Musik für Fledermäuse

Wir begreifen Stille üblicherweise als Abwesenheit von Geräuschen. Tatsächlich ist Stille aber etwas anderes, nämlich die Unfähigkeit unserer Ohren, alle Frequenzen wahrzunehmen. Einige wenige Komponisten haben die paradoxe Idee verwirklicht, mit unhörbaren Frequenzen zu arbeiten, jeder auf eine andere Art.

Foto (Ausschnitt): Kaspar Ruoff

Es gibt Töne, die können wir nicht hören, aber fühlen. Angeblich wussten das schon die alten Orgelbauer und haben darum eine 64-Fuss-Pfeife, eine sogenannte Demutspfeife konstruiert. Ihr Grundton, das Subsubkontra-C von etwa 8Hz, liegt im Infraschallbereich – in einem Frequenzbereich, den wir, wenn überhaupt, körperlich wahrnehmen – und sollte den frommen Kirchgängern gehörig Ehrfurcht einflössen. Infraschall kann beim Zuhörer Unwohlsein hervorrufen, weil der Körper die Wellen zwar spürt, aber nicht recht lokalisieren kann. Hören kann man so eine Pfeife aber schon, denn in ihr schwingen ja die diversen Obertöne mit. Nur der Grundton ist unhörbar und in seiner Wirkung etwas gespenstisch. Weltweit besitzen nur zwei Orgeln ein voll ausgebautes (also bis zum C hinabreichendes) 64-Fuss-Register. Aber als Demutspfeifen, um dem Hörer Demut einzupfeifen, werden sie nicht mehr benutzt. Ob dieses provozierte Unwohlsein im Gottesdienst überhaupt die erhoffte Portion Ergebenheit hervorrufen konnte, ist ungewiss.

Gewiss ist aber, dass der Frequenzbereich, den wir hören können, beschränkt ist. All das Piepsen, Schnaufen, Grummeln und Rattern, das einem etwa während einer Zugfahrt ans Ohr dringt, spielt sich zwischen den Frequenzen 20 Hz und 20 kHz ab. Das menschliche Ohr hat sich auf diesen Bereich spezialisiert; die Musik logischerweise auch. Aber ein paar Exoten gibt es dennoch, die bewusst mit den abseitigen Frequenzen spielen. In dieser unhörbaren Welt gibt es Infraschall und Ultraschall. Schallwellen mit einer Schwingfrequenz unter 20 Hz gehören zum Infraschall, Schallwellen mit einer höheren Schwingfrequenz als 20 kHz sind Ultraschallwellen. Beide kann der Mensch nutzbar machen, aber nicht unmittelbar hören. Wenn man also glaubt, nichts zu hören, so schwirren unbemerkt lauter Infra- und Ultraschallwellen um einen herum. Tiere benutzen diese anderen Frequenzbereiche zur Kommunikation. Fledermäuse hören Schwingungen von 15 kHz bis 200 kHz, also weitgehend im Ultraschallbereich. Elefanten hören tiefe Frequenzen. Sie könnten also musikalischen Gefallen an einzelnen Tönen des 64-Fuss-Registers finden – würden sie je den Weg in eine damit ausgestattete Kirche finden.

Die Performance-Künstlerin Laurie Anderson hat ihre musikalische Zielgruppe weniger exotisch gewählt: Hunde. Im Jahr 2010 führte sie ihre Music for dogs erstmals vor der Oper in Sydney auf. Zahlreiche Hundebesitzer brachten ihr Lieblingstier zu dem Event mit. Auf youtube gibt es einen kurzen Clip, in dem die Hunde erwartungsfroh in die Kamera blicken. Wie die Vierbeiner diese musikalische Liebeserklärung wahrgenommen haben, kann man nicht sagen; sie machten auf alle Fälle einen vergnügten Eindruck. Die Halter hatten ebenfalls ihren Spass an dem konzeptuellen Hunde-Humbug; Andersons Musik – rhythmisch, elektronisch, mit vielen Sweep-Sounds – liegt nicht vollständig ausserhalb des menschlichen Hörbereichs, schliesslich teilen sich Herrchen und Hund zwangsläufig einige Frequenzen.

Das Spiel mit dem Unhörbaren gibt es aber auch in Musikstücken ohne tierischen Bezug: Eduardo Moguillansky hat sich in seinem Stück bauauf an die Hörgrenze des Menschen begeben. Diese sinkt im Laufe des Alters, so dass junge Menschen hohe Frequenzen um 20 kHz noch wahrnehmen können, ältere Menschen aber nicht. Bei Eduardo Moguillansky teilt die elektronische Zuspielung das Publikum in Nicht-Hörer und Hörer. Vom Band erklingen Frequenzen um 17 kHz; ein junger Mensch sollte die Töne noch hören können. Für Moguillansky läuft diese Trennung des Publikums entlang einer konkreten Jahreszahl: 1982, dem Jahr, in dem die Diktatur in Argentinien zu Ende ging. Jeder vor 1982 Geborene, der somit die Diktatur noch miterlebt haben könnte, würde die Töne nicht mehr hören. Diese sonderbar hohen Frequenzen tragen insofern eine zarte politische Dimension in sich, als sie das Umbruchsjahr 1982 durch Physiologie auf die Musik projizieren. Diese Hörbarkeitsgrenze gilt allerdings so scharf, wenn überhaupt, nur ideellerweise; denn die Hörfähigkeit ist von Mensch zu Mensch verschieden, und weil zudem jeder Mensch altert, verschiebt sich auch die Jahresgrenze, die die Zuhörer spaltet, im Laufe der Zeit. Die elektronisch zugespielten hochfrequenten Töne sind aber nur ein passiver Bestandteil von bauauf. Moguillansky hat sich auch in den für alle hörbaren Tönen mit der argentinischen Diktatur beschäftigt, genauer mit den sinnlosen, aber systemerhaltenden Arbeitsprozessen dieses Staatsapparats, dem sogenannten «proceso de reorganización national». Vier Musiker interpretieren bauauf; sie spielen dabei selten auf ihren traditionellen Instrumenten, sondern meist mit kleinen Holzgegenständen auf hölzernen Kisten. Wie brave Bürokraten erfüllen sie sitzend ihre Anweisungen, halten damit das grosse Getriebe am Laufen, können aber das Ziel hinter den Einzelaktionen nicht erkennen. Eine absurde Stempel-Station auf einem Amt …

Moguillansky und sein politisch konnotiertes Spiel mit dem Unhörbaren ist ein Sonderfall in der unhörbaren Musik, weil es ja eine Teilgruppe gibt, die den Ton hören kann. Wobei natürlich die unhörbare Musik an sich ein Spezialfall ist – wie soll man sie aufführen, wenn sie bei der Aufführung aufgrund der Unhörbarkeit unfreiwillig wie Cages 4’33“ klingt? Die Klangkünstlerin Jana Winderen und der Komponist Wolfgang Loos alias KooKoon haben jeweils eine eigene Herangehensweise an die unhörbaren Frequenzen gewählt, die dieses Dilemma löst: Sie machen sie hörbar. Infraschall muss schneller abgespielt werden, damit die Schallwellen in den hörbaren Bereich verschoben werden, Ultraschall dagegen muss verlangsamt werden. Und plötzlich kann man hören, wie Ameisen plaudern, wie Elefanten sich austauschen, ja sogar wie ein Erdbeben klingt. Das Unhörbare hörbar zu machen, hat eine öko-soziale Dimension. Im für uns Unhörbaren kommunizieren Tiere, da spricht die Welt. – Das Unhörbare in hörbare Musik zu verwandeln ist aber nicht so einfach. KooKoon hat zusammen mit Frank Scherbaum, Professor für Geophysik, die tieffrequenten seismischen Wellen einer Formanten-Analyse unterzogen und aus den Ergebnissen eine fünfsätzige seismosonic symphony komponiert; Musik, die nur aus den transformierten seismischen Wellen besteht. Während es bei KooKoon tatsächlich grummelt und schwer atmet – wie man es vom Erdbeben auch erwartet, entführt Winderens Klangkunst out of range den Hörer in die akustische Welt einer Bodenritze. Es kruschelt und gluckst im Ohr, als würde man der brownschen Molekularbewegung lauschen.

