Turmglockenspiele in der Schweiz

Oft wird die Orgel als grösstes und schwerstes Instrument betrachtet, dabei geht aber das Turmglockenspiel oder Carillon vergessen, das mehr als 40 Glocken umfassen kann. In der Schweiz gibt es sechs solche Instrumente. On considère souvent l’orgue comme étant le plus grand et le plus lourd des instruments. C’est oublier le carillon, qui peut regrouper plus de quarante cloches. Il existe six de ces instruments en Suisse.

Turm des Carillon de Chantemerle in Pully. Fotos: Daniel Thomas
Turmglockenspiele in der Schweiz

Oft wird die Orgel als grösstes und schwerstes Instrument betrachtet, dabei geht aber das Turmglockenspiel oder Carillon vergessen, das mehr als 40 Glocken umfassen kann. In der Schweiz gibt es sechs solche Instrumente.

On considère souvent l’orgue comme étant le plus grand et le plus lourd des instruments. C’est oublier le carillon, qui peut regrouper plus de quarante cloches. Il existe six de ces instruments en Suisse.

Daniel Thomas spielt auf dem Carillon der Kirche Saint Jean-Baptiste in Taninges/Haute-Savoie Daniel Thomas au Carillon de l’église Saint Jean-Baptiste à Taninges en Haute-Savoie

Das französische, zum Teil auch im Deutschen verwendete Wort carillon für Glockenspiel geht auf das Vulgärlateinische quadrinio oder das Lateinische quaternio zurück, der Bezeichnung für eine Vierergruppe. Die ersten mechanischen Glockenspiele im Mittelalter bestanden aus vier Glocken. Bis heute gibt es in der Schweiz eine ganze Reihe von kleinen Spielwerken mit vier, fünf, sechs Glocken. Sie werden mit Hilfe am Klöppel befestigter Ketten oder Seile gespielt. Einige weisen auch einfache Klaviaturen mit grossen hölzernen Tasten oder Stöcken auf. Sie werden vom Glockenspieler stehend betätigt und erlauben kaum ein differenziertes Spiel. Solche Spielwerke findet man beispielsweise in Bourg-Saint-Pierre (VS), Salvan (VS), Gruyères (FR) und Bulle ((FR). Im Tessin, etwa in Muralto und Bellinzona, gibt es auch Modelle mit Metallklaviaturen. Erst auf grösseren Instrumenten kann sich aber ein nuancenreiches und komplexes Spiel fast wie auf dem Klavier oder der Orgel entfalten.

Die World Carillon Federation (WCF) definiert das Glockenspiel als ein Instrument aus gestimmten Bronzeglocken, die über eine Tastatur aus Stöcken angespielt werden. Nur Carillons mit mindestens 23 Glocken kommen in Betracht. In der Schweiz gibt es sechs derartige Instrumente, fünf davon in der Westschweiz (s. Kasten). Sie gehen über drei bis vier Oktaven (35 bis 49 Glocken, deren schwerste mehrere Tonnen wiegen können). Die Kunst des Carillonspiels entwickelte sich vor mehreren hundert Jahren in Flandern (Holland, Belgien, Nordfrankreich). Auch heute gibt es dort die meisten Anlagen und die bekanntesten Spieler.

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Glocken und Klöppel des Carillon de Chantemerle

Die Glocken sind aus Bronze gegossen und harmonisch aufeinander abgestimmt, so dass akkordisches Spiel möglich wird. Sie werden über Tastatur und Pedal angespielt. Die grossen Holztasten oder Stöcke sind über eine Mechanik mit den Klöppeln verbunden, die einen leicht ansprechenden, musikalischen Anschlag ermöglicht. Es gibt kein Dämpfungssystem; einmal angeschlagen schwingt die Glocke frei.

Entwicklung in der Schweiz
In der Schweiz wurde das erste Carillon 1926 in der Kirche von Carouge installiert. Es hat 28 Glocken und eine Klaviatur aus grossen Holztasten, entspricht also nicht dem üblichen Carillon, das Stöcke aufweist. Diese Bauweise war aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts üblich, wurde dann fast überall aufgegeben, ausser in Genf. Die Kathedrale der Stadt wurde 1931 mit einem 16-teiligen Spielwerk ausgestattet, das 1986 auf 20 und 2011 auf 37 Glocken aufgestockt wurde.

1953 brachte der Pfarrer von Pully, Marc Vernet, der zuvor Glockenspieler in Belgien gewesen war, die flämische Art des Carillons mit Stöcken in die Schweiz: Auf seine Initiative hin wurde das Carillon de Chantemerle gebaut. 1985 schenkte die Gesellschaft Zofingia der Kirche in Zofingen ein Glockenspiel mit 16 Glocken, das 1995 auf 24 erweitert wurde.

Mit 36 neuen Glocken (die alten wurden als minderwertig eingestuft und verkauft) von Rüetschi wurde Carouge 2001 das erste Carillon, das über drei Oktaven ging. Seither finden immer samstags auf (oder besser: über) dem Marktplatz Konzerte statt. 2004 folgte das erste Glockenspiel über vier Oktaven in der Abteikirche von Saint-Maurice im Wallis. Und zurzeit werden 24 zusätzliche Glocken für das Chantemerle-Glockenspiel in Pully gegossen. Es wird also bald ein zweites vieroktaviges Instrument in der Schweiz geben, das die Aufführung grosser Repertoirestücke aber auch von Werken für zwei Carillonneure (vier Hände und vier Füsse) erlaubt.

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Neuer Spieltisch des Carillon de Chantemerle.
Foto: G. Bodden

Glockenspieler: Ausbildung und Repertoire
Zum Üben braucht der Carillonneur ein spezielles Instrument, mag er doch der Umgebung nur ausgereifte Stücke zumuten. Bei diesen Übungscarillons wird mit Metalllamellen, Röhrenglocken oder aufgenommenen Glockentönen ein leiser Klang erzeugt. Eine Glockenspielerschule gibt es in der Schweiz nicht. Eine professionelle Ausbildung, die mit einem Diplom abgeschlossen wird, muss in Holland (Nederlandse Beiaardschool in Amersfoort und Carillon Instituut Nederland in Dordrecht) oder Belgien (Ecole Royale de Carillon in Mechelen) absolviert werden.

Das Repertoire besteht hauptsächlich aus Original- kompositionen und Transkriptionen klassischer Werke. Die meisten Stücke sind für Standardinstrumente von vier Oktaven geschrieben. In Flandern sind schon seit dem 18. Jahrhundert solche Stücke entstanden, das Repertoire ist also breit. Oft improvisieren die Carillonneure auch über bekannte Melodien, wie dies im Herkunftsgebiet des Carillons üblich ist, vor allem zu Marktzeiten, wenn sich viele Menschen in den Strassen bewegen.

