Die Klassik in der Mediamorphose

Bei der Berliner Avant Première wurden über 500 neue Musikfilme präsentiert.

Einige Anarchisten aus dem Dokumentarfilm «Addio Lugano Bella». Foto: RSI

«Listen with your Eyes» lautet das Werbemotto von EuroArts, der internationalen Produktionsfirma für Musikfilme mit Sitz in Berlin. Und der Satz «Das Auge hört mit» ist seit gut einem Jahrzehnt zum geflügelten Wort geworden, wenn es um die Verbindung von Klassik mit bewegten Bildern geht. Was im Popbereich schon lange alltäglich ist, gilt nun auch für die sogenannte Kunstmusik: Videoaufzeichnungen setzen sich durch.

Bei der Avant Première, einer Fachmesse, die immer im Februar in Berlin unter der Regie des internationalen Musik- und Medienzentrums Wien stattfindet, wurden nun über 500 neue Musikfilme aus 38 Ländern präsentiert. Eine kleine Auswahl ist jeweils in voller Länge zu sehen, und in den stundenlangen Screening Sessions kann jede Produktions- oder Vertriebsfirma und jede Fernsehanstalt eine Viertelstunde lang Ausschnitte aus ihren Highlights vorführen. Anschliessend finden draussen in der Lobby gleich die Absprachen statt: Wer kauft was von wem und zu welchen Bedingungen. Gehandelt werden nicht nur Konzert- und Opernaufzeichnungen, ein solider Grundstock des Musikfilmbusiness, sondern auch Jazzfilme, Künstlerporträts, anspruchsvolle Dokumentationen und erstaunlich viele Tanzfilme.

Tanz

Tanz ist bekanntlich die einzige Gattung der «performing arts», die medial ausschliesslich im Film dargestellt werden kann. Das Spektrum reichte diesmal vom obligaten Nussknacker bis zum anspruchsvollen Experiment: eine Koppelung der sechs von Jean-Guihen Queyras gespielten Cellosuiten von Bach mit einer Choreografie von Anna Teresa De Keersmaeker. Die Szenerie und die sechs Tänzer sind ganz in Schwarz gehalten und der Cellist sitzt mittendrin. Der unendliche Variantenreichtum von Bachs Musik geht eine faszinierende Verbindung ein mit den Bewegungen der Körper im Raum, die Kamerabewegungen bilden in diesem Kontrapunkt eine zusätzliche Stimme. Produziert hat das filmische Kunstwerk unter dem Titel Mitten wir im Leben sind die Leipziger Firma Accentus zusammen mit NHK Tokio, dem SWR und ARTE. Budget: «over 250.000».

Tessin

Vom Schweizer Fernsehen waren diesmal nur die Tessiner vertreten, wie immer mit attraktiven Projekten. Dazu gehörten eine Dokumentation über Sergej Rachmaninow in der Schweiz und seine Villa Senar am Vierwaldstättersee sowie Addio Lugano Bella, eine faszinierende Spurensuche nach den italienischen Anarchisten des 19. Jahrhunderts, die im Tessin Unterschlupf fanden. Es waren keine durchgeknallten Terroristen, sondern eingeschworene Einzelgänger und Outcasts, die auf vergilbten Fotos zu sehen sind. Tessiner Liedermacher singen dazu die nostalgischen Lieder von damals.

Trends

An Aktualität mangelte es nicht. In auffällig vielen Konzertaufzeichnungen wurde auf irgendeine Art, sei es auch nur mit einer blaugelben Fahne im Hintergrund, Solidarität mit der Ukraine geübt. «Black Music» ist im Musikfilm offensichtlich kein Aufreger; in Jazz, Pop und Ethno ist sie Alltag, und in den Sinfonieorchestern von Tokio bis Mexiko sind «Nichtweisse» ohnehin die Mehrheit. Das Phänomen «dirigierende Frau» ist aber nach wie vor ein Thema – mit zweischneidiger Wirkung. In der Euphorie, endlich anerkannt zu sein, lassen sich manche jungen Dirigentinnen zu unvorteilhaften Aussagen verleiten. Das klingt dann, als sei ihnen der Aspekt der Selbstverwirklichung wichtiger als der Dienst am Werk. Joana Mallwitz erklärt etwa, sie dirigiere, um sich selbst besser kennenzulernen, und Alondra de la Parra liebt es blumig: «Wenn ich am Dirigentenpult stehe, dann bin ich eine Frau, ich bin auch gleichzeitig ein Mann, ich bin ein Kind, ich bin ein Sonnenuntergang.»

Auf der Webseite medici.tv, dem weltweit grössten Streamingportal für Klassikfilme mit über 3500 Produktionen im Angebot, wird die Legende vom Sonderfall Dirigentin entzaubert. Hier können 46 «Grandes cheffes d’orchestre» mit ihren Aufnahmen abgerufen werden, von der erfahrenen Marin Alsop bis zur jungen Newcomerin Glass Marcano aus Venezuela. Die angeblich immer noch benachteiligte Minderheit ist im globalen Musikgeschäft längst angekommen.

Distribution

Die Verbreitungswege des Klassikfilms verlagern sich zunehmend in die zahlreichen Digitalkanäle, wo man nach dem Netflix-Prinzip für zehn Franken pro Monat ein riesiges Streamingangebot vorfindet; die physischen Produkte DVD und Blu-ray werden nach Auskunft führender Branchenvertreter nur noch als Liebhaberobjekt überleben. Die Liveaufführung in Konzertsaal und Oper hat zwar manche Vorteile gegenüber der medialen Wiedergabe, aber die «Mediamorphose» der Musik, wie der Musiksoziologe Kurt Blaukopf das einst genannt hat, ist nicht aufzuhalten. Und sie ist der entscheidende Motor des gegenwärtigen Kulturwechsels, der neuen Publikumsschichten einen Zugang zur Klassik ermöglicht und übrigens auch der Musikpädagogik neue Perspektiven eröffnet. Ein Demokratisierungseffekt, den man aus Sicht der Insider nicht kleinreden sollte. Die Berliner Avant Première bietet in dieser Hinsicht vorzügliches Anschauungsmaterial.