Die Verwandlung von unhörbaren Schallwellen in für uns hörbare ist übrigens auch umkehrbar, das heisst, man kann ohne weiteres ein Musikstück wie Beethovens Fünfte in einen höherfrequenten Bereich übertragen. Und so gäbe es sie auch noch: Musik für Fledermäuse.

Chorwerke von Marten Jansson

Der Bedarf an neuer, gut singbarer und wohlklingender, diatonisch orientierter Chormusik scheint gross. Besonders in Nordeuropa treten immer wieder Komponisten in Erscheinung, die diesem Bedürfnis entgegenkommen

Ausschnitt aus dem Titelbild von «The Choirmaster’s Burial»

Wie in jedem Stilbereich gibt es auch hier besser und schlechter Gelungenes. Die Stücke von Mårten Jansson gehören eindeutig der ersten Kategorie an. Der Bärenreiter-Verlag hat drei davon in ansprechender Aufmachung veröffentlicht.

Fear thou not für fünfstimmigen Frauenchor überzeugt durch filigranen, immer durchsichtigen Satz mit einfachster Motivik, die nach ostinatoartigem Beginn sich immer weiter entfaltet. Dabei ist der gesamte, Frauenstimmen zugängliche Klangraum klug ausgeschöpft. Wirklich leicht ist das Stück nicht, besonders in der melodisch führenden Sopranstimme finden sich ab und zu grosse Sprünge (die jedoch immer harmonisch abgefedert sind), und ein hohes c“‘ ist zwingend verlangt. Jansson rechnet auch auf der anderen Seite des Spektrums mit extrem tiefen Altstimmen, ist aber klug genug, hier Ossia-Lösungen anzubieten. Das auf dem Jesaja-Text «Fürchte dich nicht, ich bin bei dir» basierende Stück bleibt harmonisch in einem leicht erweiterten c-Moll-Rahmen inklusive Verklärung nach C-Dur am Ende des Stückes.

Ganz ähnlich lässt sich Maria (IV) für vierstimmig gemischten Chor an, der Sopran ist allerdings über weite Strecken geteilt. Die Tonart es-Moll wird bald verlassen und über verschiedene Stationen, oft mittels chromatischer Wege (und dank ausgearbeiteter Stimmführung problemlos realisierbar) nach e-Moll aufgehellt. Auch in diesem Stück ist der Sopran die melodisch anspruchsvollste Stimme, die anderen teilen sich die Aufgabe der harmonischen Grundierung. Für diese Musik braucht man einen gut intonierenden und klanglich ausgewogenen Chor, der auch im Umgang mit erweiterter Harmonik geschult ist. Das Stück wird in zwei Sprachfassungen, dem originalen Schwedisch und in Englisch angeboten. Beim Text handelt es sich um eine Art modernes Mariengedicht, zugänglich also auch für protestantische Chöre, die sich mit den altüberlieferten katholischen Marienanbetungen schwer tun.

The Choirmasters Burial setzt einen leicht anderen Akzent: nach einstimmigem, volksmusikartigem Beginn des Tenors hebt ein klanglich satter Männerchor an, der dann durch den Frauenchor ergänzt wird. Dieses Stück verlangt einen gleichmässig gut besetzten, nicht zu kleinen Chor. Auch hier sind die Randlagen ausgereizt(hoher Sopran bis h“; tiefer Bass bis H, mit ossia), können sogar durch zwei optional addierbare Frauenchöre noch weiter gespreizt werden (Sopran bis d“‘). Gut finde ich auch bei diesem Stück, dass die Tonart F-Dur nicht überstrapaziert, sondern durch andere klangliche Regionen aufgelockert wird. Der englische Text des viktorianischen Schriftstellers Thomas Hardy erzählt von einem Chorleiter, der gegen seinen Wunsch und auf Betreiben des Vikars ohne jede Musik beerdigt wird – worauf diesem Vikar in der folgenden Nacht eine «Band of Angels» erscheint, die unter der Leitung des verstorbenen Chormeisters musiziert. Integriert in dieses Stück sind einige Verse aus dem liturgischen Requiem-Text.

Image

Mårten Jansson, Fear thou not für Chor SSMAA, Chorpartitur, BA 7411, € 3.95, Bärenreiter, Kassel 2014

id., Maria (IV), für Chor SATB, BA 7412, € 3.95

id., The Choirmaster’s Burial, für Chor SSATBB, BA 7413, € 5.95

Schubert verpflichtet

Eine Fragment gebliebene Klaviersonate vervollständigt, kommentiert und eingespielt von Bernhard Billeter.

Schuberts Brille. Foto: SCHUBERTcommons, wikimedia

Schuberts Klaviersonate C-Dur D 840, die sogenannte «Reliquie» – der Beiname verrät es –, ist ein Torso; der dritte und vierte Satz blieben unvollendet. Verschiedene Musiker haben im Lauf der Zeit Ergänzungen vorgenommen. Die Mehrzahl versuchte, sich stilistisch ganz nah am Vorbild zu orientieren wie etwa Paul Badura-Skoda. Andere wie Christoph Delz fügten dem Fragment bewusst einen verfremdeten Neubau an.

In der jüngsten Fassung von Bernhard Billeter ist etwas gelungen, was bisher noch gefehlt hat. Billeter bleibt dem Vorbild Schubert stets verpflichtet, wagt aber dennoch einige formale und harmonische Überraschungen, die eine solche Stilübung ja erst recht zum Leben erwecken. Genannt seien unter anderem der «Tonartenfahrplan» im Menuett sowie die wunderbare Reminiszenz an den ersten Satz in der Koda des Rondos. Sehr aufschlussreich sind auch Billeters Bemerkungen zur Aufführungspraxis, die er auf der beiliegenden CD auch gleich in die Tat umsetzt. Kleines Detail am Rande: In den Takten 489/490 ganz am Ende des Rondos sind in der linken Hand laut CD offenbar Achtel und nicht Viertel zu spielen, zweifellos die noch elegantere Variante.

Bleibt eine Frage offen: Weshalb liess Schubert diese Sonate unvollendet liegen? Hat ihn das thematische Material des dritten und vierten Satzes nicht mehr zur Weiterarbeit gereizt? Eine fast gleichzeitig entstandene und in vielem verwandte Sonate, jene in a-Moll D 845, konnte er nämlich als erste veröffentlichen, komplett natürlich.Image

Franz Schubert, Klaviersonate in C-Dur D 840: «Reliquie», ergänzt, herausgegeben, kommentiert und gespielt von Bernhard Billeter, Noten mit CD, Sinus 11001, Fr. 39.80, Sinus-Verlag, Kilchberg 2014

«… wie ein gutgemachts kleid»

Rot und schön kommen sie daher, die 2013 von Bärenreiter neu herausgegebenen Bände der mozartschen Konzertarien für Sopran. Sie orientieren sich am revidierten Text der neuen Mozartausgabe.

Foto: Günter Haas / pixelio.de

Im Sinne einer klaren Unterscheidung zwischen Werktext und Aufführungshinweisen gibt es zu den neuen Notenbänden je ein Beiheft mit Einführungstexten zu jedem Werk und allgemeinen Hinweisen zu verschiedenen Aspekten musikalischer Aufführungspraxis. Des Weiteren findet sich eine Textübersetzung ins Deutsche und ins Englische sowie verschiedenste Vorschläge zur Ausführung von Kadenzen, Eingängen und Reprisen.

