Die Biografie Beethoven. The Music and the Life von Lewis Lockwood, Professor für Musikwissenschaft an der Harvard University, brachte es nach ihrem Erscheinen 2003 bis in die Finalrunde des Pulitzer-Preises. Die deutsche Übersetzung erschien 2009 bei Bärenreiter/Metzler und wird seit 2012 als Sonderausgabe (Taschenbuch im Grossoktavformat 24 x 16 cm) zu einem Schnäppchenpreis angeboten. Obwohl es also längst nicht mehr neu ist, soll hier nochmals auf dieses bedeutende Standardwerk hingewiesen werden.
Lewis Lockwood gelingt es, Musikalisches und Biografisches sinnvoll zu gliedern. Innerhalb der grossen Unterteilung in die drei Perioden von Beethovens Vita werden die biografischen Fakten und die Musik in separaten Unterkapiteln beschrieben, wobei die Bezüge zwischen Werk und Leben erhalten bleiben. Beschreibungen des musikalischen, geistesgeschichtlichen, politischen und gesellschaftlichen Umfelds fliessen dabei mit ein, ohne dass dem Leser der Kopf zu rauchen beginnt. Zahlreiche weiterführende Details finden sich im umfangreichen Anmerkungsteil. Chronik, Werk- und Personenregister erleichtern die Navigation im Buch, und die Bibliografie ist zugleich ein Überblick über die immense Beethoven-Literatur.
Der Verfasser ist sich der «prometheischen» Bedeutung Ludwig van Beethovens bewusst, verfällt aber nie ins Schwärmen. Seine sich auf die wesentlichen Details beschränkenden Werkbeschreibungen sind sachlich und, abgesehen vom musiktheoretischen Basisvokabular, in einer allgemein verständlichen Sprache abgefasst. Diese 456 Seiten starke Biografie vermittelt ein umfassendes Bild von Beethovens Leben und seiner Musik. Die Übersetzung des Hamburger Musikwissenschaftlers Sven Hiemke liest sich wie ein deutscher Originaltext – das Buch ist ein fachlicher und sprachlicher Wurf!
Lewis Lockwood: Beethoven – Seine Musik. Sein Leben, Sonderausgabe, 456 S., € 19.95, Bärenreiter/Metzler, Kassel/Stuttgart 2012, ISBN 978-3-7618-2288-3
Ein fröhliches Geburtstagsgeschenk
Aleksey Igudesman hat fünf allbekannte Stücke von Beethoven zu humorvollen Violinduetten umgestaltet.
Die Mondscheinsonate mit feinen Pizzicati, der harmonisch aufgepeppte Türkische Marsch (Turkish alla Ludwig), eine intime Elise (For a Lease), der auf zwei Geigen reduzierte erste Satz der Frühlingssonate mit virtuos umgesetzter Klavierpartitur (die mittelschweren Stellen gerecht auf die beiden Stimmen verteilt) und der im Fünfvierteltakt zu einem mit Latin, Jazz und Swing ausgeweiteten Anfang der 5. Sinfonie («Banananaa») – Aleksey Igudesman hat fünf «Beethoven-Hits» zu einem witzigen Duospass umgearbeitet. «Bei diesem köstlichen Menu … kommen unsere musikalischen Geschmacksnerven garantiert auf ihre Kosten», schreibt Patricia Kopachinskaja im Vorwort.
Aleksey Igudesman: Beethoven & more, 5 Violinduette, UE 33 658, € 17.95, Universal Edition, Wien
Beethoven als Arrangeur seiner selbst
Über die Aufnahmen sämtlicher Klaviertrios hinaus bietet das Swiss Piano Trio Arrangements der 2. Sinfonie op. 36 und des Streichquintetts op. 4, die Beethoven vermutlich auch selbst verfasst hat.
Sibylle Ehrismann
- 24. Nov. 2020
Joël Marosi, Martin Lucas Staub, Angela Golubeva. Foto: Neda Navaee
Alle Klaviertrios Beethovens einzuspielen, ist nicht ein derartiges Mammut-Projekt wie die Gesamtschau auf seine Streichquartette oder Sonaten. Diese Besetzung ist aber gerade bei Beethoven für einige Überraschungen gut. Kommt dazu, dass der Klavierpart erstaunlich dominant und vom Generalbass emanzipiert geschrieben ist, hat sich Beethoven damit in adliger Gesellschaft doch gerne selber als Pianist präsentiert.
