Ausgabe 3/2023 – Focus «Freiheit»

Titelseite der Ausgabe 3/2023

Inhaltsverzeichnis

Focus

«Authentische musikalische Traditionen gibt es nicht» – Interview mit Yann Laville

Besuch eines Jugendorchesters aus dem Apartheidstaat

Hinter Gittern – Ausbrechen mit Musik?
Bibliografie zum Artikel

Wenn die Freiheit rockt – Die Pop-Karriere des Begriffs «Freedom»

Chatten über Freiheit im Beruf und in der Musik

 

(kursiv = Zusammenfassung in Deutsch des französischen Originalartikels)

 

Critiques

Rezensionen von Tonträgern, Büchern, Noten

 

Echo

Le Piano Symphonique – Klavierfestival in Luzern

Les Musicales d’Epalinges : un nouvel écrin pour Cédric Pescia

In eine bessere Welt entrücken – Liederabende in der Ukraine

Musik ist meine Heimat – die Komponistin Ursula Mamlok

Radio Francesco – Gefängnis

Technologie und gesellschaftlicher Wandel – Das 10. Forum Musikalische Bildung

Carte blanche für Sandro Häsler

Motivierende Beurteilung – Gespräche mit Mitarbeitenden an Musikschulen

 

Basis

Artikel und Nachrichten aus den Musikverbänden

Eidgenössischer Orchesterverband (EOV) / Société Fédérale des Orchestres (SFO)

Konferenz Musikhochschulen Schweiz (KMHS) / Conférence des Hautes Ecoles de Musique Suisse (CHEMS)

Kalaidos Musikhochschule / Kalaidos Haute École de Musique

Schweizer Musikrat (SMR) / Conseil Suisse de la Musique (CSM)

CHorama

Schweizerische Gesellschaft für Musik-Medizin (SMM) / Association suisse de Médecine de la Musique (SMM)

Schweizerische Musikforschende Gesellschaft (SMG) / Société Suisse de Musicologie (SSM)

Schweizerischer Musikerverband (SMV) / Union Suisse des Artistes Musiciens (USDAM)

Schweizerischer Musikpädagogischer Verband (SMPV) / Société Suisse de Pédagogie Musicale (SSPM)

SONART – Musikschaffende Schweiz

Stiftung Schweizerischer Jugendmusikwettbewerb (SJMW)

Arosa Kultur

SUISA – Genossenschaft der Urheber und Verleger von Musik

Verband Musikschulen Schweiz (VMS) / Association Suisse des Écoles de Musique (ASEM)

 

Befreiung einer Freiheitsinsel – Rätsel von Chris Walton

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Festival für Neue Musik Forum Wallis

Vom 2. bis 19. März findet im Schloss Leuk das Festival für neue Musik Forum Wallis statt. Das Programm ist nun online.

Foto (v.o.n.u.u.l.n.r.): Schloss Leuk, Schoss Company, Pascal Viglino, Dsilton, dissonArt Ensemble, Oberwalliser Volksliederchor, Le Pot, UMS `n JIP, Rolf Hermann

 

Anfang März 2023 verwandelt sich Schloss Leuk im gleichnamigen mittelalterlichen Walliser Städtchen einmal mehr in einen Hotspot für Neue Musik. Schweizer und internationale Acts der zeitgenössischen Musik geben sich dort am Forum Wallis ein Stelldichein. Sie gewähren vom 2. bis 4. März  einen Einblick in das vielfältige Schaffen der aktuellen Musikavantgarde.

Mit dabei sind in der 16. Festivalausgabe die Schoss Company zusammen mit Cod.Act, Pascal Viglino, die Schweizer Freejazz-Grössen Manuel Mengis, Lionel Friedli, Manuel Troller und Hans-Peter Pfammatter, Jonas Imhofs Exquisición, der Leuker Schriftsteller Rolf Hermann, UMS ´n JIP, der österreichische Mikrotonpianist Georg Vogel mit seiner Band Dsilton, das dissonArt ensemble aus Thessaloniki. Anwesend sind ebenso die Komponistinnen und Komponisten der Ars Electronica Forum Wallis Selection. Sie findet 2022/23 zum 8. Mal statt, kuratiert von Simone Conforti (IRCAM Paris) kuratiert.

Die Konzerte der Ars Electronica Forum Wallis Selection (10. bis 12. März) finden erstmals im neu eingerichteten MEBU (Münster Earport) in Münster im Goms statt. Zudem schwärmt das Festival mit den Konzerten des Oberwalliser Volksliederchors (18./19. März) mit Simplon Dorf und Ernen wieder in verschiedene Oberwalliser Dörfer aus.

Das Forum Wallis ist ein internationales Festival für Neue Musik auf Schloss Leuk an der deutsch-französischen Sprachgrenze inmitten der Walliser Alpen in der Schweiz. Die Leitung hat die IGNM-VS inne, die Ortsgruppe der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM / ISCM).

Das Forum Wallis hat seit 2006 über 300 Uraufführungen mitproduziert. Zu den Höhepunkten der Festivalgeschichte gehören Stockhausens Helikopterstreichquartett zusammen mit dem Arditti Quartet, André Richard und Air Glaciers, Holligers Alp-Cheer, Cod.Acts Pendulum Choir sowie die regelmässigen Gastspiele von Weltklasse-Ensembles wie recherche, Klangforum Wien oder Ensemble Modern.

Das vollständige Programm ist online auf http://forumwallis.ch zu finden.

Silvia Careddu ab Herbst an der ZHdK

Die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) freut sich, ab Herbstsemester 2023 Silvia Careddu als neue Hauptfachdozentin Querflöte zu begrüssen.

Silvia Careddu. Foto: Neda Navaee

Silvia Careddu zählt unter den jüngeren  Flötistinnen und Flötisten zu den prägenden Persönlichkeiten der Gegenwart. Den Beginn ihrer Laufbahn verdankt sie dem Gewinn des Premier Grand Prix à l’unanimité und dem Publikumspreis des 56. Concours international de Musique de Genève.

In der Folge wirkt sie als Soloflötistin in renommierten Orchestern wie den Wiener Philharmonikern, den Wiener Symphonikern und aktuell im Orchestre National de France.

Sie ist eine vielgefragte Solistin und Kammermusikpartnerin.

Silvia Careddu engagiert sich als Pädagogin an mehreren europäischen Musikhochschulen, als Jurorin an zahlreichen Wettbewerben und gibt Meisterkurse in Europa und Asien.

 

Neuer Konzertsaal in Vitznau

Mitte Februar fand in Vitznau die Einweihung eines neuen, unterirdisch angelegten Kammermusiksaals statt.

Der neue Kammermusiksaal in Vitznau ist unterirdisch angelegt. Foto: Ralph Feiner

Der Kammermusiksaal verbirgt sich mit seiner Raumhöhe von zirka 10 Metern komplett im Boden. Baubeginn war am 2. November 2020 und insgesamt haben 20 Fachplaner-Firmen und 50 Handwerker mitgearbeitet.

