Spass mit neuen Spieltechniken

Sarah Chardonnens Lehmann hat mit «Zigana» einen aussergewöhnlichen Band mit 23 kurzen Übungsstücken – allesamt Eigenkompositionen – für junge Klarinettisten zusammengestellt.

Foto: Joachim Grote/pixelio.de

Das Heft der am Konservatorium Fribourg unterrichtenden Klarinettistin steht in französischer Sprache. Jedes Stück ist zwei bis drei technischen Aspekten des Klarinettenspiels gewidmet. Das fängt an mit dem Aufwärmen, einer Ansatz- und einer Zungenübung und geht bis zu erweiterten Spieltechniken auf der Klarinette. Der als Duett angelegte Zweizeiler Funambule (Seiltänzer) widmet sich Mikrointervall-Glissandi in der dritten Lage, wobei die entstehenden Reibungen gleichzeitig die Ohren der Spieler öffnen. Weitere Stücke beschäftigen sich mit Slaps, Mehrklängen und Achteltönen. Während die Griffe für die Mikrointervalle und Mehrklänge angegeben sind, fehlen leider Anweisungen zum Ausführen der Slapzunge.

Die letzten drei Stücke des Hefts vereinigen mehrere der zuvor separat erarbeiteten Techniken und eignen sich auch für Vorspiele oder Stufentests. Zigana, das namensgebende Stück, ist eine Zigeunerweise mit langsamer Einleitung, flottem Mittelteil und einer auskomponierten Kadenz zum Schluss. Zu diesem und vier weiteren Nummern liegt auch eine Klavierbegleitung bei. Jonglages ist ein Duett mit vielen Vorschlägen und einer auf die beiden Stimmen aufgeteilten Melodie, was für die Spieler eine rhythmische Herausforderung darstellt, gleichzeitig aber auch mit viel Spass verbunden ist. Beim letzten Titel Le Serpent et la Mouche handelt es sich um ein Solostück, bei dem die zuvor erarbeiteten neuen Spieltechniken voll zum Zuge kommen.

Diese ansprechenden Übungsstücke vernachlässigen nicht den musikalischen Ausdruck und die bildhaften Titel regen die Fantasie der Spieler an. Die Ausgabe richtet sich an fortgeschrittene Anfänger, welche die Grundlagen des Klarinettenspiels bereits beherrschen und Lust haben, neue Spieltechniken auf ihrem Instrument zu erkunden.

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Sarah Chardonnens Lehmann, Zigana, 23 courtes pièces originales et dynamiques, dont cinq avec piano, pour jeunes clarinettistes. C06756, € 19.20, Editions Combre (Henry Lemoine), Paris 2013

Ein Klavier auf Reisen

Stile aus den verschiedensten Teilen der Welt werden hier zum Ausgangspunkte für Improvisationen.

Foto: Marcus Winkler/pixelio.de

Wer auf Reisen geht, orientiert sich oft an einem Fahrplan, muss aber immer wieder improvisieren können und sich auf Neues einlassen. – Und genau dies ist das Anliegen von Andreas Hirche in Ein Klavier geht auf Reisen, erschienen bei Breitkopf Pädagogik. Die sorgfältig ausgesuchten Beispiele sind mit Schwierigkeitsgraden versehen und geben dem Spieler eine Art Fahrplan zu vielen kleinen Improvisier-Inseln, auf denen es dann zu verweilen gilt. Die Auswahl richtet sich an alle, die sich angesprochen fühlen von Weltmusik und die offen sind, Neues zu entdecken und auszuprobieren. Ob eher meditativ in sich gekehrt wie in der japanischen Musik oder lebhaft und extravertiert wie in der Musik des Balkans oder Südamerikas, für jeden Geschmack gibt es etwas zu finden.

Der Autor versteht das Heft als eine Art Klavierschule und gibt mit diesem Ansinnen eine Fülle von sehr hilfreichen Hinweisen. Einerseits Hintergrundwissen zu den verschiedenen Stilen, aber auch spieltechnische Hilfen und Überlegungen zu Aspekten wie «Balance zwischen Üben und Spielen», «Flow», ,«Technik» oder «Problem mit der Unabhängigkeit». Darüber hinaus findet man im Anhang ein ausführliches Glossar der wichtigen Fachbegriffe, und eine beigelegte CD gibt die Möglichkeit, die Stücke zu hören und zu Play-alongs im mp3-Format das Improvisieren zu üben.

