Mut zur Lücke

Zusammen mit Kulturwissenschaftler Erik Meyer hat Politikwissenschaftler Claus Leggewie den Band «Global Pop – Das Buch zur Weltmusik» veröffentlicht.

Ausschnitt aus dem Titelblatt

Ende der 1970er-Jahre lebte Leggewie in Algerien, wo er mitverfolgte, wie der Raï, die Volks- und Populärmusik des Maghreb-Staates, zusehends aufblühte. Sowohl der Raï als auch so unterschiedliche Gattungen wie Afro-Beat oder Balkan-Pop werden seit Jahrzehnten unter dem Begriff «Weltmusik» subsumiert. Aus der Sicht der beiden Herausgeber ein überkommener Begriff, «ein koloniales Relikt». Sie bevorzugen die Bezeichnung Global Pop. Laut Leggewie und Meyer steht er «für eine Sammelkategorie aller erdenklicher Stilrichtungen und Regionalursprünge nicht-westlicher, speziell nicht-westlicher Musik».

In einem Interview mit dem WDR sagte Leggewie, das Buch beweise «Mut zur Lücke». In der Tat: Das knapp 400 Seiten starke Werk versteht sich nicht etwa als Lexikon, sondern als Lesequelle mit über vierzig Beiträgen verschiedener Autoren – unter ihnen auch Johannes Rühl, künstlerischer Leiter des internationalen Musikfestivals Alpentöne in Altdorf. Während sich der erste Teil des Bandes darum bemüht, Begriffe wie Folklore, Transkulturalität oder eben Weltmusik zu erläutern, bietet der Folgeabschnitt sauber recherchierte, jedoch nicht abschliessende Porträts einflussreicher Akteure wie des Musikethnologen Brian Shimkovitz, der auf seinem Blog hunderte afrikanischer Musiktapes zugänglich macht, oder des US-amerikanischen Gitarristen Ry Cooder. Dieser hat sich in den vergangenen Jahrzehnten voller Neugier mit wechselnden Stilrichtungen wie Tex-Mex, Mali-Blues oder kubanischem Son auseinandergesetzt und 1996 mit dem Album Buena Vista Social Club die Wiederentdeckung vergessener kubanischer Musiker wie Ibrahim Ferrer ausgelöst.

Kapitel drei thematisiert dann die Marktbegebenheiten hinter der Musik. So beschreibt Klaus Näumann, Professor am Institut für Europäische Musikethnologie der Universität Köln, in seinem Text «Weltmusikfestivals und Festivalisierung der Weltmusik», wie World-Music-Events die Illusion globaler Harmonie und gegenseitiger Akzeptanz suggerierten. In Tat und Wahrheit werde von einer weissen, tendenziell links orientierten Mittelschicht dabei jedoch nur das zelebriert (Musik, Kleidung, etc.), was dem Ideal nicht zuwiderlaufe. Im grössten und abschliessenden Teil präsentiert Global Pop kurze Abrisse zu zahlreichen Genres wie Rembetiko, Highlife oder J-Pop. Diese sind nicht für die Spezialisten der jeweiligen Stilrichtungen gedacht, sondern für Uneingeweihte und Interessierte. Das Buch arbeitet exemplarisch, sprich: Die Schwerpunkte liegen ganz im Ermessen der beiden Herausgeber. Dementsprechend liesse sich nur zu leicht monieren, dass etwa weder der Tango noch Gamelan – die Musikensembles Indonesiens – Eingang ins Buch gefunden haben. Doch das bleibt letztlich Nebensache, denn: Mit Global Pop mag Leggewie und Meyer zwar nicht das definitive Buch zum Thema gelungen sein, dafür eins, das neugierig macht und nicht nur zum vertiefenden Weiterlesen, sondern auch zum Anhören der erwähnten Künstler anregt.

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Global Pop – Das Buch zur Weltmusik, hg. von Claus Leggewie und Erik Meyer, 392 S., Fr. 31.00, J. B. Metzler, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-476-02636-1

Preisträgerinnen des Concours Nicati

In Bern sind die Gewinnerinnen des diesjährigen Concours Nicati bestimmt worden. Den Wettbwerb für die Interpretation zeitgenössischer Musik haben zwei Klarinettistinnen und eine Geigerin gewonnen.

(v.l.n.r.): HannaH Walter, Azra Ramic, Shuyue Zhao (Bild: zvg)

Der mit 16’000 Franken dotierte erste Preis ging an die Klarinettistin Shuyue Zhao, der mit 14’000 Franken dotierte zweite Preis an die Geigerin HannaH Walter. 10’000 Franken konnte die Klarinettistin Azra Ramic für den dritten Preis entgegennehmen. Shuyue Zhao, 1990 in China geboren, studierte an der Hochschule der Künste Bern (HKB) bei Ernesto Molinari. Im Juni dieses Jahres hat sie bereits den Eduard-Tschumi-Preis für die beste Solistenprüfung der HKB erhalten.

Die 1989 geborene HannaH Walter schloss 2016 einen Master für zeitgenössische Musik an der Musikhochschule Basel mit Auszeichnung ab. Derzeit absolviert sie einen Master für Transdisziplinarität an der Zürcher Hochschule der Künste. Azra Ramić, geboren 1989, beendete 2013 den Master in Music Performance für Klarinette an der Hochschule der Künste Bern. 2015 folgte ein Masterabschluss mit Auszeichnung für Bassklarinette an derselben Hochschule.

Der Concours Nicati, ein Interpretationswettbewerb für zeitgenössische Musik der Schweiz für professionelle Musikerinnen und Musiker, wird im zweijährigen Turnus in der Hochschule der Künste Bern veranstaltet.
 

In Ruhe Schlemmen dank «Operngarantie»

Kulturfans kommen im September wieder auf ihre Kosten: dann startet das Opernhaus Zürich in die neue Saison. Dass beim Opern- oder Theaterbesuch aber auch die Kulinarik nicht zu kurz kommt, dafür sorgt das Hotel Ambassador à l’Opera. Im Restaurant Opera können Operngäste bis 90 Minuten vor ihrer Vorstellung gemütlich 3 Gänge essen. Falls nicht, geht die Rechnung aufs Haus.

Restaurant Opera,SMPV

In vielen grossen und berühmten Opernwerken spielt die Kulinarik eine wichtige Rolle. So werden in Gioacchino Rossinis Aschenputtel-Oper «La Cenerentola» üppige Festmähler gefeiert, in Giuseppe Verdis Oper «Falstaff» trifft man sich in der berühmten Schlussszene Andiamo a cena zum grossen Bankett und in Umberto Giordanos «La Cena delle Beffe» kommt die Cena, das grosse Abendessen, sogar im Werktitel seiner berühmten Oper vor.

