Anna Gebert unterrichtet in Basel

Die Hochschule für Musik FHNW/Musik-Akademie Basel hat Anna Gebert als neue Professorin für Kammermusik verpflichtet. Sie wird ab Studienjahr 2021/22 am Institut Klassik unterrichten.

Foto: FHNW

Anna Gebert war von 2005 bis 2007 Stipendiatin der Karajan-Akademie der Stiftung Berliner Philharmoniker mit einem anschliessenden Jahresvertrag als feste Aushilfe bei den Berliner Philharmonikern.

Von 2011 bis 2018 amtete sie als erste Konzertmeisterin beim Trondheim Symphonieorchester und von 2007 bis 2011 als Stellvertretende Konzertmeisterin beim Gürzenich-Orchester Köln. Seit 2020 unterrichtet sie bereits als Dozentin an der Hochschule der Künste Zürich.

Gerzenberg Gewinner des Concours Géza Anda

Der 1996 in Hamburg geborene Anton Gerzenberg ist Gewinner des Schweizer Concours Géza Anda. Der zweite Preis, der Publikumspreis und der Preis für die beste Mozart-Interpretation gehen an den Briten Julian Trevelyan.

Anton Gerzenberg. Foto: © Géza Anda-Stiftung/Dmitry Khamzin, 2021

Den dritten Preis hat der Tscheche Marek Kozak gewonnen. Der erste Preis ist mit 40’000 Franken dotiert, der zweite mit 30’000 Franken und der dritte mit 20’000 Franken. Zum Zürcher Wettbewerb zugelassen waren 36 Musiker.

Anton Gerzenberg ist der Sohn der Pianistin Lilya Zilberstein. Zusammen mit seinem Bruder Daniel Gerzenberg tritt er auch im Duo auf, 2019 gründete er das Ensemble für Neue Musik ÉRMA.

Die Géza Anda-Stiftung wurde 1978 zur Erinnerung an den 1976 verstorbenen Pianisten Géza Anda von dessen Witwe Hortense Anda-Bührle errichtet. Sie bezweckt die Förderung des Pianistennachwuchses im musikalischen Geiste Géza Andas und führt deshalb seit 1979 in dreijährigem Turnus einen internationalen Klavierwettbewerb in Zürich durch. Die Géza Anda-Stiftung verpflichtet sich, Preisträger drei Jahre lang als Mentorin zu begleiten und unter anderem für Auftrittsmöglichkeiten zu sorgen.

Rossini auf Romanisch

Unter der Leitung von Claudio Danuser wird «La Cambiale di Matrimonio» diesen Sommer mit einheimischen Künstlerinnen und Künstlern zehnmal aufgeführt, in Zuoz, Sils, St. Moritz, Arosa, Stampa, und Ardez – erstmals auf Romanisch.

Die Gegend bei Sils, ebenfalls Aufführungsort von «La spusa chapriziusa». Foto: maxxup/unsplash.com,SMPV

Der Verein Opera Engiadina ist im Januar letzten Jahres als Nachfolger der Opera St. Moritz AG und des Opera Clubs gegründet worden. Er führt den Cor Opera Engiadina, das Opera-Forum Engiadina mit kleineren Anlässen übers Jahr verteilt sowie das jeweils im Sommer stattfindende Festival Opera Engiadina. Letzteres bringt alternierend Operninszenierungen oder Opernchorkonzerte. Festival-Intendant und Vize-Präsident des Vereins ist Claudio Danuser.

Die für 2021 vorgesehenen Konzerte mussten Corona-bedingt aufs nächste Jahr verschoben werden. Hingegen wird Rossinis Oper «La Cambiale di Matrimonio» erstmals auf Romanisch aufgeführt, als «La spusa chapriziusa». Die Handlung, Regie führt Ivo Bärtsch, wird mit Dialogen auf Deutsch ergänzt. Das Ensemble (Sara-Bigna Janett, Gianna Lunardi, Daniel Bentz, Flurin Caduff, Chasper-Curò Mani, Martin Roth) und die Kammerphiharmonie Graubünden werden geleitet von Claudio Danuser.

Weitere Informationen und Aufführungsdaten:

www.operaengiadina.ch
 

Swiss Orchestra wird Andermatts Hausorchester

Das Swiss Orchestra von Lena-Lisa Wüstendörfer wird Residenzorchester der Andermatter Konzerthalle. Die Schweizer Dirigentin übernimmt ab 1. Januar 2022 zudem die Intendanz von Andermatt Music.