In der Schweiz gibt es noch zu wenig grosse Instrumente, um eine Vollzeitstelle als Carillonneur zu ermöglichen. Dazu müsste ein Spieler für drei bis vier Instrumente und ihre jeweiligen Einsätze verantwortlich sein. Üblicherweise wird die Tätigkeit daher mit einer Organisten- oder Pianistenstelle verbunden.

Die grossen Glockenspiele der Schweiz

Genf

  • Carouge, Kirche Sainte-Croix, 36 Glocken (fis1, gis1–fis4; 1 Aubry XVII, 1 Piton 1789, 1 Kervand 1839, 33 Rüetschi 2001), Spieler: Constant Deschenaux, Andreas Friedrich und Yves Roure
  • Genf, Kathedrale Saint-Pierre, 37 Glocken (e1, a1, h1–a4; 1 Fribor vers 1460, 16 Paccard/Rüetschi 1931, 1 Rüetschi 1991, 19 Paccard 2011), Spieler: Vincent Thévenaz

Waadt

  • Pully, Kirche De la Rosiaz, carillon de Chantemerle, 24 Glocken (48 ab 2014; a1, h1–a3; 19 Eijsbouts 1953, 5 Perner 2011, 24 Simon Laudy 2013); Spieler: Daniel Thomas und Jean-Francois Cavin.

Wallis

  • Lens, Kirche Saint-Pierre-aux-Liens, 24 Glocken (c1, f1, g1, a1–f3; 2 Rüetschi 1958, 21 Rüetschi 1967, 1 Rüetschi 1995). Spieler: Jean-Daniel Emery
  • Saint-Maurice, Abtei, 49 Glocken (gis, cis1, dis1–cis5; 2 Dreffet 1818, 1 Rüetschi 1947, 1 Paccard 1998, 45 Eijsbouts 2003); Spieler: Francois Roten

Aargau

  • Zofingen, Stiftsturm, 25 Glocken (c2–c4; Rüetschi 1983/1985/1989/1996/1997/2005); Spieler: Andreas Friedrich und Karl Kipfer 

Daniel Thomas
… ist Glockenspieler am Carilon de Chantemerle in Pully und Vorstandsmitglied der Gilde der Carillonneure und Campanologen der Schweiz GCCS, die auch das Verbandsorgan Campanæ helveticæ herausgibt. www.campanae.ch
 
Literatur:
Glocken – Lebendige Klangzeugen / Des témoins vivants et sonnants. Confédération Suisse, Office fédéral de la Culture, 2008. Rezension in der SMZ 12/2010

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Zürcher Musikinstitutionen ausserordentlich gefördert

Der Kanton Zürich finanziert einmalige und aussergewöhnliche Vorhaben von drei grossen Winterthurer und zwei Zürcher Kulturinstitutionen erstmals seit dem Jahr 2000 wieder mit Mitteln des Lotteriefonds. Profitieren davon können unter anderem die Tonhalle Zürich und das Musikkollegium Winterthur.

Szenenbild aus der Winterthurer Kinderoper «Das verbotene Land». Foto: Theater Winterthur

In den Genuss von Unterstützungszahlungen sollen laut der Medienmitteilung des Kantons in der Stadt Zürich das Schauspielhaus und die Tonhalle kommen, nicht aber das Kunsthaus, dessen Erweiterung der Lotteriefonds bereits massgeblich unterstützt. In Winterthur sind es das Musikkollegium, das Kunstmuseum und das Theater Winterthur.

Die Tonhalle will ihre Konzertprogramme elektronisch erfassen und Tourneen veranstalten. Übergeordnetes Ziel sei es, «die Ausstrahlung der Kulturstadt Zürich national und international zu erhöhen». Das Musikkollegium Winterthur und das Theater Winterthur produzieren unter anderem zusammen eine Kinderoper.

Die Projektbeiträge stellen keine Kompensation dar für mögliche ausfallende Leistungen der Städte. Die einmal alle vier Jahre aus dem Lotteriefonds gewährten Geldzahlungen sollen dazu dienen, in sich geschlossene Projekte zu finanzieren. Dazu gehören Sonderveranstaltungen, Verbesserungen der Kulturvermittlung, namentlich für Kinder und Jugendliche, die Durchführung von Tourneen und Festivals, sowie die Produktion von Tonträgern.

Einmal pro Legislaturperiode sollen die Städte Zürich und Winterthur künftig ein Sondergesuch um finanzielle Unterstützung durch den Lotteriefonds stellen können, um damit ausserordentliche und einmalige Vorhaben der grossen Kulturinstitutionen zu finanzieren. Dies ist der Kernpunkt von neuen Kriterien, die der Regierungsrat auf Anregung des Kantonsrates erarbeitet hat. Sie gelangen jetzt erstmals zur Anwendung. Für die Eingaben während der Legislatur 2011 bis 2015 hat der Regierungsrat festgelegt, dass pro Stadt zehn Millionen Franken zur Verfügung stehen.
 

Das amerikanische Auktionshaus RR Auctions bringt ein Manuskriptblatt Beethovens mit Notizen zur Missa Solemnis auf den Markt. Es stammt aus dem Nachlass des Beethoven-Zeitgenossen Anton Schindler

Auf dem Blatt, das von Beethoven offenbar lose aufbewahrt wurde, finden sich Entwürfe zur Messe «Missa Solemnis» mit Ergänzungen. Aufgefunden worden ist es erst 1996 im Nachlass des Beethoven-Biografen Anton Schindler.

Im Fundjahr ist es in London für 110’000 Dollar versteigert worden. Für den Weiterverkauf wird ein Erlös von 200’000 Dollar erwartet. Angeboten wird es von einem europäischen Sammler. Die Versteigerung ist für den 15. Januar angesetzt.

Mehr Infos: www.rrauction.com/bidtracker_detail.cfm?IN=855

33 1⁄3 Jahre Popjournalismus

Das deutsche Magazin für Popkultur «Spex» blickt mit einer Artikelsammlung auf drei Jahrzehnte Popkritik zurück, die es massgeblich mitgeprägt hat.

Bild: jazzia – Fotolia.com

«Es gab nur zwei Lager: Wir selbst und die Doofen.» Für die deutsche Autorin Clara Drechsler war die Welt 1980 noch einfach gestrickt. Es gab jene, die sich mit der aktuellen Popkultur auskannten, mit Bands wie Throbbing Gristle, den Fehlfarben oder den Simple Minds. Und es gab jene, die davon keine Ahnung hatten. Zur ersten, eingeschworenen Truppe gehörte Drechsler selbst. Mit weiteren Eingeweihten gründete sie 1980 in Köln das Magazin für Popkultur Spex, das den deutschen Popjournalismus im Folgenden erheblich prägen sollte. Zu den Anderen gehörten nicht zuletzt die Feuilletons, für die Pop eher Fremdkörper denn ernstzunehmendes Massenphänomen war.

