Carmina Burana bleibt noch eine editorische Arbeit zu leisten, um die Texte in Verbindung mit der Musik zu edieren. Die Texte, die in der Sammlung Unikate sind, stehen besonders in unserem Fokus, insbesondere die bilingualen Lieder sowie die liturgischen Spiele.

 

Gibt es einen Text, der Ihnen persönlich besonders viel bedeutet?

Was mich immer berührt, ist die Aktualität der Texte. Selbstverständlich haben sich gesellschaftliche Normen geändert, wir leben nicht mehr im Mittelalter – das ist klar, und das zeigt sich zum Beispiel am Frauenbild. Aber es geht oft auch um Korruption, um Gerechtigkeit, um Reiche und Arme. Sie vermittelten nicht nur Inhalte im Sinne moralischer Bildung, sondern dienten auch der formalen Schulung, etwa im Erlernen des Lateins und der Dichtung. Ganz allgemein sind es sehr schöne Texte, deren Reime und Klänge hörbar werden müssen, was natürlich in einer Aufführung am besten geschieht.

Carmina Burana Online:

Digitale Ausgabe, musikwissenschaftliche Untersuchung und praktische Erforschung des Codex Buranus und verwandter Quellen

Forschungsprojekt der Schola Cantorum Basiliensis / FHNW, finanziert vom Schweizerischen Nationalfonds

Laufzeit: 01.01.2024 – 31.12.2027

Personen: Christelle Cazaux (Projektleitung), Laura Albiero, Ugo Bindini, Matthieu Romanens (Schola Cantorum Basiliensis)

Das Glück, gemeinsam zu klingen

Wenn in Biel während vier Tagen über 25 000 Musikantinnen und Musikanten aus der ganzen Schweiz zusammenkommen, wenn Marschmusik durch die Strassen zieht, Registerproben neben Foodständen stattfinden und Menschen aller Generationen gemeinsam musizieren, dann wird spürbar: Blasmusik ist weit mehr als ein Wettbewerb.

Das Eidgenössisches Musikfest 2026 war vor allem auch ein grosses Fest der Begegnung. Vereine aus Bergdörfern, Agglomerationen und Städten trafen aufeinander. Junge Musizierende spielten neben Menschen, die seit Jahrzehnten Teil «ihrer» Musikgesellschaft sind. Unterschiedliche Sprachen, Regionen und Generationen fanden im gemeinsamen Klang eine Selbstverständlichkeit, die man gesellschaftlich oft lange suchen muss. Vielleicht liegt genau darin ein besonderes Glück.Denn wer Teil eines lokalen Blasorchesters oder Musikvereins ist, erlebt etwas, das in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich ist: Verbindlichkeit, Gemeinschaft und das Gefühl, gemeinsam etwas zu tragen.Man probt nicht nur zusammen. Man organisiert Feste, reist gemeinsam ans Eidgenössische, begleitet Dorfanlässe, gestaltet öffentliche Räume und wird Teil eines sozialen Netzes, das weit über die Musik hinausgeht. Viele Freundschaften, manche Beziehungen und unzählige Erinnerungen entstehen genau dort: zwischen Notenständern, Vereinsreisen und Konzertabenden.

Dieses Glück ist nicht spektakulär, es entsteht langsam, Woche für Woche und Probe für Probe. Vielleicht wird gerade deshalb seine gesellschaftliche Bedeutung manchmal unterschätzt.

Die Schweizer Blasmusiktradition gehört zu den grossen kulturellen Netzwerken unseres Landes. Hunderte Vereine ermöglichen musikalische Bildung, kulturelle Teilhabe und generationenübergreifende Begegnung, getragen von ehrenamtlichem Engagement und einer beeindruckenden lokalen Verwurzelung.

Das Eidgenössische Musikfest machte diese Realität sichtbar. Für einige Tage wurde Biel zum klingenden Zentrum einer Schweiz, die sich nicht primär über politische Debatten oder Unterschiede definiert, sondern über gemeinsames Tun. Und vielleicht erinnert uns genau das daran, was kulturelles Leben im Kern ausmacht: nicht Perfektion allein, sondern Zugehörigkeit.

Oder einfacher gesagt: das Glück, gemeinsam zu klingen.

Glück, Gemeinschaft und Musik: Ausgelassene Stimmung auf der Esplanade in Biel während des Eidgenössischen Musikfests 2026. Foto: Roger Stöckli, rsfilm.ch
Der Klang gemeinsamer Hingabe: Präzision und Konzentration an der Marschparade des Eidgenössischen Musikfests 2026.

Die bunte Vielfalt des Schweizer Jodels

Der Schweizer Jodel hat eine jahrhundertealte Geschichte. Immer wieder hat er sich verändert, dem gesellschaftlichen Klangideal angepasst und sich wieder neu erfunden.

Beim Jodel denken heute viele an bunte Trachten, Schweizerfahnen und idyllische Berglandschaften. Doch dieses stereotype Bild wird der Vielfalt und der Geschichte des Jodels kaum gerecht. Der Jodel stellte nie eine isolierte Vokaltradition dar, sondern stand immer im Austausch mit unterschiedlichen Musikgenres und den jeweiligen gesellschaftlichen Idealen. So hat er sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert: in Bezug auf seinen Klang, seine Funktion und seine Wahrnehmung in der Gesellschaft.

Der geheimnisvolle Kuhreihen

Die ältesten Erwähnungen von jodelartigen Klängen stammen aus dem späten 400. Jahrhundert, als christliche Mönche die Alpen überquerten und dort die «schrecklichen Jubelschreie der Hirten» beschrieben. Hinter diesen Rufen steckte mutmasslich eine Kommunikationsform der Alpenbewohner über weite Distanzen hinweg. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts werden Alpengesänge und -melodien in schriftlichen Quellen als «Kuhreihen» bezeichnet und durch fremde Reisende aufgeschrieben. Die älteste schriftliche Notation eines «Kue Reiens» mit Jodelsilben und Text stammt aus dem Liederbüchlein der appenzellischen Nonne Maria Josepha Barbara Brogerin aus dem Jahr 1730.