Lena-Lisa Wüstendörfer dirigiert das Swiss Orchestra. Foto: Dominic Büttner

Als neues Residenzorchester der Andermatt Konzerthallte verknüpft das Swiss Orchestra  Schweizer Sinfonik mit Repertoirewerken. Begleitet wird das Orchester jeweils von renommierten Solisten. Neu treten Mitglieder des Orchesters auch in Kammermusikkonzerten auf.

Ab 1. Januar 2022 übernimmt die Schweizer Dirigentin und Musikwissenschaftlerin Lena-Lisa Wüstendörfer den Konzertbetrieb von Andermatt Music im Auftrag der Andermatt Swiss Alps. Damit finden in der alpinen Konzerthalle das ganze Jahr über Konzerte statt. Die künstlerische Strategie mit drei Programmebenen ist auf mindestens fünf Jahre angelegt. Das bestehende Intendanten-Team aus England wird die laufenden Programme noch bis Ende 2021 verantworten.

Andermatt Swiss Alps soll zudem zu einer Plattform für einheimisches Musikschaffen werden, mit Auftritten von Urner Formationen und klassischen Familienkonzerten. Das Format «Young Artists» zur Förderung junger Künstlerinnen und Künstler wird fortgesetzt. Schliesslich werden internationale Klangkörper, Dirigenten und Solisten in Andermatt auftreten.

 

Suisa-Jahresergebnis

Die Einnahmen für die Komponisten, Textautoren und Verleger von Musik gingen um 16,8 Millionen Franken zurück. Und die schwierige Situation wird noch anhalten.

Foto: Claudio Schwarz/unsplash.com (s. unten)

2020 betrugen die Einnahmen aus Urheberrechten in der Schweiz und im Ausland 144,1 Mio. Franken. Das sind 16,8 Mio. Franken oder 10,5% weniger als im Vorjahr (160,9 Mio. Franken). Entsprechend erhalten die Komponisten, Textautoren und Verleger von Musik weniger Geld aus Urheberrechten: 2021 können 120,4 Mio. Franken an die Bezugsberechtigten verteilt werden – fast 15 Mio. Franken weniger als noch letztes Jahr.

Wie zu erwarten gingen die Einnahmen vor allem bei den Aufführungsrechten zurück: Betrugen die Einnahmen 2019 in diesem Bereich 52,1 Mio. Franken, waren es 2020 noch 34,4 Mio. Franken, also 34% weniger. Dieser Rückgang stammt vor allem aus dem Bereich der Konzerte, wo die Einnahmen um 51% zurückgingen, von 23 Mio. Franken im 2019 auf 11,4 Mio. Franken im 2020. Im Gastgewerbe sanken die Einnahmen von 3,7 Mio. Franken auf 1,99 Mio. Franken (–46%), bei den Unterhaltungsanlässen sanken sie von 2,36 Mio. Franken auf 1,24 Mio. Franken (–48%) und bei den Kinos von 2,6 Mio. Franken auf 1,07 Mio. Franken (–58%).

Diesen Rückgang konnte die Suisa in anderen Bereichen nur teilweise wettmachen. Bei den Senderechten stiegen die Einnahmen leicht an von 63,6 Mio. Franken im Vorjahr auf 64,3 Mio. Franken im 2020. Die befürchteten Rückgänge, z. B. wegen tieferen Werbeeinnahmen bei den Fernseh- und Radiosendern aufgrund von abgesagten Grossveranstaltungen, blieben vorerst aus.

Im Online-Bereich konnten auch letztes Jahr die Einnahmen gesteigert werden, von 14,5 Mio. Franken auf 17,1 Mio. Franken (+17,4%). Dies ist insbesondere höheren Einnahmen durch die Tochtergesellschaft Suisa Digital Licensing und Mint Digital Services, dem Joint-Venture mit der US-Amerikanischen Gesellschaft Sesac, zu verdanken.

Die Suisa rechnet auch für dieses und das nächste Jahr mit weniger Einnahmen für die Komponisten, Textautoren und Verleger von Musik. Es wird Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis Konzerte und Grossveranstaltungen mit Musik wieder in einem Umfang wie vor der Pandemie veranstaltet werden.

Geschäftsbericht 2020: www.suisa.ch/geschaeftsbericht

Ausführlicher Artikel zum Jahresergebnis: https://blog.suisa.ch/de/ein-beachtliches-ergebnis-trotz-covid/

 

Neuronale Mechanismen des Musiklernens

Das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik erweitert sein Spektrum: Die Abteilung Kognitive Neuropsychologie erforscht unter der Leitung von Fredrik Ullén die neuronalen Mechanismen, die dem Erwerb musikalischer Fähigkeiten und der Kreativität zugrunde liegen.

