Gesammeltes Wissen – gedruckt und digital

Der Verlag G. Henle hat die Beethoven-Sinfonien neu herausgegeben, greifbar als Studienpartituren im Schuber oder über die Henle-Library-App.

Beethoven-Skulptur von Markus Lüpertz (2014/15), Leipzig. Foto: SMZ/ks

Hier ist eine neue Urtextausgabe der neun Sinfonien von Ludwig van Beethoven anzuzeigen, die es in sich hat und zum neuen Standard werden sollte. Denn wer in seinem Regal keinen Platz mehr findet für den kompakten Schuber mit den neun Studienpartituren, kann sich auch für die digitale Version ventscheiden mit dem Vorteil, dass die Sinfonien auch einzeln gekauft werden können und einen auf dem Tablet überallhin bequem begleiten.

Als Vergleich habe ich die Bärenreiter-Urtextausgabe herangezogen, die vor 20 Jahren von Jonathan Del Mar vollendet und ebenfalls in Form von Studienpartituren veröffentlicht wurde. Ähnlich sind sich die beiden Editionen bezüglich musikwissenschaftlicher Aufarbeitung und Absicherung, jeweils kurzer, aber präziser Beschreibung der Quellenlage sowie des Abdrucks aller beethovenschen Metronomangaben von 1817. In allen übrigen Belangen hat Henle die Nase vorn. Dies beginnt bei einem leicht grösseren Format, was das Notenbild gleich etwas aufgelockerter erscheinen lässt.

Der entscheidende Unterschied liegt aber in der Wissensvermittlung. Die Grundlagen beider Ausgaben sind ja jeweils mehrere Quellen, die gelegentlich editorische Entscheidungen nötig machen. Darüber gibt bei Bärenreiter der «Critical Commentary» Auskunft, bei Henle sind es die «Einzelbemerkungen». Während man bei Henle in einigen Fussnoten auf die entsprechende Bemerkung verwiesen wird und diese im Anhang lesen kann, wurde bei Bärenreiter der Kritische Bericht separat gedruckt und ist deshalb in der Studienpartiturausgabe nicht vorhanden. Da kann es schon einigermassen frustrierend sein, wenn man in einer Fussnote auf einen Kommentar verwiesen wird, aber diesen weder in der Edition noch auf der Website des Verlages zum Download findet. So ist ein Gang in eine gut bestückte Musikbibliothek angesagt, in welcher die separaten Bände der Kritischen Berichte vorhanden sein sollten, denn ein Kauf kommt beim Preis von ca. 45 € pro Sinfonie wohl für die wenigsten Benutzerinnen und Benutzer infrage.

Nicht ganz einsichtig bleibt, weshalb bei Henle nicht auf jede Einzelbemerkung mit einer Fussnote an der entsprechenden Partiturstelle hingewiesen wird. Optimal gelöst ist dies in der digitalen Version: Mittels der Darstellungsoption «Kommentare im Notentext» werden alle Stellen, zu denen eine Bemerkung vorhanden ist, in dezentem Hellblau markiert. Durch Antippen erscheint das entsprechende Textfeld, und man kann die teilweise äusserst detaillierten Bemerkungen studieren. Eine rundum gelungene Ausgabe, die «in zwei Gestalten» daherkommt und zu überzeugen vermag!

Einige Worte noch zur Henle-Library. Es handelt sich dabei um eine App, die sowohl auf dem iPad als auch dem Android-Tablet verfügbar ist und für die seit 2016 bereits ein riesiges Repertoire von Henle-Urtextausgaben existiert. Dabei erhält man kein PDF (wie dies beispielsweise der Schott-Verlag beim elektronischen Notenkauf praktiziert), sondern die Noten werden in die App eingebettet mit all ihren Zusatzfunktionen wie zum Beispiel individuelle Eintragungsmöglichkeiten, verschiedene Darstellungsoptionen, integriertes Metronom, Aufnahmemöglichkeit und vieles mehr. Der Preis für digitale Notenausgaben liegt nur geringfügig unter demjenigen einer gedruckten Partitur (im Fall der 7. Sinfonie beispielsweise 10 anstatt 12 Euro für die Studienpartitur), was aber angesichts der vielen Features und sogar der Möglichkeit gelegentlicher Updates zu rechtfertigen ist.

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Ludwig van Beethoven: Die Symphonien – 9 Bände im Schuber, Studien-Edition, hg. von Ernst Herttrich, Armin Raab u. a., HN 9800, € 89.00, G. Henle, München

Dirigierpartituren und Orchestermaterial zu den Henle-Studienpartituren sind bei Breitkopf & Härtel erhältlich. Zum Beispiel:

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Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 5 c-Moll op 67, Urtext nach der neuen Gesamtausgabe (G. Henle), hg. von Jens Dufner, Partitur PB 14615, € 48.50, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden

Thurgauer Recherche-Stipendien

Der Thurgauer Regierungsrat hat der Kulturstiftung des Kantons für die Vergabe von 40 Recherche-Stipendien an Thurgauer Kulturschaffende im Jahr 2021 einen Beitrag von 250’000 Franken aus dem Lotteriefonds gewährt.

Regierungsgebäude in Frauenfeld. Foto: Lokolia/wikimedia commons (s. unten)

Das Recherche-Stipendium ist explizit nicht mit einer Ausstellung oder mit Auftritten verbunden und umfasst die von der Kulturstiftung geförderten Bereiche.

Kulturschaffende hatten gestützt auf die nationale Covid-Verordnung Kultur vom 20. März 2020 bis am 20. September 2020 die Möglichkeit, bei den Kantonen eine Ausfallentschädigung für abgesagte oder verschobene Veranstaltungen zu beantragen. Mit dem Covid-19-Gesetz und der neuen Covid-19-Kulturverordnung entfällt für Kulturschaffende diese Möglichkeit. Sie können nur noch Nothilfe via Suisseculture Sociale beantragen, wenn sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr finanzieren können.

Die Kulturstiftung des Kantons Thurgau plant daher die Ausschreibung von 40 Recherche-Stipendien für Kulturschaffende im Kanton Thurgau als Ergänzung zu den bundesweiten Massnahmen. Für professionell arbeitende Kulturschaffende mit Bezug zum Kanton Thurgau wird die Möglichkeit geschaffen, an ihrer künstlerischen Arbeit zu recherchieren und neue Ideen zu entwickeln. Das Recherche-Stipendium umfasst die Bezahlung eines einmaligen Honorars von 6 000 Franken.

Mehr Infos:
https://www.tg.ch/news/news-detailseite.html/485/news/49133/l/de

Foto: Lokolia / wikimedia commons CC BY-SA 4.0 International

Mizmorim Festival 2021

Unter dem Motto «Bohemian Rhapsody» findet in Basel im nächsten Januar das siebte Mizmorim-Festival statt.

