St.Gallische Kulturstiftung zeichnet Roth aus

Die St.Gallische Kulturstiftung zeichnet den Hemberger Dirigenten und Komponisten Ruedi Roth mit einem Förderpreis aus. Anerkennungspreise gehen an den Musiker und Schriftsteller Jörg Germann und den Bildenden Künstler David Bürkler.

Aufführung der Messe «Seelenklang» am Jodlerfest in Wattwil 2013. Foto: zvg

Der fünfzigjährige Ruedi Roth sei seit Jahren als Komponist von Jodelliedern ein sanfter Erneuerer und als Organisator fest im Volkstümlichen verankert, schreibt der Kanton St. Gallen. So habe er wesentlich dazu beigetragen, den an Flamenco erinnernden Bödele-Tanz wieder zu beleben.

Als Nachfolger seines Lehrmeisters Willi Valotti dirigiert er seit 2000 den Jodlerklub Wattwil. Als bisheriger Höhepunkt von Ruedi Roths Komponistenlaufbahn kann das Nordostschweizerische Jodlerfest 2013 in Wattwil bezeichnet werden. Für dieses grosse Fest hat er eine Messe geschrieben. Der Förderpreis ist mit 10’000 Franken dotiert.

Der St. Galler Künstler David Bürkler erhält den Anerkennungspreis der St.Gallischen Kulturstiftung «für sein ausserordentlich präzises und gehaltvolles Schaffen».

Jörg Germann, 1931 in St. Gallen geboren, ist promovierter Musiker und langjähriger Deutschlehrer an der Kantonsschule Sargans. Er hat im vergangenen Dezember mit Serenata eines Clowns seinen dritten Roman vorgelegt, herausgegeben vom Verlag Johannes Petri in Basel. Die beiden Anerkennungspreise sind mit je 15’000 Franken dotiert.

Sammlung Younghi Pagh-Paan in Basel

Die Basler Paul Sacher Stiftung hat die Musikmanuskripte der Komponistin Younghi Pagh-Paan übernommen. Die Sammlung von Skizzen, Entwürfen und Reinschriften wird laufend ergänzt und steht der Forschung im Archiv der Stiftung am Basler Münsterplatz ab sofort zur Verfügung.

Foto: Si-Chan Park

Younghi Pagh-Paan wurde 1945 in Süd-Korea geboren und kam 1974 als Stipendiatin nach Freiburg im Breisgau, wo sie bei Klaus Huber, Brian Ferneyhough und Edith Picht-Axenfeld studierte. Von 1994 bis 2011 war sie Professorin für Komposition an der Hochschule für Künste in Bremen.

Ihren kompositorischen Durchbruch erzielte Pagh-Paan mit dem Orchesterwerk Sori, das 1980 bei den Donaueschinger Musiktagen zur Uraufführung kam. Seither sind ihre Werke bei internationalen Festivals zu hören, und sie erhält Kompositionsaufträge von renommierten Institutionen.

Das Schaffen von Younghi Pagh-Paan zeichnet sich aus durch sozial-politisches Engagement und die Reflexion östlicher wie westlicher Philosophien. Die kompromisslos progressive Komponistin integriert auch auf musikalischer Ebene die Tradition und das Denken ihrer ostasiatischen Heimat.
 

Die Singkünste der Menschenaffen

Eine Sonderausstellung «Gibbons – die singenden Menschenaffen» im Anthropologischen Museum der Universität Zürich weist auf die spektakulären Gesangskünste von Menschenaffen hin. Sie gelten als Modell für die Entwicklungsgeschichte der menschlichen Musik.

Foto: porschelegend – Fotolia.com,SMPV

Lautes Heulen, ein kehliges Flöten, rhythmisches Stakkato, Melodien in aufsteigenden und fallenden Tonhöhen – ein Lied höchst exotischer Art singen die Gibbons im südostasiatischen Dschungel bei Tagesanbruch. Die territorialen Morgengesänge dieser Menschenaffen gehören zu den spektakulärsten Rufen unter den Säugetieren.

Die Sonderausstellung im Anthropologischen Museum der Universität Zürich dokumentiert die Gibbons, die mit ihren 19 Arten rund 70 Prozent der Menschenaffen ausmachen, weltweit aber vom Aussterben bedroht sind.

Infos:
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 12:00 – 18:00 Uhr, Eintritt frei,
Museum der Anthropologie, Universität Zürich, Winterthurerstrasse 190, Standort Irchel, 8057 Zürich. www.aim.uzh.ch
 

Die digitale Blockflöte

Nach vierjähriger Entwicklungszeit wurde an der diesjährigen Musikmesse die E-Flöte Elody vorgestellt. Blockflötenbauer Mollenhauer macht das Instrument damit bandtauglich.