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Andreas Hirche, Ein Klavier geht auf Reisen. Weltmusik, Rhythmus, Improvisation, EB 8819, mit CD, € 24.90, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2014

Klassik schöpft Publikumspotential nicht aus

Am diesjährigen Deutschen Orchestertag haben sich die Kulturmanager zur Zukunft der klassischen Musik zuversichtlich gezeigt. Das Marktpotential sei enorm: Fast 90 Prozent der Deutschen bezeichneten sich als klassikaffin, aber nur ein Bruchteil davon besuche Konzerte.

Foto: © Bettina Fürst-Fastré, Köln

Neue Vermarktungswege, insbesondere im Online-Bereich, spielten eine immer wichtigere Rolle, schreiben die Verantwortlichen. Die Qualität sei entscheidend, aber Marketing- und Vertriebsinstrumente aus der kommerziellen Wirtschaft müssten auch beim klassischen Konzert angewendet werden. Als exemplarisch wurde die erfolgreiche Marketingstrategie des Konzerthauses Dortmund und seines Intendanten Benedikt Stampa gezeigt. Ihm zufolge könne der Anteil von 3 Prozent aller Haushalte, die sich aktiv am Konzertleben in Deutschland beteiligen, durch entsprechende Veränderungen um das Doppelte gesteigert werden.

Dieter Haselbach, Professor am Zentrum für Kulturforschung in Berlin und Mitautor des Buches «Der Kulturinfarkt», stellte die behauptete Marktverdoppelung in Frage. Die Generation Pop gehe den Konzerthäusern verloren, auch durch entsprechende Marketing-Massnahmen und Emotionalisierungsstrategien könne dieser Verlust nicht aufgefangen werden. Er fordert eine entsprechende planvolle Gestaltung des Orchesterrückbaus.

Als Beispiel aus der Praxis für neue Vermarktungswege in Hinblick auf ein optimales Kundenbindungsmanagement gaben Experten für Software-Lösungen fundierte Einblicke in ihre Verkaufssysteme: Lutz Rosteck von der Firma eventim.Inhouse aus Hamburg, europäischer Marktführer im Vertrieb für Eintrittskarten, setzt einen besonderen Fokus auf eine erfolgreiche Besucherbindung. Sebastian Preuss berichtete über das Vertriebssystem der ROC GmbH, die bereits 90 Prozent des Publikums über den Onlineverkauf erreicht.

Mehr Infos: www.deutscher-orchestertag.de
 

Orchestrale Raritäten

Werke von Othmar Schoeck, Ernst Widmer und Adolf Brunner liegen hier teilweise als Ersteinspielung vor.

Othmar Schoeck. Foto: Breitkopf & Härtel

Es sind rare Ereignisse, wenn Orchesterwerke von Schweizer Komponisten angekündigt werden, zu sehr hängt diesen der Geruch des Epigonentums, des Romantischen und Klassizistischen zur Unzeit, nach. Beheben kann diesen «Makel» die Einspielung von Werken Othmar Schoecks, Ernst Widmers und Adolf Brunners nicht, die das Royal Scottish National Orchestra unter Leitung des Schweizer Dirigenten Rainer Held bei Guild vorlegt. Aber ein Hörvergnügen ist sie trotzdem.

Was man bei Schoeck (1886–1957) zu erwarten hat, weiss man schon vor dem Anhören des Festlichen Hymnus op. 64 und der Ouvertüre zu William Ratcliff op. 29, die als Weltersteinspielungen präsentiert werden. Die 1950 und 1908 entstandenen Werke leben von einem spätromantischen Duktus, von zum Teil geradezu «süffigen» Momenten, pathetischen Gesten und einer Behandlung des Orchesters, die – besonders bei der Ouvertüre – stark an Liszt orientiert ist. Trotzdem, hörenswert ist das allemal, vor allem auch weil die Interpreten engagiert für diese Musik einstehen.

Rainer Held, der sich als Orchester- wie Chordirigent einen Namen gemacht hat, scheint geradezu prädestiniert für diese Musik voller Dramatik und hymnischer Melodik. Im Gegensatz dazu ist das Concerto für Piano, Percussion und Orchester op. 160 des nach Brasilien ausgewanderten Ernst Widmer (1927-1990) stark rhythmisch aufgeladen. Das Werk wurde 1988 in Zürich durch Emmy Henz-Diémand am Flügel und Michel Tabachnik uraufgeführt. In der vorliegenden Einspielung hat es allerdings nicht den Drive von damals. Das mag am Pianisten Fali Pavri liegen, der den perkussiven Zugriff von Emmy Henz, der grossen Fürsprecherin Widmers, nicht erreicht. Neben mitreissenden Momenten wirkt das Werk zuweilen auch etwas heterogen und langatmig.