1768 notierte der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau in seinem Dictionnaire de ­musique einen Ranz des Vaches – das Äquivalent zum Kuhreihen in der Romandie. Dazu gibt er eine Legende aus dem späten 17. Jahrhundert wieder, wonach die Schweizer Söldner beim Anhören des Kuhreihens vom Heimweh gepackt, in Tränen ausgebrochen und aus dem Sold desertiert seien. Diese Legende war mitverantwortlich dafür, dass der Kuhreihen im Laufe der Zeit immer weiter mystifiziert wurde und im 18. und 19. Jahrhundert von unzähligen Komponisten als Inspira­tionsquelle für ihre Alpenromantik diente, so z.B. die Ouvertüre von Giacomo Rossinis Oper«Wilhelm Tell».

Der Eidgenössische Jodlerverband und das Jodellied

Klangideale aus der klassischen Musik schwappten im 19. Jahrhundert auf den Jodel über: es entstand das mehrstimmige Jodellied mit Texten, die die heimatlichen Landschaften, die Berge und ein idyllisches Leben auf dem Land beschrieben. So existierten zu Beginn des 20. Jahrhundert zwei ­unterschiedliche Jodelarten nebeneinander: der wortlose Naturjodel,  der nur auf Silben gesungen und heutzutage vor allem rund um den Alpstein, im Muotathal, im Entlebuch und im Berner Oberland gepflegt wird und das Jodellied mit Strophen, welches besonders durch den 1910 gegründeten Eidgenössischen Jodlerverband (EJV) protegiert wurde und sich immer stärker als Schweizer Nationalsymbol etablierte – eine Entwicklung, die den Schweizer Jodel besonders vom österreichischen Jodel (der sogenannten «Tyrolerei») abgrenzen sollte. Seit 1924 veranstaltet der EJV regelmässig Jodlerfeste mit Jodelwettbewerben, die nach einem strengen Reglement durchgeführt werden.

Aktuelle Entwicklungen

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts entstand gegen diese stickten Regeln Widerstand. Besonders in den urbanen Gebieten wurde nach neuen Möglichkeiten für den Jodel gesucht: das Urban Yodelling. So vermischte etwa die Berner Sängerin und Schauspielerin Christine Lauterburg in den 1990er-Jahren den Jodel mit Techno und Dancefloor, ein Crossover, das bei vielen Tradi­tionalisten für Empörung sorgte.

Seit ungefähr 2010 sind weitere Entwicklungen im Bereich des Jodelns zu beobachten: etwa der sogenannte Wildjodel. Hier suchen experimentierfreudigen Jodler*innen nach den archaischen Ursprüngen des Jodels und verbinden ­diese mit traditionellen Musiken aus anderen ­Kulturen. Sie kreieren dadurch eine Möglichkeit, den Jodel auch im Zeitalter der Globalisierung ­relevant zu machen.

Radiosendung SRF2 Kultur: «Passage»: Vom Kuhschrei zum Jodeldiplom: Die Geschichte einer Vokaltradition, Freitag, 27. 2. 2026, 20 Uhr

Die Swissmedmusica-Beratungsstelle hilft

Sie haben Fragen zur Musikermedizin oder suchen Hilfe zu gesund­heitlichen Aspekten des Musizierens? Die Swissmedmusica-Beratungsstelle steht allen unentgeltlich offen.

Eine Kontaktnahme erfolgt über die Mailadresse beratung@swissmedmusica.ch oder per Telefon (079 364 25 06). Unsere Fachpersonen werden innert ein bis zwei Werktagen mit Ihnen in Kontakt treten.

Die Fachleute unserer Beratungsstelle sind von allen Institutionen (Orchester, Musikhochschulen, Verbände und so weiter) unabhängig. Sie haben keine finanziellen Interessen und favorisieren auch keine Therapieformen.

Sie hören Ihnen zu, beantworten allgemeine Fragen oder schätzen Ihre Situation und allfälligen Beschwerden ein. Gegebenenfalls empfehlen sie weitere Abklärungen oder Behandlungen, wenn möglich in ihrer Wohnregion. Über weitere Schritte entscheiden Sie selbstbestimmt und alleine. Ihre Daten werden nicht abgespeichert und schon gar nicht weitergegeben. Die Beratungsgespräche sind kostenlos und können auch anonym in Anspruch genommen werden. Eine Mitgliedschaft bei der SMM ist keine Bedingung.

Suchen sie ein bestimmtes Angebot, zum ­Beispiel eine Physiotherapie-Fachperson in ihrer ­Nähe, die über musikermedizinische Weiterbildungen oder Erfahrungen verfügt, so finden sie unter der URL swissmedmusica.ch/therapieangebote eine Liste mit Angeboten unserer Mitglieder.

Türen öffnen – Inklusion ist mehr als eine Haltung!

«Inklusion» gehört heute zum festen Vokabular kulturpolitischer Programme. Kaum eine Strategie zur kulturellen Bildung kommt ohne den Begriff aus. Er steht für ein wichtiges Versprechen: dass kulturelle Teilhabe allen Menschen offenstehen soll – unabhängig von Alter, Herkunft, Lebenssituation oder körperlichen und kognitiven Voraussetzungen.

Gerade in der musikalischen Bildung hat dieses Anliegen besonderes Gewicht. Musik ermöglicht Ausdruck, stärkt Selbstwirksamkeit und schafft Räume für Begegnung und gemeinschaftliches Erleben. Sie eröffnet Menschen die Möglichkeit, ihre musikalischen Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten – oft jenseits sprachlicher, sozialer oder kultureller Grenzen.Die Schweiz verfügt über eine aussergewöhnlich vielfältige Landschaft musikalischer ­Bildung: Musikschulen, Ensembles, Amateurvereine, professionelle Institutionen und freie Initia­tiven tragen gemeinsam dazu bei, dass Musik in allen Regionen des Landes gelebt und weitergegeben wird. Diese Vielfalt bietet zugleich grosses Potenzial für inklusive Formen des Lernens und Musizierens.