Sechs Jahre hat sich das in Winterthur beheimatete Schweizer Klaviertrio für seine integrale Einspielung Zeit gelassen. Alle fünf geplanten CDs waren rechtzeitig zum Jubiläumsjahr beim deutschen Label Audite erschienen, da überraschte das Ensemble mit dem Pianisten Martin Lucas Staub, der Geigerin Angela Golubeva und dem Cellisten Joël Marosi mit einer zusätzlichen CD.
Sie ist zwei unbekannten Klaviertrios gewidmet, die Beethoven mit grosser Wahrscheinlichkeit selbst arrangiert hat. Das Klaviertrio Es-Dur op. 63 beruht auf seinem Streichquintett op. 4. Und von seiner erfolgreich uraufgeführten Sinfonie Nr. 2 D-Dur hat Beethoven für den Hausgebrauch ebenfalls eine Fassung für Klaviertrio eingerichtet. Diese beiden Raritäten sind nun erstmals als Teil einer kompletten CD-Reihe dokumentiert.
Wie gut die drei Musikerinnen und Musiker Beethoven mittlerweile kennen, offenbart die Einspielung der Trio-Fassung der 2. Sinfonie besonders deutlich. Die Reduktion des grossen Orchesters auf drei Instrumente macht die strukturelle Originalität des Werks wie unter der Lupe ohrenfällig. Mit wunderbarer Ruhe spielt das Trio die karge Adagio-Statik im Unisono, um dann mit brillanter rhythmischer Homogenität und dramatischer Verve Beethovens Kontrastfreude auszuspielen.
Mit gutem dramaturgischem Gespür hat das Schweizer Klaviertrio die einzelnen CDs konzipiert, die Stücke sind nicht chronologisch aufgenommen, sondern geschickt inhaltlich aufeinander abgestimmt. Es offenbart sich in dieser gehobenen Unterhaltungsmusik eine Fülle an Ideen und überraschenden Wendungen, die das Ensemble detailreich auszukosten weiss. Es spielt die frühen Trios mit viel Esprit mozartisch schlank und transparent, es kann aber auch dramatisch zupacken und romantisch schwelgen. Die Spielfreude der drei Interpreten steckt an.
Beethoven: Complete Works for Piano Trio, Vol. I–V. Swiss Piano Trio. audite 97.692–97.696, einzeln erhältlich.
Dazu Vol. VI, Bearbeitung Streichquintett op. 4 und 2. Sinfonie, audite 97.771
Korngolds Schaffen in einer Werkausgabe
Die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur übernimmt als Langzeitvorhaben die Realisierung einer Werkausgabe des Œuvres von Erich Wolfgang Korngold. Die Projektleitung leigt unter anderem bei Arne Stollberg, der bis 2015 in Bern und Basel lehrte.
Musikzeitung-Redaktion
- 23. Nov. 2020
Erich Wolfgang Korngold (1897-1957). Foto: George Grantham Bain/Library of concress (s. unten),SMPV
Die Korngold-Werkausgabe ist neben der Ausgabe Sämtlicher Werke von Arnold Schönberg und der Bernd-Alois-Zimmermann-Gesamtausgabe das dritte musikwissenschaftliche Editionsvorhaben zu einem Komponisten des 20. Jahrhunderts, das von der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur koordiniert wird.
Das gemeinsam mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften durchgeführte Projekt hat eine Laufzeit von 25 Jahren und wird mit 388 000 Euro pro Jahr gefördert. Die drei Arbeitsstellen befinden sich an der Humboldt-Universität zu Berlin, der Hochschule für Musik und Theater Rostock sowie der Goethe-Universität Frankfurt. Die Projektleitung liegt bei Arne Stollberg (Humboldt-Universität zu Berlin) und Friederike Wissmann (Hochschule für Musik und Theater Rostock).
Der neu mit 20 000 Franken dotierte Basler Pop-Preis 2020 ging an Zeal & Ardor; Anthony «Tony» Thomas erhielt den Anerkennungspreis und Steffi Klär den 1. Spotlight-Preis.
Musikzeitung-Redaktion
- 20. Nov. 2020
Zeal & Ardor erhielten zum zweiten Mal den Basler Pop-Preis des RFV. Foto: Samuel Bramley,Foto: Mathias Mangold,Foto: Samuel Bramley
Wie der RFV Basel – Popförderung und Musiknetzwerk der Region Basel mitteilt, wurde die Vergabe der Preise am 19. November erstmals in der elfjährigen Geschichte live gestreamt. Der Basler Pop-Preis ging zum zweiten Mal nach 2017 an Zeal & Ardor. Die Band habe seither ihre «grosse internationale Strahlkraft noch verstärkt», begründete die Jury (James Gruntz, Marion Meier, Tim Renner, Bettina Schelker, Alfonso Siegrist) ihren Entscheid. Aus 250 Vorschlägen waren vier Bands nominiert: Anna Rossinelli, Klaus Johann Grobe, Mehmet Aslan und Zeal & Ardor.
