Harfen-Trouvaillen

Sarah O’Brien hat zum Teil kaum bekannte Impromptus für Harfe gesucht und gefunden. Es sind lohnende Stücke, die die klanglichen Eigenheiten des Instruments zur Geltung bringen.

Sarah O’Brien. Foto: zVg

Die Basler Harfenistin Sarah O’Brien legt mit Impromptu ihr zweites Solo-Album vor. Sie nutzte die schwierige Corona-Pause, um ihren lange gehegten Wunsch zu verwirklichen. Auf ihrer ständigen Suche nach originalen Harfenstücken, die zum Teil noch in Archiven schlummern, ist sie fündig geworden. Man staunt, wie viele der hier versammelten man so gut wie nie im Konzertsaal hört. Sich in diese originell zusammengestellte CD reinzuhören, lohnt sich unbedingt.

Impromptus passen ausgezeichnet zur Harfe, es sind Charakterstücke, haben aber auch etwas Improvisatorisches. Etwa das Impromptu para arpa von Joaquín Rodrigo (1901–1999), von dem man vor allem das Gitarrenkonzert kennt. Oder dann das klangschöne Impromptu von Joseph Guy Marie Ropartz (1864–1955), der ja mit César Franck befreundet war, den man als Komponisten aber kaum kennt. Einige Stücke sind von der bekannten italienischen Harfenistin Clelia Gatti Aldrovandi (1901–1989) inspiriert. Sie arbeitete – wie dies auch Sarah O’Brien tut – mit mehreren Komponisten zusammen, um neue Werke für ihr Instrument zu bekommen. So hat nicht nur Paul Hindemith seine Harfensonate in enger Zusammenarbeit mit Gatti Aldrovandi geschrieben. Auch Nino Rota (1911–1979) und Virgilio Mortari (1902–1993) liessen sich von ihr zu Harfenkompositionen motivieren, in denen sie auf alte Tänze wie Sarabande oder Gaillarde zurückgriffen.

Man hört diesen Werken gut an, dass sie ausgesprochen harfengerecht geschrieben sind. Sie bringen viele Facetten des Instruments zur Geltung, ohne effekthascherisch zu sein. Sarah O’Brien weiss diese raffiniert auszukosten. So kommen etwa in Hindemiths Sonate die ruhig ausgebreiteten klangfarblichen Eigenarten wunderbar zum Tragen.

O’Brien war über 20 Jahre Solo-Harfenistin im Concertgebouw-Orchester Amsterdam und bei den Münchner Philharmonikern, bevor sie Professorin an den Musikhochschulen in Zürich und Basel wurde. Mehrere ihrer Studentinnen und Studenten sind Preisträger internationaler Wettbewerbe. Als Solistin trat sie unter Bernhard Haitink, Hans Vock und Hartmut Haenchen auf, aber auch mit dem Orchestre de la Suisse Romande unter Fabio Luisi und Árpád Gérecz. Zu erleben war sie zudem mit dem Basler Sinfonieorchester und den Kammerorchestern von Basel und Zürich.

Ihre reiche künstlerische Erfahrung kommt nicht nur in den interpretatorischen Qualitäten dieser neuen CD-Einspielung zur Geltung, sondern auch in der dramaturgischen Zusammenstellung der Stücke. Sie ist kontrast- und abwechslungsreich. Die Kompositionen aus dem französischen Barock hat O’Brien selber arrangiert. Es sind zwei lautmalerische Stücke von Jean-Philippe Rameau mit den Titeln Le rappel des oiseaux und La poule, dazu kommt das humorvolle Le Tic-Toc- Choc von François Couperin.

All diese Kostbarkeiten rahmt O‘Brien mit den beiden gewichtigsten und noch am ehesten bekannten Stücken ein: dem Impromptu-caprice op. 9 von Gabriel Pierné (1863–1937) und dem Impromptu Des-Dur op. 86 von Gabriel Fauré (1845–1924). Man muss nicht Harfenfan sein, um diese CD mit Genuss zu hören.

Sarah O’Brien: Impromptu. Audite 97.807

 

Ensemble Astera in Kopenhagen ausgezeichnet

Das Ensemble gewinnt den ersten Preis sowie den Sonderpreis für die beste Interpretation der Uraufführung beim renommierten Internationalen Carl-Nielsen-Kammermusikwettbewerb.

Das Bläserquintett Astera bei der Preisverleihung. Foto: Agnete Schlichtkrull

Das schweizerisch-französische Bläserensemble Astera besteht aus Coline Richard (Flöte), Yann Thenet (Oboe), Gabriel Potier (Horn), Moritz Roelcke (Klarinette) und Jeremy Bager (Fagott), die alle ehemalige Studentinnen und Studenten der Haute Ecole de Musique de Lausanne sind. Gleich nach ihrem Studium fanden sie sich aus ganz Europa zusammen, um dieses Ensemble zu gründen und ihre gemeinsame Leidenschaft für die Kammermusik zu pflegen. Ihre unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen haben ihren Zusammenhalt, ihren Klang und ihre musikalische Affinität innerhalb des Bläserquintetts bereichert.