Inklusion bedeutet dabei mehr als ein einzelnes Projekt oder ein spezielles Angebot. Sie ist keine sonderpädagogische Zusatzaufgabe, sondern ein integraler Bestandteil qualitätsvoller Musikpädagogik – im Einzelunterricht ebenso wie im Ensemble. Ziel ist eine selbstverständliche und erfüllende Teilhabe am Musikleben: im Unterricht, im gemeinsamen Musizieren und auf der Bühne.

Damit dies gelingt, braucht es Dialog, Austausch und die Bereitschaft, Erfahrungen sichtbar zu machen. In der Schweiz zeigen bereits zahl­reiche Initiativen, wie musikalische Bildung so ­gestaltet werden kann, dass Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam lernen und musizieren.

Der Schweizer Musikrat setzt sich dafür ein, diesem Anliegen mehr Gewicht und Sichtbarkeit zu geben – im Austausch mit Musikschulen, Verbänden, Institutionen und der Kulturpolitik. Nicht als kurzfristige Initiative, sondern als Teil einer langfristigen Entwicklung hin zu einem Musik­leben, das seine Vielfalt als Stärke versteht.

Edith Pia Stocker
… ist SMR Co-Leiterin Bereich Bildung / Forschung / Wissenschaft

Langfristig künstlerisch präsent bleiben – Gesundheit im Musikberuf heute

Hoher Leistungsdruck, unsichere Perspektiven und permanente Sichtbarkeit prägen heute den Musikberuf.

Im Gespräch ­zwischen Katrin Frauchiger und Veronika Lubert geht es um die Frage, wie Musiker*innen regulierungsfähig und künstlerisch präsent bleiben ­können.

KF: Seit Mai 2025 bist Du Professorin für Musiker*innen-Gesundheit. Was war Dein persön­licher Weg zur Expertin?

VL: Ich bin über die Sportpsychologie zur ­Musiker*innen-Gesundheit gekommen. Mich hat schon früh interessiert, wie Menschen unter Druck leistungsfähig bleiben. In der Musik begegnen wir ähnlichen Situationen wie im Leistungssport: Vorsingen, Probespiel, Wettbewerb. Als Musiker*innen können wir für den Umgang damit viel von Athlet*innen lernen.

KF: Zur Zeit meines Studiums war Musiker*innen-Gesundheit noch kein Thema während der Ausbildung. Es gab zwar einige fakultative Angebote an Körpertechniken, wie zum ­Beispiel Alexandertechnik oder Atemkurse. Vor allem die psychischen, mentalen Herausforderungen und eventuellen Schwierigkeiten, welche es während des Musikstudiums und später im Berufsleben zu meistern gilt, waren – abhängig von der jeweiligen Lehrperson – ein Tabu, oder etwas, was man in Eigenverantwortung lösen musste. Wie hat sich in den letzten Jahren die Haltung dazu verändert?

VL: Gesundheit ist kein Randthema mehr, sondern wird zunehmend als Teil professioneller Ausbildung begriffen. Gleichzeitig sind die Anforderungen komplexer geworden: Internationalisierung, portfolioartige Erwerbsmodelle, Selbstvermarktung. Das heisst, wir müssen Gesundheit ­einerseits stärker als Kompetenz denken – als ­Fähigkeit zur Selbstregulation und nachhaltigen Karrieregestaltung – andererseits aber auch die Arbeitsbedingungen von Musiker:innen kritisch hinterfragen.

KF: Gerade Sänger*innen sind besonders von ihrer körperlichen und psychisch-mentalen Verfassung abhängig und von Unstimmigkeiten oft direkt betroffen. Während der sängerischen Ausbildung, dies unabhängig von Stilistik, sind die Entwicklung der eigenen Wahrnehmung von ­Körper und Seele und die Feinabstimmung dieser Zusammenhänge, sowohl in Bezug auf Technik als auch auf künstlerischen Ausdruck entscheidend. Was können Instrumentalist*innen von ­Sänger*innen lernen?

VL: Sänger*innen arbeiten sehr differenziert an der Verbindung von Körper, Atmung, Emotion und Ausdruck. Die Stimme macht unmittelbar hörbar, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät – körperlich oder psychisch. Diese Sensibilität für innere Zustände und deren Regulation ist aus meiner Sicht ein Modell für alle Musiker*innen. Instrumentalist*innen können davon lernen, technische Exzellenz und Selbstwahrnehmung noch mehr miteinander zu verbinden. Sie können profitieren, wenn sie ihr Aktivierungsniveau vor einem Auftritt gezielter steuern, körperliche Signale der Überlastung besser erkennen, und Regeneration zwischen intensiven Phasen aktiver gestalten.Künstlerische Präsenz entsteht durch regulierte Spannung und Achtsamkeit im Moment. Die bewusste Arbeit an Wahrnehmung, Erholung und mentaler Vorbereitung ist kein Zusatz zur Technik, sondern Teil professioneller Kompetenz – etwa durch Vorbereitungsroutinen, Atem- oder Fokussierungsstrategien und klare Erholungsfenster im Wochenplan.

KF: Sonart setzt sich intensiv ein für die Verbesserung der Rahmenbedingungen und der öffentlichen Wahrnehmung des Musiker*innen­berufs. Dem kulturpolitischen Engagement ­verschiedener Berufsverbände steht eine sich gravierend und rapide verändernde Realität der Musiker*innen gegenüber. Das Musikbusiness scheint immer mehr ausser Balance; während sich Konzerne bereichern, bietet es den meisten Musiker*innen, abgesehen vom Star-Markt, keine Lebensgrundlage mehr. Die Selbstpromotion, die in erster Linie über Social Media stattfindet, nimmt zu. Musiker*in zu sein erfordert heute in noch grösserem Ausmass als bisher einen langen Atem, Flexibilität und Resilienz. Wie können wir diese Fähigkeiten gezielt unterstützen? Und wie verhindern, dass wir uns als Einzelkämpfer*innen erschöpfen?

