Literatur-Monolithen

Eine Ausgabe mit den neuesten Forschungsergebnissen, die sich aber kaum auf den Notentext auswirken.

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An Stücken, an denen kein Schüler, keine Schülerin vorbeikommt, wollen alle Verlage verdienen. Bachs zwei- und dreistimmige Inventionen gehören in jeden Unterricht auf einem Tasteninstrument, um, wie er selbst schrieb, «eine cantable Art im Spielen zu erlangen, und darneben einen starcken Vorgeschmack von der Composition zu überkommen». Kein Wunder, dass der Peters-Verlag nach jahrelangen Einkünften aus den Ausgaben von Carl Czerny (1840) und Ludwig Landshoff (1933) und dem Faksimile der Originalhandschrift (1942) nun wieder am Markterfolg dieser Musik teilhaben möchte.

Für Ulrich Bartels, einen ehemaligen Mitarbeiter des Bach-Instituts in Göttingen, war es ein Einfaches, den erst 2007 von seinen Kollegen fertiggestellten Kritischen Bericht zum 1970 edierten Notenband der Neuen Bach-Ausgabe auszuweiden und dazu – nach der letzten Restaurierung der Originalquelle im Jahre 2003 – weitere Spuren des Arbeitsprozesses innerhalb Bachs eigener Handschrift aufzuzeigen. Am eigentlichen Notentext änderte sich dadurch wenig – über weite Strecken folgt er im Layout wie in den Details der Bach-Ausgabe. Einzig mit Warnakzidenzien wurde weniger gespart, und in den dreistimmigen Sinfonien erleichtern Umlegungen der Mittelstimme da und dort die Notenlektüre. Darin liesse sich noch konsequenter verfahren, um endlich eine optimale, wissenschaftlich fundierte wie praktisch wirklich brauchbare Ausgabe zu erhalten.

Noch etwas: Mögen die Abschriften von Bachs Schülern Gerber und Kayser philologisch auch lediglich als Nebenquellen gelten, so wäre eine Übertragung ihrer sämtlicher Verzierungen in den Haupttext zu wünschen, um auch den heutigen Klavierspielern klar zu machen, dass solch «wesentliche Ornamente» selbst dann zur Musik gehörten, wenn noch weniger von ihnen (oder gar keine) in den Noten stünden.

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Johann Sebastian Bach: 15 zweistimmige Inventionen BWV 772-786, 15 dreistimmige Sinfonien BWV 787-801, hg. von Ulrich Bartels, EP 11422, € 14.95, Edition Peters, Leipzig etc. 2015

Monteverdi und kein Ende

Im Jubiläumsjahr sind sowohl bei Carus/Reclam wie bei Schott neue Bücher zu Werdegang, Wirken und Werk des grossen Komponisten erschienen. Silke Leopold nähert sich eher biografisch und zeitgeschichtlich; Michael Heinemann vor allem über die Höreindrücke.

Claudio Monteverdi. Ölgemälde von Bernardo Strozzi, um 1630. Tiroler Landesmuseum/wikimedia

Als August Wenzinger in Basel 1955 die Oper ‚Orfeo‘ von Monteverdi auf Schallplatte einspielte, interessierte dies höchstens einige wenige Insider. Wie sehr sich das gewandelt hat, zeigt das Jubiläum zum 450. Geburtstag des grossen italienischen Komponisten, wimmeln die Spielpläne in diesem Jahr doch nur so von seinen Werken: Madrigale, Opern und die Marienvesper hüben und drüben.

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Auch an Büchern sind einige Neuerscheinungen zu verzeichnen, wobei zwei besondere Erwähnung verdienen. Da ist einmal Silke Leopold: Die emeritierte Professorin aus Heidelberg beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit Monteverdi, nun legt sie eine neue Biografie bei Carus/Reclam vor. Leopold zu lesen, ist immer eine Bereicherung und ein grosses Vergnügen. Das ist auch in diesem Fall nicht anders. Mit Weitblick erzählt sie den Werdegang Monteverdis von den Anfängen in Cremona über seine Zeit am Hof in Mantua bis zu seinem Kapellmeisteramt am Dom von San Marco in Venedig. Dass die Autorin dabei auch das politische und kulturelle Umfeld einbezieht, macht diese Biografie besonders spannend. Wenn Leopold Informationen zuzieht, die über die spärlichen Angaben zu Leben und Wirken hinausgehen, macht sie dies nie verkrampft, aufgesetzt, es gibt keine Längen. Und wie sie von Monteverdis Madrigal-Drucken über die Vorworte und Druckorte auf historische Ereignisse und das Denken des Italieners schliesst, ist faszinierend.