Foto: Mathias Mangold
Steffi Klär
Der Anerkennungspreis 2020 ist mit 6000 Franken dotiert. Er ging an Anthony «Tony» Thomas «für sein langjähriges, kontinuierliches Musikschaffen».
Steffi Klär schliesslich wurde mit dem neu geschaffenen Spotlight-Preis ausgezeichnet. Sie erhielt die 2000 Franken als Anerkennung für «ihre langjährige und professionelle Arbeit für die regionale Popszene, die sie oftmals im Hintergrund geleistet hat und noch leistet».
Der Live-Stream der Preisverleihung ist weiterhin abrufbar: www.rfv.ch/live
Jeden Freitag gibts Beethoven: Zu seinem 250. Geburtstag blicken wir wöchentlich auf eines seiner Werke. Heute auf den «Elegischen Gesang» für Chor und Streichorchester.
Michael Kube
- 20. Nov. 2020
Wie man sich täuschen kann. Denn Franz Schubert hat keineswegs kurz vor seinem Tod rasch noch ein paar Kontrapunktstunden genommen oder Alban Berg in seinem letzten Werk, dem Violinkonzert, vorausschauend den Bach-Choral Es ist genug zitiert. Das ist die verkehrte Logik der Nachwelt, die angesichts der Abfolge der Ereignisse Bedeutung sucht, biografische Schlüssigkeit konstruiert und einen grösseren Weltenplan annimmt – wobei einem, ganz nüchtern betrachtet, doch im eigenen Leben selten etwas wirklich folgerichtig erscheint. Auch Beethovens Elegischer Gesang op. 118, im August 1827 posthum im Druck erschienen, blieb von solchen Irrwegen der Rezeption nicht verschont. Adolf Bernhard Marx notierte im selben Jahr in einer knappen Rezension: «Aus Beethovens letzten Tongedichten spricht bisweilen eine so zarte, innige, verklärende Rührung, dass man versucht ist, ein Vorgefühl baldiger Abberufung daraus zu vernehmen; es sind Träume und Ahnungen, die über die Saiten, wie bald über die Erde hinschweben, mit leisem Hauch … ihren Klang weckend und mit ihm dahin schwindend» (Berliner Allgemeine Musikalische Zeitung).
Heute wissen wir, dass der weithin unbekannte, auch nur sehr selten aufgeführte Elegische Gesang bereits 13 Jahre zuvor, vermutlich in Zusammenhang mit dem dritten Todestag von Eleonore von Pasqualati am 5. August 1814, entstanden ist. Es handelt sich um die im Alter von 24 Jahren wohl im Wochenbett verstorbene zweite Ehefrau von Beethovens Freund, Anwalt und langjährigem Vermieter Johann Baptist Freiherr von Pasqualati. Für grossen Chor und Orchester (wie es in der Regel eingespielt wird) war das Werk wohl nie gedacht, eher für eine Aufführung im Rahmen einer privaten Andacht oder Gedenkstunde. Jedenfalls deutet die Besetzungsangabe darauf hin, da den vier Singstimmen nur ein Streichquartett (ausdrücklich ohne Bass) an die Seite gestellt wird: «mit Begleitung von 2 Violinen, Viola und Violoncello». So ausgeführt, erschien der Gesang bereits den pragmatisch orientierten Zeitgenossen als ein «Meisterwerk, dessen man sich, ohne grosse Mittel, bey guter Einübung zur höchst würdigen Feyer von Leichenbegräbnissen geliebter Entschlafenen mit nicht zu bezweifelndem wirksamen Erfolge vorzüglich wird bedienen können» (Leipziger Allgemeine musikalische Zeitung, 1827).
Die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) zeichnet fünf Alumni für ihre Verdienste aus. Das Jazzensemble District Five Quartet, bestehend aus Tapiwa Svosve, Vojko Huter, Xaver Rüegg und Paul Amereller, erhält den Companion ZHdK. Der Honorary Companion ZHdK geht an den Multimediakünstler Olaf Breuning.