VL: Die aktuellen Diskussionen zeigen, dass viele Musiker*innen eine starke Verdichtung von Anforderungen erleben. Hier ist es mir wichtig zu differenzieren: Resilienz darf nicht bedeuten, sich stillschweigend an problematische Strukturen anzupassen. Die kulturpolitische Arbeit von ­Sonart zur Verbesserung von Rahmenbedingungen ist deshalb zentral und notwendig. Zudem unterstreicht sie die Bedeutung von Austausch und Gemeinschaft der Musikschaffenden untereinander. Gleichzeitig brauchen Musiker*innen persönliche Kompetenzen, um in diesem Spannungsfeld handlungsfähig zu bleiben: klare Rollen- und Prioritätensetzung und Reflexion der eigenen Identität, bewusste Erholungsstrategien und Abgrenzung gegenüber permanenter digitaler Sichtbarkeit, aber auch psychologische Flexibilität – selbst bei schwierigen Gedanken und ­Gefühlen offen, bewusst, und in Handlungen ­engagiert zu sein, die den eigenen Werten entsprechen. Wenn wir diese Kompetenzen früh in der Ausbildung vermitteln, stärken wir nicht nur die Gesundheit, sondern auch die künstlerische Leistungsfähigkeit.

 

Prof. Dr. Veronika Lubert
… ist Psychologin, Violinistin, Professorin für Musiker*innen-­Gesundheit, und Professorin für Musiker*innen-Gesundheit an der Hochschule Luzern –

Musik.Katrin Frauchiger
… ist Sängerin, Komponistin, im Vorstand von Sonart tätig und Dozentin an der Hochschule Luzern – Musik.

51. Ausgabe des Schweizerischen Jugendmusikwettbewerbs organisiert durch neue Geschäftsstelle

Nach dem fünfzigsten Jubiläum markiert die 51. Ausgabe des Schweizerischen Jugendmusikwettbewerbs (SJMW) im Jahre 2026 den Beginn eines neuen Kapitels in seiner Geschichte.

Im Jahr 2025 feierte der SJMW fünfzig Jahre seines Lebens mit einem fulminanten Jubiläumskonzert in der Tonhalle Zürich: fünfzig Jahre, in denen der Wettbewerb junge Musiker:innen gefördert und entscheidend zur Ausbildung zukünftiger Protagonist:innen der Schweizer Musikszene beigetragen hat. Auf der Grundlage von einem halben Jahrhundert Tradition bietet der Wettbewerb weiterhin eine einzigartige Plattform für junge Talente, die künstlerisches Wachstum und kreativen Austausch verbindet.

Neues Team, neue Energie

Die 51. Ausgabe ist die erste, welche vollständig  von der neuen Geschäftsstelle, unter der Leitung von Stefan P. Escher, organisiert wurde. Dieses Team hatte bereits das Finale 2025 erfolgreich durchgeführt und leitete nun eine neue Phase des Wettbewerbs ein. Mit Begeisterung und Engagement setzt sich das neue Team das Ziel, die ­langjährige Mission des SJMW fortzuführen und zu stärken: jungen Talenten eine echte Sprung­brettplatform zu bieten – einen Raum zum Wachsen, Experimentieren und Austauschen. Innert kür­zester Zeit konnten neue Partneschaften mit ­Ver­anstaltern und somit Auftrittsmöglichkeiten für Preisträger:innen geschaffen werden. Details ­unter https://sjmw.ch/ff/

Von der Entrada bis zum Finale

Die Classica-Entrada der 51. Ausgabe fand vom 13. bis 15. März 2026 statt und belebte sieben Schweizer Städte in allen Sprachregionen: Arbon, Genève, Lugano, Neuchâtel, Sion, Unterägeri und Winterthur. Hunderte junge Musiker:innen präsentierten das Ergebnis monatelanger Vorbereitung und zeigten Leidenschaft sowie Talent.

Die Solodisziplin folgte dem traditionellen Angebot der geraden Jahre und umfasste folgende Instrumente: Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass, Querflöte, Blockflöte, Oboe, Klarinette, ­Saxophon, Fagott, Harfe, Akkordeon, Hackbrett, Panflöte und Schlagzeug.

Wie jedes Jahr wurden parallel zur Solodisziplin auch die Kategorien Alte Musik vor 1750 und Zeitgenössische Musik angeboten, um unterschiedliche Repertoires und Ausdrucksformen zu erkunden. Die Disziplin Duo und Kammermusik ermöglichte zudem Instrumenten, die nicht in der Solokategorie vertreten sind, die Teilnahme über kammermusikalisches Repertoire.

Am Ende der Entrada vergab die Jury insgesamt 94 Zertifikate und 762 Diplome, aufgeteilt in: 108 erste Preise mit Auszeichnung, 261 erste ­Preise, 236 zweite Preise und 157 dritte Preise.

Parallel dazu fand die Entrada der Disziplinen Composition und FreeSpace bereits im Januar 2026 statt, mit 25 Teilnehmenden in Composition und 7 in FreeSpace. Es wurden 1 Zertifikat und 31 Diplome vergeben: 16 erste Preise, 6 zweite Preise und 10 dritte Preise.

Die bestplatzierten Teilnehmer:innen qualifizierten sich für das Finale, das vom 30. April bis 2. Mai 2026 im Musik Konservatorium Zürich stattfinden wird. Den Höhepunkt der Veranstaltung bildet das traditionelle Preisträgerkonzert am Sonntag, 3. Mai im grossen Saal Florhof MKZ, bei dem die herausragendsten Talente des Wettbewerbs präsentiert werden.

Ein Blick in die Zukunft

Der SJMW ist mehr als ein Wettbewerb: Er ist ein Treffpunkt für Kinder und Jugendliche, Musikschulen, Lehrpersonen und Familien, die durch ihre ­Leidenschaft für Musik verbunden sind. Über die Jahrzehnte hat der Wettbewerb die ersten künstlerischen Schritte von Tausenden jungen Musiker:innen begleitet, viele von ihnen haben später professionelle Karrieren in den unterschiedlichsten Bereichen der Musik eingeschlagen.