Sie sind Mitglieder oder arbeiten mit renommierten Orchestern wie dem Tonhalle Orchester Zürich, dem Orchestre National de Lille, dem Orchestre de Chambre de Lausanne, dem Gewandhausorchester Leipzig oder dem Orchestre de la Suisse Romande zusammen.

Laut Andreas Sundén, Vorsitzender der Jury und Soloklarinettist des Schwedischen Rundfunkorchesters ist «der Klang dieses Ensembles raffiniert und präzis. In einer ausgewogenen Energie, sowohl in der Gruppe als auch einzeln überzeugend, ist ihr Spiel von Reflexion und einem tiefen Ausdruck für den Komponisten geprägt.“

Der alle vier Jahre stattfindende Carl-Nielsen-Kammermusikwettbewerb richtet sich an junge Streichquartette und Bläserquintette. Nach einer Video-Vorauswahl geht er über drei Runden; aus einem grossen Repertoire präsentieren die Ensembles auch ein Auftragswerk, das speziell für den Wettbewerb komponiert wurde.

Hinreissend für Streichorchester

Die neue Fassung von Antonín Dvořáks «Nocturne» für Streichorchester H-Dur op. 40 bezieht eine kürzlich aufgetauchte Quelle mit ein.

Antonín Dvořák 1870. Foto: wikimedia commons

Es ist ein Stück wundervoller Musik, das heute und noch immer in gleich mehrfacher Weise überrascht. Zunächst klingt dieses Nocturne überhaupt nicht nach dem Dvořák, den man aus seiner allzu präsenten amerikanischen Periode zu kennen glaubt. Schon die Entstehungsgeschichte macht neugierig. Denn der Satz entstammt ursprünglich einem frühen Streichquartett e-Moll (1869/70). Er ging dann (mit erweiterter Instrumentation) in das Streichquintett G-Dur op. 77 ein (hier bereits mit Kontrabass), wurde wieder ausgeschieden – und erlangte schliesslich mit einem nochmals überarbeiteten zweiten Teil ein Eigenleben als Nocturne H-Dur.

Ferner lässt der Satz viel Spielraum für die Interpreten. Schon eine erste Übersicht der verfügbaren Einspielungen ergibt ein verblüffendes Resultat: Man kann das Nachtstück mit seinen insgesamt 51 Takten sehr zügig und flüssig in unter sechs Minuten spielen oder es in über neun Minuten fast stehend zelebrieren. Die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte, wobei der Fluss des 12/8-Takts gewahrt werden sollte. Auch wenn das Violoncello eine gefühlte Ewigkeit auf der Quinte fis verharrt: Dieser Satz hat es in sich, ist herausfordernd und wird das Auditorium ins Schwelgen bringen, ob nun in einfacher kammermusikalischer Besetzung oder süffiger mit einem chorischen Ensemble. Die fünf Kreuze mögen zunächst abschreckend sein, sorgen indes für eine Klangwirkung von bezaubernder Leuchtkraft.

Die aktuelle Bärenreiter-Ausgabe kann auf eine neu aufgetauchte Stichvorlage des Stückes zurückgreifen und berichtigt somit einige Lesarten. Vor allem aber ist die Ausgabe (Partitur und ein Streichersatz 4-4-3-2-1) sehr sauber, übersichtlich und schön gesetzt. Eine lohnenswerte Erweiterung des Repertoires.

Antonín Dvořák: Nocturne für Streichorchester H-Dur op. 40, hg. von Jonáš Hájek, Partitur und Stimmensatz BA 11564, € 29.50, Bärenreiter, Prag  

Hebräisch a cappella

Etliche Klassiker in hebräischer Sprache liegen im zweibändigen «Hebräischen Chorbuch» erstmals als Chorarrangements vor.

Dreidel und Kerzen, wie sie an Chanukka verwendet werden. Foto: Tetiana Shyshkina/unsplash.com

Die jüdische Musik hat eine reiche, über 3000-jährige Geschichte. Sie wurde massgeblich geprägt von der Diaspora, dem Leben als religiöse Minderheit in unterschiedlichen Ländern, und dem daraus resultierenden Einbezug verschiedenster nationaler Musikstile und Praktiken.

Mit dem Hebräischen Chorbuch legt nun der in Berlin lebende Chorleiter und Arrangeur Ohad Stolarz beim Verlag Breitkopf und Härtel eine beachtenswerte Sammlung mit hohem Repertoirewert vor. In zwei Bänden präsentiert er geistliche, paraliturgische und weltliche Klassiker des Kernrepertoires israelischer Kulturgeschichte. Seine farbigen Arrangements für Chor a cappella sind gut ausführbar und treffen hervorragend die Stimmung der Lieder. Ein informatives Vorwort, singbare Transliterationen der hebräischen Texte, Übersetzungen, Aussprachehilfen und ausführliche Werkeinführungen im Anhang machen das Hebräische Chorbuch zu einer echten Empfehlung.

Hebräisches Chorbuch für gemischten Chor a cappella, hg. von Ohad Stolarz; Band 1: Geistliches Repertoire, ChB 5375; Band 2: Weltliches Repertoire, ChB 5376, je € 19.90; Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2022

Ein filigranes «Rach 3»

Zusammen mit dem Sinfonieorchester Basel interpretiert Irina Georgieva neben dem 3. Klavierkonzert auch die Paganini-Variationen von Rachmaninow.