PM/SMZ_WB
- 19. Nov. 2020
District Five Quartet. Foto: Simon Zangger
Erstmalig geht dieses Jahr der Ehrentitel Companion an ein Ensemble. Mit viel Experimentierfreude und Ideenreichtum sei es dem District Five Quartet «auf eindrückliche Weise gelungen, über die traditionelle Jazzmusik hinaus neue Wege zu gehen», schreibt die ZHdK. Die ZHdK-Alumni Tapiwa Svosve, Vojko Huter, Xaver Rüegg und Paul Amereller repräsentierten «mit ihrer vielschichtigen und direkten Klangkunst den zeitgenössischen und draufgängerischen Jazz».
Der Honorary Companion geht dieses Jahr an Olaf Breuning. Die Gemälde, Videos, Installationen, Skulpturen, Fotografien und Performances des in New York lebenden Künstlers sind international in zahlreichen Ausstellungen gezeigt worden und in den Sammlungen renommierter Museen vertreten.
Die ZHdK verleiht einmal pro Jahr am Hochschultag die Ehrentitel für herausragende Leistungen in jungen Jahren. Sie sind mit keiner finanziellen Zuwendung verbunden. Angehörige der ZHdK können Preisträger und Preisträgerinnen vorschlagen. Die Hochschulleitung, beraten von einem Ausschusskomitee, entscheidet über die Vergabe.
Musik sichert Millionen Arbeitsplätze
Der Musiksektor sichert in den 27 EU-Mitgliedstaaten und im Vereinigten Königreich (EU28) laut einer Studie der IFPI zwei Millionen Arbeitsplätze und trägt jährlich 81,9 Milliarden Euro zur Wirtschaft bei.
Musikzeitung-Redaktion
- 18. Nov. 2020
Foto: James Owen/unsplash.com (s. unten)
Waren und Dienstleistungen im Wert von 9,7 Milliarden Euro werden in Länder ausserhalb der EU28 exportiert. Dies geht aus der Studie «The Economic Impact of Music in Europe» hervor, die Oxford Economics im Auftrag der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) durchgeführt hat. IFPI ist der internationale Dachverband des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI).
Die Studie, die auf Daten aus dem Jahr 2018 basiert, unterstreicht, dass Musik ein relevanter Wirtschaftsfaktor in der Europäischen Union und Grossbritannien ist, der sehr viele Arbeitsplätze bietet, das Bruttoinlandsprodukt und Steuerzahlungen steigert und Exporte antreibt.
Das Herzstück sind die 7400 europäischen Labels. Sie beschäftigen nicht nur fast 45’000 Menschen in der EU, sondern investieren auch erheblich in andere Teile des Musiksektors und leisten einen wichtigen Beitrag zu den europäischen Exporten.
Bundesrat Alain Berset hat eine Delegation verschiedener Kultursparten zu einem Gespräch empfangen. Im Zentrum des Treffens standen die Konsequenzen der Covid-19-Pandemie.
Das Treffen bot die Gelegenheit zu einem Austausch über die Herausforderungen und Perspektiven für die Kulturpolitik angesichts der Pandemie. Es hat bestätigt, dass eine Entspannung der Lage für den Kultursektor gerade vor dem Hintergrund der zweiten Pandemiewelle nicht absehbar ist.
Am 25. September hat das Parlament einer Weiterführung der Massnahmen im Rahmen des Covid-19-Gesetzes zugestimmt und für das Jahr 2021 Mittel in der Höhe von 130 Millionen Franken gesprochen. Ob diese Mittel zur Bewältigung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Kultursektors ausreichen werden, wird sich weisen müssen, wie Bundesrat Berset erklärte.
Die Massnahmen stehen seitens Bund bereit und in ersten Kantonen sind die Portale für die Gesuche von Kulturunternehmen um Ausfallentschädigungen und Transformationsprojekte offen. Kulturschaffende und Kulturvereine im Laienbereich können bereits jetzt wieder Gesuche um Soforthilfen bei den zuständigen Stellen einreichen.
Die Nothilfe über Suisseculture Sociale wird auch unter dem Covid-19-Gesetz weitergeführt. In der aktuellen Situation ohne Einkommensmöglichkeiten und dem Wegfall der Ausfallentschädigung für Kulturschaffende wird die Lage für viele immer kritischer und die Nothilfe daher umso dringlicher.