Auch im Restaurant Opera ist der Name Programm. Dort geniessen Operngäste ein entspanntes Dinner nur wenige Schritte vom Zürcher Opernhaus entfernt. David Krüger, Head Ambassador Küche und Pascal Gloser, Head Ambassador Restaurant, kümmern sich als Gastgeber um das Wohl der Gäste und zaubern kreative Gerichte aus regionalen Produkten. Das 3-Gänge-Menü wird bei einer Reservation bis 90 Minuten vor der Vorstellung pünktlich und garantiert innerhalb von 60 Minuten serviert. Ansonsten übernimmt das Restaurant die Rechnung.

Premium Plätze für Hotelgäste

Zusätzlich zur «Operngarantie» können Hotelgäste ihre Operntickets neu direkt im Hotel beziehen. Für ausgewählte Vorstellungen bietet das Hotel Ambassador à l’Opera jeweils zwei Premium Tickets – Plätze in der Mitte der zweitvordersten Reihe – an.

ÜBER DIE AMBASSADOR & OPERA AG

 

Mit dem einzigartigen Standort im Herzen von Zürich sind die Betriebe Small Luxury Hotel Ambassador à l’Opera****, das Hotel Opera**** sowie das Restaurant Opera seit 1930 erste Wahl für ein anspruchsvolles Publikum. Kunst- und Kulturliebhaber, Geschäftsreisende und Feriengäste aus aller Welt – sie alle kommen in den Genuss von vielen Highlights, die Zürich zu bieten hat: In nur wenigen Schritten am wunderschönen Zürichsee und bei der Oper, in Galerien, in Museen und auf der weltbekannten und exklusivsten Shoppingmeile Bahnhofstrasse sowie in Businesszentren. Im Restaurant Opera werden die Gäste täglich mit regionalen und authentischen Kreationen sowie einer passenden Auswahl aus über 200 Weinempfehlungen verwöhnt.

Weitere Informationen:

 

ambassadorhotel.ch

 

operahotel.ch

Verführung zum Tanz

Leichte bis mittelschwere Tänze aus Flandern und Wallonien für Akkordeon-Solo M2 (Standardbass).

Foto: Poppy – flickr.com

Haben Sie schon einmal Volksmusik aus belgischen Provinzen gehört? Beim Ausprobieren der Stücke in diesem neuen Heft hat es mir richtig «den Ärmel reingenommen»!

Marinette Bonnert und Tommaso Huber haben für Akkordeon-Solo M2 (Standardbass) ein Heft mit leichten bis mittelschweren Tänzen aus Flandern und Wallonien veröffentlicht. Sie zeigen damit einen bunten Querschnitt durch das Repertoire der sehr eleganten, duftigen und filigranen Volks- und Tanzmusik, vor allem aus dem 18. Jahrhundert. Überliefert ist diese Musik handschriftlich, gedruckt oder mündlich in verschiedenen Quellen. Marinette Bonnert stammt selber aus Belgien, bezeichnet sich als Botschafterin der wallonischen Musik und hat die Stücke für diese Publikation sorgfältig ausgewählt. Suiten, bestehend aus Kontratänzen, wechseln sich ab mit einzelnen Tanzsätzen wie Menuett, Polka, Walzer und Schottisch. Tommaso Huber kommt aus Österreich, spielt seit Kindesbeinen Akkordeon und hat Kontrabass studiert. Im Vorwort gehen die beiden auf die Herkunft der Musik etwas ausführlicher ein und in einem separaten, einführenden Abschnitt erklären und illustrieren sie die Art der Bassnotation minutiös. Die Melodiestimmen der einzelnen Stücke sind oft einstimmig gehalten, jedoch von einem harmonisch interessanten Bass getragen. Die Arrangements sind äusserst ansprechend, können auch verführen zu eigenen Ausschmückungen oder regen zu Interpretationen mit dem Einzeltonakkordeon an – eine wahrlich tolle und wertvolle Bereicherung für alle, die sich zur Volksmusik anderer Länder hingezogen fühlen!

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Marinette Bonnert und Tommaso Huber: Dances from Flanders & Wallonia, 23 leichte bis mittelschwere charakteristische Tänze für Akkordeon M2, UE 36123, € 14.95, Universal Edition, Wien 2016

Einfach zu spielende Konzerte

Neu erschienene Violakonzerte von Telemann und Vanhal, mit Solopartien, die sich bis in die 3. Lage bewegen.

Einladung zum Konzert? Foto: Kathryn Rotondo – flickr.com

Telemanns kammermusikalisches Doppelkonzert für zwei Bratschen mit Begleitung einer dritten Bratsche ist eine gute Gelegenheit für Gruppenunterricht. Da der Komponist bei Entstehung dieses Konzertes in Eisenach mit Bach, der damals in Weimar wirkte, befreundet war, setzte er an den Anfang des g-Moll-Mittelsatzes vier choralartige Säulen mit B-A-C-H in der Oberstimme und liess sich im anschliessenden Adagio inspirieren von Vivaldis chromatischer Ausdrucksstärke. Die beiden Ecksätze in B-Dur zeigen eine leicht zu spielende – nur bis 3. Lage – und gut liegende Munterkeit. Continuo-Partitur und Bassstimme vervollständigen die Ausgabe.

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Johann Baptist Vaňhal (1739–1813, tschechisch: Jan Křtitel Vaňhal) setzte sich mit dieser Umsetzung eines Cellokonzertes gegen die damals stiefmütterliche Behandlung der Bratsche ein. Das fröhlich bewegte Konzert ist mittelschwer und benötigt für den Solopart nur 1. bis 3. Lage. Die Fingersätze sind gut, aber unnötig reichlich beigefügt. Die vom Herausgeber geschaffenen Kadenzen sind bedeutend schwieriger als die Solostimme. Sie bewegen sich bis in die 6. Lage und benutzen zahlreiche Doppelgriffe; da könnte vereinfach werden. Insgesamt ist die Neuausgabe aber ein Glücksfall für die Violaspielerinnen und -spieler.

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Georg Philipp Telemann: Concerto B-A-C-H für 2 Solobratschen, Viola III (da braccio/da gamba) und B. c., Rekonstruktion von Klaus Hofmann, EW 1013, € 17.50, Edition Walhall, Magdeburg 2016

Jan Křtitel Vaňhal: Konzert C-Dur für Viola und Orchester, hg. von Vilém Blažek, Klavierauszug und Solostimme, BA 11531-90, € 14.95, Bärenreiter, Prag 2016

Bartók mit O-Ton

Kamillo Lendvay hat ein Jubiläumsstück für Bartók geschrieben, ein abwechslungsreiches Bratschensolo. Donald Maurice and Claudine Bigelow haben Bartóks Violinduette für Bratsche adaptiert und mit einem aufschlussreichen Tondokument versehen.