Sinfonieorchester Basel. Foto: Pia Clodi Peaches & Mint

Es ist Rachmaninow-Zeit, denn überall wird dessen 150. Geburtstag gefeiert. Etliche Jahre seiner Exilzeit hat der russische Komponist am Vierwaldstättersee in der Villa Senar verbracht, die im Moment saniert und danach der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Ein Grund mehr für das Sinfonieorchester Basel, zwei seiner bedeutenden Werke auf CD zu präsentieren.

Möglich macht dies auch das von Martin Korn mit Erfolg betriebene Schweizer Label Prospero. Aufgenommen wurden die Rhapsodie auf ein Thema von Paganini op. 43 und das Klavierkonzert Nr. 3 op. 30 im Stadtcasino Basel. Eine Schweizer Produktion also, die es in sich hat, auch dank der exzellenten Pianistin Irina Georgieva. Die Rumänin ist seit Jahren eng mit Basel verbunden, hat sie doch hier bei Rudolf Buchbinder studiert. Ihr Klavierspiel ist phänomenal, filigran, stets wunderbar durchhörbar und niemals «dick», auch nicht in Rachmaninows Akkordwucht. Diese Visitenkarte zeigt sie schon in den Paganini-Variationen, die sie kammermusikalisch, mit sanftem Anschlag und wunderbarer Phrasierung, durchgestaltet. Das Sinfonieorchester Basel unter Sascha Goetzel begleitet aufmerksam und zurückhaltend. Es beginnt schon bei der Vorstellung des Themas durch das Orchester mit kurzen, weichen Akzenten, eine ideale Vorbereitung der Interpretationsweise der Pianistin. So wird man schon von Anfang an auf das 3. Klavierkonzert eingestimmt, das als zweites Werk auf dem CD-Programm steht.

Irina Georgieva. Foto: zVg

Rachmaninow ist bei diesem Klavierkonzert vielfältiger in der Instrumentation, abwechslungsreicher und weniger auf reinen Effekt aus als noch beim zweiten. Und gerade hier staunt man, was das Sinfonieorchester Basel, diesmal unter der Leitung von Pablo Gonzáles, zu bieten hat an Durchhörbarkeit, subtiler Klanglichkeit und Finesse. Ein roter Teppich für Irina Georgieva, welche den ausserordentlich schwierigen Klavierpart meistert, als wäre es das Leichteste der Welt. Einzig beim spektakulären Finale würde man sich etwas mehr Mut zur grossen, weitgespannten Geste wünschen.

Sergei Rachmaninoff: Piano Concerto No. 3, Rhapsody on a Theme of Paganini.  Irina Georgieva, Sinfonieorchester Basel, Sascha Goetzel/Pablo Gonzáles. Prospero Records Prosp0025

Das Herz klopft und der Atem stockt

Das Lampenfieber in den Griff bekommen? Der Ratgeber von Renate Publig hilft vor allem mit praktischen Übungen.

Rampenlicht kann einschüchternd wirken. Foto: LENblR/depositphotos.com

Gross geschrieben steht es auf dem Umschlag: Lampenfieber. Der volle Titel lautet: Meistere dein Lampenfieber – Mit Mentaltraining zu einem gelungenen Auftritt. Das ist gleich auch die kürzestmögliche Zusammenfassung dieses praktischen und vergnüglich zu lesenden Buches von Renate Publig. Sie schreibt leicht und klar, grafische Elemente und Zeichnungen bringen vieles zusätzlich auf den Punkt und motivieren, das Problem hoffnungsvoll anzugehen.

Theoretisches bleibt meist im Hintergrund, im Zentrum stehen praktische Übungen von A wie Affirmationen bis Z wie Zehen berühren und atmen, allesamt abschliessend übersichtlich zusammengestellt in einem Register. Einerseits sind das Anleitungen zu «Akutinterventionen», wenn das Lampenfieber die Kehle unmittelbar vor dem Auftritt oder gar auf der Bühne zuschnürt. Andererseits helfen «Langzeitinterventionen», systematisch über eine ausgedehnte Phase einen positiven Umgang mit dem Lampenfieber einzuüben. Der Leitfaden eignet sich bestens zur Selbsttherapie. Wer jedoch über längere Zeit von Panikattacken geplagt wird, sollte, anstatt zu Betablockern zu greifen, Hilfe bei einer Fachperson suchen. Ein «Mittendrinwort des Schauspielers Max Müller» gleich zu Beginn und ein Schlusswort von José Cura bilden den stimmigen Rahmen.

 

Renate Publig: Meistere dein Lampenfieber. Mit Mentaltrainig zu einem gelungenen Auftritt. Gesang, Sprache, Schauspiel, 197 S., € 29.80, Doblinger, Wien 2021, ISBN 978-3-902667-84-7

 

 

Mebu – ein neuer Kunstraum im Goms

Eröffnung des «Münster Earports», eines Orts für zeitgenössische Musik in den Walliser Alpen.

