Charaktervolle Ballade

«Drammatico» und «Lento» umschreiben die klanglichen Eigenheiten dieses Stücks.

Ausschnitt aus dem Heftcover

Urs Brodmann, in Basel, Freiburg und Brno zum Hornisten ausgebildet, als solcher im Orchestre de la Suisse Romande in Genf und im damaligen Radio-Sinfonieorchester Basel tätig, leitete von 1990 bis 2013 als Directeur Général das Orchestre d’Harmonie de Nice. Brodmanns Leidenschaft scheint seit je das Komponieren zu sein, sein Verzeichnis ist inzwischen auf rund sechzig Werke aller Gattungen, Kammermusik, Vokalwerke und sogar zwei Sinfonien, angewachsen.

Die von den Editions Bim herausgegebene Ballade für Horn und Klavier, geschrieben 1975, zeugt jedenfalls vom Wissen über die technischen und klanglichen Möglichkeiten des Horns. Als «ein ganz besonders dynamisches und fesselndes Stück» wird es vom Verlag angepriesen.

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Urs Brodmann: Ballade für Horn und Klavier, CO103, Fr. 20.00, Editions Bim, Vuarmarens

Zum Jubiläum

Bei ihrer Auswahl von Werken von Frauen für Cello und Klavier haben sich Anna Fortova und Kathrin Schmidlin vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts umgeschaut.

Anna Fortova und Kathrin Schmidlin bei den Aufnahmen. Foto: Claves

Nein, die CD Frauenstimmen, die unlängst bei Claves erschienen ist, enthält keinen Frauengesang. «Stimmen» ist hier anders gemeint. Es geht den beiden Interpretinnen darum, Komponistinnen eine Stimme zu geben. Der Tag der Veröffentlichung passt perfekt: Die Aufnahme mit Musik für Cello und Klavier wurde am 7. Februar, dem 50. Jahrestag der Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz, lanciert.

Die in Prag geborene Cellistin Anna Fortova (*1982) und die Schweizer Pianistin Kathrin Schmidlin (*1990) setzen den Schwerpunkt auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bei den sechs Komponistinnen handelt es sich überwiegend um bekannte Persönlichkeiten. Weniger bekannt ist vielleicht die Tschechin Vítězslava Kaprálová (1915–1940). Sie studierte bei Dvořák-Schüler Vítězslav Novák in Prag und bei Bohuslav Martinů in Paris. Trotz ihres kurzen Lebens – sie starb mit 25 – hinterliess sie etwa fünfzig Werke. Ihrer Militärsinfonietta (1937), ausgezeichnet mit dem Smetanapreis, war ein grosser Erfolg beschieden. Mit Kaprálovás Ritornell op. 25 (1940) setzen die beiden Interpretinnen einen überzeugenden Auftakt.

Nadia Boulangers (1887–1979) Trois pièces pour violoncelle et piano (1915) gelingen sehr gepflegt in intimer Stimmung. Freude macht das rasante dritte Stück. In den Trois morceaux pour piano (1914) von Lili Boulanger (1893–1918) beweist Kathrin Schmidlin beachtliches Können. Vor allem die Transparenz und Präzision im «Cortège» sind beeindruckend. Die frühe, viersätzige Sonate für Cello und Klavier (1919) der Holländerin Henriëtte Bosmans (1895–1952) ist stark romantisch gefärbt und wird bestimmt durch ausladende Linien und einfache, klare Themen. Angesichts dieser unverblümten Romantik fehlt es der Interpretation hier ein wenig an Intensität. Mit vier Klavierstücken aus Das Jahr von Fanny Hensel (1805–1847) werden die Hörenden rund 100 Jahre zurückversetzt. Am meisten gefällt «September» mit einer fliessenden und luziden Behandlung von Arpeggio und Melodieführung.

Den Schlusspunkt setzt die Komposition ni dónde, ni cómo von Stephanie Haensler (*1986), die Schmidlin und Fortova bei ihr in Auftrag gegeben haben. Das Stück basiert auf dem Text eines chilenischen Künstlerkollektivs zum Thema Gewalt gegen Frauen. Haensler macht sich eine breite Palette kompositorischer Mittel zunutze, um die unterschiedlichsten Stimmungen zwischen Aggression und Stille zu illustrieren.