Die Kunst der Autorin besteht darin, sowohl Laien als auch einem Fachpublikum Lesenahrung zu bieten, und sie schreckt vor Bezügen zur Gegenwart nicht zurück, etwa wenn sie die Handlung von Il pastor fido als «einer Telenovela aus heutiger Zeit nicht unähnlich» bezeichnet. Die Innovation im Madrigal Cruda Amarillis aus eben dieser «Telenovela» beschreibt sie so: «Was an diesen Kompositionen auffällt, ist Monteverdis dezidierter Versuch, aus den fünf Stimmen des madrigalischen Satzes eine sprechende Person, ein Individuum zu machen und den polyphonen Tonsatz in eine Art dramatische Szene zu überführen.»

Musikalische Erklärungen und kulturgeschichtliche Betrachtungen ergeben bei Silke Leopold ein schillerndes Kaleidoskop der Zeit um 1600. Wertvoll ist der Anhang mit biografischen Angaben, einem Werkverzeichnis, dem Verzeichnis der Drucke und einem Glossar, wo Einsteiger Hinweise zu den Musikinstrumenten, zu Interpretations- und Werkbezeichnungen finden.

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Mit Leopolds Informationen gefüttert, sollte man sich die bei Schott erschienene Monografie Claudio Monteverdi – Die Entdeckung der Leidenschaft von Michael Heinemann nicht entgehen lassen. Der Autor nähert sich Monteverdis Musik aus der Perspektive des Hörens, setzt allerdings ein gewisses Mass an Wissen voraus. Ohne Kenntnisse um die Form des Madrigals oder um die Monteverdi-Opern Orfeo, Poppea und Ulisses geht es nicht beim Lesen.

Am interessantesten sind seine Ausführungen, wenn man sie mit Hörerlebnissen koppeln kann; sprich, wenn man seine Erklärungen mit Tonbeispielen unmittelbar vergleichen kann. Und auch Heinemann, seines Zeichens Professor für Musikwissenschaft in Dresden, versteht es, sein Fachwissen auf ein verständliches Mass herunterzubrechen. So bietet auch dieses Buch ein hohes Lesevergnügen. Schon die Kapitelüberschriften machen «gluschtig»: «Ich singe, also bin ich – Orfeos Welt-Entwurf» oder «Kirchenmusik, Kontrapunkt und Kalkül» sind nur zwei Beispiele dafür.

Ein Zitat aus dem Kapitel «Klangreize» mag Heinemanns Schreibstil illustrieren: «Popularität, die Monteverdis Musik gewann, resultiert nicht aus Gelehrsamkeit. Nicht aus der korrekten Verwendung von Dissonanzen oder wegen ihrer artifiziellen Polyphonie. (…) Vielmehr ist sie einer Einfachheit geschuldet, die nicht mit Schlichtheit zu verwechseln wäre, sondern eine Direktheit meint, Affekte unmittelbar und scheinbar ohne Reflexion zu gestalten.»

Silke Leopold: Claudio Monteverdi. Biografie, 256 S., € 28.00, Carus/Reclam, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-15-011093-5

Michael Heinemann: Claudio Monteverdi – Die Entdeckung der Leidenschaft, 178 S., € 24.50, Schott, Mainz 2017, ISBN 978-3-7957-1213-6

Suisa mit Rekordergebnis

2016 hat die Suisa 154,3 Millionen Franken eingenommen. Damit kann sie heuer 128,9 Millionen Franken an Komponisten, Textautoren und Verleger von Musik im In- und Ausland verteilen, mehr als jemals zuvor in der über 90-jährigen Geschichte der Genossenschaft.

ALPIX / pixelio.de

im Vergleich zum Vorjahr beträgt der Zuwachs 1,6 Prozent. Das gute Ergebnis stamme aus höheren Einnahmen vor allem aus der Musiknutzung auf privaten Radio- und TV-Sendern, aus den Vergütungen für die Privatkopie sowie aus dem Online-Bereich, schreibt die Suisa. Für Online-Nutzungen von Musik nahm die Suisa letztes Jahr 6,1 Millionen Franken ein, 10,7 Prozent mehr als im Vorjahr (5,6 Millionen Franken). 2016 waren erstmals die Einnahmen aus Streaming höher als jene für Download.