Eindruck vom Festival 2018. Foto: Mizmorim,SMPV

Bereits zum siebten Mal ermöglicht das Mizmorim Festival in Basel vom 21. bis 24. Januar 2021 unter künstlerischer Leitung der israelischen Klarinettistin Michal Lewkowicz vielfältige Begegnungen von klassischer jüdischer und westlicher Musik.

Insgesamt sieben Konzerte und zwei Familienvorstellungen an fünf Veranstaltungsorten (Gare du Nord, Zunftsaal im Schmiedenhof, Stadtcasino Basel, Unternehmen Mitte und Bird’s Eye Jazz Club) stehen an den vier Festivaltagen auf dem Programm. Aufgrund der aktuell geltenden Corona-Massnahmen werden die Konzerte (u.a. mit dem Gringolts Quartett und dem VEIN Trio) wohl in einem besonders exklusiven Rahmen zu erleben sein.

Aus Böhmen kommt die Musik. Die historische Landschaft mit der Hauptstadt Prag im Westen der Tschechischen Republik war stets eine europäische Region, in der religiöse und ethnische Gegensätze aufeinandertrafen. Die böhmische Kultur ist in ihrer Vielfalt denn auch geprägt vom Zusammenwirken von tschechischen, deutschen und jüdischen Einflüssen.

Das siebte Mizmorim Festival präsentiert unter dem Motto «Bohemian Rhapsody» eine faszinierende Auswahl von Klassikern und Raritäten der böhmisch-tschechischen Musik. «In der Musik liegt das Leben der Tschechen», so einer ihrer bedeutendsten Komponisten, Bedřich Smetana. Seine «Moldau», deren Hauptthema in der israelischen Nationalhymne anklingt, wie auch Kompositionen von Antonín Dvořák, Leoš Janáček oder Bohuslav Martinů ziehen mit ihren unsterblichen Melodien bis heute Menschen auf der ganzen Welt in ihren Bann.

Infolge der nationalsozialistischen Besetzung ab 1939 waren namhafte tschechische Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Viktor Ullmann, Erwin Schulhoff, Pavel Haas oder Gideon Klein Repression und Verfolgung ausgesetzt. Dadurch geriet in Vergessenheit, dass sie wesentlich zur Entwicklung der Musik des 20. Jahrhunderts beigetragen hatten, indem sie Tendenzen der Moderne aufnahmen und mit Elementen des Jazz, der mährischen und jüdischen Volksmusik wie auch mit synagogalen Melodien verbanden.

Diese vielfältige und weltoffene Musiktradition zum Klingen zu bringen und in einen lebendigen Dialog mit ausgewählten Werken zeitgenössischer Musik (u.a. von Eleni Ralli, der Preisträgerin des Mizmorim Kompositionswettbewerbs 2021) treten zu lassen, ist das Anliegen des Mizmorim Festivals 2021 – frei assoziiert in überraschenden Konzertprogrammen, präsentiert von renommierten internationalen Künstlerinnen und Künstlern, den «Bohémiens» unserer Zeit.
 

Weitere Informationen und Vorverkauf

www.mizmorimfestival.com

33 Veränderungen und 50 Variationen

Ein Walzerthema legte Anton Diabelli seinen komponierenden Kollegen vor. Was sie daraus machten, ist in dieser Neuausgabe abgedruckt – zusammen mit Beethovens berühmtem Zyklus.

Beethon von Klaus Kammerichs (1986), Bonn. Foto: Hans Weingartz/wikimedia commons

Die Geschichte ist bekannt: Verleger Diabelli sandte einen selbst komponierten Walzer an die angesehensten Komponisten und Virtuosen des österreichischen Kaiserreichs mit der Einladung, einen Beitrag zu einem gemeinschaftlichen Variationenwerk zu verfassen. Beethoven schuf – nach anfänglichem Zögern – natürlich den gewichtigsten Beitrag. Seine 33 Veränderungen über einen Walzer und die anderen 50 Variationen seiner Berufskollegen sind nun bei Bärenreiter gemeinsam in einem Band erschienen. (So schlecht, wie überall zu lesen ist, kann also Diabellis Walzer-Thema gar nicht sein …)

Für einmal sei es erlaubt, den grossen Meister zu übergehen, um sich den anderen, mehr oder weniger bekannten Verfassern zu widmen. Da gibt es zahlreiche, die sich ganz sklavisch an das vorgegebene Thema halten und kaum eigene Ansätze verraten. Dass es auch anders geht, beweist in der siebten Variation Joseph Drechsler. Seine Quasi Ouverture mit langsamer Einleitung und anschliessendem Allegro hat durchaus sinfonisches Potenzial. Noch ausführlicher wird Emanuel Aloys Förster. In seinem Capriccio taucht nach einer kecken Modulation plötzlich eine umfangreichere Fuge auf. Eine solche schreibt auch Erzherzog Rudolph, Beethovens prominenter Schüler. Dass Simon Sechter aus dem Walzer eine Imitatio quasi Canon macht, der blutjunge Liszt dagegen ein kleines Bravourstück, überrascht wohl nicht. Einige Virtuosen legen es offensichtlich darauf an, mit waghalsigen Sprüngen und anspruchsvollen Passagen zu beeindrucken. Conradin Kreutzer, Heinrich von Lannoy, Hieronymus Payer und vor allem Friedrich Dionys Weber gehören zweifellos dazu. Dass auch intimere und ausdrucksvollere Wege möglich sind, beweisen die Beiträge von Johann Nepomuk Hummel, Joseph Kerzkowsky und – wen wundert es? – Franz Schubert. Seine Variation in c-Moll ist wohl überhaupt die schönste Komposition im ganzen Band.

Nicht nur Schubert weicht der Tonart des C-Dur-Themas aus. Johann Evangelist Horzalka, Joseph Huglmann und Franz de Paula Roser überraschen beispielsweise durchwegs in As-Dur. Ob da wohl Absprache im Spiel war? Geplant war auf jeden Fall die umfangreiche Coda aus der Feder von Carl Czerny, die auf labyrinthischen Wegen schliesslich in strahlendes C-Dur mündet.
Die vorliegende Ausgabe bringt diese zum Teil ganz unbekannten Variationen zum ersten Mal als Urtext. Wie gewohnt, gibt es ein lesenswertes Vorwort über die Enstehungsgeschichte und einen umfangreichen Kritischen Bericht. Anstelle der «Hinweise zur Aufführungspraxis» wären in diesem Fall vielleicht einige biografische Angaben zu den zahlreichen vergessenen Komponisten wünschenswerter gewesen.

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Beethoven: 33 Veränderungen über einen Walzer op. 120 / 50 Veränderungen über einen Walzer komponiert von den vorzüglichsten Tonsetzern und Virtuosen Wiens für Klavier «Diabelli-Variationen», hg. von Mario Aschauer, BA 9656, € 27.95, Bärenreiter, Kassel

Andreas Reize als Thomaskantor designiert

Die Auswahlkommission im Verfahren zur Nachfolge im Leiziger Thomaskantorat schlägt Andreas Reize aus Solothurn zur Berufung zum Thomaskantor vor.