Simone Conforti (IRCAM Paris) beim Einrichten des Mebu-Akusmoniums in Münster (Goms). Foto: zVg

Mitten im historischen Zentrum von Münster (Goms), unweit von Rhonegletscher und Finsteraarhorn, geht mit dem «Mebu» ein Kunstraum für zeitgenössische Musik auf. Der Name ist die Abkürzung für «Münster Earport by UMS ´n JIP» und verweist augenzwinkernd auf den benachbarten Flugplatz, den Münster Airport. Er macht aber auch klar, dass im Mebu das Spielen und Hören von Musik im Zentrum stehen. Gegründet und geführt wird er vom Neue-Musik-Duo UMS ´n JIP (Ulrike Mayer-Spohn und Javier Hagen), das als Folge der Pandemie – Probe- und Arbeitsstätten waren während der Lockdowns nicht mehr gegeben – in Münster seine Zelte aufgeschlagen und dort eine permanente Produktions- und Spielstätte eingerichtet hat.

Einmalig sind im Mebu ein dauerhaft installiertes 16-Kanal-Akusmonium zur Wiedergabe elektroakustischer (akusmatischer) Musik – eines der wenigen öffentlich zugänglichen seiner Art in ganz Europa – sowie eine bemerkenswerte Sammlung historischer Tasteninstrumente zur historisch informierten Wiedergabe von Alter Musik. UMS ´n JIP gehören zu den aktivsten Ensembles für Neue Musik der Gegenwart, mit Gastspielen an der Biennale Venedig, am Liceu Barcelona, am Colón Buenos Aires oder der Shanghai New Music Week und wurden mit über 30 internationalen Preisen ausgezeichnet.

Am Mebu gewähren sie als Nächstes den Konzerten der Ars Electronica Forum Wallis Selection 2022/23 mit akusmatischer Musik Gastrecht: am 10., 11. und 12. März 2023 im Rahmen des Festivals für Neue Musik Forum Wallis.

Cello allein und zu zweit

Kompositionen von Roland Moser, gespielt von seiner Partnerin Käthi Gohl Moser ergeben eine unprätentiöse, «atmende» CD.

Roland Moser. Foto: Louis Moser

Wann habe ich zuletzt eine derart intime Musik gehört?! Das liebevolle Miteinander ist gleichsam die Voraussetzung für die meisten Stücke auf dieser CD, denn der Komponist komponiert hier häufig für die Cellistin, mit der er schon seit Langem das Leben teilt, Roland Moser schreibt für Käthi Gohl Moser.

Das allerdings hat nichts Repräsentatives oder Repräsentabel-sein-Wollendes an sich, kein Klangfotoalbum. Vielmehr gewähren uns da zwei Einblick, Einhorch in ihren musikalischen Dialog. Gern zweistimmig, wodurch das Cellosolo zum Duo wird. Hier zusammen mit der Violine von Helena Winkelman, dort zusammen mit dem Blockflötisten Conrad Steinmann, dem Oboisten Matthias Arter oder dem Pianisten Anton Kernjak. Es gibt auch kurze Selbstgespräche, in denen Gohl zum Cello singt und summt. Darum herum finden sich noch weitere Gäste ein, Komponisten wie Schubert oder Offenbach, Dichter wie James Joyce, Paul Éluard oder Arthur Rimbaud, manchmal gut versteckt, manchmal offensichtlich. Denn Mosers Musik liebt die Allusion, sie geht gerne mit Worten um, bedächtig und sorgfältig, ohne Hast. Subtil beginnt sie immer wieder mal zu singen, mit romantischem Sentiment, ja fein sehnsüchtiger Hingabe. Und in … wie ein Walzer auf Glas … tanzt das Cello in den Flageoletttönen «vertrackt einfach», wie Roman Brotbeck in seinem schönen Booklettext schreibt. Andere Stücke führen auf die Grenzpfade der Mikrotöne.

So kurz die meisten Stücke sind, so hat jedes doch sein eigenes Gepräge. Grösseres Gewicht erhält hier nur eine Komposition von 1998, die gleich in zwei Versionen erklingt: zunächst in der neueren für Violine und Cello, am Schluss in der urspünglichen mit Oboe d’amore und Cello. … e torna l’aria della sera… basiert auf einer unhörbaren Ballata von Pier Paolo Pasolini und wandelt mit der Besetzung auch leicht den Charakter. Mal klingt dieser Abendgesang arkadisch, mal fast tristanhaft. Er bewegt sich frei und beharrlich, doch ohne Sturheit, und er entgeht dabei jedem allzu gängigen Innovationszwang. Die Musik atmet in diesen Interpretationen ganz selbstverständlich.

Roland Moser: Violoncello solo e in duo. Käthi Gohl Moser, Cello; Anton Kernjak, Klavier; Helena Winkelman, Violine; Conrad Steinmann, Flöte, Aulos; Matthias Arter, Oboe d’amore. Olinard Records

Das neue BWV3

Die dritte, erweiterte Neuausgabe des Bach-Werke-Verzeichnisses bezieht die Forschung der letzten 30 Jahre ein und schlägt eine neue Art der Differenzierung vor.