Für Mozart war es eine Selbstverständlichkeit, dass «die aria einem sänger so accurat angemessen sey, wie ein gutgemachts kleid», und so wundert es nicht, dass er seine Arien vorwiegend einem bestimmten Sänger auf den Leib schrieb und die Arie dessen künstlerischer Physiognomie anpasste. Auch hier gibt der beigefügte Kommentar ausführlich Auskunft.
Die Sänger der Mozartzeit verstanden sich in Aufführungssituationen auch als kreative Mitgestalter des Werks, die ihre Freiräume in Kadenzen und der Verzierung wiederholter Teile zu nutzen wussten. Der Kommentar stellt nicht selten drei bis vier verschiedene Auszierungsmöglichkeiten einer bestimmten Kadenz vor sowie jeweils einen Vorschlag einer mit Ornamenten ausgeschmückten Reprise.

Sehr benutzerfreundlich ist die Einteilung nach Stimmtypen in drei Bände: für tiefen Sopran und Alt, für Sopran und für hohen Sopran. Innerhalb der einzelnen Bände sind die Arien chronologisch geordnet. Hilfreich auch die Durchnummerierung der Takte, die bei Schirmer völlig fehlt, während Bärenreiter mit Buchstaben unterteilt.

Image

Wolfgang Amadeus Mozart, Konzertarien für hohen Sopran, Zusammenstellung von Thomas Seedorf, Klavierauszug mit Beiheft, BA 9181, € 28.95, Bärenreiter, Kassel 2013

id., Konzertarien für Sopran, BA 9182, € 29.95

id., Konzertarien für tiefen Sopran und Alt, BA 9183, € 19.95

Schlag-Zeug aus Küche und Putzschrank

Besen, Dosen und Plastikflaschen kommen hier zum Einsatz und bringen Jugendliche zum Grooven.

Ausschnitt aus dem Heftcover

Der Name «Schlagzeug» trägt es eigentlich schon in sich: Man schlägt aufs Zeug. Nur, auf welches «Zeug» ist nicht so klar, es muss ja nicht immer das Drumset sein. Das bekannte Ensemble Stomp wurde mit dem Stück Brooms, auf deutsch «Besen», bekannt. Mit der Zeit entstanden grosse Rhythmuskompositionen für die Bühne mit weltweitem Erfolg. Seitdem ist Stomp Synonym für Musik mit Alltagsgegenständen.

Wie diese Idee in der Schule (ab 12 Jahren) realisiert werden kann, zeigt Stomping Stuff. Dosen, Plastikflaschen, Schachteln, Töpfe, Besen – kurz: alles kann zum Klingen gebracht werden. Denn jeder Gegenstand ist es eigentlich wert, auf seine akustischen Eigenheiten untersucht zu werden. Experimentieren, ausprobieren, Patterns erfinden, einüben und dann vorzeigen. Performance! Die zwölf Kompositionen sind alle notiert in einer leicht verständlichen Percussionssprache. Auch die Kommentare lesen sich leicht. Sie zeigen die einzelnen Schritte auf, wie die Kompositionen erarbeitet werden, und sie beschreiben die Schlagtechniken, mit denen man die verschiedenen Klänge erzeugt. Gerade in dieser Klangvielfalt liegt, neben den Rhythmuslinien, der Reiz von Stomp.

Auf der beiliegenden DVD finden sich zahlreiche Videoclips. Sie zeigen den Gesamtablauf einer Komposition und die einzelnen Rhythmuspattern zum Einstudieren. Die Stücke grooven, man möchte am liebsten selber mitspielen. Also: Besenkammer entrümpeln und los!

Image

Gerhard Reiter, Stomping Stuff, Zwölf Percussion-Hits für Besen, Töpfe, Flaschen & Co., HI-S7253, mit DVD, Helbling, Bern u.a. 2013

Jazzig – oder doch klassisch?

Kurze Stücke für Oboe und Fagott von Mathias Rüegg und Jean-François Michel. Nicht alle ohne Titel, aber alle mit Humor.

First, second oder third wife? Foto: Günter Havlena / pixelio.de

Das kürzeste Stück der vorliegenden vier Hefte trägt selbstbewusst den Namen untitled, but lovely. Der Komponist Mathias Rüegg (*1952) entscheidet sich weder im Vorwort noch im Notentext, ebensowenig wie vor hundert Jahren George Gershwin, wie seine Musik gespielt werden sollte, «klassisch» oder «jazzig» phrasiert. Gershwin forderte «klassisch», spielte aber (gemeinsam mit seinen Bands) in seinen eigenen Aufnahmen alles andere als klassisch. Rüegg formuliert Offenheit: «Komponisten (wie ich) liefern Vorschläge und legen keinen Wert auf Werktreuefetischismus.»

Eine Durchsicht seiner beiden Stücke zeigt einen ausnehmenden Sinn für Humor: Die drei ineinander übergehenden Teile der Fagottkomposition farmers & wives sind als «first wife», «second wife» und «third wife» überschrieben – wobei der dritte Teil viele Elemente einer Reprise des ersten enthält. Jeder soll das so interpretieren, wie er will! Hinter der «second wife» verbirgt sich ein inspiriertes Recitativo, in dem auch mal «mit viel schonem Ton» (sic!) gespielt werden soll.

Eine unprätentiöse Miniatur in Satie-Manier ist der langsame Walzer, das eingangs erwähnte untitled, but lovely für Oboe und Klavier, dessen Schluss deutlich gewinnt, wenn er auf dem Englischhorn gespielt wird – dies ist in den Noten nicht vorgesehen, in der Aufnahme des Widmungsträgers kann man es aber so hören. Es lohnt sich, Rüeggs Musik mit viel Sorgfalt und Intensität zu begegnen, dann kommt sie zu einer intimen und oft doppelbödigen Wirkung!Image

Mathias Rüegg, farmers & wives (1995), für Fagott und Klavier, D 05 563, € 15.95, Doblinger, Wien 2012

Mathias Rüegg, untitled, but lovely (1995), für Oboe und Klavier, D 05 266, € 13.95, Doblinger, Wien 2012

Als vielteilige Serie angelegt, möchten die Bagatellen von Jean-François Michel (*1957) unterhalten und «Humor, Parodie oder Spott freien Lauf lassen». Der Komponist reiht sich damit in die französische Tradition der luziden, klaren und tonalen Tonsprache des Neoklassizismus etwa eines Henri Tomasi oder Jean Françaix ein. Sowohl die jeweils zehnminütigen Fagott- als auch die Oboenbagatellen sind für interessierte Liebhabermusiker und -musikerinnen problemlos zugänglich und können sich, mit klanglicher Raffinesse gespielt, lyrisch und virtuos wirkungsvoll entfalten. Besonders erwähnenswert sind die langsamen Mittelsätze: Eine barockisierende Siciliana (Fagott) und ein Adagio misterioso (Oboe) sorgen für intensive und berührende Momente.Image

Jean-François Michel, 3 Bagatelles (2011), für Oboe und Klavier, OB 12, Fr. 15.00. Editions Bim, Vuarmarens 2012

Jean-François Michel, 3 Bagatelles (2013), für Fagott und Klavier, FG6, Fr. 15.00, Editions Bim, Vuarmarens 2013

Der Vihuela abgelauscht

Stücke aus der spanischen Renaissance grösstenteils für die moderne Gitarre bearbeitet.

Vihuela auf einem Altarbild von Girolamo dia Libri, Italien, um 1520. Wikimedia commons

Das wichtigste Zupfinstrument im Spanien des 16. Jahrhunderts war die Vihuela: gestimmt wie eine Laute, mit sechs Chören wie eine (moderne) Gitarre, mit lautenartigem Schallloch, aber flachem, gitarrenähnlichem Korpus. Und so enthält denn auch der Band Spanien der Reihe Lautenstücke aus der Renaissance kein einziges eigentliches Lautenstück. Trotzdem sind die Vihuela-Bearbeitungen für Gitarre von Werner Reif zu Recht in die Serie von Notenausgaben mit Lautenmusik aus Italien, England, Frankreich oder Deutschland eingegliedert, passen sie doch sowohl stilistisch als auch spieltechnisch bestens dazu.