Adolf Brunner (1901–1992) gehörte zu einer Generation von Schweizer Komponisten, die stark zum Neoklassizismus tendierten und regelmässig für die damals aufkommenden Kammerorchester komponierten. Umso erstaunlicher ist die hier eingespielte Partita für Klavier und Orchester (1938/1939), die, der Tonalität verpflichtet, neben typisch klassizistischen Passagen immer wieder zu grossen Gesten findet. Wie Chris Walton in einem aufschlussreichen Booklettext festhält, erinnert sie darin zuweilen an Brahms.

Alles in allem liegt hier eine spannende, mitreissend interpretierte Trouvaille vor.

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Orchestral Masterworks from Switzerland: Schoeck, Widmer, Brunner. Royal Scottish National Orchestra; Rainer Held, Leitung; Fali Pavri, Klavier. Guild GMCD 7403

 

Fairer Markt für digitale Musikangebote

Der Conseil International des Créateurs de Musique (CIAM) schlägt ein Verteilmodell für Einnahmen aus dem Digitalmarkt vor, das sich am Vorbild der Fairtrade-Initiativen orientiert.

Foto: Marc Dietrich – Fotolia.com

Das Modell Fair Trade Music soll neben Offenheit des Marktzugangs für alle eine faire Abgeltung und Transparenz der Marktstrukturen sicherstellen. Insbesondere sollen die Produzenten selber an den Markt-Verhandlungen beteiligt werden, und sie sollen an Angeboten auf Streaming-Plattformen angemessen mitverdienen.

Die 1966 gegründete CIAM (Conseil International des Créateurs de Musique) ist eine ursprünglich europäische Organisation, die im Rahmen internationaler Urheberrechtsorganisationen die Interessen der Musikschaffenden vertritt. Der derzeitige Präsident ist der italienische Komponist Lorenzo Ferraro.

Mehr Infos: ciamcreators.org.gridhosted.co.uk/ciam2014/

Naturhorn zwischen Plattenbauten

Das Motto des Herbstfestivals für Neue Musik und interdisziplinäre Kunstaktionen in Berlin-Marzahn lautete «Durst».

Das Hochhaus beherbergt das Ausstellungszentrum Pyramide. Foto: Andreas Steinhoff

Das Tram ist voll besetzt bei der Sonderfahrt zur Pyramidale. Das Festival für Neue Musik und interdisziplinäre Kunstaktionen findet seit 2001 im Berliner Stadtbezirk Marzahn-Hellersdorf statt, in der mit rund einer Viertelmillion Einwohnern grössten Plattenbausiedlung Europas.

Mit von der Partie ist hier ein Aerofon: Ein Gewirr aus Schläuchen durchzieht den Wagen, ein Generator pumpt Luft durch Orgelpfeifen. Es brummt und fiept und haucht im Duett mit dem Strassenbahnklang. Dazu improvisiert die Violinistin Biliana Voutchkova, imitiert das Quietschen, setzt staccato-artige Akzente. Der Experimentalmusiker Thomas Noll im weissen Arbeitsoverall zieht die Register seines Instruments, spielt auf einzelnen Orgelpfeifen und setzt auch bunte kleine Plastikspielzeuge zur kontrastierenden Klangerzeugung ein. Die Musiker bewegen sich durch den Wagen, verändern so den Klangraum. Und auch draussen verändert sich alles: Von der Mitte Berlins über den Alexanderplatz fährt das Tram eine Stunde lang immer weiter hinaus durch Industriegebiete bis mitten hinein in die Plattenbauten Marzahns. Aus dieser Tramophonie steigt das Publikum und ist in einer anderen Welt angekommen.

