«Klamu» – die niederschwellige Zauberformel

Die Fondation Suisa lud innerhalb einer Woche gleich zweimal zu grossen Fachtagungen über das Klassenmusizieren, kurz «Klamu». Bericht vom Anlass in Zürich.

Bläserklasse live: die 5. Klasse Grünau von Thomas Mosimann und Daniel Frei. Fotos: Niklaus Rüegg

Am 8. September trafen sich im Florhof in Zürich Fachleute aus verschiedenen Ländern, um sich zum Thema auf theoretischer und praktischer Ebene auszutauschen. Eine Woche später wurde in Genf eine ähnliche Veranstaltung unter dem Titel «Orchestre en classe» durchgeführt. Angesprochen waren Lehr- und Leitungspersonen von Musik- und Volksschulen.

Urs Schnell dankte im Namen der Fondation Suisa Cristina Hospenthal, ehemalige Direktorin von Musikschule Konservatorium Zürich (MKZ), und Martin Sonderegger (Fachdidaktik Klarinette, ZHdK) für das Organisieren der Tagung. Seit 2016 hat die Fondation Suisa schon über 40 «Klamu»-Projekte unterstützt. Schnell liess aber durchblicken, dass das Klassenmusizieren in Zukunft breiter abgestützt finanziert werden sollte, und äusserte den Wunsch, dass auch andere Personen und Institutionen dieses erfolgreiche niederschwellige Angebot unterstützen möchten.

Erich Zumstein, Direktor der MKZ, wartete in seiner Begrüssungsrede mit eindrücklichen Zahlen auf. Was vor neun Jahren mit zwei Bläserklassen im Glatttal begann, hat sich bis heute zu einer Organisation mit jährlich 2000 Teilnehmenden gesteigert. Alle zwei Jahre wurde bisher ein grosses Konzert im Volkshaus mit bekannten Showgrössen organisiert. Die Schule arbeitet in Bildungsprojekten-Projekten mit dem Tonhalle-Orchester zusammen, und über den grossen Teich hat man sich via Skype mit einem «education through music»– Vorhaben in der Bronx in Verbindung gesetzt.

Moderatorin Esther Girsberger durfte mit Helena Maffli eine der herausragenden schweizerischen Fachpersonen für musikalische Bildung begrüssen. Die Referentin und ehemalige Präsidentin der Europäischen Musikschulunion umriss die Bedeutung des Klassenmusizierens im europäischen Kontext. Es gebe viele internationale Vorbilder dafür und als Brücke zwischen Volks- und Musikschulen sei das Programm geradezu ideal. Als notwendigen Schritt um weiterzukommen, regte Helena Maffli die Schaffung einer nationalen Infostelle an, ein Gedanke, der allseits auf Interesse stiess.

Win-win-Situation für Volks- und Musikschule

Wenn sich eine der allergrössten Musikschulen Europas mit ihren 24 000 Schülerinnen und Schülern und 600 Lehrpersonen in Verbindung mit einer bedeutenden Schweizer Stiftung in einem solchen Masse für einen musikpädagogischen Teilbereich einsetzt, dann muss etwas dran sein. Nicht nur unter dem Aspekt der «Teilhabe am kulturellen Leben», wie es die laufende Kulturbotschaft formuliert, wird das Klassenmusizieren als wertvolles pädagogisches Instrument gesehen. Es gilt als erwiesen, dass Bildungsziele wie Sozialkompetenz, Konzentration und Aufmerksamkeit durch gemeinsames Musizieren sehr begünstigt werden. Zumstein stellte fest, dass in Quartieren mit hohem Migrantenanteil die Musiklassen gefragter sind als in bildungsaffinen Stadtteilen. Mit dem Erreichen bildungsferner Schichten dürfte auch ein hoher integrativer Wert einhergehen.

In acht parallel geführten Workshops erhielten die Besucher durch etliche Fachleute Einblick in die unterschiedlichsten Aspekte und Formen des «Klamu». In Gesprächsrunden und Eins-zu-eins-Vorführungen konnte man sich ein Bild von der praktischen Arbeit machen. Elisabeth Karrer ordnete das Fach Musik und das Klassenmusizieren im Rahmen des Lehrplans 21 ein und der deutsche Jeki-Spezialist Achim Tang präsentierte eine Einheit in «Experimentellem Klassenmusizieren». Michaela Hahn, Dozentin für Musikschulentwicklung in Österreich, weitete den Blick auf die Ziele und Herausforderungen im gesamten deutschsprachigen Raum.

Die erfahrene Primarlehrerin und Schulleiterin Idil Calis sprach offen über die Malaise im Fach Musik an den Primarschulen. Sie hat in ihrer 38-jährigen Berufstätigkeit 25 Jahre Musik unterrichtet, «aber ich bin eigentlich unmusikalisch … Für mich ist das Klassenmusizieren das schönste Ereignis in meiner ganzen Laufbahn».

Die Volksschule hat heute mit «Klamu» die Chance, ihr latentes Musikunterrichtsproblem zu lösen, und die Musikschulen finden Zugang zu breiteren Kundensegmenten, welche später für sie als Nachwuchs in Frage kommen – eigentlich eine klassische Win-win-Situation.