Multifunktional

Der Bauherr Peter Pühinger, Gründer und Visionär des Campus Kultur Kulinarik Vitznau, wollte einen intimen Raum für Kammermusik und Chorgesang mit perfekter Akustik realisieren. Dank ausgeklügelter Technik lässt sich der Saal nun für verschiedenste Veranstaltungen nutzen. Mit einer veränderbaren Nachhallzeit zwischen 0.8 bis 1.7 Sekunden kann die Akustik den jeweiligen Bedürfnissen angepasst werden. Ein digitaler Multimediasaal, der auch als Konzertfoyer dient, ergänzt den analogen Konzertsaal. Dazu gehören eine professionelle Akustikanlage mit Regieraum und ein Tonstudio. Mit Hilfe eines mechanischen Hebebodens lässt sich der Kammermusiksaal innert Kürze in einen bühnenlosen ebenen Bankett- oder Tanzsaal verwandeln.

Werner Reinhart: Stille treibende Kraft

An den «Werner-Reinhart-Tagen» vom 27. bis 29. Januar 2023 in Winterthur wurde der Mäzen erstmals in den Mittelpunkt eines Symposiums gerückt. Konzerte und Ausstellungen begleiteten den Anlass.

Die Villa Rychenberg in Winterthur war Werner Reinharts Residenz. Foto: Wikimedia. Link zur Lizenz

Der ausserordentlich umfangreiche Briefwechsel des Winterthurer Kaufmanns und Mäzens Werner Reinhart (1884–1951) wurde im Rahmen eines achtjährigen Forschungsprojekts des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Zürich in Kooperation mit dem Musikkollegium Winterthur in einer Datenbank erschlossen. Diese bildete die Basis für das Symposium der «Werner-Reinhart-Tage», die auf Initiative der ehemaligen Projektmitarbeitenden (Franziska Gallusser, Lion Gallusser, Ulrike Thiele) stattgefunden haben.

Nach einer Einleitung von Laurenz Lütteken (Zürich) gab Kerstin Richter (Winterthur) am Freitagabend einen Einblick in die Geschichte und die Tradition des Mäzenatentums der Familie Reinhart. Ulrike Thiele (Zürich) führte das Publikum darauf in Reinharts Tätigkeit als Kaufmann, sein Wirken als Mäzen und seine Vernetzung mit der europäischen Musik- und Kulturszene ein. In der anschliessenden Podiumsdiskussion zwischen Ulrike Thiele, Elisa Bortoluzzi (Zug) und Dominik Deuber, Direktor des Musikkollegiums Winterthur, wurde der Bogen von Werner Reinhart als Mäzen bis zur Diskussion der Reichweite und der Wahrnehmung des Mäzenatentums heute geschlagen.

Sowohl finanziell wie organisatorisch unterstützen

Die am Samstag und Sonntag folgenden Referate näherten sich Werner Reinhart über von ihm unterstützte oder anderweitig mit ihm verbundene Personen, immerzu im historischen Kontext, auch im Hinblick auf die beiden Weltkriege, die etwa das Exil von Komponisten in der Schweiz zur Folge hatten. Anhand seiner Beziehungen zu Richard Strauss und Hans Pfitzner (Michael Meyer, Trossingen) sowie zu Paul und Gertrud Hindemith (Franziska Gallusser, Luzern/Zürich) wurden die unterschiedlichen Verhältnisse und Unterstützungsformen betrachtet. Auch Anton Weberns Rychenberg-Variationen als musikalische Erinnerungen an Winterthur (Esma Cerkovnik, Zürich) wurden unter diesem Gesichtspunkt beleuchtet.

Am Beispiel der Vorgeschichte und Uraufführung von Alban Bergs Lulu (Daniel Ender, Wien) und der nicht nur mäzenatischen, sondern auch kaufmännischen Begleitung bei der Entstehung von Igor Strawinskys Histoire du Soldat (Christian Kämpf, Dresden) wurde deutlich, wie überlegt Reinhart vorging. Eine fruchtbare finanzielle und organisatorische Unterstützung zeigte sich auch im Lebenslauf des Dirigenten Hermann Scherchen und dessen Gründung verschiedener Musikinstitutionen in der Schweiz (Ullrich Scheideler, Berlin). Die erwähnten Akteure, Werke und Konzerte kamen im Beitrag über das Winterthurer Konzertrepertoire und Reinharts grosses Engagement für das Musikkollegium Winterthur aus einem anderen Blickwinkel erneut zur Sprache (Alessandra Origani, Zürich).

Fördern, was die Musik weiterbringt

Weitere Ausblicke wurden mit der Betrachtung der kulturell einflussreichen Londoner Zeit des jungen Werner Reinharts (Thomas Irvine, Southampton) und seiner massgeblichen, wenn auch indirekten Beteiligung an der Gründung der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik gegeben (Matthew Werley, Salzburg). Lion Gallusser (Zürich) stellte angesichts der Förderung von Schweizer Komponisten Überlegungen zur «Etablierung einer Schweizer Moderne» an. Auch Reinharts «literarischer Kosmos», der sich vor allem auf die Frühzeit seiner Mäzenatentätigkeit zu beschränken scheint, wurde anhand seiner Beziehung zu Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse und Stefan Zweig illustriert (Arturo Larcati, Salzburg). So kristallisierte sich während des ganzen Symposiums heraus, dass Werner Reinhart zu jenen Mäzenen gehörte, die weniger nach persönlichem Geschmack, sondern mehr mit Blick auf die Entwicklung der Musik förderten. Dabei hielt er sich persönlich bewusst im Hintergrund. Wie viele Referentinnen und Referenten betonten, lehnte er nämlich den Druck oder die öffentliche Erwähnung von Widmungen kategorisch ab.

Die weiteren Veranstaltungen stellten einen Kontrapunkt zum reichhaltigen Symposium dar. Am Samstagabend machte das Musikkollegium Winterthur Reinharts Welt mit Werken von Paul Hindemith, Hans Pfitzner, Ernst Krenek und Heinrich Kaminski hörbar. Visuell begleitet wurde das Symposium von einer spontanen Führung am Sonntagnachmittag von Kerstin Richter durch die Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» sowie von Andres Betschart, Leiter der Sammlungen der Winterthurer Bibliotheken, mit einer kommentierten Vorstellung der Quellen zur Histoire du Soldat in der Villa Rychenberg, Reinharts Residenz. Die anschliessende konzertante Aufführung des Werks am Sonntagabend im Stadthaus Winterthur rundete die «Werner-Reinhart-Tage» ab.

Le Piano Symphonique – ein Klavierfestival in Luzern

Luzern hat wieder ein Klavierfestival. Vom 7. bis 11. Februar sind Recitals und Klavierkonzerte zu hören, zum Teil auch spielerisch zusammengebracht.