Überfliessende Möglichkeiten

Bei der 13. Pyramidale war wie schon 2010 die Schweiz mit einigen Interpretinnen und Interpreten sowie Komponisten zu Gast, und als Hauptthema stand über allem: Durst. Am ersten Abend gelangte das durstthema mit variationen mit Texten der Thüringer Autorin Kathrin Schmidt zur Uraufführung. völkisch lampedusisch fügsam ländlich greinend dunkel impulsiv, so waren die sieben Teile überschrieben, die von sieben Komponisten in Kammerbesetzung vertont wurden. Besonders ragte das Stück Stundlos von Katia Guedes heraus, ein Duett für Saxofon (Meriel Price) und Sopran (Franziska Welti). «Als ich dich lieben wollte», heisst es da im Text, und das Hauchen des Saxofons verschmilzt mit dem Hauchen der Stimme wie in einer Umarmung. Die Klappen des Saxofons nehmen den Sprachrhythmus auf, Instrumenten- und Stimmklang schmiegen sich umeinander und durchdringen sich, so dass ein geradezu erotisches Stück Musik entsteht.

Präsentiert werden die sieben Stücke in einer minimalistischen Inszenierung. Der Regisseur Holger Müller-Brandes beschränkt sich darauf, im kargen Glasraum des Ausstellungszentrums Pyramide verschiedene Spielorte für die einzelnen Teile einzurichten und damit den räumlichen Eindruck zu verändern. Franziska Welti und der Sprecher Christian Bormann tauschen spannungsreiche Blicke aus, stossen mit Wein an, am Ende zerbricht ein Glas. Seltsamerweise wirken diese Spielszenen trotz der Kürze etwas aufgesetzt und bemüht. Da wäre das Vertrauen auf Text, Musik, Raum, Stimmung und Stimme doch mehr gewesen.

Auch nach der Pause wird noch ein umfangreiches Programm geboten, bei dem sich die Musiker des Ensembles JungeMusik Berlin auch solistisch beweisen können. In Interludium von Sarah Nemtsov für Oboe und Elektronik, in dem die elektronisch vervielfältigten Oboenstimmen geisterhaft durch den Raum schweben, stellt die Oboistin Antje Thierbach ihr Können vor. In Albedo von Helmut Zapf aus dem Jahr 2001 glänzt Martin Glück an den Flöten. Der Einsatz der Elektronik wirkt in diesem Stück jedoch leider etwas plump und zu laut.

Die Uraufführung Irrwege von Johannes K. Hildebrandt lässt an das nervöse Eilen durch ein Labyrinth denken. Albtraumhaft, flatterhaft, zitternd, wechseln sich hektische Impulse mit gespannten Pausen und nervösen Läufen ab, um am Ende langsamer zu werden, wie der erschöpfte Herzschlag eines ewig Verirrten, wie ein Aufgeben, Ausatmen.

Einen beeindruckenden Abschluss bildet das Stück Aus der Wand die Rinne von Juliane Klein. Violoncello, Oboe, Klarinette, Saxofon und Flöte sind einzeln im Raum verteilt und spielen parallel mehrere Solostücke. Jeder Solist spielt im jeweils eigenen Tempo. Der Klang der verschiedenen Instrumente, mischt sich gut in dem kargen Glasraum. Am Ende bleibt allein das Cello (Vladimir Reshetko) übrig. Die freie Zusammensetzung des Stückes ermöglicht, dass das Spiel an einem anderen Tag ganz anders klingen, ganz anders ausgehen könnte. Das Wissen darum legt sich über das Gehörte wie eine leicht verschobene Möglichkeits-Schicht.

Weimarer Aufbauhilfe in Afghanistan

Die Weimarer Musikhochschule will die Musikabteilung an der Universität Kabul beim Aufbau von Strukturen, Lehrplänen und so weiter untersützen. Ins Auge gefasst werden überdies gemeinsame Forschungsprogramme mit Workshops, Konferenzen und Symposien sowie der Wiederaufbau des Archivs für afghanische Musik in Kabul.

Kanzlei der Universität Kabul. Foto: Colleen Taugher, flickr commons

Im Beisein von Vertretern der Deutschen Botschaft in Kabul ist dazu durch die Kanzlerin der Weimarer Musikhochschule, Christine Gurk, und den Kanzler der Universität Kabul, Habibullah Habib, eine Vereinbarung unterzeichnet worden. Bereits seit drei Jahren ermöglicht das Projekt Safar des Studienprofils am Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena einen Austausch zwischen afghanischen und deutschen Musikern wie Wissenschaftlern.

Die ersten Punkte der neuen Vereinbarung erfahren bereits ihre praktische Umsetzung: An der Universität Kabul werden zur Zeit verschiedene Workshops und ein wissenschaftliches Symposiums durchgeführt. Zudem sind die Übergabe des Archivs und ein gemeinsames Konzert von deutschen und afghanischen Musikern geplant.

