Alphorn und Naturjodel

Gemeinsamkeiten zwischen Alphorn und Naturjodel haben die Theorie gefördert, dass sich beide in ihrer Entwicklung beeinflusst hätten. Solche Beeinflussungen dürfen nicht verallgemeinert werden, sagen Musikforschende der Hochschule Luzern.

Vermessen von Alphörnern in der Musikinstrumentensammlung Willisau. (Foto: Priska Ketterer)

Ist das Alphornspiel als «geblasener» Jodel zu verstehen? Hat es mit seiner charakteristischen Naturtonreihe und seinem Klang das Jodeln beeinflusst? Haben die beiden Musikpraktiken historische Berührungspunkte? Diese Fragen untersuchten Forschende des Departements Musik der Hochschule Luzern im Projekt «Musikalische Beziehung zwischen Alphorn und Jodel – Fakt oder Ideologie?». Das Projekt wurde vom Schweizerischen Nationalfonds SNF gefördert.

Zwar kam das Forschungsteam zu dem Schluss, dass eine gewisse Beeinflussung je nach Region und Epoche stattfand, «aber einen gleichbleibenden Einfluss hat es nicht gegeben», sagt Projektleiter Raymond Ammann. Auch Berührungspunkte in der Entwicklung von Alphorn und Jodel konnten die Forschenden nur stellenweise nachweisen: «Früheste Quellen erweisen sich als inhaltlich zu ungenau, um daraus klare Übernahmeprozesse zwischen diesen beiden Musikpraktiken ablesen zu können.»

Originalartikel:
https://www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/medien/medienmitteilungen/2019/12/11/alphorn-und-jodel-eine-greifbare-aber-unstete-wechselbeziehung/

Gastkünstler aus London und Lund

Musikerinnen und Musiker des Londoner Royal College of Music, die Lund Switzerland Singers aus Schweden und die Klosters Festival Singers aus London sind mit Solistinnen und Solisten vom 13. bis zum 15. Dezember in drei Konzerten zu hören.

Konzert am 15. Dezember 2018 in der Kirche St. Jakob, Klosters. Foto: Andy Mettler/swiss-image.ch,SMPV

Wie die Veranstalter mitteilen, werden die Konzerte zum zweiten Mal von Stephen Johns, dem künstlerischen Leiter des Londoner Royal College of Music (RCM), kuratiert. Die Gastdirigenten dieses Jahr sind Mark Biggins von der English National Opera und Felix Bagge von der Lund University. Die drei jungen Solisten, Julieth Lozano (Sopran), Theodor Uggla (Tenor) und Emily Sun (Violine), haben enge Verbindungen zum RCM. Weiter zu hören sind Jonathan Radford, ein international anerkannter Saxofonist, das RCM Chamber Ensemble, die Lund Switzerland Singers und die Klosters Festival Singers.

Interview mit Stephen Johns

Der künstlerische Leiter des Klosters Music Festivals äussert sich in einem ausführlichen Gespräch mit Veronika Studer-Kovacs über Entwicklungen im Klassikbetrieb, Interpretation, die Rolle von Musikfestivals und zu seinem persönlichen Musikgeschmack.

Link zum Interview

Daten und Zeiten

Freitag, 13. Dezember 2019, 19.30 Uhr
Lounge-Konzert in der Grizzly’s Bar, Hotel Piz Buin

Samstag, 14. Dezember 2019, 19.30 Uhr
Klassisches Konzert in der Ref. Kirche St. Jakob

Sonntag, 15. Dezember 2019, 17 Uhr
Weihnachtskonzert in der Ref. Kirche St. Jakob

Beethovens Zehnte mit künstlicher Intelligenz

Beethovens Skizzen zu einer zehnten Sinfonie hat noch niemand zu vervollständigen versucht. Ein Team internationaler Musik- und KI-Experten sowie Wissenschaftler des Beethoven-Hauses Bonn wagen sich nun daran.

3D-Rendering auf der Grundlage einer Beethoven-Büste. Bild: VectorVictor/stock.adobe.com

Mit Methoden der künstlichen Intelligenz ist aus den bestehenden musikalischen Skizzen von Beethoven eine mögliche Version der Sinfonie entstanden. Dafür mussten zunächst die vorliegenden Daten von Beethoven – Sinfonien, Noten-Skizzen und Partituren – analysiert und maschinenlesbar aufbereitet werden. Dann wurde die passende Machine-Learning-Methode ausgewählt und deren Algorithmen auf die Aufgabe angepasst. Gearbeitet wurde mit Algorithmen der Sprachverarbeitung.