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Max Nyffelers Bericht über Avant Première 2019

Hervorragend interpretierte Werke an der Basel Composition Competition

Die vierte Ausgabe der Basel Composition Competition rückte bisher unbekannte Komponistinnen und Komponisten unterschiedlicher Generationen in den Fokus. Der Brasilianer Leonardo Silva gewann den mit 60 000 Franken dotierten 1. Preis.

Die Komponistinnen und Komponisten der 12 an der Basel Composition Competition aufgeführten Werke, mit Christoph Müller, Organisator und Gründer des Wettbewerbs. Foto: Julia Mäder/BCC

 

In diesem Jahr konnte die Basel Composition Competition (BCC) vom 9. bis 12. Februar unter ganz normalen Bedingungen stattfinden, was wohl von allen Beteiligten sehr geschätzt wurde. Im Gegensatz zum Kompositionswettbewerb am Genfer Concours vor einigen Monaten, wo nur gerade drei ausgewählte Werke im Finale erklangen, wurden in Basel immerhin zwölf Kompositionen für Sinfonie- bzw. Kammerorchester aufgeführt. Im Musik- und Kulturzentrum Don Bosco spielten die Basel Sinfonietta, das Sinfonieorchester Basel und das Kammerorchester Basel an drei Abenden unter der Leitung von Jessica Cottis, Clemens Heil und Sylvain Cambreling je vier Werke.

Um es gleich vorwegzunehmen: Alle drei Klangkörper waren sehr gut vorbereitet und motiviert, was jeder Komposition eine adäquate Aufführung garantierte. Selbst technisch anspruchsvollste Aufgaben wurden beeindruckend gemeistert.

Stilistische Breite, geografische Lücken

Bei der BCC gibt es keinerlei Beschränkungen, was Alter oder Nationalität der Teilnehmenden betrifft. Die Jury bestand dieses Jahr aus den Komponisten Michael Jarrell (Vorsitz), Toshio Hosokawa (dessen neues Violinkonzert am 2. März 2023 von den Berliner Philharmonikern uraufgeführt wurde), Luca Francesconi, Andrea Scartazzini und dem Direktor der Paul-Sacher-Stiftung, Florian Besthorn. Isabel Mundry war zwar an der Auswahl im Oktober beteiligt gewesen, musste aber wie Rebecca Saunders krankheitshalber ihre Teilnahme absagen.

Ohne die Herkunftsländer der Komponistinnen und Komponisten aller eingesandten Werke zu kennen, bleibt die Tatsache erstaunlich, dass unter den gespielten Stücken keines aus Nordamerika oder Osteuropa stammte, die Mehrzahl hingegen aus Ostasien. Stilistisch waren sie dennoch recht unterschiedlich, ihre Titel oft rätselhaft (Metempsychosis, e-e IV, Opus reticulatum, Incognita_C) und einige ziemlich uninteressant. Einmal mehr stellte sich heraus, dass ein komplexes Notenbild mit extremer Auffächerung der Stimmen keine Garantie für einen besonderen Klang ist, ebenso wenig wie die in den Werkerläuterungen erwähnten persönlichen Schicksalsschläge oder die Bezugnahme auf bekannte bildende Künstler oder Dichter, von deren Glanz etwas auf das jeweilige Stück abstrahlen soll.

Erstaunliche Rangliste

Die Werke für das Abschlusskonzert auszuwählen, dürfte etwas einfacher gewesen sein, als die Schlussrangliste festzulegen. Erfreulich war, dass man – obwohl vielleicht kein Meisterwerk darunter war – jedes der fünf im Finale am 12. Februar gespielten Werke gerne ein zweites Mal gehört hat.

Einen dritten Preis (je 7500 Franken) erhielt die Japanerin Nana Kamiyama (*1986) für Umbilical Cord für Kammerorchester, ein vom Klang japanischer Instrumente beeinflusstes Werk, das auf attraktive Weise Geräuschhaftes und definierte Tonhöhen verbindet. Auch chameleon des Südkoreaners Jinseok Choi (*1982) erhielt einen dritten Preis. Diese von traditioneller koreanischer Musik inspirierte virtuose und kraftvolle Komposition basiert auf mehreren unabhängigen musikalischen Zellen. Diese sind kontrastierend angeordnet und erzeugen sich überlappend laufende Veränderungen von Klang und Farben.

Den zweiten Preis in der Höhe von 25 000 Franken gewann der 1981 geborene Japaner Masato Kimura für –minusIX für fünf Streichquartette und Ensemble. Dieses interessant besetzte Werk ist Teil einer Serie, die der Komponist als «negativen akustischen Raum» bezeichnet. Sein Klang wird auf der Grundlage negativer Aspekte von Phänomenen wie Instabilität, Stille, Zweideutigkeit und Langsamkeit erzeugt. Daraus abgeleitet – nicht ganz leicht zu verstehen – entsteht ein für das Werk charakteristischer «Klangnebel».

Den Hauptpreis, gestiftet von der Isaac-Dreyfus-Bernheim-Stiftung, erhielt der in Berlin lebende brasilianische Komponist Leonardo Silva (*1989) für sein Stück Lume (musica d’immenso I). Es ist von einem kurzen Gedicht des italienischen Lyrikers Giuseppe Ungaretti inspiriert. Sicher kein schlechtes Werk, das sich aber in keiner Weise von den anderen Kompositionen abhob. Eher könnte man sagen, dass man seiner Klangwelt schon in vielen anderen Stücken der klassischen Avantgarde wie etwa jenen von György Ligeti begegnet ist. Dass auch Werke von Wagner, Strawinsky oder Boulez wie sein eigenes mit einem Es beginnen, hätte der Komponist wohl besser für sich behalten.