Jean Rondeau im Luzerner Neubad. Foto: Philipp Schmidli

Am Sprungturm hängen Scheinwerfer. Die Wasserrutsche führt ins Trockene. Hier im ehemaligen Luzerner Hallenbad wird schon lange nicht mehr geschwommen. Unter dem Namen Neubad ist bereits vor zehn Jahren ein alternatives Kulturzentrum entstanden mit Club und Gastronomie.

An diesem Abend steht beim Late-Night-Konzert des Klavierfestivals «Le Piano Symphonique» ein Cembalo im Schwimmbecken. Die Zuschauer hören vom Beckenrand zu oder haben mehr liegend als sitzend auf einer Tribüne Platz genommen, um den Klängen des französischen Cembalostars Jean Rondeau zu lauschen. Das Prélude en la mineur von Jean-Philippe Rameau lässt er wie eine Improvisation beginnen: frei, mit bewusst gesetzten Pausen, den Tönen nachhörend. Der zarte Cembaloklang wird durch die weissen Kacheln des Beckens verstärkt. Zwischen Rettungsring und Startblöcken entsteht eine konzentrierte, fast meditative Stimmung. Auch die Suite en la ist eine Entdeckung. Die Courante phrasiert Rondeau jazzig. Jeder Triller ein kleines Kunstwerk! Die gebrochenen Akkorde in François Couperins La Ténébreuse (Allemande) gleichen Gefühlsausbrüchen, die sich im Marche des Scythes von Pancrace Royer mit spektakulären Läufen zu einem echten Rausch steigern. Nach seinem gefeierten Luzern-Debüt kommt Rondeau an die Poolbar, bestellt einen Tee und mischt sich unters Restpublikum.

Das Klavierfestival des Luzerner Sinfonieorchesters ist zum ersten Mal zu Gast im Neubad. «Ich finde es spannend, das Cembalo in diesem Rahmen zu präsentieren. Dass wir hier nun auch neues Publikum gefunden haben, ist ein schöner Nebeneffekt», sagt Intendant Numa Bischof Ullmann tags darauf beim Gespräch im Café.

Start mit Brahms, Fortsetzung mit Schumann

Im Jahr 2019 hatte das Lucerne Festival sein im Herbst stattfindendes Pianofestival eingestellt. Die Enttäuschung in der Stadt war riesig. Als das Kultur- und Kongresszentrum (KKL) schliesslich eine Ausschreibung veranstaltete, um wieder ein Klavierfestival ins Leben zu rufen, entwarf Bischof Ullmann sein Konzept von «Le Piano Symphonique» – und erhielt den Zuschlag. Das erste Festival 2022 widmete sich ganz Johannes Brahms und wurde gut aufgenommen.

In diesem Jahr eröffnete Rudolf Buchbinder die Konzertreihe mit feingliedrigen Mozart-Variationen über Ah, vous dirai-je, Maman KV 256, einer ganz gerade gespielten, am Ende sich schön zuspitzenden Appassionata und etwas zu massiv genommenen Symphonischen Etüden op. 13 von Robert Schumann, dem Schwerpunkt-Komponisten des diesjährigen Festivals. Im reichen Programm finden sich weitere grosse Namen wie Evgeny Kissin im Sonderkonzert oder Khatia Buniatishvili, aber auch Newcomer wie der erst 18-jährige Israeli Yoav Levanon, der auf Wunsch des Intendanten Ignacy Jan Paderewskis selten gespieltes Klavierkonzert mit dem Luzerner Sinfonieorchester im KKL interpretiert. Dass in der zweiten Konzerthälfte Víkingur Ólafsson noch ein Klavierrezital gibt, ist ungewöhnlich.

«Wir möchten spielerisch mit Konzertformaten umgehen und den Künstlerinnen und Künstlern den passenden Rahmen geben. Dazu gehören auch traditionelle Formen.» Bischof Ullmann will den Klavierkanon feiern, aber auch Unbekanntes ans Licht holen. Im nächsten Jahr gibt es eine Uraufführung. Dass das Lucerne Festival im Mai jetzt doch wieder ein von Igor Levit kuratiertes Klavierfest neu auflegt, betrachtet er gelassen, zu unterschiedlich seien die Ausrichtungen.

Martha Argerich ist schon lange dem Luzerner Sinfonieorchester verbunden. Robert Schumanns Klavierkonzert gestaltet sie im voll besetzten KKL wirklich als Fantasie, als die es ursprünglich geplant war: mit delikaten Farbwechseln, drängender Melodik und müheloser Virtuosität. Nie spielt sie das Hauptthema im ersten Satz gleich. Die Pianistin ist ganz verwoben mit dem Orchester, das Michael Sanderling aufmerksam um alle Klippen leitet. Nur im Finale hakt es hin und wieder ein wenig im Zusammenspiel. Aber die heiklen Übergänge, etwa vom Intermezzo zum Finale, gelingen wie aus einem Guss. Argerich zaubert, lässt den Flügel im Diskant wie eine Celesta klingen und macht aus den donnernden Akkordbrechungen elegante Spitzen. Und sie schenkt, selten genug, zwei Zugaben: ein ganz verinnerlichtes Von fremden Ländern und Menschen aus Schumanns Kinderszenen und eine delikate Gavotte aus Bachs Englischer Suite III in g-Moll.

Aufbruchstimmung

Vor der Pause erklang Johannes Brahms 3. Sinfonie in ihrer gesamten Bandbreite zwischen lyrischem Innehalten und dramatischem, kämpferischem Ausbruch. Der im Herbst 2021 aus Dresden gekommene Chefdirigent Michael Sanderling sieht Johannes Brahms als «zwingend notwendige Eingangstür für grosses romantisches Repertoire». Eine Gesamtaufnahme der vier Sinfonien und des von Arnold Schönberg für Orchester bearbeiteten Klavierquartetts in g-Moll erscheint in wenigen Wochen.

Die rein privat finanzierte Vergrösserung des Orchesters von rund 50 Stellen beim Amtsantritt des Intendanten im Jahr 2004 auf im Augenblick rund 80 schafft nun die Voraussetzung, gross besetzte Werke angemessen zu realisieren. Während anderswo auf die Sparbremse gedrückt wird, verbreitet sich beim Luzerner Sinfonieorchester Aufbruchsstimmung. Ein neues Orchesterhaus sorgt für optimale Probe- und Aufnahmebedingungen. Sanderling ist begeistert vom Rückhalt in der Stadt und der schnellen Auffassungsgabe seiner Orchestermitglieder. Die Harmonie ist auch zu hören bei Brahms’ 3. Sinfonie. Besonders die Streicher reagieren auf Sanderlings klares, sachdienliches Dirigat schnell und sensibel. Bei den nicht ganz homogen besetzten Bläsern ist noch Luft nach oben. Im Finale entfesselt Sanderling die gestauten Orchesterkräfte und lässt den Satz wieder zur Ruhe kommen. Und das Luzerner Publikum feiert sein immer grösser werdendes Orchester.