Prof. Dr. Fredrik Ullén ist neuer Direktor am MPI für empirische Ästhetik. Foto: Sara Appelgren,SMPV

Der schwedische Pianist und Kognitionswissenschaftler ist dem Ruf an das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik zum 1. April 2021 gefolgt. Dort dirigiert er die Forschung als Direktor der neuen Abteilung zunächst im Nebenamt, ab September 2021 dann hauptamtlich.

Ulléns Interesse gilt unter anderem den Zusammenhängen von kulturellem Engagement, psychischem Wohlbefinden und Gesundheit sowie der komplexen Interaktion zwischen genetischen Voraussetzungen und Umweltfaktoren bei der musikalischen Expertise.

Fredrik Ullén wurde am 13. April 1968 in Västerås, Schweden, geboren. Er promovierte 1996 am Karolinska Institut in Stockholm. Dort wurde er 2006 zunächst zum Associate Professor und 2010 zum ordentlichen Professor für Kognitive Neurowissenschaften ernannt.

Neben seiner wissenschaftlichen Laufbahn ist Fredrik Ullén ein international anerkannter Konzertpianist. Sein Klavierstudium schloss er 1993 an der Königlichen Musikhochschule Stockholm ab. Seine Diskografie umfasst derzeit 25 Titel, darunter Gesamtaufnahmen des Klavierwerks von György Ligeti sowie von Sorabjis «Transcendental Studies», einem der grössten Zyklen, die je für Klaviersolo geschrieben wurden.

ZHdK-Rektor Meier kündigt Rücktritt an

Thomas D. Meier hat seinen Rücktritt als Rektor der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) per Ende September 2022 bekannt gegeben. Zu diesem Zeitpunkt wird das von Thomas D. Meier initiierte grosse Studienreformprojekt Major-Minor inhaltlich finalisiert sein und in die Umsetzung gehen.

Foto: Regula Bearth © ZHdK

Der 1958 in Basel geborene Thomas D. Meier war nach seinem Studium als Forschungsassistent an der Universität Bern sowie in der Öffentlichkeitsarbeit und als Mitglied der Museumsleitung im Bernischen Historischen Museum tätig. Von 1996 bis 2003 leitete der promovierte Historiker und Anglist das Museum für Kommunikation in Bern, 2003 wurde er zum Direktor der Hochschule der Künste Bern gewählt.

Von 2004 bis 2011 war er Präsident der Konferenz der Kunsthochschulen Schweiz, 2013 und 2014 Präsident der Rektorenkonferenz der Fachhochschulen der Schweiz und Mitglied des Vorstandes des Vereins swissuniversities, der die künftige gemeinsame Rektorenkonferenz der Schweizer Hochschulen vorzubereiten hatte. Thomas D. Meier wurde im Dezember 2008 vom Zürcher Fachhochschulrat zum Rektor der Zürcher Hochschule der Künste gewählt und befindet sich aktuell in seiner dritten Amtszeit.
 

Fünf Prozent weniger Kulturschaffende

2020 hat sich die Zahl der Kulturschaffenden im Vergleich zum Vorjahr um 4,7 Prozent reduziert. In den ländlichen Gemeinden war die Abnahme fast dreimal so hoch wie in den Städten. Frauen und Kulturschaffende mit Teilzeitpensen sind stärker betroffen.

Foto: Sebastian Schuppik / unsplash.com (geschnitten, s. unten)

Bei den Erwerbstätigen mit einem kulturellen Beruf im Kultursektor (etwa Musikerin in einem Orchester) hielt sich das Minus einigermassen in Grenzen (minus 1,8 Prozent), bei den nicht-kulturellen Berufen im Kultursektor (zum Beispiel Buchhalter in einem Theater) war die Abnahme hingegen mit 6 Prozent deutlich stärker, und bei kulturellen Berufen ausserhalb des Kultursektors (zum Beispiel Grafikerin in einer Bank) kam sie mit 7,8 Prozent sogar noch höher zu liegen.

2020 wurden 298’000 Erwerbspersonen in der Schweiz zu den Kulturschaffenden gezählt. Dies sind 4,7 Prozent weniger verglichen mit 2019, als es noch 312’000 waren. Es handelt sich dabei um den stärksten Rückgang seit 2010. Die in den Jahren 2016 und 2017 festgestellte Abnahme fiel jeweils deutlich geringer aus. Im Durchschnitt ist die Zahl der Kulturschaffenden bis 2019 hingegen um 1,3 Prozent pro Jahr gewachsen.

Originalartikel:
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/aktuell/neue-veroeffentlichungen.assetdetail.17224093.html

Ist der kulturelle Sektor systemrelevant?