Von den Werken, die keinen Preis erhielten, waren Gou Chen IV der 22-jährigen Chinesin Jin-Han Xiao und Jenseits des Engländers John Weeks (*1949) am bemerkenswertesten. Das sehr schwer zu spielende Stück der jungen Chinesin, das auch elektronische Effekte imitiert, ist eine unglaubliche Klangeruption und liess die meisten anderen Werke blass aussehen. Jenseits für Kammerorchester von Weeks, aus einer völlig anderen Welt stammend, war eine der wenigen Kompositionen, die der Instrumentation einen ganz wichtigen Stellenwert beimassen. Altflöten, Englischhörner (mit einem von Matthias Arter wunderbar geblasenen Solo), Bassklarinetten und Kontrafagotte verliehen dem Werk eine aussergewöhnliche Aura.

Verankerung in der Stadt

Eine Besonderheit des BCC ist bestimmt, dass die Organisatoren grossen Wert darauf legen, den Wettbewerb in der Stadt zu verankern. So arbeiteten zum Beispiel mehrere Komponistinnen und Komponisten mit Schulklassen zusammen, erzählten aus ihrem Leben und erklärten ihre Werke und Kompositionsmethoden. In zwei Vorkonzerten erklangen ausserdem Kammermusikwerke der Jurymitglieder Toshio Hosokawa und Rebecca Saunders. Die von Marcus Weiss einstudierten Ensembles der Hochschule für Musik brillierten mit hervorragenden Interpretationen ausgesprochen interessanter Werke.

Im Februar/März 2025 findet die fünfte Ausgabe der Basel Composition Competition statt.

 

 

Martin Frutiger neuer Hauptfachdozent Oboe an der ZHdK

Die Zürcher Hochschule der Künste freut sich, ab Herbstsemester 2023 Martin Frutiger als Hauptfachdozenten Oboe zu begrüssen.

Martin Frutiger. Foto: Karin Aebersold

Martin Frutiger gehört als Solist, Orchestermusiker und Hochschuldozent zu den erfolgreichsten Oboisten der Gegenwart. Neben seiner Dozentur an der Hochschule Luzern HSLU unterrichtete er 2004 bis 2020 das Variantfach Englischhorn an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Er ist Mitglied verschiedener Kammermusik- und Orchesterformationen (Lucerne Festival Orchestra, Bayreuther Festspielorchester u.a.) und seit 2004 Oboist und Solo-Englischhornist im Tonhalle-Orchester Zürich. Darüber hinaus engagiert er sich in diversen Funktionen in der Nachwuchsförderung innerhalb der erweiterten pädagogischen Landschaft.

Kammermusikfestival «Frühlingserwachen»

An den Wochenenden vom 18. und 19. sowie 25. und 26. März 2023 wird im neu hergerichteten Singisen Saal des ehemaligen Klosters Muri/AG erstmals das Kammermusikfestival «Frühlingserwachen» durchgeführt.

Sebastian Bohren ist Artist in Residence und verantwortet das Programm des neuen Kammermusikfestivals in Muri. Foto: Marco Borggreve

Das Festival findet im Rahmen der Reihe «Musik im Festsaal» statt. Neben Sebastian Bohren, der auch als Geiger auftritt, sind internationale Künstlerinnen und Künstler zu hören: der japanische Pianist Mao Fujita, der Bassist Dominik Wagner aus Österreich, die russische Cellistin Anastasia Kobekina, der Pianist Lucas Debargue, die Bratschistin Blythe Teh Engstroem und der Pianist Konstantin Lifschitz. Neben viel klassischem Repertoire steht Die Magie des Tinnitus des Zürcher Komponisten Martin Wettstein auf dem Programm.

Ein neuer Saal

Die Konzerte des Kammermusikfestivals «Frühlingserwachen» erklingen im Singisen Saal des Klosters Muri. Dieser Raum wurde in früheren Zeiten als Lesesaal genutzt. Mit dem neu hergerichteten Saal verfügt Muri nun neben dem grossen Festsaal über Ort, der sich von der Akustik und Grösse her für Kammermusik eignet.

Wenn SMR und IGMR fusionieren …

Schliessen sich der Schweizer Musikrat (SMR) und die Interessengemeinschaft Musik und Radio (IGMR) zusammen, sollten die einzelnen Mitglieder der zusammengeschlossenen Unterorganisationen zur Ausgleichskasse (AK) Forte übertreten. Zwei Insider geben Auskunft.

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Annette Dannecker, Sie sind Co-Präsidentin des Schweizerischen Musikpädagogischen Verbands (SMPV), eines langjährigen Mitglieds des SMR. Wie verändert sich die Vorsorge bei einer allfälligen Fusion Ihres Dachverbands?
Für den SMPV ändert sich insofern nichts, als dass wir – wie die IGMR – bereits Gründerverband der AK Forte sind. Wenn die Dienstleistungen dieser Ausgleichskasse weiteren Akteuren der Musikbranche zugänglich gemacht werden und der Wechsel nicht in jedem Einzelfall zwingend ist, begrüsse ich das.

 

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?
Die Mitglieder des SMPV rechnen ihre AHV-Beiträge über die AK Forte ab, ebenso die Löhne ihrer Angestellten. Der SMPV hat eine Vertretung im Vorstand der AK Forte, die seine Anliegen, z. B. die nachhaltige Verwaltung des Kassenvermögens, einbringen kann. Die Zusammenarbeit ist sehr konstruktiv, partnerschaftlich und zielführend!

 

Nach einer Fusion müssten alle Mitglieder des SMR über die AK Forte abrechnen.
Wir haben einige Mitglieder, die das nicht tun, und das wurde und wird auch akzeptiert. Manchmal fühlt man sich bei einer anderen Kasse, wo man langjährige Kundin ist, einfach besser aufgehoben. Die AK Forte versucht mit guten Dienstleistungen zu überzeugen und nicht mit Zwang.

 

Was wäre aus Sicht eines SMR-Mitglieds der Vorteil einer Fusion von SMR und IGMR?
Ein Vorteil ist sicher, dass die AK Forte schweizweit tätig ist. Bei einem Wohnortswechsel können Kasse und Ansprechpersonen beibehalten werden. Zudem verrechnet sie sehr moderate Verwaltungskosten, d.h. es bleibt mehr Einkommen übrig. Da sie die Musikbranche und unsere Patchwork-Arbeitssituationen mittlerweile kennt, können die Fachpersonen auch kompetent Auskunft geben. Zudem veranstaltet sie Weiterbildungen für unsere Mitglieder.