Die Suisa (die Abkürzung steht für «Suisse Auteurs») nimmt die Rechte im Online-Bereich zunehmend grenzüberschreitend direkt wahr. Mit der Gründung des Joint Ventures Mint Digital Services mit der US-Organisation Sesac hat sie dieses Jahr einen Schritt unternommen, um die Interessen ihrer Mitglieder im Online-Bereich besser vertreten zu können. Mit dem Major-Verlag Warner/Chappell Music hat Mint bereits einen wichtigen Grosskunden gewonnen.

Die Suisa hat ihren Kostenabzug im letzten Jahr auf 12,37 Prozent leicht gesenkt. Somit werden rund 88 von 100 eingenommenen Franken an die Urheber und Verleger verteilt. Das Jahresergebnis zeuge auch «von erfolgreichen Verhandlungen für Tarife und Nutzungsbedingungen ebenso wie von verlässlichen Kunden und Geschäftspartnern», so die Suisa weiter.
 

Petition «Hände weg von den Spartenradios!»

Eine Motion der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Nationalrats (KVF-N) will sechs Spartensender der SRG abschaffen. Für die Schweizer Musikschaffenden hätte dies nach Überzeugung der Musikverbände verheerende Folgen.

Screenshot Petitionswebseite

Streichen will die Motion der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Nationalrats (KVF-N) namentlich Radio Swiss Pop, Radio Swiss Classic, Radio Swiss Jazz, Radio SRF Virus, Radio SRF Musikwelle und Radio RTS Option Musique.

Gerade die Spartensender förderten die Schweizer Musik in hohem Mass, schreiben die Initianten der Petition. Die Spartensender kämen auf einen Anteil von bis zu 50 Prozent gespielter Schweizer Musik. Gesamthaft gesehen seien es bei allen SRG-Sendern insgesamt 20 Prozent. Zudem seien sie mit ihrer Berichterstattung über die aktuelle Schweizer Musikszene für Schweizer Künstler unersetzlich.

Die Petition wird unter anderem mitgetragen von: Schweizer Musikrat / Musikschaffende Schweiz / Schweizer Musiksyndikat / Schweizer Tonkünstlerverein / Schweizerischer Musikerverband SMV / Helvetia Rockt / IndieSuisse / IFPI / Schweizer Interpretengenossenschaft SIG / Eidgenössische Jodlerverband EJV / Schweizerischer Blasmusikverband SBV / Schweizerische Chorvereinigung SCV / Verband Schweizer Volksmusik VSV.

Mehr Infos: www.petitionen24.com/hande_weg_von_den_spartenradios

ZHdK möchte eigenes Promotionsrecht

Der Bund unterstützt vier der fünf Anträge der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) für Doktoratsprogramme mit Partnerhochschulen. Die ZHdK möchte in Zukunft aber auch eigenständige Doktoratsprogramme durchführen.

Foto: Chris Bentley/flickr.com

2016 durchliefen die Forschungsinstitute der ZHdK im Auftrag des Fachhochschulrats erstmals eine Evaluation. Dabei wurde ihr auch im internationalen Vergleich ein exzellentes Zeugnis ausgetellt. Ein neu lanciertes Projekt soll nun die Verbindung von Forschung und Lehre weiter stärken. In Arbeit ist zudem die Weiterentwicklung des Professorenstellenmodells. Ziel ist die klarere Profilierung der Professorenstellen an der ZHdK.

2016 wurde an der ZHdK an 67 Forschungsprojekten gearbeitet und rund ein Drittel davon abgeschlossen. 40 Prozent der Forschungsausgaben in der Höhe von rund 10 Millionen Franken konnten über Drittmittel finanziert werden. Wichtige Beitraggeber waren der Schweizerische Nationalfonds SNF, die Kommission für Technologie und Innovation KTI und private Stiftungen.

Positiv bewertet werden in den Gutachten der Forschungseinheiten insbesondere auch die Doktoratsprogramme, welche die ZHdK in Kooperation mit internationalen Partnern führt. Während der Projektlaufzeit 2017 bis 2020 kooperiert die ZHdK dabei mit der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, der University of Reading und der Kunstuniversität Linz. Ein weiteres Programm wird gemeinsam mit der ETH und der Universität Zürich durchgeführt.