Schlussrunde mit Elisabeth Karrer, Achim Tang, Helena Maffli, Thomas Ineichen, Michaela Hahn und Moderatorin Esther Girsberger (v.l.)

Bündner Kulturschaffende in Rom

Der Kanton Graubünden vergibt im Rahmen eines Pilotprojekts in den Jahren 2019 und 2021 Atelierstipendien in Rom an Bündner Kulturschaffende.

Atelierwohnung in Rom (Bild: Kanton Graubünden)

Der Kanton Graubünden stellt Bündner Kulturschaffenden seit 2013 eine Atelierwohnung in Wien zur Verfügung. Neu wird Bündner Kulturschaffenden während einer Pilotphase in den Jahren 2019 und 2021 zusätzlich die Möglichkeit zur Benützung einer Atelierwohnung in Rom geboten. Diese wird abwechselnd von den Kantonen St.Gallen und Graubünden und dem Fürstentum Liechtenstein genutzt. Hauptmieter ist der Kanton St.Gallen.

Das möblierte Wohnatelier (3 Zimmer) befindet sich im Quartier San Lorenzo in der Via dei Latini 18. Der Aufenthalt beträgt jeweils sechs Monate (1. Juni – 30. November 2019 und 1. Juni – 30. November 2021). Der Kanton Graubünden stellt das Wohnatelier den Kulturschaffenden unentgeltlich zur Verfügung und richtet einen monatlichen Zuschuss von 2000 Franken an die Lebenshaltungskosten aus.

Zur Bewerbung sind professionelle Kulturschaffende eingeladen, die im Kanton Graubünden wohnhaft sind oder eine enge Verbundenheit mit dem Kanton Graubünden oder der Bündner Kultur aufweisen. Die Bewerbungen sind für alle Sparten offen und an keine Altersgrenze gebunden. Die Anmeldefrist für das Atelier Rom 2019 läuft bis Freitag, 26. Oktober 2018 (Datum des Poststempels).
 

Neues Konzept für das Klanghaus Toggenburg

Die durch die St. Galler Regierung beauftragte regionale Task Force legt ein überarbeitetes Konzept für das Klanghaus Toggenburg vor.

Klanghaus Toggenburg (Visualisierung: nightnurse images, Zürich)

Das Klanghaus mit erweitertem Angebot wird laut der Mitteilung des Kantons St. Gallen stärker in die Tourismusregion eingebettet. Ausserdem will die Stiftung Klangwelt Toggenburg das Haus im Rahmen eines neuen Finanzierungsmodells künftig auf eigene Kosten betreiben. Die erste Vorlage zum Bau des Klanghauses Toggenburg erreichte im März 2016 in der Schlussabstimmung des Kantonsrates das erforderliche qualifizierte Mehr nicht.

Die Regierung räumte in der Folge einer regionalen Task Force die Möglichkeit ein, das Projekt zu überarbeiten, ohne die umfangreichen Genehmigungsprozesse zu wiederholen. Mitglied der Task Force sind die Stiftung Klangwelt Toggenburg, die Region Toggenburg, die Gemeinde Wildhaus-Alt St.Johann und Toggenburg Tourismus sowie die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Chur.

Die Regierung hat die überarbeitete Botschaft Mitte August zuhanden des Kantonsrates verabschiedet. Das Parlament berät die Vorlage im November 2018 und im Februar 2019. Genehmigt der Kantonsrat die Vorlage, werden die Stimmberechtigten voraussichtlich am 30. Juni 2019 darüber abstimmen.

13. Junge Ohren Preis: jetzt anmelden!

In zwei Wochen endet die Bewerbungsfrist für den 13. Junge Ohren Preis. Für die Kategorien Programm und Charakter kann man sich noch bis am 30. September online anmelden.

Paulista/fotolia.com,SMPV


Was?

Der Junge Ohren Preis sucht modellhafte und innovative Programme für neue Publikumsgenerationen. Dieses Jahr hat der Junge Ohren Preis erstmals einen inhaltlichen, vom Fachbeirat des netzwerk junge ohren kuratierten Schwerpunkt: Diversität. Damit gemeint sind nachhaltige Programme, die Menschen im gemeinsamen musikalischen Tun zusammenbringen. Darüber hinaus würdigt der Junge Ohren Preis in seiner zweiten Kategorie herausragende Persönlichkeiten der Musikvermittlungsszene.

Bern will innovative Institutionen fördern

Die Agglomerationskommission (AKO) des Berner Stadtrates (der Legislative) regt an, ein Subventionsgefäss für neue, innovative und noch weniger etablierte Kulturinstitutionen zu schaffen. Einen Vertrag erhält neu auch das Swiss Jazz Orchestra Bern.