Die Entrada der 51. Ausgabe zeigte erneut, wie wichtig es ist, jungen Menschen Räume zu bieten, in denen sie sich ausdrücken, experimentieren und wachsen können. In einem sich ständig wandelnden musikalischen Umfeld bleibt der SJMW ein unverzichtbares Förderinstrument: Er unterstützt aufstrebende Talente, regt künstlerische Neugier an und bewahrt eine lebendige ­musikalische Tradition, die sich dank jeder neuen Generation immer wieder erneuert.

Der Stiftungsrat, die Fachkommission und die Geschäftsstelle arbeiten an einem neuen Konzept im Bereich der populären Musik, welches 2027 umgesetzt werden soll. Die Daten der ­Wettbewerbe sind bereits bekannt: Entradas: 26. – 28. Februar 2027, Finale 8.–11. April 2027 in Luzern.

 

Finale: 30. April bis 2. Mai 2026, MKZ Zürich

 

Preisträger:innen Konzert: 3. Mai 2026, Florhof MKZ Zürich

Stellungnahme der KMHS zu den aktuellen Erhöhungen der Studiengebühren

Begründet mit dem Entlastungspaket des Bundes haben zahlreiche Kantone die Studiengebühren für ausländische Studierende teilweise massiv erhöht. Dass die ausländischen Studierenden so stark zur Kasse gebeten werden, wird wiederum damit begründet, dass für die ausländischen Studierenden gemäss Hochschulfinanzierungsregelungen keine Herkunftskantone mitfinanzieren – die ausländischen Studierenden sollen also selbst deutlich mehr zahlen.

So liegen die Studiengebühren von Bildungsinländer*innen aktuell zwischen 720 und 1000 Franken pro Semester – ausländische Studierende sind mit Gebühren von bis zu 2550 Franken pro Semester konfrontiert. Einige Kantone differenzieren die Studiengebühren zwischen Studierenden aus EU-Ländern und Drittstaaten. Kantone hingegen, die alle ausländischen Studierenden gleichbehandeln, berücksichtigen nicht, dass bei einer Annahme der Verträge der Schweiz mit der EU die Gleichbehandlung der EU-Studierenden mit den Schweizer Studierenden eine unverhandelbare Grundlage darstellen wird.

Die besten Köpfe für die Schweiz

Kernaufgabe der Hochschulen ist es, die Wissenschaft und Künste durch Forschung, Lehre und Weiterbildung zu pflegen und weiterzuentwickeln. Sie sichern einen exzellenten, vielfältigen Bildungs- und Forschungsplatz in der Schweiz. Folglich ist es die wichtigste Aufgabe der Hochschulen, für unsere Gesellschaft intelligente, kreative und innovative Köpfe auszubilden und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen. Diese international kompetitive Hochschulausbildung ist von der Gesellschaft so gewollt.

Um zu gewährleisten, dass die besten und kreativsten jungen Musiktalente zum Wohle der Gesellschaft an den Hochschulen studieren, ist die Gleichheit bei den Startchancen zentral. Die Auslese im Zulassungsprozess soll auf Qualität und Arbeitsmarktchancen beruhen. Nach Herkunft differenzierte Studiengebühren steuern die Auslese hingegen nach Finanzkraft und nicht nach Qualität – damit widersprechen diese ­Studiengebühren dem Prinzip der Startchancengleichheit fundamental.

Förderung des Schweizer Nachwuchses in internationalem Umfeld

Neben anderen Beispielen ist die Musikausbildung stark von einer Internationalisierung geprägt und lebt vom gegenseitigen Lernen, Vergleichen und Musizieren, was wiederum für das hohe Niveau der Musik- und Vermittlungskultur in Konzerten, an den Musikschulen und in weiteren Bereichen in der schweizerischen Gesellschaft ver­antwortlich ist. Auch die Schweizer Nachwuchs­musikerinnen und -musiker belegen übrigens ihrerseits oft einen Masterstudiengang im Ausland, um sich von diesem internationalen Austausch zu Höchstleistungen anspornen zu lassen. Zu erwähnen ist zudem, dass die Musikstudierenden das kulturelle Leben in der Schweiz bedeutend mitprägen.

Über die mittlerweile an allen Hochschulen etablierten und durch das gemeinsam mit den Musikschulen entwickelte Qualitätslabel «Pre College Musik CH» harmonisierten Pre Colleges ist zudem ein gut begleiteter Zugang von schweizerischen Nachwuchstalenten an die Hochschulen gewährleistet. Das Label ist an strenge Qualitätsvorgaben gekoppelt, um dem Nachwuchs die besten Chancen für den Studieneintritt und eine erfolgreiche Ausbildung zu bieten.

Ökonomisierung der Bildung

Als Verursacherprinzip verbrämt, wird durch die Gebührenerhöhung eine Ökonomisierung der Bildung vorangetrieben, wie wir sie in angelsächsischen Ländern seit längerem und mit sehr negativen Folgen für die Chancengerechtigkeit in der Bildung beobachten können. Die Schweiz war in der mit Bedacht und Kontinuität entwickelten Form als liberaler Sozialstaat mit eigener Geschichte bisher stets darauf fokussiert, Entscheidungen sorgfältig und wohl abgewogen zu treffen. Die Konferenz Musikhochschulen Schweiz betrachtet die aktuellen Erhöhungen der Studiengebühren daher als ein für die gesamte Bildung besorgniserregendes Zeichen. Die Startchancengleichheit wird in einem auf den gesellschaftlichen Bedarf ausgerichteten Studium in Frage gestellt. Die für eine Musikhochschule wichtige internationale Konkurrenz- und Anschlussfähigkeit wird gefährdet, wenn wir nicht mehr in der Lage sind, die besten internationalen Studierenden gemeinsam mit unseren Schweizer Nachwuchstalenten studieren zu lassen, was sich unmittelbar auf die Ausbildungsqualität aller Studierenden niederschlagen wird.