Andreas Reize. Foto: zVg

Andreas Reize sei ein hervorragend begabter Musiker. Er stelle ein schlüssiges Konzept für die zukünftige Entwicklung des Thomanerchores, verfüge über breite interpretatorische, musikwissenschaftliche und theologische Kenntnisse und habe grosse Achtung vor dem hohen Amt, begründet die Kommission den Entscheid.

Andreas Reize wurde 1975 in Solothurn geboren. Er studierte Kirchenmusik an den Musikhochschulen in Bern und Winterthur-Zürich. Er absolvierte ein Studium der historischen Aufführungspraxis an der Schola Cantorum Basiliensis sowie ein Aufbaustudium Orchesterleitung an der Musikhochschule Luzern. Ausserdem legte er ein Konzertdiplom im Fach Orgel, ein Lehrdiplom Klavier sowie ein Postgraduate-Studium im Fach Chor-Dirigieren ab.

Zurzeit leitet Andreas Reize das Cantus Firmus Vokalensemble sowie das Cantus Firmus Consort-Orchester auf historischen Instrumenten. Er ist Musikdirektor der Oper Waldegg, seit 2007 Leiter des Knabenchores Singknaben der St. Ursenkathedrale Solothurn, seit 2011 Leiter des Gabrielichors Bern und Chordirektor des Zürcher Bach-Chores sowie seit 2019 Erster Gastdirigent am Theater Biel-Solothurn für den Bereich Alte Musik.

Andreas Reize soll die Nachfolge von Thomaskantor Gotthold Schwarz antreten, dessen Vertrag mit der Stadt Leipzig vereinbarungsgemäß am 30. Juni 2021 endet. Der Amtsantritt ist für September 2021 geplant. Der endgültige Entscheid des Stadtrates wird am 16. Dezember erwartet.

Mit Stopftechnik auszuführen

Schon bei ihrem ersten Erscheinen wurde der Sonate für Klavier und Horn op. 17 eine Cellostimme beigegeben. Ihren klanglichen Reiz entfaltet sie aber mit dem Naturhorn.

Beethoven-Büste in Teplitz. Foto: Zákupák / wikimedia commons

An Urtextausgaben von Beethovens Opus 17 mangelt es, nach Henle 2002 und Schott 2013, zurzeit nicht. Nun legt der Bärenreiter-Verlag nach mit einer äusserst komfortablen Neuerscheinung von Jonathan Del Mar, bekannt durch die Kritische Edition der Beethoven-Sinfonien, die inzwischen von den meisten Dirigenten benutzt wird.

Die Hornsonate wurde erstmals am 18. April 1800 in einem Konzert im Wiener Kärntnertor-Theater mit Beethoven am Pianoforte und dem Hornisten Giovanni Punto, der sich zu dieser Zeit in Wien aufhielt, gespielt. Der böhmische Hornvirtuose mit ursprünglichem Namen Jan Václav Stich machte 1778 bereits in Paris Furore, wo ihn Wolfgang Amadeus Mozart als Solist in seiner Sinfonia concertante KV 297b vorsah. «Nun werde ich eine sinfonie concertante machen, für flauto Wendling, oboe Ramm, Punto waldhorn, und Ritter Fagott. Punto bläst Magnifique», schreibt er in einem Brief an seinen Vater Leopold. Punto war nicht nur als Hornspieler, sondern auch als Violinvirtuose und Komponist erfolgreich; zahlreiche Kammermusikwerke und 14 gedruckte Hornkonzerte zeugen von seinem Schaffen.

Beethovens Sonate für Fortepiano und Waldhorn wurde der Wichtigkeit des Klaviers wegen nicht Punto, sondern «Madame la Baronne de Braun», die ebenfalls Widmungsträgerin der beiden Klaviersonaten op. 14 war, zugeeignet. Vermutlich aus verkaufstechnischen Gründen fügte der Wiener Verleger Tranquillo Mollo 1801 eine Cellostimme bei, die vom Komponisten selbst sein soll. Nach Ansicht des Rezensenten handelt es sich aber hier um eine «echte» Hornsonate. Sie lebt vom Dialog des virtuos gehaltenen Klaviers mit den doch eher sperrigen und chromatischen Passagen des Naturhorns, die durch Stopftechnik ausgeführt werden müssen – ein Grund, diese Sonate nur noch auf dem Naturhorn zu spielen.

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Ludwig van Beethoven: Sonate für Klavier und Horn oder Violoncello F-Dur op. 17, hg. von Jonathan Del Mar, BA 10939, € 16.95, Bärenreiter, Kassel 

Sowohl Spontaneität als auch Strategie

Die Beiträge eines Symposiums über pianistische Improvisation zur Beethoven-Zeit sind in Buchform zusammengefasst.

Beethoven-Denkmal von Caspar von Zumbusch (1880), Beethovenplatz Wien. Foto: GuentherZ / wikimedia commons

In seinen ersten Wiener Jahren wurde der junge Beethoven als Improvisator offenbar höher geschätzt denn als Komponist. Und noch bei der Uraufführung seiner Chorfantasie 1808 soll er weite Teile improvisiert haben. Das Spiel aus dem Stegreif gehörte also zum Alltag – und führte oft unmittelbar in die Komposition hinein. Diese Aspekte sind mittlerweile auch in der Musikwissenschaft angekommen und werden im Fall Beethovens intensiv untersucht. Gerade den Musikhochschulen kommt dabei eine wichtige Rolle zu, weil sich an diesem Punkt Theorie und Praxis verbinden können.

So organisierte die Hochschule der Künste Bern 2013 ein Symposium über die pianistische Improvisation der Beethoven-Zeit. Der daraus hervorgegangene Sammelband Das flüchtige Werk beleuchtet verschiedene interessante Aspekte aus diesem reichen Gebiet, etwa das Extemporier-Erbe aus der Bach-Tradition (sowohl Johann Sebastian als auch Carl Philipp Emanuel) oder die Rolle des «freyen Spiels» in der musikalischen Rhetorik der Epoche. Ein Aufsatz untersucht das Improvisatorische zum Beispiel in Beethovens Rule Britannia-Variationen, andere gehen Zeitgenossen nach wie den heute weitgehend vergessenen Joseph Lipavsky oder Joseph Preindl, deren Rondeaus bzw. Opernfantasien freie Elemente enthalten.

Welchen Formmodellen aber folgten die auskomponierten Klavierfantasien der Zeit – und lässt sich daraus ein Schluss auf die damals oft stundenlang dauernden Improvisationen ziehen? Carl Czerny etwa kann darüber Auskunft geben. Schliesslich wird der Raum untersucht, den die Improvisation in Klavierkonzerten, aber auch in den damals beliebten Pianisten-Duellen erhielt. Mozart und Clementi etwa mussten bei ihrem Wettstreit gemeinsam über ein Thema variieren, wobei ihnen abwechslungsweise die Rolle des Akkompagnements zufiel.