 

Christian Leuenberger, als Finanzchef der Suisa sind Sie zuständig für die AHV-Abrechnung Ihrer Mitarbeitenden. Und als Mitglied der IGMR ist die Suisa ebenfalls bei der AK Forte.
Wir erleben die Zusammenarbeit als professionell, freundlich und hilfsbereit. Auf Anfragen und Anliegen wird zeitnah und kompetent eingegangen. Wir können die AK Forte nur empfehlen.

 

Die Suisa ist nicht Gründerorganisation der AK Forte, sondern «nur» Mitglied. Ein Problem?
Nein! Wir sind überzeugt, dass die AK Forte alle angeschlossenen Unternehmen gleich kompetent behandelt. Auch aus Kostensicht erwarten wir absolut keine Nachteile.

 

Sie sind im Vorstand der IGMR, der die Fusion mit dem SMR befürwortet. Das würde die Auflösung der IGMR bedeuten.
Die Aktivitäten und die Bedeutung der IGMR haben über die letzten Jahre kontinuierlich abgenommen. Heute ist sie ein «leerer Gründerverband», deren organisatorischer Fortbestand gefährdet ist. Mit der angestrebten Fusion werden die Mitglieder in einen aktiven und etablierten Verband integriert, der national in Erscheinung tritt. Da die IGMR nicht überschuldet ist, aber auch keine Mittel aufweist, gestaltet sich die Fusion aus finanztechnischer Sicht problemlos. Der SMR wird Gründerverband der AK Forte und an der Abrechnung über die Ausgleichskasse ändert sich für die bestehenden Mitglieder nichts.

 

Lilli Maijala unterrichtet ab Herbst an der ZHdK

Die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) freut sich, ab Herbstsemester 2023 Lilli Maijala im Viola-Team zu begrüssen.

Lilli Maijala. Foto: Eduardus Lee

Lilli Maijala zählt zu den international gefragtesten skandinavischen Bratschistinnen der Gegenwart.

Seit ihrem Debüt als Siebzehnjährige mit dem Oulu Symphony Orchestra ist sie häufig als Solistin in namhaften Orchestern anzutreffen. Ihre Konzertaufnahmen für Alba Records wurden von The Strad und BBC Music Magazine gelobt. Als begehrte Kammermusikerin wird sie weltweit zu Festivals eingeladen.

Nachdem sie einige Jahre im experimentellen quartet-lab mit Patricia Kopatchinskaja, Pekka Kuusisto und Pieter Wispelwey gespielt hat, ist Lilli Maijala nun Mitglied des neu gegründeten Valo Quartetts.

Seit 2009 unterrichtet sie an der Sibelius Akademie Helsinki, seit 2011 als Professorin und Leiterin der Viola Faculty.

 

Ausgabe 3/2023 – Focus «Freiheit»

Titelseite der Ausgabe 3/2023

Inhaltsverzeichnis

Focus

«Authentische musikalische Traditionen gibt es nicht» – Interview mit Yann Laville

Besuch eines Jugendorchesters aus dem Apartheidstaat

Hinter Gittern – Ausbrechen mit Musik?
Bibliografie zum Artikel

Wenn die Freiheit rockt – Die Pop-Karriere des Begriffs «Freedom»

Chatten über Freiheit im Beruf und in der Musik

 

(kursiv = Zusammenfassung in Deutsch des französischen Originalartikels)

 

Critiques

Rezensionen von Tonträgern, Büchern, Noten

 

Echo

Le Piano Symphonique – Klavierfestival in Luzern

Les Musicales d’Epalinges : un nouvel écrin pour Cédric Pescia

In eine bessere Welt entrücken – Liederabende in der Ukraine

Musik ist meine Heimat – die Komponistin Ursula Mamlok

Radio Francesco – Gefängnis

Technologie und gesellschaftlicher Wandel – Das 10. Forum Musikalische Bildung

Carte blanche für Sandro Häsler

Motivierende Beurteilung – Gespräche mit Mitarbeitenden an Musikschulen

 

Basis

Artikel und Nachrichten aus den Musikverbänden

Eidgenössischer Orchesterverband (EOV) / Société Fédérale des Orchestres (SFO)

Konferenz Musikhochschulen Schweiz (KMHS) / Conférence des Hautes Ecoles de Musique Suisse (CHEMS)

Kalaidos Musikhochschule / Kalaidos Haute École de Musique

Schweizer Musikrat (SMR) / Conseil Suisse de la Musique (CSM)

CHorama

Schweizerische Gesellschaft für Musik-Medizin (SMM) / Association suisse de Médecine de la Musique (SMM)

Schweizerische Musikforschende Gesellschaft (SMG) / Société Suisse de Musicologie (SSM)

Schweizerischer Musikerverband (SMV) / Union Suisse des Artistes Musiciens (USDAM)

Schweizerischer Musikpädagogischer Verband (SMPV) / Société Suisse de Pédagogie Musicale (SSPM)

SONART – Musikschaffende Schweiz

Stiftung Schweizerischer Jugendmusikwettbewerb (SJMW)

Arosa Kultur

SUISA – Genossenschaft der Urheber und Verleger von Musik

Verband Musikschulen Schweiz (VMS) / Association Suisse des Écoles de Musique (ASEM)

 

Befreiung einer Freiheitsinsel – Rätsel von Chris Walton

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Festival für Neue Musik Forum Wallis

Vom 2. bis 19. März findet im Schloss Leuk das Festival für neue Musik Forum Wallis statt. Das Programm ist nun online.

Foto (v.o.n.u.u.l.n.r.): Schloss Leuk, Schoss Company, Pascal Viglino, Dsilton, dissonArt Ensemble, Oberwalliser Volksliederchor, Le Pot, UMS `n JIP, Rolf Hermann

 

Anfang März 2023 verwandelt sich Schloss Leuk im gleichnamigen mittelalterlichen Walliser Städtchen einmal mehr in einen Hotspot für Neue Musik. Schweizer und internationale Acts der zeitgenössischen Musik geben sich dort am Forum Wallis ein Stelldichein. Sie gewähren vom 2. bis 4. März  einen Einblick in das vielfältige Schaffen der aktuellen Musikavantgarde.