Béla Bartók nimmt auf, was ihm eine tschechische Bäuerin vorsingt, 1908. Quelle: Paul Griffiths: A Concise History of Modern Music, Thames and Hudson 1978, ISBN: 0-500-20164-1/wikimedia commons

Der 1928 geborene ungarische Komponist Kamillo Lendvay ehrte im Jahr 1995 das 50. Todesjahr von Béla Bartók mit der Komposition einer Studie für Solobratsche, die 2015 endlich ediert wurde. Sie nutzt den ganzen Umfang der Bratsche bis in die Mitte der A-Saite ausdrucksstark; nachdenklich beginnend, in verschiedenen Tempi und spannenden rhythmischen Kombinationen vorwärtsstrebend, mal asymmetrisch beweglich, mal metrisch stampfend und ruhig endend – ein spannendes etwa 7 Minuten dauerndes Solo!

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Die durch Erich und Elma Doflein für ihre Geigenschule initiierten 44 Duette für zwei Violinen in aufsteigender Schwierigkeit komponierte Béla Bartók 1931. Universal hat 36 davon 1994, Atelier-Editionen Röhm alle kürzlich in zwei Bänden und die Editio Musica Budapest (EMB) letztes Jahr in einem Band für Bratsche herausgegeben. Alles ist eine Quinte tiefer und sonst identisch mit der Violinversion. Das Besondere bei EMB: Die Herausgebenden haben von den Duetten in der Bratschenfassung eine CD gemacht: Voices from the Past: Béla Bartók’s Duos & Original Field Recordings, Tantara Records, 2013. Denn Bartók legte diesen Duetten – ebenso wie seinem Mikrokosmos für Klavier – Volksmelodien zugrunde, die er in Algerien, Ungarn, Serbien, Rumänien, in der Slowakei und der Ukraine zum Teil mit einem Edison-Phonographen auf Wachszylinder aufgezeichnet hatte. Diese Aufnahmen können auf der CD für tieferes Verständnis angehört und die Texte der Lieder im Booklet in den Originalsprachen und auf Englisch nachgelesen werden.

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Kamillo Lendvay, Studie für Viola, Z. 14953, Fr. 18.80, Editio Musica Budapest 2015

Béla Bartók: 44 Duos für 2 Violen, transcribed by Donald Maurice and Claudine Bigelow, Z. 14970, Fr. 22.70, Editio Musica Budapest 2016

Just do it

Ein neues Unterrichtsjahr hat begonnen. Das ist ein guter Moment, um einige Vorsätze zu fassen. Zum Beispiel: endlich richtig Noten lesen lernen.

Illustration: Viviane Stucki
Just do it

Ein neues Unterrichtsjahr hat begonnen. Das ist ein guter Moment, um einige Vorsätze zu fassen. Zum Beispiel: endlich richtig Noten lesen lernen.

Bis jetzt hast du dich vielleicht erfolgreich durchgeschummelt. Du kannst dich gut an Melodien erinnern, und deine Lehrperson hat dir die Stücke immer vorgespielt. Oder du weisst zwar, wo welcher Ton zu spielen ist, aber wie die schwarzen Dinger so genau heissen, das war dir nicht so wichtig.

FÜNF SCHLAGENDE ARGUMENTE FÜR DAS NOTENLESEN

1. Es gibt nur 7 verschiedene Notennamen – He, das Alphabet hat 26 Buchstaben!!!
2. Mit diesen 7 und einigen # und b kannst du unzählige Stücke spielen. Du siehst, Aufwand und Ertrag stehen in einem super Verhältnis.
3. Grafische Partituren (ohne Noten, nur mit Zeichen) machen Spass und können
zu toller Musik führen, aber den neusten Hit von Stärneföifi/Beyoncé kannst du damit
nun einmal nicht nachspielen.
4. Wenn du zu Hause nicht mehr weisst, wie ein Stück klingt, musst du nicht die
ganze Woche alte Stücke spielen.
5. Musik machen und die Noten nicht kennen ist etwas wie Fussball spielen und
nicht wissen, was ein Elfmeter ist.

Überzeugt? Na dann los!

Klaus Kauker hat auf seiner Website einen Bastelbogen (PDF) für Notenkarten aufgeschaltet. Du kannst ihn hier herunterladen:

Link zu Klaus Kaukers Bastelbogen

Schneide die Kärtchen an den Linien aus und klebe sie auf etwas stärkeres Papier. Notiere auf die Rückseite die Notennamen.

Lege 5 zufällig ausgewählte Notenkärtchen auf den Notenständer.
Sage den Namen des Tons UND spiele ihn auf deinem Instrument.
Mach das jeden Tag mindestens 3-mal

Wenn du das mehr oder weniger fehlerfrei kannst: Erhöhe das Tempo und
die Anzahl Notenkärtchen.

 

 

 

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Konzeptuelle Musik

Ein Kompendium musikalischer Konzepte zusammengestellt und in eine Ordnung gebracht von Urs Peter Schneider.

Ensemble Neue Horizonte Bern. Foto: Thomas Batschelet

Hunderte und Aberhunderte von Konzepten dürften es gewesen sein, die das Ensemble Neue Horizonte Bern im Lauf der Jahrzehnte ausgeführt und erprobt hat, Partituren, die oft nur aus verbalen Spielanweisungen bestehen, die der Imagination grossen Spielraum lassen, die aber dennoch genau interpretiert sein wollen. So bildet sich Erfahrung, und die muss jeder für sich selber an den Stücken (wieder)holen. Da das Interesse an Konzeptmusik in den letzten Jahren stark gestiegen ist, kommt es gelegen, dass hier nun einer der Horizöntler, Urs Peter Schneider, aus seinem Erfahrungsschatz ein Kompendium zusammengestellt hat: Der im Aart-Verlag erschienene Band Konzeptuelle Musik ist einerseits eine Anthologie, keineswegs vollständig, worauf eine Liste weiterer Konzeptstücke verweist, und ein ungemein reichhaltiges Lesebuch. Die grossen Namen finden sich da, Fluxus, Cage, Wolff, aber auch viel Helvetisches und so manches auch, das schon wieder vergessen ist.