Insgesamt begegnen uns 17 Stücke von vier Komponisten. Am besten vertreten ist Alonso Mudarra mit seinen meist zwei- bis dreistimmigen Fantasien, wobei diejenige, die «Ludwigs Harfenspiel» auf rhythmisch attraktive Weise imitiert, besonders heraussticht. Bei den Variationsstücken von Luys de Narváez – auch das bekannte Guárdame las vacas darf nicht fehlen – sorgen die eingestreuten Zwischenleittöne, die oft zum oberen Ton einer Quinte führen, für ein besonderes melodisches Flair. Die beiden Stücke von Miguel de Fuenllana klingen dagegen mit ihren fugierten Anfängen, einer deutlichen Dur-Moll-Harmonik und einfachen Schlusswendungen bereits ziemlich barock. Von Diego Pisador gibt es eine kleine Pavane, und am Schluss des Hefts finden sich drei weitere Stücke von Mudarra, nun für die vierchörige spanische Renaissancegitarre. Sie sind die einzigen, bei denen nicht das Umstimmen der 3. Gitarrensaite von g auf fis empfohlen wird.

Die Bearbeitungen sind mit reichhaltigen Fingersätzen versehen, die sich gemäss Vorwort in den meisten Fällen eng an den Originaltabulaturen orientieren. Erstaunlicherweise nicht in der Sammlung vertreten ist (neben den weniger bekannten Vihuelisten Esteban Daza und Enriquez de Valderrábano) der valencianische Meister Luys Milán.

Image

Lautenstücke aus der Renaissance – Spanien, für Gitarre bearb. von Werner Reif, D 905, € 12.80, Dux-Verlag, Manching 2014

Ein Ungar kommt selten allein

Zwei anspruchsvolle Werke für Violoncello solo, das eine aus den 1930er-Jahren, das andere vom Herausgeber des ersten, komponiert vor wenigen Jahren.

Ferenc Farcas 1971. Foto: Françoise Farkas / wikimedia commons

Ferenc Farkas (1905–2000) gehört zu den bedeutendsten ungarischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Sein reicher Werkkatalog umfasst alle musikalischen Gattungen. Über die Genesis der 1932 komponierten Sonata per violoncello solo ist wenig bekannt. Sie entstand kurz nach Farkas’ Studienaufenthalt in Rom und wurde zu seinen Lebzeiten nicht gedruckt. Der Sohn des Komponisten, der in Pully bei Lausanne lebende Dirigent András Farkas, entdeckte das Manuskript im Nachlass des grossen ungarischen Cellisten Ede Banda (1917–2004). Nun ist das charmante dreisätzige Werk bei der Editio Musica Budapest erschienen.Image

Wesentlich knapper gefasst als die grosse Solo-Sonate von Farkas’ Landsmann Zoltán Kodály ist das Stück vom Umfang und Schwierigkeitsgrad her etwa vergleichbar mit Caspar Cassadós Suite für Violoncello solo. Der erste Satz (Allegro) ist geprägt von osteuropäischer Rhythmik mit vielen Taktwechseln. Technisch anspruchsvoll sind die mit der linken Hand zu spielenden gegriffenen Pizzicati. Der zweite Satz (Andante) beginnt mit einer zarten auf der D-Saite in hoher Lage gespielten Melodie, zu welcher die leere A-Saite mitklingt. Der dritte Satz (Allegro molto) ist eine spritzige Tarantella, die dem Interpreten Gelegenheit bietet, die Brillanz seiner Bogentechnik zu demonstrieren. Eine Hommage an Farkas’ Lehrer Ottorino Respighi?

Die Erstedition besorgte der ungarische Cellist Miklós Perényi, welcher die Ausgabe auch mit Fingersätzen versehen hat.

Von Perényi ist beim selben Verlag ebenfalls ein kurzes Werk für Violoncello solo erschienen: Introduzione e Scherzo, komponiert 2010–11. Der Komponist schreibt in einem Kommentar: «Das Werk ist nicht aufgrund im Voraus geplanter mathematischer Berechnungen entstanden, die Niederschrift erforderte jedoch viel Kalkulation.» Perényis Cellospiel ist berühmt für meisterhafte Perfektion. So verwundert es nicht, dass er in beiden Sätzen nicht mit technischen Schwierigkeiten und Effekten geizt und dem Cellisten vor allem für die linke Hand viele knifflige, interessante Aufgaben stellt.Image

Ferenc Farkas, Sonata per violoncello solo, Z. 14 879, € 7.45, Editio Musica Budapest (Edition Kunzelmann) 2013

Miklós Perényi, Introduzione e Scherzo per violoncello solo, Z. 14 881, € 7.45, 2013

 

Erste Opernluft

«Das Lied im Unterricht», Standardwerk jedes Gesangslehrers, hat eine grosse Schwester bekommen.

Foto: Paul-Georg Meister / pixelio.de

Unter dem Titel Die Arie im Unterricht legt die Edition Schott einen Auswahlband für junge Sänger vor, die am Beginn ihrer Ausbildung stehen und deren Stimmumfang noch begrenzt ist, die sich vielleicht auf eine Eignungsprüfung an einer Hochschule vorbereiten und schon mal ein wenig Opernluft schnuppern wollen.

In der Sammlung werden unterschiedliche Epochen und Stile vom Beginn der Gattung Oper bis hin zum 20. Jahrhundert berücksichtigt. Alle Arien sind in der Originalsprache vertreten, man singt italienisch, englisch, französisch und deutsch. Die Auswahl enthält eine Fülle zumeist «kleiner» Arien abseits der gängigen Anthologien. Erschienen sind bisher ein Sopranband, ein Band für Mezzo und Alt und ein Tenorband, alle jeweils rund 30 Arien umfassend.

Gemäss der Faustregel, dass Mozart zu singen Stimmpflege bedeutet, ist dieser vor allem in der Sopranausgabe, aber auch in den beiden anderen vertreten. Es findet sich neben Cherubino, Susanna und Zerlina auch weniger häufig zu Hörendes wie die Arie der Servilia aus La clemenza di Tito oder die der Serpetta aus La finta giardiniera. Ausserdem die Arien des Annio, der Barbarina, des Pedrillo und des Monostatos, Figuren, die im Schatten der grossen Opernhelden das Geschehen auf der Bühne mitbestimmen.

Um diese Gruppe herum sortiert sich ein bunter Strauss von kaum Bekanntem, schon mal Gehörtem und Unerlässlichem: Händel und Monteverdi, Verdi und Thomas, aber ebenso Vicente Martin y Soler, ein spanischer Komponist, der zu Lebzeiten «der Mozart aus Valencia» genannt wurde, oder Vincenzo Righini, ebenfalls ein Zeitgenosse Mozarts. Mit Hans Werner Henze, Karl Amadeus Hartmann, Kurt Weill und Carl Orff ist auch das 20. Jahrhundert mit durchaus singbaren Beispielen vertreten.

Die Herausgeberin Claudia Eder bemüht sich in ihrer Auswahl um stilistische, sprachliche und musikalische Vielfalt, die den begabten Anfänger bei seiner Arbeit an Atmung, Virtuosität, Artikulation und musikalischem Ausdruck unterstützen soll. Hält sie sich im Allgemeinen an einfache, schlichte Arien, so findet doch auch einiges Schwierige Einlass: So stellen sicher die Szene des Yniold aus Pelléas et Mélisande von Débussy, die Arie der Mignon aus der gleichnamigen Oper von Thomas, die interessanterweise im Sopranband erscheint (?), und Stride la vampa von Verdi Herausforderungen dar, die dem Anfänger vielleicht noch nicht gelingen.

Image

Die Arie im Unterricht, 32 Arien aus 4 Jahrhunderten für Tenor und Klavier, hg. von Claudia Eder, ED 21141, € 18.99, Schott, Mainz 2014

id., 28 Arien aus 4 Jahrhunderten für Mezzosopran/Alt und Klavier, ED 20897, € 17.99, 2013

id., 27 Arien aus 4 Jahrhunderten für Sopran und Klavier, ED 20896, € 17.99, 2012

Der Kontrabass in der Volksmusik

Eine knapp gehaltene Methode von Peter Gisler bietet praktische Übungen und motivierende Anleitungen und schliesst damit eine musikpädagogische Lücke.