Musikzeitung-Redaktion
- 16. Nov. 2020
Foto: Konstantin Planinski/unsplash.com (s. unten)
Gestützt auf die Covid-19-Kulturverordnung, welche am 26.September 2020 in Kraft trat und bis zum 31. Dezember 2021 gilt, vergibt Suisseculture Sociale (SCS) im Auftrag des Bundes Unterstützungsbeiträge für Kulturschaffende in Not. Da die Bearbeitung eines Gesuchs mehrere Wochen in Anspruch nehmen kann, empfiehlt Suisseculture Sociale allen anspruchsberechtigten Kulturschaffenden, die sich in einer finanziellen Notlage befinden, jetzt ein Gesuch einzureichen und nicht zu warten, bis alle Reserven aufgebraucht sind.
Die Nothilfe richtet sich unabhängig von ausgefallenen Engagements und Gagen an die Kulturschaffenden, die sich aufgrund der aktuellen Situation in einer finanziellen Notlage befinden. Die neue Covid-19-Kulturverordnung hat nun einige wichtige Lücken geschlossen. Nebst den Selbständigerwerbenden sind nun neu auch «freischaffende» Kulturschaffende gesetzlich verankert. Anspruchsberechtigt sind gemäss der Verordnung alle hauptberuflich Kulturschaffenden mit Wohnsitz in der Schweiz aus den Bereichen darstellende Künste, Design, Film, visuelle Kunst, Literatur, Musik und Museen.
Eine finanzielle Notlage entsteht grundsätzlich dann, wenn die Einnahmen die Ausgaben nicht mehr decken. Die Nothilfe berechnet somit das finanzielle Defizit, nicht die ausgefallenen Engagements, welche meist wesentlich höher sind. Sie basiert auf den SKOS Richtlinien und ist somit mit der Sozialhilfe vergleichbar, ist aber im Unterschied zu dieser nicht rückerstattungspflichtig. Sie ist subsidiär zu anderen staatlichen Massnahmen, insbesondere dem Corona-Erwerbsersatz und etwaigen Leistungen der Arbeitslosenversicherung ALV.
Die Nothilfe wird in der Regel für eine Periode von zwei Monaten ausbezahlt und entsprechend der finanziellen Notlage fortlaufend angepasst bis spätestens 31.Dezember 2021. Aufgrund der sich schnell verschlechternden Bedingungen zum aktuellen Zeitpunkt gilt für die Zeit bis Ende Jahr eine einmalige Berechnung der Nothilfe auf drei Monate, von Oktober bis Dezember 2020.
Das Gesuchformular sowie alle Informationen zur Gesucheingabe, ein FAQ und eine Wegleitung sind auf der folgenden Website zu finden http://nothilfe.suisseculture.ch. Die Einreichung der Gesuche wie auch jegliche Kommunikation müssen elektronisch abgewickelt werden.
Der Verein Suisseculture Sociale wurde im August 1999 als Trägerin des Sozialfonds gegründet zwecks der Unterstützung von professionellen Kulturschaffenden in sozialen und wirtschaftlichen Notlagen. Seit dem 1. April 2020 vergibt SCS im Auftrag des Bundes die Nothilfe gestützt auf die Covid-19-Kulturverordnung.
Jeden Freitag gibts Beethoven: Zu seinem 250. Geburtstag blicken wir wöchentlich auf eines seiner Werke. Heute auf die Sonate für Klavier Nr. 18 Es-Dur «Die Jagd».
Michael Kube
- 13. Nov. 2020
Nachdem im «Heiligenstädter Testament» die Sorge um den fortschreitenden Verlust des Gehörs, die gesellschaftliche Isolation und bereits überwundene Suizidgedanken einen Höhepunkt und ihre Katharsis gefunden hatten (es handelt sich um einen am 6. Oktober 1802 verfassten, jedoch nie abgesandten Brief an seine beiden Brüder), setzte Beethoven auch schöpferisch neu an. So soll er (nach der Erinnerung von Carl Czerny) dem befreundeten Wenzel Krumpholtz gestanden haben: «Ich bin mit meinen bisherigen Arbeiten nicht zufrieden. Von nun an will ich einen neuen Weg betreten.» Bereits Czerny bezog diese Aussage auf die Klaviersonaten op. 31, mit denen Beethoven tatsächlich die Gattung neu und anders denkt. Dies betrifft nicht nur die Sturm-Sonate (op. 31/2), sondern auch die Sonate G-Dur (op. 31/1), die beide gemeinsam im April 1803 bei Hans Georg Nägeli in Zürich als Heft 5 des Répertoire des Clavicinistes im Druck erschienen. Erst im November 1804 folgte als Heft 11 die Sonate Es-Dur op. 31/3 zusammen mit einem Nachdruck der Pathétique op. 13, da Beethoven die von Nägeli erwartete vierte Sonate nicht mehr lieferte. – Das Répertoire des Clavicinistes bildete übrigens den modernen Gegenpart zur Serie der Musikalischen Kunstwerke in der strengen Schreibart, die Nägeli mit dem Wohltemperierten Klavier eröffnet hatte.