Die ZHdK plant die Errichtung und Vergabe eines Ehrentitels, mit dem herausragende Leistungen von Persönlichkeiten, die sich um die Künste und das Design in besonderer Weise verdient gemacht haben, honoriert werden sollen. Anstelle des universitären Ehrendoktorates, des Dr. h.c., soll der «Honorary Companion ZHdK» treten. Die erste Vergabe ist auf den Hochschultag 2017 im Oktober vorgesehen.

Mord an einer Diva

Das Theater St. Gallen zeigt seit dem 6. Mai David Philip Heftis erste Oper «Annas Maske». Die Musik und die Inszenierung setzen den dramatischen Stoff distanziert um.

Foto: Iko Freese (Theater St. Gallen)

Ein toller Opernstoff, der selber von Oper erzählt und erst noch auf wahren Begebenheiten (und Gerüchten) beruht: Am 29. Juni 1910 erschoss der Dirigent Dr. Aloys Obrist seine ehemalige Geliebte Anna Sutter und danach sich selber in deren Wohnung an der Schubartstrasse 8 in Stuttgart. Die Sängerin sei an jenem Morgen gerade mit ihrem neuen Liebhaber, dem Bassbariton Albin Swoboda, intim gewesen, als Obrist sie überraschend besuchte. Swoboda versteckte sich in einem Schrank. Nachdem Sutter Obrists Liebesbeteuerungen einmal mehr von sich gewiesen hatte, kam es zu den Schüssen. Der Fall erregte Aufsehen, denn die Sutter war der gefeierte Star der Stuttgarter Oper, etwa als lustige Witwe, Salome und Carmen. Und so berichtete denn die Schwäbische Kronik: «Frln. Sutter liegt im Bett, den rechten Arm weit ausgebreitet, und den linken, der durch die Kugeln verletzt wurde, zusammengebogen. Wie in Carmen, ihrer Hauptrolle, lag sie da.» Zehntausend Menschen nahmen an der Beerdigung teil, und der Schicksalsbrunnen von Karl Donndorf erinnert heute noch im Schlossgarten an den Vorfall. In Vergessenheit geriet er in Stuttgart nie.

2001 gab es dort eine Ausstellung; im gleichen Jahr erschien die Novelle Annas Maske von Alain Claude Sulzer, und auf ihr basiert nun auch die gleichnamige Oper des in St. Gallen geborenen Komponisten David Philip Hefti. Da Anna Sutter selber aus Wil stammte, verfügt dieses neue Stück gewissermassen über doppeltes Heimatrecht in St. Gallen, wo es nun am 6. Mai uraufgeführt wurde (weitere Aufführungen bis 3. Juni). Sulzers Libretto erzählt die Vorgeschichte der Tat, die Aufdringlichkeiten Obrists, seine Entlassung aus dem Theaterdienst, die Liebeleien Sutters und schliesslich die Tat selber – dies in zehn Szenen, umgeben von Pro- und Epilog. Dass Sutters Zofe Pauline und Polizeiinspektor Heid danach ein Paar wurden, bildet den Rahmen.

Kluger klanglicher Aufbau

Hefti hatte mit seinem Opernerstling, wie er betont, dreimal soviel Musikzeit zu bewältigen wie je in einer Komposition; und er hat sie gekonnt, kurzweilig und übersichtlich gestaltet. Seine Musik klingt transparent, kommt ohne Hektik daher und verschiesst ihr Pulver nicht allzu früh; im Gegenteil: Sie entwickelt sich über die neunzig Minuten hinweg kontinuierlich auf den eindringlichen Schluss hin. Dort steht ein instrumentaler Epilog, der sich nochmals heftig hinaufschraubt, eine «Schicksalsmusik», wie Hefti sie nennt. Da zeigt sich seine reiche Erfahrung im Umgang mit dem Orchesterapparat. Das Sinfonieorchester St. Gallen steigert sich dabei unter der Leitung von Otto Tausk nochmals auf intensive Weise.