Frauenstimmen. Werke für Cello und Klavier von Vítězslava Kaprálová, Nadia Boulanger, Lili Boulanger, Henriëtte Bosmans, Fanny Hensel und Stephanie Haensler. Anna Fortova, Cello; Kathrin Schmidlin, Klavier. Claves 3029

Zur Bratschensonate geworden

Adrian Wehlte hat eine Triosonate von Carl Philipp Emanuel Bach für Bratsche und obligates Cembalo bearbeitet.

Carl Philipp Emanuel Bach. Pastelzeichnung um 1780. Bach-Archiv Leipzig / Wikimedia commons

Durch die Aufnahme der Bassblockflötenstimme in die rechte Hand des Tasteninstruments erhält dessen Spieler die dankbare Aufgabe, am melodischen Geschehen teilzunehmen. Bratsche und rechte Hand führen in den beiden Sätzen muntere Gespräche, die sich oft tonhöhenmässig kreuzen, die linke Hand übernimmt den Bass, der sich nur selten in den Dialog einmischt.

Eigenartigerweise begibt sich die Bratschenstimme nur am Schluss des ersten Satzes mit einem f auf die C-Saite, also könnte man die Sonate auch auf der Geige spielen!

Die dritten Seiten der zwei Sätze sind zusätzlich auf ein Extrablatt gedruckt, um das Seitenwenden zu ersparen – eine gute Verlagsidee!

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Carl Philipp Emanuel Bach: Sonate F-Dur H.588, Wq. 163, übertragen für Viola und obligates Cembalo, hg. von Adrian Wehlte, EW 1119, € 14.80, Edition Walhall, Magdeburg 

Frühromantisch

Mit einem Rondo alla polacca schliesst die dankbare, traditionellen Formen folgende Sonate F-Dur für Violoncello und Klavier von Friedrich Schneider.

Gedenktafel an Schneiders Geburtshaus. Foto: Nicholas-Nickleby / wikimedia commons

Friedrich Schneider (1786–1853), zu seinen Lebzeiten ein gefeierter Komponist, ist heute kaum noch bekannt. Von seinem umfangreichen, alle musikalischen Gattungen umfassenden Œuvre war dem 1820 im Leipziger Gewandhaus uraufgeführten Oratorium Das Weltgericht op. 46 grosser und nachhaltiger Erfolg beschieden.

Scheider hinterliess eine Vielzahl an Kammermusikwerken. Die gross angelegte, viersätzige Sonate für Violoncello und Klavier F-Dur entstand im Jahre 1831, wurde jedoch nicht veröffentlicht. Die gefällige, frühromantische Klangsprache ist ein typisches Erzeugnis der Biedermeierzeit, vergleichbar mit der Cellosonate in E-Dur op. 19 von Franz Xaver Mozart.

Cello- und Klavierpart sind gleichwertig ausgestaltet, wobei den Ausführenden dankbare, wenn auch nicht hoch virtuose Aufgaben gestellt werden. Der Cellopart schöpft die klanglichen Möglichkeiten des Instruments in allen Registern optimal aus (Umfang der Cellostimme vom C bis zum ges2) und bietet sowohl prickelnde Laufpassagen als auch expressive Kantilenen. Die vier Sätze sind in den traditionellen Formen gehalten (1. Satz: Allegro moderato, F-Dur, Sonatenform / 2. Satz: Larghetto, Des-Dur, A-B-A-Liedform / 3. Satz: Scherzo, f-Moll / 4. Satz: Rondo alla polacca, F-Dur).

Die Urtext-Ausgabe enthält neben der Klavierpartitur zwei Cello-Solostimmen, eine ist unbezeichnet, die andere enthält Bogenstriche und Fingersatzvorschläge von Jürnjakob Timm.

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Friedrich Schneider: Sonate F-Dur op. posth. für Violoncello und Klavier, hg. von Nick Pfefferkorn, EB 32078, € 19.90, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden

Komponiert im 18. Jahrhundert

Einige der «34 pièces pour flûte seule» stammen von bekannten Komponisten der Zeit, andere können nicht zugeordnet werden.