Das Team bestand unter der Leitung von Matthias Röder vom Karajan Institut und der Agentur The Mindshift aus dem Musikwissenschaftler und Beethoven-Kenner Robert Levin, Ahmed Elgammal (KI-Experte an der Rutgers University), Mark Gotham (Kompositions-Theoretiker Cornell University), Walter Werzowa (Komponist) und Christine Siegert (Leiterin Forschungsabteilung des Beethoven-Hauses). Das Werk soll im April 2020 vom Bonner Beethoven Orchester aufgeführt werden.

Originalartikel:
https://www.telekom.com/de/konzern/themenspecials/special-beethoven-jubilaeumsjahr/details/kuenstliche-intelligenz-soll-beethovens-zehnte-sinfonie-vollenden-587346

 

Übernahme von Talentschulkosten geregelt

Laut einem Bundesgerichtsentscheid kann von Eltern kein Beitrag an die Unterrichtskosten einer Talentschule verlangt werden. Sie können nur für Ausgaben belangt werden, die zum Beispiel für die Förderung des Instrumentalunterrichts anfallen.

Foto: NeONBRAND / Unsplash (s. unten),SMPV

Die Regierung des Katnons St. Gallen hat im Juni 2018 durch Verordnung das Schulgeld festgelegt, das vom Schulträger zu bezahlen ist, wenn ein Schulkind die anerkannte Talentschule eines anderen Schulträgers besucht. Die Stadt St.Gallen hat dagegen unter Berufung auf die Gemeindeautonomie Beschwerde beim Bundesgericht erhoben. Dieses hat die Beschwerde nun abgewiesen und festgestellt, dass die Regierung zu Recht das Schulgeld per Verordnung geregelt und dessen Höhe korrekt bemessen hat. Talentschulträger dürfen weder vom abgebenden Schulträger ein höheres Schulgeld noch von den Eltern einen Beitrag an den Unterricht verlangen.

Die Stadt St.Gallen hatte mit Rechnungstellung an die abgebenden Schulträger, die von der kantonalen Vorgabe abwich, Unsicherheit in Bezug auf das geschuldete Schulgeld ausgelöst. Sie hatte zudem von den Eltern der Talentschülerinnen und -schüler einen Beitrag an den Unterricht eingefordert. Das Bundesgericht stellte nun klar, dass beides nicht zulässig ist. Von den Eltern kann schon mit Blick auf die verfassungsmässig garantierte Unentgeltlichkeit des Grundschulunterrichts kein Beitrag an die Unterrichtskosten verlangt werden. Sie können nur für Ausgaben belangt werden, die für die Förderung des spezifischen Talents anfallen, etwa Instrumentalunterricht.

Aargauer Kulturchef wechselt nach Bern

Thomas Pauli-Gabi, der bisherige Abteilungsleiter Kultur des Kantons Aargau, wird Direktor des Bernischen Historischen Museums. Er wird die neue Stelle am 1. Mai 2020 antreten.

Thomas Pauli-Gabi. Foto: Ruben Wyttenbach/Bernisches Historisches Museum

In die Tätigkeitszeit von Thomas Pauli-Gabi als Leiter Abteilung Kultur fallen verschiedene Grossprojekte. Ein wichtiges Anliegen war es Thomas Pauli-Gabi, mit der Erarbeitung und Umsetzung eines kantonalen Kulturkonzepts der kantonalen Kulturpolitik eine breit abgestützte, strategische Ausrichtung zu geben.

Mit verschiedenen Projekten trug Thomas Pauli-Gabi mit seinem Team dazu bei, das Selbstverständnis des Kantons Aargau als Kulturkanton zu stärken. So feierte der Kanton im Jahr 2015 unter Beteiligung der Regionen das kantonale Gedenkjahr zu 600 Jahren Aargau in der Eidgenossenschaft, es wurde ein Vermittlungskonzept «Doppeltür» für das jüdisch-christliche Kulturerbe im Surbtal erarbeitet, ein kantonales Themenjahr «IndustrieWelt Aargau» 2019/2020 initiiert und mehrere kulturelle Bauprojekte, wie der Neubau des Stapferhauses in Lenzburg und die Alte Reithalle in Aarau, aktiv gefördert.
 

Wie klingen alpine Seilbahnen?

Der Kanton Uri baut mit der Uni Luzern ein Forschungsinstitut auf. Sein erstes grösseres Projekt: Die Erschliessung des alpinen Raums durch Seilbahnen, samt Komposition von Michel Roth aus typischen Seilbahngeräuschen.