Klavierfestival «Le Piano Symphonique», noch bis 11. April.
sinfonieorchester.ch

 

8. Ars Electronica Forum Wallis Selection 2022/23

Die Resultate des heuer zum 8. Mal ausgetragenen Wettbewerbs für akusmatische Musik Ars Electronica Forum Wallis sind bekannt gegeben worden.

Ausschnitt aus dem Plakat des Forum Wallis 2023

In die Ars Electronica Forum Wallis Selection 2022/23 kamen zehn Musikschaffende aus China, Brasilien, Chile, den USA, Italien, Österreich und Deutschland. Ihre Namen (in alphabetischer Reihenfolge) und Werktitel lauten:

Karl Gerber/Four Sensors
Nolan Hildebrand/Merz Re[#1] Daniel Mayer/Matters_8
Robert McClure/syn
Felipe Otondo/Sauti
Mattia Parisse/Brulicautoma
Alessio Rossato/Temple of No Religion
Thiago Salas & Renan Gama/Rejunte
Zach Thomas/branch-splitter-moss
Bihe Wen/Atmo-

Eine Special Mention gab es für sieben weitere:

Alejandro Casales/Lullaby
Ron Coulter/fever
Nicola Fumo Frattegiani/Der hohle Zahn
Paul Oehlers/Red Coyote
Leah Reid/Ring Resonate Resound
Rosa Maria Sarri/Stallo
Konstantine Vlassis/Lækurinn að brjóta.

Die Werke werden am 10., 11. und 12. März 2023 im Rahmen des Festivals für Neue Musik Forum Wallis im neu eingerichteten Mebu Münster im Goms gespielt.

Das Forum Wallis ist ein internationales Festival für Neue Musik, das 2006 gegründet und von der Walliser Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik IGNM-VS alljährlich veranstaltet wird. Die 16. Festivalausgabe findet vom 2.-19. März 2023 nacheinander auf Schloss Leuk, im Mebu Münster sowie in Simplon Dorf und Ernen statt.

http://forumwallis.ch
https://www.forumwallis.ch/programm-2022arselectronicaforumwallis-call_initial.htm

Sabina Schmuki in Lettland ausgezeichnet

Beim Chorkompositionswettbewerb zum 100. Geburtstag der ISCM erhielt Sabina Schmuki für ihre Komposition «Ave Terra» in der Kategorie Kinderchöre einen dritten Preis.

Der Mädchenchor Tiara in den Studios des Lettischen Nationalradios zusammen mit den Ausgezeichneten und Jurymitgliedern. Foto: Latvijas Radio

 

Beim Chorkompositionswettbewerb zum 100-jährigen Bestehen der ISCM (International Society for Contemporary Music, Internationale Gesellschaft für Neue Musik IGNM) wurde in der Kategorie Kinderchöre die Schweizer Komponistin Sabina Schmuki mit einem 3. Preis ex aequo ausgezeichnet. Vier verschiedene ISCM-Ländersektionen führen den Wettbewerb in vier Kategorien durch: gemischte Chöre Laien (ISCM Baskenland), gemischte Chöre Profis (ISCM Estland), Männer-/Frauenchöre (ISCM Switzerland) und Kinderchöre (ISCM Lettland) (die SMZ berichtete).

Jury und Resultate

In der Jury des Wettbewerbs der lettischen Sektion wirkten die Dirigentin Aira Birziņa sowie die Komponisten Uģis Prauliņš und Āriks Ešenvalds. Insgesamt wurden 25 Werke aus Lettland, Litauen, Polen, Finnland, den Niederlanden, Österreich, Italien, der Schweiz, Israel und den USA eingereicht.

1. Platz – nicht vergeben
2. Platz – Zuzanna Kozeja (Polen) – Laus Trinitati
3. Platz – Renāte Stivriņa (Lettland/Polen) – Ave Maris stella
3. Platz – Sabina Schmuki (Schweiz) – Ave Terra
3. Platz – Alfred Momotenko-Levitsky (Niederlande) – When You ask me

Uraufführung von Ave Terra

Der Mädchenchor Tiara des Rigaer Doms brachte Ave Terra  im 1. Studio des Lettischen Radios (Latvijas Radio)  unter der Leitung von Aira Birzina zur Uraufführung. Dieser Chor gehört zu den weltbesten Mädchenchören und gewann jüngst den 1. Preis beim 53. Chorwettbewerb in Tolosa.

Sabina Schmuki hat sich in Ave Terra  an der Idee des «Ave Maria» orientiert und daraus das Ave Terra entwickelt. «An unorthodox approach to creation and climate change», «eine unkonventionelle Annäherung an die Schöpfung und den Klimawandel», heisst es im Untertitel. Das Stück fordert den Zuhörer denn auch zur Achtsamkeit und zur Umkehr auf. Es ist bereits das zweite Werk, das Schmuki diesem Thema widmet. Davor schrieb sie – vor dem Hintergrund des dramatischen Bergsturzes von Gondo und der Problematik des schwindenden Permafrostes – ein Stück für Männerchor in Rätoromanisch.

Videolink zu Uraufführung:

https://www.youtube.com/watch?v=tYBhzLqLxoo

 

 

Nidwalden fördert Musiktalente

Auf der Grundlage des Rahmenkonzeptes «Junge Talente Musik» des Bundes führt der Kanton Nidwalden ein Förderungsprogramm für Musikschülerinnen und -schüler ein. Bewerbungsfrist: 28. Februar.

Ob Trompete oder andere Instrumente, alle Musiktalente sind willkommen. Foto: Adobe Photostock

Wer an einer Nidwaldner Musikschule, am Kollegi Stans oder privat ein Instrument lernt oder die Stimme ausbilden lässt, kann sich ab sofort bis am 28. Februar für das kantonale Förderprogramm für Musikbegabte anmelden. Die Aufnahmeprüfung findet am 1. April in Hergiswil statt. Die erfolgreichen Absolventinnen und Absolventen können mit dem Progamm im Schuljahr 2023/24 starten. Es richtet sich nicht nur an angehende Profis, sondern an alle begabten Musikschülerinnen und -schüler mit Wohnsitz im Kanton Nidwalden.

Grundlage für die Einführung der Musikalischen Begabtenförderung im Kanton Nidwalden sei das Rahmenkonzept «Junge Talente Musik» des Bundes, schreibt die Musikbegabtenförderung Nidwalden in ihrer Medienmitteilung. Unter anderem sehe dieses Konzept direkte finanzielle Beiträge für die einzelnen Talente vor. Auch der Kanton beteilige sich mit einem namhaften Beitrag am Programm.

Link zu weiteren Informationen und zur Anmeldung

In eine bessere Welt entrücken – Liederabende in der Ukraine

Mit der Hilfe von Silke Gäng veranstaltet Roman Melish Liederabende in der Ukraine.