Gibt es Trends, die sich für die gesamten Creative Economies abzeichnen? Und wenn ja, was heisst das für die Erwerbstätigenzahlen? Das Zurich Centre for Creative Economies (ZCCE) legt dazu aktuelle Analysen vor.

Foto: Damjan Dobrila / unsplash.com (s. unten)

In der ersten Research Note stellen Frédéric Martel, Roman Page, Christoph Weckerle und Simon Grand einen historischen Vergleich zur Grossen Depression in Amerika an, um im zweiten Teil der Studie mit qualitativen Interviews erste Perspektiven aus der Gegenwart aufzuzeigen. Im dritten Paper stehen aktuelle Statistiken zur Kreativwirtschaft der Schweiz im Zentrum. Und schliesslich fragt die vierte Research Note nach strukturellen Veränderungen: Welche Antworten haben die Creative Economies auf die Herausforderungen der Krise?

Bereits seit 2003 analysieren die Forschenden des ZCCE statistische Daten, um die Dimensionen der Creative Economies sichtbar zu machen. Ihre Methoden setzen sie nun dazu ein, allfällige Auswirkungen der Corona-Krise auf den Arbeitsmarkt zu messen.

Originalartikel: https://zett.zhdk.ch/2021/05/25/ist-der-kulturelle-sektor-systemrelevant/

 

Singen aus Glauben

Anne Smith hat Ina Lohr, der Pionierin für Alte Musik und prägenden Persönlichkeit in der Basler Musikgeschichte, eine Biografie gewidmet. Leider nur auf Englisch.

Basel, das Münster im Hintergrund. Foto: Corina Rainer / unsplash.com

Das Musikleben benötigt Persönlichkeiten, die normalerweise dem Fokus landläufiger Musikgeschichte entgehen, weil sie weder als Interpretinnen noch als Komponisten bedeutende Spuren hinterlassen haben. Sie wirken etwa als Kirchenmusiker, als Musikpädagoginnen, als Musikforscher oder als Programmverantwortliche. In all diesen vier Bereichen hat sich die aus den Niederlanden stammende Musikerin Ina Lohr (1903–1983) im Basler Musikleben hervorgetan. Sie war in einer kulturbeflissenen und musikliebenden Familie aufgewachsen und hatte früh eine breite musikalische Bildung erlangt. 1929 kam sie als Kompositionsstudentin in die Schweiz. Ina Lohr gehörte zu den Gründern der Schola Cantorum Basiliensis und entfaltete eine vielbeachtete Wirkung als Dozentin für Generalbass, gregorianischen Choral, Hymnologie und Hausmusik. Sie war auch eine eifrige Verfechterin der Erneuerung der Kirchenmusik in der Zeit um den Zweiten Weltkrieg. Ihr lag besonders das Musizieren mit Laien am Herzen, und das Miteinander-Singen als Gemeinde entsprach für sie einem wesentlichen Bedürfnis als gläubige und darum singende Christin. Diese Mission liess sie ebenso an der Theologischen Fakultät der Universität Basel unterrichten wie zahlreiche Kurse und Vorträge vor gemischten und Fach-Publika über eine faktenbasierte und doch zeitgemässe Kirchenmusik halten. Zudem war ihr an der Verbesserung des Musik- und des Blockflötenunterrichts an den öffentlichen Schulen gelegen. Als jahrzehntelange Mitarbeiterin von Paul Sacher in der Gestaltung der Konzerte des Basler Kammerorchesters, als Proben-Vorbereiterin und Einstudiererin dieses Chors trug sie wesentlich zum Erfolg von Sachers Konzertunternehmung während fast deren gesamten Bestehens bei. Dabei erwies sich Lohr, die für Honegger, Krenek, Milhaud und besonders Strawinsky eintrat, von Anfang an auch als Expertin neuer und neuester Musik.

Es war also höchste Zeit, dass sich eine Autorin in das Leben und die diversen Tätigkeitsgebiete von Ina Lohr einarbeitete, welche das Basler Musikleben ein halbes Jahrhundert lang geprägt und zu den Pionierinnen der alten Musik gehört hat! Anne Smith, selbst fast vierzig Jahre Lehrerin an der Schola Cantorum Basiliensis, hat nun eine umfassende Biografie dieser auch der Frauenmusikgeschichte entgangenen Musikerin vorgelegt, dazu unzählige Briefe gelesen, Interviews gemacht und musikalische Quellen zusammengetragen.