Mit dabei sind in der 16. Festivalausgabe die Schoss Company zusammen mit Cod.Act, Pascal Viglino, die Schweizer Freejazz-Grössen Manuel Mengis, Lionel Friedli, Manuel Troller und Hans-Peter Pfammatter, Jonas Imhofs Exquisición, der Leuker Schriftsteller Rolf Hermann, UMS ´n JIP, der österreichische Mikrotonpianist Georg Vogel mit seiner Band Dsilton, das dissonArt ensemble aus Thessaloniki. Anwesend sind ebenso die Komponistinnen und Komponisten der Ars Electronica Forum Wallis Selection. Sie findet 2022/23 zum 8. Mal statt, kuratiert von Simone Conforti (IRCAM Paris) kuratiert.

Die Konzerte der Ars Electronica Forum Wallis Selection (10. bis 12. März) finden erstmals im neu eingerichteten MEBU (Münster Earport) in Münster im Goms statt. Zudem schwärmt das Festival mit den Konzerten des Oberwalliser Volksliederchors (18./19. März) mit Simplon Dorf und Ernen wieder in verschiedene Oberwalliser Dörfer aus.

Das Forum Wallis ist ein internationales Festival für Neue Musik auf Schloss Leuk an der deutsch-französischen Sprachgrenze inmitten der Walliser Alpen in der Schweiz. Die Leitung hat die IGNM-VS inne, die Ortsgruppe der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM / ISCM).

Das Forum Wallis hat seit 2006 über 300 Uraufführungen mitproduziert. Zu den Höhepunkten der Festivalgeschichte gehören Stockhausens Helikopterstreichquartett zusammen mit dem Arditti Quartet, André Richard und Air Glaciers, Holligers Alp-Cheer, Cod.Acts Pendulum Choir sowie die regelmässigen Gastspiele von Weltklasse-Ensembles wie recherche, Klangforum Wien oder Ensemble Modern.

Das vollständige Programm ist online auf http://forumwallis.ch zu finden.

Silvia Careddu ab Herbst an der ZHdK

Die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) freut sich, ab Herbstsemester 2023 Silvia Careddu als neue Hauptfachdozentin Querflöte zu begrüssen.

Silvia Careddu. Foto: Neda Navaee

Silvia Careddu zählt unter den jüngeren  Flötistinnen und Flötisten zu den prägenden Persönlichkeiten der Gegenwart. Den Beginn ihrer Laufbahn verdankt sie dem Gewinn des Premier Grand Prix à l’unanimité und dem Publikumspreis des 56. Concours international de Musique de Genève.

In der Folge wirkt sie als Soloflötistin in renommierten Orchestern wie den Wiener Philharmonikern, den Wiener Symphonikern und aktuell im Orchestre National de France.

Sie ist eine vielgefragte Solistin und Kammermusikpartnerin.

Silvia Careddu engagiert sich als Pädagogin an mehreren europäischen Musikhochschulen, als Jurorin an zahlreichen Wettbewerben und gibt Meisterkurse in Europa und Asien.

 

Neuer Konzertsaal in Vitznau

Mitte Februar fand in Vitznau die Einweihung eines neuen, unterirdisch angelegten Kammermusiksaals statt.

Der neue Kammermusiksaal in Vitznau ist unterirdisch angelegt. Foto: Ralph Feiner

Der Kammermusiksaal verbirgt sich mit seiner Raumhöhe von zirka 10 Metern komplett im Boden. Baubeginn war am 2. November 2020 und insgesamt haben 20 Fachplaner-Firmen und 50 Handwerker mitgearbeitet.

Multifunktional

Der Bauherr Peter Pühinger, Gründer und Visionär des Campus Kultur Kulinarik Vitznau, wollte einen intimen Raum für Kammermusik und Chorgesang mit perfekter Akustik realisieren. Dank ausgeklügelter Technik lässt sich der Saal nun für verschiedenste Veranstaltungen nutzen. Mit einer veränderbaren Nachhallzeit zwischen 0.8 bis 1.7 Sekunden kann die Akustik den jeweiligen Bedürfnissen angepasst werden. Ein digitaler Multimediasaal, der auch als Konzertfoyer dient, ergänzt den analogen Konzertsaal. Dazu gehören eine professionelle Akustikanlage mit Regieraum und ein Tonstudio. Mit Hilfe eines mechanischen Hebebodens lässt sich der Kammermusiksaal innert Kürze in einen bühnenlosen ebenen Bankett- oder Tanzsaal verwandeln.

Werner Reinhart: Stille treibende Kraft

An den «Werner-Reinhart-Tagen» vom 27. bis 29. Januar 2023 in Winterthur wurde der Mäzen erstmals in den Mittelpunkt eines Symposiums gerückt. Konzerte und Ausstellungen begleiteten den Anlass.

Die Villa Rychenberg in Winterthur war Werner Reinharts Residenz. Foto: Wikimedia. Link zur Lizenz

Der ausserordentlich umfangreiche Briefwechsel des Winterthurer Kaufmanns und Mäzens Werner Reinhart (1884–1951) wurde im Rahmen eines achtjährigen Forschungsprojekts des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Zürich in Kooperation mit dem Musikkollegium Winterthur in einer Datenbank erschlossen. Diese bildete die Basis für das Symposium der «Werner-Reinhart-Tage», die auf Initiative der ehemaligen Projektmitarbeitenden (Franziska Gallusser, Lion Gallusser, Ulrike Thiele) stattgefunden haben.