Elody-Modell Undine. Bild: zvg,SMPV

Die Blockflöte ist nach wie vor ein wichtiges Einsteigerinstrument für Kinder. Aber wenn sie später in der Schulband mitspielen wollen, mussten sie bisher das Instrument wechseln. Elody, die E-Blockflöte, die in Griffweise und Blastechnik einer Altblockflöte entspricht, kann nun auf Rock- und Popbühnen neben donnernden Gitarren und Bässen bestehen. Mit kraftvollem Sound und einem Tonumfang von bis zu drei Oktaven findet sie ihren Einsatz in verschiedensten Stilrichtungen – von Rock und Pop über Metal und Jazz bis hin zum Blues und Folk.

Der integrierte Tonabnehmer verwandelt Elody in ein elektroakustisches Instrument. Dank eines speziell entwickelten Passivkabels kommt er komplett ohne Fernspannung aus. Und über einen Mono-Klinkenstecker lässt sich das Instrument dann mit allen Effektgeräten und Verstärkern verbinden.

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Nik Tarasov, Entwicklungsleiter bei Mollenhauer, betont die Benutzerfreundlichkeit und die enorme klangliche Vielseitigkeit des Instruments (Klangbeispiele).Elody sieht auch aussergewöhlich aus: die atypische, unrunde Form wird durch verschiedene auffallende Metallic-Designs hervorgehoben. Elody kostet um 1900 Euro. Tarasov bemerkt dazu, sie hätten nicht ein billiges «Gadget» herstellen wollen, sondern ein hochwertiges Instrument, das für Schulen, Musikschulen und Bands eine lohnende, langlebige Anschaffung darstelle.

www.elody-flute.com

Laute(r) Experimente

Die Welt des Schalls, seine Entstehung, Verbreitung und Wahrnehmung stehen im Mittelpunkt der neuen Sonderausstellung «Klangwelten», die am 16. April 2014 im Swiss Science Center Technorama in Winterthur eröffnet wird.

Ausschnitt aus dem Plakat zur Ausstellung,Foto:zvg,SMPV

Über 40 neue Exponate, verblüffende Klangräume, Klangskulpturen und zahlreiche Freihandexperimente machen die Phänomene des Schalls nicht nur hörbar. Akustische Schwingungen der Luft, von Metall, Glas, Holz und Kunststoff lassen sich auch mit den Augen beobachten und als Vibrationen mit dem ganzen Körper erspüren. Neue Klangräume und ungewöhnliche Klanginstallationen stehen bereit.

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Klankkaatser

Da ist etwa der Klankkaatser oder Klang-Hallraum des Niederländers Hans van Koolwijk. Der zehn Meter hohe eiförmige Raum verblüfft: Musik scheint wie aus dem Nichts direkt in den Köpfen der Zuhörer zu entstehen, und wer im Innern die Leiter ein Stück weit hinaufklettert, hört seine eigene Stimme so voll und kräftig wie niemals zuvor mit einem Nachhall von über zehn Sekunden!

An einer Hörbar werden keine Getränke ausgeschenkt, sondern Klänge serviert. Hier hört man Musik über die eigenen Knochen, bringt Gläser zum Schwingen, funktioniert die Thekenmöbel zu Instrumenten um und lässt Feuer im Rhythmus der Musik tanzen. Und weil Musik oft auch eine soziale Interaktion ist, lädt der Barkeeper die Gäste jeweils zu einer spontanen Jam-Session ein. Zu den weiteren ungewöhnlichen Musikinstrumenten gehören Schlag- und Pumporgeln, Zahnrad- und Lochsirenen oder eine riesige Xylofon-Kugelbahn, die alle auf spielerische Art ganz verschiedene Möglichkeiten der Klangerzeugung eröffnen.

Auch wer von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, ist hier richtig. Beim Experimentieren in den Klangwelten kann man nichts vergeigen! Zu jedem Exponat gibt es eine Anleitung zum Experimentieren sowie weiterführende Informationen.

Die Ausstellung dauert mindestens bis Sommer 2015. Öffnungszeiten: Di–So 10–17 Uhr
Website Technorama

Luzerner Kulturchefin tritt zurück

Die Leiterin Kulturförderung des Kantons Luzern, Nathalie Unternährer, tritt aus privaten Gründen per Ende August 2014 von ihrer Stelle zurück. Sie wird die Leitung Abteilung Kultur bei der Basler Christoph Merian Stiftung übernehmen.