Beim Lesen gewinnt man Eindrücke von der Willenskraft und Arbeitsleistung einer bewundernswerten Musikpersönlichkeit, aber auch von ihren zum Teil krankheitsbedingten Krisen. Zugleich erhält man Einblicke in kaum bekannte Facetten des Basler Musiklebens und der Geschichte der Schola Cantorum. In ihrer Monografie legt Anne Smith einen deutlichen Schwerpunkt auf Lohrs wechselvolle Beziehung zu Paul Sacher, mit dem diese in den unterschiedlichen Institutionen zusammenarbeitete. Dabei wird nicht nur Lohrs widersprüchliche Persönlichkeit lebendig, sondern auch Sacher erscheint in bemerkenswert neuem Licht. Obwohl sämtliche Texte auch in den Originalsprachen zitiert sind, ist der Publikation eine Übersetzung ins Deutsche zu wünschen.

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Anne Smith: Ina Lohr (1903–1983). Transcending the Boundaries of Early Music (Schola Cantorum Basiliensis Scripta 9), 514 S., Fr. 82.00 (Print), Fr. 66.00 (E-Book), Schwabe, Basel 2020, ISBN 978-3-7965-4106-3

Vom Kammerhirsch und schlanken Schicksalsliedern

Mendelssohns Vertonung des 42. Psalms sowie «Nänie», »Rhapsodie» und «Schicksalslied» von Brahms sind in Neufassungen mit reduzierten Orchesterpartien erschienen.

Foto: Luka/stock.adobe.com

Nicht erst seit Corona sind überdimensioniert orchestrierte Oratorienwerke ein Problem für heutige Chöre, die nicht mehr wie Mitte des 19. Jahrhunderts aus 200 und mehr Sängerinnen und Sängern bestehen.

Die Carus-Reihe «Große Werke in kleiner Besetzung» trägt diesem Umstand Rechnung: so zum Beispiel mit der vorbildlichen, neuen Kammerorchester-Ausgabe der beliebten Mendelssohn-Psalmkantate Wie der Hirsch schreit von Jan-Benjamin Homolka. Sie behält die originale Klanglichkeit bei, verkleinert aber aus Balancegründen die Bläserbesetzung auf ein Quintett.

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Einen anderen Weg geht der Doblinger-Verlag Wien, der in jüngster Zeit drei grandiose Brahms-Werke in «Kammerfassungen» herausgegeben hat: Nänie, die Alt-Rhapsodie und das Schicksalslied. Urs Stäuble schuf intelligente Bearbeitungen für Streichquintett und Flöte, die in raffinierter Weise alle wichtigen musikalischen Elemente enthalten, auch wenn sich durch die kleinere Besetzung das Spektrum der instrumentalen Klangfarben reduziert. So werden z. B. eindringliche Pauken-Passagen durch das Pizzicato des Violoncellos in tiefer Lage vortrefflich ersetzt. Der Chor und damit die Poesie Schillers und Goethes kommen bei diesen Bearbeitungen dafür umso eindringlicher zur Geltung. – Ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt.Image

Wirklich lohnenswerte Anschaffungen für ambitionierte Kammerchöre, die mit wenig Kosten- und Personalaufwand auch mal oratorische Meisterwerke machen wollen.

Felix Mendelssohn Bartholdy: Der 42. Psalm, Wie der Hirsch schreit, MWV A 15, für Kammerorchester bearb. von Jan-Benjamin Homolka; Partitur, CV 40.072/50, € 43.00; Klavierauszug, CV 40.072/03, € 9.50; Carus, Stuttgart

Johannes Brahms: Schicksalslied, für Chor und Kammerensemble bearb. von Urs Stäuble; Partitur, D 46 102-PA, € 18.95; Stimmensatz, D 46 102-ST, € 29.95; Doblinger, Wien

Id.: Nänie; Partitur, D 46 100-PA, € 14.95; Stimmensatz, D 46 100-ST, € 24.95

Id.: Rhapsodie; Partitur, D 46 101-PA, € 14.95; Stimmensatz, D 46 101-ST, € 24.95

Tod des Gitarristen Urs Vögeli

Laut einer Mitteilung von SRF 2 Kultur ist der Schaffhauser Gitarrist Urs Vögeli, er war auch ein Mitglied der Leitung des Schaffhauser Jazzfestivals, im Alter von 45 Jahren verstorben.

Foto: Sabrina Niederer

Der 1976 geborene Vögeli lebte in Schaffhausen und war Absolvent der Musikhochschule Luzern. Er spielte neben der Gitarre auch Dobro, Lapsteel und Banjo. Seine musikalische Vielseitigkeit führt ihn mit Musikern aus verschieden Bereichen zusammen.