Rien de Reede. Foto: Annelies van der Vegt

Die vom Flötisten Rien de Reede ausgewählte Zusammenstellung beinhaltet Solostücke verschiedener Komponisten aus dem 18. Jahrhundert. Meist tragen sie Titel wie Caprice, Fantaisie, Bohémienne oder Gigue und sind «zwar technisch herausfordernd, aber von reizvollem musikalischem Wert», wie der Herausgeber im Vorwort schreibt. Rien de Reede erwähnt auch, dass, wie bereits Johann Joachim Quantz in seiner Autobiografie vermerkte, die Flötisten gezwungen waren, Stücke für Blockflöte oder Violine umzuschreiben, da es ab 1719 fast keine eigene Sololiteratur mehr für Traversflöte gab.

Die Parallelen zur Violinmusik zeigen sich beispielsweise darin, dass viele Stücke, etwas die Minuets des belgischen Komponisten Antoine Mahaut, Akkordzerlegungen oder grosse Sprünge über zwei Oktaven enthalten, um Mehrstimmigkeit zu suggerieren. Zweistimmig klingen auch Stücke mit ungewöhnlichem Titel wie die Bizzarria/Courante von Silvius Leopold Weiss, die sich in der Sammlung von Jean Daniel Braun befindet, wo eine chromatische Linie in der Oberstimme vom e3 bis nach fis2 mit einer zweiten melodischen Linie im Abstand von Sexten und Quarten geführt wird. Neben solchen Raritäten findet man auch bekannte Stücke wie Alla Francese in D-Dur, die Fantasia G-Dur oder das Minuetto «L’innconnue» mit zehn Variationen eines anonymen Komponisten, die bereits in den Capricen von Johann Joachim Quantz veröffentlicht sind. Auch englische Komponisten wie Lewis Granom kommen zum Zuge. In der Sammlung des französischen Flötisten Jean Daniel Braun, die beinahe ein Drittel der Zusammenstellung ausmacht, befinden sich vor allem Tänze wie Giga, Allemande, Minuetto und Rondeau. Den Abschluss bildet das unbekannte Capriccio von Wenceslao Zimmermann, das wirkungsvoll mit Akkordzerlegungen in Triolen durch alle drei Oktaven springt.

Der illustre Band ist eine abwechslungsreiche Sammlung für Querflötisten und Traversflötisten ab der Mittelstufe, die Bekanntes mit Raritäten kombiniert und Interesse weckt, auch unbekanntes Repertoire für Soloflöte zu entdecken.

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34 pièces pour flûte seule, Spielstücke aus dem 18. Jahrhundert, ausgewählt von Rien de Reede, UE 38064, € 17.95, Universal Edition, Wien

Die Distanz überwinden

Im Duett für Violine und Kontrabass «Wind strich eine Schattenmelodie» von Eva Batt sind das höchste und das tiefste Streichinstrument beteiligt. – Doppelbesprechung aus der Sicht einer Kontrabassistin und eines Violinisten.

Foto (Schnitt): Nadine Shaabana / unsplash.com


Walter Amadeus Ammann
– Ein Gedicht von Christiane Schwarze gibt den Rahmen für das intime Fünfminutenstück Wind strich eine Schattenmelodie über Schmerz, Hoffnung und Trost für die zurückbleibende zweier durch Tod getrennter liebender Seelen. Synkopierend, suchend, mit Pausen dialogisierend oder duettierend, von arco zu pizzicato wechselnd, entstehen Melodien mit melancholisch anschmiegenden Halbtönen, in tröstlichem a-Moll ausklingend. Die Idee der Trennung wird dargestellt durch die Entfernung der Tonlagen der zwei Instrumente, die sich aber auch annähern können.

Die Komposition von Eva Batt ist bei Gilgenreiner erschienen. Ein wichtiges Ziel dieses Schweizer Verlages ist die Herausgabe von Musik und Lehrwerken für Kontrabass.



Heike Schäfer
Wind strich eine Schattenmelodie ist vom Gedicht Vorausgegangen der Lyrikerin Christiane Schwarze inspiriert. Es ist somit ein Werk, das die Künste Musik und Lyrik miteinander verbindet. Die weit auseinanderliegenden Stimmlagen der beiden Streichinstrumente korrespondieren mit dem Gedicht, in dem zwei sich liebende Menschen, die im irdischen Leben getrennt wurden, weit voneinander entfernt und doch in ihrer Liebe vereint sind.