Foto: zvg

Nathalie Unternährer stand der Kulturabteilung des Bildungs- und Kulturdepartements seit Januar 2013 vor. In dieser Zeit initiierte sie die Vernehmlassung und die damit verbundene Überarbeitung des Planungsberichts über die Kulturförderung, der diesen Sommer im Luzerner Kantonsparlament beraten wird.

Aus familiären Gründen wird Nathalie Unternährer ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt nach Basel verlegen. Karin Pauleweit, die zuständige Dienststellenleiterin im Bildungs- und Kulturdepartement, danke Nathalie Unternährer bereits heute für ihren engagierten Einsatz zugunsten der Kulturförderung im Kanton Luzern, schreibt der Kanton.
 

Auf Papier und digital

Bei der Reger-Werkausgabe im Carus-Verlag ist der Band mit den Choralvorspielen erschienen.

Franz Nölken (1884-1918): Max Reger 1913. Bild: wikimedia commons

Mit diesem Band setzt der Carus-Verlag seine wissenschaftlich-kritische Edition des Regerschen Gesamtwerks für Orgel fort. Bei den Choralvorspielen ist die Quellenlage nicht ganz so kompliziert wie bei den grösseren Orgelwerken. Ausgaben, die mehr oder weniger direkt auf den Erstdruck zurückgehen und nicht durch «korrigierende» Herausgeber-Eingriffe entstellt wurden, sind nach wie vor im Handel erhältlich; von einigen Werken existieren zudem moderne Urtext-Ausgaben. Trotzdem bietet die Neuausgabe auch hier eine editorische Meisterleistung: Als Ergänzung zum ausserordentlich schönen Notenband mit Einführungstexten zu den Werken wird wiederum eine DVD mitgeliefert, auf der sich neben dem Notentext der Werkausgabe auch die erhaltenen Skizzen, allfällige Stichvorlagen, der Erstdruck (gerade im Fall der einzeln überlieferten Choralvorspiele – in der Regel Zeitschriften-Beilagen – besonders wertvoll) und weitere Quellen befinden. Damit lassen sich Textunterschiede im Sinn des kritischen Berichts bis ins Detail nachverfolgen. Dazu kommt eine Fülle von Hintergrund-Informationen zu den Werken, Briefe, Rezensionen, lexikalische Angaben über Choräle, Verlage, Interpreten, bis hin zu Besonderheiten, so die Harmonium-Bearbeitung der 30 Kleinen Choralvorspiele op.135a.

Eine Ausgabe, die Massstäbe setzen dürfte für weitere editorische Grossprojekte; die Fülle an Material und die Qualität von Notenband und DVD erklären natürlich auch den hohen Preis.

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Max Reger, Werkausgabe, Band I/4, Choralvorspiele, inkl. DVD, CV 52.804, € 188.00, Carus-Verlag, Stuttgart 2013

Jüdische und keltische, aber auch Zirkusmusik

Der Pan-Verlag kann heuer auf eine 35-jährige Firmengeschichte zurückblicken. Das Unternehmen wurde in der Schweiz gegründet und hat immer noch einen Sitz in Basel.

Statue des flötespielenden Pan in den Gärten von Wisley/GB. Foto: Colin Smith, wikimedia commons,SMPV

1979 gab Walter Keller-Löwy in Zürich seinem neuen Verlag den Namen einer schillernden mythischen Figur: Pan. Vom arkadischen Gott der Hirten und Jäger wurde behauptet, er habe die Panflöte erfunden. Eine treffende Namenswahl für einen Verlag, der sich den verschiedenen Flöteninstrumenten besonders verbunden fühlt. Nach dem Tode des Verlagsgründers wurde die Kasseler Verlegerin Renate Matthei auf den kleinen Verlag aufmerksam und übernahm 2007 schließlich das Unternehmen. 2008 kam eine Niederlassung in Kassel hinzu, Pan blieb aber als eigenständiger Verlag mit Sitz in Basel bestehen und ist fester Teil der Schweizer Verlagslandschaft.

Die Editionsreihe im Chor hat ein weltliches und ein geistliches Angebot. Es finden sich beispielsweise Lieder rätoromanischen Ursprungs. Bearbeiter sind Routiniers wie Frédéric Bolli, Rudolf Jaggi oder Kit Powell. Mit den Noten der Editionsreihe im Ensemble können Gruppierungen mit unterschiedlichsten Besetzungen mitreissende Sätze mit folkloristischem Charakter spielen. Marie-Louise und Cedric Dumont, Roland Fink und François Lilienfeld garantieren hohes musikalisches Niveau in gut spielbaren Arrangements.