Foto: Paulwip / pixelio.de

Spätestens seit dem Wechsel des Millenniums wird die Schweizer Volksmusik wiederentdeckt und mit neuen Impulsen belebt. Für den Kontrabassunterricht bot sich das Thema ungeachtet dieses Phänomens stets an, lassen sich doch mehre Unterrichtsziele in idealer Weise verbinden: das Metrum regelmässig halten, den Kontrabass in einer wichtigen Funktion als Begleitinstrument einsetzen, die tonalen Grundstufen kennen und nach Gehör spielen u. a. m. Mit diesen Grunderfahrungen und Kompetenzen ist es ein Leichtes, das Spektrum auch zu erweitern, sei es in der wiederentwickelten Vielfalt der Schweizer Volkmusik (siehe die aktuell herausgekommenen Sammlungen des gleichen Verlags), sei es in der europäischen und aussereuropäischen Folklore bis hin zum Standardjazz.

Eine handliche Methode und pädagogisch ausgerichtete Materialsammlung für die Kontrabassspieler und -spielerinnen fehlte hingegen bislang. Nun hat Peter Gisler eine Anleitung vorgelegt, die durch ihre Einfachheit wie Systematik überzeugt. Auf den ersten 16 Seiten werden unprätentiöse Hinweise zum Kontrabassspiel für Selbstlernende gegeben und mit Fotos, Zeichnungen und Grundübungen illustriert. Danach führt er in schrittweisem Aufbau zur Begleitpraxis, von der Grundtonbegleitung über den Wechselbass bis zu Übergängen und einfachen Effekten. Die kleine Musiklehre am Schluss kann auch ungeachtet des Themas für den Kontrabassunterricht verwendet werden. Die kluge Wahl der Modelllieder und anschauliche Grafik führen geschickt hin zu den begleiterischen Grundformen eines Schottisch, Ländlers, Walzers. Ein Monferreina und weitere Beispiele wiederspiegeln, dass die Schweizer Volkmusik sich nicht auf die immergleichen Tänze reduzieren lässt. Die ebenso schlichte wie schön bespielte CD, auf der der Bass mit kerniger, zeitgemässer Klanggebung zu hören ist und später für das eigene Mitspielen ausgeblendet wird, dürfte viel zur Motivation beitragen, das Erlernte anzuwenden. Und es ist eine Einladung, Mitspielende zu suchen …

Image

Peter Gisler, Der Kontrabass in der Schweizer Volksmusik. Anleitung für den Gebrauch des Kontrabasses in der Schweizer Volksmusik, Bestell-Nr. 1113, mit CD, Fr. 38.00, Mülirad-Verlag, Altdorf 2013

Zwei Welten?

Gospel und die traditionelle musikalische Gestaltung eines Gottesdienstes rücken mit dieser Publikation zusammen.

Foto: jonchootc / fotolia.com

Stephan Zebe schreibt im Vorwort von Glory to God! – Gospel liturgisch: «Wenn sich Gospelchor und Sonntagsgemeinde begegnen, dann treffen meist zwei Welten aufeinander. Das soll sich ändern.» Zahlreiche Komponisten haben hier zu einem bahnbrechenden Werk beigetragen. Die Songs bilden eine vielfältige, praxisorientierte Mischung aus Gospel, Pop und Neuem geistlichem Lied.

In der Partitur sind nicht weniger als 94 Bearbeitungen enthalten. Der Band ist gegliedert in Beginn, Psalmen, Gloria, Kyrie, Halleluja, Credo, Sanctus, Vater unser, Agnus Dei, Dank und Sendung sowie Segen. Auch das Kirchenvolk wurde miteinbezogen, indem vier Liedsätze aus dem Kirchengesangbuch enthalten sind.

Das Kyrie ist mit acht verschiedenen Versionen vertreten. Auch neue Gesänge kommen nicht zu kurz. Auf die Kyrierufe antwortet das Volk mit «Herr und Gott erbarme dich». Auch eine deutsches Eingangslied ist zu finden: Der Herr sei hier. Der Gloriateil ist ebenfalls mit deutschen Gesängen bestückt: Ehre sei dem Vater und dem Sohn, Ehre und Herrlichkeit und Ehre sei Gott in der Höhe. Dann folgen 14 Hallelujaversionen. Das Vater unser ist ebenso vertreten. Als Schlusslieder finden wir Verleih uns Frieden gnädiglich und sieben Amenversionen. Zahlreichen englischen Songs sind auch deutsche Texte unterlegt.

In der Inhaltsangabe finden wir eine Aufschlüsselung nach verschiedenen Themen: Trauer und Trost, Gebetsrufe, Konfirmation, Firmung, Hochzeit, Kommunion und Abendmahl, Wort Gottes, Advent, Weihnachten, Ostern, Pfingsten und Trinitatis. Ebenso wird hingewiesen auf die A-cappella-Versionen und die Kanons. Die deutschsprachigen Lieder sind speziell aufgeführt, auch alphabetisch mit Angabe des Komponisten. In der Partitur sind alle Gesänge mit Klavierbegleitungen versehen. Für den Chor gibt es eine kleinere Ausgabe im Format A5 ohne Instrumentalbegleitungen.

Es handelt sich um eine sehr gelungene Ausgabe, verwendbar für alle Zeiten des Kirchenjahres und für spezielle Anlässe, die neue Hörerlebnisse bietet.

Image

Glory to God! – Gospel liturgisch, hg. von Stephan Zebe, Partitur, ZE 3083, € 19.90; Gesangsausgabe, ZE 3084, ab € 6.90; ZebeMusic, Berlin 2014

Noch weniger ist leer

Die Stille hat zwei Seiten. Während wir die positive Stille bewusst suchen, werden wir durch die andere Stille mit einer unangenehmen Leere konfrontiert. Mit der Angst vor der Leere spielen Künstler seit über 100 Jahren, wenn sie mit Werken herausfordern, die auf ein absolutes Minimum reduziert sind.

Foto (Ausschnitt): Kaspar Ruoff

 

Szene eins: Ein kahles, weiss gestrichenes Wartezimmer. Mehr als ein harter Stuhl steht nicht bereit. Er passt sich farblich wunderbar der Wand an, Ton in Ton. Stellen wir uns vor, wir müssen hier verharren und wissen nicht wie lange. Nehmen wir also Platz. Die Informationen, die uns das Zimmer bietet, sind schnell gescannt. Wenn unsere Aufmerksamkeit immer wieder an der weissen Wand abrutscht, wird für uns die Suche nach einem neuen Fixpunkt beginnen. Möglich ist, dass uns solch eine Situation unangenehm ist.

Szene zwei: Wir sprechen mit einem anderen Menschen. Unsere gegenseitige Vertrautheit ist oberflächlich. Der Dialog funktioniert nach bekannten Regeln: Einer redet, der andere hört zu und schweigt. Der Ball wird ordnungsgemäss hin- und hergespielt. Doch dann gelingt einem Partner das Zuspiel nicht und es kommt zur Gesprächspause. Der Dialog steht still. Auf der Suche nach Fortsetzung möchten wir den Ball wieder zum Rollen bringen. Möglich ist, dass uns solch eine Situation unsicher macht.

Szene drei: Wir sitzen im Konzertsaal. Die Musiker sind angetreten, die Instrumente gestimmt. Das Publikum kommt langsam zur Ruhe und das Licht ergibt sich der Dunkelheit. Wir erwarten den ersten Ton, der aber nicht erklingt. Eine gewisse Zeit halten wir die Konzentration aufrecht. Wenn aber das Orchester schweigt, geht unsere Aufmerksamkeit auf die Suche. Möglich ist, dass uns solch eine Situation unruhig werden lässt.

Was haben alle drei Szenen gemeinsam? In drei unterschiedlichen Situationen erfahren wir Stille. Eine Stille jedoch, die wir nicht gesucht haben. Die positiv besetzte Stille gönnen wir uns mit Freude, finden sie in lifegestylten Selbstfindungsmeditationen oder durch alpine Naturerfahrungen. Die andere Stille aber wirft uns ins Nichts. Sie entspannt uns nicht, beruhigt uns nicht. Sie konfrontiert uns erbarmungslos mit der Leere.