Roman Melish (rechts) und Taras Stoliar in der St.-Andreas-Kirche in Kyjiw. Bild: Maryana Rogovska

Die sanften Akkorde verbreiten Geborgenheit. Die helle, knabenhafte Stimme von Roman Melish berührt in ihrer Zerbrechlichkeit. «Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden», singt der ukrainische Countertenor. «Hast du mein Herz zu warmer Lieb‘ entzunden, hast mich in eine bessre Welt entrückt!» Für diesen besonderen Liederabend am 25. November 2022 in der goldglänzenden St.-Andreas-Kirche in Kyjiw stehen Dieselgeneratoren bereit, damit bei Stromausfall das von Andriy Vasin gespielte E-Piano nicht stumm bleibt. Batteriegetriebene Lampen sind ebenfalls besorgt. Nur bei Bombenalarm müsste man abbrechen. Aber es bleibt ruhig. Die zum Konzert eingeladenen Kriegsflüchtlinge können sich für eine Stunde in eine bessere Welt träumen. Ein Stück Normalität im Chaos, ein wenig Balsam für die Seele.

Banduraspieler und Soldat

Bis vor wenigen Tagen hat Taras Stoliar noch an der Ostfront im Donbas gekämpft. Nun sitzt der Soldat im Kampfanzug neben dem Sänger und spielt die Bandura, das ukrainische Nationalinstrument. Auch diese aus dem 6. Jahrhundert stammende Laute klingt mit ihren zarten, silbrigen Tönen beruhigend. In Sowjetzeiten wurde die Bandura als Ausdrucksmittel des ukrainischen Nationalbewusstseins erbittert bekämpft. Dmitri Schostakowitsch berichtet in seinen posthum veröffentlichten Memoiren von einer Massenexekution an Banduraspielern in den 30er-Jahren.

Stoliar ist eigentlich professioneller Musiker und spielt im Naoni-Orchestra, dem nationalen Orchester für Volksinstrumente. Seit dem Angriff Russlands verteidigt er sein Heimatland. Für das Konzert brauchte er eine Sondererlaubnis der Militärbehörde. «Wir konnten so zeigen, dass auch Musiker als Soldaten für unser Land kämpfen – und dass Soldaten auch Musiker sein können», sagt Roman Melish im Videogespräch. Deutsche und ukrainische Lieder hat der Sänger für dieses Konzert zusammengestellt, das man zuvor auch an zwei Abenden im ehemals russisch besetzten Irpin in einer Bibliothek veranstaltete. «Das Publikum war sehr berührt. Ich habe viele Tränen gesehen. Die Zuhörerinnen und Zuhörer haben für die Dauer des Konzertes vergessen, dass sie Flüchtlinge sind», erzählt er.

Unterstützung aus Basel

Dass diese Liederabende mitten im Krieg stattfinden, ist Silke Gäng zu verdanken. Die Mezzosopranistin und künstlerische Leiterin von Lied Basel hat mit Roman Melish zusammen in Basel studiert. Auch in den letzten Jahren, als er wieder in Kyjiw wohnte, kam er zu Konzerten in die Schweiz. «Wir waren eher Kollegen als Freunde», sagt Gäng beim Gespräch in ihrer Heimatstadt Freiburg. Als Russland die Ukraine angriff und sie auf Romans Instagram-Profil furchtbare Bilder aus dem Krieg sah, war sie tief bewegt und nahm zu ihm Kontakt auf. «Es gab damals bei uns viele Solidaritätskonzerte. Ich wollte den Menschen vor Ort mit Musik helfen. Aber wird Musik überhaupt gebraucht, wenn man ums Überleben kämpft?»

Beim Basler Liedfestival stellt sie mit ihren Mitstreitern das Kunstlied in einen grösseren gesellschaftlichen Kontext und geht der Frage nach, was Musik bewirken kann. Der Krieg sei sozusagen der Realitycheck gewesen. Sie sammelte in Basel Spenden für das ambitionierte Vorhaben in der Ukraine, feilte mit Roman am Programm und sprach ihm die deutschen Texte ein, damit er die korrekte Aussprache üben konnte. Dass es mit Mykola Lyssenko sogar einen ukrainischen Komponisten gab, der im 19. Jahrhundert in Leipzig bei Carl Reinecke studiert und die deutsche Kunstliedtradition in der Ukraine eingeführt hatte, erfuhr sie erst durch Romans Recherchen.

Musik, um zu fühlen

Für ihn selbst war das Kunstlied Neuland. Der Countertenor ist auf Alte Musik spezialisiert. Deshalb kam er 2013 zum Studium an die Schola Cantorum Basiliensis. Deshalb kehrte er 2019 wieder in die Ukraine zurück, um dort die historische Aufführungspraxis bekannter zu machen. Dass er selbst nicht zur Waffe greifen muss, hat er seinem Gesang zu verdanken. Nach dem zehnten Kriegstag erhielt er einen Musterungsbescheid. Der verantwortliche Soldat im Militärbüro erkannte ihn als Sänger, war er doch im ukrainischen Fernsehen in der Show The Voice wenige Tage zuvor mit einer Vivaldi-Arie zu sehen gewesen – und schickte ihn wieder weg.

Den Kriegsausbruch am 24. Februar 2022 erlebte Roman im Haus seiner Eltern auf dem Land in der Westukraine. «Ich war total gelähmt und hatte eine unglaubliche Angst.» Eigentlich wollte er am nächsten Tag nach Kyjiw zurückkehren. Nun herrschte überall Panik. Die Autos stauten sich. Die Supermärkte wurden leergekauft. «Mein Bruder und ich haben unsere Dokumente gerichtet und einen Koffer gepackt für den Fall, dass wir fliehen müssen.» Erst am 6. April kehrte er im abgedunkelten Zug für ein Konzert an Mariä Verkündigung nach Kyjiw zurück. Und erlebte eine Stadt im Ausnahmezustand – mit Checkpoints, nächtlicher Ausgangssperre und Menschen, die in der U-Bahn leben, weil ihr Haus zerbombt wurde.

Am Anfang habe er sich im Krieg als Musiker völlig nutzlos gefühlt, aber das habe sich geändert. «Für mich bietet Musik die Möglichkeit, darüber nachzudenken, was gerade passiert. Mit Musik kann ich meine Emotionen teilen. Die Menschen brauchen hier Musik, weil sie etwas fühlen möchten. Sie ist wichtig für den inneren Halt.» Der Krieg habe ihn verändert. Er sei direkter und weniger kompromissbereit als vorher. Jeder Tag könne sein letzter sein. Dieses Bewusstsein mache ihn aber auch empfänglicher für das Schicksal anderer.

Als sich Silke Gäng bei ihm meldete, empfand er dies «wie eine Umarmung in diesem furchtbaren Krieg». Die Unterstützung aus Basel bedeute ihm viel. «Sie hilft mir, damit ich anderen helfen kann. Unser Liederabend-Projekt hat mir Kraft und Energie zurückgebracht. Und meinem Leben wieder einen tiefen Sinn geschenkt.»