In einem ersten gemeinsamen Fernseminar wird darüber hinaus mittels einer speziell gestalteten E-Learning-Plattform bis zum Mai 2015 ein Austausch zwischen Studierenden beider Hochschulen stattfinden. Neben einem Einblick in die Vielfalt der afghanischen Musikkulturen werden vor allem durch das kollektive Erarbeiten von Papers und Präsentationen der Weimarer und Kabuler Studierenden Soft Skills im Bereich des Transcultural Music Research vermittelt. 

Das Studienprofil Transcultural Music Studies am Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena unter der Leitung von Tiago de Oliveira Pinto kooperiert im Projekt Safar eng mit verschiedenen Partnern in Afghanistan. Ziel der gemeinsamen Arbeit ist die Revitalisierung der traditionellen afghanischen Musikkulturen sowie die Stärkung der musikalischen Zivilgesellschaft. Das Projekt wird vollständig aus Mitteln des Auswärtigen Amtes finanziert.

 

Popmusik wird akademisch aufgearbeitet

An der Berner Graduate School of the Arts entsteht im Rahmen eines Nationalfonds-Projektes erstmals eine Dissertation zur Popmusik: «Kultklänge – Zur Entstehung und Entwicklung dominierender Einzelsounds in populärer Musik von 1960 bis 2013».

DX7-Synthesizer. Foto: Steve Sims, wikimedia commons

Immanuel Brockhaus rekonstruiert in seiner Doktorarbeit im Rahmen des von Thomas Burkhalter geleiteten Projektes die Entstehung von «Kultsounds» (beispielsweise der E-Piano-Sound des DX7-Synthesizers) und verfolgt deren prägenden Einfluss auf die Geschichte der populären Musik.

Dabei kommen Methoden der Musikethnologie und Soundanalyse zum Einsatz. Anhand von Fallbeispielen wird untersucht, welche Bedeutungen ein Kultsound in unterschiedlichen geographischen und kulturellen Kontexten annehmen kann.

Bisherige Studien haben sich dem Thema Sound auf der molekularen Ebene noch nicht gewidmet. Das Forschungsprojekt geht erstmalig der Frage nach, welche Einzelklänge die populäre Musik von den Anfängen bis heute prägen. Wie entstehen solche Kultsounds, wie entwickeln sie sich weiter und wie stehen sie in Zusammenhang mit technologischen Entwicklungen? Wie verhalten sich Kultsounds in multilokalen Kontexten?

Die Graduate School of the Arts (GSA) ist eine Kooperation der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern und der Berner Fachhochschule, Departement Hochschule der Künste Bern. Es handelt sich um ein interdisziplinär angelegtes Doktoratsprogramm, das sich sowohl an forschende Künstlerinnen und Künstler, als auch an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler richtet, die sich für künstlerische Praxis interessieren.

Projekthomepage: www.cult-sounds.com
 

Im Vorbeigehen mitspielen

Die Opernkompanie Novoflot ist mit experimentellem Musiktheater auf Tournee.

Fotos Volksbühne: © Karo Serafin

Was passiert, wenn die subventionierte (Musik-)Theaterlandschaft zusammenbricht? Was kann die Antwort sein, wenn die althergebrachten Institutionen dem künstlerischen Ausdruck keinen Rahmen mehr bieten? Mit welchen Strategien und Formen könnte man diesem drohenden Ausverkauf der Kultur künstlerisch begegnen?

In Zeiten allgegenwärtiger Finanznöte und Sparmassnahmen liegen die Fragen nahe, die sich die freie Opernkompanie Novoflot im Rahmen des Projektes T-house-tour stellt. Vom 16. bis zum 19. Oktober 2014 fand auf dem Vorplatz der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz der zweite Teil des auf mehrere Etappen angelegten Musiktheaterexperiments statt. Dafür hat die Berliner Architektengruppe Graft zusammen mit der Bühnenbildnerin Annamaria Cattaneo ein aus flexiblen Modulen zusammengesetztes, wandelbares Gebäude in den öffentlichen Raum gestellt, das «transforming house». Metallstreben und schwere, durchsichtige Plastikfolien sind das Material, aus dem die verschiedenen quadratischen Räume zusammengesetzt sind. Darin aufgehängt sind bunte, asiatisch anmutende Kostüme, ebenfalls in Plastik verpackt, und verschiedene Accessoires definieren die Räume nach bestimmten Funktionen. Einer ist als eine Art Musikzimmer mit Gitarrenverstärker und Drumkit eingerichtet, es gibt ein Büro mit Computer und Tastatur, auf dem Bildschirm ein Dialog über Gefangenschaft. In einem anderen Raum stehen ein Mikrofon und eine Loopstation.