Was Hefti im Orchestergraben treibt und wie er dazu den kleinen Chor nicht agierend, sondern über der Handlung als statischen Kommentator verstärkend einsetzt, verhilft dem Stück zu einer starken Wirkung. Geschickt verwendet er überdies die Perkussionselemente, um Stimmungen zu zeichnen, aber auch als Continuo für den Gesang. Hefti erzählt im Programmheft, wie er bei der kompositorischen Arbeit immer stärker ins Genre hineingewachsen sei. «Ich finde, das merkt man der Oper an. Der erste Teil besteht aus grossen Szenen, in denen das Wort viel Gewicht hat und die Handlung vorbereitet ist. Ungefähr ab der Hälfte bekommt die Musik mehr Raum, dürfen die Klänge sich ausdehnen und atmen.»

Fehlende Stimmgewalt

Das ist die Stärke des neuen Stücks, verweist aber gleichzeitig auch auf seine Schwächen. Zu wenig charakteristisch bleibt das Vokale, das Singen/Deklamieren, das Recitar cantando, das aus der Sprache heraus zu einer emotionalen Spannung führen sollte. In dieser Hinsicht wirkt die Oper vergleichsweise flach. Man horcht zwar auf, wenn sich Obrist (Daniel Brenna) zu fast puccinihaften und kitschverdächtigen Kantilenen aufschwingt, man bemerkt, wenn sich ein Carmen-Zitat beimengt, aber das wirkt zu konzipiert, nicht durchdrungen und erlebt. So klar und sangbar die Sprache daherkommt: Darüber hinaus passiert zu wenig. Maria Riccarda Wesseling überzeugt als Anna Sutter, aber ich hätte ihr gewünscht, dass sie zum Beispiel etwas mehr Divenhaftigkeit auch in der Stimme ausspielen dürfte. Schliesslich bleibt das Stück über weite Strecken zu realistisch oder vielleicht sogar zu ehrlich, arbeitet die Konflikte, das Gruselige ebenso wie das Pathetische, nicht genügend aus. Es kommt insgesamt (auch vom Libretto her) zu gediegen und nüchtern daher, so als wolle es das Wesentliche nicht berühren. Ein bei Thornton Wilder abgeguckter Regietrick, keine Requisiten (wie Blumen etwa) zu verwenden, sondern sie nur anzudeuten, verweist gerade auf dieses Manko. Der von der Regisseurin Mirella Weingarten entworfene, mehrstöckige Bühnenraum wirkt in seiner Geometrie kühl, verdichtet die Situation aber nicht – und ähnlich distanziert kommen die Stimmen rüber. Diese Oper verpasst so ausgerechnet das Opernhafte, das überwältigende «Kraftwerk der Gefühle» (Alexander Kluge), das der Stoff doch so offensichtlich in sich trägt.

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Maria Riccarda Wesseling, Beate Vollack, Daniel Brenna. Foto: Iko Freese (Theater St. Gallen)

2016 verliessen 300 Master Luzerns Musikhochschule

2016 hat die Hochschule Luzern – Musik (HSLU-M) 300 Master diplomiert und 234 Bachelor. Die Kosten gingen leicht zurück. 75 Personen waren in einem Weiterbildungslehrgang, Zweidrittel der Dozierenden weiblichen Geschlechts.

Foto: Hochschule Luzern – Musik

Die HSLU-M zählte 2016 136 Lehrpersonen mit einem Arbeitspensum von mehr als 20 Prozent, 32 Prozent davon waren Frauen. Hinzu kamen 34 Assistierende und wissenschaftliche Mitarbeitende sowie 33 Personen in Administration und Technik. 

2016 liefen an der HSLU-M 7 Forschungsprojekte, von denen 3 hauptsächlich durch die KTI oder den Nationalfonds alimentiert werden. Die Zahl der Projekte ist im Verlauf von 5 Jahren stark zurückgegangen. 2012 waren es noch 25. Mit 25,354 Millionen Franken lagen die Kosten der HSLU-M 2016 leicht unter dem Vorjahr (25,676 Millionen Franken).

Das Studienangebot der HSLU-M umfasst die Bereiche Klassik, Jazz, Kirchen- und Volksmusik, Musikpädagogik sowie Musik und Bewegung. Spezialisierungen sind beispielsweise in Neuer Musik, Komposition, Improvisation, Musiktheorie, Dirigieren/Schulmusik oder Kammermusik möglich.