Diese Themen werden hier sachlich und nüchtern, verständlich und selten spekulierend erläutert. Improvisation erscheint dabei nicht nur als das Ideal einer aus der Spontaneität geborenen Musik, sondern auch als ein Produkt von Strategie und Kalkül, also als vorausbedacht. So gesehen, sind denn auch Komposition und Improvisation keine Gegensätze mehr, sondern sie greifen ineinander.

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Das flüchtige Werk. Pianistische Improvisation der Beethoven-Zeit, hg. von Michael Lehner, Nathalie Meidhof und Leonardo Miucci, 209 S., € 35.00, Edition Argus, Schliengen 2019, ISBN 978-3-931264-92-5, kostenloses PDF

Hören mit allen Sinnen, Geist und Seele

Michael Heinemann betrachtet Beethovens Musik in seinem Buch mit einem Hörbegriff, der weit über das rein Akustische hinausreicht.

Bronzebüste im Garten des Beethoven-Hauses in Bonn. Foto: Mrieken / wikimedia commons

Der Begriff «Ohr» steht in dieser Publikation für die Wahrnehmung von Musik jenseits der rein akustischen Phänomene, also nicht nur mit dem «Gehör». Hören meint nicht bloss wahrnehmen und verstehen, sondern weit mehr noch empfinden und spüren, berührt und ergriffen werden. Beethoven und sein Werk erschliessen uns diese Dimension der Musik als buchstäblich sinnlich zu erlebende Kunst.

Als erfahrener Komponist «hörte» Beethoven zweifellos jeden Notentext innerlich. Sinnlich wahrnehmen konnte er Musik einerseits mittels des ihm verbliebenen Hörvermögens, andererseits haptisch über seine Finger auf den Klaviertasten. Es gibt aber, so der Verfasser dieser Studie, auch den Konnex von Körper und Klang: Die Vibrationen und Resonanzen extremer Akkordlagen und Registerwechsel (wie etwa im ersten Satz der Waldsteinsonate) werden somatisch aufgenommen. Dazu kommt Beethovens Imagination neuer Klangwelten, die in bestimmten Akkorden und Pedalangaben die Obertöne in die Klanggestaltung miteinbezieht. Die Forcierung des inneren Hörens eröffnet auch das Transzendente jenseits der Töne. E.T.A. Hoffmann rühmt Beethoven dafür, uns das «Geisterreich des Unendlichen» erschlossen zu haben. Diese sinnlich vermittelten Sphären erheben Beethovens Musik in den Rang einer Philosophie.

Der Dresdner Musikwissenschaftler Michael Heinemann zeigt anhand vieler Notenbeispiele die verschiedenen Parameter dieser Klangwelt. Seine in wissenschaftlicher Sprache abgefasste Arbeit bleibt letztlich Spekulation, vermittelt uns aber anhand der aufgeführten Beispiele und deren Analysen, die auch Metabereiche berücksichtigen, neue Einblicke in Beethovens Musik. Die 130 Seiten Text werden in elf Kapitel unterteilt mit Überschriften wie «Körperbewusstsein», «Verstehen» oder «Fassen», gefolgt von deren enzyklopädischer Definition. Weitere 25 Seiten bringen Originaldokumente zu Beethovens Taubheit: Auszüge aus seinen Konversationsheften, Schriften und Briefen nebst Berichten seiner Zeitgenossen.

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Michael Heinemann: Beethovens Ohr. Die Emanzipation des Klangs vom Hören, 156 S., € 19.80, Edition Text + Kritik, München 2020, ISBN 978-3-96707-452-9

Deutungsfragen

Diese Publikation der Hochschule der Künste Bern dreht sich um die Erforschung von Aufführungs- und Interpretationstraditionen mit besonderem Blick auf Beethoven.

Beethoven-Denkmal in Leipzig von Max Klinger. Wikimedia commons

Der Begriff «Interpretation» bedarf der Interpretation. Er kann die Aufführungspraxis betreffen, die kompositorische Rezeption, auch Musikkritik, ja selbst die gern sich sachlich-wissenschaftlich gebende Analyse eines Werks. Bewusst breit ist er daher angelegt, der von der Hochschule der Künste Bern herausgegebene Sammelband Rund um Beethoven– Interpretationsforschung heute. Mehr als 500 Seiten und 30 Aufsätze bieten Gedanken und Ergebnisse zu solch heiklen Fragen, wie Ludwig van Beethoven früher geklungen haben könnte, wie Richard Wagners Dirigiergewohnheiten der Neunten aussahen, wie es um kreative kompositorische oder musiktheatralische Aneignung steht.

Warum Beethoven im Zentrum steht, lässt sich trefflich beantworten: Klar, das Jubiläum spielt eine Rolle. Zudem gibt es viel Material. Aufführungspraktische Erwägungen aus dem 19. Jahrhundert gehören dazu, diverse Notenausgaben, auch einige sehr frühe Einspielungen auf den Aufnahmeapparaten der Firma Welte-Mignon oder der Konkurrenzfirma Hupfeld. Erhellend sind Manuel Bärtschs Betrachtungen zweier Interpretationen von Beethovens Klaviersonate A-Dur op. 101. Zum einen handelt es sich um eine Aufnahme des Liszt-Schülers Eugen d’Albert auf dem Welte-Mignon-Reproduktionsklavier, zum anderen um Frederic Lamonds Interpretation auf der so genannten Animatic-Rolle von Hupfeld. Die um 1910 entstandenen Einspielungen lassen sich mit einem – offenbar obsoleten – Begriff von «Werktreue» nicht in Einklang bringen. Eher entsteht der Eindruck einer lustvoll-spielerischen Beethoven-Aneignung, in der sich, wie es Bärtsch ausdrückt, «Traditionsreste, Eigengesetzlichkeiten, kreative Aneignung und physische Gegebenheiten spiegeln». (S. 69)

Bärtschs Verdienst ist es, die Probleme einer aufführungsorientierten Forschung nicht zu verschweigen. Sie stützt sich auf Momentaufnahmen, geprägt von besonderen Situationen (nicht selten nahmen Interpreten Rücksicht auf technische Unzulänglichkeiten der frühen Apparate), von divergierenden Traditionen, auch von individuell-subjektiven Lebensverläufen. Bände spricht der Hinweis des Dirigenten und Pianisten Hans von Bülow, ein Schüler möge doch nicht seine, also Bülows, Notenausgabe verwenden: «Ich rathe Ihnen aber doch, Klindworth’s Ausgabe zu nehmen; dort finden Sie all das Gute meiner Ausgabe, das Überflüssige ausgeschieden, das Irrige verbessert.» (S. 113)

Mit Interpretationsfragen im Sinne einer «kreativen Aneigung» stossen Autoren bis in die Gegenwart vor. Michelle Ziegler beschäftigt sich mit Mauricio Kagels «Rettungsversuch im Jubiläumjahr», das heisst, mit Kagels durchaus aktuellen Gedanken zur Beethoven-Instrumentalisierung und -Vereinnahmung zu dessen 200. Geburtstag im Jahr 1970. Während Ziegler eine bündige Darstellung sowohl des damaligen Klimas wie auch von Kagels durchaus mokant-schelmischer Ästhetik gelingt, bleiben die eher journalistischen Ausführungen von Simeon Thompson nebulös. Sein Thema lautet «Beethoven und der Zweite Weltkrieg in der künstlerischen Reflexion der Nachkriegszeit». Fraglich bleibt schon die – weder zeitlich noch thematisch überzeugende – Gegenüberstellung von Rolf Liebermanns 1952 in Basel uraufgeführter Oper Leonore 40/45 und des Filmes A Clockwork Orange, den Stanley Kubrick 1972 in die Kinos brachte. Tenor scheint jedenfalls zu sein, dass Liebermann die Beethoven-Rezeption im Zweiten Weltkrieg verharmlost, während Kubrick offenbar berechtigter die Gewalt in und um Beethoven thematisiert.