Das Vorgehen der Kantone gefährdet den in der Schweiz so wichtigen Ideen- und Qualitätswettbewerb durch Fehlanreize und Fehlsteuerung – mit der Folge, dass die Attraktivität von Hochschulen und deren Ausbildungen somit vorrangig von der jeweiligen kantonalen Finanzkraft bestimmt würde. Hochschulen sollen über Programme, Lehrpersonal und Standort, aber nicht über massiv unterschiedliche Finanzierungsbedingungen miteinander wetteifern. Mit Blick auf die in wenigen Jahren anstehende Abstimmung über die Verträge mit der EU und die sorgsam austarierten und funktionierenden Rahmenbedingungen widersprechen diese Eingriffe einem sorgsamen Vorgehen im Bildungssystem der Schweiz, dem in der Musik auch mit Blick auf den Verfassungsartikel 67a zur musikalischen Bildung besonders Sorge zu tragen ist.

 

Rico Gubler …
ist Vizepräsident der KMHS und Leiter Fachbereich Musik der HKB.

Musikalisches Erbe in Schweizer Musikhochschulen

Die Perspektiven der Schweizer Musikhochschulleitungen zeigen ein vielschichtiges Verständnis musikalischen Erbes zwischen Archiv, lebendiger Praxis und institutioneller Verantwortung.

Was versteht man heute unter «musikalischem Erbe», wenn man eine Musikhochschule in der Schweiz leitet? Eine Sammlung von Werken, die wie Objekte weitergegeben werden können? Eine institutionelle Verantwortung? Oder eine lebendige Materie, die gestaltet und transformiert werden muss?

Auf Einladung der Konferenz der Schweizer Musikhochschulen (KMHS) hat die Schweizer Musikzeitung (SMZ) die Leitungen der Musikhochschulen des Landes befragt. Die Antworten zeichnen – fernab eines einheitlichen Diskurses – ein vielschichtiges Bild, teils konsensuell, teils kontrovers, in dem die Idee des musikalischen Erbes selbst infrage gestellt, erweitert oder neu definiert wird.

 

Zwischen Überlieferung und Aktivierung: Was «existiert» eigentlich?

In Zürich führt Xavier Dayer (ZHdK) einen deutlichen Bruch mit der Vorstellung eines festen, stabilisierten Erbes ein: « Le patrimoine envisagé comme un ensemble stabilisé relève d’une fiction. Nous vivons entourés d’archives : ce qui les rend vivantes, c’est notre regard, notre écoute, notre manière de les interroger. »

In dieser Perspektive ist das musikalische Erbe keine gegebene Grösse, sondern eine Beziehung. Nichts existiert, solange es nicht aktiviert wird.

Dieser Gedanke steht – ohne sich mit ihm zu vermischen – in Resonanz mit einem der provokativen Spiegel, die der Musikwissenschaftler Daniel Leech-Wilkinson vorhält. Für ihn ist der Glaube an ein stabiles «Werk» eine vergleichsweise junge historische Konstruktion: Nicht das Objekt, sondern die Erfahrung im Vollzug erzeugt musikalischen Wert. (Daniel Leech-Wilkinson: Challenging Performance, Kapitel 6.17: Works) Dieser Hinweis stellt die Idee des Erbes nicht grundsätzlich infrage, lädt jedoch dazu ein, sie weniger als übertragbaren Block denn als eine sich bewegende Materie zu verstehen.

 

Ein Erbe im Wandel – je nach Institution, die es aufnimmt

Für einige Institutionen bedeutet die Auseinandersetzung mit dem Erbe zunächst, ein konkretes Verhältnis zur Materialität der Spuren zu pflegen: Partituren, Sammlungen, Archive, musikalische Nachlässe, Klangobjekte. In Luzern etwa zeugen das Orgeldokumentationszentrum oder die Jazz-Helvetica-Archive von einer geduldigen Bewahrungsarbeit, in der der Akt des Konservierens bereits ein Akt der Vermittlung ist. Hier beginnt das musikalische Erbe noch bevor es erklingt. Valentin Gloor, Direktor der HSLU, weist in diesem Zusammenhang auch auf die Grenzen der Musikhochschulen in der Weitergabe des musikalischen Erbes hin: «Einer Musikhochschule muss daher immer bewusst sein, dass sie kultur- und kontextbedingt nur einen winzigen Teil dieses unermesslichen musikalischen Erbes pflegen, ergründen und weitergeben kann.»

Demgegenüber beschreibt Genf ein musikalisches Erbe in ständiger Expansion, das weit über die historischen Mauern des westlichen Kanons hinausreicht. Béatrice Zawodnik erläutert, dass es dabei ebenso um vergessene Partituren geht wie um nicht-schriftliche Praktiken, um unterrichtete indische Musiktraditionen oder um das Entstehen eines elektronischen Repertoires, das inzwischen über eigene Geschichte und Codes verfügt. Das Erbe wird hier zu einem Raum der Erweiterung, in dem hinzugefügt, sichtbar gemacht und repariert wird.

Dieser Gegensatz macht eine zentrale Spannung deutlich: Musikalisches Erbe kann entweder als etwas verstanden werden, das es zu schützen gilt – oder als etwas, das geöffnet werden muss.Genau in diesem Zwischenraum, zwischen Erinnerung und Erweiterung, bewegt sich die Schweizer Musiklandschaft heute.

 

Vermitteln … oder experimentieren?

Eine Frage zieht sich durch mehrere Antworten: Wird tatsächlich ein Erbe vermittelt – oder werden vielmehr Praktiken erprobt, die erst in Zukunft als Erbe wahrgenommen werden?

Xavier Dayer formuliert dies unmissverständlich: « Je ne suis pas certain que nous transmettions un patrimoine. Nous expérimentons, et nous créons les archives de celles et ceux qui nous succéderont. »

Auch in Genf wird betont, dass Studierende nicht nur Adressat:innen sind: « Le patrimoine n’est désormais pas seulement reçu mais construit activement. […] Il existait un patrimoine en sommeil que nos étudiant:es et nos enseignant:es s’efforcent désormais de mettre en lumière. On ne peut donc plus raisonner seulement en termes d’un petit ensemble fini d’œuvres écrites entre la fin du XVIIIe siècle et le début du XXe. »

Studierende werden zu Mitproduzent:innen eines sich formierenden Erbes, wenn sie sich an Projekten der Wiederentdeckung, der Forschung oder der künstlerischen Schöpfung beteiligen.