Swiss Jazz Orchestra Bern. Foto: Reto Andreoli

Die AKO hat an ihrer letzten Sitzung eine Stellungnahme zu den Kulturverträgen 2020-2023 der Regionalkonferenz Bern-Mittelland (RKBM) verabschiedet. Die Kommission begrüsst im Grundsatz die vorgeschlagenen Unterstützungsbeiträge für 15 Kulturinstitutionen. Positiv erachtet sie, dass die beiden im Mai 2018 neu in die Liste aufgenommenen Institutionen Swiss Jazz Orchestra Bern und Schlossmuseum Jegenstorf nun auch 4-jährige Verträge erhalten.

Mit der vorgelegten Kostenaufteilung und dem Festhalten an der bisherigen Regel von 12 Prozent Kostenanteil für die Regionsgemeinden ist die Kommission einverstanden. Ebenso mit der grösseren Mehrbelastung der Stadt Bern für 2020 und 2021 von je 47‘281 Franken aufgrund des vorgeschlagenen Abfederungsmechanismus für Härtefälle.

Weiter weist die Kommission darauf hin, dass in Zukunft bei der Zusprechung von Unterstützungsbeiträgen vermehrt auf die Unterscheidung zwischen Investitions- und Betriebskostenkosten der unterstützten Institutionen geachtet werden sollte. So wäre es sinnvoll, einen Mechanismus zu finden, mit dem auch die Sanierungs- beziehungsweise generellen Investitionskosten der Institutionen einer gemeinsamen Finanzierung – beispielsweise über einen Fonds – zugeführt werden könnten. Bisher erfolgte eine solche Mitfinanzierung der Gemeinden auf freiwilliger Basis, wie kürzlich bei der Sanierung des Stadttheater Bern. Dies erscheint der Kommission jedoch als nicht angemessen.
 

Machtverhältnisse in der globalen Popmusik

Eine interdisziplinäre Tagung, die vom Institut für Musikwissenschaft der Universität Bern vom 18. bis 20. Oktober mitorganisiert wird, macht die Verankerung von populärer Musik in einer global vernetzten Welt zum Thema.

(bild: Webseite der Tagung)

Fragen nach Macht, Position, Zugang und Repräsentation prägen die Produktion, Distribution und Rezeption von populärer Musik gestern und heute. In Nigerias Hip-Hop-Kultur führt die Globalisierung des Popmarktes etwa dazu, dass der freie Umgang mit Samples zu verschwinden droht: Der Druck, die internationalen Copyright-Regelungen zu übernehmen, ist zu gross geworden. Oder in Ägypten bleibt Musikerinnen und Musikern ohne Kreditkarte der Zugang zum Online-Musikmarkt verwehrt. «Diese Phänomene wissenschaftlich zu untersuchen und die komplexen Dynamiken darin aufzuzeigen, das ist das Ziel dieser Konferenz», so Hannes Liechti von der Hochschule der Künste Bern, Co-Organisator der Tagung.

Eine grosse Themenvielfalt und internationale Besetzung prägen das Programm. So werden nebst dem deutschsprachigen Raum Forschende aus den USA, der Türkei, Finnland und weiteren Ländern ihre Ergebnisse präsentieren. Den Beginn macht Jenny Mbaye, eine renommierte Musik- und Medienforscherin von der City University in London, die in der Keynote der Konferenz kosmopolitische Musikpraxen im urbanen Afrika thematisiert. Vorträge zum Eurovision Song Contest, zu Popmusik im postsozialistischen Kontext, zur Rolle von Musik nach der ägyptischen Revolution und zum Stellenwert von Musik für afghanische Flüchtlinge in Europa sind nur ein kleiner Auszug aus dem deutsch- und englischsprachigen Programm. Im Bestreben, die Kluft zwischen Wissenschaft, musikalischer Praxis und medialer Präsentation zu verringern, werden die Künstler Ali Gur Pir (Pakistan) und Umlilo (Südafrika) mit künstlerischen Interventionen auf die Vorträge reagieren. Die Installation «Arkestrated Rhythmachine Komplexities» des ARKollektive schliesslich macht die komplexe Verbreitungsgeschichte von Pop und Poprhythmen sowie deren technische Notwendigkeiten sicht- und hörbar.

Die Tagung wird organisiert in Zusammenarbeit der Hochschule der Künste Bern, dem Institut für Musikwissenschaft der Universität Bern sowie dem in Bern ansässigen Musikrecherche-Netzwerk Norient. Künstlerische Interventionen und eine Sound-Medien-Installation begleiten die wissenschaftliche Auseinandersetzung.

Mehr Infos: http://www.musik.unibe.ch/forschung/tagungen/poppowerpositions/index_ger.html

Lionel Friedli erhält Bieler Kulturpreis

Der Kulturpreis der Stadt Biel 2018 geht an den Jazzschlagzeuger Lionel Friedli. Der Preis wird auf Antrag der Kulturkommission vergeben. Die Preisübergabe findet am 30. Oktober 2018 im Farelhaus statt.