Volksmusik aus aller Welt, wie z. B. aus Mittel- und Südamerika, Irland, der Schweiz, Ungarn oder einigen Ländern Asiens, ist auch die Basis für viele Bearbeitungen für Blockflöten-Duo oder grössere Blockflötengruppen. Zu den beliebtesten Ausgaben gehören die Bearbeitungen von Tangos des Argentiniers Astor Piazzolla für Blockflötenquartett (PAN 768).

Musikalischen Schätzen des jüdischen Kulturkreises widmen sich zwei Publikationsreihen: Spiel, Klesmer, spiel… und Synagoge und Schtetl. Autoren sind der Schweizer Klezmerforscher, Komponist und Chasan François Lilienfeld und Rudolf Jaggi.

2010 eröffnete der Verlag die Reihe Sonic Roots – Wurzelklänge. Ihr Autor ist der Komponist, Pädagoge und Jazz-Pianist John Wolf Brennan. Eine lebenslange Suche nach keltisch-helvetischen Spuren in der Musik findet hier ihren Niederschlag. Erschienen sind bisher vier Bände für unterschiedlichste Besetzungen (PAN 2000-203, 2007).

Eine Besonderheit im Pan-Verlag sind die Arrangements von Zirkusmusiken, die Reto Parolari aus seinem reichen Erfahrungsschatz als Dirigent bei internationalen Zirkusfestivals zusammengestellt hat. Die Sammlung Circus, Circus (PAN 125) richtet sich gleichermaßen an Schul- und ambitionierte Laienensembles.

Verlagswebsite

Die Erhabenheit des kunsterfahrenen Canarienvogels

Dieses Buch kontrastiert Anekdoten von Händel, Bach, Telemann und Mozart mit dem Begriff des Erhabenen, den die Philosophen ihrer Zeit definierten.

Foto: D.aniel – Fotolia.com

Wer hätte gedacht, dass mit dem Begriff «Erhabenheit» soviel Überraschendes, ja sogar Unernstes verbunden sein kann, wenn man sich das erhabene Zeitalter, das 18. Jahrhundert, aus heutiger Sicht vornimmt. Es verursacht keine Mühe, Händels imposante Gestalt und seine grossen Oratorien damit in Zusammenhang zu bringen oder Bachs komplexe Schöpfungen mit der anspruchsvollen, zu seiner Zeit wenig verstandenen Formensprache. Dass aber auch Telemanns Oratorium Der geduldige Socrates – das übrigens mehr als vier Stunden dauert – mit den Streitduetten der konkurrierenden Ehefrauen Xanthippe und Amitta zum Erhabenen gezählt wird oder seine Trauer-Music eines kunsterfahrenen Canarienvogels mit der an den Tod gerichteten Aufforderung «Friss, dass dir der Hals verschwelle», weckt auch bei jemandem, der nicht gerade Fan von Barockmusik ist, sofort die Lust weiterzulesen. Dies umso eher, als der Schreibstil dieses Buches trotz der nach Wissenschaftlichkeit riechenden 448 Anmerkungen jung und oft recht salopp wirkt, etwa wenn beim Thema «Krieg und Musik» die Argumente durch «eine ganz entscheidende Rast an der Tankstelle der Philosophie» eingeholt wurden oder wenn moniert wird, dass «Bachs Kantaten einem musikalischen Katastrophentraining» gleichen.

Da wird man neugierig auf das Kapitel, das in die Rokoko-Zeit hinüberreicht, auf «Mozart auf dem Weg zur Erhabenheit». Man will aber doch nichts von dem verpassen, was die Herren Händel, Bach und Telemann hergeben, denn «an welchen Begebenheiten und Konstellationen im Leben dieser vier Männer ihre eigentliche Erhabenheit lag, führt dieses Buch erstmalig vor». Das ist nicht übertrieben. Auf solche Weise ist man der Erhabenheit noch nie «zu Leibe gerückt». Wer hat schon Milos Formans „Amadeus“-Film danach abgehört und Mozarts (möglichen) Ausspruch, «so erhabene Leute, dass sie sich anhören, als ob sie Marmor scheissen», in engeren Zusammenhang gebracht? Dennoch werden seine drei letzten Sinfonien innerhalb dieses Strebens nach Erhabenheit betrachtet und, allerdings etwas moderner formuliert, von der musikalischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts auch so gesehen.

