Organisiert vom Hofgesangsverein besingen alle zwei Jahre verschiedene Gesangsformationen Zürichs Innenhöfe, im Jubiläumsjahr 2026 vom 9. Mai bis 6. Juni.
PM/SMZ/ks
- 10. Apr. 2026
Hofgesang mit Jazzcetera an der Engelstrasse 49 in Zürich. Foto: Hofgesang
Gemäss Website wurde der Hofgesangsverein 2005 von Kulturschaffenden und Privaten gegründet, die «die soziale Integration durch Aufwertung der Innen- und Hinterhöfe als Lebensräume» fördern wollen. In der Medienmitteilung vom 7. April schreibt Initiant und Gesamtprojektleiter Andreas Diethelm, dass in den vergangenen Jahrzehnten Dreiviertel der «innenstädtischen Höfe vom Werkplatz zum Parkplatz» mutiert seien. Der Verein lädt alle Akteure zum Dialog ein, um «gemeinsam Mittel und Wege zu suchen, wie diese wertvollen Rest-Räume lebenstauglich gestaltet und genutzt werden können».
Ein wichtiges Projekt in diesem Prozess ist das jeweils in geraden Jahren stattfindende Projekt Hofgesang. Chöre, Ensembles und einzelne Sangesfreudige sind eingeladen, Zürichs Höfe erklingen zu lassen. Sie können ihre Teilnahme bis Ende April auf hofgesang.ch anmelden. Hofgesang sei die Chance, singfreudigem Nachwuchs zu begegnen.
Das Projekt fand erstmals vor zwanzig Jahren in Zürich statt. Im Zwischenjahr 2009 gab des den ersten Berner Hofgesang, der sich inzwischen etabliert hat. Der fünfte Berner Hofgesang ist für 2027 geplant, dieses Jahr gibt es am 12. und 13. Juni Hofgesang in Biel.
Uraufführung von Francesco Hoch in Bellinzona
«Z contra Z» von Francesco Hoch ist der erste Teil einer sechsteiligen Komposition von Francesco Hoch. Das Stück wurde am Karfreitag uraufgeführt.
Max Nyffeler
- 08. Apr. 2026
Francesco Hoch vor dem Chor des RSI, rechts Diego Fasolis. Foto: Max Nyffeler
Im traditionellen Karfreitagskonzert des Orchestra della Svizzera Italiana unter Diego Fasolis in der Chiesa Collegiata in Bellinzona erklang neben dem Requiem des englischen Komponisten John Rutter und Giuseppe Verdis grossartigem Spätwerk Stabat Mater auch eine neue Komposition des Tessiner Komponisten Francesco Hoch für vierstimmigen Chor als Uraufführung.
Die Stimmen sind stark chromatisch und teilweise in weiten Sprüngen geführt, in der Harmonik dominieren milde Dissonanzen. Der kurze, in seine Lautbestandteile zerlegte Text lautet: «Io sono qui. Noi siamo qui. Io sono ancora qui. Noi siamo ancora tutti qui.» («Ich bin hier. Wir sind hier. Ich bin noch hier. Wir sind alle noch hier.») Es sind die Worte, mit denen der ukrainische Präsident Selenski – italienisch: Zelensky – kurz nach dem russischen Überfall auf das Land auf das Asylangebot des US-Präsidenten Biden reagierte. Von daher erklärt sich auch der Titel Z contra Z.
Die verschlüsselte politische Aussage sorgte im Vorfeld des geistlichen Konzerts da und dort für Stirnrunzeln, wurde aber vom Publikum, das den Texthintergrund nicht kannte, nicht als solche wahrgenommen. Das mit warmem Beifall bedachte, von der in Lugano tätigen Lettin Liga Liedskalnina dirigierte Stück bildet den Beginn einer sechsteiligen Komposition, die am 4. September beim Musikfestival Bern erklingen wird.
Oboe und Fagott im Mittelpunkt
Über 300 Musikerinnen und Musiker haben sich um die Teilnahme an The Muri Competition beworben: Vom 9. bis 19. April messen sich zum fünften Mal junge Oboistinnen und Fagottisten aus aller Welt in den Räumlichkeiten des Klosters, darunter zwei regionale Jungtalente. In der Jury sitzen Spitzenmusiker und Professoren aus zehn Ländern.
André Heller
- 02. Apr. 2026
Es gibt Wettbewerbe für Klavier, für Geige, für Gesang – Dutzende davon weltweit. Für Oboe und Fagott hingegen gibt es praktisch keinen. Ausser in Muri. Seit 2013 findet hier alle drei Jahre The Muri Competition statt, der weltweit einzige internationale Wettbewerb, der sich gleichzeitig auf diese beiden Instrumente spezialisiert hat. Die Qualifikation von Hunderten von Bewerbern läuft anonym ab – die Vorjury hört jede eingereichte Aufnahme, ohne zu wissen, wer spielt, und entscheidet, wer zu den je rund 50 Teilnehmenden pro Instrument gehört und anreisen darf.
Ins Leben gerufen haben ihn drei Musiker: der Murianer Oboist Renato Bizzotto, der Fagottist Matthias Rácz und der Oboist Martin Frutiger – die beiden Letzteren sind Solisten im Tonhalle-Orchester Zürich und Professoren an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK. Die Oboe-Jury wird auch 2026 von Martin Frutiger präsidiert. Neben ihm urteilen unter anderem Francesco Di Rosa aus Italien, Simon Fuchs – Solo-Oboist der Tonhalle Zürich – sowie der frühere Muri-Gewinner Kyeong Ham aus Südkorea. Die Fagott-Jury leitet Matthias Rácz, Solofagottist der Tonhalle Zürich. Ihm zur Seite stehen unter anderem der renommierte italienische Fagottist Sergio Azzolini, die Engländerin Rachel Gough und die Amerikanerin Whitney Crocket – insgesamt Juroren aus zehn Nationen.
Karriere-Sprungbrett
Dass Heinz Holliger, Dirigent, Komponist und einer der berühmtesten Oboisten der Musikgeschichte, persönlich nach Muri kommt und im Patronat ist, gibt dem Wettbewerb zusätzliches Gewicht. Holliger kürt die beste Interpretation der zeitgenössischen Pflichtstücke und verleiht dafür den nach ihm benannten Heinz-Holliger-Preis. Am Samstag, 18. April, hält er zudem einen öffentlichen Meisterkurs für die Halbfinalisten ab.
Enrico Bassi spielte das Fagott so virtuos wie kein anderer und gewann bei The Muri Competition 2023 den 1. Preis in der Kategorie Fagott. Foto: zVg
The Muri Competition ist mehr als ein Wettkampf. Wer hier gewinnt, dem öffnen sich Türen. Enrico Bassi gewann 2023 im jugendlichen Alter von 21 Jahren den ersten Preis in der Klasse Fagott – heute ist er Solo-Fagottist des NDR-Elbphilharmonie-Orchesters in Hamburg. Der Fagottist Andrea Cellacchi gewann 2016 und ist inzwischen Erster Fagottist des Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam und unterrichtet als Professor am Konservatorium der italienischen Schweiz in Lugano. Den Gewinnerinnen und Gewinnern winken Stipendien, Auftrittsmöglichkeiten, Sonderpreise und ein Preisgeld von je 15’000 Franken für den ersten Platz. Aber eigentlich gewinnen alle Teilnehmenden an diesem Anlass, der neben dem hohen musikalischen Anspruch ja auch die Jugendförderung zum Ziel hat. In Muri können die jungen Musikerinnen und Musiker ihr Netzwerk erweitern; ihnen werden Türen geöffnet und sie knüpfen neue (berufliche und private) Beziehungen.
Verbindende Wirkung
Dabei geht es bei The Muri Competition nicht nur darum, die allerbesten von den Besten zu trennen: Vielmehr soll die Musik und die Leidenschaft für die beiden Instrumente neue Verbindungen schaffen. Unter den Musikern, aber auch über ihre Kreise hinaus.
So finden sich im Patronatskomitee auch Personen, die das Eifern nach Bestleistungen aus anderer Perspektive kennen. Die Nati-Fussballerin Alayah Pilgrim oder die Handball-Nationalspielerin Daphne Gautschi, nicht nur gebürtige Murianerin, sondern selbst Oboistin, die einst vom künstlerischen Leiter Renato Bizzotto unterrichtet worden ist. Eine ungewöhnliche Verbindung zwischen Spitzensport und klassischer Musik.
Als weiteres verbindendes Element dient die Unterbringung. Die Teilnehmenden werden nämlich nicht in Hotels untergebracht. Sie leben vielmehr während der rund zwei Wochen mehrheitlich bei freiwilligen Gastfamilien in Muri und Umgebung. Das dürfte nicht nur bei allen Teilnehmenden für bleibende Eindrücke oder sogar lebenslange Freundschaften sorgen, sondern auch bei den Gastgebern. Zudem wird damit das Budget entlastet und die Schwelle für eine Teilnahme, in der für weit her gereiste junge Profimusiker nicht gerade kostengünstigen Schweiz senkt. Sie bezahlen nämlich neben einem Startgeld für den Wettbewerb auch die Reisekosten selbst.
Auch das Publikum bekommt Gelegenheit, hautnah zu erleben, wie Profimusiker sich messen: Alle Vorspiele der ersten drei Runden sind öffentlich und kostenlos – wer erfahren will, wie schwierig nicht nur die Arbeit der Teilnehmenden, sondern auch der Jury ist, kann sich als «Mitglied der Jury ausser Konkurrenz» versuchen.
Der Wettbewerb erstreckt sich über zehn Tage mit vier Runden. Die erste Runde läuft vom 10. bis 12. April im Refektorium und im Pflegidach. Im Halbfinal und im Finale am 17. und 19. April begleitet das argovia philharmonic unter Georg Köhler die Solistinnen und Solisten. Nur das Finale am Sonntagabend kostet 50.00 Franken Eintritt.
Leonid Surkov überzeugte die Jury mit seiner Leistung und gewann bei The Muri Competition 2023 den 1. Preis in der Kategorie Oboe. Foto: zVg
Kanadischer «Grammy» für Michael Zaugg
Für die Aufnahme des «Ukrainian War Requiems» von Benedict Sheehan wurden das Axios Men’s Ensemble zusammen mit dem Pro Coro Canada und seinem aus dem Fricktal stammenden Dirigenten Michael Zaugg mit einem Juno-Award ausgezeichnet.