Heute, 34 Jahre später, ist alles anders. Pop ist überall. Die Zeitungen haben keine Berührungsängste mehr – die Ressorts heissen statt «Kultur» und «Feuilleton» «Entertainment» und «Lifestyle». Neue Medien wie Internet oder Gratiszeitungen drangen in die Sphäre von Spex. Für den ehemaligen Chefredakteur Max Dax und die Autorin Anne Waak ist die Zeit gekommen, zurückzublicken. In dem fast 500 Seiten starken Band Spex – Das Buch. 33 1/3 Jahre Pop versammeln sie über siebzig, in Spex veröffentlichte «Schlüsseltexte» von Joy Division über Northern Soul bis zu den Pet Shop Boys.

Die Sammlung beschreibt die Entwicklung einer kleinen und unabhängigen Musikredaktion mit freien Mitarbeitern hin zum etablierten Popmagazin und gibt einen Einblick in die neue Sprache, die Spex für die Popkritik zu erfinden hatte; ein Mix aus szeneaffiner Slangsprache und intellektueller Feuilleton-Schreibe. Der Fokus auf scheinbare Nebensächlichkeiten und der rasche Wechsel von Interview und Fliesstext – um nur zwei Stilelemente herauszugreifen – liest sich in den besten Momenten erfrischend, neu und anregend. In den schlechtesten Momenten aber auch abgehoben, skurill und unverständlich.

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Die Stärken von Spex liegen in der Analyse von Pop als interdisziplinäres, nicht auf Musik beschränktes Phänomen in Verbindung mit gesellschaftlichen und politischen Aspekten. Eine Dimension, der das Buch in Interviews mit Modeschöpfern wie Raymond Pettibon oder Penny Martin Beachtung schenkt. In dieser Hinsicht ebenso zu erwähnen sind ein ausgedehntes Interview mit Filmemacher Claude Lanzmann über dessen radikales Filmepos Shoah und eine soziokulturelle Analyse der Trip-Hop-Band Massive Attack.

Was die Artikelsammlung keineswegs leisten kann, ist ein Überblick über drei Jahrzehnte Popkultur. Vielmehr ermöglicht das Buch exemplarische Einblicke, die immer wieder – gerade aus der historischen Perspektive – überraschend sind. Wenn zum Beispiel auffällt, dass damals zeitaktuelle Referenzen und Verweise heute nicht mehr vorauszusetzen sind, oder über Bands wie Daft Punk berichtet wird, die damals noch vor ihrem grossen Durchbruch standen. Andere Bands wie Cpt. Kirk &. Oder 39 Clocks sind heute wiederum nur noch (oder immer noch nur) Insidern bekannt.

Vieles wird angesprochen und genauso vieles bleibt auf der Strecke. Die Texte werden weder kommentiert, noch in ihren jeweiligen Zeitkontext eingebettet. Was einerseits ein Verlust ist, wirkt andererseits aber auch der eigenen Bequemlichkeit entgegen und fordert die Lesenden auf, diese kritische Arbeit selbst zu übernehmen. Fehlende Illustrationen, Bilder und Plattencover reduzieren die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Pop jedoch gleichzeitig zu einer rein textlichen. Das ist ebenso schade, wie die Unterbesetzung weiblicher Protagonistinnen. Wirklich verpasst hat Spex jedoch, dass die Geschichtsschreibung des Pop längst in andere Erdteile abgewandert ist. Die Globalisierung wird in Spex – Das Buch nur am Rande spürbar, der Blick bleibt auf dem deutsch- und englischsprachigen Raum haften. Dadurch entgehen dem Magazin aber eine ganze Reihe neuer, zentraler Fragestellungen. Gut möglich, dass wir mit dieser Blickrichtung schon lange wieder zur Gruppe der «Doofen» gehören.

Spex – Das Buch. 33 1/3 Jahre Pop, hg.von Max Dax und Anne Waak, 480 S., CHF 38.50, Metrolit-Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-8493-0033-3

Aargauer Nachwuchsbands können sich für die 8. Ausgabe des kantonalen Wettbewerbs bandXaargau noch bis 20. Januar anmelden. Das entsprechende Festival findet im März 2014 statt.

BandXaargau bietet jungen Aargauern zwischen 12 und 23 Jahren und Schulbands unter der Leitung einer Lehrperson die Möglichkeit, auf einer professionellen Bühne zu stehen.

Die Vorausscheidungen finden im März 2014 in Aarau (Flösserplatz), Baden (Merkker), Brugg (Piccadilly) und Aarburg (Moonwalker) statt. Eine Jury bestehend aus Musikschaffenden bewertet den Auftritt und gibt den Bands nach ihrem Konzert ein konstruktives Feedback.

Aus vier Vorausscheidungen werden sechs Finalisten erkoren. Diese erhalten ein Coaching durch eine Fachpersonen aus dem Musikbusiness. Im eigenen Übungsraum wird an Arrangements und an der Live-Performance gefeilt und die Bands erhalten Tipps und Tricks rund um Themen wie CD-Aufnahmen oder Auftrittsbewerbungen. Zudem gibt es einen DVD-Mitschnitt des Auftrittes.

Die Siegerband spielt eine Konzerttour durch den Kanton Aargau und kann so Erfahrung und Referenzen sammeln. Anmelden können sich die Bands über das Online-Formular unter www.bandxaargau.ch.

 

Wo Glocken stundenlang läuten

In England existiert sein Jahrhunderten eine besondere Tradition des Glockläutens: das Wechselläuten. Zu Besuch bei der University Guild of Change Ringers von Cambridge.

Foto: Robert Kendall/flickr (Bildinformationen siehe unten)
Wo Glocken stundenlang läuten

In England existiert sein Jahrhunderten eine besondere Tradition des Glockläutens: das Wechselläuten. Zu Besuch bei der University Guild of Change Ringers von Cambridge.

Wenn in einer südenglischen Stadt am Sonntagnachmittag oder am Abend die Glocken läuten, dann oft nicht, um die Stunde zu schlagen oder gar die Gläubigen zum Gottesdienst herbeizurufen. Möglich nämlich, dass das Geläute über eine ganze Stunde fortdauert oder in Ausnahmefällen gar drei Stunden, ohne Unterbruch notabene. In solchen Momenten ist «eine englische Besonderheit» zu erleben, die «wie alle englischen Besonderheiten der übrigen Welt unbegreiflich» ist. So zumindest schrieb einst die englische Krimiautorin Dorothy Sayers in The Nine Taylors (Der Glockenschlag, 1934). Dort dauert das Glockenläuten ganze 15 Stunden. Und währenddessen stirbt natürlich jemand. Das ist Literatur.