Solch fragwürdige Zuspitzungen sind die Ausnahme in einem Sammelband, der einen umfassenden Beitrag liefert zum Stand heutiger Interpretationsforschung. Ausgesprochen edel ist die Ausgabe der Edition Argus, mehr als gründlich wirkt das Lektorat der Texte, die vorwiegend einem 2017 von der Hochschule der Künste Bern veranstalteten Symposium entstammen.

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Rund um Beethoven. Interpretationsforschung heute, hg. von Thomas Gartmann und Daniel Allenbach, 533 S., € 63.00, Edition Argus, Schliengen 2019, ISBN 978-3-931264-94-9, kostenloses PDF

Die Unterschiede vom Autograf bis heute

Bei seiner zweibändigen Ausgabe der beethovenschen Violinsonaten hat Clive Brown die Unterschiede im Notentext vom Autograf bis heute aufgeführt.

Beethoven-Denkmal von Hugo Uher (1929), Karlsbad. Foto: SchiDD/wikimedia commons

Der lange Jahre in Oxford und Wien lehrende Geiger Clive Brown hat eine reichhaltige wissenschaftlich-kritische Ausgabe der zehn Sonaten für Klavier und Violine in zwei Bänden herausgegeben. Die einführenden Texte englisch/deutsch liefern grundlegende Informationen zur sich wandelnden Aufführungspraxis seit Beethoven bis heute. Auch bringt er spannende Tatsachen über die Entstehung der Sonaten, deren Charakterisierung und praktische Anregungen zu den einzelnen Sätzen. Im Anhang sind die metronomischen Angaben aus vielen Ausgaben von Haslinger (1828) bis Kreisler (1935) aufgelistet; Beethoven selbst gab für die Violinsonaten keine an. Ein «Performing Practice Commentary» ist online unentgeltlich über die Website des Verlags erhältlich. Der Kritische Bericht, je etwa 20 Seiten hinten in den Klavierparts und nur auf Englisch, erläutert die Unterschiede vom Autograf über die vielen folgenden Ausgaben bis zu Henle (1974) – vergleichend und wertend, einige davon erstmals!

In den Stimmen geben Fussnoten Hinweise auf Alternativen. Nebst der Urtextviolinstimme steht eine mit Bogenstrichen und Fingersätzen des Herausgebers zur Verfügung, die sich mit historischen Gegebenheiten auseinandersetzen, aber oft unpraktisch sind. Der grosszügige Notensatz benötigt einen Viertel mehr Seiten als die Henle-Ausgabe, was oft zu unnötiger Ausdehnung führt, z. B. in der Violinstimme des Presto op. 47 auf acht Seiten, Scherzo op. 96 auf 2½ Seiten! Trotzdem sind die neuen Erkenntnisse ein Quantensprung seit Rostals Buch von 1985.

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Ludwig van Beethoven: Sonaten für Klavier und Violine, hg. von Clive Brown; Band I, BA 9014, € 39.95; Band II, BA 9015, € 44.95; Band I + II im Paket, BA 9036, € 74.00, Bärenreiter, Kassel 

Die «Kleine Neunte»

Beethovens Fantasie eignet sich für Chöre, die etwas «Hymnisches» suchen. Besonders schwierig ist sie nicht.

Beethoven von Lewon Konstantinowitsch Lasarew (1981), Bonn. Foto: Hans Weingartz / wikimedia commons

Beethovens Chorfantasie op. 80 entstand sechzehn Jahre vor seiner 9. Symphonie. Aufgrund der formalen Gemeinsamkeiten und der Ähnlichkeit der Hauptmelodie mit der Ode an die Freude wird die etwa zwanzigminütige Chorfantasie auch gerne als «Kleine Neunte» bezeichnet. Das Werk entstand ursprünglich für die «Grosse Akademie» am 22. Dezember 1808 im unbeheizten Theater an der Wien, einem mammutartigen Konzert, in dem Beethoven ausserdem die 5. und 6. Sinfonie sowie das 4. Klavierkonzert, die Arie Ah perfido op. 65 und Teile der Messe op. 86 aufführte.

Die erdrückende Länge des Programms (über vier Stunden!), fehlerhafte Noten und wenige Proben führten dazu, dass Beethoven, der trotz Ertaubung die Einleitung der Chorfantasie selbst am Klavier improvisierte, sie abbrechen und neu beginnen lassen musste. Er selbst berichtete dazu später: «Hauptsächlich waren die Musiker aufgebracht, daß indem aus Achtlosigkeit bey der einfachsten plansten Sache von der Welt gefehlt worden war, ich plözlich stille ließ halten, und laut schrie[:] noch einmal.»

Beim Carus-Verlag ist vor Kurzem eine neue Edition der Chorfantasie erschienen, die auch eine englische Singfassung enthält. Ein empfehlenswertes Werk für Chöre, die im konzertanten Bereich etwas «Hymnisches» suchen. Der Chorpart ist nicht besonders schwer, und die Solopartien können unter Umständen auch aus dem Chor oder halbchorisch besetzt werden. Neben der Originalfassung, die im 19. Jahrhundert sehr beliebt war, existieren für Aufführungen ohne Orchester im Übrigen auch Bearbeitungen für zwei Klaviere von Hans von Bülow und eine vierhändige von Hugo Ulrich.

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Ludwig van Beethoven: Fantasie für Klavier, Chor und Orchester op. 80, hg. von Ulrich Leisinger; Partitur, CV 10.394/00, € 39.95; Klavierauszug, CV 10.394/03, € 9.95; Chorpartitur CV 10.394/05; Carus, Stuttgart

Mozart vor Augen

Beethoven behielt das Autograf dieser frühen Quartette ein Leben lang bei sich.