Geschickt weiss die Komponistin die spieltechnischen Vorzüge der beiden Instrumente einzusetzen. Mit seinen Ausdrucksparametern (z. B. metaphorischen Anweisungen) und Effekten (z.B. Klopfen auf den Korpus, sul ponticello etc.) hat das Werk einen ausgeprägt expressiven Charakter, dessen Botschaft rein akustisch wie performativ eindrücklich vermittelt wird. «Von den interpretierenden Musikerinnen und Musikern fordert es intonatorische, rhythmische und spieltechnische Sicherheit und setzt angesichts der dem Jazzidiom entlehnten Figuren einen polystilistischen Zugang voraus.» Das Vorwort in deutscher und englischer Sprache enthält auch das zugrunde liegende Gedicht. Ergänzendes Material ist in Form einer CD sowie eines Lyrikbandes mit dem Titel Das Schweigen der Schatten Mosaik einer Suche im Handel erhältlich.

Eine Unschlüssigkeit scheint bei der uneinheitlichen Sprache – Deutsch oder Englisch – auf. So wirkt das Stück auf den ersten Blick wie ein durch die schweizerische Kultur geprägtes Zeugnis, zugleich sind die Anmerkungen im Notentext aber auf Englisch. Anzuregen wäre die Herausgabe einer je rein englischen und rein deutschen Fassung. Der Kontrabasspart liegt sowohl in Orchester- wie in Solostimmung vor, eine Aufführung ist somit nicht abhängig von der jeweiligen Scordatura. Wind strich eine Schattenmelodie ist eine Inspirationsquelle und ein Beispiel transdisziplinärer Kunst – es öffnet Musikern und Zuhören neue Ton- und Worträume.

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Eva Batt: Wind strich eine Schattenmelodie, Duett für Violine und Kontrabass; Stimmen in Partitur, Kontrabass mit zwei Versionen: Normalstimmung und Skordatur Fis H E A, € 27.00, Gilgenreiner, Winterthur, ISMN 979-0-700268-32-9

Das grosse Krabbeln

In diesen zehn Klavierstücken werden Insekten lebendig und tummeln sich auf den Tasten.

Bug Hug? Wanzenumarmung? Foto: Peter Szabo / unsplash.com

Wie oft habe ich mir die zehn Stücke von Aleksey Igudesman wohl angeschaut und durchgespielt? Zuweilen kommen sie mir selber vor wie Insekten. Einerseits etwas fremd und unbehaglich, anziehend und abstossend zugleich, und doch auch so faszinierend, dass sie mich immer wieder in den Bann ziehen. Dem russisch-deutschen Geiger, Komponisten und Schauspieler fehlt es nicht an Fantasie und kecken Einfällen.

Mit einem hartnäckigen Ostinato-Stakkato verrichtet die Ameise ihre Arbeit fleissig und präzise. «Taking off» steht über dem Stück Schmetter(lieb)ling, der getragen vom sanften Wind des Pedals in gebrochenen Akkorden abhebt und durch den Raum schwebt. Nicht ganz geheuer ist einem die Wanzenumarmung, in der man einen «Bug Hug» über sich ergehen lassen muss. Da bleibt man lieber etwas auf Distanz, um dann umso freudiger die Tastatur im Sechsachteltakt im hüpfenden Wechsel der Hände als Heuschrecke zu erkunden. Sich mal als zickige Zecke zu geben oder eher dem Umzug der Kakerlaken auszuweichen – die Verwandlung macht Spass, und ich habe das Gefühl, man spürt ein wenig den Schauspieler hinter dem Komponisten.

Die Stücke lassen sich auf der unteren bis oberen Mittelstufe spielen und stellen eine willkommene Abwechslung dar zu allzu gewohnten Unterrichtsstücken.

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Aleksey Igudesman, Insectopedia, 10 Stücke über Insekten, UE 38047, € 14.95, Universal Edition, Wien

Abseits des Mainstreams versagen Algorithmen

Mainstream-Hörende erhalten von Streaming-Diensten treffendere Musikempfehlungen als Fans von Musik abseits des Mainstreams. Dies belegt eine Studie deutscher, österreichischer und niederländischer Universitäten.

Foto: Miikka Luotio / unsplash.com (s.unten),SMPV

Ein Team von Forschenden der Technischen Universität Graz, der Johannes Kepler Universität Linz, der Universität Innsbruck und der Universität Utrecht hat die Treffsicherheit von Algorithmus-basierten Musikempfehlungen für Hörerinnen und Hörer von Mainstream- und Nicht-Mainstream-Musik untersucht. Dafür wurde ein Datensatz des bisherigen Hörverhaltens von 4148 Nutzerinnen und Nutzern der Musikstreaming-Plattform Last.fm verwendet, von denen die eine Hälfte vorwiegend Nicht-Mainstream- und die andere Hälfte vorwiegend Mainstream-Musik hörte.