PM/SMZ/ks
- 02. Apr. 2026
Michael Zaugg leitete die Uraufführung des «Ukrainian War Requiems» am 14. April 2024 in Edmonton. Foto: zVg/Axios Men’s Ensemble
Der Juno-Award 2026 für das beste klassische Album der Kategorie «Grosses Ensemble» ging am 28. März an der Juno-Awards-Gala in Hamilton, Ontario, an die Aufnahme des Ukrainian War Requiems von Benedict Sheehan. Der Schweizer Dirigent Michael Zaugg leitete für diese Einspielung das Axios Men’s Ensemble und die Tenöre und Bässe des Pro Coro Canada. Benedict Sheehan ist ein mehrfach ausgezeichneter Komponist. Er gehört zu den führenden Stimmen religiöser klassischer Musik im 21. Jahrhundert.
In einer Mitteilung heisst es, das Requiem verbinde alte ukrainische Gebete, lateinische Texte und jüdische Melodien zu einem eindringlichen Bekenntnis. Die Einspielung ist am 21. Februar 2025, am dritten Jahrestag der russischen Invasion, beim Label Cappella Records/Naxos erschienen.
Michael Zaugg hat in Basel Chorleitung und Schulmusik studiert. Mehrere Jahre war als Dirigent in der Nordwestschweiz tätig, unter anderem als Assistent bei Thüring Bräm im Regiochor. Als erster Schweizer wurde er in das Nachdiplom-Programm für professionelle Chorleitung an der Königlichen Akademie für Musik in Stockholm aufgenommen. 2004 wanderte Zaugg nach Kanada aus. Seit 2012 ist er Managing & Artistic Director und Principal Conductor von Pro Coro Canada in Edmonton, einem der führenden Profi-Kammerchöre Kanadas.
Annäherungen an den Kosmos
Das Festival Interfinity in Basel hat sich innerhalb weniger Jahre als erfolgreiche Veranstaltungsreihe etabliert, die Musik und Wissenschaft verbinden will. Die Ausgabe 2026 stand vom 7. bis 20. März unter dem Motto «Exoplaneten & Kosmos».
Daniel Lienhard
- 31. März 2026
Alexander Schubert: «Supramodal Parser» im Tanzhaus Basel. Foto: Daniel Lienhard
Erstaunlicherweise waren von den rund einem Dutzend Veranstaltungen auch diejenigen mit ausschliesslich zeitgenössischer Musik sehr gut besucht. Trotz grosszügiger Unterstützung durch Novartis als Hauptsponsor ist das Interfinity-Festival natürlich auf Einnahmen angewiesen. Darum traten in einigen Konzerten der ersten Festivalhälfte sehr bekannte Künstlerinnen und Künstler auf – so etwa der Blockflötist Maurice Steger, der lettische Radiochor, die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker und die Organistin Iveta Apkalna –, die auch grössere Säle füllten. Dennoch nahmen sie in ihren Programmen auf das Festivalthema Bezug. Lukas Loss, Gründer und Leiter des Festivals, kann für sich in Anspruch nehmen, konsequenter als andere Veranstalter ein bestimmtes Thema, dieses Jahr eben den Weltraum, ins Zentrum zu stellen und Werke und Personen zu präsentieren, die im Basler Kulturleben sonst nicht unbedingt zu hören gewesen wären. Für das Publikum war besonders interessant, dass mehrere Veranstaltungen in Räumen stattfanden, die sonst anders genutzt werden oder gar nicht öffentlich zugänglich sind.
Galaktische Lautstärke
In einem ehemaligen Silo auf dem Franck Areal, wo früher das Kaffeeersatzprodukt «Franck Aroma» oder der Kaffeeextrakt «Incarom» produziert wurden und heute das Tanzhaus Basel seine Heimstätte hat, wurde Supramodal Parser für eine Sängerin, E-Gitarre, Saxofon, Perkussion und Elektronik des deutschen Soundkünstlers und Komponisten Alexander Schubert aufgeführt. In den Worten des Festivalprogramms ein Eintauchen in «den inneren Kosmos des Menschen: in Ekstase, Klang und Licht, in das Unbewusste». Ob man nun tatsächlich «tief in das Unterbewusstsein eingetaucht ist und Begehren, Träumen und der » begegnet ist, wird jeder anders empfunden haben.
Auf jeden Fall ist Supramodal Parser, entstanden für das Ensemble Nikel und von diesem in Wien uraufgeführt, ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Nebel, Licht und Elektronik, das alle Grenzen austestet. Unter anderem durch seine unglaubliche Lautstärke, die man trotz des am Eingang abgegebenen Gehörschutzes körperlich spürt, erinnert es an eine wahnwitzige Technoparty. Der Text («twenty four hours, forward, bridge, circle, line, open, twitch, heavy drag, align the moths, feathers hit embrace, the froth» etc.) fügt eher einen zusätzlichen Klang als eine weitere Bedeutungsebene hinzu. Die Aufführung durch Mona Steinwidder (Gesang), Paulina Pitenko (Saxofon), Miguel Garcia (Percussion, Denis Linnik (Klavier), Ruben Mattia Santorsa (E-Gitarre), Nika Schönfelder (Licht) und Alexander Schubert (Elektronik) stiess auf grosse Begeisterung.
Himmelweites Klangspekturm der E-Gitarre
Der E-Gitarre begegnete man erneut in zwei Konzerten mit dem israelischen Musiker Yaron Deutsch, seit 2021 Professor für zeitgenössische Musik an der Basler Musikhochschule. Im ersten, erneut im Tanzhaus Basel, aber in einem anderen Silo des weitläufigen Areals, mit Uli Fussenegger (Kontrabass) und einem kleinen Instrumentalensemble, erklangen Werke, die das Potenzial der E-Gitarre nachdrücklich unter Beweis stellten. Sie fasziniert mit einem Spektrum von grosser Zartheit bis zu Klängen, die an Triebwerke eines startenden Jets erinnern, erzeugt dank verschiedenster Pedale oder Zusatzgerätschaften, die direkt auf die Saiten einwirken. Alle vier Werke von Elena Rykova, Clara Iannotta, Tristan Murail und Catherine Lamb überzeugten, wobei in zweien zusätzlich Ondes Martenot, urtümliche elektronische Instrumente mit einer ganz spezifischen Klangfarbe, für einen zusätzlichen Reiz sorgten. Lambs Shadow/Line für acht Instrumente (2011) ist ein mikrotonales Klangkontinuum, aus dem immer wieder einzelne Farben hervortreten, in das man sich gerne versenkt.
Im zweiten Konzert mit Yaron Deutsch, nun in der Gare du Nord, dem in Basel wohlbekannten Aufführungsort für zeitgenössische Musik im ehemaligen Wartesaal des Badischen Bahnhofs, wirkte mit dem Geiger Irvine Arditti einer der legendärsten Interpreten der Neuen Musik mit. Die aufgeführten Werke, alle in den letzten acht Jahren entstanden, beeindruckten nicht durch spektakuläre Virtuosität, sondern eher durch fein ausgehörte Klanglichkeit. Kelley Sheehans Hot Guts und Sarah Nemtsovs EMP, beide für Violine und E-Gitarre, waren die interessantesten Stücke des Abends, wobei Deutsch seinem Instrument erneut erstaunliche Klänge entlockte. Verblüffend war, dass sich in Zeynep Toramans Days that last forever, auch das ein Duo, eine fast sakrale Atmosphäre entfaltete, die an César Franck erinnerte. In diesem Rahmen wirkten die beiden Solostücke Tiding für E-Gitarre von Lisa Illean und Hauch für Solovioline von Rebecca Saunders nicht so überzeugend: das eine zu punktuell und das andere zu introvertiert.
Von Baikonur zu den Exoplaneten
Verschiedene Vorträge und Panels vertieften das Festivalthema. Ausserordentlich interessant war der im Gehry-Auditorium von Novartis gezeigte Dokumentarfilm Space Tourists. Der Schweizer Regisseurs Christian Frei, der am renommierten Sundance Festival 2010 mit dem Regiepreis ausgezeichnet worden war, war persönlich anwesend. Der aufwendig recherchierte Film schildert sowohl den Aufbruch wohlhabender Touristen ins All vom kasachischen Baikonur aus als auch das Recycling von Raketenschrott durch die ansässige Bevölkerung. Eine spektakuläre Horizonterweiterung!
Gehry-Auditorium Novartis. Foto: Daniel Lienhard
Ein neuartiges Instrument, entwickelt von Fabrizio Di Salvo und Roberto Maqueda, konnte man in der Maurerhalle der Gewerbeschule Basel kennenlernen: Le Slie’s. Es basiert auf den physikalischen Prinzipien des Leslie-Lautsprechers der Hammondorgel. Metallene Klangscheiben waren kreisförmig im Saal verteilt und wurden zentral elektronisch gesteuert und durch reaktive KI ergänzt, was an eine kosmische Konstellation erinnerte. Jeder Lautsprecher führte sein Eigenleben, und die Klänge wanderten durch den Saal. Akustisch war das aber nicht besonders interessant und abgesehen von einigen wenigen Ruhepunkten sehr aggressiv, als ob Eisenstangen aufeinandergeschlagen würden. Es blieb eine nette – wenn auch brutal laute – Spielerei. Möglicherweise hätte dieses Instrument ein klangliches Potenzial. Es wurde bisher aber noch nicht ausgeschöpft.
Le Slie’s in der Maurerhalle der Basler Gewerbeschule. Foto: Daniel Lienhard
Vom äusseren Aufwand her war das letzte Konzert in der grossen Halle 1 der Messe Basel das aussergewöhnlichste. Das Sinfonieorchester Basel spielte im Halbdunkel unter der Leitung der taiwanesischen Dirigentin Lin Liao das Werk Exoplanets des britischen Komponisten Robert Laidlow, mit einem gesprochenen Text von Henry Legg, der die Zuhörerschaft mit der Welt der Exoplaneten vertraut machte, den Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems. Dazu kamen eine Lichtinstallation von Nick Verstand mit Lasern, Lichtobjekten und tausendfachen Spiegelungen sowie der Nachhall der riesigen Messehalle.
Alles in allem ein eindrucksvolles Spektakel. In der Musik von Laidlow brodelt, dampft und wabert es. So stellt man sich die Entstehung von Himmelskörpern und den Kosmos vor, wo es offenbar auch Planeten gibt, die auf der einen Seite glühend heiss und auf der anderen eiskalt sind, wo es Eisen regnet oder Quarzkristalle in Stürmen durch die Atmosphäre wirbeln. Gegen Ende des Werks, unterstrichen von markanten Trompetenklängen, kommt viel Dur in die Musik, und sie ist nicht mehr sehr weit von Richard Strauss’ Zarathustra entfernt. Ausser den Trompeten kann man auch die Streicher, besonders die Geigen, gut hören sowie das vielfältige Schlagzeug; die Holzbläser kommen kaum zur Geltung.