Im 20. Jahrhundert breitete sich eine «Weniger-ist-mehr»-Mode in Kunst, Musik und Literatur aus. Im Experimentierfeld der Reduktion entstanden monochrome Gemälde, die dem Auge den Fixpunkt verwehrten. Oder Gedichte, die durch Pausen zum Leser sprachen. Und eine Musik der Stille schliesslich, die diese schwer auszuhaltende Leere offenlegte. Erik Satie als musikalischer Vorreiter erforschte bereits um die Jahrhundertwende den musikalischen Umgang mit der Zeit. Vexations hiess sein rund zwanzig Stunden dauerndes Klavierstück, auf das sich der Pianist mit äusserster Stille vorbereiten sollte. Nachkriegskomponisten würdigten Saties Ästhetik und ergründeten langsame und leise Musik. Steigert sich das «Weniger» in der Musik immer weiter, wird die Stille zum Schweigen. «Erklingt» die Pause als bewusst auskomponierte Stille, dann werden wir mit der anderen Seite der Stille konfrontiert. Und mit der Leere. Aus «weniger ist mehr» wird «noch weniger ist leer».

Wolfgang Rihm weist in der Partitur seines Musiktheaters Die Hamletmaschine darauf hin: «30 Sekunden geschieht nichts. Trotz Horror Vacui: durchzählen. »
Philosophen nannten das Kind bei diesem Namen: «Horror Vacui» meint die Angst vor der Leere. Eine 30 Sekunden lange Pause ist tückisch, was man von einer 30 Sekunden erklingenden Musik selten sagen kann. Ob als hörendes Publikum oder ausführender Musiker: Schweigt die Musik, verschwimmt unser Fixpunkt, dehnt sich die Zeit. Die Leere, die sich zu uns gesellt, hat keine Richtung. Wenn der suchende Blick an der weissen Wand abrutscht, muss ein neuer Fixpunkt her. Deshalb ist es uns ein Drang, leere Flächen zu füllen, Pausen zu beenden und Schweigen zu brechen. Wie gut, dass unser Verstand uns helfen wird: Wann immer Situationen unangenehm werden, wird er Abkürzungen suchen, Unsicherheiten umgehen oder diese in Gänze verhindern. Dabei vergeudet er keine Zeit. Nehmen wir die dritte Szene: Im Konzertsaal warten wir auf den Beginn des Orchesterspiels. Unser Verstand wird verlässlich aktiv werden. Er sorgt dafür, dass unser starr zur Bühne gerichteter Blick sich langsam zum Bühnenrand hintastet. Wir werden feststellen, dass unsere Sitzposition nicht die Bequemste ist und sie korrigieren. Unser Sitznachbar tut dem gleich. Die Leere lässt unsere Sinne erwachen. Wir wippen die Beine, wenden den Kopf und atmen besonders tief durch. Unsere Gedanken springen. Wir werden Menschen beobachten oder die Einkaufsliste durchgehen. Die Taktiken zur Neufokussierung sind vielseitig. Beim gemeinschaftlichen Horror Vacui gibt es viel zu entdecken. Wir müssen die Leere nicht fürchten, denn sie entfacht wie selbstverständlich kreatives Potenzial. So gesehen gibt es diese Leere nicht.

Szene vier: Vertrauen wir darauf: Jede leere Fläche wird unser Verstand wie von Zauberhand füllen. Nehmen wir einfach selbstbewusst im weiss gestrichenen Wartezimmer Platz. Zusammen mit einem schweigenden fremden Menschen lauern wir auf den Einsatz eines versprochenen Musikstückes. Unser Geist wird aktiv werden und die spannungsgeladene Stille überbrücken. Vielleicht stellt sich die Entspannung schon jetzt ein. Spätestens mit dem Einsatz der Musik kann uns die Last von den Schultern fallen. Möglich ist, dass wir mit dem ersten Ton aufstehen werden, um das Zimmer zu verlassen und die Suche nach einem neuen Fixpunkt beginnen: einem Ort, an dem wir die Stille und die Leere noch ein bisschen weiter zelebrieren können.

Die Zerstörung der Stille

Ein wichtiger Topos der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts ist die Stille. Oft suchten Komponisten die expressiven Momente gerade in den leisen Tönen. Der Musik des Noise wird im Gegenzug Gewalt und purer Krach nachgesagt. Lassen sich diese beiden Sphären verbinden?

Foto (Ausschnitt): Kaspar Ruoff

Laptoprauschen, Vogelzwitschern, eine Stichsäge aus dem Off, die Stadt summt aus der Ferne den Bordun. Türenschlagen im Hof, Kinderstimmen, das Knattern eines Mopedauspuffs, Flugzeuge, die in wenigen Augenblicken auf dem Tegeler Flugfeld landen werden. Die durchschnittliche Kulisse einer Stadt im Jahre 2014. Vormittags, in einer ruhigen Berliner Seitenstrasse. Die Bauarbeiten sind omnipräsent. Der Geräuschpegel, den die Schleif-, Säge- und Bohrmaschinen produzieren, ist Teil meiner Umwelt. Gewerkelt wird hier pausenlos, wenn nicht auf der Strasse, dann im Haus. Eine alltägliche Kulisse, meine Stille. Die stille Stille, die in der Musikgeschichte (vor allem der des 20. Jahrhunderts) und darüber hinaus immer auch als spirituell beschrieben wird und wurde, es gibt sie nicht, es hat sie wohl nie gegeben.

Eine andere Hörsituation begegnet mir an einem Februarabend im Berliner Berghain. Der Club, in den jedes Wochenende Techno-Fans aus aller Welt strömen, wird an diesem Abend mit Noisemusik bespielt: Druck auf die Ohren, Angriff auf die Körper. Konzentriertes Zuhören ist kaum möglich. Vielmehr wird mein Körper «unfreiwillig» von den Klängen attackiert, zugemauert. Allmählich erst, nach gefühlten 20 Minuten, gewöhnt das Ohr sich an die Geräuschmassen, und Differenzen zeichnen sich leise an der Ohrmuschel ab: zerfetzte MP3-Reste, Feedback-Schleifen, klingender Datenmüll.

Eigentlich ist dieser Krach, der kaum aushaltbare Lärm, der vermeintliche Konterpart zu der anfangs beschriebenen, eher romantisierten «Stille». Die oft benutzte Redewendung von der Wall Of Sound, das ist es, was hier klanglich für einmal eine passende Zuschreibung erfährt. Yasunao Tone ist der Komponist, Klangkünstler und zugleich Performer dieser Musik und in Kreisen des Noise einer der wohl wichtigsten Vertreter. Das Betätigungsfeld des Japaners ist wie bei anderen seiner Fluxus-Zeitgenossen vielfältig, er arbeitete u. a. mit Merce Cunningham und John Zorn zusammen. In den Achtzigerjahren jedoch widmet sich Tone vor allem der Manipulation und Präparierung von CDs und kreiert seitdem seine Musik aus dem Malträtieren von digitalen, binären Codes. Exemplarisch zeigt sich diese Ästhetik und Klanglichkeit des Glitch vor allem bei seinem Stück Solo for Wounded CD: Hierfür klebt Tone auf der vom Laser auszulesenden Seite der CD Tesafilm-Streifen, sodass der CD-Spieler die binären Daten «inkorrekt» wiedergibt.

Was aber nun hat die Musik des Noisemusikers Tone mit Stille zu tun? Man könnte meinen, Stille und Krach seien zwei unvereinbare Pole, in deren Zwischenraum irgendwo die Musik situiert sei: als eine organisierte Struktur bestehend aus Klang und Stille. Diese Fixpunkte aber gelten nicht mehr als normativ und starr, das hat die Musik im 20. Jahrhundert mehrfach bewiesen: Das Geräusch wurde emanzipiert und die Stille für Kompositionen und Konzepte genutzt. Dass aber selbst dieser Dualismus, so wie er hier vorgeschlagen wird, nicht notwendigerweise funktioniert, sondern als Figur aufgeweicht wird, beweist die Musik von Tone und weitergehend der Noise.