Foto: belchonock/depositphotos.com

Dass die BWV-Zahlen, mit denen Bachs Kompositionen identifiziert werden, aus dem Bach-Jahr 1950 stammen, ist selbst vielen professionellen Musikerinnen und Musikern nicht bewusst. Wolfgang Schmieder klassifizierte damals Johann Sebastian Bachs Schaffen nach Gattungen und vergab die Zahlen entlang der Reihenfolge der einzelnen Stücke in der alten Bach-Ausgabe (1851–1899). Schmieders epochemachende Leistung erfuhr 1990 eine aktualisierte Neuauflage. Schon 1998 legten die Bach-Forscher Alfred Dürr und Yoshitake Kobayashi ihre verknappte Alternative vor.

Seither ist viel passiert in der Bach-Forschung: Neue Quellen sind aufgetaucht, Echtheitszweifel wurden erhoben oder beseitigt, Datierungen bestätigt oder korrigiert usw. Die Bach-Literatur ist ins Unermessliche angewachsen, und das Internet gewährt Volltexte, Bibliografien und sogar Originaldrucke und -handschriften. Ein neuerlich revidiertes und auf den aktuellen Stand gebrachtes BWV konnte nicht mehr von einem Einzelnen geleistet werden, ein ganzes Institut, das Bach-Archiv Leipzig, stand hinter den drei Hauptautoren, und die Arbeiten zogen sich über mehr als zehn Jahre hin. Daraus entstand ein 880 Seiten starker Band, der immer noch Schmieders Gattungskategorien folgt, die längst eingebürgerten Zahlen übernimmt und neu aufgefundene Werke in fortlaufender Zählung dort einreiht, wo sie ihrer Funktion und Besetzung nach hingehören. Neu sind auch eine systematische, nicht konsequent den BWV-Zahlen folgende Übersicht über Bachs gesamtes Schaffen und diverse Konkordanzen und Kataloge, etwa von Bachs (rekonstruierbarer) Notenbibliothek. Neu an diesem Verzeichnis ist die Aufspaltung in verschiedene Fassungen eines einzelnen Werkes. So gliedert sich die Werkgeschichte der Kantate Schwingt freudig euch empor in die Stadien 36.1 bis 36.5, und die beiden Fassungen der Kantate 82 für Bass bzw. Sopran sind als 82.1 und 82.2 ausgewiesen. Damit soll dem Wildwuchs der Ergänzung von BWV-Zahlen um a-, b- bzw. r-Bezeichnungen Einhalt geboten werden.

An seine Grenzen stösst dieses Verfahren, wenn gewisse reinschriftliche «Brandenburgische» Konzerte beispielsweise als BWV 1046.2 zu bezeichnen sind, weil zu ihnen eine Frühfassung 1046.1 besteht, während für andere schlicht eine vierstellige Zahl gilt, etwa BWV 1047. Was gänzlich entfallen ist, sind die Literaturhinweise zu einzelnen Werken, da hier nun die Online-Kataloge einzuspringen vermögen. Dennoch geht auch ohnedies die Verknappung der wissenswerten Erläuterungen so weit, dass es in komplizierteren und deswegen auch interessanteren Fällen detailreicher Kenntnis bedarf, um sie überhaupt einigermassen nachvollziehen zu können. Ob damit in Sachen Benutzerfreundlichkeit Fortschritte erreicht worden sind, darf bezweifelt werden. Wie die in der Verlagswerbung angekündigte «Verschränkung mit den einschlägigen Online-Datenbanken» verwirklicht ist, wird nicht ersichtlich.

So bleibt auch dieses BWV3 angesichts seines Kaufpreises wohl eher Sache weniger Spezialistinnen, während für Praktiker heute die einfache Identifikation der Werke durch die allgemein üblichen Zahlen getrost mit Hilfe des Internets oder der gängigen Werkausgaben erfolgen kann.

Christine Blanken, Christoph Wolff, Peter Wollny: Bach-Werke-Verzeichnis. Dritte, erweiterte Neuausgabe (BWV3), XLIV + 835 S., € 459.00, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2022, ISBN 978-3-7651-0400-8

 

 

Nägeli, der Sängervater – welch ein Irrtum!

Miriam Roner zeigt in ihrem Buch, dass das landläufige Bild dem vielseitigen Hans Georg Nägeli nur unzureichend gerecht wird.

Hans Georg Nägeli, Stich nach Georg Balder um 1830. Quelle: Gallica

Hans Georg Nägeli (1773–1836) gilt als der Schweizer Sängervater. Mit dieser Vorstellung ist die Musikwelt seit fast zwei Jahrhunderten konfrontiert. Das zweifelhaft vaterländische Attribut hatten ihm die Schweizer Sängervereine verpasst und damit ein Bild des umtriebigen Nägeli kreiert, das keiner seriösen Betrachtung standhält. So wartet man seit vielen Jahren auf eine Biografie, auf ein Korrigendum dieser einseitigen, wahrheitswidrigen Darstellung des «Pioniers in allen Gassen».