Die Forschenden verglichen die Hörgewohnheiten der einzelnen Gruppen miteinander und ermittelten, welche Personen am häufigsten Musik ausserhalb ihrer bevorzugten Genres hörten und wie breit gestreut die gehörten Musikgenres innerhalb jeder Gruppe waren.

Wer hauptsächlich Musik wie Ambient hörte, wies am ehesten eine Bereitschaft auf, sich auch auf Musik einzulassen, die eigentlich von Hardrock-, Folk- oder Electronica-Fans bevorzugt wurde. Personen mit einer Vorliebe für energiegeladene Musik waren am wenigsten geneigt, Musik zu hören, die von der Folk-, Electronica- oder Ambient-Anhängerschaft bevorzugt wurde. Sie hörten stattdessen die größte Vielfalt an Genres, zum Beispiel Hardrock, Punk, Singer/Songwriter und Hip-Hop.

Anhand des Computermodells prognostizierten die Forschenden, wie wahrscheinlich es ist, dass den verschiedenen Gruppen Nicht-Mainstream-Hörender die von den vier gängigen Algorithmen generierten Empfehlungen tatsächlich gefielen. Die Empfehlungen für Liebhabende von überwiegend energiegeladener Musik schienen am wenigsten zutreffend zu sein, während sie bei Ambient-Hörenden die höchste Treffsicherheit erreichten.

Mehr Infos:
https://www.know-center.tugraz.at/epj-data-science-algorithmus-basierte-musikempfehlungen/

Offener Brief gegen Andreas Reize

Laut BR-Klassik haben sich mehrere Thomaner in einem Brandbrief an die Öffentlichkeit gewandt. Sie lehnen Andreas Reize als Thomaskantor ab und plädieren für David Timm als Chorleiter.

Andreas Reize. Foto: zVg

In ihrem Brief formulieren die Thomaner der 11. und 12. Klasse einen harten Vorwurf: Reize hätte bei seinem Probedirigat nicht bemerkt, dass die Intonation des Chors nicht gut war. Obwohl die Sänger während eines Stücks fast einen Ton gesunken waren, sei er nicht eingeschritten. Brödel, Leiter der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Dresden und heute Präsident der Neuen Bach-Gesellschaft, erklärt laut BR-Klassik, Reize sei bewusst nicht eingeschritten, um den Chor nicht zu überfordern.

Womöglich, spekuliert der Radiosender, hätten ehemalige Thomaner oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Vorbehalte gegen Andreas Reize, weil er katholisch sei und aus der Schweiz komme.

Originalartikel:
https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/thomaner-chor-andreas-reize-thomaskantor-widerstand-100.html

Pflaumenweiche Schlüsse

Achtzehn Beiträge zur Schlussgestaltung zeigen, wie unterschiedlich Musik enden kann, wie zeit- und genregebunden Schlüsse sind.

Ausschnitt aus dem Buchcover

Wie endet eine Musik bzw. ein Musikstück? Schliesst es oder hört es einfach auf? Ist es ein starker Schluss, applausheischend? Oder leise, fading out? Entspricht er einer Konvention? Oder will er uns etwas Besonderes sagen? Tragisches, Lustiges? Fragen solcher Art werden in diesem Band aufgeworfen und untersucht, wenn auch nicht abschliessend beantwortet. Denn das Schliessen – Enden – Aufhören der Musik ist zu vielgestaltig und zu sehr historisch bedingt, als dass es sich auf einen Nenner bringen liesse. Ein Amen in einem Gloria erfordert andere Lösungen als das lieto fine einer Barockoper, und ob eine Sinfonie in ein leichtes Rondo oder eine triumphale Überhöhung mündet, hat sehr viel mit dem Zeitgeist zu tun. Ja, manchmal ist das Schliessen gar nicht so «musikalisch», und wir merken erst, wenn der Dirigent Schultern und Arme sinken lässt, dass ein Stück fertig ist.