Interessant ist das von Laidlow erfundene und von ihm gespielte KI-basierte Instrument Stacco, das «künstliche» Klänge beisteuert. Beim Publikum kam Exoplanets, vom Orchester souverän gespielt, sehr gut an, sicher auch wegen der Vielzahl an akustischen und optischen Eindrücken. Ob das Werk – ein Kompositionsauftrag von Interfinity und dem London Philharmonic Orchestra (LPO) – ohne «Inszenierung» musikalisch bestehen kann, scheint mir fraglich. Die Uraufführung in einem Sinfoniekonzert des LPO in London im letzten November wurde aber durchaus positiv besprochen. In Basel verhalf das Werk Interfinity 2026 zu einem krönenden Abschluss.
Ausgabe 2/2026 – Focus «Haltung»
SMZ
- 26. März 2026
Estelle Revaz beim Interview im Bundeshaus. Foto: Holger Jacob
Inhaltsverzeichnis
Focus
«Künstler sind die Kulturmäzene der Gesellschaft geworden» Interview mit Estelle Revaz. Sie ist die erste Berufsmusikerin im Nationalrat, politisiert für die Genfer Sozialdemokraten und verfolgt zugleich ihre internationale Karriere als Cellistin.
Der Flirt von Pop und Populismus
Die Politik bedient sich gern griffiger musikalischer Botschaften, manchmal auch gegen den Willen der Künstlerinnen und Künstler. Populistisch wird es, wenn sich einer als Rebell darstellt und dabei auf dem Mainstream schwimmt.
Brauchtum und Politikum Im Zentralwallis stehen Blasmusikkorps nicht nur für Musik. Lange Zeit verwiesen sie auch auf eine bestimmte parteipolitische Haltung, was zu ihrem Erfolg beitrug.
Musikgeschichte mit weissen Flecken
Die politische Haltung der Grossen des Schweizer Musiklebens im 20. Jahrhundert ist noch längst nicht umfassend aufgearbeitet. Immer wieder kommt es zu unrühmlichen Enthüllungen insbesondere über die Jahre der Nazidiktatur. Auch beim Vorzeigemäzen Werner Reinhart.
Chat
Silke Gäng und Fiona Stevens chatten darüber, wie eine kulturelle Institution Haltung zeigen kann, und zwar bei den inneren Abläufen wie auch nach aussen.
(kursiv = Zusammenfassung in Deutsch des französischen Originalartikels)
Der Platz in der gedruckten Ausgabe reicht längst nicht für alle Texte, deshalb werden sie hier aufgelistet und auf die entsprechenden Online-Artikel verlinkt. Diese sind grösstenteils schon vor Erscheinen der gedruckten Ausgabe publiziert worden.
Ein Tor zur Welt aufstossen
Daniel Schnyder ist seit jeher fasziniert von den Schnittstellen zwischen Musikstilen und -traditionen weit über Europa hinaus. In den Hirschmann-Meisterkursen teilt er seine Erkenntnisse mit dem Nachwuchs.
100 Jahre Caspar Diethelm
Zum Jubiläum engagiert sich der Pianist Patrizio Mazzola zusammen mit weiteren Musikerinnen und Musikern für die Erinnerung an eine herausragende Künstlerpersönlichkeit und ihr Werk.
Quand le classique décoiffe
Bouillonnant écosystème culturel, la série M Classics se montre plus audacieuse que jamais avec un virage à 180°. Entretien avec son directeur artistique, Mischa Damev.
Hommage musical aux victimes de Crans-Montana C’est au Rosey Concert Hall de Rolle que s’est tenu le 29 janvier un concert visant à rendre hommage aux victimes du drame survenu à Crans-Montana en début d’année.
Lehrplan erfüllt?
Wie wird Musikunterricht auf der Primarstufe tatsächlich unterrichtet? Bernhard Suter, Mentor und Dozent für Fachdidaktik Musik an der Pädagogischen Hochschule Zürich, hat eine Umfrage gemacht.
Die Energie eines Orchesters
Das Kammerorchester Basel schickte ein Trio ins Tinguely-Museum, um über Nachhaltigkeit nachzudenken. «Unter Strom» lieferte Musikgeschichte im Speedrun, viele Fragen und wenig Antworten.
Sparen im Nebel
Am Treffen der Parlamentarischen Gruppe Musik vom 4. März wurden die möglichen Auswirkungen des «Entlastungspakets 27» auf die Musikbranche erörtert. Das Paket, das die Musikschaffenden belastet, wurde in grosser Eile geschnürt mit unklaren Folgen.
Amerika-Schwerpunkt beim Lucerne Festival
Sebastian Nordmann hat sein erstes Sommerprogramm vorgestellt. Das Festival will relevanter werden, das brisante Thema aber rein musikalisch verstanden wissen.
Jerusalem im Zentrum
Das fünftägige Kammermusik-Festival Mizmorim setzte in Basel Ende Januar auf interkulturelle Begegnungen. Renommierte Künstler und Ensembles wie das Gringolts Quartet, der Klarinettist Reto Bieri oder der Flötist Ariel Zuckermann sorgten für musikalische Exzellenz.
Die verzweifelte Lust an der Apokalypse
Das Zürcher Opernhaus zeigt Monster’s Paradise. Gemeinsam mit Elfriede Jelinek hat die Österreicherin Olga Neuwirth eine höchst aktuelle Oper geschaffen, in der sie die Ungeheuer der Gegenwart aufeinander loslässt.
Ein Festival wird umgebaut
In Locarno wurde Ende Januar das neue Musikfestival von Ascona vorgestellt. Kein Stein bleibt auf dem anderen: Aus Francesco Piemontesis Künstlerfestival Settimane musicali wird der kulturelle Event «classicAscona».
Der Innerschweizer Komponist Caspar Diethelm (1926–1997) hätte am 31. März seinen hundertsten Geburtstag feiern können. Sein Werk ist bedeutend – doch droht es in Vergessenheit zu geraten. Daher setzen sich Musiker und Musikerinnen, die ihn noch persönlich gekannt und Werke mit ihm zusammen einstudiert und uraufgeführt haben, dafür ein, dass seine Musik wieder mehr Resonanz bekommt, sei es durch Aufführungen oder durch Aufnahmen. Insbesondere engagiert sich der Pianist Patrizio Mazzola für die Erinnerung an eine herausragende Künstlerpersönlichkeit und ihr Werk.
Patrizio Mazzola
- 24. März 2026
Caspar Diethelm. Foto: zVg
Der hundertste Geburtstag dieses bedeutenden Schweizer Komponisten soll Anlass sein, ihn hier zu würdigen und dazu beizutragen, dass das Andenken an ihn lebendig bleibt. Womöglich ist er jüngeren Menschen bereits nicht mehr bekannt, obwohl er die Schweizer Komponistenlandschaft würdig bereichert hat. Die Schweiz ist allgemein künstlerisch zu bescheiden und damit zu wenig stolz auf ihre Kunstschaffenden der Vergangenheit und Gegenwart im Vergleich zu manch anderen Nationen. Bevor hier auf Diethelms künstlerische Merkmale und Leistungen eingegangen wird, soll eine Auswahl einzelner äusserer Fixpunkte seines Lebens als Rahmen abgesteckt werden.
Vita
31. 3. 1926
geboren in Luzern
ab 1944
Schüler an Konservatorium und Kirchenmusikschule Luzern
Privatunterricht in Komposition bei Johann Baptist Hilber und Albert Jenny
1946-50
Dirigierunterricht bei Ernst Hans Beer, Luzern, und Alexander Krannhals, Basel
1946-79
Berufstätigkeit als Grundbuchverwalter, Steuerbeamter etc. in Sarnen, politische Aktivitäten dortselbst
1948 – 1952
Kurse bei Hindemith und Honegger, sowie Teilnahme an den Darmstädter Ferienkursen
Heirat mit Brigitte, geb. Ullrich, drei Töchter: Esther, Jutta, Irene
1963-93
Lehrer für Musikgeschichte, theoretische Fächer und Kammermusik am Konservatorium Luzern
1969
Kunstpreis des Kanton Obwalden
1985
Kunstpreis des Kanton Luzern
1. 1. 1997
gestorben in Luzern
Kein «Nur-Musiker»
Ich durfte Caspar Diethelm 25 Jahre musikalisch und menschlich begleiten. Die anfängliche gegenseitige Unterschätzung unserer künstlerischen Fähigkeiten schlug bald einmal um in eine grosse Anerkennung füreinander. Anfängliche Skepsis wird ja fast ausschliesslich durch Nichtwissen und Unkenntnis genährt. Dies erinnert an den originellen Spruch in der Sarner Aula Cher, wo (wohl bis heute) gross geschrieben steht: «Mänge macht sich Gedanke aber dänkt nid derbiä.» Dieser markige Satz im originalen Obwaldner Dialekt hätte durchaus von Diethelm sein können (oder stammt er gar von ihm? – wer weiss …). Aussagen «parierte» er schlagfertig, und seine Werke versah er gerne mit passenden Titeln. So ist beispielsweise sein für mich geschriebenes Klavierkonzert mit Yggdrasil betitelt, was von seiner Lektüre der altnordischen Edda–Texte herrührt, die ihn immer wieder sehr beeindruckten. Das Wort ist altnordisch für «Weltenesche», gleichsam der Baum des Lebens (alles hängt mit allem zusammen). Andere Werktitel sind etwa Menhir, ein hochragender (bretonischer) Stein-Block, Das Rad des Lebens (nach einem buddhistischen Mandala), Mandala-Sinfonie, Maya (nach den Vier buddhistischen Wahrheiten). Aus diesen wenigen Beispielen wird bereits ersichtlich, welche Phänomene und Wissensgebiete Diethelm durch sein Leben begleitet haben. Auch die Philosophie (er las «alte Griechen» wie Platon oder Aristoteles im Original), die Biologie, Botanik, Pilzkunde (auf professionellem Niveau als kantonaler Pilzkontrolleur!) und seine Aktivitäten als Lokalpolitiker sind zu erwähnen, wobei ich mich hier auf ausgewählte Beispiele beschränke. Seine Bildung war also sehr vielseitig, gar umfassend, soweit das einem Menschen möglich ist. Er war somit kein «Nur-Musiker», hierin etwa Robert Schumann ähnlich.
Künstlerische Eigenständigkeit
Da ich Caspar Diethelm hier aber primär als Komponisten skizziere, sollen hier Charakteristika seines Stils erläutert werden: Stilistisch kommt er ursprünglich nach meinem Dafürhalten durchaus aus der Tradition der deutschen Romantik, was vielleicht überraschen mag. Seine Vorfahren stammen weiter zurück teilweise aus Deutschland. Diese deutsche Romantik, und zwar sowohl die «traditionelle» eines Brahms, Bruch oder Reger etwa, wie auch die «speziellen» Richtungen Bruckners und Mahlers, hat Diethelm in sein grosses umfangreiches Gesamtwerk einfliessen lassen. Er hat sie gleichsam in eine modernere Tonsprache des 20. Jahrhunderts transferiert. Darin ist er vergleichbar etwa mit Bartók, Strawinsky, Martin oder Honegger. Das alles ohne abhängiges Epigonentum, sondern mit grosser Eigenständigkeit. Dazu hat er ähnlich wie Debussy und Ravel gelegentlich einen Hang sowohl zu «Balkanismen» als auch zu fernöstlichen Einflüssen (auch aussermusikalisch).