Das Buch, entstanden als Forschungsprojekt an der Hochschule der Künste Bern, bietet freilich keine Geschichte der konzeptuellen Musik, keine Definitionen und Abgrenzungen (auch nicht von den aktuellen Strömungen) und also keine Theorie, ordnet andererseits aber die abgedruckten Konzepte dennoch nach einem simplen Buchstabensystem ein. Zu LaMonte Youngs berühmtem Stück Ziehe eine gerade Linie und folge ihr etwa: A2 (Alltagshandlungen), H1 (Haltungen), K6 (Kontinuität), M5 (Minimalistisches), N2 (Nuancen), N3 (Nüchtern), R2 (Raum), R5 (Rezept), S2 (Schrift), S9 (Still), T1 (Tanz), U3 (Unikat) – und damit kriegt man denn doch die Ahnung einer typisch schneiderschen Ordnung, einer Art Theorie oder zumindest davon, was für Konzepte wichtig und charakteristisch ist. Ein Kommentarteil ordnet drittens wenigstens einige der Konzeptstücke ein, erklärt, bedenkt, berichtet von Aufführungen und macht deutlich, dass es sich um eine sehr praxisorientierte Auswahl handelt. Von da her und von nun an ist diese Anthologie ein absolutes Muss für den Performance-Unterricht.

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Urs Peter Schneider: Konzeptuelle Musik. Eine kommentierte Anthologie, hg.von Thomas Gartmann und Marc Kilchenmann, 370 S., Fr. 35.00, Aart-Verlag, Bern 2016, ISBN 978-3-9524749-0-7

Buchvernissage und Konzert
Sa. 21. Oktober 2017, 19 Uhr
Hochschule der Künste Bern, Grosser Konzertsaal,
Papiermühlestrasse 13d, 3014 Bern
Studierende der HKB, Ensemble Neue Horizonte Bern
Leitung Urs Peter Schneider

strapazieren

Der Traumberuf «Musiker» oder «Musikerin» hat Kehrseiten; manchmal ärgert sich das Publikum im Konzertsaal, nicht überall eignet sich das Klima für klassische Musik, allzu oft soll Musik neben Kunstgenuss noch anderes bewirken und schliesslich fordert sogar die Musikzeitung ihre Leserinnen und Leser zu Antworten auf.

strapazieren

Der Traumberuf «Musiker» oder «Musikerin» hat Kehrseiten; manchmal ärgert sich das Publikum im Konzertsaal, nicht überall eignet sich das Klima für klassische Musik, allzu oft soll Musik neben Kunstgenuss noch anderes bewirken und schliesslich fordert sogar die Musikzeitung ihre Leserinnen und Leser zu Antworten auf.

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Focus

 

Es nervt!
Lieblingsärgernisse rund um die Musik

Quand le métier de musicien fatigue
Musicien, un métier de rêve ? Oui, bien sûr, mais un métier aussi très éprouvant

Zu heiss für klassische Musik
Eindrücke aus Manaus

Genauer als alle Sprachen
Interview mit dem Genfer Psychologen Klaus Scherer

15 Fragen zur Schweizer Musikzeitung
Link zur Leserumfrage

 

… und ausserdem

RESONANCE


Fragen und Fragmente — Festival Rümlingen

Die Spielwiese als Experimentierfeld — Davos-Festival

Aus dem öffentlichen Raum verschwunden — Singen, Summen, Pfeifen

Un serpent à musique — ≪ πton ≫ des frères Decosterd

Carte blanche für Hanspeter Künzler

  

SERVICE

Mit Volldampf in die Herbstsaison  — einige Veranstaltungstipps
 

FINALE


Rätsel
— Pia Schwab sucht


Reihe 9

Seit Januar 2017 setzt sich Michael Kube für uns immer am 9. des Monats in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

Link zur Reihe 9


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Zum Hundertsten!

Zu diesem ganz aussergewöhnlichen Geburtstag ist bei VD-Gallo ist eine CD mit Aufnahmen aus den 40er- und 50er-Jahren erschienen: Julien-François Zbinden als Jazzpianist, als Begleiter von Chansons oder als Komponist.

Ausschnitt aus dem CD-Cover

Sympathischer kann man sich einen Gruss zum 100. Geburtstag kaum vorstellen. Kein vergänglicher Blumenstrauss, kein Verlegenheitsgeschenk, kein austauschbares Wort – nein, eine ganze Stunde liebevoll ausgesuchter Musik. Die Kaléidoscope überschriebene CD mit Werken und Aufnahmen von Julien-François Zbinden ist aber weit mehr als eine klingende Liebeserklärung aus den Archiven von Radio Télévision Suisse und dem Studio de Lausanne. Sie dokumentiert ein reiches, noch dazu spielerisches Leben als Pianist und Komponist und ist in diesem Fall weder der Sinfonie noch dem Streichquartett gewidmet, sondern all jenen oftmals an den Rand gedrängten Genres, die im Konzertsaal nicht zu Hause sind oder im heutigen Medienbetrieb ihren angestammten Platz eingebüsst haben: Musik für Blasorchester, die sogenannte «leichte Muse» und das französische Chanson.

Herausgekommen ist ein wundervolles Bouquet voller Raritäten, produziert vor allem in den späten 1940er- und den frühen 1950er-Jahren, bei denen Julien-François Zbinden entweder solistisch mit einem der grossen Jazz-Standards, als Begleiter am Klavier oder als Schöpfer neuer Partituren zu hören ist. Dass Zbinden selbst noch aktiv am Booklet mitgearbeitet hat, zeugt von einer ungebrochenen physischen wie psychischen Vitalität. Möge sie uns noch eine Weile erhalten bleiben!

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Kaléidoscope. À l’occasion du 100ème anniversaire de Julien-François Zbinden. Archives RTS – Radio Télévision Suisse. Gallo CD-1485

Die bevorzugte Linke

Maurice Ravel schrieb sein «Konzert für die linke Hand» im Auftrag des kriegsversehrten Paul Wittgenstein. Die vorliegende Neuausgabe dokumentiert auch die Änderungen, die der Pianist zum Ärger des Komponisten vornahm.

Paul Wittgenstein. Unbekannter Fotograf. Quelle: Bernard Fleischer Moving Images/wikimedia commons

Weshalb eigentlich ist die Klavierliteratur für die linke Hand allein um vieles umfangreicher als jene für die rechte?

Es gibt Gründe der Anatomie: Die Linke ist mit dem Daumen als Melodieführer weitaus besser in der Lage, die ganze Breite der Klaviatur zu bedienen. Zudem verletzen sich Pianisten durch unsachgemässes Üben offenbar eher an der Rechten und sind dann gezwungen, sich eine Zeitlang auf die Linke zu beschränken. Alexander Skrjabin beispielsweise hat in einer solchen Situation sein Prélude et Nocturne für die linke Hand komponiert.