Da ist sie also: die «musikalische Schlussgestaltung als Problem in der Musikgeschichte», die der Untertitel etwas gar akademisch ankündigt. Der Band, der auf einem Symposium 2016 in Mainz beruht, ist glücklicherweise so trocken nicht, er demonstriert vielmehr (ein schöner Nebeneffekt), wie sehr sich die Musikwissenschaftler von diesem grundlegenden Thema inspirieren lassen. Und den meisten von ihnen gelingt es, das Interesse zu wecken und einen beim Lesen reinzuziehen. So erschliessen sich auch die dissonant-konsonanten Kadenzbildungen des 14. Jahrhunderts oder die tragischen bzw. heiteren Opernfinali oder die Morendo-Schlüsse der späten Romantik – «pflaumenweich» nannte sie Richard Strauss. Die Beispiele werden jeweils so erläutert, dass sie, auch wenn wir das Stück nicht kennen, vor dem inneren Ohr erklingen.

Die achtzehn Beiträge sind in vier Abteilungen gegliedert: Unter «Ordnungen» werden allgemeinere (auch philosophische, rhetorische und literarische) Aspekte beleuchtet. Bei den «Theoriebildungen» zeigt sich sogleich die Schwierigkeit einer verbindlichen musikalischen Finale-Regulierung; die Vergleichsebenen sind auch zu verschieden: Sprechen wir nun vom Schluss einer Melodie, einer Exposition, eines Satzes oder eines ganzen Werks, ja eines Zyklus? Aufschlussreich sind unter «Erscheinungen» die Fallbeispiele von spätmittelalterlichen Spruchmelodien bis zu Mahlers «Lied von der Erde». Und in «Öffnungen – (Auf)Lösungen» wird deutlich, welche Schwierigkeiten sich die (Post-)Moderne im Umgang mit bzw. im Umgehen von Schlusskonventionen eingehandelt hat. Und damit öffnet sich nochmals ein weites Feld. Zu schliessen ist mit der Feststellung der Herausgeber, dass das letzte Wort zum Enden damit nicht gesprochen ist.

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Schliessen – Enden – Aufhören. Musikalische Schlussgestaltung als Problem in der Musikgeschichte, hg. von Sascha Wegner und Florian Kraemer, 467 S., zahlr. Notenbeispiele, € 59.00, edition text+kritik, München 2019, ISBN 978-3-86916-662-9

Beethovens Vokalkunst kompakt

Ein Schuber mit sechs Studienpartituren von Henle enthält die gesamten Vokalwerke mit Orchester.

Autograf der Missa solemnis, Beginn des Kyrie. Quelle: wikimedia commons

Der Henle-Verlag hat zum Beethoven-Jahr dessen sämtliche Vokalwerke mit Orchester in einer Studienedition als broschiertes Taschenpartitur-Paket in sechs Bänden herausgegeben. Die vorbildliche Urtextausgabe, die auf der Beethoven-Gesamtausgabe basiert, enthält unter anderem frühe Kantaten, sein einziges Oratorium Christus am Ölberge, die zwei Messen, die populäre Chorfantasie und die Goethe-Vertonung Meeres Stille und Glückliche Fahrt bis hin zu Ah perfido! und anderen Soloarien.

Kurzgefasste Vorworte mit Informationen zur Entstehungsgeschichte und Fussnoten mit Verweisen zu Edition und Aufführung genügen höchsten Qualitätsstandards und machen diese Ausgabe zu einem Must-have für interessierte Sänger und Dirigentinnen.

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Ludwig van Beethoven: Vokalwerke mit Orchester,  Studienpartituren im Schuber, hg. von Ernst Herttrich, Armin Raab, Norbert Gertsch u. a., HN 9550, € 99.00, G. Henle, München

Weiterhin keine Perspektiven

Nach dem Bundesratsentscheid vom 19. März fehlt nach 13 Monaten eine Perspektive für Kulturveranstalter, auch das Proben im Amateurbereich bleibt eingeschränkt. Im Covid-19-Gesetz sind zentrale Forderungen der Kulturverbände berücksichtigt worden.