Symbolbild. Foto: Daniel Abrihan / unsplash.com

Das Projekt befasst sich mit Seilbahnen im Kanton Uri und besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil wird aus historischer Perspektive untersucht, wie die Erschliessung des alpinen Raums durch Seilbahnen in den vergangenen rund hundert Jahren das Leben der Bevölkerung, die Nutzung der Berggüter und die Landschaft selbst verändert hat. Im zweiten Projektteil soll aus typischen Seilbahngeräuschen eine Komposition entstehen, die schliesslich als Klanginstallation der Öffentlichkeit vorgeführt wird.

Romed Aschwanden, Geschäftsführer des Urner Instituts Kulturen der Alpen an der Universität Luzern, zeichnet sich für die historische Recherche verantwortlich. Dabei will der Forscher nicht nur einfach historische Quellen heranziehen, sondern auch mit Zeitzeugen Interviews führen.

Den musikalischen Part übernimmt Michel Roth. Der im Kanton Uri aufgewachsene Komponist ist Professor für Komposition und Musiktheorie, Analyse und Tonsatz an der Hochschule für Musik FHNW. Ebenfalls am Projekt beteiligt ist Boris Previšić von der Universität Luzern. Der Schweizerische Nationalfonds unterstützt das interdisziplinäre Seilbahn-Projekt mit einem Förderbeitrag. Der Start erfolgt Anfang Februar, innert eines Jahres wird das Projekt abgeschlossen sein.
 

Aus für Norient?

Das renommierte Onlinemagzin Norient für Musik der Welt ist abgeschaltet. An seine Stelle soll eine virtuelle, transdisziplinäre Galerie und Community-Plattform zwischen Kunst, Journalismus und Wissenschaft treten. Die Finanzierung ist allerdings noch offen.

Foto: chuttersnap on unsplash.com

Die neue Plattform soll die Norient-Community von über 700 Kunstschaffenden aus 50 Ländern enger zusammenführen, Aufträge generieren, faire Honorare zahlen und ihre Ideen für die Zukunft einer breiten Öffentlichkeit vorstellen.

Das alles sei aber abhängig von einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne, die Norient auf der Plattform Startnext lancieren werde, schreiben die Verantwortlichen. Wenn Norient überlebt, findet im Januar und Februar 2021 in Bern und Lausanne die 10. Ausgabe des Norient Film Festivals (NFF) statt.

Link zum Crowdfunding

Nachtrag vom 6. Dezember

Bis am 31. Januar kann man sich über diesen Link finanziell und ideell für den neu entstehenden Norient space engagieren:

https://www.startnext.com/de/norient

Ehrendoktor-Würden für Heinz Holliger

Mit einem Festakt hat die Universität Basel zum 559. Mal ihren Dies academicus begangen. Zu den sieben neuen Ehrendoktoren gehören der Oboist und Komponist Heinz Holliger und der Zürcher Aids-Arzt Ruedi Lüthy.

Heinz Holliger. Foto: Julien Gremaud/Bundesamt für Kultur,SMPV

Als Oboenvirtuose von weltweiter Ausstrahlung habe Holliger mit avancierten Spieltechniken experimentiert, schreibt die Uni Basel. Er habe zudem einige vergessene Musiker des 18. Jahrhunderts wieder entdeckt und wichtige zeitgenössische Komponisten zu neuen Werken inspiriert.

Als Komponist lote der 80-Jährige die Grenzen von Klang und Sprache aus, und als Dirigent und Organisator engagiere er sich für die Musikkultur Basels durch wesentliche institutionelle und künstlerische Impulse.

Weitere Basler Ehrenpromotionen gingen an den Pfarrer Martin Stingelin, den Unternehmer Klaus Endress sowie an drei Forscher aus den USA: den Juristen Bryan A. Stevenson, den Zellbiologen Randy W. Schekman und den Psychologen Jerome R. Busemeyer.

Musik hat universale Eigenschaften

Teams der Universität Harvard und der Universität Wien kommen zum Schluss, dass die menschliche Musikalität alle Kulturen der Welt vereint.

Foto: Dietmar Meinert / pixelio.de (s. unten),SMPV

Laut Samuel Mehr von der Universität Harvard ist Tanzmusik schnell und rhythmisch, Schlaflieder sind sanft und langsam – dies gilt weltweit. Zudem zeigten sich in allen Kulturen Tonarten: Der Aufbau von kleinen Notenfolgen von einer Basisnote wie in der westlichen diatonischen Tonleiter. Lieder, die zur Heilung beitragen sollen, bestehen im Vergleich zu Liebesliedern meist aus wenigen, eng beieinanderliegenden Noten. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass es tatsächlich universelle Charakteristiken für Musik gibt, die womöglich grundlegende Gemeinsamkeiten aufweisen – eine fundamentale menschliche Musikalität.