Nach einer Einleitung von Laurenz Lütteken (Zürich) gab Kerstin Richter (Winterthur) am Freitagabend einen Einblick in die Geschichte und die Tradition des Mäzenatentums der Familie Reinhart. Ulrike Thiele (Zürich) führte das Publikum darauf in Reinharts Tätigkeit als Kaufmann, sein Wirken als Mäzen und seine Vernetzung mit der europäischen Musik- und Kulturszene ein. In der anschliessenden Podiumsdiskussion zwischen Ulrike Thiele, Elisa Bortoluzzi (Zug) und Dominik Deuber, Direktor des Musikkollegiums Winterthur, wurde der Bogen von Werner Reinhart als Mäzen bis zur Diskussion der Reichweite und der Wahrnehmung des Mäzenatentums heute geschlagen.

Sowohl finanziell wie organisatorisch unterstützen

Die am Samstag und Sonntag folgenden Referate näherten sich Werner Reinhart über von ihm unterstützte oder anderweitig mit ihm verbundene Personen, immerzu im historischen Kontext, auch im Hinblick auf die beiden Weltkriege, die etwa das Exil von Komponisten in der Schweiz zur Folge hatten. Anhand seiner Beziehungen zu Richard Strauss und Hans Pfitzner (Michael Meyer, Trossingen) sowie zu Paul und Gertrud Hindemith (Franziska Gallusser, Luzern/Zürich) wurden die unterschiedlichen Verhältnisse und Unterstützungsformen betrachtet. Auch Anton Weberns Rychenberg-Variationen als musikalische Erinnerungen an Winterthur (Esma Cerkovnik, Zürich) wurden unter diesem Gesichtspunkt beleuchtet.

Am Beispiel der Vorgeschichte und Uraufführung von Alban Bergs Lulu (Daniel Ender, Wien) und der nicht nur mäzenatischen, sondern auch kaufmännischen Begleitung bei der Entstehung von Igor Strawinskys Histoire du Soldat (Christian Kämpf, Dresden) wurde deutlich, wie überlegt Reinhart vorging. Eine fruchtbare finanzielle und organisatorische Unterstützung zeigte sich auch im Lebenslauf des Dirigenten Hermann Scherchen und dessen Gründung verschiedener Musikinstitutionen in der Schweiz (Ullrich Scheideler, Berlin). Die erwähnten Akteure, Werke und Konzerte kamen im Beitrag über das Winterthurer Konzertrepertoire und Reinharts grosses Engagement für das Musikkollegium Winterthur aus einem anderen Blickwinkel erneut zur Sprache (Alessandra Origani, Zürich).

Fördern, was die Musik weiterbringt

Weitere Ausblicke wurden mit der Betrachtung der kulturell einflussreichen Londoner Zeit des jungen Werner Reinharts (Thomas Irvine, Southampton) und seiner massgeblichen, wenn auch indirekten Beteiligung an der Gründung der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik gegeben (Matthew Werley, Salzburg). Lion Gallusser (Zürich) stellte angesichts der Förderung von Schweizer Komponisten Überlegungen zur «Etablierung einer Schweizer Moderne» an. Auch Reinharts «literarischer Kosmos», der sich vor allem auf die Frühzeit seiner Mäzenatentätigkeit zu beschränken scheint, wurde anhand seiner Beziehung zu Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse und Stefan Zweig illustriert (Arturo Larcati, Salzburg). So kristallisierte sich während des ganzen Symposiums heraus, dass Werner Reinhart zu jenen Mäzenen gehörte, die weniger nach persönlichem Geschmack, sondern mehr mit Blick auf die Entwicklung der Musik förderten. Dabei hielt er sich persönlich bewusst im Hintergrund. Wie viele Referentinnen und Referenten betonten, lehnte er nämlich den Druck oder die öffentliche Erwähnung von Widmungen kategorisch ab.

Die weiteren Veranstaltungen stellten einen Kontrapunkt zum reichhaltigen Symposium dar. Am Samstagabend machte das Musikkollegium Winterthur Reinharts Welt mit Werken von Paul Hindemith, Hans Pfitzner, Ernst Krenek und Heinrich Kaminski hörbar. Visuell begleitet wurde das Symposium von einer spontanen Führung am Sonntagnachmittag von Kerstin Richter durch die Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» sowie von Andres Betschart, Leiter der Sammlungen der Winterthurer Bibliotheken, mit einer kommentierten Vorstellung der Quellen zur Histoire du Soldat in der Villa Rychenberg, Reinharts Residenz. Die anschliessende konzertante Aufführung des Werks am Sonntagabend im Stadthaus Winterthur rundete die «Werner-Reinhart-Tage» ab.

Le Piano Symphonique – ein Klavierfestival in Luzern

Luzern hat wieder ein Klavierfestival. Vom 7. bis 11. Februar sind Recitals und Klavierkonzerte zu hören, zum Teil auch spielerisch zusammengebracht.

Jean Rondeau im Luzerner Neubad. Foto: Philipp Schmidli

Am Sprungturm hängen Scheinwerfer. Die Wasserrutsche führt ins Trockene. Hier im ehemaligen Luzerner Hallenbad wird schon lange nicht mehr geschwommen. Unter dem Namen Neubad ist bereits vor zehn Jahren ein alternatives Kulturzentrum entstanden mit Club und Gastronomie.

An diesem Abend steht beim Late-Night-Konzert des Klavierfestivals «Le Piano Symphonique» ein Cembalo im Schwimmbecken. Die Zuschauer hören vom Beckenrand zu oder haben mehr liegend als sitzend auf einer Tribüne Platz genommen, um den Klängen des französischen Cembalostars Jean Rondeau zu lauschen. Das Prélude en la mineur von Jean-Philippe Rameau lässt er wie eine Improvisation beginnen: frei, mit bewusst gesetzten Pausen, den Tönen nachhörend. Der zarte Cembaloklang wird durch die weissen Kacheln des Beckens verstärkt. Zwischen Rettungsring und Startblöcken entsteht eine konzentrierte, fast meditative Stimmung. Auch die Suite en la ist eine Entdeckung. Die Courante phrasiert Rondeau jazzig. Jeder Triller ein kleines Kunstwerk! Die gebrochenen Akkorde in François Couperins La Ténébreuse (Allemande) gleichen Gefühlsausbrüchen, die sich im Marche des Scythes von Pancrace Royer mit spektakulären Läufen zu einem echten Rausch steigern. Nach seinem gefeierten Luzern-Debüt kommt Rondeau an die Poolbar, bestellt einen Tee und mischt sich unters Restpublikum.