Beethoven-Denkmal von Hans Mauer, Baden bei Wien. Foto: Geolina163/wikimedia commons

Mit 15 Jahren schuf Ludwig van Beethoven die drei Klavierquartette WoO 36. Sein Lehrer, der Bonner Hoforganist, Opernkapellmeister und Komponist Christian Gottlob Neefe, äusserte sich zwei Jahre zuvor über ihn: «Er würde gewiss ein zweiter Wolfgang Amadeus Mozart werden, wenn er so fortschritte, wie er angefangen.» Der junge Beethoven spielte und studierte Mozarts Werke; diese drei frühen Kompositionen orientieren sich denn auch in Form und Anlage an dessen Violinsonaten KV 296, KV 379 und KV 380. Die Gattung Klavierquartett war damals noch nicht populär, Mozarts Meisterwerke KV 478 und KV 493 entstanden erst in jenen Jahren. Die Besetzung Klavier, Violine, Viola und Violoncello ergab sich für Beethoven offenbar durch seine Beziehung zur Familie des Hofkammerrats Gottfried Mastiaux, dessen Kinder ebendiese Instrumente spielten.

Zeitlebens bewahrte Ludwig van Beethoven sein Autograf dieser Quartette auf. Er verwendete einzelne Themen später in den Klaviersonaten und im Klaviertrio c-Moll op.1 Nr. 3. Dieses erhaltene Autograf ist auch die massgebliche Quelle für die neue Urtextausgabe bei Bärenreiter. Der Herausgeber Leonardo Miucci, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule der Künste Bern, ergänzt seine Einführung mit aufschlussreichen Hinweisen zur Aufführungspraxis von Beethovens Klaviermusik aus jener Zeit.

Sind diese frühen Klavierquartette bereits «durchaus Beethoven»? Gewiss: Der spätere «Revolutionär» bleibt meist verborgen, und der Streichersatz gleicht noch nicht demjenigen der Streichquartette (er ist dafür leichter zu spielen!). Aber es handelt sich um wunderschöne Kammermusik, die den Vergleich mit anderen Werken ihrer Zeit nicht zu scheuen braucht und mitunter ganz schön dramatisch wird!

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Ludwig van Beethoven: Drei Quartette für Klavier, Violine, Viola und Violoncello WoO 36, hg. von Leonardo Miucci, Stimmen: Klavier (Partitur) und Streicher, BA 9037, € 48.95, Bärenreiter, Kassel

Beethoven

Der Geburtstag Ludwig van Beethovens jährt sich Mitte Dezember zum 250. Mal. Mit dieser Ausgabe runden wir unser Jahresprojekt «52 x Beethoven» ab.

Beethoven

Der Geburtstag Ludwig van Beethovens jährt sich Mitte Dezember zum 250. Mal.
Mit dieser Ausgabe runden wir unser Jahresprojekt «52 x Beethoven» ab.

Alle blau markierten Artikel können durch Anklicken direkt auf der Website gelesen werden. Alle andern Inhalte finden sich ausschliesslich in der gedruckten Ausgabe oder im e-Paper.

Focus

52 x Beethoven
Wir feiern die Taufe Beethovens am 17. Dezember 1770 mit einigen der
freitags online erscheinenden Werkannäherungen von Michael Kube:

Schottische Lieder
5. Sinfonie
«Appassionata»
Duett «mit zwei obligaten Augengläsern»
Drei Equale
«Eroica»
Grosse Fuge für Klavier zu vier Händen
«Wut über den verlorenen Groschen»
Streichquartett Nr. 14
Trauerkantate

Mais ce qui demeure, c’est ce que fondent les poètes
La musique de Beethoven n’a de compte à rendre à personne. Affranchie de toute contrainte, elle devient autonome et vise l’universalité.

Was bleibet aber, stiften die Dichter
Beethovens Musik ist niemandem Rechenschaft schuldig; und jeder Verpflichtung ledig wird sie autonom, strebt nach Allgemeingültigkeit.

… und ausserdem

RESONANCE


Vom Einbruch des Unkontrollierbaren
— Bettina Skrzypczak im Gespräch über ihre Oracula Sibyllina

Interdisziplinäre Rebellion in der Innerschweiz — Club Dänemark

Die atmende Leichtigkeit des Spiels — Gedenkkonzert für Hansheinz Schneeberger

Bereichernder Austausch über Generationen — 30 Jahre Orpheum

Carte blanche à Francesco Biamonte

Campus

Une légitime prise sur le monde (partie 1) — La démocratie culturelle

Arbeiten «ohne Netz» — Zweitmaster mit Forschungsvertiefung

FINALE


Rätsel
—Walter Labhart sucht


Reihe 9

Seit Januar 2017 setzt sich Michael Kube für uns immer am 9. des Monats in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

Link zur Reihe 9


52 x Beethoven


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Vom Einbruch des Unkontrollierbaren

Bettina Skrzypczak über ihre Komposition «Oracula Sibyllina», über künstlerisches Engagement und die Frage, wie das Leben nach Corona weitergehen könnte.

Bettina Skrzypczak. Foto: Priska Ketterer
Vom Einbruch des Unkontrollierbaren

Bettina Skrzypczak über ihre Komposition «Oracula Sibyllina», über künstlerisches Engagement und die Frage, wie das Leben nach Corona weitergehen könnte.

Bettina Skrzypczak lebt in Riehen und unterrichtet Komposition, Theorie und Musikgeschichte an der Hochschule Luzern/Musik. Im Februar wurde sie mit dem Heidelberger Künstlerinnenpreis 2020 ausgezeichnet, und im Mai erhielt sie den Kompositionswerkbeitrag des Kantons Aargau für das Jahr 2020. Als das Musikkollegium Winterthur, geleitet von Pierre-Alain Monot vor über fünf Jahren ihre Oracula Sibyllina für Mezzosopran (Mareike Schellenberger) und Orchester uraufführte, war dies das Resultat einer jahrelangen Beschäftigung mit antiken Orakeln und Prophetinnen. Heute ist das Werk aktuell wie nie zuvor.

Bettina, deine Komposition beginnt mit den Worten: «Ich bin Sibylle.» Deshalb zuerst die Frage: Wer ist diese Sibylle?
Das ist eine Kunstfigur.

Interessant! Und wie ist sie zusammengesetzt?
Dazu muss ich etwas ausholen. Die Sibyllen waren weise Frauen, die prophezeiten – weibliche Propheten. In der Antike werden sie von Heraklit erstmals erwähnt. Der römische Autor Varro nennt zehn Sibyllen mit je eigenen Prophezeiungen. Ihre Weissagungen beziehen sich nicht auf historisch lokalisierbare Menschen oder Fakten, sondern auf die menschliche Existenz ganz allgemein, meist in Form von Warnungen. Die Texte sind zeitlos aktuell, und das hat mich beeindruckt. Zwei dieser Sibyllen haben mich besonders interessiert, die Sibylle aus Erythrai und die berühmte Sibylle von Cumae aus der Nähe von Neapel. Auf ihren Aussagen beruht mein Text.

Das klingt nach einem langen Entstehungsprozess.
Ich habe mich monatelang mit der Thematik beschäftigt und mir viele Gedanken gemacht. Die Textkompilation war die erste Stufe der Komposition, und die Musik wuchs gemeinsam mit dem Text, wenn auch zuerst nur in meinem Kopf. So entstand das Porträt einer Sibylle als Ergebnis meiner Fantasie. Sie verkörpert all das, was ich beim Studium der Texte entdeckt und empfunden habe.