Neben Clementi, Cramer, Dussek und Steibelt befand sich Beethoven dort mit seinen Sonaten in bester Gesellschaft. Der musikalische Anspruch der Serie war hoch angesetzt, wie aus einer verschiedentlich publizierten Annonce hervorgeht: «Es ist mir zunächst um Klavier-Solos in grossem Styl, von grossem Umfang, in mannichfaltigen Abweichungen von der gewöhnlichen Sonaten-Form zu thun. Ausführlichkeit, Reichhaltigkeit, Vollstimmigkeit soll diese Produkte auszeichnen.» Gestochen wurde die Ausgabe in Paris, sodass der Postweg nach Wien für einen ordentlichen Korrekturumlauf zu weit und zu langwierig war. Beethovens Sonaten erschienen daher mit zahlreichen Fehlern, Opus 31/1 gar mit einem unautorisierten viertaktigen Einschub. Beethoven soll ungehalten reagiert haben und veranlasste nur wenig später eine Neuausgabe bei Simrock in Bonn mit dem bezeichnenden Zusatz «Edition tres Correcte».
Ungewöhnlich sind alle drei Werke. In Opus 31/3 greift Beethoven nach einer ganzen Reihe von formalen Experimenten nochmals die viersätzige Anlage auf – um sie dann bis zur Hammerklaviersonate op. 106 ruhen zu lassen. Zugleich setzt er sich über die gängige Reihenfolge der beiden Mittelsätze hinweg. Die musikalischen Parameter von langsamem Satz und Tanzsatz sind darüber hinaus gepaart, verschränkt, vertauscht und doch gegeneinandergesetzt: An zweiter Stelle steht ein wunderbar sonores, vielfach in Baritonlage gehaltenes Scherzo im eigenwilligen 2/4-Takt (Allegretto vivace), gefolgt von einem ruhig hinfliessenden Menuetto älterer Prägung im 3/4-Takt (Moderato e grazioso). Auch der Beginn des Kopfsatzes ist mehrdeutig: Was zunächst wie eine im Tempo reduzierte Einleitung anmutet, stellt sich als Hauptthema des Satzes heraus. Das brillante, den Ambitus des Klaviers virtuos durchmessende Finale geht nach Carl Czerny auf eine Improvisation zurück, als Beethoven «einen Reiter an seinem Fenster vorbeigaloppieren sah». Angesichts des rasenden Tempos (Presto con fuoco) und der überraschenden harmonischen Ausweichungen drängt sich freilich der Eindruck auf, dass es sich eher um einen wilden Parforceritt gehandelt haben muss.
Die Stadt Winterthur hat im Rahmen der Kulturförderung ein Stipendium für einen Atelieraufenthalt in Genua vergeben. Das Stipendium wurde der Musikerin Franziska Welti zugesprochen. Der dreimonatige Aufenthalt ist für den Jahreswechsel 2021/22 vorgesehen.
Musikzeitung-Redaktion
- 13. Nov. 2020
Franziska Welti (Bild: zVg)
Die 1965 geborene Franziska Welti ist Sängerin, Chorleiterin und Künstlerin. Sie lebt in Winterthur und Berlin. Welti bewegt sich musikalisch sowohl in der Musik des 12. bis 21. Jahrhunderts als auch in der frei improvisierten Musik. Sie arbeitet regelmässig mit Ensembles für Alte und Neue Musik zusammen, wie beispielsweise dem «Sonar Quartett Berlin» und unterrichtet Sologesang und Stimmimprovisation am Konservatorium Winterthur. 2009 erhielt sie den Kulturpreis der Stadt Winterthur, 2018 den Anerkennungspreis Musik des Kantons Zürich.
Für Winterthurer Kulturschaffende wird das Atelier in Genua periodisch für einen dreimonatigen Aufenthalt öffentlich ausgeschrieben. Insgesamt bewarben sich sechs Personen für das Stipendium. Teilnahmeberechtigt waren Kulturschaffende aller Sparten, die seit mindestens drei Jahren ununterbrochen in der Stadt Winterthur wohnen oder durch ihre künstlerische Arbeit mit dem Kulturleben in der Stadt Winterthur in besonderer Beziehung stehen.
Chur ehrt Andrea Thöny
Die Stadt Chur verleiht in diesem Jahr je einen Anerkennungspreis an den Kunsthistoriker Leza Dosch, den Kontrabassisten Andrea Thöny, die Journalistin Margrit Sprecher und die Galeria Cuadro22.