Vor allem aber haben wir den Grossteil dieser Werke Paul Wittgenstein zu verdanken. Der Wiener Pianist verlor im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm und war dennoch entschlossen, seine Karriere gegen alle Widerstände (auch seitens seiner Familie) fortzusetzen. Von Hause aus begütert war es ihm möglich, die berühmtesten Komponisten jener Zeit für Auftragswerke zu gewinnen. Prokofiew, Hindemith, Britten, Richard Strauss, Franz Schmidt und viele andere schrieben Klavierkonzerte für seine Bedürfnisse, letzterer sogar Kammermusik. Keines aber wurde so berühmt und wird so oft gespielt wie jenes von Ravel.

Das war anfänglich nicht vorhersehbar: Wittgenstein realisierte offenbar erst mit der Zeit, was für ein Meisterwerk er da erhalten hatte. Und als Auftraggeber sah er sich berechtigt, ganze Passagen nach seinem Gusto abzuändern, was Ravel natürlich in Rage brachte. Diese Auseinandersetzung und vieles mehr über die Entstehung und Rezeption des aussergewöhnlichen Werkes weiss Christine Baur in ihrer Einführung zur neuen Bärenreiter-Ausgabe spannend zu vermitteln. Die vorzügliche Edition korrigiert nicht nur einige langlebige Irrtümer der Durand-Ausgabe, sondern bringt auch zahlreiche wissenswerte Zusatzinformationen aufgrund der Quellen aus dem Privatbesitz Wittgensteins, die Herausgeber Douglas Woodfull-Harris einsehen konnte. Gerade der Einblick in Wittgensteins Änderungswünsche bestätigt, dass er Ravels geniale Schreibweise für die linke Hand nicht wirklich nachvollziehen konnte.

Wer mehr über Wittgensteins Schicksal erfahren möchte, dem sei der Band Empty Sleeve. Der Musiker und Mäzen Paul Wittgenstein (Studien-Verlag, Innsbruck u. a. 2006), vor allem aber Konzert für die linke Hand von Lea Singer (Hoffmann und Campe, Hamburg 2008) empfohlen: ein spannend und fundiert geschriebener Künstlerroman!

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Maurice Ravel, Konzert für die linke Hand für Klavier und Orchester, hg. von Douglas Woodfull-Harris; Partitur, BA 7881, €, 48.95; Klavierauszug, Stimme(n), BA 7881-90, € 36.95; Bärenreiter, Kassel 2016

Chaussons «Trotz-Trio»

Nach einer Enttäuschung im akademischen Musikbetrieb kam Ernest Chausson zu seiner Patin ins Pays d’Enhaut, wo er sein Klaviertrios op. 3 komponierte.

Montbovon zwischen 1885 und 1900. Foto: Léon de Weck (1840–1904)/wikimedia commons

Die Spuren von Ernest Chaussons Klaviertrio (1881) führen in die Schweiz: Der 26-jährige Komponist, der nach seiner erfolglosen Bewerbung um den Prix de Rome allen akademischen Institutionen von Paris verbittert den Rücken gekehrt hatte, verbrachte den Sommer auf dem Landsitz seiner Mentorin Berthe de Rayssac in Montbovon, Kanton Fribourg. Dort, im male-rischen Pays d’Enhaut, begann er gleich nach seiner Ankunft mit der Skizzierung und Ausar-beitung seiner bisher umfangreichsten und ambitioniertesten Komposition. Es mag sich auch um eine Trotzreaktion auf die zuvor erlittene Niederlage handeln. Chausson fand in diesem Opus 3 zu sich selber als Komponist, und es ist ein Glück, dass er sich keinen akademischen Regeln mehr unterwarf und sich durch die vorerst ausgebliebene Anerkennung nicht entmuti-gen liess. In der Folge zeigte er sein Trio allerdings César Franck und Emanuel Chabrier, spielte es auch dem Maler Odilon Redon vor und beherzigte deren Ratschläge. Im April 1882 kam das Werk zur Uraufführung in einem Konzert der Société nationale de musique, erschien dann aber erst 1919, zwanzig Jahre nach dem frühen und tragischen Tod des Komponisten, als Erstdruck im Pariser Verlag Rouart-Lerolle.

Das 30-minütige Werk mit seinen vier Sätzen wirkt erstaunlich kurzweilig, im Gegensatz etwa zu Chaussons berühmterem «Konzert» für Klavier Violine und Streichquartett op. 21, welches bei seinen 45 Minuten doch einige Längen aufweist. Das satzübergreifende Zitieren von Themen in der Art von Leitmotiven im Klaviertrio op. 3, aber auch die Harmonik erin-nern an Chaussons Vorbilder César Franck und Richard Wagner. Seine Tonsprache weist aber auch bereits auf die folgende Komponistengeneration hin, vor allem auf Claude Debussy. In der französischen Musik nimmt Ernest Chausson einen wichtigen Platz ein!

Die neue Henle-Edition dieses Klaviertrios basiert hauptsächlich auf dem Erstdruck von 1919, weil weitere Quellen fehlen. Autograf ist keines mehr vorhanden, nur einige Skizzen zu The-men und Gliederungsmodellen. Das Notenmaterial von Henle ist wie immer gut lesbar, prak-tikabel bei den Wendestellen und enthält in jeder Stimme sogar einen Dictionnaire (franzö-sisch/deutsch und französisch/englisch) der originalen französischen Vortrags- und Tempobe-zeichnungen. Ausgesprochen nützlich ist auch die Angabe der Taktgliederung im «Vite» überschriebenen zweiten Satz im schnellen 3/8-Takt: Dort wird der erste Takt einer Zählein-heit immer mit einer Eins angegeben. Dies erleichtert das Einstudieren enorm! Die Klavier-stimme wurde von Klaus Schilde mit Fingersätzen versehen, die Streicherstimmen enthalten keine technischen Angaben. Die gedruckten Phrasierungsbogen können aber weitgehend als bogentechnische Realisierung übernommen werden.

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Ernest Chausson: Klaviertrio g-moll op. 3 für Violine, Violoncello und Klavier, hg. von Peter Jost, Partitur und Stimmen, HN 1277, € 29.00, G. Henle Verlag, München 2016

Das pädagogische Erbe von Zoltan Kodály

Externe Teams von Musiklehrern übernehmen an New Yorker Schulen den gesamten Musikunterricht und erzielen erstaunliche Wirkungen. Eine Überprüfung der Resultate in hiesigen Kindertagesstätten könnte neuen Schwung in unsere pädagogische Forschung bringen.