Lionel Friedli im Jazz Club Unterfahrt München (Bild: Wikimedia/OhWeh)

Der Jazzschlagzeuger Lionel Friedli erhält den Kulturpreis der Stadt Biel 2018 als Zeichen der Anerkennung für seine beispielhafte Jazzmusikerkarriere. Als wahrer Botschafter der Bieler Kultur in aller Welt tritt Lionel Friedli regelmässig sowohl in der ganzen Schweiz als auch im Ausland (USA, Europa, Asien, Lateinamerika und Australien) auf und spielt jährlich insgesamt mehr als 130 Konzerte.

Lionel Friedli ist an etwa zwanzig musikalischen Formationen und Projekten aktiv beteiligt und offen für die verschiedensten Trends. Er ist ein Meister der freien Improvisation sowie des modernen, experimentellen Jazz. Im Jahr 2015 hat ihn die Fondation Suisa mit dem prestigeträchtigen Jazzpreis ausgezeichnet.

Der Bieler Gemeinderat verleiht gleichzeitig der Schweizerischen Plastikausstellung die Ehrung für kulturelle Verdienste 2018, um ihr herausragendes Engagement im Bereich der bildenden Kunst zu würdigen. Dank dieser Veranstaltung ist es seit 1954 gelungen, die Werke berühmter Künstler nach Biel zu holen, wo sie in einem ungewohnten Kontext gezeigt werden konnten.

Die Feier zur Verleihung des Kulturpreises der Stadt Biel und der Ehrung für kulturelle Verdienste findet am 30. Oktober 2018 im Farelhaus statt und beginnt um 18.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.
 

Ein Strauss von Literatur

Neuere Kompositionen für Alt- und Tenorsaxofon von Hywel Davies, Mike Cornick, Linus Köhring, Aleksey Igudeman und Fazil Say.

Foto: Rainer Sturm/pixelio.de

Ein schöner Ausflug in die englische Grafschaft Somerset gefällig? Der Arrangeur und Komponist Hywel Davies ermöglicht uns diese Reise mit dem Tenorsaxofon in die lebendige Vergangenheit der britischen Folkmusik. Er hat einige von Cecil Sharp gesammelte Volkslieder in gelungener Weise arrangiert und sie um frische und kreative Eigenkompositionen bereichert. Dieser Sammelband mit klangvoller und pointierter Klavierbegleitung – für Nichtpianisten gut zu meistern – ist für Schüler und Schülerinnen eine leicht zu nehmende Hürde mit grösstmöglichem Spassfaktor und birgt für die Lehrperson Erweiterungspotential im Bereich Improvisation auf der Basis der vorhandenen Thematik (Balladen, Sea Shanties und Work Songs).Image

Ebenso erfrischende Skizzen in der Besetzung Altsaxofon und Klavier sind die Three Latin Sketches von Mike Cornick. Die drei kleinen Stücke haben lateinamerikanischen Schwung, einen Hauch Melancholie von Blues und Tango und werden durch die geforderte Interaktivität den Zuhörerinnen und Zuhörern an Vortragsabenden viel Freude bereiten.Image

Weitere Trouvaillen lohnt es sich kennenzulernen, darunter das Stück des jungen Kompositionstalents Linus Köhring mit dem autobiografischen Titel Ein Wiener in Amerika. Dieses achtminütige Konzert für Altsaxofon und kleines Orchester befasst sich in klischeehaft-ironischer Weise mit der Musik der beiden Länder und endet laut Komponist mit einem «höllischen» Walzer.Image

 Auf andere Art furios schliesst das Trio für Altsaxofon, Violine und Klavier von Aleksey Igudesman. Take It To Eleven ist eine sprühende, effektvolle Komposition, die der Balance zwischen Saxofon und Violine Rechnung trägt und ein beherztes instrumentales Spiel auf höherem Niveau erfordert.Image

Saxofonistisch noch anspruchsvoller ist die Suite von Fazil Say für Altsaxofon und Klavier, welche Nobuya Sugawa gewidmet ist. Hier werden Flexibilität im Umgang mit wechselnden ungeraden Metren sowie spieltechnische Fähigkeiten im Bereich Slap, Flatterzunge und Altissimo verlangt. Der Bogen über die sechs Sätze wird von improvisatorischen Ideen, musikalischen Partikeln und einer bildhaften freien Formgebung getragen. Diese Musik ist von Expressivität durchströmt und spiegelt in gewisser Weise auch die engagierte Geisteshaltung des Komponisten wider, die sich gegenüber einem befreiten Musizieren sehr offen zeigt.Image

Hywel Davies: Folk Roots für Tenorsaxofon und Klavier, BH 13309, € 17.99, Boosey & Hawkes, London

Mike Cornick: Three Latin Sketches, Drei Konzertstücke im lateinamerikanischen Stil für Altsaxofon und Klavier, UE 21712, € 16.95, Universal Edition, Wien

Linus Köhring: Ein Wiener in Amerika, Konzert für Altsaxofon und kleines Orchester, Klavierauszug, D 05490, € 16.95, Doblinger, Wien 2017

Aleksey Igudesman: Take It To Eleven für Altsaxofon, Violine und Klavier, UED3667700, ausschliesslich als Download erhältlich, Universal Edition, Wien

Fazil Say: Suite für Altsaxofon und Klavier op. 55, ED 22267, € 49.00, Schott, Mainz

Sinfonischer Atem

Die sechssätzige Sonate in h-Moll ist wohl nicht Carl Czernys Meisterwerk, aber eine durchaus originelle Ausgestaltung des Gattungsmusters.