Musikzeitung-Redaktion
- 12. Nov. 2020
Symbolbild: eggeeggjiew/adobe.stock.com
Der Kontrabassist Andrea Thöny wuchs in Chur und in Haldenstein auf. Zur Musik kam er über den Gesang zu Hause, in der Primarschule und im Lehrerseminar durch den Kontakt mit sehr engagierten Musiklehrern. In Chur machte sich der Musiker als Gründungsmitglied der Kammerphilharmonie einen Namen, den Anerkennungspreis verleiht ihm der Stadtrat nun insbesondere auch für sein grosses Engagement in der Musikvermittlung.
Mit den Anerkennungspreisen wird ein mindestens 10jähriges kulturelles Schaffen gewürdigt, das für die Stadt und deren engere Region von Bedeutung ist. Sowohl die Anerkennungs-, als auch die Förderpreise sind mit je 4000 Franken dotiert. Alle drei Jahre kann die Stadt Chur neben Anerkennungs- und Förderpreisen auch einen mit 8000 Franken dotierten Kulturpreis verleihen, mit dem bedeutendes und jahrelanges kulturelles Schaffen geehrt wird. Dieser Preis geht 2020 an den Architekten Peter Zumthor aus Haldenstein.
Bereichernder Austausch über Generationen
Seit dreissig Jahren gibt es Orpheum, die Stiftung zur Förderung junger Solisten. Das Jubiläum wurde mit Kammermusik in der Druckerei Baden gefeiert.
Verena Naegele
- 12. Nov. 2020
David Nebel, Oliver Schnyder und Dorukhan Doruk. Foto: Michael Steiner/Orpheum
Die Zeit ist nicht gerade günstig für rauschende Festveranstaltungen. Das musste auch die Orpheum-Stiftung erfahren, die ihr 30-jähriges Bestehen in der Tonhalle Maag feiern wollte. Doch das Konzerthaus blieb wegen Corona-Bestimmungen geschlossen. Trotzdem konnte der Anlass am 7. November zweimal durchgeführt werden, vor jeweils 50 Zuhörenden, nicht in Zürich, sondern in der Druckerei Baden. Der Veranstalter Piano District Baden hatte das Konzert ermöglicht und wiederholte es einen Tag später ebenfalls zweimal.
Auf dem Podium befand sich auch nicht, wie meistens bei Orpheum, ein Orchester, sondern der Pianist Oliver Schnyder, einst ebenfalls Orpheum-Solist, zusammen mit dem jungen Geiger David Nebel und dem Cellisten Dorukhan Doruk. Sie spielten die Frühlingssonate op. 24 und die Cellosonate op. 102/2 von Beethoven, sowie dessen Gassenhauertrio – der Erfolg war den motivierten Musikern gewiss.
Sich gegenseitig inspirieren
«Es ist ein nicht unbedeutender Kraftaufwand, den momentan die meisten konzertierenden Musikerinnen und Musiker zu leisten gewillt sind», kommentierte Oliver Schnyder. «Die Zeiten verlangen es, vor allem auch das damit verbundene Bekenntnis zur Wichtigkeit der kulturellen Vielfalt in einer Gesellschaft, die gerade realisiert, welchen Verwerfungen sie durch die Pandemie ausgesetzt ist.» Es war ein Kammermusikkonzert mit Signalwirkung.
Gerade dieser intime Rahmen bildete einen der bedeutenden Momente in der Geschichte der Stiftung, die einst mit der Idee gegründet wurde, «jungen Musikerinnen und Musikern die Möglichkeit zu eröffnen, begleitet von prominenten Dirigenten und Orchestern vor ein grosses Publikum zu treten», wie es Stiftungspräsident Hans Heinrich Coninx definierte. Dieser Maxime ist man zwar treu geblieben, aber seither «eröffneten wir unseren Solisten, aber auch unserem Publikum, neue musikalische Formate».
Ein solches Konzert mit zwei jungen und einem etablierten Musiker erweitert die Perspektiven, und zwar für beide Seiten, wie Schnyder ausführte: «Es geht im musikalischen Austausch zwischen arrivierten und aspirierenden Künstlerinnen und Künstlern nicht darum, dem anderen etwas beizubringen, sondern sich inspirieren zu lassen, die eigene Sicht zu hinterfragen. Die Jungen leben in einer anderen Welt als ich damals. Sie sehen sie mit anderen Augen, auch die Musik. Daraus lerne ich mindestens so viel wie sie von mir.»