Im Rahmen eines Nationalfondsprojekts hat sich die junge Musikwissenschaftlerin Miriam Roner der schier unlösbaren Aufgabe angenommen, Licht ins Dunkel zu bringen. Die bereits 2016 an der Universität Bern als Dissertation angenommene Arbeit hat sie nun gründlich überarbeitet, um sie als über vierhundert Seiten starkes Buch zu veröffentlichen. Schon nach kurzer Lektüre wird klar, welche Mammutarbeit dahintersteckt, denn ausser einigen lexikalischen Artikeln und Festschriften existiert nichts Umfassendes zu Nägeli.

Roner legt keine Biografie vor, aber sie zeigt eindrücklich, auf wie vielen Hochzeiten Nägeli getanzt hat: Er war Verleger, führte eine Noten(leih)bibliothek, komponierte Gebrauchsmusik, gründete und leitete ein Singinstitut, das nach pestalozzischen Regeln zur Bildung beitragen sollte und liess dabei auch Mädchen und Frauen zum Zug kommen.

Nur schon diese Vielfalt zeigt, wie umfassend Nägeli dachte. Roner versucht in diesem Dickicht aufzuschlüsseln, wie das «System Nägeli» funktionierte. Es gab um 1800 keine Vertriebskanäle, keine Banken, über die Zahlungen abgewickelt werden konnten. So entwickelte Nägeli verschiedene Vorgehensweisen, er vertrieb Noten von französischen oder deutschen Verlagen als Gegengeschäft für die Annahme seiner eigenen Werke, er bestellte Partituren zum Kauf, als Kommissionsverlag oder auf Leihbasis, um sie an Bürger weiterzuverleihen.

Nägeli hat nie eine umfassende Ausbildung als Musiker, Komponist oder Geschäftsmann genossen. Wohl war es neben den napoleonischen Kriegen diesem Umstand geschuldet, dass er viel anregte, aber auch scheiterte – sein Verlag ging Konkurs und er verkaufte an Adolf Hug. Der Hug-Verlag war geboren.

Trotzdem hat der Pionier Nägeli Eindrückliches geleistet, wie Roner aufzeigt. Im pädagogischen Bereich hat er die Jugend, bei der er auch die unteren Volksschichten berücksichtigte, systematisch mit klug aufgebauten Lehrbüchern an die Musik herangeführt. Oft vergessen wird auch, dass Nägeli den Frauen genauso viel Aufmerksamkeit schenkte, wie den Männern.

Am interessantesten in Roners Recherchen sind der zweite Teil, der «Nägeli als Musikalienhändler und Musikverleger» gewidmet ist, und der dritte Teil zum «Sing-Institut». Wertvoll ist der ausgedehnte Anhang mit einer ausführlichen Chronik und einem umfassenden Quellenregister. Die Grundlagen für eine weitere Erforschung und Belebung dieses Pioniers sind gelegt.

Miriam Roner: Autonome Kunst als gesellschaftliche Praxis. Hans Georg Nägelis Theorie der Musik, 427 S., € 73.00, Franz-Steiner-Verlag, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-515-12701-1

Frühe Werke von Eugène Ysaÿe

Acht Stücke, lange vor den berühmten sechs Solosonaten komponiert, vorgestellt mit den jeweiligen Entstehungsgeschichten.

Eugène Ysaÿe, Porträt von Emil Fuchs, 1900. Quelle: Wikimedia commons

Der belgische Geiger Eugène Ysaÿe (1858–1931), erst Schüler seines Vaters, gewann schon mit neun Jahren einen Preis, studierte bei Wieniawski in Brüssel und Vieuxtemps in Paris und spielte auf seiner ersten Konzertreise in Deutschland 1878 mit Clara Schumann die c-Moll-Sonate von Beethoven. 1882 nahm ihn Anton Rubinstein mit auf eine Tournee nach Russland und Norwegen. An seinem Hochzeitsfest mit der Sängerin Louise Bourdeau spielte er die ihm gewidmete Sonate von César Franck, zog dann als Professor nach Brüssel, wo er bis 1898 lehrte (berühmte Schüler: Gingold, Primrose, Persinger). Während des Ersten Weltkriegs lebte er in London, später in den USA, um schliesslich nach Brüssel zurückzukehren, wo er bis zu seinem Tod als Dirigent, Pädagoge und Konzertmanager wirkte.

Sein Leben lang nutzte er das Komponieren als Energiequelle und Refugium. Sein wichtigstes Vermächtnis sind die 1923 komponierten sechs Solosonaten op. 27. Das vorliegende Heft wirft ein Licht auf die Werke von 1882 bis 1905, entstanden an den verschiedenen Wirkungsorten. Es beweist seine stupende, vergeistigte Virtuosität. Von den acht abgedruckten Werken ist die Légende norvégienne eine lohnende Erstveröffentlichung. Das Vorwort von Marie Cornaz (d/f/e) erzählt spannend die Geschichte der Stücke. In den ausführlichen Bemerkungen (d/e) bietet der japanische, an der Juilliard School lehrende Geiger und auf Ysaÿe spezialisierte Musikwissenschaftler Ray Iwazumi seine Hilfe an. Aussergewöhnlich: In der Violinstimme sind Ysaÿes originale Fingersätze und Strichbezeichnungen schwarz, Iwazumis grau gedruckt.