Carl Czerny, LCarl Czerny, Lithographie von Josef Kriehuber 1833. Wikimedia commons

«Carl Czerny war vielleicht der grösste Pianist, der fast nie auftrat, und der grösste Komponist, der in Vergessenheit geriet», schreibt Iwo Zaluski in seinem Vorwort zur Neuausgabe von Czernys neunter Klaviersonate. Er zählt ihn neben Beethoven und Schubert sogar zum «grossen Triumvirat» der klassischen Klaviersonate. Diese Aussagen sind natürlich in höchstem Masse anfechtbar. Was das «Triumvirat» betrifft, sollte man Haydn und Mozart nicht so achtlos übergehen. Und es ist auch nicht wahr, dass Czerny als Komponist in Vergessenheit geraten ist. Allerdings kommen einem da nicht unbedingt seine Klaviersonaten in den Sinn. Diese würden tatsächlich mehr Beachtung verdienen.

Seine neunte in h-Moll op. 145 hat nun Iwo Zaluski bei Doblinger neu herausgebracht. Ungewöhnlich die formale Anlage: sechs Sätze, darunter eine freie Fuge als Abschluss. Das erinnert eher an Beethovens späte Streichquartette als an eine klassische Sonate. Auch die harmonische Sprache ist stellenweise ungewöhnlich apart. Die melodischen Phrasen sind sehr weiträumig gestaltet, besonders im langsamen dritten Satz (Adagio molto espressivo) – wohl dem Höhepunkt des Werkes –, der von einem geradezu sinfonischen Atem beseelt ist.
Eigentlich erstaunlich: den schwächsten Eindruck macht die pianistische Ausarbeitung dieser Musik. Der Klaviersatz ist zwar bequem zu spielen, leidet aber darunter, dass gerade die vielen Begleitfloskeln stereotyp und einfallslos klingen.

Wer den Komponisten Czerny «at his best» erleben möchte, greift da besser zur vierhändigen Grande Sonate in f-Moll op. 178, einem ungewöhnlich leidenschaftlichen und farbigen Werk, ganz im Geiste der Appassionata seines Lehrers Beethoven.

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Carl Czerny: Sonate Nr. 9 h-Moll op. 145, hg. von Iwo Zaluski, Diletto Musicale DM 1470, € 18.95, Doblinger, Wien 

Paul Huber zum Hundertsten

Eine reich bebilderte Biografie des Komponisten von Hanspeter Spörri sowie das Verzeichnis sämtlicher Werke, zusammengestellt von Bernhard Hangartner und Eva Martina Hanke.

Paul Huber am Klavier 1988. Foto: Hanspeter Schiess, Trogen

Dass Paul Huber (1918–2001) eine markante Persönlichkeit war und wichtig für St. Gallen, zeigte sich nicht nur anlässlich der Enthüllung seiner Statue im Huberpärkli, über die Thomas Scheitlin, Stadtpräsident von St. Gallen, in seinem Geleitwort zum neu erschienenen Band über den Komponisten und Musikpädagogen schreibt. Auch die grosse Zahl interessierter Musikliebhaber, die sich im vergangenen Februar zur Vernissage eben dieses von der Paul-Huber-Gesellschaft initiierten Buches einfand, lässt daran keinen Zweifel.

Der erste Teil enthält eine biografische Skizze, liebevoll zusammengestellt von Hanspeter Spörri. Paul Huber wurde als zweiter Sohn in eine Bauernfamilie geboren und musste mit zehn Jahren den Verlust von Vater und Mutter hinnehmen. Durch die Pflegefamilie kam er zur klassischen Musik. Ausbildung am Konservatorium Zürich in Klavier, Orgel, Schulmusik und den theoretischen Fächern, kurzer Ausflug nach Paris zu Nadia Boulanger, Wahl zum Hauptlehrer für Gesang und Klavier an der Kantonsschule St. Gallen, Familiengründung, Konzerte und Konzertreisen: Stationen eines erfüllten Lebens. Viele Ehrungen wurden ihm zuteil, von ihm besonders geschätzt der Ehrendoktortitel der Universität Fribourg.

Bereits 1993 erschien ein Huber-Werkverzeichnis, herausgegeben von Max Lütolf und Bernhard Hangartner. Letzterer hat es nun zusammen mit Eva Martina Hanke aus Anlass des 100. Geburtstages ergänzt. Es enthält 460 Titel, wobei eine besondere Neigung zur geistlichen Musik und eine Affinität zur Blasmusik festzustellen sind.

Die das Werkverzeichnis einleitende Würdigung des kompositorischen Schaffens fusst weitgehend auf dem Vorwort Max Lütolfs von 1993. «Obschon er immer wieder den Zugang zum Verstehen der Neueren Musik suchte, blieb die Moderne … in seinem Schaffen bedeutungslos», schreibt dieser; massgebendes Vorbild war für Paul Huber Zeit seines Lebens die Persönlichkeit und die Musik Anton Bruckners.