Jens Goetzke/pixelio.de
Das pädagogische Erbe von Zoltan Kodály

Externe Teams von Musiklehrern übernehmen an New Yorker Schulen den gesamten Musikunterricht und erzielen erstaunliche Wirkungen. Eine Überprüfung der Resultate in hiesigen Kindertagesstätten könnte neuen Schwung in unsere pädagogische Forschung bringen.

Die Schulen in New York, besonders die in der Bronx, sind nicht auf Rosen gebettet: Aus finanziellen Gründen sind viele nicht in der Lage, Kunstunterricht anzubieten, und 59% der öffentlichen Schulen der Stadt haben keinen ausgewiesenen Musiklehrer im Kollegium. Doch es gibt die ETM, die Organisation Education Through Music. Diesem Team von engagierten Musikpädagogen können die Schulen den gesamten Musikunterricht übergeben.

ETM übernimmt in den Partnerschulen Musik als Kernfach, richtet die Musikzimmer ein und bietet mit hochqualifizierten Musiklehrerinnen und -lehrern, die auch Bands und Orchester leiten, einen umfassenden Unterricht an. Auf der Website www.etmonline.org sind 43 Mitglieder dieses Teams aufgelistet. Sie sind überzeugt, dass jedes Kind Zugang haben sollte zu hochwertigem Musikunterricht. Musik soll nicht nur Kernstoff sein, sondern auch ein Mittel für die gesamte Entwicklung.
 

Bessere Leistungen, mehr Selbstvertrauen

ETM gibt an, Musikerziehung führe bei Kindern nachweislich zu besseren kognitiven Fähigkeiten und Schulleistungen in allen Fächern, ebenso zu Fortschritten im sozial-emotionalen Bereich (Selbstbewusstsein, Zuversicht und Disziplin). Die Begegnung mit den Künsten wirke sogar bis ins Erwachsenenalter: Langzeitstudien hätten gezeigt, dass Schüler mit tiefem sozioökonomischem Status, die den Künsten während der Adoleszenz stärker ausgesetzt waren, 23% grössere Chancen hätten, ins College zu kommen, und dort höhere Punktzahlen erreichten.

Die Wirksamkeit des Programms beruhe auf dem strengen ETM-Musiklehrplan. Sein Inhalt ist leider nicht abrufbar; er soll umfassend, schrittweise aufbauend und auf Standard-Fähigkeiten ausgerichtet sein. Die Musiklehrer und die Klassenlehrer arbeiten zusammen, um den Lehrplan zu integrieren und die Schüler für alle schulischen Aufgaben zu begeistern. Jährliche Vortragsübungen helfen, die soziale und emotionale Entwicklung voranzutreiben.

Am Ende jedes Schuljahres werden die Erfolge von ETM evaluiert. Der auf den Daten des Schuljahres 2014/15 beruhende Bericht zeigt, wie gross der Einfluss des Programms auf die Schüler und die Gemeinschaften ist. Er bietet auch eine Übersicht des Evaluations-Designs, der Methoden zur Datensammlung und der verwendeten Analysen.

Die Ergebnisse sind beeindruckend: In allen schulischen Belangen verbesserten sich die Leistungen der Schülerinnen und Schüler, und zwar besonders deutlich in den Schulen, die seit vier oder mehr Jahren Partner von ETM sind: Sie weisen signifikant höhere Prüfungsleistungen in Mathematik und Sprache auf als in Schulen ohne ETM-Partnerschaft. Auch Schülerinnen und Schüler mit speziellen Bedürfnissen und Lernschwierigkeiten schnitten in Langzeit-Partnerschulen besser ab.

Fast 90% der Schüler, Eltern und Lehrer glauben, dass ETM in den sozial-emotionalen Bereichen, Vertrauen, Kreativität, Kooperation und künstlerische Fähigkeiten, einen bedeutenden positiven Einfluss hat. Und 90% aller Schüler finden, durch ETM seien ihre Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit verbessert worden.
 

Die Gründerin und ihr wachsender Erfolg

Seit der ersten Partnerschaft 1991 war es das erklärte Ziel der ETM, jedem Kind aus dem New Yorker Niedriglohngebiet diese Art von Musikerziehung anzubieten. Dieses Ziel ist näher gerückt: Während des Schuljahres 2014/15 war ETM Partner in 46 Schulen von NYC und betreute fast 27 000 Schüler in vier Stadtteilen vom Kindergarten bis ins achte Schuljahr.

ETM geht zurück auf die Musikpädagogin Mary Helen Richards, die durch den ungarischen Komponisten Zoltan Kodály inspiriert worden war. Zusammen mit einer kleinen Gruppe von amerikanischen und kanadischen Pädagogen gründete sie 1969 das Richards Institute of Education and Research, das rasch wuchs und das ETM-Programm entwickelte. Dieses fand bei den Lehrkräften grossen Anklang. Auch Zita Wyss, die Pionierin des Eltern-Kind-Singens in der Schweiz, wurde von ETM inspiriert. Heute bietet das Institut 14 Winterkurse an, im Sommer 3 bis 4 Camps und eine Woche Colloquium, die international besucht wird. Mit Hilfe von ETM und amerikanischen Kinderliedern wurden auch die Vietnamesinnen und ihre Kinder in den USA integriert, die nach dem Vietnamkrieg aus ihrem Land gejagt worden waren, weil sie sich mit einem GI eingelassen hatten.
 

Die Schweizer Parallele

Vor dreissig Jahren begann in der Schweiz, ebenfalls inspiriert von Zoltan Kodály, unter dem fast identischen Namen «Bessere Bildung mit mehr Musik» ein Nationalfonds-Projekt: 50 Schulklassen erhielten während drei Jahren wöchentlich fünf Lektionen Musikunterricht, aber je eine Lektion Mathematik, Französisch und Deutsch weniger. Die These, dass es trotz der Reduktion in diesen Hauptfächern keine Einbussen gab, wurde bestätigt. Es gab sogar Verbesserungen, besonders im sozial-emotionalen Bereich. Und die Wirkungen begannen nach drei Jahren deutlicher zu werden.