In einem Science-Perspective-Artikel in der gleichen Ausgabe kommentieren Tecumseh Fitch und Tudor Popescu von der Universität Wien die Schlussfolgerungen. Die menschliche Musikalität basiert grundlegend auf einer kleinen Anzahl von fixen Säulen: fest einprogrammierten Prädispositionen, die den Menschen durch die uralte physiologische Infrastruktur unserer gemeinsamen Biologie mitgegeben wurden. Diese musikalischen Säulen werden dann mit den Eigenheiten jeder individuellen Kultur gewürzt, aus dem das kaleidoskopische Sortiment hervorgeht, welches wir in der Weltmusik finden.

Originalartikel:
W. Tecumseh Fitch, Tudor Popescu; Science, 2019
Veröffentlicht in der Artikelreihe ‚Perspektiven‘ des Magazins.
DOI: 10.1126/science.aay2214
 

Foto: Dietmar Meinert / https://www.pixelio.de/

Die musikalische DNA Romanischbündens

In ihrer umfangreichen Dissertation hat Laura Decurtins die Geschichte des rätoromanischen Musikschaffens mit der Identitätsfindung der romanisch sprechenden Bevölkerung verbunden.

Hirte mit Tiba im Safiental beim Turrahus um 1910. Quelle: Reginalmuseum Surselva; Autor: Walram Derichsweiler (1872–1936); hochgeladen von Adrian Michael / wikimedia commons

Es ist ein mutiges und verdienstvolles Ziel, das sich die Bündner Musikwissenschaftlerin Laura Decurtins gesetzt hat: «Ich möchte gewissermassen die ‹musikalische DNA› Romanischbündens erforschen und eine musikalische Sicht auf Romanischbünden bieten.» Dank eines Forschungsprojektes der Universität Zürich und des Instituts für Kulturforschung Graubünden bekam sie Zeit und Geld für ihr Vorhaben, und seit Kurzem ist das Resultat ihrer umfangreichen Forschungen als Buch im Chronos-Verlag unter dem Titel Chantai rumantsch! – Zur musikalischen Selbst(er)findung Romanischbündens erhältlich.

Das Buch ist dick und schwer, der Inhalt wurde 2017 von der Universität Zürich als Dissertation angenommen: keine Ingredienzen für eine leichte Lektüre. Und die Befürchtungen des Rezensenten bewahrheiten sich. Es braucht Disziplin und Zeit, um der mit über 500 Seiten umfangreichen Arbeit von Laura Decurtins gerecht zu werden. Eine etwas holprige Sprache, viele Quellenverweise – allein der Quellennachweis benötigt über 40 Seiten – und immer wieder unübersichtliche Namensnennungen machen den Text nicht zugänglicher. Doch die Arbeit wird belohnt.

Laura Decurtins verknüpft die Geschichte des rätoromanischen Musikschaffens mit der Identitätsfindung der romanisch sprechenden Bevölkerung. «Musica rumantscha» bedeute daher nicht nur «Musik zu Texten in bündnerromanischer Sprache», sondern vielmehr «Musik von, durch, mit und für Bündnerromanen». Musik als Teil der kulturellen Identität und damit prägend für eine Gesellschaft ist kein neuer Gedanke, wurde aber lange von der Musikwissenschaft vernachlässigt.

Die Autorin hat ihr Buch in fünf Hauptkapitel unterteilt. Es beginnt mit der frühen Neuzeit und dem Geistlichen Gesang, geht weiter zum Patriotischen Gesang und Heimatbewusstsein im 19. Jahrhundert, dann zum Chorgesang und Sprachbewusstsein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und zur populären Vokalmusik und neuem Kulturbewusstsein in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es endet mit dem Kapitel zur sprachlich-kulturellen Identitätsfindung in der aktuellen Vokalmusik. Während der Lektüre wird deutlich, wie fragmentiert und kleinräumig der Kulturraum der romanisch sprechenden Bevölkerung in Graubünden war und immer noch ist. Als Vertreter der deutschsprachigen Bündner Mehrheit übersieht man das schnell. Auch die jahrhundertealte Vorherrschaft des Deutschen als Amtssprache und der Wandel des Rätoromanischen von der Umgangssprache zur Schriftsprache und wie dies mit dem musikalischen Schaffen verknüpft ist, wird anschaulich beschrieben. So ist bereits der Einstieg mit den Ausführungen, wie, von wem und wann geistliche Texte und Lieder auf Romanisch übersetzt wurden und wie sie verbreitet wurden, höchst interessant. Ein besonderes Verdienst ist auch, dass sich Laura Decurtins mit der zeitgenössischen Musik auseinandersetzt. Damit werden die vorhandenen Bezüge deutlich, die die rätoromanische Musik von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart aufweist.