Nebst seinem Jazzquartett «flyOut» arbeitete er mit der Jazzcrossover Band «Ghost Town» sowie als Solokünstler «Voegeli Solo, und er war Mitglied der Space-Folk Combo «Grünes Blatt». Als Gast trat er unter anderem mit der Freien Oper Zürich oder dem Ensemble für Neue Musik Zürich auf.

Vögeli spielte Konzerte und Tourneen mit Sylvie Courvoisier, Bugge Wesseltoft, Elina Duni, Corin Curschellas, Hendrix Ackle, Vera Kappeler, Andreas Schaerer (Hildegard Lernt Fliegen), Julian Sartorius. Christian Weber und vielen andern. Er erhielt Förderpreise von Stadt- und Kanton Schaffhausen und der Internationalen Bodenseekonferenz (IBK).
 

Musikliebende Tiere

Videos von Klavier spielenden Hunden oder Melodien miauenden Katzen werden auf Youtube millionenfach angeschaut. Aber jenseits von Manipulation und der Übertragung menschlicher Betrachtungsweisen ist anzunehmen, dass die Tierwelt wohl wenig musikliebend ist.

Paul Barton spielt Beethoven für die Elefanten. Haben sie etwas davon? Foto: P. Barton
Musikliebende Tiere

Videos von Klavier spielenden Hunden oder Melodien miauenden Katzen werden auf Youtube millionenfach angeschaut. Aber jenseits von Manipulation und der Übertragung menschlicher Betrachtungsweisen ist anzunehmen, dass die Tierwelt wohl wenig musikliebend ist.

Wenn Sie auf dem Klavier ein C spielen gefolgt von einem D, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass das anschliessende Miauen Ihrer Katze genau der Höhe eines E entspricht, etwa so gross, wie dass ein rotes Auto vorbeifährt, nachdem Sie bereits ein blaues und ein weisses gesehen haben. Wenn man aber in Betrachtung zieht, dass es viel weniger Autofarben gibt als mögliche Frequenzen von Katzenmiauen, dann ist es weit unwahrscheinlicher, dass Ihr Haustier die Tonleiter weiterführt, als dass eine Autokolonne die Farben der Trikolore vervollständigt. Um Katzen dazu zu bringen, die traditionellen Tonschritte der menschlichen Musik einzuhalten, könnte man für das Lernen von Terz oder Quinte pawlowsche Dressurmethoden einsetzen. Die am häufigsten eingesetzte Methode bleibt aber heutzutage die Videomanipulation. Das ist ethisch eher vertretbar, stützt aber das Vorurteil, Tiere seien in Sachen Musik grundsätzlich irrelevant. Einige Youtuber haben Videos hochgeladen mit dem Titel «cat perfect pitch» und darauf gewartet, dass ihre Katze ein C von sich gibt. Dieses montierten sie dann als Schlusspunkt nach der gespielten Reihe C-D-E-F-G-A-H. Oder sie passten das Miauen elektronisch der gespielten Tonleiter an. Was diese Filmchen, auch wenn sie gefälscht sind, so faszinierend macht: Sie nähren die Illusion – und unterstreichen damit die Unmöglichkeit – dass Katzen eine Vorstellung von harmonischer Richtigkeit haben könnten. Es sei denn, sie würden immer auf dieser Tonhöhe miauen oder seien ausreichend trainiert. Unter der Annahme anderer «Pfotenflüsterer»-Hypothesen könnte man die Diskussion unaufrichtig und mehr oder weniger parodistisch noch etwas weiterführen: Vielleicht miauen Katzen nicht auf der richtigen Tonhöhe, weil sie ein gänzlich anderes musikalisches Sensorium haben als wir. Oder: Sie wollen uns auf keinen Fall merken lassen, dass sie ein Faible für Puccini-Opern haben. Oder sogar: Sie sind zum Glück nicht so dumm wie die Menschen, die das absolute Gehör für ein Geschenk der Natur halten.