Das Klavierfestival des Luzerner Sinfonieorchesters ist zum ersten Mal zu Gast im Neubad. «Ich finde es spannend, das Cembalo in diesem Rahmen zu präsentieren. Dass wir hier nun auch neues Publikum gefunden haben, ist ein schöner Nebeneffekt», sagt Intendant Numa Bischof Ullmann tags darauf beim Gespräch im Café.

Start mit Brahms, Fortsetzung mit Schumann

Im Jahr 2019 hatte das Lucerne Festival sein im Herbst stattfindendes Pianofestival eingestellt. Die Enttäuschung in der Stadt war riesig. Als das Kultur- und Kongresszentrum (KKL) schliesslich eine Ausschreibung veranstaltete, um wieder ein Klavierfestival ins Leben zu rufen, entwarf Bischof Ullmann sein Konzept von «Le Piano Symphonique» – und erhielt den Zuschlag. Das erste Festival 2022 widmete sich ganz Johannes Brahms und wurde gut aufgenommen.

In diesem Jahr eröffnete Rudolf Buchbinder die Konzertreihe mit feingliedrigen Mozart-Variationen über Ah, vous dirai-je, Maman KV 256, einer ganz gerade gespielten, am Ende sich schön zuspitzenden Appassionata und etwas zu massiv genommenen Symphonischen Etüden op. 13 von Robert Schumann, dem Schwerpunkt-Komponisten des diesjährigen Festivals. Im reichen Programm finden sich weitere grosse Namen wie Evgeny Kissin im Sonderkonzert oder Khatia Buniatishvili, aber auch Newcomer wie der erst 18-jährige Israeli Yoav Levanon, der auf Wunsch des Intendanten Ignacy Jan Paderewskis selten gespieltes Klavierkonzert mit dem Luzerner Sinfonieorchester im KKL interpretiert. Dass in der zweiten Konzerthälfte Víkingur Ólafsson noch ein Klavierrezital gibt, ist ungewöhnlich.

«Wir möchten spielerisch mit Konzertformaten umgehen und den Künstlerinnen und Künstlern den passenden Rahmen geben. Dazu gehören auch traditionelle Formen.» Bischof Ullmann will den Klavierkanon feiern, aber auch Unbekanntes ans Licht holen. Im nächsten Jahr gibt es eine Uraufführung. Dass das Lucerne Festival im Mai jetzt doch wieder ein von Igor Levit kuratiertes Klavierfest neu auflegt, betrachtet er gelassen, zu unterschiedlich seien die Ausrichtungen.

Martha Argerich ist schon lange dem Luzerner Sinfonieorchester verbunden. Robert Schumanns Klavierkonzert gestaltet sie im voll besetzten KKL wirklich als Fantasie, als die es ursprünglich geplant war: mit delikaten Farbwechseln, drängender Melodik und müheloser Virtuosität. Nie spielt sie das Hauptthema im ersten Satz gleich. Die Pianistin ist ganz verwoben mit dem Orchester, das Michael Sanderling aufmerksam um alle Klippen leitet. Nur im Finale hakt es hin und wieder ein wenig im Zusammenspiel. Aber die heiklen Übergänge, etwa vom Intermezzo zum Finale, gelingen wie aus einem Guss. Argerich zaubert, lässt den Flügel im Diskant wie eine Celesta klingen und macht aus den donnernden Akkordbrechungen elegante Spitzen. Und sie schenkt, selten genug, zwei Zugaben: ein ganz verinnerlichtes Von fremden Ländern und Menschen aus Schumanns Kinderszenen und eine delikate Gavotte aus Bachs Englischer Suite III in g-Moll.

Aufbruchstimmung

Vor der Pause erklang Johannes Brahms 3. Sinfonie in ihrer gesamten Bandbreite zwischen lyrischem Innehalten und dramatischem, kämpferischem Ausbruch. Der im Herbst 2021 aus Dresden gekommene Chefdirigent Michael Sanderling sieht Johannes Brahms als «zwingend notwendige Eingangstür für grosses romantisches Repertoire». Eine Gesamtaufnahme der vier Sinfonien und des von Arnold Schönberg für Orchester bearbeiteten Klavierquartetts in g-Moll erscheint in wenigen Wochen.

Die rein privat finanzierte Vergrösserung des Orchesters von rund 50 Stellen beim Amtsantritt des Intendanten im Jahr 2004 auf im Augenblick rund 80 schafft nun die Voraussetzung, gross besetzte Werke angemessen zu realisieren. Während anderswo auf die Sparbremse gedrückt wird, verbreitet sich beim Luzerner Sinfonieorchester Aufbruchsstimmung. Ein neues Orchesterhaus sorgt für optimale Probe- und Aufnahmebedingungen. Sanderling ist begeistert vom Rückhalt in der Stadt und der schnellen Auffassungsgabe seiner Orchestermitglieder. Die Harmonie ist auch zu hören bei Brahms’ 3. Sinfonie. Besonders die Streicher reagieren auf Sanderlings klares, sachdienliches Dirigat schnell und sensibel. Bei den nicht ganz homogen besetzten Bläsern ist noch Luft nach oben. Im Finale entfesselt Sanderling die gestauten Orchesterkräfte und lässt den Satz wieder zur Ruhe kommen. Und das Luzerner Publikum feiert sein immer grösser werdendes Orchester.

Klavierfestival «Le Piano Symphonique», noch bis 11. April.
sinfonieorchester.ch

 

8. Ars Electronica Forum Wallis Selection 2022/23

Die Resultate des heuer zum 8. Mal ausgetragenen Wettbewerbs für akusmatische Musik Ars Electronica Forum Wallis sind bekannt gegeben worden.