Laura Decurtins hat ein detailliertes und fundiertes Nachschlagewerk zur Entwicklung und Geschichte der rätoromanischen Kultur erarbeitet. Diese Geschichtsschreibung hat erst begonnen und wird hoffentlich Nachahmer finden. Denn fallen bei den ersten vier Kapiteln die Sorgfalt und das analytische Vorgehen auf, gerät das letzte Kapitel zur Gegenwart allzu stark zu einer Auflistung von Biografien aktiver Musikerinnen und Musiker sowie Institutionen, die allerdings nicht vollständig ist und auch nicht reflektiert wird. Das ist etwas schade, denn damit bleibt die Frage, wie sich die rätoromanische Musik und ihre Akteure im internationalen Umfeld behaupten und entwickeln, immer noch offen. Wir sind gespannt auf die Fortsetzung.

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Laura Decurtins: Chantai rumantsch! Zur musikalischen Selbst(er)findung Romanischbündens,
564 S., 57 Abb., Fr. 58.00, Chronos, Zürich 2019, ISBN 978-3-0340-1501-1
E-Book (PDF) kostenlos

Neue melodische Studien

Von einfachen, kurzen Melodien bis zu mittelschweren Stücken baut ein dreibändiges Gitarrenalbum auf; schärfer konturiert sind die melodischen Studien: alles von Paul Coles.

Paul Coles. Foto: Universal Edition

Seit einiger Zeit verlegt die Wiener Universal-Edition mit einer gewissen Regelmässigkeit die mehr oder weniger anspruchsvolle Unterrichtsliteratur des britischen Gitarristen und Komponisten Paul Coles, so zuletzt den Band 10 More Melodic Studies for Guitar. Das «More» im Titel bezieht sich dabei auf die vor fünf Jahren erschienenen 26 Melodic Studies; das Heft passt aber auch zu den drei Bänden Classical Guitar Album von 2018. Letztere sind progressiv aufgebaut, von einfachen einstimmigen Melodien bis zu mittelschweren Stücken für Fortgeschrittenere. Sie eignen sich als Unterrichtsmaterial für – auch junge – Erwachsene. Besonders ansprechend sind dabei die ruhigen, romantisch angehauchten Miniaturen in der zweiten Hälfte des dritten Hefts (Band 1: UE 21675, erste Stücke; Band 2: UE 21 676, leichte Stücke; Band 3: UE 21 677, mittelschwere Stücke; je € 12.50).

Und gerade dazu bilden die 10 More Melodic Studies einen erfrischenden Kontrast. Raschere Tempi, längere Notentexte, herzhafte Melodien in Ober- und Unterstimmen sowie Arpeggios, die gut in der Hand liegen, mit dem letzten Stück als Höhepunkt: einem furiosen, spanisch beeinflussten Vivace. Coles‘ Tonsprache ist romantisch gefärbt, mit modernen Anklängen, der Rhythmus mit Synkopen und Wechseln zwischen zahlreichen verschiedenen Taktarten attraktiv, manchmal auch etwas sperrig. Vielleicht ist da und dort eine musikalische Idee mehr als nötig in ein Stück hineingepackt, sodass eine stringente musikalische Gestaltung nicht immer ganz einfach ist.

10 More Melodic Studies for Guitar ist wie alle Ausgaben von Paul Coles attraktiv aufgemacht und enthält neben den englischen Begleittexten auch deren deutsche und französische Übersetzungen.

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Paul Coles: 10 More Melodic Studies, für Gitarre, UE 21678, € 13.50, Universal Edition, Wien

Vierfarbiges Autograf

Musikalischer Code oder einfach Spielerei? Die mehrfarbige Notation in Mozarts Hornkonzert in Es-Dur KV 495 gibt bis heute Rätsel auf.