Von Bruckner erzählte Diethelm diese Anekdote: Auf die Frage, ob er denn nun ein «Brahmsianer» oder «Wagnerianer» sei, habe Bruckner geantwortet: «Bin selber Aner (Einer)». Und zu Honegger bleibt mir ebenfalls etwas unvergesslich: Das Radio spontan einschaltend, ohne zu wissen, welches Werk gerade gespielt wird, dachte ich mir, dass der von mir hier verdächtigte Honegger eben doch noch genialer sei als Diethelm, um danach zu erfahren, dass es sich um die Mandala-Sinfonie von Diethelm gehandelt habe … Fürwahr, Diethelm war «selber Aner», um auf Bruckner zurückzukommen.
Es bleibt zu hoffen, dass sich die Schweiz in Zukunft ihres bedeutenden Sohnes Diethelm erinnert, ihn wieder vermehrt durch seine Musik aufleben lässt und ihn als grossen Botschafter der kleinen Schweiz in die Welt hinausträgt.
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Weitere Materialien und Informationen zu Caspar Diethelm
Eine Selbstverortung Caspar Diethelms, vermutlich Ende der Siebzigerjahre entstanden
«Caspar Diethelm versucht in seinen Werken eine ihm gemässe Aussage zu finden, ohne sich einer bestimmten Schule oder Stilrichtung zu verpflichten. Auf der einen Seite steht eine starke Verwurzelung in der Tradition, in der Landschaft seines Kantons, in dem er seit Geburt lebt und wirkt, und in der Betonung einer schweizerischen Eigenart. Auf der anderen Seite steht die Beschäftigung mit allen Stilrichtungen von der Dodekaphonik bis zur Avantgarde seit Webern. Soweit sie dem Komponisten als Bereicherung seiner Aussagemöglichkeiten gelten können, finden sich Einflüsse all dieser Bereiche mehr oder weniger deutlich. Dagegen wird die ‹Atonalität›, was immer dies in concreto bedeuten mag, vermieden, sondern die Gliederung und Formung der Musik erfolgt nach Gravitationszentren, d.h. nach den Tonalitätsebenen im Sinne Hindemiths. Neben einer selbständigen Harmonik, die neben äusserst komplexen Klängen auch das Einfache nicht vermeidet und einer eigenwilligen und gelegentlich aggressiven Rhythmik mit einer Vorliebe für zusammengesetzte Taktarten, gilt die besondere Hingabe des Komponisten aber dem Element der Melodik und zwar in immer stärker werdendem Masse. Schon in den frühesten Werken sind Anklänge an Elemente der Volksmusik nicht zu überhören, wobei es aber nie zu Zitaten kommt, sondern lediglich zu Bildungen, welche gewissermassen ein schweizerisches oder gar urschweizerisches Klangbild evozieren sollen. Vorbilder des Komponisten sind, ausser den grossen Meistern der Vergangenheit, Paul Hindemith und Bela Bartók, sowie die Schweizer Arthur Honegger, Othmar Schoeck und Frank Martin.»
Veranstaltungen und Publikationen zum Jubiläumsjahr
Neben diversen Konzerten ab Ende März sind zwei CD-Produktionen geplant. Im Oktober erscheint im Label Toccata die Weltersteinspielungen der Konzerte op. 210, 285 und 211 mit der Deutschen Staatsphilharmonie unter der Leitung von Rainer Held. Solist in Yggdrasil ist der Widmungsträger Patrizio Mazzola, der das Klavierkonzert nun uraufführt, nachdem es Esther Diethelm 2024 herausgegeben hat. Den Solopart im Geigenkonzert Anubis übernimmt Sibylle Tschopp, die das Werk noch mit Caspar Diethelm einstudiert und 1996 zur Uraufführung gebracht hat. Im Concerto Hiemalis schliesslich ist Kilian Herold, Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker, zu hören. Die Vernissage dieser CD findet am 29. November in Luzern statt.
Die zweite CD erscheint im November ebenfalls beim Label Toccata und bringt fünf Ersteinspielungen von Kammermusikwerken.
Das Zürcher Opernhaus zeigt «Monster’s Paradise». Gemeinsam mit Elfriede Jelinek hat die Österreicherin Olga Neuwirth eine höchst aktuelle Oper geschaffen, in der sie die Ungeheuer der Gegenwart aufeinander loslässt.
Thomas Meyer
- 11. März 2026
v.l. Andrew Watts (Mickey), Georg Nigl (Der König-Präsident), Anna Clementi (Gorgonzilla). Foto: Monika Rittershaus/Opernhaus Zürich
Der Grand Guignol, dieser aufgeblasene Kasperle aus Frankreich, neigt zum Monströsen, zum Irr- und Surrealen, freilich wird er längst von der Wirklichkeit eingeholt und überholt. Das 1897 eröffnete Théâtre du Grand Guignol in Pigalle, das mit Folter, Vergewaltigung und blutigem Mord schockte, schloss am 5. Januar 1963 mit der Begründung, mit Buchenwald könne man nicht gleichziehen. Die Kunst reicht nicht an die Realität heran. Das wissen auch die beiden Künstlerinnen, die nun eine neue «Grand Guignol Opéra» geschaffen haben.
Ihr Ausgangspunkt ist die Vergeblichkeit des Unternehmens; dennoch versuchen sie es und schicken zwei ihnen ebenbildliche Vampirinnen in die Welt hinaus: um sie vielleicht doch zu retten oder zumindest den schlimmsten Tyrannen zu beseitigen, einen «König-Präsidenten», dessen reales Konterfei wir täglich in den Nachrichten sehen. Sie versagen kläglich; den Präsidenten immerhin frisst ein anderes Monster, der wiederauferstandene Gorgonzilla. Der Weltuntergang lässt sich so jedoch nicht aufhalten; eine Sintflut reisst alles weg. Am Schluss sehen wir die beiden Vampirinnen, Schuberts f-Moll-Fantasie auf einem Bösendorfer spielend, im Ozean dem Sonnenuntergang entgegenfahren.
v.l. Anna Clementi (Gorgonzilla), Sara Defrise und Kristina Stanek (Vampirinnen), Georg Nigl (Der König-Präsident). Foto: Monika Rittershaus/Opernhaus Zürich
Kluft zwischen Text und Musik
Die Oper Monster’s Paradise, die am ersten Februar an der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt wurde und nun in Zürich gezeigt wird, fährt auf einer lustvoll-apokalyptischen Geisterbahn in den Abgrund. Mit viel Spektakel und Gefuchtel. Das weckt Spass an der Dystopie. Die künstlerischen Abgründe lauern anderswo: nicht im Monströsen, von dem es durchaus noch etwas mehr sein dürfte, sondern beim theatralen Tempo, das oft von Resignation und gut gemeinten Statements ausgebremst wird. «Wir sind ja jetzt schon nicht mehr gefragt», singt die eine Vampirin schon zu Beginn. «Alle her zu mir, die friedlich sind und es bleiben wollen!», lauten die ersten Worte Gorgonzillas. Damit macht man keine spannungsreiche und angriffige Kunst. Sogleich fragt man sich aber, ob das die beiden Autorinnen überhaupt wollen, ob sie uns nicht ins Missratene strudeln lassen.
Die Komponistin Olga Neuwirth hatte die Idee zu diesem Musiktheater; sie schaffte es, ihre langjährige Librettistin, die lange opernüberdrüssige Freundin Elfriede Jelinek zu einem gemeinsamen Text zu bewegen. Gerade bei diesem jedoch hapert es. Er schwadroniert und referiert, weitschweifig, mal belehrend, mal sarkastisch, mal platt. Die Worte blocken. Die erste Szene etwa kommt nicht vom Fleck. Zugestehen mag man, dass solche Plattheit zum Genre gehört, als Anti-Qualität, die den guten Geschmack konterkariert. Dafür jedoch klingt die Musik wiederum viel zu reichhaltig, lebhaft, raffiniert, farbig, jazzig-drivig, witzig. Das Orchester des Opernhauses unter Titus Engel spielt mitreissend.
Die Vampirinnen (Schauspielerinnen: Sylvie Rohrer und Ruth Rosenfeld, Sängerinnen: Sara Defrise und Kristina Stanek). Foto: Monika Rittershaus/Opernhaus Zürich
Lang und umständlich wie der Weltuntergang
So driften die Ebenen öfters auseinander. Hinzu kommt die bunte und doch manchmal ideenarme szenische Gestaltung. Regisseur Tobias Kratzer und sein Team haben mitunter ihre Mühe, das Geplänkel in Schwung zu bringen, aber auf den Höhepunkten gelingen ihnen grandiose Bilder. Der Kampf der Monster mit Gorgonzilla (Anna Clementi) und dem Präsidenten (hervorragend: Georg Nigl) wird zu einem überlebensgrossen Schattentheater. Die Schlussszene im Meer überschwemmt Auge und Ohr dank der geschickt eingesetzten filmischen Mittel, die Neuwirth so liebt. So gibt es viel zu erleben, zu viel fast, denn alle Szenen, auch die wirklich gelungenen, sind zu lang und zu umständlich geraten. Man könnte das Stück um ein gutes Drittel eindampfen. Verloren ginge damit allenfalls die prekäre Nicht-Qualität, die das Werk ein wenig mit ausmacht.
Doch in diesem Moment drängt sich dem Kritiker der Verdacht auf, ob er wieder mal viel zu sehr differenzieren möchte und ihm dabei der Weltuntergang abhandenkommt. Das mag sein. – Grosser (nicht monströser) Applaus.
Zürich, Opernhaus; Premiere am 8. März 2026; Koproduktion mit Hamburg und Graz. Weitere Aufführungen bis 12. April
Georg Nigl (Der König-Präsident), Andrew Watts (Mickey), Eric Jurenas (Tuckey) und der Statistenverein am Opernhaus Zürich. Foto: Monika Rittershaus/Opernhaus Zürich
Ars Electronica Forum Wallis 2026
24 Kompositionen wurden im Rahmen der Ausschreibung für akusmatische Werke für die Concert Selection der 11. Ars Electronica Forum Wallis ausgewählt.