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Paul Huber – der Komponist und sein Werk, hg. von Bernhard Hangartner, Eva Martina Hanke und Hanspeter Spörri, 233 S., Fr. 29.50, VGS Verlagsgenossenschaft St. Gallen 2018, info@vgs-sg.ch, ISBN 978-3-7291-1167-7

Musiker wisse, was du tust

Das jüngste Buch von Brigitte Bryner-Kronjäger ist ein umfassendes Grundlagenwerk zu allen Aspekten des Instrumental- und Gesangsunterrichts.

Foto: Paulwip/pixelio.de

Vor 30 Jahren schien Brigitte Bryner-Kronjäger mit ihrem ersten Buchtitel Üben ist doof (Ko–Autor Peter Schwarzenbach) Generationen von Schülerinnen und Schülern aus dem Herzen zu sprechen. Wer das Buch aber las, stellte schnell fest, dass Üben – vorausgesetzt man tue es richtig – eben gerade nicht doof ist, sondern Spass machen kann. Diese umfassende und zu jener Zeit revolutionäre Untersuchung stellte einiges von dem, was man sich unter Üben und Unterrichten vorstellte, auf den Kopf und ins rechte Licht: Es gelte, den Erfolg zu wiederholen, nicht auf den Fehlern herumzureiten – dies die verblüffend naheliegende Quintessenz. 30 Jahre Erfahrung als Flötistin und Didaktikerin liegen zwischen diesem ersten und ihrem jüngsten Buch Mein Sprung ins Spiel. Über die Wechselwirkung von Vorspielen/Vorsingen und Üben. Dazwischen erschienen von der Autorin Querfeldein (2001) und Treffpunkt Unterricht (2010).

Mein Sprung ins Spiel darf als Résumé von Bryner-Kronjägers Schaffen gelten. Das Werk ist zugleich Grundlagenbuch, Lehrbuch fürs Studium, Arbeitsbuch, praktische Anleitung und Nachschlagewerk für die Unterrichtspraxis und für Auftritte. Die Autorin bedient sich darin des Bildes eines Musikhauses mit Spiel-, Übe-, Rhythmuszimmer, Gruppenraum und Konzertsaal, ein Kniff, der bewusst machen soll, womit man musikalisch gerade zugange ist, in welchem «Zimmer» man sich gerade aufhält.

Zunächst wird das Kontinuum von Lernen und Spielen anhand der liegenden Acht verdeutlicht, welche die Wechselwirkung der beiden Tätigkeiten symbolisieren soll. Das Spiel wird demnach nicht allein als Erfüllung und Ziel der Vorbereitung gesehen, sondern es ist ebenso Vorgabe zu erneutem Üben; es bildet sich quasi ein Kreislauf. Die Autorin prangert wiederholt das weit verbreitete Phänomen des Vermischens von Üben und Spielen an – einen der Hauptgründe für Misserfolgserlebnisse.

Ein Grundlagenbuch ist das Werk deshalb, weil es zu jedem Thema detaillierte Hintergrundinformationen liefert. Zu jedem Kapitel gibt es Herleitungen und Definitionen. Die Besonderheiten des Musikspiels werden im Kontrast mit anderen Arten des Spiels hervorgehoben, dem Übeprinzip werden grundsätzliche Prinzipen des Lernens und Memorierens vorangestellt, Atmung und Haltung erhalten besondere Aufmerksamkeit, der Begriff Rhythmus wird eingehend erläutert, das Spielen und Üben in der Gruppe psychologisch abgestützt und das Konzerterlebnis vor dem Hintergrund der Begriffe Erfolg und Misserfolg sowie des Lampenfiebers bewertet. Allen Teilbereichen sind Übungsanleitungen und Checklisten zugeordnet, die leicht nachgeschlagen werden können.

Dieses umfassende Werk für Allgemeine Didaktik erspart jedem Instrumental- oder Gesangsstudierenden viel Arbeit, denn es steht alles drin, was künftige Musikerinnen und Musiker über Lernen und Spielen wissen müssen.

Im Anhang findet sich eine übersichtliche, mit Arbeitsanleitungen versehene Stilkunde von Heinrich Baumgartner mit dem Titel «City of Music».

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Brigitte Bryner-Kronjäger: Mein Sprung ins Spiel. Über die Wechselwirkung von Vorspielen/Vorsingen und Üben,
288 S., € 34.00, Musikverlag Burkhard Muth, Fernwald 2017, ISBN 978-3-929379-45-7

Puccini als Orgelkomponist

Vor seinen Meisterwerken für die Opernbühne schrieb der junge Giacomo Puccini auch Werke für Orgel.