Inzwischen gibt Melish in Kyjiw wieder regelmässig Konzerte mit Alter Musik. Für den nächsten Liederabend könnte er sich einen Auftritt vor Soldaten vorstellen. Oder ein Konzert in Butscha, dem durch das russische Massaker weltweit bekannt gewordenen Ort. Aber zunächst kommt Roman Melish am 21. April nach Basel, um im Rahmen von Lied Basel einen Liederabend zu geben und sich bei den Spendern zu bedanken. Neben Andriy Vasin und der Sopranistin Ivanna Plish soll auch Taras Soliar  dabei sein, wenn er wieder eine Sondererlaubnis bekommt. «Gefährlich leben» heisst das Motto des Festivals, das lange vor Kriegsbeginn festgelegt wurde.

Konzert in der Bibliothek in Irpin. Bild: Yevhen Petrychenko

 

Tagung Musikdiskurse nach 1970

Eine dreitägige öffentliche Veranstaltung an der Hochschule der Künste Bern HKB beleuchtet vom 23. bis 25. März Diskurse zur zeitgenössischen Musik und ihr Verhältnis zu Improvisation, Fernsehen und Gesellschaft. Referate mit Perspektiven aus 14 Ländern und Podiumsdiskussionen werden durch zwei Konzerte ergänzt.

Improvisatorinnen wie Franziska Baumann prägten die Entwicklung zeitgenössischer Musik. Foto: Francesca Pfeffer

Seit den 1970er-Jahren erfolgte ein Boom zeitgenössischer Musik: Festivals entstanden, Ensembles wurden gegründet, Konzertreihen lanciert. Das SNF-Projekt «Im Brennpunkt der Entwicklungen. Der Schweizerische Tonkünstlerverein 1975–2017» an der HKB untersucht konkurrierende ästhetische Entwicklungen, die wachsende Bedeutung nicht-komponierter Musik, die Rolle gesellschaftspolitischer Umbrüche für das zeitgenössische Musikschaffen sowie den medialen Wandel.

Die Tagung spiegelt diese Themen aus der Perspektive von 14 Ländern in fünf Panels: Wie wird mit kontroversen Positionen zwischen Tradition und Avantgarde um die Deutungshoheit über das Zeitgenössische gestritten? Und mit welchen Folgen?

Lange Zeit versperrte sich zeitgenössische Musik der improvisierten Musik. Erste Bestrebungen ihrer Integration erwiesen sich (beim STV) als unbeholfene Versuche, aus dem selbstgewählten und wehleidig beklagten «Ghetto» auszubrechen. Später erfolgte die gegenseitige Annäherung beherzter. Wie haben sich zeitgenössische Musik und Improvisation nun gegenseitig wahrgenommen und beeinflusst? Welche Rolle hatte Improvisation in der Entwicklung neuer Musik?

Neue Musik und Fernsehen: Das ist vorab eine Erzählung von Aufstieg und Niedergang, zuerst begünstigt durch Neugier gegenüber dem neuen Medium und Narrenfreiheit, dann geprägt von Quotenzwang und bürokratischen Strukturen. Doch spielen die marginalen Beiträge im TV überhaupt eine Rolle im Diskurs? Wie weit lassen sich am Boom und späteren Abflauen wie auch an Veränderungen in Auswahl, Inhalt und Form ein Verständnis neuer Musik ablesen, inwiefern auch ein gesellschaftlicher, kultureller und medialer Wandel?

Letzteren reflektiert auch das letzte Panel: Welche Rolle spielen Institutionen bei Entwicklung und Prägung verschiedener Diskurse? Welche Stellung haben Veranstalter, seien es Radio, Labels, Festivals oder Komponistenverbände? Und welches sind die übergreifenden Diskurse? Das Nationale? Das Internationale? Die Stellung der Frauen? Ein Abschlusspodium u. a. mit dem Historiker Philipp Sarasin wird sich diesen Fragen widmen.

Ergänzt werden Referate und Diskussionen durch musikalische Live-Beiträge: Improvisationsdiskurse werden auf die Bühne gebracht, und ein zweiter Konzertabend stellt Werke vor, die es einst nicht auf die Bühne geschafft haben, weil die Jury sie aus ästhetischen, personalpolitischen oder praktischen Gründen nicht für die Programme nominierte.

Programm und Anmeldung: www.hkb-interpretation.ch/musik-diskurse

Aufführung des Orgelwerkes von Josef Garovi

Die «liturgischen» Kompositionen des Obwaldner Musikers werden dieses Jahr an verschiedenen Orten in der Schweiz aufgeführt.

Josef Garovi spielte seine Orgel-Werke in Gottesdiensten. Foto: Garovi-Archiv

Am 7. März 2023 jährt sich der 115. Geburtstag von Josef Garovi (1908–1985). Der Obwaldner Musiker und Komponist wirkte seinerzeit in Obwalden, Luzern, Zürich und im Wallis. 1977 wurde er mit der Orlando-di-Lasso- Medaille und 1978 mit dem Kulturpreis der Innerschweiz geehrt.

Bei der Ordnung des Nachlasses kamen verschiedene, nicht publizierte liturgische Orgelkompositionen zum Vorschein, die der Komponist jeweils selbst in den Gottesdiensten gespielt hatte – und die dann im Nachlass liegen geblieben sind.

Diese «liturgischen» Kompositionen sollen nun in diesem Jahr aufgeführt werden. Choralvorspiele, Präludien, Postludien, Offertorien, Versetten werden an folgenden Kirchen gespielt, teilweise an Orten seines Wirkens: In Obwalden an der Pfarr- und Wallfahrtskirche Sachseln, im Frauenkloster und in der Kollegiumskirche in Sarnen; in Luzern an der Jesuitenkirche (Orgelklasse von Suzanne Z’Graggen, Hochschule Luzern) sowie an der Johanneskirche (Beat Heimgartner); im Wallis an der Kollegiumskirche Brig (Hilmar Gertschen) sowie in Zürich an der Johanneskirche (Tobias Willi).

Weitere konzertante Aufführungen seiner Werke sind geplant in der Klosterkirche Engelberg (Alessandro Valoriani), an der Hofkirche Luzern (Stéphane Mottoul) sowie in Bern an der Dreifaltigkeitsbasilika (Olivier Eisenmann). Damit wird in diesem Jahr in verschiedenen Kirchen beinahe das gesamte Orgelwerk des Dupré-Schülers Josef Garovi gespielt.

Josef Garovi studierte u.a. an der Organistenschule Luzern. Foto: Garovi-Archiv

Genaue Angaben zu den Orten und Konzerten werden zu gegebener Zeit
auf der  Josef-Garovi-Website veröffentlicht.

Artikel in der Schweizer Musikzeitung

Beat A. Föllmi: Zwölftonmusik in der Innerschweiz, SMZ 1/2000, Seite 11 ff.