Eugène Ysaÿe: Poème élégiaque op. 12 und andere Werke für Violine und Klavier, hg. von Ray Iwazumi, HN 1201, € 42.00, G. Henle, München  

Expressiv zwischen Klassik und Jazz

Five on Fire haben sich längst vom leicht verdaulichen Jazz früherer Tage verabschiedet. Mittlerweile hegt die Formation um Daniel Gubelmann höhere Ansprüche – und macht jetzt gemeinsame Sache mit der Klassik.

Five on Fire und das Musikkollegium Winterthur. Foto: zvg

Auf ihrem Debüt Struggle or play (2007) fokussierten Five on Fire auf leicht verdaulichen Jazz mit Funk-Einwürfen. Sechs Jahre später erfand sich die Formation um Daniel Gubelmann jedoch neu und begann mit einem Streichquartett zu kollaborieren. Für das neuste Album Eternal movement hat man diesen Ansatz weiter ausgestaltet und mit einer grossen Streicherbesetzung des Musikkollegiums Winterthur zusammengearbeitet.

Es ging Gubelmann darum, Jazz mit Klassik und Improvisation zu verbinden und dabei nach schlagkräftigen Melodien und grösstmöglicher Expressivität zu forschen. Der in Bern, Zürich und Buenos Aires ausgebildete Musiker und Komponist, bekannt insbesondere für sein lyrisches Saxofonspiel, lässt sein Jazzquartett gleichberechtigt mit dem Streichorchester spielen. Wodurch ein geradezu symbiotisches Klangbild entsteht, das sich um Genregrenzen foutiert.

Der Titel der Platte, auf Deutsch «Ewigkeit der Bewegung», lässt erahnen, dass das Projekt nicht für Understatement steht, im Gegenteil. Entsprechend präsentiert sich das Gebotene imposant und voller Dramatik. Wobei der Auftakt, das feingliedrige Preludio de Buenos Aires, das ganz in der Verantwortung des Streichorchesters liegt, zunächst überraschend zurückhaltend ausfällt. In Anschluss erklingt El rio de las estrellas, das von einer sublimen Konversation zwischen Saxofon und Piano geprägt wird und mit melancholischen Klangfarben aufwartet. Bei La flor del amor macht sich dann Gubelmanns Flair für den Tango endgültig bemerkbar – mit grosser Leidenschaft und teils furiosen Rhythmen.

Gemäss Gubelmann haben seine acht Kompositionen den Anspruch, auch ohne Bilder auszukommen. Dennoch kommt Eternal movement einer filmreifen Suite gleich, die sich unter anderen auf Astor Piazzolla, Stan Getz und John Coltrane bezieht. Das Resultat ist ein ebenso draufgängerisches wie eloquentes Album, das seinen ganz eigenen Weg geht und zu beeindrucken weiss.

Five on Fire feat. Musikkollegium Winterthur: Eternal movement. Solo Musica SM407

Clytus Gottwald ist gestorben

Der Welt abhanden gekommen: Der Komponist, Chorleiter, Rundfunkredakteur und Musikwissenschaftler Clytus Gottwald ist im Alter von 97 Jahren gestorben.

Clytus Gottwald. Foto: Carus-Verlag/privat

Als Redakteur für Neue Musik beim Südfunk Stuttgart sowie Gründer und Leiter der Schola Cantorum Stuttgart stand er in produktivem Austausch mit seinen, die Neue Musik begründenden Zeitgenossen Pierre Boulez, Mauricio Kagel, György Ligeti, Luigi Nono, Karlheinz Stockhausen und vielen anderen. Gottwald prägte mit seiner Schola Cantorum, einem 16-stimmigen Kammervokalensemble, massgeblich die heute selbstverständlich gewordene A-cappella-Chorkultur auf höchstem technischem Niveau. Seine Transkriptionen von Klavierliedern oder Instrumentalstücken für vielstimmigen Chor a cappella, die in ihrer an Ligeti geschulten Satzweise höchste musikalische Ansprüche stellen, werden von Chören auf der ganzen Welt geschätzt.

Clytus Gottwald wurde für seine Verdienste mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Kulturpreis Baden-Württemberg 2009, dem Preis der Europäischen Kirchenmusik 2012 und dem Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland 2014. Seine Bedeutung für die Entwicklung der zeitgenössischen Chormusik kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Mit Clytus Gottwald verliert der Carus-Verlag einen seiner wichtigsten Autoren.

Wenig Musik bei der Spurensuche

Barbara Beuys‘ Biografie von Emilie Mayer erzählt vor allem das Leben der Komponistin, über ihre Musik ist wenig zu erfahren.