Die Magie des Auftritts mit Orchester kann ein Kammermusikkonzert allerdings nicht aufwiegen. So schwärmt etwa Geigerin Simone Zgraggen, die in früheren Jahren von der Stiftung gefördert wurde, seit 2012 eine Professur in Freiburg i. Br. innehat und Konzertmeisterin der Basel Sinfonietta ist: «Neben dem Konzert von Dvořák, das ich in der Tonhalle Zürich spielen durfte, konnte ich danach auch zusammen mit den Orpheum-Solisten Christian Poltéra, David Riniker und Florian Krumpöck in Salzburg, Moskau und wiederum in der Tonhalle auftreten, u.a. mit Beethovens Tripelkonzert.»
Wichtiges Sprungbrett
An die 200 junge Musikerinnen und Musiker kamen bisher in den Genuss von grossen Konzerten, darunter sind Namen wie Sol Gabetta, Truls Mørk, Alice Sara Ott, Renaud und Gautier Capuçon, Martin Grubinger, Vilde Frang oder, aus jüngerer Zeit, Marc Bouchkov und Christoph Croisé. Erfreulicherweise figurieren zahlreiche Schweizer unter den Teilnehmenden, von denen nicht alle den Sprung in die Elite geschafft haben – auch das gehört dazu.
Für etliche war es aber ein bedeutendes Sprungbrett, wie Cellist Maximilian Hornung meint: «Orpheum war im wahrsten Sinne des Wortes eine beflügelnde Erfahrung, unglaublich motivierend und lehrreich.» Eine interessante Ergänzung bietet Coninx: «Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass viele unserer Solistinnen und Solisten noch nicht auf der Welt waren, als Orpheum gegründet wurde, dann sind wir auf dem Weg, ein generationenübergreifendes Projekt zu werden.»
Howard Griffiths. Foto: Michael Steiner/Orpheum
Orpheum hat sich angepasst, neue Formate kreiert, um dem Nachwuchs eine Besonderheit bieten zu können. Den Wandel umschreibt der künstlerische Leiter Howard Griffiths: «Am Anfang waren CDs wichtig, und ein Label hat einen Künstler jahrelang betreut, was nun nicht mehr der Fall ist. Dadurch sind sie heute oft allein mit ihrer Zukunft, sie müssen Social Media nutzen. Dafür haben wir eine grössere Auswahl von Musikerinnen und Musikern, wobei die Spitze noch immer spitz geblieben ist. Aber wir versuchen immer, Interpreten mit grosser musikalischer Persönlichkeit auszuwählen.»
Trotzdem wird das Medium CD auch mit Unterstützung der Stiftung weiterhin genutzt, etwa mit der Einspielung des Cellokonzerts von Paul Wranitzky (1756–1808) mit Chiara Enderle. Vier Aufnahmen gibt es schon, für nächstes Jahr sind gemäss Griffiths zwei weitere mit Solokonzerten von Bernhard Romberg (1767–1841) und von Georg Goltermann (1824–1898) geplant. Man wähle bewusst unbekanntere Werke, um die aufstrebenden Musiker nicht dem Vergleich mit den Stars auszusetzen.
Radio SRF 2 hat das Jubiläumskonzert in Baden aufgezeichnet, und auf der Orpheum-Website ist die Streamingversion aufgeschaltet.
Vom 17. bis 20. November 2020 schauen Kunsthochschulen aus der ganzen Welt nach Zürich ins Toni-Areal – zumindest virtuell. Die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) ist Gastgeberin der Biennial Conference 2020 von ELIA (European League of Institutes of the Arts).
PM/SMZ_WB
- 11. Nov. 2020
Steering Group der Biennial Conference 2020 (Foto: ZHdK)
Aufgrund der Corona-Situation wird die 16. Biennial Conference nicht wie geplant physisch im Toni-Areal durchgeführt, sondern digital. An der Konferenz gehen Studierende, Dozierende und Angehörige der ELIA-Mitgliederinstitutionen folgenden Fragen nach: Wie können die Künste mit anderen Disziplinen zusammenarbeiten und so zur Lösung ökologischer, ökonomischer, sozialer und kultureller Herausforderungen beitragen? Welche Rollen nehmen Kunsthochschulen in dieser Debatte ein? Und sind transdisziplinäre Kunsthochschulen das Modell des 21. Jahrhunderts?
ELIA zählt mehr als 260 Mitgliederinstitutionen aus rund 50 Ländern und vertritt mehr als 300’000 Studierende.