Dies führt im Schlusskapitel «Der lange Weg der Erhabenheit – Von 1900 bis heute» anhand einer Reihe von Beispielen zu folgendem Fazit: «War Erhabenheit vormals Ausdruck von Würde, Pracht und moralischer Überlegenheit, wurde moderne Erhabenheit zum Aushalten von Überforderung und einem Lustempfinden, das ans Göttliche grenzt – zumindest was die psychologische Intensität des Gefühls angeht.» Womit die Ernsthaftigkeit wieder hergestellt wäre; aber ausgerechnet diese stellt der Druckfehler «erst» statt «ernst» (auf Seite 133) neuerlich in Frage.

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Markus Köhlerschmidt und Stefanie Voigt, Mit Pauken und Perücken. Die Lebenskünste der erhabenen Herren Händel, Bach, Telemann und Mozart. 167 S., € 24.90, Verlag Böhlau, Wien u.a. 2014, ISBN 978-3-412-21035-9

Zur Kopplung von Hör- mit Sichtbarem

Christa Brüstle betritt in ihrem Buch «Konzert-Szenen» weithin unerforschtes Terrain, wo sich akustische und visuelle Phänomene überlagern.

Foto: Viktor Lugovskoy – Fotolia.com

«Sichtbares, das selbst Hypostase der Musik, vermochte nun seinerseits musikalische Emanationen auszudünsten.» Von Dieter Schnebel stammt der gelehrte Satz, der ins Zentrum von Christa Brüstles Untersuchung führt. Grundsätzlich geht es um den Einbezug des Visuellen, wohlgemerkt fernab von Oper oder Musiktheater. Konzert-Szenen, der Titel der umfangreichen Abhandlung, ist aber letztlich mehr eine Verlegenheitslösung. Denn nicht nur Mauricio Kagels «Instrumentales Theater» oder Hans-Joachim Hespos´ Konzertrituale sind thematisiert, sondern auch viele visuell-akustische Spielarten abseits von Orchester- oder Ensemblepodien. Christina Kubischs Installationen kommen ebenso zur Sprache wie Body-Performances des Australiers Stelarc oder eine von Brüstle in Berliner Hinterhöfen miterlebte Aufführung von George Brechts «Event-Partitur» Water Yam (1959–63).

Es ist fraglich, ob das Themengebiet nicht zu gross ist, ob es überhaupt in einem Buch sinnvoll Platz finden kann. Brüstle bejaht letzteres und mutet so dem Leser einen gehörigen Schlingerkurs zu. Angesichts der Inkompatibilität der Phänomene ist ihre chronologische Darstellung nicht wirklich geeignet. Gerade der Einstieg, der die streng serielle Phase der frühen 1950er-Jahre behandelt, wirkt nicht überzeugend. Die Ausweitung serieller Parameter auf Raumeigenschaften tangieren zwar das im Untertitel des Buches angedeutete Thema «Bewegung». Aber mit der Integration des Sichtbaren, die im Zuge der «Verfransung der Künste» im Lauf der Sechzigerjahre explosionsartig zunimmt, scheint die Avantgarde der Fünfziger (noch) wenig zu tun haben zu wollen.

Zur Sache kommt Brüstle mit Mauricio Kagels «Instrumentalem Theater», wobei es hier weniger Forschungsbedarf gibt als zu «Wandelkonzerten», «Interaktion in Konzert und Klangkunst» oder «Musik mit Bild – Videokonzerte», den abschliessenden Themen der Darstellung. Allein Videokonzerte haben insbesondere seit den Neunzigerjahren ungeheuer an Bedeutung gewonnen. Brüstle schildert anhand von Carola Bauckholts Video zu In gewohnter Umgebung III für Video, Cello und (präpariertes) Klavier (1994) die vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten von Hör- und Sichtbarem, die visuelle Verdoppelungen des Akustischen ebenso erlauben wie surrealistische Episoden oder Reibungen der Musik mit dem Sichtbaren. Wie verworren, ja diffus die Verhältnisse allein in der Videokunst sein können, belegen weitere Exkurse zur multimedialen Kunst von Erwin Stache und Susanne Stelzenbach.

Eine solche thematische Wucherung kann Brüstle bei ihrem fundamentalen Ansatz nicht in den Griff bekommen. Nur in groben Umrissen handelt sie viele Werke kursorisch ab, mehr deskriptiv als interpretierend. Insofern ist der über 400-seitige Wälzer Konzert-Szenen mehr zu einer opulenten Materialsammlung geworden, als dass er Zugang zu künstlerischer Multimedialität erleichtert. Dass Brüstle aber das weithin unerforschte Terrain so mutig betreten hat, bleibt ihr bei allen Vorbehalten unbenommen.