Seite aus dem Autograf. Quelle: Pierpont Morgan Library Dept. of Music Manuscripts and Books

Auch wenn mir bei solchen Formulierungen immer etwas unwohl ist: In seiner Zeit dürfte Wolfgang Amadeus Mozart wohl der kreativste Geist gewesen sein. Und dies nicht nur in Bezug auf seine musikalischen Werke, sondern auch hinsichtlich seines Sprachwitzes und anderer vergnüglicher Schelmereien, die nur einem spielerisch veranlagten, ewig jung gebliebenen Esprit einfallen können. Dies gilt jenseits der bizarren Bäsle-Briefe oder des schrägen Musikalischen Spasses KV 522 auch für das 1786 entstandene Hornkonzert KV 495.

Es ist für den zwischen 1763 und 1773 in Salzburg als Hofjägerhornist angestellten und mit der Familie Mozart befreundeten Joseph Leutgeb geschrieben, der später nach Wien wechselte und dort eine Käserei vor der Stadt betrieb. Leutgeb muss Mozart mit der Bitte nach Konzerten geradezu in den Ohren gelegen haben, denn schon beim ersten Werk KV 417 (1783) findet sich im Autograf ein spöttischer Kommentar: «Wolfgang Amadé Mozart hat sich über den Leitgeb, Esel, Ochs und Narr, erbarmt.»

Was Mozart dem Hornisten beim Konzert KV 495 mitgegeben hat, wissen wir nicht genau. Neben zwei posthumen Drucken in Stimmen haben sich nur Teile der Handschrift erhalten, bei der Mozart das mittlere Andante cantabile mit gleich vier unterschiedlich farbigen Tinten entwarf: schwarz, blau, rot und grün. Seither wird gerätselt, ob es sich bloss um eine buntscheckige Laune oder um einen musikalischen Code handelt. Auch wenn die erhaltenen Teile des Autografs von der Morgan Library (New York) online gestellt wurden: Die Urtext-Edition bei Breitkopf macht den Notentext erstmals im aufwendigen Farbdruck für die Praxis verfügbar – nicht nur zum Spass, sondern auch zum Weiterrätseln.

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Wolfgang Amadeus Mozart: Konzert für Horn und Orchester Es-Dur KV 495, hg. von Henrik Wiese, Partitur PB 15131, € 19.90, Breitkopf & Härtel in Kooperation mit G. Henle, Wiesbaden

Verteilung der Einnahmen aus Hintergrundunterhaltung

Mehr als 100 000 Betriebein der Schweiz nutzen Musik, TV und Filme zur Hintergrundunterhaltung. Für diese Nutzung bezahlen die Betriebe den Urhebern, Verlegern, Interpreten oder Produzenten eine Vergütung gemäss dem Gemeinsamen Tarif 3a. Wie und an wen werden diese Einnahmen verteilt?

Die passende Hintergrundmusik in einem Ladengeschäft, Friseursalon oder Restaurant leistet wie die Beleuchtung oder Dekoration einen wichtigen Bei-trag dazu, dass sich die Kunden und Gäste wohlfühlen. Und in einem Pub gehört die Live-Übertragung eines Fussball- oder Cricket-Spiels genauso zum Interieur wie die dunklen Möbel, die Holzschilder und die Dart-Scheibe.

Ebenso wie die Hersteller des Mobiliars, der Dekoration oder der Beleuchtung bezahlt werden müssen, haben die Komponisten, Textautoren, Interpreten, Drehbuchautoren oder Produzenten laut Gesetz ein Recht darauf, für die Nutzung ihrer Werke und Leistungen ausserhalb des privaten Rahmens eine Vergütung zu erhalten. Hierfür sind die fünf Schweizer Verwertungsgesellschaften Pro Litteris, SSA, SUISA, Suissimage und Swissperform zuständig. In ihrem Auftrag zieht die SUISA die Vergütungen für die Nutzung von Musik, Filmen und TV-Sendungen gemäss dem Gemeinsamen Tarif 3a (GT 3a) ein.

Was macht die SUISA mit den Einnahmen aus der Hintergrundunterhaltung?

In einem ersten Schritt wird das eingenommene Geld nach einem fixierten Verteilschlüssel unter den fünf Schweizer Verwertungsgesellschaften aufgeteilt. Der Anteil der SUISA für die Abgeltung der Musikinhalte beträgt dabei etwas mehr als die Hälfte der Einnahmen. Jede Gesellschaft ist in einem zweiten Schritt dafür zuständig, diese Einnahmen an die Urheber, Künstler und an die Verleger und Produzenten auszuzahlen.

Im Fall der SUISA werden bei diesem zweiten Schritt von den erwähnten gut fünfzig Prozent 88% an die Berechtigten verteilt. Das bedeutet, dass von 100 Franken, die eingenommen werden, 88 Franken an die Künstlerinnen und Künstler und deren Verlage verteilt werden können.