Angelo Garovi: Blasorchester, Kirchenchöre und Zwölftonmusik, SMZ 4/2008, Seite 5 ff.

Vorstandswechsel bei der Allgemeinen Musik-Gesellschaft Zürich

Ende 2022 hat sich der Vorstand der Allgemeinen Musik-Gesellschaft Zürich neu aufgestellt. Heinrich Aerni wurde zum Präsidenten gewählt.

Ende 2022 konstituierte sich der Vorstand der Allgemeinen Musik-Gesellschaft Zürich (AMG) neu. Heinrich Aerni (Zentralbibliothek Zürich) wurde als Nachfolger von Inga Mai Groote (Universität Zürich) zum Präsidenten gewählt, Esma Cerkovnik (Universität Zürich) ist neue Vizepräsidentin. Aktuariat, Archiv und Bibliothek betreut Eva Martina Hanke, das Quästorat Angelika Salge (beide Zentralbibliothek Zürich). Zum Beisitz zählen Enrico Fischer, Veronika Frey, Claire Genewein, Susanne Hess, Ulrike Thiele (Tonhalle-Gesellschaft Zürich) und Andrea Wiesli.

Die AMG entstand im Jahr 1812 aus einem Zusammenschluss von Collegia Musica, die ins frühe 17. Jahrhundert zurückreichten.

Arion auf dem Delphin im unteren Seebecken vor dem Panorama der Stadt Zürich. Radierung von Johannes Meyer, gedruckt auf dem ersten Neujahrsblatt der Gesellschaft ab dem Musiksaal (1685), einer Vorgängergesellschaft der AMG. (Bild: Zentralbibliothek Zürich)

Das 10. Forum Musikalische Bildung

Mit den Dachthemen Digitalisierung und Inklusion widmete sich das 10. FMB vom 20./21. Januar 2023 brennenden Bildungsfragen.

Das Trio Pilgram spielte zur Eröffnung des 10. Forums Musikalische Bildung. Foto: Anne Fröhlich FRAME PHOTOGRAPHY

 

Das Forum Musikalische Bildung (FMB) war 2022 «coronabedingt» – man mag es kaum noch hören – um ein Jahr verschoben worden. Drei Jahre sind also seit der letzten Ausgabe verstrichen. Am 20. und am 21. Januar dieses Jahres war es wieder so weit. Im November 2007 von Hector Herzig, dem damaligen Präsidenten des Verbandes Musikschulen Schweiz (VMS), ins Leben gerufen, fand es bis 2012 jährlich statt, danach alle zwei Jahre (siehe Geschichte des FMB). Der Gründer hatte viel Herzblut und Idealismus in dieses Forum gesteckt und machte es zum Aushängeschild des Verbands. Schade, dass Herzig nicht erschien und sich bei der zehnten Durchführung feiern liess; befremdlich auch die Tatsache, dass er mit keinem Wort erwähnt wurde.

 

Digitalisierung hat Höhepunkt überschritten

Der neue VMS-Präsident Philippe Krüttli durfte eine stattliche Zahl an Teilnehmenden begrüssen und übergab dann das Wort der Moderatorin des Anlasses, Myriam Holzner. Der erste Keynote-Referent, der Futurist Joël Luc Cachelin, hatte schon am FMB 2018 zum Thema Digitalisierung und Bildung gesprochen. Damals wurde die Digitalität im Unterricht vielerorts noch als etwas Bedrohliches wahrgenommen. Die Pandemie hat auf diesem Gebiet beschleunigend gewirkt, und manches ist inzwischen zum selbstverständlichen Teil des Unterrichtsalltags geworden. Cachelin wollte sich nicht auf eine Überprüfung seiner damaligen Prognosen einlassen. Viel lieber warf er einen erneuten Blick in die Zukunft – oder besser in verschiedene Zukünfte, die er nach Farben kategorisierte. Die pinke Zukunft zum Beispiel fragt nach dem Umgang mit unseren Fähigkeiten, die zunehmend von intelligenten Antwortmaschinen und Chatboxen konkurrenziert werden. In der grünen Zukunft geht es darum, intelligent mit Ressourcen umzugehen und die Nachhaltigkeit zu optimieren.

Und wo stehen wir heute in der Digitalisierung? Gemäss dem Zyklenmodell des russischen Wirtschaftswissenschaftlers Nikolai Kondratjew (1892–1938), führte Cachelin aus, habe die Digitalisierung ihren Höhepunkt bereits hinter sich. Heute gehe es noch darum, unfertige digitale Kreisläufe zu schliessen und die Sicherheit im Netz zu optimieren. Am Wesen der musikalischen Bildung wird sich im Grunde nichts ändern. Kreativität und Selbstwirksamkeit sind hier auch in Zukunft durch nichts zu ersetzen. Neuerungen sieht der Referent hingegen auf dem Gebiet der digitalen Hilfsmittel und beim Zusammenspiel von musizierenden Menschen und Maschinen (neue Instrumente, Robotik).

 

Netzwerke ersetzen Systeme

Den Begriff «digitale Transformation» gebe es erst seit 2014, erklärte Andréa Belliger, Prorektorin an der Pädagogischen Hochschule Luzern und Direktorin am Luzerner Institut für Kommunikation und Führung in ihrem Referat. Sie wies auf einen grundlegenden Unterschied hin: «Die digitale Transformation ist ein gesellschaftlicher Veränderungsprozess. Er verändert Normen und Haltungen und ist mehr als Digitalisierung.» Die Technologie erlaube eine hohe Konnektivität, welche gerade für das Bildungssystem eine grosse Herausforderung darstelle. Unzählige Do-it-yourself-Lehrpersonen fluteten das Netz mit E-Learning-Kursen. «Flipped classroom», «seemless learning» oder adaptives Lernen seien nur einige der vielen Stichworte dazu. Plattformen wie moog.org oder khanacademy.org böten umfassende Angebote an didaktisch perfekt aufbereiteten, kostenlosen Online-Kursen an, welche ein selbst gesteuertes und partizipatives Lernen erlaubten. Belliger ortete einen Paradigmenwechsel der Lehr- und Lernformen: «Wir stehen im Übergang zwischen System und Netzwerk.» Institutionen, dazu gehörten auch Musikhochschulen, müssten sich unter diesen Prämissen die grundlegende Frage nach ihrer Aufgabe stellen.

VMS-Präsident Philippe Krüttli und Valentin Gloor, Rektor der Hochschule Luzern Musik, führten durch die Diskussion. Foto: Anne Fröhlich FRAME PHOTOGRAPHY

Wie wird in der Schweiz Musik gelernt?