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Christa Brüstle: Konzert-Szenen. Bewegung, Performance, Medien. Musik zwischen performativer Expansion und medialer Integration 1950-2000, (=Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft, Band 73), 413 S., € 78.00, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-515-10397-8

Spanische Trilogie

Eine bemerkenswerte, preisgekrönte Neukomposition für Blechbläserquintett.

Foto: Remarkable / fotolia.com

Die Brassquintett-Szene wird überschüttet mit neuen Arrangements von populären Songs und den Highlights aus der Klassik, sucht man hingegen nach neuer Originalliteratur für diese Besetzung, so muss man schon etwas tiefer graben – und wird einmal mehr fündig bei den Editions Bim. Spanish Dances hat von der erlesenen Jury der International Trumpet Guild ITG den ersten Preis erhalten; Stanley Friedman hat wieder bewiesen, dass er nicht nur Trompete spielen kann, sondern auch ein bemerkenswerter Komponist ist.

Das Werk gliedert sich in drei Sätze, welche stark an das spanische Kolorit in Bizets Carmen erinnern. Gleich zu Beginn im ersten Satz, der Habanera, ist in der Tuba das berühmte Begleitmotiv zu hören, die erste Trompete schlüpft in die solistische Rolle der Carmen und macht sich ihre eigenen Gedanken über die Liebe, immer wieder durchbrochen von isorhythmischen Passagen der fünf Blechbläser. Die Pavane, der zweite Satz, besticht durch seine Variationenform und ein kontinuierliches Accelerando. Der abschliessende Bolero spielt im 7/8-Takt mit den Themen der ersten beiden Sätze und bringt die spanische Triologie zu einem fulminanten und virtuosen Ende.

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Stanley Friedman, Spanish Dances for Brass Quintet, Partitur und Stimmen, ENS 174, Fr. 45.00, Editions Bim, Vuarmarens 2012

Pianistische Farbenpracht

Der Henle-Verlag schliesst Albéniz’ Klavierzyklus «Iberia» mit dem «Vierten Heft» ab.

Rathaus von Málaga, Andalusien. Foto: Olaf Tausch / wikimedia commons

Vieles, was der spanische Komponist Isaac Albéniz in seinem relativ kurzen Leben für das Klavier geschrieben hat, gehört in den Bereich gepflegter Salonmusik. Dies gilt natürlich nicht für sein Meisterwerk, die Suite Iberia, die während seiner letzten Lebensjahre in Paris und Nizza entstand.

In dieser Huldigung an sein Heimatland, das er nicht mehr sehen sollte, entfacht Albéniz – nicht zuletzt unter dem Einfluss seiner französischen Komponistenkollegen – eine pianistische Farbenpracht, die in der Klavierliteratur ihresgleichen sucht. Wobei anzumerken ist, dass umgekehrt Iberia auch auf manchen französischen Meister abgefärbt hat: auf Debussy, etwa in seiner Sérénade interrompue, oder auch auf Messiaen, der die Suite zu den grossartigsten Klavierwerken überhaupt zählte.

Mit dem Vierten Heft hat der Henle-Verlag nun auch den letzten Teil der Suite veröffentlicht, und zwar auf mustergültige Art. In den drei abschliessenden Stücken, Malaga,Jerez und Eritaña, zieht Albéniz nochmals alle Register, die für Iberia so typisch sind: fein stilisierte spanische Tanzrhythmen, eine schillernde Harmonik, lange Orgelpunkte und eine bis in die Extreme differenzierte Dynamik. Entsprechend komplex gestaltet sich das Notenbild. Doch dem Herausgeber Norbert Gertsch gelingt es nicht nur, die zahlreichen Druckfehler und Irrtümer zu tilgen, die in den älteren Ausgaben herumgeistern, sondern auch, den mit vielen Anmerkungen des Komponisten übersäten Notentext in erstaunlich schlanker und übersichtlicher Weise zu präsentieren. Das gilt selbst für das Schlussstück Eritaña (Ein Wirtshaus bei Sevilla), das mit seinen halsbrecherischen Sprüngen und unablässigen Stimmkreuzungen für jeden Pianisten eine Tour de Force darstellt.

Debussy hat gerade dieses Stück besonders geliebt: «Jamais une musique n’atteint des impressions aussi différenciées et aussi colorées et les yeux se ferment comme s’ils étaient aveuglés par ces images toutes trop éclatantes.»