Der Dom von Lucca, eine der Wirkungsstätten des jungen Puccini. Foto: Oliver Weber/pixelio.de

Für jene, die sich beim Betrachten dieser Partitur die Augen reiben, sei es grad vorneweg gesagt: Ja, es handelt sich um den Komponisten von Tosca oder Turandot, und nein – mit dem Stil Puccinis, den man von der Opernbühne kennt, haben die hier veröffentlichten 7 Sonaten, 6 Versetti und 4 Märsche nur wenig zu tun. Als Abkömmling einer Musikerfamilie, die über vier Generationen das Musikleben der Stadt Lucca prägte – sein Vater war u. a. Domorganist –, gelangte Giacomo Puccini sicher schon sehr früh in Kontakt mit Kirchenmusik, erlernte das Orgelspiel und trat als Organist zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Von 1872 bis 74 war er als Assistenz-Organist der Kathedrale angestellt und bis 1882 wirkte er an der Kirche San Girolamo. Aus dieser Zeit scheinen auch die bisher unveröffentlichten insgesamt 61 Orgelwerke zu stammen, von denen Carus hier eine Auswahledition präsentiert; eine komplette Publikation scheint in der Puccini-Gesamtausgabe geplant zu sein.

Auch wenn man noch wenig von Puccinis späterem Klang-Raffinement spürt, reiht er sich mit diesen Werken doch in eine Tradition ein, die von Komponisten wie Vincenzo Petrali oder Padre Davide da Bergamo geprägt worden war: schwungvolle, an Blasmusik oder Rossini-Opern erinnernde, durchwegs kurze und leicht zu spielende Sätzchen, die einen selbstsicheren, bereits souverän schreibenden Komponisten verraten und hie und da sogar schon eine Rückwendung zu einem «seriöseren» Stil kirchenmusikalischen Komponierens andeuten. Parallel zur Notenedition hat der niederländische, in Bologna wirkende Organist Liuwe Tamminga beim Label Passacaille übrigens eine Einspielung dieser Werke vorgelegt (PAS 1029). Dank Orgeln, die Puccini gekannt oder gespielt haben könnte, vermittelt sie einen guten Eindruck davon, wie sich auch eine auf dem Papier etwas simpel wirkende Musik auf einem passenden Instrument grandios orchestrieren lässt. Eine wertvolle Bereicherung des italienischen Repertoires also, für einmal von einem grossen und bekannten Komponisten, vielseitig verwendbar in Gottesdienst und Konzert – und mit Erfolgsgarantie!

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Giacomo Puccini: Sonate, Versetti, Marce – Ausgewählte Orgelwerke, hg. von Virgilio Bernardoni, CV 18190, € 28.00, Carus, Stuttgart 2018

Staatsoberhäupter diskutieren kulturelle Teilhabe

Die Staatsoberhäupter der deutschsprachigen Länder, die dieses Jahr turnusgemäss in der Schweiz zu ihrem Sechsertreffen zusammengekommen sind, haben über das Thema kulturelle Teilhabe diskutiert. Sie besuchten auch das Origen-Theaterhauses auf dem Julierpass.

Juliertheater, Theaterhaus auf dem Julierpass. Foto: Lino Schmid

Bundespräsident Berset sagte in seiner Erklärung zum Schwerpunkt-Thema, Gesellschaften seien dann stark, wenn sich möglichst alle mit ihrem Potenzial einbringen können. Er unterstrich die gesellschaftliche Bedeutung der Kultur. Je vielfältiger unsere Gesellschaften würden, desto mehr bräuchten wir die Kultur, um diese Komplexität zu spiegeln und uns in ihr wiederzuerkennen.

An den offiziellen Gesprächen nahmen neben Bundespräsident Berset der Grossherzog von Luxemburg, Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein, der König der Belgier, der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen und der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier teil. Sie tauschten sich unter anderem auch aus über die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit zur Lösung globaler Fragen, den Druck auf die staatlichen Institutionen und die europäische Zusammenarbeit. Zur Sprache kam auch die Migrationspolitik.

Am Sechsertreffen in Graubünden nahmen auf Einladung von Bundespräsident Berset und dessen Gattin Muriel Zeender Berset auch die Ehepartnerinnen der Staatsoberhäupter der deutschsprachigen Länder teil. Zum Abschluss des Anlasses sah das Programm einen Besuch des Origen-Theaterhauses auf dem Julierpass vor. Die jährlichen Treffen der deutschsprachigen Staatsoberhäupter finden seit 2004 statt und werden abwechselnd von den Teilnehmerländern ausgerichtet. Die Schweiz war zuletzt 2012 Gastgeberin.

Unbekannte Kammermusik

Der Pan-Verlag hat Werke des Cellovirtuosen Johann Benjamin Gross aus der Zeit der Frühromantik zugänglich gemacht.

Johann Benjamin Gross, Zeichnung von unbekanntem Autor, vor 1848. Wikimedia commons

Johann Benjamin Gross (1809–1848) war Solocellist am Gewandhaus Leipzig und spielte ab 1837 im kaiserlichen Orchester in Sankt Petersburg. Bis vor Kurzem waren die Werke des Mendelssohn- und Schumann-Zeitgenossen beinahe vollständig vergessen. Der schreibende Virtuose hat den Hauptanteil seiner Kompositionen seinem eigenen Instrument gewidmet, doch er verfasste auch mehrere Streichquartette, war er doch in Russland Kammermusikpartner des berühmten belgischen Geigers Henri Vieuxtemps.