Diese Resultate führten zu einer öffentlichen Diskussion über die Musik in der Schule und zum Artikel 69,2 in der Bundesverfassung: «Der Bund kann kulturelle Bestrebungen von gesamtschschweizerischem Interesse unterstützen sowie Kunst und Musik, insbesondere im Bereich der Ausbildung, fördern.» (Allerdings wurde dieser Artikel dann listigerweise umgedeutet, um als Grundlage für das Kulturförderungsgesetz zu dienen.) Schliesslich kam es sogar zu einem neuen Verfassungsartikel über musikalische Bildung, wo nun das grosse Wort steht, dass sich Bund und Kantone für einen hochwertigen Musikunterricht einsetzen. Trotzdem hat sich in den Schulen seither leider nichts verändert: Der Unterricht in Musik ist vielerorts in einem desolaten Zustand.
 

Das ungarische Vorbild

Vor fünfzig Jahren erhielten wir Kunde von den ungarischen Musikgrundschulen, wo täglich eine Musiklektion erteilt wurde und im strengen Kodály-Lehrplan nach Handzeichen gesungen, die Notenschrift erlernt und Blattsingen sowie Notieren von Musik geübt wurde. Und es wurde berichtet, dass die Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler dieser Schulen in allen Fächern bedeutend besser seien als bei den üblichen Volksschulen, ebenso die Konzentrationsfähigkeit, die Rede- und Formulierungsgewandtheit, das Gedächtnis und die Disziplin des Denkens. Sogar das Gefühlsleben werde bereichert.

Die Ergebnisse liessen aufhorchen, aber im Westen hiess es, sie seien nicht wissenschaftlich erhärtet. Es gab zwar einige Studien, aber keine davon mit Bedingungen, wie sie in den ungarischen Musikgrundschulen geherrscht hatten. Das gilt auch für die Schweizer Studie: Der Musikunterricht musste dabei weiterhin gemäss den kantonalen Lehrplänen erteilt werden; die Studienleitung hatte nur indirekt Einfluss, etwa, indem sie in den Weiterbildungsseminaren – ohne grossen Erfolg – das Kodály-Modell der Singschulung vermittelte.

Das ungarische Experiment selbst aber scheint von der pädagogischen und der psychologischen Forschung glatt ignoriert worden zu sein: In Macht Musik schlau? von Lutz Jäncke (Huber, 2008) wird es nicht erwähnt, obwohl «alle» einschlägigen Studien besprochen werden sollen. Angesichts der Befunde, wie sie in Musikerziehung in Ungarn (Klett, 1966) dargestellt sind, ist das unverständlich.
 

Neuer Schwung in die Pädagogik

Was wir nun von ETM in New York hören, erinnert an die Kodály-Schulen in Ungarn. Die geschilderten Ergebnisse wären – wissenschaftlich verifiziert – schlicht sensationell und müssten in der Pädagogik zu einem Umdenken führen. Eine solche Überprüfung müsste aber an den New Yorker Schulen stattfinden. Denn dort sind die Bedingungen ideal: Ein strenger Lehrplan und bereits bestehende Versuchs- und Kontrollklassen. Es ist zu hoffen, dass renommierte pädagische Forscher sich endlich damit befassen werden.

In der Schweiz könnten wir – für die unterste Stufe – mit verhältnismässig geringem Aufwand ebenfalls eine solche Überprüfung anbieten, nämlich in den Kindertagesstätten, etwa nach folgendem Plan: 5 KITAS mit je 1 Musikstunde nach ETM täglich, 5 ohne ETM, also eine Population von je etwa 100 Kindern in der Versuchs- und in der Kontrollgruppe. Diese wissenschaftlich begleitete Studie müsste über 3 bis 5 Jahre laufen, der ETM-Lehrplan verbindlich sein, die Leiterinnen musikalisch und pädagogisch kompetent.

Die Fähigkeiten der Kinder würden zweimal im Jahr gemessen. Dafür gibt es bereits bewährte Designs und erfahrene Teams. Auch für die musikalische Weiterbildung der Leiterinnen werden schon Kurse angeboten, nämlich im Solotutti-Zentrum für Musik in Solothurn. Zudem könnten erfahrene Leiterinnen von Eltern-Kind-Singen angefragt werden.

Eine solche Studie wäre auch ein konstruktiver Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion über die Bildungsförderung in der frühen Kindheit. Und sie wäre eine lobenswerte späte Referenz an den grossen Zoltan Kodály. Darüber hinaus wäre es ein Steilpass für die schweizerische pädagogische Forschung. Wir können nur hoffen, dass sie sich diese Chance nicht entgehen lässt.

Inzwischen dürfen wir uns an den Bildern und Videos der musizierenden Schülerinnen und Schüler erfreuen, die auf www.etmonline.org zu sehen sind: Die Lebensfreude, die darin zum Ausdruck kommt, ist umwerfend und geht zu Herzen. Das ist lustvolle Schule, wie wir sie uns wünschen.
 

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Die «grande dame» der «bonne grace»

Aus dem Englischen übersetzte und erweiterte Biografie von Isolde Ahlgrimm (1914–1995), einer bedeutende Persönlichkeit auf dem Weg zur historischen Aufführungspraxis.

Ausschnitt aus dem Titelblatt

Dass sich die Wiederentdeckung Alter Musik und die Hinwendung zur historischen Aufführungspraxis weder einer Revolution verdankte, noch ohne prägende Persönlichkeiten auskam, macht das Buch Die Cembalistin Isolde Ahlgrimm (1914–1995) deutlich. Eine Generation jünger als Wanda Landowska (1879–1959), stützte sich Isolde Ahlgrimm kompromissloser als diese auf Lehrwerke und musikalische Quellen der Vergangenheit; eine halbe Generation älter als Gustav Leonhardt (geb. 1928) und Nikolaus Harnoncourt (geb. 1929), war sie für diese Pioniere eine Anregerin und – über alle Meinungsverschiedenheiten hinweg – Förderin, zeitweise sogar musikalische Partnerin. Sie durchlief eine Ausbildung zur Pianistin an der Wiener Musikakademie und begegnete im Alter von zwanzig Jahren dem streitbaren Sammler und charismatischen Verfechter unbedingter Originaltreue, Erich Fiala, den sie 1938 heiratete. Standen zunächst Aufführungen von Mozarts Clavierwerken auf dem Fortepiano im Zentrum der eigenen «Concerte für Kenner und Liebhaber», so wandte sie sich ab 1943 dem (Pedal-)Cembalo und mithin dem Tastenwerk von Johann Sebastian Bach zu, das sie von 1951 bis 1956 (fast) vollständig auf Schallplatte einspielte. Endlich eröffnete sich dadurch – nach der Scheidung von Fiala – eine internationale Karriere und eine Lehrtätigkeit an der Wiener Musikuniversität. Bis 1983 konzertierte sie im In- und Ausland, bis in die USA und nach Japan, besonders häufig und gerne auch in der Schweiz. Am 11. Oktober 1995 ist Isolde Ahlgrimm in Wien gestorben.