Es handelt sich hier also nicht um ein gewöhnliches Geläute, sondern um einen typisch englischen Spleen, wie er wohl nur auf dieser Insel vorkommen kann: das Change Ringing, das Wechselläuten, ein Brauchtum, das eine lange Tradition hat. In seinem Heimatland hat dieser musikalische Sport zahlreiche Anhänger, darüber hinaus ist er wenig bekannt. Er kommt in den ehemaligen Kolonien vor; und in Norditalien soll etwas Ähnliches existieren. Aber es bedarf wohl auch einer gewissen britischen Toleranz, dass sich niemand daran stört. Als ich die Change Ringers der Universität Cambridge besuchte, probten sie am Freitagabend von 20 bis 22 Uhr, zunächst mit gedämpften, dann aber mit ungedämpften Glocken – und das in der Kirche von St. Benet mit dem ältesten Turm, der noch aus sächsischer Zeit, aus dem 10. Jahrhundert, stammt und mitten im Städtchen steht. Das Geläute dann sonntags in der grossen Kirche von St. Mary dauerte vormittags eine Stunde und nachmittags nochmals.

Bildlegende

Change Ringing in der National Cathedral in Washington DC (von St. Mary in Cambridge gibt es leider keine Fotos der Glöckner in Aktion). Die kleine Glocke im vordergrund dient als Modell zur Erklärung der Läuttechnik: Beim ersten Zug schwingt der nach oben geöffnete Glockenmund nach unten, beim zweiten Zug vollendet die Glocke den Kreis.
Folgende Mitglieder der Washington Ringing Society läuten: Ed Donnen, Carleton MacDonald, Paula Fleming, Haley Barnett, Rob Bannister, Mary Clark (von links nach rechts).

Besten Dank an Robert Kendall und die Washington Ringing Society

Tonkombinatorik, die an serielle Musik erinnert

Das alles hat System: Die britischen Change Ringers sind in Guilds organisiert, die sich regelmässig zu Proben und «Aufführungen» treffen, sie haben einen Dachverband, den 1891 gegründeten Central Council of Church Bell Ringers, dazu eine wöchentlich erscheinende Zeitschrift und diverse Websites, auf denen von erfolgreichen Peals (to peal = läuten) berichtet wird; sie führen regelmässig regionale und nationale Treffen und Wettbewerbe durch. Der Weltrekord liegt bei 17 Stunden 58 ½ Minuten, aufgestellt 1963 in der Loughborough Bell Foundry nach zwei erfolglosen Versuchen.

Die Ursprünge reichen bis ins 17. Jahrhundert (oder sogar noch weiter) zurück. 1668 jedenfalls gab Fabian Stedman, einer der Gründerväter des Change Ringing, zusammen mit Richard Ruckworth ein Buch mit dem Titel Tintinnalogia heraus, in dem er das Verfahren erläuterte. Stedman läutete einst im Turm von St. Benet. Eine Tafel erinnert daran, und ¬einige der vielgespielten Methoden sind nach Fabian Stedman benannt. Denn es geht hier eben nicht um ein wildes Drauflosbimmeln, sondern um mathematische Verfahrensweisen mit Methode, um eine Tonkombinatorik, die an die serielle Musik erinnert. Die Glocken werden nacheinander geläutet, aber nie in der gleichen Reihenfolge, sondern bei jedem Durchgang, bei jedem Change, in einer anderen Abfolge. Dabei soll keine wiederholt werden, was einige Anforderungen an die Kombinatorik stellt, denn die Reihenfolge lässt sich nicht beliebig verändern, eine Glocke kann bei jedem Durchgang nur um eine Position wechseln. Die zum Teil sehr schweren Glocken lassen sich nämlich nur kurze Zeit kontrollieren, wenn sie nach dem Aufschwung kopfüber stehen. Der Change Ringer gibt ihr dann im richtigen Moment wieder einen Impuls, indem er am Seil zieht. Beherrscht man diese Bewegungen, entsteht ein völlig harmonisch wirkender, ja mühelos scheinender Ablauf. Am Seil zielen – loslassen – wieder fassen – ziehen, schön regelmässig.

Bei vier Glocken ergibt das nun zum Beispiel folgende Sequenz: 1-2-3-4, dann 2-1-4-3, dann 2-4-1-3, dann 4-2-3-1, dann 4-3-2-1 usw. Die Anzahl der Changes ist begrenzt. Bei zwei Glocken gibt es zwei Möglichkeiten des Wechsels, bei drei sechs, also drei Fakultät, bei vier schon 24, was nur wenig Zeit in Anspruch nimmt. Bei sechs Glocken sind es aber schon 720 Changes, bei sieben 5040 Wechsel. Über 5000 Wechsel aufzuführen ist in der Sprache der Change Ringer ein Peal – und dauert gute drei Stunden. Das durchzustehen ist schon eine Leistung. Bei acht Glocken sind es über 40 000 Changes, bei zwölf wären es fast eine halbe Milliarde, aber derlei hat bislang nie jemand gewagt. Der Weltrekord zählte 40 320 Changes an acht Glocken, die ohne jeden Unterbruch von einem Team ohne jede Auswechslung gespielt wurden.
 

Glocken von St. Mary in Cambridge

Sport, Hobby, Geselligkeit und ein wenig Musik

Durch diese Changes muss man nun einen Weg finden, eine Methode. Und ihrer gibt es unzählige; ständig werden neue entwickelt und veröffentlicht. Kein Wunder, finden sich unter den Change Ringers zahlreiche Mathematiker und Naturwissenschaftler. Musikalität nämlich ist keine Voraussetzung dafür. Es geht darum, möglichst gleichmässig und fehlerlos zu läuten. Und das will geübt sein, in der Kirche oder auch zuhause, denn die Methoden lassen sich auch mit Handglocken, hand bells, umsetzen. Eine junge Wechselläuterin der 1879 gegründete University Guild of Change Ringers von Cambridge erzählte mir, sie arbeite oft an neuen Methoden und probiere sie dann mit Kollegen und Kolleginnen in ihrem Schlafzimmer aus.

Ein erfahrener Wechselläuter bringt es auf ein paar Tausend dreistündige Peals in seinem Leben. Was uns nochmals die Spleenigkeit zeigt – ein wenig «geeky» sei es ja schon, meinte Claire Barlow, meine Fachexpertin in Cambridge, lachend: eine Mischung aus Sport, Hobby, Geselligkeit und ein wenig Musik. Dabei ist die Tradition durchaus auch in den kirchlichen Zusammenhang eingebunden. Das Wechselläuten umrahmt den Gottesdienst, und der Pfarrer kommt jeweils für ein kurzes Gebet in die Turmstube hinauf. Gespielt werden etwa zehnminütige Abschnitte, geleitet von einem Master oder, wie in Cambridge mit Liz Orme, einer Masterin. Ähnlich wie ein Trainer ordnet sie an, wer beim nächsten Durchgang welche Glocke und welche Funktion übernimmt (denn ein Change Ringer gibt per Zuruf die Wechsel – die Dodges, die Hunts, die Jumps – in der Methode an). Schliesslich soll jeder mal drankommen. Das ist eine Frage der Balance. Über die gespielten Changes wird dabei genau Buch geführt.