Wie charakterisierst du diese Sibylle?
Die Charakterisierung folgt einer genauen Dramaturgie. Es gibt drei Phasen, und jede endet mit dem warnenden Appell: «Höret!» Im ersten Teil stellt sie sich vor: «Ich bin Sibylle, des Phoibos weissagende Dienerin. Ich bin Tochter der Nymphe Naias.» Das ist der springende Punkt: Sie ist Tochter eines irdischen Naturwesens und zugleich Dienerin von Phoibos Apollon, dem «Leuchtenden», der mit dem Sonnengott Helios gleichgesetzt wird. Das heisst, es gibt bei ihr das Moment des Irdischen, Vergänglichen, und das Moment des Göttlichen, des Lichts. Diese innere Spannung oder sogar Zerrissenheit hat mich fasziniert.

Wie ist der musikalische Charakter dieses ersten Teils?
Der Grundzug ist lyrisch. Hier steht die melodische Linie im Vordergrund, Kantabilität als Symbol des Menschlichen. Es hat etwas Ergreifendes, wenn sie von ihrem Schicksal erzählt.

Und die zweite Phase?
Hier erscheint die Sibylle als enttäuschte Rebellin und wird sehr emotional. Sie sagt: «Ihr hört nicht auf meine Worte und nennt mich eine rasende Lügen-Sibylle – ich warne euch!»

Und dann explodiert das Ganze.
Der dritte Teil des Textes führt uns in eine ganz andere Dimension. Das ist die Phase der Ekstase und der Höhepunkt des Werks. Die Sibylle gerät in einen Zustand, in dem sie sich nicht mehr unter Kontrolle hat. Sie verliert ihre persönlichen Charakterzüge, wird zum Sprachrohr übernatürlicher Kräfte und sieht schreckliche Dinge. Hier ist in der Musik alles zerrissen, zerhackt; das mit ihren menschlichen Empfindungen verbundene Kantable ist weg, das Geräuschhafte überwiegt. Danach verstummt sie; sie ist entsetzt über das, was sie sieht, und die Musik stockt. Es herrscht eine Leere. Aber am Schluss kommt eine Wendung: Die Sibylle singt noch einmal: «Höret!» Die kantable Linie symbolisiert eine Rückkehr zum Menschlichen – ein Signal, das Rettung andeutet.
 

Das Wort «hören» kommt auffallend häufig vor.
Ich verstehe Oracula Sibyllina als eine Komposition über das Hören: Hören als Zuhören und als Symbol für das konzentrierte Erleben der inneren und äusseren Wirklichkeit, als umfassende Aufmerksamkeit für die Welt, die uns geschenkt ist und die wir nicht zerstören dürfen.

Mit diesem Stück hast du auch das Porträt einer unglaublich komplexen Frauengestalt gezeichnet.
Sie ist ein Medium, das zwei Seiten hat: eine menschliche und eine, die wir nicht verstehen.

Eine Art weiblicher Archetypus mit allen Widersprüchen.
Vielleicht.

Aus dieser inneren Gespaltenheit resultiert auch der dramatische Charakter der Figur. «Oracula Sibyllina» ist als Monodram konzipiert. Hast du auch schon an eine szenische Aufführung gedacht?
Ja, natürlich. Gerade die Stimme mit ihren Abstufungen vom Sprechen über Sprechgesang bis zum hochexpressiven Gesang ruft nach einer szenischen Darstellung. Die Aufteilung des Orchesters in drei räumlich getrennte Gruppen unterstützt die Dramatik. Es wird zum Resonanzraum der Stimme.

Im dritten Teil eröffnen sich Dimensionen, die heute in der Musik selten anzutreffen sind. Die Sibylle beschreibt eine Apokalypse in Form eines kosmischen Kampfes der Sterne: «Gott liess sie kämpfen, und Luzifer lenkte die Schlacht.» Dieses Bild wird auch musikalisch unerhört packend dargestellt.
Es gibt existenzielle Gedanken der Menschen, die man nicht beschreiben kann. Deshalb lasse ich die Sibylle sprechen, beobachte sie von aussen und erfahre durch sie, dass da etwas Unfassbares geschieht. Sie kann das nur stammelnd beschreiben. Ich sehe, was mit ihr passiert, aber selbst wage ich nicht, in diese Bereiche einzudringen.

Trotzdem: Du bist die Komponistin und formulierst es.
Ich gebe nur eine Art Umriss des gewaltigen Geschehens.

Du hast darauf hingewiesen, dass die Sibylle auch eine lichte Seite hat. Aber abgesehen vom ersten Teil ist das doch eigentlich ein sehr schwarzes Stück. Alles läuft auf diesen dritten Teil zu, den Kampf der Welten.
Ich sehe das nicht als eine hoffnungslose Situation. Der Schluss ist offen und lässt auch der Hoffnung Raum. Aber ich wollte schon bis an die Grenze gehen, um den Ernst der Warnung zu unterstreichen.

Dein Werkkommentar von 2015 endet mit einem Vierzeiler: «Wer bist du, Sibylle, du Heimatlose? / Ich will dir beistehen / Auf deinem Weg der unendlichen Suche / Bei deiner Flucht vor der Dunkelheit.» Du identifizierst dich offensichtlich stark mit dieser Figur.
Das Dilemma, in dem sie steckt, hat mich mitgenommen: Sie ist eine sehr feinfühlige Person, die die Welt differenziert wahrnimmt, und zugleich trägt sie die schicksalshafte Last, Dinge sehen zu müssen, die die anderen nicht sehen, und wird dabei nicht ernst genommen. Sie will etwas sagen, aber niemand hört zu, und so wollte ich mit ihr mitfühlen. Als ich den Apokalypse-Teil komponierte, war ich völlig erschlagen, auch körperlich. Das hat mich sehr viel Energie gekostet. In dieser Musik gibt es nichts umsonst.

Der Aspekt der Kommunikation ist dir offenbar sehr wichtig.
Wenn ich mich mit so einem Text beschäftige, dann möchte ich damit natürlich auch etwas sagen. Ich habe ein Bedürfnis zu sprechen, meine Position klarzumachen als ein heute lebender Mensch. Das gilt sicher für alle, die künstlerisch tätig sind.

«Oracula Sibyllina» entstand 2014–15 und wurde am 21. Mai 2015 in Winterthur uraufgeführt. Im Vergleich zu heute schien damals die Welt fast noch in Ordnung. Seither haben sich viele Probleme zugespitzt. Wie kommt es, dass du in einer noch relativ ruhigen Zeit ein Stück mit einer so katastrophischen Tendenz geschrieben hast?
Die Gestalt der Sibylle hatte mich damals schon jahrelang beschäftigt. 2003 spielte das Quartet noir beim Lucerne Festival meine komponierte Improvisation mit dem Titel Weissagung, in der auch schon einige Sätze des jetzigen Textes vorkamen; die Kontrabassistin Joëlle Léandre hat damals die Wildheit der Sibylle grossartig zur Darstellung gebracht. Das arbeitete in meinem Hinterkopf weiter. Und dann beobachte ich auch seit vielen Jahren die beunruhigenden Veränderungen in der Gesellschaft und im Zusammenleben, und die haben in den letzten Jahren zugenommen. Das waren so kleine Mosaiksteinchen, die sich langsam zu dem Bild zusammensetzten, das dann mit in die Komposition einfloss.
 