Autotune und Singvögel

Videos, die das sanfte Heulen eines Hundes über Autotune abspielen, legen nahe, dass Hundegesang nur mit technischer Unterstützung perfekt sein kann. Die Musikalität der Tiere hinge also von Spezialeffekten ab. Die Kombination Tier-Plug-in ist eine Spielart 2.0 des Anthropomorphismus, der sich gerne einschränkt, um zu überdauern. Die Vögel, die am besten singen, sind bei denen, die es weniger gut können, nicht unbedingt am beliebtesten (um der Hypothese zu entsprechen, wonach «sich die Natur weniger ihr Recht zurücknimmt, als dass sie ihre Aufgaben neu erfindet, soweit, dass sie uns verpflichtet, den Vögeln zuzuhören, die, überdeckt von den Schreihälsen, weniger deutlich singen».) {Anmerkung 1} Die Auswahl, welches denn die Singvögel seien, stützt sich jedenfalls offensichtlich auf Kriterien menschlicher Musik. François-Bernard Mâche versetzt sie in menschliche Massstäbe: «Von den rund 8700 Vogelarten sind 4000 bis 5000 Singvögel. Davon haben 200 bis 300 so variierte Gesänge, dass sie musikalisch interessant sind. Das ist übrigens ein 50 bis 100 Mal höherer Prozentsatz, als es Profimusiker im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung Frankreichs gibt.»{Anmerkung 2} Wie die Versuche der Youtuber, die ihre Katzen und Hunde auf Pavarotti trimmen, gehören auch die Bemühungen von François-Bernard Mâche, mit der Musikalität der Vogelgesänge zu spielen, in die Kategorie der technischen Manipulation. Beispielsweise wenn er eine mehr oder weniger repräsentative Auswahl an Vogelstimmen über eine Cembalo-Partitur anordnet.

Beethoven für Elefanten

Wenn man auf Youtube einen Hund ans Klavier treten sieht, ohne Manipulation, ist man verblüfft, nicht nur amüsiert. Mag dieser Hund das Klavier oder, genauer, hält er sich für einen Menschen? Ist es ein dressierter Hund oder einer der sich spontan musikalisch betätigen möchte? Auch ohne einen direkten Befehl seines Herrchens ist sein Verhalten den musikalischen Menschen, mit denen er lebt, abgeschaut. Videos mit Tieren, die musikalische Situationen zu lieben scheinen, sind extrem beliebt. Die Kameraeinstellungen werden also so gewählt, dass sie die Musikalität der Tiere zu bestätigen scheinen. Aber bei aller Rührung über ein Filmchen, das Elefanten um ein Klavier versammelt zeigt, auf dem ihnen Paul Barton die Pastorale vorspielt, kann sich auch jeder fragen, ob die Elefanten wirklich Beethoven lieben oder nicht eher die Äpfel, die um das Klavier herum liegen. Vielleicht sind es Elefanten, die jenseits von Bartons Klavierkünsten, den Austausch zwischen verschiedenen Tierarten mögen. Wenn hier Anthropomorphismus vorliegt, wenn die Fixierung auf den Menschen die Deutung der Situation verfälscht, dann beweisen diese Freiluftkonzerte vielleicht weniger die Musikaffinität der Tiere als die Empathie des Pianisten für die Elefanten. Jemandem Beethoven vorzuspielen, ist ein Zeichen der Sympathie und wird als solches wahrgenommen. Die offiziellen Geschichten über diese Videos mit Hunderttausenden von Klicks werden von einer Logik der Fürsorge genährt. Es handelt sich um geschundene Tiere, die in einem Park in der thailändischen Provinz Kanchanaburi aufgepäppelt werden. Paul Bartons Rezitals sind eine Therapie, um «ihre körperliche Gesundheit und ihre Seele wieder aufzubauen».{Anmerkung 3} Der Glaube an die wohltuende Wirkung der Musik auf die Tiere ist bestimmt ein entscheidendes Element bei der Bindung, die der Pianist mit den Elefanten zu knüpfen vermag, auch ohne den Beweis, dass Beethoven oder Chopin eine sichtlich heilende Kraft auf die Tiere ausübt. Immerhin sind diese Konzerte musikalische Darbietungen eines Menschen, der sich von anderen Menschen löst und lieber den Dickhäutern etwas vorspielt als seinen musikliebenden Mitmenschen.

{Anmerkungen}

1 Cora Novirus, «Oiseaux et drones», Multitudes n° 80, Herbst 2020, S. 150
2 François-Bernard Mâche, Musique – Mythe – Nature, Éditions Aedam Musicae, 2015, S. 116
3 Paul Barton, cité par Philippe Gault, «Les singes affamé en Thaïlande, apaisés par Beethoven grâce au pianiste Paul Barton», www.radioclassique.fr


 David Christoffel

… ist Poet und Komponist, Radiomacher und Forscher. Er widmet sich der Poesie und der Musik in spezifischen Umfeldern.

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Ein Panorama an Ausdrucksweisen

In seinen 1968 entstandenen «Vier Stücken» für Kontrabass und Klavier lotet František Hertl die Klangpalette seines Instruments bis in die Extreme aus.