Wie und an wen werden die Einnahmen verteilt? Grundsätzlich kennt die SUISA drei unterschiedliche Möglichkeiten der Verteilung: die direkte Verteilung, die Pauschalverteilung mit Programmunterlagen und die Pauschalverteilung ohne Programmunterlagen. Programmunterlagen sind Listen der Werke, die aufgeführt oder gesendet worden sind.

Beim GT 3a wird das Geld fast ausschliesslich pauschal ohne Programmunterlagen verteilt. Sowohl für die Kunden wie auch für die SUISA wäre das Einreichen resp. Bearbeiten von Werklisten mit einem enormen Aufwand verbunden, der in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen würde. Stattdessen benutzt die SUISA vorhandene Programmunterlagen aus verschiedenen Quellen, um die Einnahmen aus dem GT 3a zu verteilen. Dabei achtet die SUISA darauf, dass für diese Verteilung Listen resp. Nutzungen verwendet werden, die eine möglichst gerechte Verteilung erlauben.

Möglichst faire Verteilung auch ohne Liste der aufgeführten Werke

Aufgrund von Erfahrungswerten wird beispielsweise davon ausgegangen, dass ein grosser Teil der Unternehmen, Läden, Restaurants etc. Werke nutzt, die auch im Radio resp. Fernsehen gesendet werden. Entsprechend wird ein grosser Teil der Einnahmen aus dem GT 3a anhand der Programmunterlagen für die Nutzung von Musik, TV-Sendungen und Filmen aus Radio- und Fernsehsendungen verteilt. Die SUISA trägt aber auch der Tatsache Rechnung, dass nicht nur Pop, Rock oder Urban gespielt wird, sondern auch andere Genres wie Volksmusik oder sogar Kirchenmusik. Deshalb wird ein Teil der Einnahmen auch anhand von Programmlisten für kirchliche Aufführungen, Blasmusiken oder Jodelclubs verteilt.

Um das Geld an die Künstlerinnen und Künstler zu verteilen wird es somit anderen, ähnlichen Verteilungsklassen der Aufführungs- und Senderechte (siehe Verteilungsreglement Ziffer 5.5.2) zugewiesen. Erhält also ein Mitglied eine Abrechnung in einer dieser Verteilungsklassen, dann erhält er zugleich auch einen Anteil aus den Einnahmen für Hintergrundunterhaltung aus dem GT 3a.

In einigen Ausnahmefällen kommt bei der Verteilung der Einnahmen aus der Hintergrundunterhaltung die direkte Verteilung zum Zug. Hier handelt es sich z. B. um Musik, die in einem Museum für eine Ausstellung verwendet wird, oder Musik, die für einen längeren Zeitraum von einer Firma in der Telefonwarteschlaufe verwendet wird. In diesen Fällen handelt es sich in der Regel um Auftragsmusik.

Die Verteilung der SUISA erfolgt viermal pro Jahr. Im Jahr 2018 wurden insgesamt über 132 Mio. Franken an die Komponisten, Textautoren und Verleger von Musik verteilt.

Weitere Informationen:

> www.suisablog.ch

Bizarre Kämpfe

Zwei Werke von Jorge E. López legt das Collegium Novum Zürich unter der Leitung von Jonathan Stockhammer als Ersteinspielungen vor.

Ausschnitt aus dem CD-Cover

In der Tat denkt man an Kämpfe, wenn man diese kraftvolle und oft rabiate Musik hört. Zwei grosse Werke bietet die bei Neos erschienene CD: das Ensemblestück mit eben jenem Titel Kampfhandlungen/Traumhandlungen op. 11 (1995/98) und eine Kammersymphonie «A végső Tavasz» op. 23 (2009/2011). Beide sind kaum auf einen Nenner zu bringen. Ein rituell-ernster Ton ist zwar stets präsent, doch Jorge E. López pflegt dabei ein ungeheuer flexibles Komponieren.

Die Kammersymphonie unterstreicht López‘ ästhetische Haltung: «Ich habe mich nie mit dem Begriff ‹Neue Musik› identifiziert. Eher trieb mich von Anfang an, dass es darum geht, das Uralte präsent zu machen. Ich suche nicht das Neue, sondern suche eher das Verdrängte.» Es kommt zu aberwitzigen Referenzen an Gustav Mahler, an Beethoven und an Gustav Holst. Mit manieristischer Artistik gelingt López ein bizarrer, ja fantastischer Wurf.

