Bilanz des Festivals für Neue Musik Forum Wallis 2026
Vom 4. Juni bis 4. Juli fanden 17 Konzerte in Genf, Sion, dem Saas- und Lötschental bis nach Münster im Goms statt. Das Goms bildete erstmals das eigentliche Epizentrum des Festivals.

An der Ausgabe zum 20-jährigen Bestehen des Festivals wurde Musik von 95 Komponistinnen und Komponisten aus über 40 Ländern gespielt, 16 davon stammten aus dem Wallis. 40 Werke wurden zum ersten Mal in der Schweiz gespielt, 13 Werke uraufgeführt. 95 Prozent der Stücke waren nicht älter als 4 Jahre.
Die Konzerte waren, gemessen an der Grösse und Entfernung der Spielstätten, über Erwarten gut besucht. Das Publikum zeigte sich glücklich und dankbar für die Qualität, Sorgfalt, Originalität und Kompromisslosigkeit, aber auch für die emotionale Dichte und Frische des Programms. Die Planung für die Festivalausgabe 2027 ist bereits angelaufen.
Das Forum Wallis ist ein 2006 gegründetes internationales Festival für Neue Musik und steht unter der Leitung der IGNM-VS, der Ortssektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik ISCM (International Society of Contemporary Music). In deren Vorstand walten die international tätigen Walliser Musiker und Komponisten Manuel Mengis, Hans-Peter Pfammatter, Ulrike Mayer-Spohn und Javier Hagen.
Seit der Gründung hat das Forum Wallis über 350 Uraufführungen mitproduziert und Werke von über 500 Komponistinnen und Komponisten aus aller Welt präsentiert, darunter Stockhausens Helikopter-Streichquartett zusammen mit dem Arditti Quartet, André Richard und Air Glaciers, Holligers Alb-Chehr und Cod.Acts Pendulum Choir.
Fünf Stunden Streichquartett
Die 2026er-Ausgabe des Festivals startete am Fronleichnamsnachmittag in der Münstiger Kirche im Goms. Das deutsche Minguet-Quartett spielte mit Morton Feldmans 2. Streichquartett das längste je komponierte Werk dieser Gattung – ein Plädoyer für Entschleunigung, Geduld und Ausdauer.
Mit etwa 5 Stunden Spielzeit entschieden sich die Minguets für eine Midtempo-Lesart. Fein webte sich das Stück durch die Zeit und löste eine konventionelle Zeitwahrnehmung auf. Dass über die gesamte Dauer mehr als 60 Personen dem Konzert in einem 300-Seelen Dorf beiwohnten, ist bemerkenswert.
Zwei Formationen improvisieren

Am 5. und 6. Juni waren, ebenfalls in Münster, zwei Topformationen der Schweizer und europäischen Improvisationsszene zu Gast: Voutchkova/Strahl/Mengis/Pfammatter und Erb/Mayas/Läng. Beide Abende verzauberten durch kammermusikalische Intimität und durch die spürbar enge Vertrautheit der Musikerinnen und Musiker.
Verwandelte Lyrik

Am Sonntag, dem 7. Juni, waren über den ganzen Tag sämtliche Zyklen aus dem Lyrikband In der Nahaufnahme verwildern wir von Rolf Hermann im «Münster Earport» MEbU, dem Kunstraum für zeitgenössische Musik im Goms, zu hören. Das Neue Musik-Duo UMS’nJIP und Luis Tabuenca, der Preisträger des Reina Sofia-Kompositionspreises 2026, verwandelten die 4 Gedichtzyklen im störgarten, entwendete fenster, neophyten und eins in intime Liederzyklen.
Teenager spielen Klaviermusik mit Live-Elektronik

Unter dem Label Adventurous Sounds spielte das Proyecto Piano Joven PPJ aus Sevilla, ein seit 20 Jahren bestehendes Projekt für junge Pianistinnen und Pianisten, zum ersten Mal in der Schweiz. Adventurous Sounds ist eine didaktische Programmschiene des Forum Wallis, bei welcher Kinder und Jugendliche spielerisch an Neue Musik herangeführt werden.
Das PPJ stellte an den Konservatorien von Genf und Sion insgesamt 9 extra für sie geschriebene Werke namhafter spanischsprachiger Komponistinnen und Komponisten für Klavier und Live-Elektronik vor. Unter der Leitung von Ignacio Torner performten die Teenager ein volles Programm, das kompositorisch und interpretatorisch in keinem Augenblick den Vergleich mit demjenigen eines Spezialistenensembles scheuen musste.
Oberwalliser und bolivianische Volksmusik

Vom 26. bis zum 28. Juni war der Oberwalliser Volksliederchor zusammen mit dem bolivianischen Volksmusiker Juan Arnez im Saas, im Lötschental und im Goms unterwegs. Auch hier war, neben gemeinsam mit dem Publikum gesungenen Dialekt-Gassenhauern, das Neue ein Thema: frische Lieder im Volkston von Stefan Ruppen, Manuela Lehner-Mutter und Valentin Bregy neben 5 Premieren im bolivianischen Volkston von Juan Arnez.
Ars Electronica

Am 3. und 4. Juli schloss das Festival am MEbU mit den letzten beiden Konzerten der Ars Electronica Forum Wallis 2026 Selection Concerts. Die ersten beiden Konzerte der Reihe hatten zu Beginn des Festivals am gleichen Ort stattgefunden. 32 Stücke standen auf dem Programm, und 17 weitere waren auf der Highly Commended-Liste. 29 Schweizpremieren wurden gespielt und 3 Uraufführungen (Lund-Jensen, Duchenne, Otani).
Über ein Dutzend der Komponistinnen und Komponisten reisten zu den Konzerten an, aus China, den USA, Deutschland, Frankreich und Irland. Die 4 Konzerte boten einen willkommenen Anlass für einen regen Austausch, nicht nur szenenintern, sondern auch mit der lokalen Bevölkerung, welche den Konzerten rege beiwohnte.
Bemerkenswert — und für die Insider relevanter Diskussionsstoff — war der interpretatorische Ansatz am MEbU-Akusmonium: Live-Diffusion. Die Disposition des MEbU-Akusmoniums ist keine Standard-Aufstellung, sondern eine bewusst asymmetrische, eigens von Simone Conforti vom Ircam in Paris für diesen Raum designt und darauf angelegt, live bespielt zu werden.