Javier Hagen/SMZ
- 11. März 2026
Einige der für die Ars Electronica Forum Wallis Selection 2026 Auserwählten : (v.l.n.r.u.v.o.n.u.) Boyi Bai, Gordon Delap, Varun Kishore, Anne Liao Zouning, Panayiotis Kokoras, Manuella Blackburn, Sofia Zaiceva, Jean-Marc Duchenne, Ariadna Alsina Tarrés, Pascal Lund-Jensen, Jonty Harrison, Lucie Prod’homme, Valentin Sismann, Li He, Yasuhiro Otani
Beim 11. Ars Electronica Forum Wallis Call for Acousmatic Works kamen 41 Werke von 49 Komponistinnen und Komponisten aus 23 Ländern in die Ränge. 24 Werke schafften es in die Concert Selection. Für 17 weitere Werke gab es eine Special Mention. 157 Komponierende aus 42 Ländern und allen Kontinenten haben insgesamt 182 Werke eingereicht. In der Jury walteten Kotoka Suzuki (JPN), Jaime Oliver La Rosa (PER), Reuben de Lautour (TUR/NZL) und Javier Hagen (Festivalleitung Forum Wallis).
Die Konzerte finden dieses Jahr am 5. und 6. Juni und am 3. und 4. Juli statt im Rahmen des Festivals für Neue Musik Forum Wallis am MEbU (Münster Earport) im Goms.
Das Forum Wallis ist ein jährlich stattfindendes internationales Festival für Neue Musik in der Schweiz. Es steht unter der Leitung der Walliser Ortsgruppe der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM-VS). Es hat seit 2006 über 350 Uraufführungen mitproduziert und Werke von über 500 Komponistinnen und Komponisten aus aller Welt präsentiert. Zu den regelmässigen Gästen des Festivals gehören Ensembles wie recherche, Zafraan, UMS’nJIP, dissonArt, Steamboat Switzerland, Cod.Act, Arditti String Quartet, Klangforum Wien, ensemble für neue musik zürich, Contrechamps oder Ensemble Modern
Bai Boyi (CHN) — Take me back to Indonesia
Bernard Bruno (FRA) — lune(s)
Blackburn Manuella (GBR) — Train of Thought
Borrel Stéphane (FRA) — La Grenouille de Lycie
Cho Youngjae (KOR) — narthex
Delap Gordon (IRL) — An Insect that Shuns the Light
Duchenne Jean-Marc (FRA) — On a Changing Sky
Eghdami Pierre (FRA/GER) — Fulgurite
Harrison Jonty (GBR) — Kammermusik
Hayashi Kyohei (JPN) — Butterfly Garden
Karkatselas Theodoros (GRC) — Quarks
Kokoras Panayiotis (GRC) — Useless box
Kulari Daniel (ALB/ITA) — Variations and Disintegrations on a Theme by Çesk Zadeja
Lund-Jensen Pascal (CHE/DEN) — Building the Anthropocene
Moyers Jr. Timothy (USA) — Heliosphere
Noiseau Etienne (FRA) — Jardins d’Épicure
Otani Yasuhiro (JPN) — Thresholds of Presence
Prod’homme Lucie (FRA) — Espèces de gros sons
Stollery Pete (GBR) — Bosque
Totaleee (ITA, Giuseppe Pisano, Andrea Laudante, Paolo Montella) — Non è un atlante di traiettorie algo-siderali
Vanderburg Kyle (USA) — Tempest in a Teakettle
Yağlı Berk (CYP/TUR) — False Awakening on a Mediterranean Island
Yang Wei (CHN) — Rain contained, rain contains
Zouning Anne Liao (CHN) — Dust Storm
Mit einer Special Mention Ausgezeichnete
(in alphabetischer Reihenfolge)
Alsina Tarrés Ariadna, Andrić Andreja, Bermúdez Chamberland Diego, Bravo Benard Hector, Carcassi Daniele, Casolino Alessandro, Harper Nathan, Kishore Varun, Lampropoulou Magda, Laudante Andrea, Lewis Andrew, Li He, Montella Paolo, Naylor Cameron, Oliveira João Pedro, Parisse Mattia, Parry Jake, Pastorino Paolo, Scott Richard, Sismann Valentin, Snapir Jonatan, Tesorini Riccardo, Zaiceva Sofia
Neue Dozierende an der HSLU ab Herbstsemester 26/27
Fabre Guin, Johanna Kulke und Sanne Lorenzen werden ab diesem Herbst am Institut für neue Musik, Komposition und Theorie der HSLU unterrichten.
PM/SMZ
- 06. März 2026
v.l. Fabre Guin, Johanna Kulke, Sanne Lorenzen. Bilder: zVg
Wie die Hochschule Luzern – Musik mitteilt, werden die drei Personen ihre Tätigkeit im Herbstsemester 2026/27 aufnehmen. Zum Werdegang der Musikerinnen und Musiker schreibt die HSLU:
Fabre Guin studierte an den Conservatoires in Nancy, Saint-Maur-des-Fossés und Paris Violine, Cembalo, Orgel und Komposition (einschliesslich Harmonielehre, Kontrapunkt, Formenlehre, Instrumentation und Harmonisierung am Klavier) sowie Musikwissenschaft an der Sorbonne. Er unterrichtete zunächst écriture am Conservatoire d’Aubervilliers und ist seit 2018 am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris in den Bereichen écriture, analyse musicale und culture musicale appliquée tätig. Zudem ist er Titularorganist an der Kirche Sainte-Geneviève in Paris und konzertiert regelmässig
Johanna Kulke absolvierte ein Bachelorstudium mit doppeltem Hauptfach Klavier und Violine sowie Masterstudiengänge in Violine und Musiktheorie an der Hochschule Luzern – Musik. Seit 2018 unterrichtet sie an der Oberaargauischen Musikschule Langenthal und Herzogenbuchsee Violine, Klavier, Musiktheorie und Komposition und ist zudem als Geigerin, Dirigentin und Komponistin tätig.
Sanne Lorenzen studierte Kirchenmusik an der Royal Danish Academy of Music in Kopenhagen. Es folgten ein Bachelor- und Masterstudium in Musiktheorie an der Hochschule für Musik Freiburg sowie ein Masterstudium in Orgel an der Schola Cantorum Basiliensis. Sie unterrichtet seit 2022 Musiktheorie im Pre-College der Hochschule Luzern – Musik und ist Senior Lecturer für Musiktheorie und Gehörbildung an der Kunstuniversität Graz. Zudem wirkt sie als Organistin der reformierten Kirchengemeinde Sursee.
Ein Festival wird umgebaut
Auf einer Medienkonferenz in Locarno wurde Ende Januar das neue Musikfestival von Ascona der Öffentlichkeit vorgestellt. Kein Stein bleibt auf dem anderen.
Max Nyffeler
- 10. Feb. 2026
v.l. Luca Allidi (Stiftungsratspräsident), Giorgio Gilardi (Bürgermeister von Ascona) und Christoph Müller (Künstlerischer Leiter). Foto: Roberto Barra
Die traditionsreichen Settimane musicali di Ascona sind Geschichte. Das 1946 gegründete, neben dem Lucerne Festival (1938) und der Musikwoche Braunwald (1936) älteste Klassikfestival der Schweiz ist im achtzigsten Jahr seines Bestehens radikal umgebaut worden und heisst jetzt classicAscona. Realisiert wurde der Transformationsprozess vom neuen Intendanten, dem Kulturmanager Christoph Müller, in Zusammenarbeit mit den lokalen Verantwortlichen. Mit dem Sindaco Giorgio Gilardi auf dem Podium und einem Grossteil der Gemeindevertreter im Saal waren sie bei der Medienkonferenz prominent vertreten. Ein deutlicher Hinweis darauf, welchen Stellenwert man in Ascona dem Festival künftig beimisst. Es soll zu einem Wirtschaftsfaktor der Region werden, und das heisst: den Kulturtourismus fördern und vermehrt zahlungskräftiges Publikum an den Lago Maggiore locken. Der Veranstaltungszeitraum von Mitte September bis Mitte Oktober liegt dafür günstig; die publikumsträchtigen Sommerfestivals sind zu Ende und der sonnige Tessiner Frühherbst tut das Seine dazu. Als malerische Veranstaltungsorte locken neben Ascona und Locarno auch die Brissago-Inseln, der Monte Verità sowie Kirchen in Ronco und im unteren Maggiatal.
Vom Künstlerfestival zum kulturellen Event
Die drastischen Neuerungen reichen vom neuen, etwas kühl wirkenden Firmenlogo über das Marketing und die Publikumsstrategie bis zur Programmstruktur. Aus dem 13 Jahre lang vom Pianisten Francesco Piemontesi geleiteten Künstlerfestival, bei dem der Intendant auch als Solist und Kammermusiker auftrat und eine illustre Schar von Gleichgesinnten um sich versammelte, wird damit ein kultureller Event, in dem wirtschaftliche Überlegungen und künstlerische Planung eng ineinandergreifen.
Der in Basel geborene Müller, als Cellist einst Mitglied des Kammerorchesters Basel, kann sich auf eine reiche Erfahrung als Veranstalter abstützen. Vor seiner Berufung nach Ascona leitete er 25 Jahre lang das Menuhin Festival in Gstaad, wo er – was in Ascona aufmerksam vermerkt wurde – die Zahl von jährlich 13 000 Besuchern auf rund 28 000 steigerte. Daneben gründete er den Lucerne Chamber Circle und zusammen mit Sol Gabetta in der Nordschweiz das Solsberg-Festival. Neuerdings ist er auch noch Intendant des Festivals Klosters Music. Ein musikalischer Multiunternehmer, der sein Geschäftsmodell, das er den lokalen Gegebenheiten durchaus anzupassen weiss, nun auch für Ascona fruchtbar machen will.
Medienpräsenz, Prominenz und Künstlerinnen in Residenz
Der Erfolg soll durch verbesserte Werbung – Müller spricht von 30 000 Mailadressen –, neue Programminhalte und eine Öffnung zu neuen Publikumsschichten gewährleistet werden. Und nicht zuletzt durch den Auftritt internationaler Prominenzen, wobei Müller auf seine jahrelang gewachsenen Künstlerkontakte zurückgreifen kann. Als kostbarste Trophäe kündigte er nun für Ascona Cecilia Bartoli an. Ihr Gastspiel in Glucks Orfeo ed Euridice, halbszenisch aufgeführt, mit den Musiciens du Prince aus Monaco ist mit Tickets für 95 bis 275 Franken allerdings nichts fürs normale Volk. Bei einem auf 1,7 Millionen Franken verdoppelten Budget bewegen sich die Eintrittspreise aber durchaus im Rahmen, auch bei den Konzerten der drei «artisti in residenza», der Sopranistin Julia Lezhneva, der Violinistin Vilde Frang und der Cellistin Sol Gabetta, die auch Meisterkurse geben. Etwas teurer wird es nur bei anreisenden Gastorchestern wie dem Kammerorchester Basel, der Camerata Salzburg oder der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.