Kontrabassist auf der Karlsbrücke in Prag. Foto: Paulwip / pixelio.de

Der 1906 in Westböhmen geborene, nach musikalisch vielseitigem Leben in Prag 1973 verstorbene Komponist ist an ehesten als Autor der 1946 entstandenen Sonate für Kontrabass und Klavier bekannt. Zudem machte er sich als prägender Kontrabasspädagoge der Prager Schule, als Komponist für diverse kammermusikalische Besetzungen und Orchesterwerke sowie als Dirigent einen Namen.

Während die Sonate für Kontrabass und das selten gespielte Kontrabasskonzert sich meist in chromatisch erweiterter Tonalität bewegen, tendieren die 1969 erstmals veröffentlichten Vier Stücke mehr in Richtung einer auf Quart- und Quintschichtungen basierenden Modalität. Mit ihrer prägnanten Rhythmik, der in erfrischender Weise sich rasch abfolgenden kontrastreichen Dynamik, den gegensätzlichen Tempi sowie den klanglichen Wechseln zwischen hell und dunkel, expressiv und impressionistisch lässt sich ihre Tonsprache als mit der Tradition verbunden, aber dennoch individuell und im 20. Jahrhundert beheimatet verorten.

Das Präludium (Moderato bis Allegro) lotet die Extreme in Dynamik und Artikulation aus. Die Burleske in ABA-Form beginnt mit verspielten, Scherzo-ähnlichen Stakkati im Piano und endet in einer überdrehten Stretta im Fortissimo. Der feinen, kantabel gehaltenen Nocturne folgt eine Tarantella. Darin spielt František Hertl geschickt mit deren Idiom und verleiht ihr mittels Dissonanzen eine weit über das Unterhaltende hinausführende Expressivität.

Zu bedauern sind editorische Mängel. Vermutlich wurden die originalen Druckplatten unlektoriert übernommen, was Vorzeichenfehler sowie fehlerhafte Noten und Bindebögen bzw. entsprechend notwendige Detektivarbeit zur Folge hat. Angesichts der heute zur Verfügung stehenden Technik ist es nicht nachvollziehbar, dass in der Klavierpartitur im Präludium die Kontrabassstimme in oktavierendem Klang notiert wird, in den anderen drei Stücken jedoch eine grosse Sekunde tiefer bzw. eine kleine Septime höher als der tatsächliche Klang, d.h. die für den sologestimmten Kontrabass in D notwendige Schreibweise übernommen wird. Stefan Schäfer hat sich bei seiner Einrichtung auf wenige bogentechnische Empfehlungen beschränkt zu Gunsten der interpretatorischen Freiheiten.

Die Neuauflage bereichert das sonst nicht allzu üppige kammermusikalische Repertoire für die Kontrabassisten und Kontrabassistinnen.

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František Hertl: Vier Stücke für Kontrabass und Klavier, Kontrabassstimme eingerichtet von Stefan Schäfer, BA 11556, € 18.95, Bärenreiter Prag

Tiere

Zum Verhältnis zwischen Tier und Mensch im Bezug auf die Musik.

Titelbild: neidhart-grafik.ch
Tiere

Zum Verhältnis zwischen Tier und Mensch im Bezug auf die Musik.

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Focus

Singt dieser Esel?
Musikmachen scheint nicht dem Menschen vorbehalten. Interview mit der Kulturanthropologin Britta Sweers

Bestiaire musical
Comment les compositeurs mettent-ils les animaux en musique

Coole Katzen, üble Hunde
Tiere müssen ihren Kopf oft für gesungene Metaphern herhalten

Les animaux mélomanes
Entre trucages et anthropomorphisme
Musikliebende Tiere — zwischen Trick und Anthropomorphismus (Übersetzung)

Der singende Dr. Dolittle
Roland Zoss und seine Tierlieder

 

Wer sich für Vögel und Musik interessiert, findet in der Ausgabe 4/2016 zum Thema «zwitschern» Lesestoff.

La RMS parle du sujet de ce numéro à la radio :
Espace 2, Pavillon Suisse, mardi 25 mai 2021, de 20h à 22h30

ab 2:03:30

 

… und ausserdem

RESONANCE

Radio Francesco — le coeur / das Herz

Clavardons… — au sujet de la Cité de la musique de Genève

A vos partitions ! — le Festival International de Musiques Sacrées Fribourg et son concours de composition

Zeitgemässe Melancholie — Wittener Tage für neue Kammermusik

Carte blanche für Wolfgang Böhler

CAMPUS


Ehrendoktorwürden für Harald Strebel und Rudolf Lutz
 

FINALE


Rätsel
— Torsten Möller sucht


Reihe 9

Seit Januar 2017 setzt sich Michael Kube für uns immer am 9. des Monats in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

Link zur Reihe 9


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