Daniil Kuželev / unsplash.com

Die Taskforce Culture schreibt am 25. März 2021:

«Erst am 14. April wird der Bundesrat über nächste Öffnungsschritte entscheiden. Das bedeutet für kulturelle Veranstaltungen, die einen oft erheblichen Planungsvorlauf haben, dass es immer noch keine Planungssicherheit gibt. Reihum sagen deshalb grosse Sommerfestivals die Durchführung ab. Die Kultur ist darauf angewiesen, dass jetzt ein Fahrplan kommuniziert wird, der Aussagen dazu beinhaltet, welche Veranstaltungen unter welchen Rahmenbedingungen und Bewilligungskriterien ab wann wieder stattfinden können. Falls der Bundesrat diese Aussage nicht machen kann, erwarten wir bis Ende März einen Entscheid, wie lange welche Veranstaltungsgrössen sicher noch verboten bleiben.

Es zeichnet sich schon jetzt ab, dass 2021 ein ebenso bitteres Jahr für die Kultur wird wie 2020, mit noch nicht absehbaren Langzeitschäden für die kulturelle Vielfalt. Wo immer möglich, müssen Kulturveranstaltungen stattfinden können. Insbesondere braucht es eine differenzierte Betrachtungsweise der verschiedenen Veranstaltungsformen.
 

Frühjahrssession des Parlaments: Änderungen im Covid-19-Gesetz

Das Parlament hat einigen zentralen Forderungen von rund 100 Kulturverbänden und Kulturorganisationen sowie von über 10’000 Einzelpersonen, die eine Petition der Taskforce Culture innert kürzester Zeit unterzeichneten, entsprochen.

Anpassungen im Covid-19-Gesetz im Sinne der Taskforce Culture:
• Die Kostendächer für die kulturspezifischen Massnahmen wurden aus dem Gesetz gestrichen. Sollten zusätzliche Gelder nötig werden, was bereits jetzt absehbar ist, kann dem Parlament ein Nachtragskredit beantragt werden.
● Auch «Freischaffende» (Arbeitnehmende mit häufig wechselnden, befristeten projektbezogenen Arbeitsverträgen) erhalten Zugang zur Ausfallentschädigung.
● Kulturschaffende können rückwirkend per 1. November 2020 wieder Ausfallentschädigungen beantragen.
● Die Schwelle für den Zugang zum Corona-Erwerbsersatz für Selbstständige wurde gesenkt (neu gilt eine Umsatzeinbusse von 30% statt 40%).
● Die Frist für die Auszahlung des vollen Gehalts (Kurzarbeitsentschädigung) für tiefe Einkommen wurde bis Ende Juni verlängert.
● Der Bundesrat hat neu die Möglichkeit, die maximale Bezugsdauer für die Kurzarbeitsentschädigung von derzeit 18 auf 24 Monate zu verlängern.

Im Gesetz wurde auch ein Schutzschirm für Veranstaltungen (Art. 11a – Massnahmen betreffend Publikumsanlässe) verankert, was ein Schritt in die richtige Richtung ist. Es stellen sich in diesem Zusammenhang jedoch insbesondere folgende Fragen und Probleme:
• Wie schnell geht die Umsetzung und was wird in der Bundesverordnung stehen?
• Die Voraussetzung, dass Veranstaltungen über eine kantonale Bewilligung verfügen müssen, erachten wir als problematisch. Schon im Normalbetrieb werden Bewilligungen erst relativ kurz vor der Veranstaltung ausgestellt.
• Weiter fallen nur Publikumsanlässe von überkantonaler Bedeutung unter den Schutzschirm und die Kantone sind in die Finanzierung eingebunden. Dadurch besteht die Gefahr, dass der Schutzschirm für viele Veranstaltungen zu spät kommt und 26 verschiedene kantonale Lösungen entstehen.
Bei der Ausarbeitung stellt die Branche gerne ihr Know-How zur Verfügung.

Churer Innenstadt wird Kulturzentrum

In Chur gibt es zu wenig Proberäume für Kulturschaffende und kein Kulturzentrum. Nun hat der Stadtrat ein Zielbild Kulturräume aufgegleist. Kernstück ist ein dezentral organisiertes, aber zentral bewirtschaftetes Kulturzentrum.

Churer Altstadt. Foto: Stadt Chur/Walter Schmid

Seit längerem ist laut der offiziellen Mitteilung der Stadt bekannt, dass in Chur ein Mangel an kulturell nutzbaren Räumen besteht. Das Fehlen eines Kulturzentrums beispielsweise wurde bereits im Jahr 2010 in einer entsprechenden Petition moniert. Vertiefte Analysen belegten einen eklatanten Mangel insbesondere bei den Proberäumen für Theater, Tanz, Musik sowie bildende Kunst und Literatur.