Der Pan-Verlag hat mehrere Werke von Gross erstmals herausgegeben. Auf drei Editionen sei hier im Speziellen hingewiesen:

  • Die dreisätzige Sonate in C-Dur für zwei Celli bewegt sich innerhalb der 1. und 5. Lage, wobei der Komponist die klanglichen Möglichkeiten des eingeschränkten Tonumfangs geschickt ausschöpft. Dank der leichten technischen Anforderungen eignet sich das Werk gut für Unterrichtszwecke. Ein kleiner Abstrich an dieser Erstausgabe: Sie enthält zwei Einzelstimmen, aber keine Partitur.
  • Das Capriccio op. 6 (Pan 1602) über ein Thema aus Étienne-Nicolas Méhuls Oper Joseph in Ägypten für Violoncello und Bass ist ein effektvolles Virtuosenstück, welches mit seiner Variationsform dem Zeitgeist der Frühromantik entspricht. Während die Solostimme brillante Bogentechnik und sicheres (Daumen-)Lagenspiel verlangt, ist der Bassstimme reine Begleitfunktion zugewiesen.
  • Die Sonate h-Moll op. 7 für Cello und Klavier (Pan 1603) steht stilistisch Mendelssohn nahe und stellt eine bedeutende Bereicherung des Duo-Repertoires aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dar. Zusammen mit Liedern und dem Streichquartett f-Moll op. 37.3 ist sie beim Label Laborie Records eingespielt worden (Interpreten: Quatuor Mosaïques; Michael Dahmen, Bariton; Yoko Kaneko, Klavier; Christophe Coin, Violoncello).
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Johann Benjamin Gross: Sonate C-Dur für 2 Violoncelli, hg. von Folckert Lüken-Isberner, PAN 1600, € 10.00, Pan, Kassel

id.: Capriccio op. 6 für Violoncello und Bass, PAN 1602, € 16.00

id.: Sonate h-Moll op. 7 für Violoncello und Klavier, PAN 1603, € 19.00

Überzeugender Teil eines grossen Ganzen

Chor und Orchester der J. S. Bach-Stiftung St. Gallen führen kontinuierlich alle Bach-Kantaten auf und geben sie auf CDs gesammelt heraus. Auf der Nr. 20 finden sich BWV 67, 96 und 121.

Foto: J. S. Bach-Stiftung St. Gallen

Spektakuläres kommt manches Mal ganz unscheinbar daher. Das schlichte orangefarbene Cover kommt ohne Foto aus. Die Namen der Solisten sucht man vergeblich. Dirigent Rudolf Lutz geht es mit seinem auf alten Instrumenten spielenden Orchester der J.S. Bach-Stiftung St. Gallen um die Sache – eine auf 25 Jahre ausgelegte Gesamtaufführung von Bachs Vokalwerk inklusive Ton- und Videoaufnahmen (s. Schweizer Musikzeitung 9/2009, S. 14 f.).

Musikalisch wird auf der zwanzigsten CD des ambitionierten Projekts mit den Pfunden gewuchert. Die Textverständlichkeit ist durchwegs hervorragend. Der Chor der J.S. Bach-Stiftung glänzt mit Beweglichkeit und Transparenz, die Solisten überzeugen mit kluger Phrasierungskunst und vielen Klangfarben. In der Kantate BWV 96 Herr Christ, der ein‘ge Gottessohn zieht Special Guest Maurice Steger an der Sopranino-Blockflöte kunstvolle Linien. Der schnelle Eingangschor kommt ganz leichtfüssig und tänzerisch daher. Die Liegetöne im Orchester sind lebendig, die Artikulation ist immer sprechend. Jan Börners Altus berührt genauso wie Noëmi Sohn Nads schlackenloser Sopran. Und auch die Arien sind bei Hans Jörg Mammel (Tenor) und Wolf Matthias Friedrich (Bass) in guten Händen.

In der lichten Kantate BWV 67 Halt im Gedächtnis Jesum Christ begeistert der Chor mit lockeren Koloraturen. Und wenn Bassist Dominik Wörner seinen ruhigen Friedensgruss in die aufgewühlten Seelen in Chor und Orchester singt, dann entsteht grosse Theatralik. In der Kantate Christus wir sollen loben schon BWV 121 setzt Andreas Holm an der Oboe d’amore Akzente, während Johannes Kaleschke (Tenor) die Koloraturen in der Arie O du von Gott erhöhte Kreatur perlen lässt. Nur die Schlusschoräle wirken etwas atemlos in dieser anregenden, auf flüssige Tempi und grosse Beweglichkeit setzenden Bach-Interpretation. Aber das kann den hervorragenden Gesamteindruck nicht trüben.

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Bachkantaten Nr. 20 (BWV 67, 96, 121). Chor und Orchester der J.S. Bach-Stiftung, Leitung: Rudolf Lutz. www.bachstiftung.ch

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