In Lausanne (HEMU) spricht Noémie Robidas von einem «patrimoine vivant qui s’enrichit au contact des créations contemporaines». Doch diese Bewegung ist zirkulär zu denken: Zeitgenössische Werke nähren sich ihrerseits aus dem Vergangenen. Das Erbe ist kein Pfeil, der vom Kanon in die Zukunft weist, sondern ein kreisender Atem, in dem das Vergangene das Gegenwärtige speist – und das Gegenwärtige neu bestimmt, was künftig als Erbe gelten wird.

Diese dynamische Sichtweise muss jedoch durch eine Realität relativiert werden, die sich im Alltag zeigt: Das Zeitgenössische setzt sich nicht immer selbstverständlich durch. In der Praxis bleibt eine ästhetische Komfortzone bestehen. Es ist nicht selten zu beobachten, dass für manche Studierende – ebenso wie für einen Teil des Konzertpublikums – das patrimoniale Vorstellungsfeld stark auf die Vergangenheit ausgerichtet bleibt. Die Integration neuer ästhetischer Sprachen ist weder automatisch noch unumstritten. Zwischen institutionellem Anspruch und realer Rezeption bleibt das musikalische Erbe im Werden ein Spannungsfeld.

 

Was tun mit dem Schweizer musikalischen Erbe?

Diese Verschiebungen spiegeln sich auch in den pädagogischen Strukturen wider. Noémie Robidas erläutert, dass die HEMU (Waadt–Wallis–Freiburg) jedes Jahr mit einer Composer-in-Residence arbeitet und damit die künstlerische Schöpfung unmittelbar in einen Vermittlungsgestus einbindet. Andere Institutionen verfolgen eine stärker kuratorische Haltung: Sie lassen Werke zunächst «reifen», bevor entschieden wird, ob sie aufgeführt, studiert oder in den Lehrplan aufgenommen werden. In diesem Zusammenhang weist Leech-Wilkinson darauf hin, dass jede Form von Patrimonialisierung auch eine Machtoperation ist: Sie fixiert und unterscheidet, was bewahrt, gespielt, verkauft und gefeiert werden soll – und was in Vergessenheit geraten darf. In Genf etwa spricht Béatrice Zawodnik von punktuellen Projekten und betont zugleich, dass es kein systematisches Förderinstrument für das Schweizer musikalische Erbe gibt.

In Bern schliesslich verweist Rico Gubler (HKB) auf die Verantwortung der Musikhochschulen gegenüber regionalen Komponist:innen sowie auf die Bedeutung der Programmierung von Repertoires, die im kommerziellen Musikbetrieb wenig präsent sind: «Dies ist die Grundlage, dass die jeweiligen regionalen Hochschulen sich besonders um die in ihrem Umfeld tätigen Tonsetzer:innen bemüht sind, weil es andere aus verschiedenen Gründen weniger tun (müssen).»

Diese Koexistenz unterschiedlicher Zeitlichkeiten erzeugt eine sehr spezifisch schweizerische Realität: Wir lehren nicht alle dieselben Zukünfte. Manche Hochschulen konfrontieren Studierende bewusst mit dem Neuen, andere vermitteln zunächst eine gemeinsame Sprache, bevor sie dazu anregen, diese zu transformieren. Es gibt keine richtige oder falsche Strategie – sondern unterschiedliche pädagogische Ökosysteme, in denen die Vorstellung von Erbe auch die Art und Weise prägt, wie Musiker:innen ausgebildet werden.

 

Schluss

Wenn ein gemeinsamer Nenner diese Positionen verbindet, dann die Einsicht, dass musikalisches Erbe kein Vergangenes ist, sondern ein Werden.Es wird nicht wie ein Tresor weitergegeben, sondern entsteht Tag für Tag neu – in Unterrichtsräumen, Ateliers, Hörpraktiken, wieder geöffneten Archiven, in gespielten, verworfenen und transformierten Werken.

Auf schweizerischer Ebene existiert daher keine einheitliche Vorstellung von musikalischem Erbe, sondern eine differenzierte, transversale und ständig in Bewegung befindliche Konzeption. In dem Masse, in dem das Erbe mit einer kontinuierlichen Reflexionsbereitschaft sowie mit einer offenen und flexiblen Haltung der Musiker:innen von morgen einhergeht, liegt darin vielleicht der grösste Reichtum, den unsere Musikhochschulen weitergeben.

Musik-Kurswochen Arosa 2026

Die 40. Musik-Kurswochen bieten von Juni bis November 133 Kurse an. Nebst unzähligen Kursen für Amateure, finden auch wieder diverse Meisterkurse statt.

Seit 40 Jahren bietet der Verein Arosa Kultur die Musik-Kurswochen Arosa an. Jeden Sommer und Herbst finden über 1450 Teilnehmende den Weg in die herrliche Bergwelt von Arosa. Im Einsatz stehen rund 200 versierte Kursleitende aus der Schweiz und dem Ausland. Die meist 6-tägigen Kurse richten sich sowohl an Laienmusiker:innen wie auch an Berufsmusiker:innen und Studierende.

 

Nicht nur Musik-Kurse im Angebot

Die rund 80 Instrumentalkurse sind für die verschiedensten Streich-, Blas-, Tasten- und Percussions-Instrumente ausgeschrieben. Ein buntgemischtes Programm erwartet die Teilnehmenden der verschiedenen Chor- und Singwochen.

Arosa Kultur bietet aber nicht nur Musik-Kurse an. Im Programm finden sich auch Malkurse, ­diverse Tanzkurse, ein Instrumentenbaukurs und eine Seniorenkulturwoche. Erneut finden auch verschiedene Anfängerkurse und spezielle Kurse für Kinder und Jugendliche statt.