Academies aller Arten
Ein neuer und wichtiger Bestandteil des Festivals sind die Ausbildungsprogramme: die classicAscona Academy, die Choral Academy mit dem Londoner Tenebrae Choir und die Baroque Academy mit dem Ensemble Il Pomodoro und dem Flötisten Maurice Steger. In den Schlusskonzerten kann sich der musikalische Nachwuchs präsentieren; sie stehen unter dem Titel «Next Generation» und sind kostenlos. Auch eine Zusammenarbeit mit dem Conservatorio in Lugano und regionalen Schulen ist geplant. Mit all diesen Massnahmen soll das lokale Publikum auf die zahlenden Konzerte neugierig gemacht werden. Internationales Musikbusiness, Nachwuchsförderung und die Erschliessung neuer Besucherschichten: ein interessanter Mix. Im September wird man sehen, wie das zusammengeht.
Joachim Raff: ein Komponist mit einer Botschaft an die heutige Schweiz
Joachim Raff, 1822 in Lachen/SZ geboren und 1882 in Frankfurt gestorben, wollte mit seiner Musik und seinen gesellschaftlichen Auffassungen verbinden und nicht trennen.
Res Marty
- 09. Feb. 2026
Raff 1878. Fotografie von Mondel & Jacob, Library of Congress’s Photographs division
Als Franz Josef Raff (1789-1861) im Jahre 1810 auf Anraten seines Vaters aus Empfingen-Wiesenstetten im süddeutschen Raum in die Schweiz flieht, ahnt er noch nicht, dass sein späterer Sohn Joseph Joachim eine Weltkarriere als Komponist vor sich hat. Die napoleonischen Kriege, im speziellen die Vorbereitungen auf den Russland Feldzug und der frühe Kriegstod eines Bruders, lösen schlussendlich die Flucht ins Kloster Wettingen AG aus. Der musikalisch begabte Franz Josef kommt 1817, nach einer Anstellung als Hauslehrer in Luzern, als Lehrer und Kirchenmusiker nach Lachen, dem Märchler Bezirkshauptort. Fortschrittliche Kreise aus der revolutionären liberalen Elite des Dorfes gründen schon früher zusammen mit der Kirchgemeinde, neben der Lateinschule, eine Volksschule und Vater Raff amtet als gestrenger Pädagoge, der sich auch kirchenmusikalisch hervortut.
Durch die Heirat mit der Tochter des benachbarten, politisch aufsässigen Ochsenwirts und Landammanns Franz Joachim Schmid, Katharina, politisiert sich die Stimmung in der Familie Raff entscheidend. Schmid ist einer der Rädelsführer, die sich gegen die Vorherrschaft der mächtigen adligen Geschlechter und Patrizier in Schwyz zur Wehr setzen und zusammen mit dem Märchler Arzt Melchior Diethelm einen eigenständigen Kanton Ausserschwyz realisieren wollen. Melchior Diethelm wird später einer der Architekten des Schweizer Zweikammersystems. Joachim Raff kommt am 27. Mai 1822 in der alten Sust aus dem 16. Jahrhundert zur Welt. Dieses «Mehrzweckgebäude» dient sowohl als Handels- und Gewerbehaus, wie auch als Schul- und Zeughaus. Auch die Lehrerwohnung muss darin Platz finden.
Frühe Hochbegabung von Joachim
Über seine gesamte Schulzeit in der Schweiz bis 1840 fällt Joachim auf durch Fleiss, Musikalität, Mehrfachbegabungen, Einzelgängertum, Ehrgeiz und gar einem, gegenüber der Mutter ausgesprochenen Wunsch, im Leben einmal etwas ganz Besonderes leisten zu wollen. Der gestrenge Vater paukt mit ihm das Violine-, Klavier- und Orgelspiel. Früh beherrscht er Latein und am Jesuitenkollegium in Schwyz, das er von 1838-1840 besucht, ist er mehrfach Klassenbester in ganz verschiedenen Fächern. Lebenslang wird er sich autodidaktisch weiterbilden und sich zu einem der anerkanntesten Musikhistoriker und Komponisten weiterentwickeln. Frühe Prägungen und exzellente Erbanlagen sind dabei massgebend für seine Erfolge.
Die frühe Politisierung am Wirtshaustisch seines Grossvaters, das Bewusstsein der Sohn eines entsprechend exponierten politischen Flüchtlings und damit einer Minderheit angehörend zu sein, aber eben auch seine hohe Sensibilität, sein starker Verstand und ebenso seine markante Persönlichkeit begleiten Raff lebenslang.
Frühe Raff-Kompositionen werden 1840 anlässlich des «Pannerfestes» für den Bannerherr Theodor Ab Yberg (1795-1869) in Schwyz von ihm, zusammen mit seinen Mitstudenten, gesungen. Ebenso beeindrucken ihn der Besuch der Schwyzer Landsgemeinde vom 3. Mai 1840 in Rothenthurm.
Joachim Raff zeigt sich begeistert über die politischen Gepflogenheiten, die entsprechenden demokratischen Riten, Abläufe und Wahlen in dieser politisch sehr unsicheren Zeit des Übergangs vom Staatenbund zum Bundesstaat und damit zum Grundstein der Schweiz.
Er schreibt darüber im Mai 1840 auch im damals bekannten katholisch-konservativen Blatt «Sanct Gallischer Wahrheitsfreund». Früh entwickelt sich bei ihm eine eigene, auf Gerechtigkeit und Gleichstellung beruhende Identität. Es gibt in seinem Lebenslauf Hinweise auf frühes Mobbing, Ächtung wegen seiner Hochbegabung und eindrücklicher, ganz eigener Konfliktverarbeitung bezüglich seines strengen Vaters (er geht gegen ihn in Hungerstreik).
Er definiert sich dabei lebenslang überzeugt und mit ausdrücklich gleichgestelltem Bewusstsein immer als einer, der aus dem Mutterland Schweiz stammt und mit der Herkunft Deutschland als seinem Vaterland.
Dies alles liest sich aus der Biografie von Tochter Helene Raff, der Schriftstellerin und Malerin, über ihren Vater (Bosse, Ravensburg 1925).
Erste Berufserfahrungen und Wanderjahre
Obschon Joachim Raff gegen den Willen seiner Eltern Berufsmusiker werden will, macht er in Rapperswil von 1840 bis 1844 erste Berufserfahrungen als Lehrer.
Eine Expertise beim damals schon bekannten Musiker Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) bescheinigt ihm überdurchschnittliche Musikalität, was bei ihm 1843 endgültig den riskanten Berufswechsel zum freischaffenden Musiker auslöst. Dieser mutige, abenteuerliche und gegen alle Widerstände durchgesetzte Schritt treibt ihn nicht nur aus seiner Familie, sondern auch noch gleich in die Obdachlosigkeit am Platzspitz in Zürich.
Dank einer, wohl auch etwas verzweifelten Kontaktaufnahme mit dem damals als Starpianisten gefeierten Franz Liszt (1811-1886) im Casino Basel im Juni 1845, ermöglicht ihm dieser eine vielversprechende Förderung.
Nach dem ersten gemeinsamen Projekt, der Einweihung des Beethoven-Denkmals in Bonn im August 1845, vermittelt Liszt ihm verschiedene Arbeitsmöglichkeiten in Musikhäusern von Köln, Stuttgart und Hamburg. Viele mehr oder weniger erfolgreiche Kompositionen für Klavier entstehen in dieser Zeit. Vor allem aber lernt Raff autodidaktisch sehr viel, steht im Austausch mit Musikern und publiziert in verschiedenen internationalen Fachzeitschriften. So lernt Raff in Stuttgart seinen wichtigsten Freund und Förderer fürs Leben, Hans von Bülow (1830-1894) kennen und schätzen.
Profilierung in Weimar
Den Schritt hin zur Assistenz für Franz Liszt vollzieht Joachim Raff im Übergang von 1849/50. Obwohl sich der Komponist aus Lachen von Liszt auch etwas ausgenutzt vorkommt (viele Instrumentierungen, Orchestrierungen, Erledigung von Korrespondenzen, Organisation von Reisen und Musiktagen, Verhandlungen mit Verlegern, publizistische Tätigkeiten), wird er von ihm auch gefördert (Hilfe bei seinen eigenen Kompositionen, Auftritte mit Raffs Werken am Klavier, Dirigate von Raff’schen Werken, vielfältige Beziehungen anbieten etc.). Die fortschreitende Emanzipation von seinem Förderer ist jedoch auch wegen stilistisch unterschiedlichen Auffassungen unaufhaltsam.
Raff geht von Beginn weg konsequent den Weg der Verarbeitung unterschiedlichster Stilelemente aus der Musikgeschichte, von denen er immer wieder inspiriert ist. Richtungsstreits, die im 19. Jahrhundert leidenschaftlich geführt werden, kennt er nicht.
Zugleich achtet er aber darauf, seinen ganz eigenen Weg, seine eigene Musik, mit letztlich eigenem Stil zu beschreiten. Vor allem seine kontrapunktische Meisterschaft, seine Farbigkeit in der Instrumentierung und seine Komplexität in der Verarbeitung der Themen werden zu seinem Markenzeichen.
Raff erweitert seine kompositorische Tätigkeit. Lieder, Kammermusikwerke, sogar eine Oper («König Alfred») stehen im Fokus seiner weiteren musikalischen Entwicklung in jungen Jahren. Erfolge, aber immer auch wieder Misserfolge, stellen sich parallel ein.
Sein Beziehungsnetz erweitert sich bedeutend. Er lernt u. a. Richard Wagner (1813-1883), die Violinisten Joseph Joachim (1831-1907), Edmund Singer (1831-1912), Alexander Ritter (1833-1896), den Cellisten Bernhard Cossmann (1822-1911), aber auch Repräsentanten des Hofs von Weimar wie Grossherzog Carl Alexander (1805-1863) kennen. Mit den Komponisten Hector Berlioz (1803-1869), Robert Franz (1815-1892), Johannes Brahms (1833-1897) und Louis Spohr (1784-1859) kann er sich persönlich und auf Augenhöhe unterhalten. Auch mit den fortschrittlichen Literaten wie Peter Cornelius (1824-1874) und August Heinrich von Fallersleben (1798-1874) tauscht er sich regelmässig aus.