Ausserdem darf Noise als Musikgenre nicht ausschliesslich mit den Attributen Gewalt und Lärm versehen werden. Denn – und hier gibt es durchaus Gemeinsamkeiten mit dem, was wir Stille nennen – Noise thematisiert auch immer die Wahrnehmung der Klänge und der Musik, ja Noise kann gar kontemplativ gehört werden. Das zeigt sich bei Stücken des polnischen Komponisten Zbigniew Karkowski. Die Komposition White findet sich auf einer Zeitkratzer CD mit dem Titel Noise … [Lärm]; der Untertitel: «To Listen To At An Extremly Loud Level». Trotz der überwältigenden Lautstärke und Dichte der Klangereignisse lässt ein solches Stück Musik dem Hörer einen Freiraum und die Möglichkeit der Orientierung im Klanggeschehen. Ähnlich wie beim Lauschen in die Landschaft kann man hier von einem Hineinhorchen in die Klangdichte sprechen. In den Hörweisen des Noise offenbart sich demnach zumindest die Möglichkeit einer sanften Berührung der so differenten Pole. Denn beiden Phänomenen – der Stille und dem Krach – wohnt eine Idee gegenüber klanglichem Material inne, welches sich sensuell und körperlich erfahren lässt.

Dass es aber Yasunao Tone gerade nicht um die Ähnlichkeiten zum Phänomen der Stille geht, stellt er am ausdrücklichsten mit der Komposition Imperfection Theorem of Silence dar, in der die Stille gar direkt thematisiert wird. Hierfür benutzt er «klanglose» Pausen aus seinem Stück Wounded Soutai Man’yo BOOK III und verarbeitet dieses vermeintlich stumme Material zu einer neuen Komposition. Ergebnis ist ein im Vergleich zwar eher ruhiges, dennoch mit Rauschen und Störgeräuschen durchsetztes kurzes Stück. Die Stille wird also als klingende zum klanglichen Material eines Noise-Stückes umgedeutet. Nichts spricht dagegen, diese Musik kontemplativ zu hören und so Wahrnehmungsmodi der Stille zu inkorporieren. Wichtiger als dieses Wahrnehmen ist aber die Entromantisierung der Stille, die in der Musikgeschichte der letzten hundert Jahre einen beinahe mythischen Schweif nach sich zieht; man denke hier an Nono, Cage oder auch Pärt. Der Noise dekonstruiert die Vorstellung von Stille als Kontemplation, von Stille als natürlichem Rückzugsort und entmythisiert diesen. Der Noise als Negation von Kommunikation und Kommunizierbarkeit produziert bewusst Fehler, soll fehlerhaft sein und zelebriert dadurch die Störung der Ruhe und digitalen Glattheit und die Störung der Romantik der ohnehin immer fiktiven Stille. In der Musik des Noise wird damit auch unsere klangliche Umwelt reflektiert.

Stille Nacht

So paradox es klingen mag: Das berühmte Weihnachtslied drückt Stille mit Hilfe von Musik aus. Bei Penderecki winkt es als Erinnerung, bei Schnittke wird es neue Gegenwart.

Foto (Ausschnitt): Kaspar Ruoff

Wenn man im Duden das Wort «Stille» nachschlägt, so wird man überrascht: «Durch kein lärmendes, unangenehmes Geräusch gestörter [wohltuender] Zustand», heisst es da. Die Stille beinhaltet entgegen allen Annahmen «Geräusche», zwar nur angenehme, nicht-lärmende, aber doch Laute.

So scheint es heutzutage paradox, dass die Wintermonate und vor allem die Adventszeit als «stille Jahreszeit» gelten – sind sie doch geradezu von lärmenden Dauerschleifen-Weihnachtsliedern, Lautsprecherdurchsagen zu einmaligen Weihnachtsschnäppchen und quengelndem Kindergeschrei dominiert. Alles in allem keineswegs angenehme Geräusche. Und diesen zu entfliehen, stellt sich als grössere Herausforderung heraus, als man meint. Selbst dann, wenn die Natur zu ihrem letzten Mittel greift und versucht, die Welt mit schalldämmendem Schnee zu «beruhigen», ertönt allgegenwärtig und ironischerweise aus irgendeiner Ecke noch leise eine Schlagerversion des Weihnachtsklassikers Stille Nacht.

Dieses Lied, 1818 niedergeschrieben vom Österreicher Franz Xaver Gruber, beschäftigt sich damit, Stille in Form von Klängen auszudrücken. Die «stille Nacht», im christlichen Kontext die Nacht der Geburt Christi, kann als Inbegriff des «stillen Liedes», eines musikalischen Zustands von wohlklingenden Geräuschen, gesehen werden.

Er wählt dafür die Form der Siciliana, ein Satztypus, der sich durch einen markanten punktierten Rhythmus auszeichnet, und nichtsdestoweniger die Erinnerung an ein pastorales Wiegen- und Schlaflied erweckt. Dieser Rhythmus und der wellenartige, pendelnde Melodieverlauf verleihen dem Lied einen beinahe statischen, ruhenden Charakter und das vorgezeichnete Piano, das nahezu im Nichts verebbt, bekräftigt diesen noch. Man mag sich fast vorstellen, dass das scht von «stille Nacht» einem beruhigenden Zuflüstern der Mutter zu ihrem Kinde gleicht. Die Definition des Dudens für Stille scheint hier voll und ganz zuzutreffen – die behagliche Nacht wird weder durch ein lärmendes noch durch ein unangenehmes Geräusch gestört.

Die Faszination, die dieses Lied auf die Welt ausübt, zeigt sich in seiner unvergleichlichen Rezeption. Bereits zehn Jahre nach seiner Komposition wurde es in ganz Europa und der USA aufgeführt, und heute existiert es in unzähligen Sprachen. Es liegt in über hundert Versionen vor, von Heintje und Heino bis Elvis Presley und den Tiroler Herzensbrechern. Es ist kaum verwunderlich, dass so ein populäres Lied auch den Einzug in die Kunstmusik gefunden hat. Seine Thematik, die Stille, die Auseinandersetzung mit dem «Nicht-Ton», beschäftigt die Kunstmusik von jeher. In der Neuen Musik wird sie vor allem in den 1950er-Jahren mit John Cage zum Thema. Seine Inszenierung der Stille gilt als Ausgangspunkt etlicher Kompositionen, die die Stille thematisieren. Man suchte nach den Klängen, die an das Hörbare grenzen. Dieser Zeit entspringen besonders leise Werke, durchzogen von Pausen und dynamischen Extremen, die morendo aus dem Nichts kommen und ins Nichts gehen.

Etwas später als Cage setzt sich auch Krzysztof Penderecki in seinen Dimensionen der Zeit und Stille (1959/1960) intensiv mit dem Phänomen auseinander. Doch die Idee, das Thema mit dem Lied Stille Nacht, heilige Nacht zu verknüpfen, kommt ihm erst knapp zwanzig Jahre später. In seiner 2. Symphonie spielt er darauf an und verleiht ihr den Untertitel Christmas Symphony. Damit lenkt er die Aufmerksamkeit des Hörers auf das Lied, das im Werk selbst beinahe «hereinklingt». Die 1980 unter ihrem Widmungsträger Zubin Mehta uraufgeführte Komposition basiert auf einem simplen Sonatensatz. In dieser Struktur dringt signalartig dreimal Stille Nacht, heilige Nacht durch; bei den ersten beiden Malen auch deutlich mit «quasi da lontano» gekennzeichnet. Allerdings zitiert Penderecki das Weihnachtslied nicht vollständig. Lediglich der erste Takt, quasi das erste «Stille Nacht», erklingt. Somit gleicht das Zitat eher einer Reminiszenz, die durch ihre Kürze und aus der Ferne im Pianissimo erklingend – fast schon emblematisch – weihnachtliche Assoziationen hervorruft. Für ihn scheint sich die Stille in der flüchtigen Erinnerung zu äussern, die einem allein durch das Zitat eine verlorene Vergangenheit ins Gedächtnis ruft.