Emilie Mayer war nicht nur Komponistin, sondern auch eine begabte Pianistin. Bild: wikimedia commons

Nachdem in den vergangenen Jahren sowohl zahlreiche Neuausgaben wie auch Einspielungen von Sinfonien und Kammermusik aus ihrer Feder erschienen sind, dürfte die Komponistin Emilie Mayer (1812–1883) keine ganz unbekannte mehr sein. Freilich ist dies auch als ein Zeichen der Zeit zu sehen: Obwohl der musikalische Nachlass bereits im 20. Jahrhundert an bester Stelle (Staatsbibliothek zu Berlin) öffentlich zugänglich war, blieb damals das Interesse eher gering. Heute steckt freilich unnötiger Überschwang in mancher reisserischen Überschrift wie «Der weibliche Beethoven» (NDR) – oder eben auch im Untertitel der neu erschienenen Biografie von Barbara Beuys: «Europas grösste Komponistin». Was diese «Grösse» ausmacht, wäre zu diskutieren: Ist es der Umfang des Œuvres? Oder der Schwerpunkt des Schaffens, der auf so gewichtigen Gattungen wie Streichquartett und Sinfonie liegt? Und wie wären diese Werke auch gegenüber jenen von Louise Farrenc einzuordnen?

Fragen, die Barbara Beuys nicht beantwortet, die aber auch gar nicht in ihrem Fokus stehen. Denn in ihrer «Spurensuche» erzählt sie das Leben von Emilie Mayer und die Aufführungen ihrer Werke mit zahlreichen historischen wie auch kulturgeschichtlichen Einbettungen nach. In diesem übergreifenden Blick liegt vielleicht die Stärke der Darstellung; was die eigentlichen Daten und Details angeht, so stützt sich die Autorin vor allem auf die umfangreichen Recherchen, die Almut Runge-Woll für ihre 2003 im Druck erschienene Dissertation über diese aussergewöhnliche Loewe-Schülerin unternommen hat. Auch wenn das Zielpublikum der aktuellen Biografie nicht allein im Bereich interessierter Musikliebhaberinnen und -liebhaber liegen mag, so verblüfft es doch, dass eine ansatzweise Charakterisierung von Emilie Mayers kompositorischem Schaffen ebenso fehlt wie eine auch nur summarische Werkliste. Hingegen finden sich Redundanzen («Ehefessel», S. 52 und 195), Ungenauigkeiten («Streichquartett» statt Streichquintett, S. 138) und mitunter allzu saloppe Formulierungen: «Posaunen und Streichinstrumente – da war doch etwas?» Und so reiht sich dieses Porträt eher als weitere Folge in die Reihe der kulturhistorischen Biografien der Autorin ein, ohne dass eine auch «musikalische» Spurensuche erfolgt wäre.

Barbara Beuys: Emilie Mayer, Europas grösste Komponistin. Eine Spurensuche, 220 S., € 22.00, Dittrich, Weilerswist-Metternich 2021, ISBN 978-3-947373-69-7

Mit zurückhaltender Eleganz

Für einmal macht die Schweizer Schauspielerin Viola von Scarpatetti nicht mit einem neuen Filmprojekt von sich reden, sondern mit Musik. Ihr Debütalbum «Fais un pont» bietet zwölf Chansons der entspannten Art.

Viola von Scarpatetti. Ausschnitt aus dem Albumcover

Die künstlerische Ader von Viola von Scarpatetti begann sich bereits früh abzuzeichnen: Als Kind besuchte sie eine Zirkusschule, später studierte die gebürtige Baselbieterin an der European Film Actor School in Zürich. Weil sie sich mit ihrer Arbeit vor der Kamera längst etabliert hat – etwa dank ihrer Hauptrolle in der Komödie 20 Regeln für Sylvie (2014) –, will sich die in Fribourg und Frankreich aufgewachsene Schauspielerin nun einer weiteren Kunstform widmen, dem Chanson.

Das Debütalbum der 34-Jährigen, Fais un pont, dreht sich um eigene Erfahrungen und Emotionen. Wozu auch passt, dass sie den von leichter Melancholie durchzogenen Titelsong bereits als Jugendliche kreiert hat – ursprünglich als Rap. Heute verbindet ihr Musikschaffen Folk mit frankofonem Chanson respektive Pop. Folgerichtig wartet denn auch einzig das abschliessende Hong Kong mit englischen statt französischen Lyrics auf.

Was die Platte auszeichnet, ist insbesondere die Leichtigkeit. Diese manifestiert sich auch in einer zurückhaltenden Produktion, die nicht auf Perfektion, sondern auf Stimmigkeit aus ist. Das gelingt und bringt mit sich, dass die während den Aufnahmen in Südfrankreich zirpenden Zikaden auch auf der Veröffentlichung zu hören sind. Während Laisser danser mit dahingeworfen wirkenden Gitarrenlicks sowie kurz mit gepfiffener Melodie aufwartet und in Erinnerungen schwelgt, dreht sich Momo’s chanson um Michael Endes Romanfigur und bedient sich dabei sanfter Akkordeonklänge und linder Bläserpassagen.

Weitere Tracks wie das elegische Marin, das verspielt wirbelnde Voyage dans le désert oder das karg arrangierte Je te sens verdeutlichen, dass Viola von Scarpatetti mit ihrem Material für anhaltende Entspannungsmomente besorgt ist. Gelungen sind ihr zwölf Soundpreziosen, die auf Pomp und Prunk verzichten und stattdessen mit Charme und zurückhaltender Eleganz gefangen nehmen.

Viola von Scarpatetti: «Fais un pont» (Eigenvertrieb) www.violavonscarpatetti.com

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