Ahlgrimm war in Vielem ihrer Zeit weit voraus. Dies betraf zunächst ihre akribische Quellenarbeit, dank der sie ein (2004 posthum ediertes) Kompendium der Ornamentik der Musik für Tasteninstrumente verfassen konnte. Andererseits entschloss sie sich 1972, (allzu) spät, zum Spiel auf wirklichen Kopien historischer Instrumente und blieb ihren Ammer-Cembali mit den langen (Klavier-)Tasten treu. Gewisse Manierismen der jüngeren (vor allem holländischen) Kolleginnen und Kollegen lehnte sie ab und stützte sich dabei auf eine Vielzahl historischer Aussagen und Beispiele. Selbst in ihrem Beharren auf Professionalität und technischer Perfektion blieb sie stets eine Anhängerin des guten Geschmacks oder, wie sie selbst sagte, der «bonne grace».

Die erweiterte und angereicherte Übersetzung einer englischen Biografie ihres letzten Schülers Peter Watchorn aus dem Jahre 2007 durch eine weitere ehemalige Studentin, die Schweizerin Regula Winkelman, macht als vorläufige Materialsammlung zu Recht auf das Wirken der bedeutenden Wiener Cembalistin aufmerksam. Besonders verdienstvoll ist der Abdruck von Ahlgrimms eigenen Begleittexten zur Bach-Gesamteinspielung, welche in ihrer Vielschichtigkeit und Gedankenfülle unverzichtbare Dokumente der Bach-Rezeption im 20. Jahrhundert sind.

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Regula Winkelman, Peter Watchorn: Die Cembalistin Isolde Ahlgrimm (1914–1995). Eine Wegbereiterin der historischen Aufführungspraxis, 288 S., geb., € 29.99, Böhlau, Wien u. a. 2016, ISBN 978-3-205-79679-4

Hannys Sammlung erklingt

Auf ihrer jüngsten CD haben die Mitglieder der Hanneli-Musik Tänze aus der Ostschweiz zusammengestellt. Wie immer aus dem enormen Fundus der Sammlung Christen.

Hanneli-Musig. Bild: zVg

Die Landesausstellung1964 in Lausanne präsentierte die moderne Schweiz der Technik und Architektur und vergass dabei die Kultur und die Bedürfnisse der Bergbewohner. Die Studiengruppe Forum alpinum legte sozusagen als Lückenbüsser 1965 einen viersprachigen Bildband und die Anthologie authentischer Volksmusik aus den Schweizer Bergen vor. Diese Schallplatten-Edition wurde aber kaum beachtet, bereits 1966 wieder aus dem Handel gezogen und erst 2008 in einer CD-Überspielung als wichtiges Dokument wahrgenommen.

Das mangelnde Verständnis für die traditionelle Schweizer Musik liess auch die 435 handschriftlichen Notenhefte mit 11 874 Volkstänzen, die Hanny Christen von 1940 bis 1960 in der ganzen Schweiz gesammelt und 1963 der Universitätsbibliothek Basel geschenkt hatte, vergessen. Erst 1992 erkannte der Zürcher Musiker und Verleger Fabian Müller den Wert dieser Sammlung. Ein Team von 17 freiwilligen Mitarbeitern erstellte vorerst eine Datenbank und inventarisierte 10 000 Tänze nach Kantonen und Zuträgern. Mit finanzieller Unterstützung der Gesellschaft für die Volksmusik in der Schweiz (GVS/SMPS) konnten 2002 zehn grossformatige Bände unter dem Titel Schweizer Volksmusiksammlung. Die Tanzmusik der Schweiz des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesammelt von Hanny Christen vorgelegt werden. Die einstimmig notierten Tänze aus der ganzen Schweiz (mit Ausnahme des Kantons Thurgau) wurden durch die Sammlerin vor allem aus handschriftlichen Tanzbüchern kopiert und mit gehörsnotierten Aufzeichnungen nach Instrumentalstücken älterer Musikanten ergänzt. Die Christen-Sammlung enthält Tanzgattungen, die das heutige aus Ländler, Walzer, Polka und Schottisch bestehende Repertoire mit Mazurka, Galopp, Kreuzpolka, Polonaise, Varsovienne, Tyrolienne, Allewander und Montferrine erweitern.

Nach dem Erscheinen der Christen-Sammlung gründeten professionelle Volksmusiker rund um den Cellisten Fabian Müller die Hanneli-Musig, machten sich an die Umsetzung des Notenmaterials und konnten 2004 die erste von mittlerweile sieben Einspielungen, das Album Blümchen Wunderhold vorlegen (ZYT 4895, vergriffen). 2005 folgten unter dem Titel Alpenträume Tänze aus der Innerschweiz (ZYT 4897, vergriffen). Ein Jahr später publizierten die sechs Musiker, die alle auch bei der Auswahl und dem Arrangement der einstimmigen Melodien mitarbeiten, die CD Tänzix (ZYT 4900). Kürzel und Nummern, die auf den Herkunftskanton und den Sammlungsstandort jedes Stückes hinweisen, erlauben den Rückgriff auf die originale Notation. Wer die mehrstimmigen Bearbeitungen der ersten drei Einspielungen gedruckt vorzieht, findet sie im Fachhandel.

Mit dem Album Seeland von 2008 lässt die Hanneli-Musig das stimmige Repertoire der Biberemusig aus den 1850er-Jahren (Region Murten, ZYT 4919) aufleben und mit dem Titel Baselbiet (ZYT 4930) wird Hanny Christen 2010 mit Volksmusik aus ihrer Heimat die Ehre erwiesen.

Im eben erschienenen Album Über Stock & Stei bieten der gewandte Ländlerklarinettist Dani Häusler, der Spielmann Johannes Schmid-Kunz an der Geige, der Herausgeber der Christen-Tänze und Cellist Fabian Müller, der Vollblutmusiker Ueli Mooser an Kontrabass und Saxofon, der Blechbläser Christoph Mächler und Fränggi Gehrig mit dem Akkordeon «lüpfige», zum Teil in virtuosem Tempo vorgetragene Tänze aus den Alpengebieten der Kantone St. Gallen, Glarus und Graubünden.

Es ist durchaus ein Pläsir, alle diese Einspielungen – und man hofft auf weitere – als Zeugnisse schweizerischer Musiklandschaften zu hören, aber man vermisst bei den Interpretationen der Hanneli-Musig die Bemühung um eine historische Aufführungspraxis.

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Hanneli-Musig: Über Stock & Stei. Zytglogge ZYT 4980

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