Die Wagnerfrage
Insbesondere die Ausstrahlung und die Erfolge von Richard Wagner fordern Raff heraus. Die radikale Neuausrichtung der Oper als Gesamtkunstwerk inspirieren ihn. Mit seinem Buch «Die Wagnerfrage» (1854) setzt sich Raff vertieft aber auch kritisch mit dem Star seiner Zeit auseinander. Raff versucht Wagners Leitmotivtechnik, die Rolle des Orchesters und die Erweiterung der Harmonik seine eigene Deutung entgegenzusetzen. Mit dem Märchen-Epos «Dornröschen» (1856) setzt er sich praktisch damit auseinander.
Das Musikdrama «Samson» (1851 bis 1857 entstanden) hätte eigentlich zu seiner Doktorwürde einerseits, aber auch zu einem mit Wagner gleichwertigen Werk (Lohengrin) werden sollen. Raff wünschte sich damit auch die Voraussetzungen für eine Sekretären-Stelle bei der Goethe-Stiftung oder der eines Kustos bei der weimarischen Bibliothek (Musikabteilung) zu erlangen. Das Beispiel zeigt eindrücklich die drei grossen Potentiale von Raff, die sich bereits in seiner frühen Jugend abzeichnen: akademische Karriere, Komponistenlaufbahn und, was noch zu beschreiben ist, seine Laufbahn als Hochschullehrer und Hochschuldirektor. Diverse Gründe verhindern die Aufführung des fertig geschriebenen Trauerspiels. Erst im Jahre 2022, dem 200. Geburtstag von Joachim Raff, kommt es zur erfolgreichen Welturaufführung am Deutschen Nationaltheater von Weimar. Und 2023 wird die Weltersteinspielung am Theater Bern unter der Gesamtprojektleitung von Graziella Contratto (Label Schweizer Fonogramm) realisiert.
Durchbruch in Wiesbaden
In Weimar lernt Joachim Raff auch seine künftige Frau, die Schauspielerin Doris Genast (1827-1912) kennen. Sie arbeitet am Theater in Wiesbaden und die hunderte Seiten von gegenseitigen Briefen ihrer Fernbeziehung zwischen Wiesbaden und Weimar sind glücklicherweise noch vorhanden und bilden die Grundlage für künftige Forschungsarbeiten über das «Silberne Zeitalter von Weimar». Die touristisch und kulturell vielfältige Bäderstadt Wiesbaden wird darum auch der Ort, den Raff 1856 als seinen künftigen Arbeits- und Lebensmittelpunkt bis 1877 auswählt.
Als würden sich Schleusen öffnen stürzt sich Joachim Raff in seine fruchtbarste, produktivste und erfolgreichste Schaffensperiode als Komponist.
Anspruchsvolle Klaviersuiten, erste Konzerte im Gewandhaus Leipzig, die er selber dirigiert, die Preisverleihung 1863 bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien mit seiner ersten Sinfonie «An das Vaterland», anspruchsvolle grosse Sonaten für Klavier und Violine, viele weitere Kammermusikwerke (Trios, Quartette, Quintette, Sextett, Oktett), Lieder und Chorwerke, erfolgreiche Sinfonien (z. B. die 3. Sinfonie op. 153 «Im Walde» im Jahre 1869, oder die 5. Sinfonie, op. 177, «Lenore»), die weltweit aufgeführt werden, prägen diese Zeit. Auch neue Opern entstehen (z. B. «Die Parole»; «Dame Kobold»).
Auch privat verändert sich das Leben von Joachim Raff. 1859 heiratet er Doris Genast, die Tochter des Weimarer Regisseurs und Schauspielers Eduard Genast (1797-1866), der noch mit Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) am Hof in Weimar zusammenarbeitete.
1865 kommt die einzige Tochter des Paars, Helene, dazu. Sie wird vom damals avantgardistisch, beidseits künstlerisch-berufstätigen Ehepaar fortschrittlich und gleichgestellt erzogen und gebildet. Sie lernt die gleichen Schulfächer wie ihre männlichen Kollegen und sie wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den Pionierinnen der Frauenbewegung in Deutschland gehören.
Diverse Ehrungen, Ritterkreuze, Verdienstmedaillen erhält Joachim Raff von verschiedenen Herzogtümern in Deutschland, Luxembourg, Italien. 1872 bekommt er, zusammen mit Franz Liszt und Richard Wagner, die Ehrenmitgliedschaft der New Yorker Philharmoniker. Seinem Freund Hans von Bülow widmet er ein Klavierkonzert und den damals führenden Cellisten Friedrich Grützmacher (1832-1903) ehrt er mit dem Konzert für das Violoncello, op. 193. Ein weiterer Weltklasseinstrumentalist, der spanische Geiger Pablo de Sarasate (1844-1908) nimmt sich dem umfangreichen Violine-Werk von Raff an und verbreitet dieses beinahe weltweit.
Direktor des Dr. Hoch’schen Konservatoriums in Frankfurt am Main
Es ist für den Autodidakten Joachim Raff eine tiefe Genugtuung und auch Ehre, dass er 1877 für die Stelle als erster Direktor des neu gegründeten Dr. Hoch’schen Konservatoriums angefragt wird. Zur Diskussion stehen auch Persönlichkeiten wie Johannes Brahms oder Josef Gabriel Rheinberger (1839-1901). Der Frankfurter Jurist Dr. Joseph Hoch (1815-1874) vermachte der Stadt ein bedeutendes Vermögen, um die Gründung dieser Hochschule zu ermöglichen.
Mit Elan stellt Raff einen bedeutenden Lehrkörper zusammen und entwickelt die Schule in kurzer Zeit zu einer international anerkannten Musikhochschule. Er selbst unterrichtet Kompositionslehre. Franz Liszt und viele weitere bedeutende Musikerinnen und Musiker besuchen das Institut mehrere Male.
Als Besonderheit beschäftigt Raff die Spitzenpianistin und Komponistin Clara Schumann (1819-1896). Eine Frau als Professorin an einer Hochschule ist ungewohnt und zeugt wieder vom fortschrittlichen gleichgestellten Geschlechterverständnis des innovativen Direktors. Auch mit der Schaffung einer eigenen Komponistinnenklasse geht Raff eigene, visionäre Wege. In seiner Antrittsrede am 22. September 1878 ist die Rede von Raffs Samson-Studien und «er gibt in konzentrierter Form und anspruchsvoller Diktion einen Abriss der Musikgeschichte, wie man sie selten findet.» (Cahn P., Das Hoch’sche Konservatorium, 1878-1978, 1979).
Daneben komponiert Joachim Raff weiterhin bekannte Werke. Sinfonien, eine Oper, Orchestervorspiele, eine Kantate, ein Gesangszyklus und vor allem sein bedeutendes geistliches Werk, das Oratorium «Welt-Ende Gericht Neue Welt». Dieses Opus 212 ist eines seiner letzten Werke. Die Tochter von Raff, Helene, erwähnt in Ihrer Biografie über den Vater, dass er gegen Ende seines Lebens öfters von Todesahnungen heimgesucht wird. 1881 beendet er das umfassende Werk und im darauffolgenden Jahr, am 24. Juni 1882 stirbt Raff an einer Herzlähmung in Frankfurt am Main.
Anlässlich des 200. Geburtstages im Jahre 2022 wird das erwähnte Oratorium in der Pfarrkirche Lachen, seiner Geburtskirche und im Gewandhaus von Leipzig von den Gewandhauschören und der Capella Lipsiensis unter Leitung von Gregor Meyer eindrucksvoll und würdig aufgeführt und auf CD eingespielt.
Ein bleibendes Vermächtnis
Raffs Vermächtnis ist zweifach. Da ist einmal seine Musik. Seit den 1970er Jahren erfreut sie sich einer erstaunlichen Renaissance. Sowohl in der Forschung (mehrere Dissertationen, Masterarbeiten, Forschungsprojekte in verschiedenen Ländern), den Tonträgerproduktionen (rund 150 CD-Produktionen von 55 Labels), unzähligen bedeutenden Konzerten in allen Erdteilen, Publikationen, Podcast-Produktionen, Präsenz in den elektronischen Medien, Ausstellungen, ist Raffs Werk wieder präsent.
Wohl damit zusammenhängend erkennen die verantwortlichen Musikschaffenden auch Raffs Persönlichkeit. In einer Zeit, in der Provokationen, Spaltungen, Egoismen, Fake-News, Radikalisierungen, Nationalismen zunehmend das Weltgeschehen negativ beeinflussen, bekommt Raffs Schaffen, das auf harmonisierender, verbindender, zusammenhängender, auf der Basis fundierter Kenntnisse und damit respektvollen und wertschätzenden Einsichten beruht, eine neue Dimension.
Viele Musikwissenschaftlerinnen und Musikwissenschaftler erkennen den Wert der «Synthese», mit der sie das Werk von Joachim Raff charakterisieren. Raff konnte des Öftern in der Sache hart argumentieren, mit einer gewissen Sturheit seine Ziele verfolgen, er kam sogar infolge seines zeitweisen Schuldenberges mit dem Gesetz in Konflikt. Aber mit seiner Musik und seinen gesellschaftlichen Auffassungen wollte er verbinden und nicht trennen. Er vermittelte Werte und baute Spannungen ab. Sein Menschen- und Weltbild passen, als «Kontrapunkt», gut ins 21. Jahrhundert.
Quellenverzeichnis
Bücher
— Cahn, Peter: Das Hoch’sche Konservatorium 1878 – 1978, Frankfurt am Main, 1979
— Dörffel, Alfred: Die Gewandhauskonzerte zu Leipzig 1781 – 1881, Reprint der Ausgabe 1884,
Leipzig, 1980
— Genast, Eduard: Aus Weimars klassischer Zeit, Stuttgart, 1903
— Kolb, Severin: «Die Wagnerfrage» – Joachim Raffs Auseinandersetzung mit Richard Wagner in Weimar (1850 – 1856), Raff-Studien Band 2, Wiesbaden, 2026
— Kolb, Severin und König, Stefan: (Hrsg.), Synthesen. Tagung zur Eröffnung des Joachim-Raff-Archivs, Lachen 2018 (Kongressbericht), Raff-Studien Band 1, Wiesbaden, 2026
— Kolb, Severin: Umbruchsjahre – Joachim Raff in Stuttgart (1847 – 1849) in Musik in Baden-Württemberg, Marbach am Neckar, 2021 / 2022
Rund um den vierten Jahrestag des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine ist das Kammerorchester des Ivan-Karabyts-Fachkollegs Bachmut für Kultur und Kunst vom 19. bis 25. Februar in der Schweiz und Liechtenstein unterwegs.
Ukrainischer Kulturverein Prostir
- 05. Feb. 2026
Das Kammerorchester des Ivan-Karabyts-Fachkollegs Bachmut für Kultur und Kunst. Foto: zVg
Am 24. Februar 2026 jährt sich der Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine zum vierten Mal. Mit einer Konzerttournee durch die Schweiz und Liechtenstein gedenken Geflüchtete, lokale Partnerorganisationen sowie die Bevölkerung gemeinsam der Opfer des Krieges – und setzen ein Zeichen der Solidarität. Organisiert wird die Tournee vom Ukrainischen Kulturverein Prostir Luzern und der Ukrainehilfe Zentralschweiz, in enger Zusammenarbeit mit zahlreichen lokalen Partnern.