Bühnenerfahrung können die Studierenden dank Kooperationen mit dem Lucerne Festival, dem Luzerner Sinfonieorchester, dem Luzerner Theater oder der Jazzkantine Luzern machen. Zusätzliches Profil besitzt die Hochschule Luzern – Musik im Bereich der musikpädagogischen Forschung sowie bei der Beantwortung von Forschungsfragen zur Aufführungspraxis.   

Dresdner Sinfoniker in den USA auf Kollisionskurs

De US-Behörden verweigern dem Projekt «Tear Down This Wall!» der Dresdner Sinfoniker die Genehmigung. Das Orchester wollte in Tijuana und San Diego in Kooperation mit Amnesty International Mexico «eine musikalische Brücke für Freiheit und Völkerverständigung» schlagen.

Zaun zwischen Tijuana, Mexiko (re), und San Diego, USA. Foto: Sgt. 1st Class Gordon Hyde/wikimedia

Ort und Anlass des Projektes ist die von Präsident Donald Trump geplante Mauer, die zwischen den USA und Mexiko errichtet werden soll und die an vielen Stellen bereits existiert. Mit der Absage der USA werde das geplante grenzübergreifende Zusammenspiel US-amerikanischer Künstler mit den Dresdner Sinfonikern und mexikanischen Musikern verhindert, schreibt das Orchester. Das eintrittfreie Konzert am 3. Juni soll nun ausschliesslich auf mexikanischer Seite stattfinden.

Die Dresdner Sinfoniker rufen nun insbesondere auch US-amerikanische Künstler, Musiker und gleichgesinnte Menschen auf, sich am gleichen Tag mit eigenen Aktionen oder Flashmobs an der gesamten 3144 km langen Grenze zu beteiligen. Das Verbot der Behörden beschränke sich nämlich ausschliesslich auf das Konzert der Dresdner Sinfoniker im Friendship Park/San Diego. Jeder sei eingeladen mitzumachen und Videos der eigenen Aktion über einen Hashtag zu teilen.

Mehr Infos:
www.dresdner-sinfoniker.de/teardownthiswall-letter

Kultur und Schule in Freiburg

Das Kulturvermittlungsprogramm Kultur und Schule bietet den Schülerinnen und Schülern im Kanton Freiburg die Möglichkeit, an Konzerten, Vorführungen und Workshops teilzunehmen. Teil der Initiative ist das erste Festival Kultur & Schule FKB, das vom 15. bis 19. November 2017 stattfindet.

Logo des Programms,SMPV

Dieses Jahr werden über 6000 Schülerinnen und Schüler am Festival erwartet. Dank der Unterstützung durch die Freiburger Kantonalbank werden die Schulvorführungen für die Klassen ausnahmsweise gratis sein. Um den Besuch der Vorführungen zu fördern, konnten zudem dank der Partnerschaft mit den TPF die Kosten für den öffentlichen Verkehr erheblich gesenkt werden.

Nach der im September 2016 gestarteten Ausschreibung hat das Projekt Kultur & Schule für sein Jahresprogramm rund 60 Vorschläge von über 30 Kulturveranstaltern, hauptsächlich aus Freiburg, erhalten. Davon sind bereits über 40 Vorführungen, Konzerte, Workshops oder Führungen in Deutsch und in Französisch auf dem Webportal des Programms veröffentlicht und werden von den Schülerinnen und Schülern aller HarmoS-Stufen rege genutzt.

Das Angebot wird mehrmals im Jahr auf den neuesten Stand gebracht und erweitert. Die Schulklassen können pro Schuljahr jeweils ein kulturelles Angebot zu einem ermässigten Preis nutzen.

Mehr Infos: www.kulturundschule.ch
 

Schwarmfinanzierung hat sich etabliert

2016 wurden in der Schweiz in der Sparte Musik und Festivals 245 Crowdfunding-Projekte realisiert. Die durchschnittliche Summe, die dabei eingeworben wurde, belief sich laut der Studie «Crowdfunding Monitoring Schweiz» des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug IFZ und der Hochschule Luzern auf knapp 7600 Franken.

Foto: Maja Dumat/pixelio.de

Die durchschnittlich erzielten Kampagnensummen variieren laut der Studie innerhalb der Kategorien sehr stark (zwischen 5700 Franken in der Kategorie «Tanz, Theater» und 111’296 Franken in der Kategorie «Technologie, Business, Start-up»). Die durchschnittlichen Finanzierungssummen einer «Musik, Konzerte, Musik-Festivals»-Kampagne und einer Kampagne im Bereich «Sport, Gesundheit» lagen bei knapp 7600 Franken. Bei «Gesellschaft, Soziale Projekte» lag dieser Wert bei 9‘200 Franken.