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Isaac Albéniz, Iberia, Viertes Heft, Urtext hg. von Norbert Gertsch, HN 650, € 20.00, G. Henle, München 2013

Schwanengesang?

Der neueste Forschungsstand ist in diese Ausgabe von César Francks «Trois Chorals» eingeflossen.

Monument à César Franck de Alfred-Charles Lenoir (1850-1899). Foto: Siren-Com / wikimedia commons

«Je vais m’atteler avec courage à l’orchestration de Ghiselle, tout en faisant aussi autre chose» – mit diesen Worten umschrieb César Franck seine Aktivitäten im Jahr 1890, Zeichen seiner ungebrochenen Kreativität, trotz der Spätfolgen eines Verkehrsunfalls, die schliesslich zu seinem Tode führen sollten. Mit «autre chose» meinte er wohl zwei Werkzyklen: eine Reihe von gut 60 Harmoniumstücken, veröffentlich unter dem Titel L’Organiste, und die Trois Chorals. Auch wenn diese – wie so viele «letzte Werke» – gerne als Schwanengesang des leidenden Komponisten betrachtet werden, der sich darin noch einmal zu höchster kompositorischer Perfektion und in mystische Sphären aufschwingt, scheint es sich dabei um eine Auftragskomposition des Verlegers Durand gehandelt zu haben, die Franck relativ zügig umsetzte. Autografe Reinschriften deuten darauf hin, dass er auch die Publikation noch vorbereiten konnte. Da die Erstausgabe aber erst um den Jahreswechsel 1891/92 (also über ein Jahr nach Francks Tod) erschien, war es ihm allerdings wohl kaum mehr möglich, Druckfahnen zu korrigieren und die Publikation zu beaufsichtigen.

Friedemann Winklhofers Neuausgabe der Trois Chorals skizziert im ausführlichen Vorwort die Entstehungsgeschichte der Werke und fasst die wesentlichen Erkenntnisse zusammen, die Joël-Marie Fauquet in seiner epochalen, hierzulande leider relativ wenig beachteten Franck-Biografie (Fayard, Paris 1999) zusammengetragen hat. Gewisse Details – einige Registrierungsfragen oder die Namen der Widmungsträger, dankbarer Stoff für die Gerüchteküche – werden sich aufgrund der vorliegenden Quellen wohl nicht abschliessend klären lassen.

Für seinen hier publizierten Notentext scheint der Herausgeber allerdings neben dem Erstdruck auch Einsicht in bisher nicht zugängliche Autografe des ersten und dritten Chorals gehabt zu haben. Diese erlauben verschiedene geringfügige Ergänzungen und Korrekturen des «bekannten» Notentexts, wie ihn beispielsweise Günther Kaunzinger 1991 für die Wiener Urtext-Edition vorgelegt hat (übrigens mit praktisch identischer Paginierung). So sind die eröffnenden Sechzehntel-Figuren im a-Moll-Choral «neu» mit Legato-Bögen zusammengefasst, welche vielleicht die gelegentlich zu hörende «Trommelfeuer»-Artikulation etwas relativieren. Weitere Details lassen sich mit dem ausführlichen Kritischen Bericht überprüfen, führen allerdings nicht zu wirklich bahnbrechenden neuen Erkenntnissen. Interpretatorische Hinweise, so eine Stellungnahme zum «ewigen» Problem der Koppelmöglichkeiten des Récit-Manuals, sind nur im Vorwort angesprochen, der eigentliche Notentext ist dann aber neutral gehalten und verzichtet auch auf die englischen Registrierungsangaben des Erstdrucks oder auf deutende Ergänzungen des Herausgebers.

Fazit: eine zuverlässige und auf dem neuesten Stand der Franck-Forschung stehende Ausgabe in klarem und elegantem Notenbild. Und bereits ist eine weitere Franck-Edition aus dem Hause Bärenreiter angekündigt …

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César Franck, Trois Chorals pour Grand Orgue, hg. von Friedemann Winklhofer, HN 975, € 26.00, G. Henle Verlag, München 2013

Umgearbeitet für Frauenchor

Grosse Chorwerke von Vivaldi, Mozart und Pergolesi in gleichstimmigen Versionen.

Bild: semmickphoto / fotolia.com

In Chören herrscht oft Mangel an Männerstimmen. Umgekehrt suchen Frauenchöre nach neuen Schwergewichten im Repertoire. Dies bringt die Verlage dazu, Werke für gemischten Chor oder Solisten in neuer Gestalt herauszugeben. Hier einige Beispiele von Bärenreiter.