Es gebe übrigens, so sagte mir ein Change Ringer in Cambridge, durchaus ein kleines Revival bei der jüngeren Generation. Offenbar ist das für einmal eine Tätigkeit ohne Nachwuchsprobleme. Aber jenseits der Insel ist sie nur wenigen vertraut, oft nicht einmal Komponisten, die sich mit Kombinatorik und Permutationen beschäftigen. Aber es gibt durchaus auch Kenner, zum Beispiel den Amerikaner Tom Johnson, einen Spezialisten für logische Musik (er hat ähnliche Permutationstechniken in eigenen Stücken entwickelt). Detlev Müller-Siemens hat sich damit beschäftigt, Alfred Zimmerlin, von dem ich den Tipp bekam, oder auch Regina Irman, die dem Läuten einen ihrer Songs von 2009 widmete. Sie lernte das Change Ringing in einer kleinen Gruppe in Winterthur kennen – ja, es gibt sie auch in der Schweiz. Da jedoch die geeigneten Glockentürme fehlen, wird meist mit Handglocken gespielt. Übrigens hat auch Pierre Boulez, wie er mir einmal erzählte, einige Passagen seines Meisterwerks Répons nach der Methode des Change Ringing gestaltet. Das sei aber das einzige Mal geblieben, weil er diese Methode dann doch etwas simpel finde.

Als mathematische Methode stösst das Change Ringing bei vielen zeitgenössischen Komponisten auf Interesse; die Praxis bleibt vorderhand den Angelsachsen vorbehalten. Und wohl nur, wer zufällig an einem Sonntagnachmittag in einer südenglischen Stadt einem solchen Geläute begegnet, wird die eigentümliche Faszination leibhaftig erfahren: die gewaltige Intensität des repetitiven und sich doch ständig verändernden Glockenklangs, dieses Heraustreten aus dem Alltag, diese scheinbar wildgewordene und doch gebändigte Kombinatorik.
 

RADIOSENDUNG
Thomas Meyer hat das Change Ringing in Cambridge in einer Radiosendung dokumentiert:
www.srf.ch/player/radio (Suchbegriff: Wechselläuten)


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SAJM nach 50 Jahren aufgelöst

Es herrschte Einmütigkeit unter den wenigen Vereinsmitgliedern der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Jugendmusik und Musikerziehung SAJM, die Ende November 2013 der Einladung zur Ausserordentlichen Generalversammlung gefolgt waren: Der Beschluss zur Auflösung des Vereins fiel einstimmig.

Foto: Claudia Hautumm / pixelio.de

Obwohl der Verein auf dem Papier insgesamt knapp 500 Einzel- und Kollektivmitglieder zählt, konnte kein neuer Vorstand bestellt werden. Gepaart mit dem schwindenden Interesse für den Blockflötenunterricht und mit bereits seit Jahren andauernden Liquiditätsengpässen infolge ausstehender Mitgliederbeiträgen ist der nun erfolgte Schnitt eine nachvollziehbare und logische Konsequenz.

Hilfestellung für die Gründung von Musikschulen
1954 angedacht und wenige Jahre danach in Zürich gegründet, verschrieb sich der Verband dem Vorsatz, den Kindern auf möglichst breiter Basis einen finanziell für alle Bevölkerungsschichten erschwinglichen Musikunterricht zu ermöglichen. Dutzende der heute fest etablierten Musikschulen in der Schweiz und sogar jene des Fürstentums Liechtenstein wurden unter kräftiger Mithilfe der damaligen Mitglieder des Verbandsvorstandes gegründet. Aus dem Verband hervorgegangen ist ebenso der heutige Verband Musikschulen Schweiz VMS.

Brahms total

Das gesamte Œuvre in Einzelartikeln interpretiert – fundiert und perspektivenreich zum Durchlesen und Nachschlagen.

Brahms’ Ankunft im Himmel aus «Dr. Otto Böhlers Schattenbilder» Lechner, Wien. wikimedia commons

Fünf solcher Herkules-Aufgaben hat der Laaber-Verlag hinter sich: Opulente Bände kamen schon heraus über das Gesamtwerk Beethovens, Schumanns, Mahlers und Schönbergs. Und jetzt also über Johannes Brahms, den viel zu lang Vernachlässigten, der im Fortschrittsdenken der Musikwissenschaft keinen Platz finden wollte und konnte. Den Nachholbedarf befriedigen nun 46 Autoren. Mit 160 Werken des Hamburger Meisters in einzelnen Artikeln. Nicht streng chronologisch, aber nach Opuszahlen und Werken ohne Opuszahlen aufgeführt, behandeln sie das gesamte (bekannte) Œuvre, zu dem auch die in den letzten Jahren aufgetauchten Jugendwerke Männerchor-Lieder in Es- und H-Dur gehören sowie ein Albumblatt für Klavier in a-Moll.

Der interpretatorische Zugang erfolgt, wie die Herausgeber Claus Bockmaier und Siegfried Mauser erwähnen, über ein ganzes «Spektrum methodischer Zugangsformen, die sich nach Herkunft des jeweiligen Autors, aber auch nach der gattungsspezifischen und entwicklungsgeschichtlichen Zugehörigkeit des betrachteten Werks durchaus unterscheiden». Mal umfassen einzelne Werkinterpretationen vier Seiten, mal, wie im Falle der Sinfonien, mehr als zehn Seiten. Fast jeder Eintrag bietet Informationen zum Entstehungshintergrund. Danach kann der Leser mit analytischen Betrachtungen rechnen, durchsetzt mit Kommentaren von Brahms’ Zeitgenossen, etwa von Clara Schumann oder von Freund und Biograf Max Kalbeck. Etwas schwach vertreten bleibt die neuere Rezeptionsgeschichte. Ein kurzer, dafür aber ergiebiger Essay von Giselher Schubert kompensiert diesen Mangel. Zugleich plädiert der Brahms-Fachmann Schubert für eine stärkere Akzentuierung inhaltsästhetischer Deutungen, die vor allem die Balladen Opus 10 für Klavier oder das erste Klavierkonzert Opus 15 nahe legen.

Stets fundiert, fernab grassierender Unterhaltungsmoden, erfüllen die zwei Bände an jeder Stelle wissenschaftliche Standards. Unbedingt gehören sie somit in jede Musikbibliothek, aber auch ins Bücherregal des Musikliebhabers. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis erleichtert tieferes Eindringen in Werke, die man im Falle Brahms nie erschöpfend behandeln kann; das Namensregister wiederum bietet Anhaltspunkte für ein schnelles Nachschlagen -das wohl öfter vorkommen wird als eine durchgehende Lektüre.