Sechs Stunden täglich agieren in einer undurchschaubaren Folge aus Improvisation und Inszenierung verschiedene Künstler in diesem Setting (Komposition: Michael Werthmüller, Regie: Sven Holm). Die Zuschauer können sich darin bewegen, manchmal auf das Geschehen Einfluss nehmen, zumeist aber einfach nur Augen und Ohren aufreissen vor Staunen darüber, was sich hier klanglich und kontextuell zusammen kombiniert. So improvisieren in einem der Räume die Posaunisten Nils Wogram und Conny Bauer miteinander, während der Schauspieler Raphael Clamer einen Text in ein Aufnahmegerät spricht: «Ich hab es für mich aufgegeben, ein verständiger Mensch zu sein …» Möglicherweise die richtige Rezeptionshaltung für ein so vielschichtiges Geschehen, das sich in seiner Komplexität niemals vollständig erfassen lässt. Zwei ältere Damen, gekleidet in überbordende Kostümmischungen aus Dirndl und Kimono, sprechen Sätze in das Loop-Gerät. Vom Körper abgekoppelt wiederholen die Stimmen: «Darf ich beim Essen rauchen?» und «Ich sags auf Friedenauisch!» Raphael Cramer spielt diese Einwürfe verzerrt ab, zerhackt, rückwärts. Derweil haben sich die Sängerin Yuka Yanagihara und die Tänzerin Ichi-Go in einem der anderen Räume auf den Boden gesetzt und beginnen auf japanisch ein hysterisches Gespräch.

Stumm und unauffällig, jedoch wie ein heimlicher Zeremonienmeister agiert dazwischen der schwarzgekleidete Dirigent Vicente Larrañaga. Yuka Yanagihara, deren Kostüm an ein japanisches Schulmädchen erinnert, verlässt den Spielort und überquert die Strasse. Von dort aus singt sie, einzig begleitet von den beiden Posaunen, mit ihrem wohlklingenden Sopran: «Erkenne, wo dein wahres Mass …» Passanten bleiben stehen und filmen diese ungewöhnliche Strassenszene mit ihren Smartphones. In den Gesang mischen sich ihre Kommentare und Gespräche, das Hintergrundgeräusch der Stadt und insbesondere der Kampf mehrerer Hunde irgendwo am anderen Ende des Platzes. Der Gitarrist John Schröder beginnt mit den beiden Posaunisten eine Improvisation, in deren Verlauf er seinerseits das Loop-Gerät einsetzt und sich zudem als begnadeter Schlagzeuger entpuppt. Die konzentrierte Energie bei dieser Session heizt den kleinen, abgegrenzten Raum auf, während draussen eine Gruppe Kinder zwischen den herabhängenden Folienstücken Nachlaufen spielt. Als die Musiker zu spielen aufhören, hallt die Intensität ihrer Begegnung in der Stille noch lange nach. Draussen ruft ein Junge laut nach seinem Freund: «E-li-as!!!»

Was Novoflot hier gelingt, ist nichts weniger als die Verschmelzung von Kunst und öffentlichem Raum. Und sogleich stellen sich einige Fragen: Wo verläuft die Grenze zwischen Akteur und Zuschauer? Lässt sich der Unterschied zwischen Inszenierung und Improvisation erkennen? Und welchen Anteil trägt jeder einzelne am Geschehen in der Öffentlichkeit? Auch diese Fragen hallen nach und stimmen neugierig auf die nächsten Stationen dieses offenen Musiktheaters.

Regie: Sven Holm, Musikalische Leitung: Vicente Larrañaga, Dramaturgie: Malte Ubenauf, Bühne Graft Architekten und Nino Tugushi, Kostüme: Sara Kittelmann, Komposition: Michael Wertmüller, Texte: Jürg Laederach, Video: Karolina Serafin, Licht: Jörg Bittner, Grafik: Emanuel Tschumi, Produktionsleitung: Dörte Wolter

t-house-tour.de

Tonhalle-Orchester weicht auf das Maag Areal aus

Wie die Zeitung «Der Landbote» zuerst vermeldet hat, wird das Zürcher Tonhalle-Orchester die Zeit der Renovation seiner namengebenden Spielstätte im Maag-Areal hinter sich bringen. Dort findet sich mit der Maag Music Hall das Gravitationszentrum der Schweizer Musical- und Populärkultur.