Ausschnitt aus dem Plakat des Forum Wallis 2023

In die Ars Electronica Forum Wallis Selection 2022/23 kamen zehn Musikschaffende aus China, Brasilien, Chile, den USA, Italien, Österreich und Deutschland. Ihre Namen (in alphabetischer Reihenfolge) und Werktitel lauten:

Karl Gerber/Four Sensors
Nolan Hildebrand/Merz Re[#1] Daniel Mayer/Matters_8
Robert McClure/syn
Felipe Otondo/Sauti
Mattia Parisse/Brulicautoma
Alessio Rossato/Temple of No Religion
Thiago Salas & Renan Gama/Rejunte
Zach Thomas/branch-splitter-moss
Bihe Wen/Atmo-

Eine Special Mention gab es für sieben weitere:

Alejandro Casales/Lullaby
Ron Coulter/fever
Nicola Fumo Frattegiani/Der hohle Zahn
Paul Oehlers/Red Coyote
Leah Reid/Ring Resonate Resound
Rosa Maria Sarri/Stallo
Konstantine Vlassis/Lækurinn að brjóta.

Die Werke werden am 10., 11. und 12. März 2023 im Rahmen des Festivals für Neue Musik Forum Wallis im neu eingerichteten Mebu Münster im Goms gespielt.

Das Forum Wallis ist ein internationales Festival für Neue Musik, das 2006 gegründet und von der Walliser Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik IGNM-VS alljährlich veranstaltet wird. Die 16. Festivalausgabe findet vom 2.-19. März 2023 nacheinander auf Schloss Leuk, im Mebu Münster sowie in Simplon Dorf und Ernen statt.

http://forumwallis.ch
https://www.forumwallis.ch/programm-2022arselectronicaforumwallis-call_initial.htm

Sabina Schmuki in Lettland ausgezeichnet

Beim Chorkompositionswettbewerb zum 100. Geburtstag der ISCM erhielt Sabina Schmuki für ihre Komposition «Ave Terra» in der Kategorie Kinderchöre einen dritten Preis.

Der Mädchenchor Tiara in den Studios des Lettischen Nationalradios zusammen mit den Ausgezeichneten und Jurymitgliedern. Foto: Latvijas Radio

 

Beim Chorkompositionswettbewerb zum 100-jährigen Bestehen der ISCM (International Society for Contemporary Music, Internationale Gesellschaft für Neue Musik IGNM) wurde in der Kategorie Kinderchöre die Schweizer Komponistin Sabina Schmuki mit einem 3. Preis ex aequo ausgezeichnet. Vier verschiedene ISCM-Ländersektionen führen den Wettbewerb in vier Kategorien durch: gemischte Chöre Laien (ISCM Baskenland), gemischte Chöre Profis (ISCM Estland), Männer-/Frauenchöre (ISCM Switzerland) und Kinderchöre (ISCM Lettland) (die SMZ berichtete).

Jury und Resultate

In der Jury des Wettbewerbs der lettischen Sektion wirkten die Dirigentin Aira Birziņa sowie die Komponisten Uģis Prauliņš und Āriks Ešenvalds. Insgesamt wurden 25 Werke aus Lettland, Litauen, Polen, Finnland, den Niederlanden, Österreich, Italien, der Schweiz, Israel und den USA eingereicht.

1. Platz – nicht vergeben
2. Platz – Zuzanna Kozeja (Polen) – Laus Trinitati
3. Platz – Renāte Stivriņa (Lettland/Polen) – Ave Maris stella
3. Platz – Sabina Schmuki (Schweiz) – Ave Terra
3. Platz – Alfred Momotenko-Levitsky (Niederlande) – When You ask me

Uraufführung von Ave Terra

Der Mädchenchor Tiara des Rigaer Doms brachte Ave Terra  im 1. Studio des Lettischen Radios (Latvijas Radio)  unter der Leitung von Aira Birzina zur Uraufführung. Dieser Chor gehört zu den weltbesten Mädchenchören und gewann jüngst den 1. Preis beim 53. Chorwettbewerb in Tolosa.

Sabina Schmuki hat sich in Ave Terra  an der Idee des «Ave Maria» orientiert und daraus das Ave Terra entwickelt. «An unorthodox approach to creation and climate change», «eine unkonventionelle Annäherung an die Schöpfung und den Klimawandel», heisst es im Untertitel. Das Stück fordert den Zuhörer denn auch zur Achtsamkeit und zur Umkehr auf. Es ist bereits das zweite Werk, das Schmuki diesem Thema widmet. Davor schrieb sie – vor dem Hintergrund des dramatischen Bergsturzes von Gondo und der Problematik des schwindenden Permafrostes – ein Stück für Männerchor in Rätoromanisch.

Videolink zu Uraufführung:

https://www.youtube.com/watch?v=tYBhzLqLxoo

 

 

Nidwalden fördert Musiktalente

Auf der Grundlage des Rahmenkonzeptes «Junge Talente Musik» des Bundes führt der Kanton Nidwalden ein Förderungsprogramm für Musikschülerinnen und -schüler ein. Bewerbungsfrist: 28. Februar.

Ob Trompete oder andere Instrumente, alle Musiktalente sind willkommen. Foto: Adobe Photostock

Wer an einer Nidwaldner Musikschule, am Kollegi Stans oder privat ein Instrument lernt oder die Stimme ausbilden lässt, kann sich ab sofort bis am 28. Februar für das kantonale Förderprogramm für Musikbegabte anmelden. Die Aufnahmeprüfung findet am 1. April in Hergiswil statt. Die erfolgreichen Absolventinnen und Absolventen können mit dem Progamm im Schuljahr 2023/24 starten. Es richtet sich nicht nur an angehende Profis, sondern an alle begabten Musikschülerinnen und -schüler mit Wohnsitz im Kanton Nidwalden.

Grundlage für die Einführung der Musikalischen Begabtenförderung im Kanton Nidwalden sei das Rahmenkonzept «Junge Talente Musik» des Bundes, schreibt die Musikbegabtenförderung Nidwalden in ihrer Medienmitteilung. Unter anderem sehe dieses Konzept direkte finanzielle Beiträge für die einzelnen Talente vor. Auch der Kanton beteilige sich mit einem namhaften Beitrag am Programm.

Link zu weiteren Informationen und zur Anmeldung

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