Fünf Jahre später, mitten in der Coronakrise

Bei der Uraufführung wurde «Oracula Sibyllina» noch vorwiegend als rein ästhetisches Ereignis wahrgenommen. Und jetzt, fünf Jahre später, stecken wir mitten im Desaster der Coronakrise und haben das Gefühl: Die Schreckensvision dieser Sibylle geht uns etwas an.
Ich muss sagen, manchmal staune ich selbst, dass sich meine Ahnungen oder Vorstellungen nach längerer Zeit verwirklichen. Das bestätigt mich in der Ansicht, dass wir Menschen zwar gewisse Entwicklungen intuitiv oder vielleicht sogar rational erkennen, aber nicht wahrhaben wollen, dass sie real existieren. Wir haben immer geglaubt, wir könnten alles erklären und damit die Welt beherrschen, und haben übersehen, dass es Bereiche im Menschen gibt, die völlig irrational sind. Diese Bereiche treten gerade bei der Sibylle hervor, wenn sie weissagt. Und das ist auch der Punkt, wo die Kunst ansetzen kann, um Licht ins Dunkel zu bringen. Die Stimme der Sibylle, die zur inneren Stimme unseres Gewissens geworden ist, kann uns dabei leiten.

Die unerwartete Aktualität dieses Werks erinnert mich von ferne an die Geschichte von Gustav Mahler, der in einem glücklichen Lebensabschnitt die «Kindertotenlieder» schrieb, und drei Jahre später ist seine Tochter gestorben. Verfügen Künstler über einen siebten Sinn?
Wenn das so ist, dann hängt es vielleicht mit der Arbeitsweise des Künstlers zusammen. Er konzentriert sich monate- und jahrelang auf sein Werk, und das schärft die Wahrnehmung auf extreme Weise. Wenn ich komponiere, empfinde ich alles viel intensiver, auch die alltäglichen Dinge. Ich höre intensiver, ich verstehe die Menschen intensiver. Es findet eine Öffnung des Herzens und des Denkens statt. Und dadurch sieht man vielleicht auch weiter in die Zukunft als andere Menschen. Ich glaube, jeder Künstler, jede Künstlerin besitzt die Fähigkeit, die Welt so intensiv wahrzunehmen und Anteil an den Veränderungen zu nehmen. Vieles, was ich als Zeitgenossin so erlebe, beschäftigt mich unglaublich stark, und die Musik ist das Medium, in dem ich meine Empfindungen mitteile.

Damit kommen wir zur heute viel diskutierten Frage: Sollen sich künstlerisch Tätige in gesellschaftlichen Fragen engagieren?
In jedem Fall, absolut. Mit dem, was man etwas verengt «politische Musik» nennt, habe ich zwar meine Schwierigkeiten, aber ein Realitätsbezug kann auf vielerlei Arten entstehen. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sagen: Ja so ist es, und man kann nichts machen. In mir brennt etwas, ich möchte etwas bewirken mit meiner Musik und etwas verändern. Ich finde, nur durch starke Stimmen kann etwas in Bewegung gebracht werden. Deshalb beeindruckt mich auch diese Sibylle. Sie geht bis an ihre Grenzen und riskiert viel dabei. Damit ermöglicht sie, dass nach den Prophezeiungen, die sich schon oft so schrecklich erfüllt haben, am Schluss wieder das Licht kommen kann.

Sollte eine Komponistin oder ein Komponist direkt auf die Coronaproblematik reagieren?
Einer meiner Studierenden hat mich auch schon gefragt, ob ich nicht das Bedürfnis habe, ein solches Werk zu schreiben. Das scheint mir aber jetzt noch zu früh, und ich glaube nicht an so einen Reflex auf Knopfdruck. Wir sind noch mittendrin und machen Erfahrungen, die erst verarbeitet werden müssen. Wir brauchen Zeit zur Reflexion. Doch es ist absolut nötig, sich über kurz oder lang mit diesem beispiellosen Geschehen künstlerisch auseinanderzusetzen.

Was sind, von den materiellen Folgen einmal abgesehen, die Auswirkungen der Coronakrise auf den einzelnen Künstler?
Kunst besteht aus dem Austausch, sie ist ein Kommunikationsakt. Wie für alle anderen ist es für mich wichtig, dass ich mit dem Zuhörer und der Interpretin kommunizieren kann, und das geht im Moment nicht. Corona wird natürlich irgendwann vorbei sein. Aber ich betone nochmals das Moment der Reflexion, denn nur so können wir auch die Konsequenzen daraus ziehen und entsprechend reagieren. Das Schlimmste wäre, zu denken: Jetzt ist alles vorbei, und wir können weitermachen wie zuvor.

Was würdest du dir für das Nachher wünschen?
Dass wir unsere Egoismen überwinden und mehr aufeinander hören. Dass wir mehr Sensibilität entwickeln den anderen Menschen gegenüber, auch gegenüber den Nächsten, und uns freuen über das, was uns geschenkt ist, über die ganze Gegenwart, in der wir leben. Dass wir wieder schätzen lernen, was wir haben, und nicht nur an das denken, was wir noch nicht haben oder noch erreichen wollen.
 

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Intendantenwechsel beim Argovia philharmonic

Xoán Castiñeira legt sein Amt als Intendant des Aargauer Orchesters Argovia philharmonic vorzeitig nieder. Auf ihn folgt Simon Müller, der gegenwärtig die Zuger Sinfonietta leitet.

Simon Müller (Bild: zVg)

Xoán Castiñeira verlässt das Orchester nach kurzer Zeit. weil er «die finanziellen Voraussetzungen zur Erreichung der hoch gesteckten Ziele und damit die erwünschte Gestaltungsfreiheit» laut der Medienmitteilung als nicht gegeben betrachtet. Tatsächlich, schreibt das Orchester, sei der Jahresabschluss der Saison 2019/2020 enttäuschend ausgefallen. Argovia philharmonic werde deshalb seine Aktivitäten vorübergehend etwas reduzieren.

Der Vorstand des Argovia philharmonic hat Simon Müller zum Nachfolger ernannt. Der Zürcher Musikwissenschaftler ist für die Zuger Sinfonietta tätig. Er amtete bei dem Ensemble zunächst als Geschäftsführer, seit 2018 als Intendant mit umfassender künstlerischer und administrativer Verantwortung in sämtlichen Bereichen des Orchester- und Konzertmanagements. Müller wird seine neue Aufgabe im Aargau spätestens im Frühjahr 2021 antreten.

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