Die Studienautoren erwarten für 2017 ein weiteres Wachstum des Crowdfunding-Markts mit einem Volumen von 300 bis 400 Millionen Franken. «Insbesondere die Anbieter im Bereich Real Estate Crowdinvesting, im Bereich KMU Crowdlending sowie Crowdlending für Hypotheken werden das Volumen überdurchschnittlich steigern», sagt Dietrich. Hohes Wachstum erwartet er auch im Crowdsupporting im Bereich Sport: «Insbesondere Vereine entdecken Crowdfunding vermehrt als Finanzierungquelle, zum Beispiel für neue Sportgeräte, Hallen- oder Platzrenovationen.»

Link zur Studie:
https://blog.hslu.ch/retailbanking/files/2017/05/Crowdfunding-Monitoring-2017_D_final_V3.pdf

Trio Rafale gewinnt Preis der Deutschen Schallplattenkritik

Die Deutsche Schallplattenkritik hat dem Schweizer Klaviertrio Rafale in der Kategorie Kammermusik für seine CD mit Frühwerken einen ihrer Vierteljahrespreise zugesprochen.

Trio Rafale (Bild: Peter Fischli)

Das Trio Rafale ist mit internationalen Preisen bereits hochdotiert. Es hat 2014 im Londoner Kammermusiktempel Wigmore Hall debütiert, 2015/16 in der Berliner Philharmonie und 2016 am Lucerne Festival. 2016 ist es auch ins Mentoring-Programm des Beethoven-Hauses Bonn aufgenommen worden.

Seine Debüt-CD mit Werken von Schumann und Ravel ist 2012 unter dem Label monton erschienen. Eine zweite mit Werken von Vasks und Brahms folgte 2013 bei Acousence. Die CD «Frühwerke» ist diesen Februar bei Coviello Classics erschienen.

Insgesamt haben diesmal 155 Juroren des Preises der deutschen Schallplattenkritik (PdSK e.V.) in 32 Kategorien die Neuerscheinungen der Ton- und Bildtonträgern des letzten Quartals gesichtet und bewertet. 256 Titel waren für die Longlist nominiert. 27 Titel daraus setzten sich durch.

Fischer-Preis 2017 geht an Zhdanov und Burnens

Der Pianist Denys Zhdanov und der Tenor Remy Burnens erhalten in Luzern zu gleichen Teilen den Edwin Fischer-Gedenkpreis 2017 in Höhe von je 3000 Franken.

Denys Zhdanov (Foto: Elina Akselrud)

Denis Zhdanov begann seine Musikstudien in der Ukraine und ist unter anderem Preisträger des polnischen Arthur Rubinstein Piano Festivals und der Maria Canals Piano Competition in Barcelona. Der Berner Tenor Remy Burnens studiert bei Peter Brechbühler an der Hochschule Luzern Sologesang. Er ist unter andererm Studienpreisträger des Migros Kulturprozent 2017.

Je einen Edwin-Fischer-Anerkennungspreis, dotiert mit je 1000 Franken, können die Pianistin Alexandra Sikorskaya und die Geigerin Sofiia Suldina entgegennehmen.

Im Gedenken an Edwin Fischer (1886-1960) organisieren die Hochschule Luzern – Musik und der Konservatoriumsverein Dreilinden in Absprache mit der Edwin Fischer-Stiftung jährlich einen Wettbewerb für die Master-Studierenden mit dem Profil Klassik. Ziel der Stiftung ist die Förderung von jungen Musikerinnen und Musikern der Sparten Jazz und Klassik sowie die Förderung des musikalischen Lebens in Luzern und die Förderung der Musikhochschule Luzern.
 

Bundesamt für Kultur vergibt Musikpreise 2017

Das Bundesamt für Kultur BAK hat 15 Musikschaffende aus unterschiedlichen Musiksparten mit dem Schweizer Musikpreis 2017 ausgezeichnet. Der Schweizer Grand Prix Musik wird am 22. September 2017 an der Preisverleihung in der Kaserne Basel vergeben.