Maag-Areal. Foto: Renée, flickr commons

Laut dem Bericht des «Landboten» finden ab Mitte 2017 «sowohl die Proben als auch die Konzerte nicht mehr in der altehrwürdigen Tonhalle in der Zürcher Innenstadt statt, sondern in einer ehemaligen Indus­triehalle beim Prime Tower». Das Provisorium sei auf rund drei Jahre angelegt, so lange, wie der Umbau des Kongresshauses und der Tonhalle dauere.

Das 1868 gegründete Zürcher Orchester ist es das älteste Sinfonieorchester der Schweiz. Mit der Eröffnung der Zürcher Tonhalle 1895 bekames einen Saal, der akustisch als einer der besten der Welt gilt. Nach Verzögerungen wird der Bau ab 2017 während drei Jahren geschlosen und baulich erneuert.

Theater Basel erhält vom Land nicht mehr Geld

Der basellandschaftliche Regierungsrat hat eine Erhöhung seiner Subvention an das Theater Basel abgelehnt. Er will die Prioritäten in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Infrastruktur setzen.

Theater Basel mit Tinguely-Brunnen. Foto: Norbert Aepli, wikimedia commons

Die Theatergenossenschaft Basel als Trägerin des Theaters Basel hatte ab Spielzeit 2015/16 eine Erhöhung der bisherigen jährlichen Subventionen von 4,5 Millionen Franken um 1,4 Millionen Franken auf 5,9 Millionen Franken beantragt.

Der Regierungsrat hält fest, dass «zusätzliche Mittel für den Mehrbedarf des Theaters Basel im künstlerischen Bereich finanzpolitisch nicht zu priorisieren sind». Im Zusammenhang mit einer Vertiefung der Partnerschaft mit dem Kanton Basel-Stadt sieht der Regierungsrat Basel-Landschaft zudem «die Prioritäten in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Infrastruktur».
 

Luzern reorganisiert Kulturzweckverband

Das Lucerne Festival soll neben dem Verkehrshaus der Schweiz in den Zweckverband der grossen Kulturbetriebe des Kantons Luzern aufgenommen werden. Dies bedeutet, dass es künftig kantonal mitfinanziert wird.

KKL. Foto: Priska Ketterer/LUCERNE FESTIVAL

Der Luzerner Kantonsrat hat im Juli einem Planungsbericht über die Kulturförderung zugestimmt, Nun muss das Kulturförderungsgesetz entsprechend angepasst werden. Dies betrifft die Ausweitung der kantonal finanzierten Kulturbetriebe und die vorgesehene Massnahme einer selektiven Produktionsförderung.

Voraussetzung für Letztere ist die Realisierung der regionalen Förderfonds in verschiedenen Regionen des Kantons Luzern, in Zusammenarbeit mit den regionalen Entwicklungsträgern und den Gemeinden.

Die selektive Produktionsförderung sieht vor, dass sich professionelle Kulturschaffende auf eine Ausschreibung hin mit einem Projekt bewerben können. Erfüllt ein Projekt  vorgegebene Kriterien, kann sich der Kanton an der Realisation finanziell beteiligen.

Für die Aufnahme des Lucerne Festival und des Verkehrshauses der Schweiz in den Zweckverband muss das Gesetz angepasst werden. 

 

 

 

Suisseculture warnt vor Abschottung

Suisseculture ist ernsthaft besorgt über die Zukunft des Kulturschaffens in der Schweiz. Werden die immer strikteren Ausländergesetze wortgetreu umgesetzt, bleibt der Schweiz eine Schrumpfkultur nach dem Motto Quote statt Qualität.

Foto: Kurt Michel / pixelio.de

Rund 50 Musikerinnen und Musiker aus sogenannten Drittstaaten müssen die Schweiz voraussichtlich bis Ende Jahr verlassen (siehe Nachricht). Die in der Stadt Basel und im Kanton Baselland wohnhaften Musikerinnen und Musiker müssten laut Gesetz eine Festanstellung von mindestens 75 Prozent vorweisen, schreibt Suisseculture.