Demnächst erscheinen im Laaber-Verlag weitere Bände in dieser Reihe: über Felix Mendelssohn Bartholdy und Claudio Monteverdi. In «schwierigen Zeiten», wie sie die Herausgeber angesichts stagnierender Verlagsgeschäfte konstatieren, sind das riskante, aber in dieser Qualität umso lobenswertere Mammutprojekte.

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Johannes Brahms. Interpretationen seiner Werke, hg. von Claus Bockmaier und Siegfried Mauser, 136 Notenbeispielen und 11 Abb., 1094 Seiten, in zwei Bänden, gebunden, ca. € 178.00 (=Subskriptionspreis bis 31.3.2014, danach ca. € 198.00), Laaber-Verlag, Laaber 2013, ISBN 978–3–89007–445–0

33 1⁄3 Jahre Popjournalismus

Das deutsche Magazin für Popkultur «Spex» blickt mit einer Artikelsammlung auf drei Jahrzehnte Popkritik zurück, die es massgeblich mitgeprägt hat.

Bild: jazzia – Fotolia.com

«Es gab nur zwei Lager: Wir selbst und die Doofen.» Für die deutsche Autorin Clara Drechsler war die Welt 1980 noch einfach gestrickt. Es gab jene, die sich mit der aktuellen Popkultur auskannten, mit Bands wie Throbbing Gristle, den Fehlfarben oder den Simple Minds. Und es gab jene, die davon keine Ahnung hatten. Zur ersten, eingeschworenen Truppe gehörte Drechsler selbst. Mit weiteren Eingeweihten gründete sie 1980 in Köln das Magazin für Popkultur Spex, das den deutschen Popjournalismus im Folgenden erheblich prägen sollte. Zu den Anderen gehörten nicht zuletzt die Feuilletons, für die Pop eher Fremdkörper denn ernstzunehmendes Massenphänomen war.

Heute, 34 Jahre später, ist alles anders. Pop ist überall. Die Zeitungen haben keine Berührungsängste mehr – die Ressorts heissen statt «Kultur» und «Feuilleton» «Entertainment» und «Lifestyle». Neue Medien wie Internet oder Gratiszeitungen drangen in die Sphäre von Spex. Für den ehemaligen Chefredakteur Max Dax und die Autorin Anne Waak ist die Zeit gekommen, zurückzublicken. In dem fast 500 Seiten starken Band Spex – Das Buch. 33 1/3 Jahre Pop versammeln sie über siebzig, in Spex veröffentlichte «Schlüsseltexte» von Joy Division über Northern Soul bis zu den Pet Shop Boys.

Die Sammlung beschreibt die Entwicklung einer kleinen und unabhängigen Musikredaktion mit freien Mitarbeitern hin zum etablierten Popmagazin und gibt einen Einblick in die neue Sprache, die Spex für die Popkritik zu erfinden hatte; ein Mix aus szeneaffiner Slangsprache und intellektueller Feuilleton-Schreibe. Der Fokus auf scheinbare Nebensächlichkeiten und der rasche Wechsel von Interview und Fliesstext – um nur zwei Stilelemente herauszugreifen – liest sich in den besten Momenten erfrischend, neu und anregend. In den schlechtesten Momenten aber auch abgehoben, skurill und unverständlich.

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Die Stärken von Spex liegen in der Analyse von Pop als interdisziplinäres, nicht auf Musik beschränktes Phänomen in Verbindung mit gesellschaftlichen und politischen Aspekten. Eine Dimension, der das Buch in Interviews mit Modeschöpfern wie Raymond Pettibon oder Penny Martin Beachtung schenkt. In dieser Hinsicht ebenso zu erwähnen sind ein ausgedehntes Interview mit Filmemacher Claude Lanzmann über dessen radikales Filmepos Shoah und eine soziokulturelle Analyse der Trip-Hop-Band Massive Attack.

Was die Artikelsammlung keineswegs leisten kann, ist ein Überblick über drei Jahrzehnte Popkultur. Vielmehr ermöglicht das Buch exemplarische Einblicke, die immer wieder – gerade aus der historischen Perspektive – überraschend sind. Wenn zum Beispiel auffällt, dass damals zeitaktuelle Referenzen und Verweise heute nicht mehr vorauszusetzen sind, oder über Bands wie Daft Punk berichtet wird, die damals noch vor ihrem grossen Durchbruch standen. Andere Bands wie Cpt. Kirk &. Oder 39 Clocks sind heute wiederum nur noch (oder immer noch nur) Insidern bekannt.

Vieles wird angesprochen und genauso vieles bleibt auf der Strecke. Die Texte werden weder kommentiert, noch in ihren jeweiligen Zeitkontext eingebettet. Was einerseits ein Verlust ist, wirkt andererseits aber auch der eigenen Bequemlichkeit entgegen und fordert die Lesenden auf, diese kritische Arbeit selbst zu übernehmen. Fehlende Illustrationen, Bilder und Plattencover reduzieren die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Pop jedoch gleichzeitig zu einer rein textlichen. Das ist ebenso schade, wie die Unterbesetzung weiblicher Protagonistinnen. Wirklich verpasst hat Spex jedoch, dass die Geschichtsschreibung des Pop längst in andere Erdteile abgewandert ist. Die Globalisierung wird in Spex – Das Buch nur am Rande spürbar, der Blick bleibt auf dem deutsch- und englischsprachigen Raum haften. Dadurch entgehen dem Magazin aber eine ganze Reihe neuer, zentraler Fragestellungen. Gut möglich, dass wir mit dieser Blickrichtung schon lange wieder zur Gruppe der «Doofen» gehören.

Spex – Das Buch. 33 1/3 Jahre Pop, hg.von Max Dax und Anne Waak, 480 S., CHF 38.50, Metrolit-Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-8493-0033-3

Bekanntes und Unbekanntes aus Russland

Eine wertvolle Stückesammlung erweitert die bekannte «Russische Klavierschule».

Ausschnitt aus dem Titelblatt

All jene, ob Lehrpersonen oder Klavierlernende, die auf der Suche nach spielbaren, jedoch musikalisch anspruchsvollen Stücken sind (z. B. für das Nebenfach Klavier), finden im 2013 erschienenen Band Russische Klaviermusik eine breite Auswahl und werden die musikalische Qualität dieser Stücke schätzen lernen.

Die Sammlung baut auf dem zweiten Band der Russischen Klavierschule auf, die seit drei Jahrzehnten in der deutschen Version erhältlich ist, und vereint in 74 Stücken ein progressiv geordnetes Repertoire im Schwierigkeitsgrad von leicht bis mittelschwer. Darunter finden sich Kompositionen bekannter Komponistinnen und Komponisten von Glinka bis Gubaidulina, von Tschaikowsky, Glière, Goedicke und Schnittke. Man hat aber auch grossen Wert darauf gelegt, im Westen weniger bekannte Musikschaffende und Pädagogen zu berücksichtigen und regionalen Koloriten Platz einzuräumen (Agafonnikow, Tigranjan, Kolodub, Sewastjanow).