Das Zielbild Kulturräume beinhaltet als Kernstück ein über die Innenstadt dezentral organisiertes aber zentral bewirtschaftetes Kulturzentrum. Dies soll in einem der Postremise angegliederten und eigenständig geführten Kulturbüro erfolgen. Soweit möglich werden die bestehenden über die Innenstadt verstreuten Kulturräumlichkeiten in diese Konzeption eingebunden, falls sie mietbar sind.

Darüber hinaus fehlen jedoch insbesondere Proberäumlichkeiten für Theater, Musik und Tanz sowie Ateliers und Bandräume. Das Zielbild macht Vorschläge wie diese Mängel behoben werden können. Dabei spielen sowohl das Theater Chur, der Sennhof, das Haus zum Arcas wie auch das Kulturhaus am Bienenweg eine Rolle.

Originalartikel:
https://www.chur.ch/aktuellesinformationen/1189481

Berner Corona-Stipendien

Die Stadt Bern will Kulturschaffenden in Form von Corona-Stipendien unter die Arme greifen. Insgesamt stellt der Gemeinderat, die Exekutive der Stadt, 800’000 Franken zur Verfügung.

Foto: Timon Studler / unsplash.com (s. unten)

Die von der Stadt Bern lancierte Umfrage «Wie geht es Ihnen? Kulturschaffende und Corona in Bern» bestätigte laut der Medienmitteilung der Stadt, dass sich die finanzielle Lage der Kulturschaffenden innerhalb eines Jahres enorm verschlechtert hat und die finanziellen Reserven kontinuierlich abnehmen oder bereits aufgebraucht sind. 411 Kulturschaffenden aus vielen Berufsfeldern des Kultursektors hatten an der Umfrage teilgenommen.

Mit dem Corona-Stipendium will der Gemeinderat den Kulturschaffenden die Möglichkeit geben, dank einer kurzfristigen Hilfe sozusagen aus dem Krisenmodus auszubrechen und Vorbereitungen für die nächsten kreativen Schritte zu treffen. Während Arbeitsstipendien immer auf die Arbeit an einem Endprodukt fokussieren, sollen die Corona-Stipendien eine Atempause ermöglichen und einen Impuls für die nächste Projektidee geben. Dafür stehen insgesamt 800’000 Franken bereit.

Eingabeberechtigt sind alle professionellen Kulturschaffenden mit Wohn- und/oder Arbeitsort in der Gemeinde Bern, die sich aufgrund der aktuellen Situation in einer finanziellen Notlage befinden. Vergeben werden Stipendien bis maximal 3000 Franken. Die Massnahme soll eine rasche, unkomplizierte und direkte Hilfe erlauben und ist zeitlich befristet. Gesuche können vom 26. März bis zum 16. April eingegeben werden.

 

Hertel Intendant in Pforzheim

Markus Hertel, der von 1991 bis 1999 in Bern als Spielleiter und Hausregisseur amtete, übernimmt ab der Spielzeit 2022/2023 die Intendanz des Theaters Pforzheim.

Foto: zVg

Ab der Spielzeit 2022/2023 wird Hertel zusammen mit Verwaltungsdirektor Uwe Dürigen das Theater Pforzheim leiten. Bereits im Frühjahr wird er als designierter Intendant in eingeschränktem Umfang mit den konzeptionellen Vorbereitungsarbeiten für seine Amtszeit starten. Ab September 2022 tritt Markus Hertel als Nachfolger von Thomas Münstermann einen Fünfjahresvertrag in Pforzheim an.

Markus Hertel wurde 1964 in Essen geboren und absolvierte den Studiengang Regie an der Hochschule für Musik in München mit dem Abschluss als Diplom-Regisseur. Seine Engagements führten ihn unter anderem vom Staatstheater am Gärtnerplatz in München über die Theater in Bern und Freiburg, der Bayerischen Theaterakademie August Everding, nach Giessen. Von 2010 bis 2020 war Hertel Operndirektor am Schleswig-Holsteinischen Landestheater in Flensburg.

Seit 2020 ist er Künstlerischer Betriebsdirektor an den Wuppertaler Bühnen. Neben seiner Tätigkeit am Theater widmet sich Markus Hertel als Dozent verschiedener Hochschulen und Universitäten der Ausbildung des Theaternachwuchses. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder.

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