Valentin Gloor, vor vier Jahren noch Vorstandsmitglied des VMS, heute Direktor der Musikhochschule Luzern (HSLU) und Vizepräsident der Konferenz Musikhochschulen Schweiz, gab zusammen mit Philippe Krüttli einen Abriss über das breit angelegte Forschungsprojekt «Musiklernen Schweiz». (Die SMZ hat berichtet) Unter dem Vorsitz von Marc-Antoine Camp, dem Leiter des Kompetenzzentrums Forschung Musikpädagogik an der HSLU, und in Zusammenarbeit mit dem VMS sowie 37 Fachverbänden und Institutionen der Musikbildung wurde die ausserschulische Musiklernlandschaft der Schweiz untersucht.

Gloor brachte das Ziel der Studie auf den Punkt: «Wir wollten wissen, wohin es uns treibt.» Acht Handlungsfelder haben sich am Ende ergeben. Dazu gehören Angebote für Kinder im Vorschulalter, Zusammenarbeit mit der Volksschule, die Talentförderung, musikalische Angebote über alle Altersgruppen hinweg, Erweiterung des musikpädagogischen Berufsprofils. Letzteres wird demnächst in der Neufassung des entsprechenden VMS-Dokuments Eingang finden. In der anschliessenden Diskussion kamen die Zusammenarbeit mit der Volksschule sowie das Berufsprofil zur Sprache. Beim Thema Volksschule herrschte Konsens über ein anzustrebendes Zusammenrücken der Institutionen. Das zweite Thema hängt mit dem ersten zusammen, denn es fehlen weitgehend Ausbildungsgänge, die Instrumentallehrpersonen für den Unterricht an der Volksschule befähigen. Andererseits mangelt es zunehmend an musikalischer Unterrichtskompetenz der neu ausgebildeten Volksschullehrpersonen.

 

Jeder Mensch hat Beeinträchtigungen

Der zweite Tag war mit fünf Referaten und einer Diskussionsrunde reich befrachtet. Ausserdem wurde noch der Best-Practice-Wettbewerb vom Vortag zu Ende gebracht. Schulleiter Sandro Häsler durfte sein erfolgreiches Kompositionsprojekt für Lernende, «Meine Musik», präsentieren. Laurent Gignoux von der Musikhochschule Bordeaux stellte zwei sozial motivierte Orchesterprojekte an französischen Schulen vor. «Orchestre en classe», eine Art Klassenmusizieren, wird seit 1999 betrieben und umfasst heute 40 000 beteiligte Kinder. 2010 wurde von der Cité de la musique – Philharmonie de Paris «DÉMOS, Dispositif d’Éducation Musicale et Orchestrale à vocation Sociale» gegründet; es richtet sich an Kinder aus sozial oder kulturell benachteiligten Stadtvierteln bzw. ländlichen Gebieten. Das Projekt läuft heute in dreizehn Départements mit insgesamt zirka 10 000 Teilnehmenden.

Babette Wackernagel stellte ihre private Musikschule «Musik trotz allem» für Menschen mit Behinderung vor. De facto seien Menschen mit Beeinträchtigungen heute vom musikalischen Bildungskanon ausgeschlossen, weil es auf diesem Gebiet kaum Weiterbildungen gebe und sich Musiklehrpersonen folglich scheuten, sich auf diese Menschen einzulassen. Wackernagel appellierte an die Unvoreingenommenheit gegenüber dem Unterrichten behinderter Menschen.

Christoph Brunner, Beauftragter für Chancengleichheit und Inklusion an der Hochschule der Künste Bern, relativierte den Behindertenbegriff und machte deutlich, dass auch nicht behinderte Menschen im Alltag auf Schritt und Tritt Beeinträchtigungen erleben und Defiziterfahrungen machen. Er wies darauf hin, dass das Behindertengleichstellungsgesetz der Schweiz und auch die Uno-Behindertenrechtskonvention noch nicht umgesetzt seien.

Einen beeindruckenden Auftritt hatte Felix Klieser. Der international tätige Horn-Solist und Dozent an der Musikhochschule Münster hat keine Arme. Er berichtete von seinem Werdegang zum Berufsmusiker. Ihn stört vor allem die Defizitorientierung im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Die Kunst des Unterrichtens bestehe darin, jede Person zu verstehen und herauszufinden, wie ein Problem zu lösen sei. Das gelte genauso für Behinderte wie Nichtbehinderte. Den Begriff «Inklusion» möge er gar nicht, weil er impliziere, dass die Menschen, die damit gemeint sind, etwas nicht können.

Jacques Cordier vom Conservatoire de Grenoble hat sich auf die Konstruktion von Instrumenten spezialisiert, die auch mit starken Behinderungen bedient werden können. Er entwickelt Schnittstellen-Systeme, die zwischen Mensch und Instrument zur Anwendung kommen, zum Beispiel elektromagnetische Schlägel und Tasten, die mit verschiedenen Körperteilen betätigt werden können. Im wie immer hochstehenden musikalischen Rahmenprogramm war mit dem  Tabula Musica Orchester ein Ensemble mit behinderten und nicht behinderten Musizierenden zu erleben. Hier wurden solche Konstruktionen live eingesetzt.

(Die Schweizer Musikzeitung ist Medienpartnerin des FMB.)

Das  2017 gegründete Tabula Musica Orchester ist in Bern beheimatet. Foto: Anne Fröhlich FRAME PHOTOGRAPHY 

Basel Composition Competition 2023

Vom 9. bis zum 12. Februar findet in Basel die vierte Basel Composition Competition statt. Es sind 12 Kompositionen nominiert.


Die drei Preisträger 2021. Foto: Olivia Brown

 

Die Ausschreibung der vierten Basel Composition Competition hat sich an alle Komponierenden gerichtet, es gab keine Altersbeschränkungen oder Bildungsvorschriften. Die drei besten Kompositionen werden mit Geldpreisen ausgezeichnet (60 000 Franken für den ersten, 25 000 Franken für den zweiten und 15 000 Franken für den dritten Preis).

Lediglich 14% der Einreichungen stammten von Frauen. Deshalb soll ein Vermittlungsprojekt des Wettbewerbs helfen, neue Rollenmodelle zu schaffen. Zudem besteht bereits seit der ersten Competition im Jahr 2017 ein weiteres Vermittlungsprojekt, das Schülerinnen und Schülern mit dem Metier des Komponierens vertraut machen will.

Die Jury besteht diese Jahr aus Michael Jarrell (Präsident), Rebecca Saunders, Isabel Mundry, Andrea Scartazzini, Toshio Hosokawa und Florian Besthorn.

Alle Konzerte können über in einen kostenlosen Live-Stream mitverfolgt werden.

An den Konzerten vom 9. bis 11. Februar sind Werke zu hören von: Masato Kimura, Steven Heelein, Leonardo Silva, Jinhan Xiao, Carlos Satue, Kotaro Morikawa, Masashi Kawashima, Jinseok Choi, John Weeks, Valerio Rossi, Gijsbrecht Roijé, Nana Kamiyama.

Bericht von Daniel Lienhard über die erste Basel Composition Competition 2017

Bericht von Niklaus Rüegg über die zweite Basel Composition Competition 2019

 

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