Vivaldis bekanntes Gloria entstand 1716 im Ospedale della Pietà, einem Waisenhaus in Venedig, wo Vivaldi als Betreuer und Musiker wirkte. So liegt die Vermutung nahe, dass es auch dort, und somit ausschliesslich von Kinderstimmen aufgeführt wurde. Die Bearbeitung von Malcolm Bruno zeigt, dass diese meisterhafte Komposition auch in der Fassung für gleiche Stimmen keine qualitativen Einbussen erlebt.

Das Kyrie für zwei vierstimmige Frauenchöre und zwei Streichergruppen entfaltet in dieser Bearbeitung einen eigenen Reiz. Kombiniert mit dem Gloria ergibt sich gewissermassen eine kurze Messvertonung.

Von Mozart sind die allseits beliebte Krönungsmesse und die Missa brevis in D für dreistimmigen Frauenchor erschienen. Solche Umarbeitungen erfordern Fachkompetenz und musikalische Einfühlung. Heribert Breuer versucht, die Substanz der Originalversionen zu bewahren, und gibt ihnen gleichzeitig einen neuen Klangcharakter.

In der Aufführungsgeschichte von Pergolesis Stabat mater deutet einiges darauf hin, dass es schon früher chorische Aufführungen gegeben hat. Die Neubearbeitung von Malcolm Bruno mischt solistische Ariensätze mit dreistimmigen Chören und Sätzen für drei Einzelstimmen, wobei das vorhandene musikalische Material die Grundlage für die neu hinzugefügten Stimmen bildete. Das Repertoire für Frauenchor ist damit durch ein weiteres berühmtes Werk erweitert.

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Antonio Vivaldi, Gloria RV 589, bearb. für Chor SSAA von Malcolm Bruno, Partitur BA 8953, € 12.95,Bärenreiter, Kassel 2012
id., Kyrie RV 587, BA 8954, € 12.95

Wolfgang Amadeus Mozart, Missa in C KV 317 «Krönungsmesse», bearb. für Frauenchor SMA von Heribert Breuer, Partitur, BA 5691, € 30.95, Bärenreiter, Kassel 2013
id., Missa brevis in D KV 194, Klavierauszug, BA 5690-90, € 8.75

Giovanni Battista Pergolesi, Stabat mater, bearb. für Frauenchor SMA von Malcolm Bruno, Partitur, BA 5692, € 24.95, Bärenreiter, Kassel 2013

Licht und Nachklang

Heftis zweites Klaviertrio «Lichter Hall» verlangt ungewohnt Spieltechniken von den Streichern.

Foto: Petra Dirscherl/pixelio.de

David Philip Hefti komponierte dieses Werk im Auftrag des Medea Trios, das die Komposition am 16. Oktober 2012 in der Wigmore Hall in London zur Uraufführung brachte. Es ist als kompaktes, einsätziges und helles Gegenstück zum ersten Klaviertrio Schattenspie(ge)l konzipiert. Verschiedene Impulse ziehen Ruhepunkte – gleichsam als Echo – nach sich und entwickeln sich stetig vom anfänglichen Stocken zur fliessenden Bewegung. Die anschliessende Cantabile-Passage, die aus seinem Orchesterwerk Moments lucides als Nachhall anklingt, löst sich in einen schattenhaften Schluss auf.

Die Streicher werden in verschiedenen exotischen Spielweisen gefordert: Klopfen, Kratzen, Knirschen, «irisierendes und zischendes Pizzicato» (macht Spass zum Ausprobieren!) und Flageolett-Sternschnuppen. Ein «richtiges» Cantabile ohne Doppelgriffe erhalten sie erst bei der erwähnten Reminiszenz aus dem Orchesterstück. Technisch ist dieses einsätzige, neun Minuten dauernde Klaviertrio nicht allzu schwierig – für Berufsmusiker, versteht sich, und zwar solche mit Sinn für neuartige Klänge!

Weil der Rhythmus praktisch nie durchhörbar ist, fragt es sich, ob Spielpartituren auch für die Streicher nicht sinnvoller wären als die vorliegenden Einzelstimmen. Da steht den Ausführenden von Lichter Hall viel Bleistiftarbeit bevor!

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David Philip Hefti, Lichter Hall, Trio Nr. 2 für Violine, Violoncello und Klavier, Partitur und Stimmen, GM 1887, Fr. 36.00, Edition Kunzelmann, Adliswil 2012

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