Alle Stücke sind relativ kurz, musikalisch und pianistisch sehr ergiebig und tragen einen programmatischen Titel. Zudem zeigt sich die Sorgfalt der Stückwahl auch darin, dass immer wieder inhaltliche Sinnzusammenhänge berücksichtigt wurden und so zum Beispiel Der Tag ist vergangen und Gute-Nacht-Geschichte oder auch In den Bergen (von Gubaidulina) und Echo einander gegenübergestellt abgedruckt sind. Es ergeben sich reizvolle Kombinationen für Konzerte und Vorspiele, die dem Hörer ansprechende Musik bieten.

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Russische Klaviermusik, Eine Sammlung für junge und erwachsene Klavierspieler, leicht bis mittelschwer, Band 1, SIK 2409, € 22.90, Sikorski, Hamburg 2013

Das grosse Flow-Erlebnis

Geige und Bratsche dürfen hier in Bearbeitungen der bekanntesten Klassik-Klassiker schwelgen.

Foto: Arrows / fotolia.com

Dies ist ein Heft (zwei Spielpartituren) für den Unterricht. Von Bachs h-Moll-Suite bis zu Griegs In der Halle des Bergkönigs, von Vivaldis Quattro Stagioni über Beethovens Für Elise und Mozarts Kleine Nachtmusik bis zu Verdis La donna è mobile findet sich hier beliebtes Klassik-Repertoire in leicht zu spielender Bearbeitung, die sich auch zum Blattspiel eignet. Die Besetzung Violine und Bratsche schafft einen «orchestralen» Klang, der den Spass für die Ausführenden noch bereichert. Der Satz ist «demokratisch»: auch die Bratsche hat gelegentlich die Hauptstimme. Ich spielte das ganze Heft auf einmal durch mit einer fortgeschrittenen Geigenschülerin: Strahlend verliess sie danach die Stunde und bat darum, diese Stücke wieder spielen zu dürfen!

In der Reihe ready to play, herausgegeben von George A. Speckert, sind auch erschienen: Beautiful Adagios Neun Stücke für zwei Violinen (BA 10615), ebenfalls von Vladimir Bodunov gesetzt, und Folk, für zwei Violinen (BA 10624). Das ganz grosse Flow-Erlebnis bieten aber die Classic Hits!

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Classic Hits für Geige und Bratsche, ready to play, hg. von Vladimir Bodunov, zwei Spielpartituren, BA 10626, € 13.95, Bärenreiter, Kassel 2013

Horizonterweiterung

Erkundungsgänge in ganz unterschiedliche Musiklandschaften für drei oder vier Trompeten.

Ausschnitt aus dem Titelblatt

«Die Trumpet-Outings-Serie ist für Trompeter aller Niveaus erdacht, um sie mit einem breiten musikalischen Horizont vertraut zu machen.» – Was der Verlag Bim hier schreibt, das hält er auch: Mit Charles Reskin hat er einen Arrangeur und Komponisten gefunden, der mit viel Witz, Charme und Handwerkskunst dieser Serie seinen unverkennbaren Stempel aufdrückt.

Das vorliegende Heft beinhaltet zwölf mittelschwere Stücke für drei oder vier Trompeten. Über das Internet können kostenlos Begleitungen als MP3-Dateien heruntergeladen werden, was sicherlich eine zusätzliche Stimulation für den Übe-Alltag darstellt. Die musikalische Spannweite reicht von Funk über Fanfare bis hin zu einer Invention im Stile Bachs. Bemerkenswert sind auch die Widmungsträger der einzelnen Stücke. Darunter finden sich so illustre Namen wie Tony Plog, Thomas Stevens und nicht zuletzt der Grand Seigneur der Editions Bim: Jean Pierre Mathez.

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Charles Reskin, Intermediate Ensemble Outings, for 3 or 4 trumpets, TP 321, Fr. 22.00, Edition Bim, Vuarmarens 2012

Glasklare Wasserwelt

Originalwerke und Bearbeitungen für Flöte und Klavier lassen Wasserwesen, Nixen und Meerfeen auftauchen.

Illustration von Henry Holiday zur «Kleinen Meerjungfrau» (1867). Simon Speed, wikimedia commons,Joseph Haydn,Carl Reinecke,Georges Bizet

Undine heisst die CD, und Eva Oertle ist auf dem Cover in «Nixenpose» abgebildet. Der Titel ist zumindest teilweise Programm, denn im Mittelpunkt der Einspielung, welche die Schweizer Flötistin und Radioredaktorin zusammen mit ihrem Duopartner Vesselin Stanev am Klavier präsentiert, steht eindeutig die Undine-Sonate e-Moll op. 167 von Carl Reinecke. Aber die CD entpuppt sich keineswegs als krampfhafte Suche nach musikalisch verewigten Wasserwesen.
Undine – wir kennen die geheimnisvolle Nixe, die Mensch werden möchte und daran scheitert, aus de la Motte Fouqués gleichnamiger Erzählung. Diese bildete auch die Vorlage zu Reineckes Werk, der einzigen Flötensonate der Romantik und damit bei Virtuosen des Faches entsprechend beliebt. Oertle gruppiert darum herum ein Programm, welches das Thema entweder direkt weiterspinnt oder ihm durch den Charakter der Stücke Rechnung trägt.
Die Abfolge ist gut strukturiert, sodass die vielen Bearbeitungen nicht stören: etwa die e-Moll-Sonate für Violine und Klavier KV 304 von Mozart und die f-Moll-Sonate (nicht F-Dur wie im Booklet verzeichnet) op. 4 von Mendelssohn. Damit werden grössere Einheiten geschaffen, zwischen die Liedbearbeitungen von Schubert oder Bizet geschoben sind.
Eva Oertle kann sich so, einfühlsam begleitet von Vesselin Stanev, in ihrer Flötenkunst auf vielfältige Art und Weise entfalten. Schon der Beginn mit Haydns Mermaid’s Song wird in seiner schlichten Kantilene schön «ausgesungen». Bei der Mendelssohn-Sonate kommt der eigentümlich-poetische Charakter ebenso zum Ausdruck, wie in Reineckes Finale die Virtuosität.
Bei den hochromantischen Stücken, zu denen neben Reinecke etwa auch Schumanns Meerfee op. 125 zu zählen ist, hätte man sich agogisch und dynamisch etwas mehr Lockerheit und Gefühlsüberschwang gewünscht. Der deutlich an der historischen Aufführungspraxis geschulte, vibratoarme Klangansatz Oertles trägt aber schlicht und klar durch Undines wogende Wasserwelt.