 

Folgende Kurse sind im 2026 neu im Programm:

  • Bass Stringtheory mit Pieter Douma
  • Botanisches Malen mit Vivanne Dubach
  • Chorwoche-Sommer mit Ernst Buscagne
  • Chorwoche-Herbst mit Rainer Held
  • Fagott für Jugendliche mit Letizia Viola
  • Klangbrett mit Martin Kern
  • Komposition mit Christian Zatta
  • Kraft und Freude durch Musik und Klang mit Susanne Retsch und Christof Bachmann
  • Musikwerkstatt für Jugendliche mit Anna Bläsi, Vito Cadonau, Gianna Lavarini, Simon Steiner
  • Panflöte mit Michael Dinner
  • Let’s play guitar together mit Han Jonkers
  • Senioren-Kulturwoche mit Brigitte Selm
  • Singwoche mit Martina Hug

 

Arosa Music Academy und Meisterkurse

Auch im Bereich der Spitzenförderung sind die Musik-Kurswochen Arosa international mit dabei. Mehrere Meisterkurse und zwei Arosa Music Academies finden im Sommer und Herbst 2026 in Arosa statt. Unter den Teilnehmenden werden mehrere Preise der Hans Schaeuble Stiftung verliehen. Dieses Jahr neu im Programm ist ein Meisterkurs für Kontrabass unter der Leitung von Prof. Marcello Sung Hyuck Hong sowie «The Frankfurt Brass Masterclass» mit diversen hochkarätigen jungen Dozenten aus Frankfurt.

 

Informationen und Anmeldung

Alle Informationen über die Kurse sowie die Anmeldung finden Sie unter musikkurswochen.ch. Das gedruckte Kursprogramm kann bei Arosa Kultur (siehe Kontakt) bestellt werden. Für Frühbucher gibt es bis Ende Februar CHF 40.00 Rabatt.

Schweizerische Nationalphonothek: neue Projekte

Die Nationalphonothek, eine Institution zur Bewahrung der kulturellen Identität der Schweiz. Neue Projekte zur Aufwertung unseres klingenden Kulturguts.

Die Schweizerische Nationalphonothek wurde 1987 gegründet, hat ihren Sitz in Lugano und ist seit 2016 eine Abteilung der Schweizerischen Nationalbibliothek. Ihr Auftrag ist es, sämtliches Tonmaterial, das einen Bezug zur Schweiz hat, in den Bereichen Musik (Klassik, Folk, Jazz, Pop und Rock), Sprache (Interviews, Lesungen, Vorträge…) und Geräusche (Naturgeräusche, Umgebungsgeräusche…) zu sammeln, zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In diesem Sinne trägt die Fonoteca zur Bewahrung der kulturellen Identität der Schweiz bei.

Heute ist die Fonoteca mit ihren 25 Mitarbeitenden ein wichtiges internationales Kompetenzzentrum, das auf die Konservierung und Dokumentation von audiovisuellen Medien spezialisiert ist. Derzeit befinden sich in den Archiven der ­Fonoteca rund 600 000 Tonträger aller Formate (Wachszylinder, Tonbänder, Kassetten, Vinylplatten usw.). Über 300 000 davon sind bereits in der Datenbank erfasst und können somit im Online-Katalog der Nationalphonothek (www.fonoteca.ch) konsultiert werden. Über 100 000 dieser Tonträger wurden bereits digitalisiert und können somit im Online-Katalog angehört werden, was fast einer Million Audiotracks entspricht: Diese bereits digitalisierten Tondokumente können in der ganzen Schweiz an den «Hörstationen» angehört werden, welche die Fonoteca in rund fünfzig öffent­lichen Institutionen wie Kantonsbibliotheken, Universitäten und Musikhochschulen eingerichtet hat (siehe die Liste der «Hörstationen» unter www.­fonoteca.ch/services/listeningPoints_de.htm).

 

Neue Projekte: Exklusive Interviews online abhörbar

Im Laufe des Jahres 2026 wird die Nationalphonothek einige neue Projekte zur Aufwertung unseres klingenden Kulturguts lancieren. Eines davon ist die Veröffentlichung exklusiver Interviews mit grossen Persönlichkeiten der klassischen Musik aus der Schweiz und dem Ausland. Die Interviews werden in den Tonstudios der Fonoteca von Gabriele Cerilli, dem für den Bereich klassische Musik zuständigen Mitarbeiter, geführt.

Das erste Interview ist mit Fritz Näf, einem bedeutenden Schweizer Chorleiter. Als Gründer der «Basler Madrigalisten» und des «Schweizer Kammerchors» sprach er über seine musikalische Karriere und den Stand der Chormusik in der heutigen Zeit.

Das zweite Interview ist mit Giorgio Appolonia und Giuseppe Clericetti, zwei historischen Stimmen der RSI Radiotelevisione svizzera. Als langjährige Produzenten und Journalisten haben sie sich mit dem heiklen Thema der Bedeutung der «aufgenommenen» Musik und ihrer Zukunft auseinandergesetzt.

Zwei weitere Interviews sind in Vorbereitung und werden ab Januar 2026 veröffentlicht. Das erste ist mit Carlo Chiarappa, einem bekannten Geiger und langjährigen Dozenten am Conservatorio della Svizzera Italiana. Er erzählte uns von seiner Tätigkeit zur Wiederentdeckung der Barockmusik und von seiner Erforschung der zeitgenössischen Musik, dank auch seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Luciano Berio.

Das zweite Interview ist mit der deutschen Geigerin Anne-Sophie Mutter. Sie war mehrere Jahre lang Schülerin der berühmten Schweizer Pädagogin Aida Stucki und erzählte uns von ihrem Studienweg und der Bedeutung dieser Jahre für ihre zukünftige Konzerttätigkeit sowie von einigen interessanten Überlegungen zu ihrer Tätigkeit als Lehrerin und zum aktuellen Stand der klassischen Musik. Einige dieser Interviews können bereits im Online-Katalog oder auf dem YouTube-Kanal der Nationalphonothek angesehen und angehört werden (www.youtube.com/@swissnationalsoundarchives).

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