Ganz anders hat Alfred Schnittke das Weihnachtslied zwei Jahre zuvor verarbeitet. Sein Stille Nacht für Violine und Klavier, 1978 uraufgeführt, ist im Gegensatz zu Pendereckis 2. Symphonie eine Bearbeitung, keine Anspielung. Er zitiert das Lied in seiner ganzen Länge, verfremdet es aber nach und nach. Anfangs spielt die Violine in Doppelgriffen solistisch einer scheinbar klaren G-Dur-Melodik entgegen. Doch diese wird bald durch Dissonanzen gestört, durch verstörende Sekundklänge und später durch Tritoni des Klaviers. Der Kontrast zum Original wird immer deutlicher. In der letzten Strophe löst sich die Melodie durch Flageoletts und Oktavversetzungen in der Violine nach und nach auf und verklingt in einem «ritenuto molto», in der Stille. Schnittkes Bearbeitung mündet also nicht in der Wiederkehr des Bekannten, ist keine nostalgische Rückversicherung wie bei Penderecki. Bei ihm wird das vermeintlich Bekannte durch seine Verfremdung Schritt für Schritt zu einer neuen Gegenwart, die sich aber in der Stille verliert. Schnittke führt sein Weihnachtslied am Ende zurück in einen «durch kein lärmendes, unangenehmes Geräusch gestörten [wohltuenden] Zustand».

Musik zum Lesen

Es gibt Musik, die nur durch ihre Beschreibung innerhalb eines literarischen Werks existiert. Dabei kann der Autor ganz unterschiedlich vorgehen. Ein Blick in Bücher von Hermann Burger, Marina Zwetajewa und Thomas Mann.

Foto (Ausschnitt): Kaspar Ruoff

Musik braucht nicht immer eine Bühne. Manchmal reichen ihr zwei Buchdeckel, um zu entstehen. Wobei Texte über Musik, die flüchtige Klänge mit Wörtern begreifbar machen wollen, natürlich geläufig sind. Doch diese Beschreibungen versuchen meist «nur», das Gehörte, das ein anderer komponiert und gespielt hat, aufs Papier zu bannen. Seltener und ungewöhnlicher ist es dagegen, wenn die Musik überhaupt erst im literarischen Text entsteht, ohne lästige Interpreten sozusagen, allein und direkt im Kopf des Lesers. Musikalisierte Sprache, wie zum Beispiel Kurt Schwitters Ursonate, das Paradebeispiel der Lautdichtung, ist damit nicht gemeint. Vielmehr geht es um eine Musik, die im Stillen bleibt, also nie wirklich erklingt – sofern sich nicht jemand die Mühe macht, diese «literarische Musik» in Schallwellen umzusetzen. Sie erklingt einzig im Kopf, was allerdings nicht zwangsläufig heisst, dass die Musik weniger realistisch ist, und schon gar nicht, dass sie eine stille Musik sein muss. Hermann Burgers Roman Schilten ist dafür das beste Beispiel. Burger lässt seinen Anti-Helden Armin Schildknecht nämlich kräftig in die Tasten greifen. Wenn sich der frustrierte Volksschullehrer an sein Harmonium in der Mörtelgrube unterhalb der Turnhalle setzt, dann beschwört er schon mal die Apokalypse herauf, lässt das Inventar beben oder taucht seine Zuhörer in «stille Umnachtung» oder eine «schwermütige Trance».

Dem Leser wird die literarisch komponierte Musik ebenso wie der gesamte «Schulbericht zuhanden der Inspektorenkonferenz» – wie Burger seinen Roman untertitelt – sprachgewaltig um die «inneren» Ohren gehauen. Die Hauptperson Schildknecht liefert hier in der Ich-Form einen Bericht über den Zustand der Schiltener Schule ab, der gleichzeitig eine monierende Psycho-Selbstanalyse sowie das facettenreiche Zeugnis einer hochgradigen psychischen Pathologie darstellt: «Mein freiwilliger Arrest wird dadurch entschärft, dass ich zusammen mit meinem geliebten Harmonium eingesperrt bin. Die gemischte Schul- und Friedhofspflege von Schilten gab mir ein Instrument, zu sagen, was ich leide.» Die Musik bietet bei Burger einen Zugang in die tiefsten Abgründe der Romanfigur und damit – was nahe liegt – auch in die seelischen Abgründe des Autors selbst: Was das Harmonium spielt, wird zu einem morbiden Soundtrack, der Schildknechts Selbstmitleids-Exzesse begleitet und seinem Kampf mit der Umwelt Ausdruck verleiht: «Für die Dauer des Zwischenspiels jedoch sind sie [die Trauergäste] meiner Botschaft ausgesetzt. In der ersten Fantasie arbeite ich mit dem einfachen Trick der Panik in geschlossenen Räumen. Mit Oktavsprüngen greife ich die Proportionen des schabzigergrünen Ungemachs, lasse auch die kühle Gruft der Mörtelkammer in meinem Rücken erstehen, so dass die Trauergäste enger zusammenrücken und ängstlich nach den Ausgängen schielen.»

Obwohl die Musik in Schilten viel Raum einnimmt, ist sie nicht das Thema des Buches. Denn der Roman wäre schliesslich auch ohne die «literarische Musik» denkbar. Eine ganz andere Rolle spielt die Musik in dem kleinen autobiografischen Büchlein von Marina Zwetajewa Mutter und die Musik. Obwohl im Titel enthalten, erklingt darin fast nie Musik. Die Autorin beschreibt dafür umso poetischer ihre problematische Haltung zur ihr. Die Mutter wollte sie zur Musikerin erziehen, doch das tägliche Klavierüben war für das Mädchen Marina eine einzige Frustration, mit der sie ständig konfrontiert wurde: «Wenn ich nicht spielte, spielte Assja, wenn Assja nicht spielte, übte Walerija und – uns alle übertönend und überdeckend – die Mutter, den ganzen Tag und fast die ganze Nacht!» Die Erzählung kreist um die Musik und den Kampf mit ihr, der eigentlich der Kampf mit der Mutter ist: «Doch – ich liebte sie. Die Musik – liebte ich. Nur meine Musik liebte ich nicht. Das Kind kennt keine Zukunft, es lebt im Jetzt (welches immer bedeutet). Jetzt gab es nur Tonleitern, Kanons und schäbige ‹Stücklein›, die mich durch ihre Unscheinbarkeit kränkten.»

Um das Abarbeiten und Abquälen an der Musik geht es auch in Thomas Manns Doktor Faustus. Allerdings dringt das Bucht viel tiefer in historische, musikwissenschaftliche sowie theoretische Überlegungen zur Musik ein als die Werke von Burger und Zwetajewa. Thomas Mann hat seine Hauptfigur dem Komponisten Arnold Schönberg nachempfunden und sie gleichzeitig mit dem Urtopos des Faust verknüpft. Der Tonsetzer Adrian Leverkühn hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und kann dank diesem wie ein Besessener arbeiten mit einer Garantie auf geniale Ideen. Thomas Mann hat damit der Zwölftonmusik ein auf grosser Kennerschaft fussendes, literarisches Denkmal gesetzt. Er schlägt somit eine einzigartige Brücke zwischen Musik und Literatur, die um einiges stärker ist als bei Burger und Zwetajewa, weil sie über die literarische und poetische Spielerei hinausgeht. Konkrete Beschreibungen von Klängen gibt es hingegen kaum. Dafür lässt sich das Buch, wie es Theodor W. Adorno anregt, im Gesamten als musikalische Form interpretieren. Er notierte über den Doktor Faustus: «Die Höllenfahrt Fausti als eine grosse Ballettmusik.» Das Ballett zum Lesen, es wäre auch ein paar Überlegungen wert.

get_footer();