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The Mermaid’s Song
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Undine-Sonate, Finale
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La sirène
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Undine – Works for Flute & Piano. Eva Oertle & Vesselin Stanev. Sony music 88883735152

Neue Schweizer Kompositionen

Werke für Klarinette, mit oder ohne Klavier, von David Philip Hefti, Edoardo Torbianelli und Jean-François Michel

Foto: luisgbatista – Fotolia.com

Die drei zur Betrachtung vorliegenden, neu erschienenen Werke für Klarinette geben einen wunderbaren Einblick in die Verschiedenheit aktuellen Komponierens. Alle drei sind im Jahr 2012 von Schweizer bzw. in der Schweiz lebenden Komponisten geschrieben worden, womit die grundsätzlichen Gemeinsamkeiten aber auch bereits genannt sind. Das erste ist ein Solostück für Bassklarinette, das zweite eine klassische Sonate für Klarinette und Klavier, das dritte Werk sind drei Bagatellen in gemässigt modernem, tonalem Stil.

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Canto für Bassklarinette solo des erfolgreichen Zürcher Komponisten David Philip Hefti ist dem Klarinettisten Elmar Schmid gewidmet. Aus dem Namen des Widmungsträgers ist das Tonmaterial abgeleitet: E-La-Mi-A-Re eS-C-H-MI-D. Der aus Quart-/Quint-Intervallen bestehende Vorname erweist sich dabei als weniger ergiebig und tritt in der Folge nicht mehr gross in Erscheinung, dafür wird die Tonfolge Es-C-H-E-D ausgiebig verwendet. Das siebenminütige Werk bezieht seine grundsätzliche Gliederung aus zwei zueinander im Verhältnis 3:1 stehenden Tempi (132/44); diese ergeben einen Wechsel zwischen ruhigen, melodiösen und klanglich spannenden Passagen mit vielen Mehrklängen auf der einen und hektischen, von Slaps, Klappen- und Luftgeräuschen sowie teils abrupten Dynamikwechseln geprägten Abschnitten auf der anderen Seite. Die als Empfehlung angegebenen Mehrklänge funktionieren bestens und ergeben interessante Klangverläufe.

David Philip Hefti, Canto, für Bassklarinette solo, GM 1882, € 12.00, Edition Kunzelmann, Adliswil 2012

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Eine ganz andere musikalische Sprache spricht Edoardo Torbianelli in seiner Sonate Nr. 2 für Klarinette und Klavier. Torbianelli ist 1970 in Triest geboren und hat in seiner Heimatstadt Klavier und Cembalo studiert. Heute wirkt er als Dozent und Spezialist für historische Aufführungspraxis, vor allem der klassisch-romantischen Epoche, unter anderem an der Schola Cantorum Basiliensis und der Hochschule der Künste Bern.

Seine dreisätzige Sonate ist im Stil der Musik in Wien um 1805 komponiert. Der erste Satz des zwanzigminütigen Werks ist mit Allegro amabile überschrieben, steht im 3/4-Takt und wird von der Klarinette mit einem eingängigen C-Dur-Dreiklangsthema eröffnet, welches den ganzen Satz dominiert und seinen Gegenpart in einer gehaltenen, absteigenden Dreiklangsfigur findet. Der zweite Satz im 12/8-Takt mit perlenden Achteln im Klavier besticht durch eine wunderbar kantable Melodie in der Klarinette, die im Mittelteil abgelöst wird durch einige Unruhe und Dramatik. Dem dritten Satz, überschrieben mit Finale – Tema con variazioni, liegt ein Thema von Antonio Salieri aus der Oper Les Danaïdes zu Grunde. Bei den Variationen kann der Klarinettist seine Fingerfertigkeit unter Beweis stellen. Diese klassische Sonate aus dem Jahre 2012 bereitet Spielvergnügen und stellt eine Bereicherung des klassischen Repertoires für Klarinette dar.

Edoardo Torbianelli, Sonata No. 2, for Clarinet and Piano, CL 34, Fr. 25.00, Edition Bim, Vuarmarens 2012

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Nochmals in eine andere musikalische Welt führt der Genfer Trompeter und Komponist Jean-François Michel mit seinen 3 Bagatelles für Klarinette und Klavier. Mit musikalischem Witz baut er gekonnt eine Art Filmmusik, die plastische Bilder vor den Augen des Zuhörers ablaufen lässt. Der erste Satz Cortège beginnt geheimnisvoll mit einer rhythmisch akzentuierten Eröffnung im Klavier und einem Gemurmel in der Klarinette und erinnert an einen frühmorgendlichen Narrenzug. In der Folge versteigt sich die Klarinette zu leicht absurd anmutenden, grandios vorgetragenen Gesten, vom Klavier abwechselnd mit fliessenden Bewegungen (dem vorherigen Murmeln der Klarinette) oder ermunternder Begleitung unterstützt. Der zweite Satz mit dem Titel Chanson ist eine ruhige, mit üppigem Wohlklang ausgestattete Kantilene mit bewegtem Mittelteil. Der Schlusssatz Trafic schliesslich wechselt ständig zwischen geradem und ungeradem Grundpuls und zieht daraus seine rhythmische Prägnanz. Der Klarinettist kann in perlenden Kaskaden seine Virtuosität ausleben. Der Satz ist effektvoll und verlangt dem Interpreten eine solide Fingertechnik ab.

Die Bagatellen mit ihrer Dauer von ca. 11 Minuten eignen sich sowohl für fortgeschrittene Schüler, z. B. als Wettbewerbsstücke, wie auch als unterhaltsame Auflockerung im Konzert.

Jean-François Michel, 3 Bagatelles, for clarinet and piano, CL 36, Fr. 15.00, Edition Bim, Vuarmarens 2012

Mit einer Pille zum absoluten Gehör

Der amerikanische Zellbiologe Takao Hensch und ein internationales Forscherteam mutmassen, dass mit einer bestimmten chemischen Substanz auch nach einer kritischen Periode in der Kindheit die Fähigkeit zum absoluten Hören stimuliert werden kann.

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In einem Artikel in der Fachzeitschrift Frontiers in Systems Neuoscience berichten die Forscher von Versuchen mit Mäusen und mit sogenannten histone-deacetylase inhibitors (HDAC inhibitors), die das absolute Hören offenbar siginfikant begünstigen. Dabei werden nicht kognitive Funktionen sondern sensorische Differenzierungsfähigkeiten besser aktiviert. Die enstprechenden Substanzen sind in einem Medikament enthalten, das bislang zur Behandlung von Epilepsie genutzt worden ist.

Das Absolute Gehör, die Fähigkeit, nicht nur relative, sondern absolute Tonhöhen zu erkennen, kann nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen nur in einer kritischen Phase der Kindheit erworben werden. Später nützt auch intensives Training dazu nicht mehr.

Orignalartikel: Gervain J, Vines BW, Chen LM, Seo RJ, Hensch TK, Werker JF and Young AH (2013) Valproate reopens critical-period learning of absolute pitch. Front. Syst. Neurosci. 7:102. doi: 10.3389/fnsys.2013.00102
 

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