Springbrunnen vor dem Berner Bundeshaus. Foto: Margrit R. / pixelio.de

Die Preisträgerinnen und Preisträger des Schweizer Musikpreises 2017 sind: Pascal Auberson (Lausanne), Andres Bosshard (Zürich), Albin Brun (Luzern), Christophe Calpini (Longirod), Elina Duni (Zürich), Vera Kappeler (Haldenstein), Jürg Kienberger (Winterthur & St.Louis), Patricia Kopatchinskaja (Bern), Grégoire Maret (New York), Jojo Mayer (New York), Peter Scherer (Zürich), Endo Anaconda (Fankhaus-Trub), Töbi Tobler (Wittenbach), Helena Winkelman (Basel) und Jürg Wyttenbach (Basel).

Ziel des Schweizer Musikpreises ist, «herausragendes und innovatives schweizerisches Musikschaffen zu würdigen und ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken». Von Jazz über zeitgenössische Musik, Chanson und klassische Musik bis hin zu Film-, Volks- und Improvisationsmusik widerspiegelt der Preis laut BAK «das hervorragende und vielfältige Spektrum des Musikschaffens in der Schweiz».

Dragos Tara vertritt die Schweiz

Der Komponist Dragos Tara wurde mit dem Werk «Pixel» von der Jury der ISCM World Music Days als Schweizer Vertretung des Festivals gewählt, das im Herbst in Kanada stattfindet.

Foto: Ensemble Phoenix Basel/Dragos Tara

Die ISCM World Music Days ist das jährlich stattfindende Festival der 1922 gegründeten Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (International Society for Contemporary Music, http://iscm.org) und findet 2017 vom 2. bis 8. November an der kanadischen Westküste in Vancouver statt. Die zur Auswahl stehenden Werke werden von den 65 Länder-Sektionen eingereicht und der Festivaljury unterbreitet. Die Eingaben der Schweizer Gesellschaft für Neue Musik SGNM/SSMC koordiniert ihr Vizepräsident Nicolas Farine. Das Programm der ISCM WMD 2017 ist unter http://iscm2017.ca/home/ online.

Dragos Tara ist 1976 in Bukarest geboren und in der Schweiz aufgewachsen. Der Lausanner Kontrabassist und Komponist hat bei Michael Jarell, Eric Gaudibert, Emmanuel Nunes, Nicolas Bolens, Luis Naon, und Rainer Boesch Komposition respektive Elektroakustische Musik studiert. Er ist Mitbegründer und Mitglied der Association Rue du Nord, der Compagnie du Phonoscope und von CH.AU. Seine Werke wurden von Vortex, dem NEC und Phoenix gespielt, das STEIM Amsterdam und das CMMAS in Mexiko gewährten ihm 2008, 2010 und 2013 Arbeitsresidenzen. 2014 war er für den Schweizer Musikpreis nominiert. Sein Stück «Pixel» ist ein Hybrid zwischen Installation und Konzertstück für Kontrabass solo und Live-Elektronik und erlebte seine Uraufführung am Festival Présences Electroniques in Genf.

Hochschule Luzern übernimmt Jazzarchiv

Die Forschungsabteilung der Hochschule Luzern Musik übernimmt und archiviert zusammen mit der Schweizer Nationalphonothek das ganze Archiv des Schaffhauser Jazzfestivals.

Vertragsunterzeichnung zur Übernahme des Jazzarchivs (Bild: zvg)

Seit 28 Jahren dokumentiert das Schaffhauser Jazzfestival als Werkschau des aktuellen Schweizer Jazzschaffens die Schweizer Szene praktisch lückenlos. Mit der Schenkung werde «nicht nur eine professionelle Archivierung garantiert, sondern auch der öffentliche Zugang geschaffen», ähnlich wie die HSLU-Musik das mit dem Archiv des Jazzfestival Willisau bereits tue, schreiben die Verantwortlichen.

Zusammen mit der Schweizer Nationalphonothek wird die Hochschule das Material – über 3000 Bewerbungsunterlagen, über 2500 Stunden Tonaufnahmen durch SRF 2 Kultur, Medienberichte und Festivalfotographien, Konzertvideos, sämtliches Werbematerial (Plakate, Programmheft, Flyer und so weiter) – aufarbeiten, katalogisieren und aufbewahren – um es als Online-Archiv in rund zwei Jahren über den Web-Auftritt des Schaffhauser Jazzfestivals der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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