Das Collegium Novum Zürich unter der Leitung von Jonathan Stockhammer spielt sehr akkurat, mit viel Aufmerksamkeit fürs Detail, zugleich an entsprechenden Stellen kraftvoll. Die vom ungarischen Dichter Endre Ady stammenden Zeilen singt Leslie Leon in der Kammersymphonie expressiv, vermag aber auch zum ironisch distanzierten Ton zu wechseln. Eine furiose Aufnahmequalität des Schweizer Radios SRF und ein informativer, gut lesbarer Booklet-Text von Jens Schubbe runden den herausragenden Eindruck ab.

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Jorge E. López: Kampfhandlungen/Traumhandlungen op. 11 / Zweite Kammersymphonie «A végső Tavasz» op. 23. Leslie Leon, Sopran; Collegium Novum Zürich; Jonathan Stockhammer, Leitung. Neos 11912

Gezupft und angeschlagen statt gesungen

Auf Harfe und Klavier spielt das Duo Praxedis Stücke von Carl Rütti. Sowohl die originalen Kompositionen wie die Arrangements von Chorwerken zeichnen sich durch ein breites Stimmungsspektrum aus.

Duo Praxedis. Foto: zVg

Das Duo Praxedis vereint die Harfe mit dem Klavier. Die beiden Interpretinnen Praxedis Hug-Rütti (Harfe) und Praxedis Geneviève Hug (Klavier) widmen ihre neuste CD dem Komponisten Carl Rütti, der seinen 70. Geburtstag feiern kann. Dabei handelt es sich nicht nur um eine «familiäre» Geste für den Bruder und Onkel, sondern um ein interessantes und musikalisch engagiertes Gemeinschaftswerk.

Carl Rütti hat sich als Komponist international profiliert. Sein Schaffen hat er zwar auf alle musikalischen Bereiche ausser der Oper ausgedehnt, im Zentrum stehen jedoch vielstimmige, technisch anspruchsvolle und klanglich raffinierte Werke für britische Spitzenchöre. Seit einem Studienaufenthalt in London ist Rütti mit der dortigen Chorszene eng verbunden, oft schreibt er in deren Auftrag.

Rütti war als vielseitiger Pianist auch ein gefragter Klavierpädagoge am Zürcher Konservatorium und wirkt als Organist in Oberägeri. Als Komponist hat er so viele Anfragen, dass er auswählen kann. Kein Wunder, denn seine Musik ist tonal und doch modern, rhythmisch raffiniert, hat Drive und Poesie, und sie klingt gut. Für sein umfassendes künstlerisches Schaffen erhielt Rütti 2005 den Anerkennungspreis des Kantons Zug und 2015 die Orlando-di-Lasso-Medaille.

Zu seinem runden Geburtstag sind oratorische Konzerte mit verschiedenen Uraufführungen in Zug, Zürich, Basel, Deutschland, Schweden und Grossbritannien angesagt. Dazu kommt die Präsentation der aktuellen CD. Die eingespielten Stücke sind hauptsächlich Arrangements seiner Chorwerke. Ungewohnte Besetzungen, wie hier Harfe und Klavier, interessieren Rütti seit jeher. Mit subtilem Gespür versteht er es, den gezupften und den angeschlagenen Saitenklang raffiniert zu verbinden. Das Booklet offenbart noch eine weitere, «geistliche» Inspirationsquelle Rüttis: die Dichterin und Nonne Silja Walter (1919–2011), von der er vieles vertont hat. Ihre Gedichte sind abgedruckt, obwohl die Stücke ja nicht gesungen werden. Ein anderer «geistlicher» Dichter seines Geschmacks ist der Pfarrer Ulrich Knellwolf.

Überraschend ist, dass diese Arrangements die Beschränkung auf die Kleinbesetzung Harfe und Klavier kaum vermuten lassen. Rüttis breites Spektrum von Stimmungen und Tonfarben weiss die Harfenistin Praxedis Hug-Rütti etwa im ihr gewidmeten Harfenbüchlein mit sicherem Gespür auszuloten. Auch im Einbezug des Klaviers, von Rütti sorgfältig und sparsam gehandhabt, zeigt sich durch das empfindsame Spiel der Pianistin seine poetische Kraft. Ein ansprechendes Geburtstagsgeschenk, auch für Harfen-Fans.

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Duo Praxedis – Carl Rütti: Works for Harp and Piano. Praxedis Hug-Rütti, Harfe; Praxedis Geneviève Hug, Klavier. Ars Produktion ARS 38 557

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