Das entspreche jedoch nicht dem realen Arbeitsmarkt in künstlerischen Berufen. Auch in anderen Kunstsparten bildeten Festanstellungen die Ausnahme. Die meisten Theaterschaffenden, Tanzschaffenden, Autoren und Bildenden Künstlerinnen seien freischaffend tätig. Gerade sie seien aber wichtige Impulsgeber für die Gesellschaft.

Die Kontingentierung von ausländischen Arbeitskräften im Kulturbereich zeigt laut Suisseculture «weltfremde und absurde Züge»: So dürfen Musikschulen zum Teil hochkarätige Musiker nicht anstellen, da der Nachweis nicht erbracht werden kann, dass es in der Schweiz «keinen vergleichbaren Künstler» gibt.

 

Ullrich verlässt Basler Amt für Kultur

Der 62-jährige Niggi Ullrich, Leiter kulturelles.bl, verlässt das Amt für Kultur des Kantons Basel-Landschaft auf den 31. Dezember 2014. Er ist seit Mai 1988 für die Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion tätig.

Foto: SRG

«Mit starkem Engagement» habe Ullrich in der Zeit seines Wirkens im Amt «einen massgeblichen Beitrag zur Förderung und Stärkung des kulturellen Schaffens im Baselbiet und an die kulturpolitische Entwicklung der Region Basel geleistet» schreibt der Kanton.

Die Hauptabteilung kulturelles.bl der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion des Kantons Basel-Landschaft unterstützt das professionelle Kunst- und Kulturschaffen in der Region Basel. Sie vermittelt und fördert Kultur in ihrer Vielfalt, besonderer Schwerpunkt liegt in der Förderung des zeitgenössischen Kunstschaffens.

Die Leitungsstelle der Abteilung kulturelles.bl wird öffentlich ausgeschrieben und soll zeitgerecht wieder besetzt werden.
 

HKB tüftelt an neuer Kontrabassklarinette

Die Schweizer Bundesförderagentur KTI (Kommission für Technologie und Innovation) hat das interdisziplinär angelegte Projekt «Contrabassclarinet Extended» bewilligt. Mit der Firma Segelke+Partners als Praxispartner entwickeln die Hochschule der Künste Bern und das Departement Technik der Berner Fachhochschule eine neue Kontrabassklarinette zu einem serienreifen Prototypen.

Foto: Donna Molinari

Die neue Kontrabassklarinette soll die mangelnde klangliche und technische Qualität des Instrumentes überwinden, und zwar unter einer «radikal neuen Prämisse»: Durch die Ersetzung der traditionellen Mechanik mittels sensorisch-dynamischer Tasten und Motorklappen seien keine Kompromisse hinsichtlich der Setzung der Tonlöcher mehr nötig, schreibt die HKB. Klang und Intonation würden markant verbessert und neue Schnittstellen für Komponisten und Interpreten, ja selbst für Medien-Kunst geschaffen. Das Projekt von Ernesto Molinari wird von Roman Brotbeck geleitet.

Die HKB wurde überdies eingeladen, beim EU-Projekt «Experimentation versus Interpretation: Exploring New Paths in Music Performance in the Twenty-First Century» des European Research Council & Orpheus Institute, Ghent, teilzunehmen. SNF-Förderungsprofessor Kai Köpp wird dabei als ständiger Experte wirken und sich mit einer Untersuchung von historischen Aufnahmen aus dem Schönberg-Kreis beteiligen.

Wie das lange 19. Jahrhundert Beethovens Klavierwerk rezipierte, erforscht ein neues SNF-Projekt, das von Thomas Gartmann, dem Leiter der Forschung an der HKB, erfolgreich eingegeben worden ist: Von beiden Enden her untersuchen zwei eng verzahnte Dissertationen, wie sich nach Beethovens Tod interpretatorische Praktiken verändert und weiterentwickelt haben und damit zu einem massgeblichen Teil noch heute unser Beethoven-Bild prägen.

Leonardo Miucci geht dabei von Ignaz Moscheles’ Tagebuchaufzeichnungen, Briefen und Klavierschulen aus und vergleicht dazu die beiden grossen Beethoven-Editionen, die er in den 1830er Jahren für den englischen und zwanzig Jahre später für den deutschen Markt anfertigte. Manuel Bärtsch wertet Aufnahmen mit Welte-Mignon-Rollen und frühe akustische Einspielungen aus und kontextualisiert sie historisch wie ästhetisch. Im Fokus beider Studien stehen Artikulation, Dynamik, Agogik, Pedalisierung, (Umsetzung von) Vortragsbezeichnungen, Tempo und Metronomisierung.

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