Im Rahmen der Tournee gastiert das Kammerorchester des Ivan-Karabyts-Fachkollegs Bachmut für Kultur und Kunst (derzeit im Exil in Kamjanez-Podilskyj, Ukraine) in mehreren Städten. Auf dem Programm stehen kurze Werke ukrainischer Komponistinnen und Komponisten– als Ausdruck der eigenständigen kulturellen Vielfalt der Ukraine: Kultur als Widerstand und Hoffnung.
Bachmut – eine Stadt, die es nicht mehr gibt
Bachmut, einst eine Stadt mit rund 80’000 Einwohner:innen, wurde zum Schauplatz einer der brutalsten Schlachten des 21. Jahrhunderts und gilt heute als unbewohnbar. Das Fachkolleg, aus dem das Orchester stammt, wurde 2022 zerstört, Instrumente geplündert, Unterrichtsräume verwüstet und der Konzertsaal bombardiert. Dennoch musizieren die jungen Künstlerinnen und Künstler weiter – unter provisorischen Bedingungen, mit geretteten Archiven und wenigen erhaltenen Instrumenten.
Mit den Konzerten sammelt das Orchester Spenden und macht international auf die Situation in der Ukraine aufmerksam. Gleichzeitig ist das gemeinsame Musizieren ein starkes Zeichen: für Würde, kulturelle Identität und Zukunft.
Konzertdaten – Tournee Schweiz & Liechtenstein
Donnerstag, 19. Februar 2026 – 18:00 | Schaan (LI)
Pfarrkirche St. Laurentius, Reberastrasse 17, 9494 Schaan
Lokale Organisation: Verein SKS Integrationshilfe
Freitag, 20. Februar 2026 – 19:00 | Zug
St. Johannes Zug, St.-Johannes-Strasse 9, 6300 Zug
Lokale Organisation: Katholische Kirchgemeinde der Stadt Zug
Samstag, 21. Februar 2026 – 17:00 | Olten
Christkatholische Stadtkirche, Kirchgasse 2, 4600 Olten
Lokale Organisation: KALYNA Ukraine-Netzwerk Region Olten
Sonntag, 22. Februar 2026 – 09:00 | Basel
Thomaskirche Basel (Gottesdienst mit anschliessendem Konzert),
Hegenheimstrasse 229, 4055 Basel
Lokale Organisation: Weltweite Kirche
Spenden: Ukrainehilfe mit Herz
Sonntag, 22. Februar 2026 – 17:00 | Zürich
Grossmünster Zürich, Zwingliplatz 7, 8001 Zürich
Lokale Organisation: Grossmünster Zürich
Spenden: HEKS
Dienstag, 24. Februar 2026 – 18:30 | Bern
Berner Münster (Friedensgebet und Konzert), Münsterplatz 1, 3000 Bern
Lokale Organisation: Arbeitsgemeinschaft Christliche Kirche in der Schweiz (AGCK)
Mittwoch, 25. Februar 2026 – 19:00 | Genf
Genf Espace Madeleine / Temple de la Madeleine Rue de la Madeleine 15, 1204 Genèvee
Lokale Organisation: Ständige Vertretung der Ukraine in Genf (in Koordination)
Eintritt frei – Kollekte / Spenden
Der Eintritt ist frei. Am Ausgang wird eine Kollekte / Spende gesammelt. Die Einnahmen gehen grundsätzlich an den Ukrainischen Kulturverein Prostir Luzern sowie die Ukrainehilfe Zentralschweiz und werden vollumfänglich für Ukrainehilfe vor Ort eingesetzt.
Die Konzerttournee selbst ist vollständig durch Fördergelder finanziert – Spenden aus den Konzerten fliessen daher direkt in konkrete Hilfsmassnahmen, insbesondere in Frontregionen wie Charkiw, Donezk/Donbas, Luhansk, Saporischschja und Cherson. Unterstützt werden sowohl humanitäre Hilfe (z.B. dringend benötigte Ausrüstung und Versorgung) als auch Kulturhilfe (z.B. Musikinstrumente für Kinder sowie Unterstützung von Kulturinstitutionen). Ausnahmen: In Basel kommt die Kollekte der Initiative «Ukrainehilfe mit Herz» zugute, in Zürich fliessen die Spenden an HEKS (gemäss lokaler Organisation der jeweiligen Konzerte).
Amerika-Schwerpunkt beim Lucerne Festival
Sebastian Nordmann hat sein erstes Sommerprogramm vorgestellt. Das Festival will relevanter werden, das brisante Thema aber rein musikalisch verstanden wissen.
Georg Rudiger
- 03. Feb. 2026
Sebastian Nordmann. Foto: Marco Borggreve
Dass Sebastian Nordmann beim Lucerne Festival auf Michael Haefliger folgen würde, war schon zweieinhalb Jahre lang bekannt. Mit dem 1. Januar 2026 hat nun der frühere Leiter des Konzerthauses Berlin offiziell das Amt des Intendanten übernommen und anlässlich der Programmvorstellung zur Medienkonferenz ins KKL eingeladen. Inhaltlich hatte sein Vorgänger zwar nichts mehr geplant, doch der Stiftungsrat hatte zwei klare Vorgaben gesetzt: Das Lucerne Festival Orchestra und die Lucerne Festival Academy sollten fortgeführt werden. Neben der Sicherung der künstlerischen Exzellenz erwartet man von Nordmann vor allem eine stärkere Relevanz des Festivals. Das betonte Stiftungsratspräsident Markus Hongler in seiner Begrüssung.
Dreams ohne Alpträume
Das Musikfestival soll also noch stärker in die Gesellschaft ausstrahlen. Vor diesem Hintergrund überraschte, wie zurückhaltend sich Sebastian Nordmann zum diesjährigen Thema «American Dreams» äusserte – gerade angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen in den USA. Auf der Medienkonferenz blieb der neue Intendant bewusst bei der Musik. Das Motto habe sich vor zwei Jahren in einem Gespräch mit Riccardo Chailly, dem Chefdirigenten des Lucerne Festival Orchestra, herauskristallisiert, der sich einen amerikanischen Schwerpunkt gewünscht habe. So erklingen beim Eröffnungskonzert am 14. August neben Charles Ives‘ 1. Sinfonie auch George Gershwins Concerto in F für Klavier (Solist: Frank Dupree) und Orchester. Ergänzt wird das Programm durch Gershwins Cuban Overture und Steve Reichs New York Counterpoint für elf Klarinetten. Doch kann man das positiv konnotierte «American Dreams» so unkommentiert stehen lassen, während viele Amerikanerinnen und Amerikaner derzeit massive staatliche Gewalt als Alptraum erleben? «Parteipolitisch oder wirtschaftspolitisch möchten wir keine Stellung nehmen», antwortet Nordmann im persönlichen Gespräch. «Uns sind die amerikanischen Träume wichtig, die sich beispielsweise in der Musik von George Gershwin oder in der Minimal Music von Steve Reich und John Adams zeigten.» Eingeladen seien die Künstlerinnen und Künstler wegen ihrer Kunst – von Yo-Yo Ma und Hilary Hahn bis zur Poetin Amanda Gorman.
Die Musik soll für sich sprechen
Ein Forum für Parteipolitik wolle er nicht bieten, sondern im Austausch bleiben und Brücken schlagen. Dabei steht das Festival laut Nordmann für demokratische und humanistische Werte. Doch wie lässt sich dieser Anspruch ohne klare politische Positionierung einlösen, wo es in den USA doch kaum mehr um Parteipolitik, sondern ganz grundsätzlich um die Gefährdung der Demokratie geht? Nordmann antwortet: «Ich glaube, es wäre falsch, wenn Kulturinstitutionen sagen, was parteipolitisch richtig oder falsch ist. Wir wollen für etwas sein und nicht gegen etwas. Wer sich für Hass und Gewalt ausspricht, wird bei uns nicht auftreten. Wir möchten hier die Orchester und Künstlerinnen und Künstler aus den USA unterstützen. Und ihnen zeigen, dass wir sie hören und sehen», meint Nordmann. Die amerikanische Musik soll also für sich stehen – und davon gibt es im Sommer reichlich, von John Adams bis Frank Zappa, von Leonard Bernstein bis Aron Copeland. Artist-in-Residence ist der in den USA lebende Augustin Hadelich, der mit vier verschiedenen Programmen auftritt, darunter den Violinkonzerten von Samuel Barber und Ludwig van Beethoven sowie einer Fiddle Night. Anne-Sophie Mutter, deren Karriere im Alter von 13 Jahren bei den Internationalen Musikfestwochen Luzern begann, feiert ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum unter anderem mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra und Pendereckis 2. Violinkonzert, hat aber mit dem 2. Violinkonzert von André Previn auch Amerikanisches im Programm.
Anknüpfungen und Neuerungen
Bereits im vergangenen Sommer wurde Jörg Widmann in der Nachfolge des verstorbenen Wolfgang Rihm als Leiter der Lucerne Festival Academy vorgestellt. Mit seinem Dirigat von Wolfgang Rihms «monströsem» (O-Ton Widmann) Orchesterwerk Tutuguri wird ein Bogen zum Vorgänger geschlagen. Ganz anders klingt die zerbrechliche Musik des Composers-in-Residence Mark Andre, von der Widmann in höchsten Tönen schwärmt. Neuerungen gibt es beim 20 Sinfonieorchester und 120 Veranstaltungen präsentierenden Lucerne Festival vor allem im Bereich der Vermittlung. Beim aus Berlin mitgebrachten Format «Mittendrin» nimmt man im Orchester Platz, unter dem Motto «Luege Lose Erläbe» erhält ein Kind oder Jugendlicher bei jedem Konzert ein Begleitticket für 10 Franken. Zwei kostenlose Eröffnungsveranstaltungen im KKL und open air auf dem Europaplatz sollen Lust auf das Festival machen, das zwei Tage kürzer ist als im Vorjahr. Mit «Orchestrating the moment» hat man sich einen emotionalen Claim überlegt. Ob der ausreicht für eine grössere Relevanz?
Jerusalem im Zentrum
Das fünftägige Kammermusik-Festival Mizmorim setzte in Basel vom 21. bis 25. Januar auf interkulturelle Begegnungen.
Georg Rudiger
- 03. Feb. 2026
Das Mizmorim-Ensemble. Foto: Mizmorim/Liron Erel
«Im Wort Jerusalem steckt sowohl das jüdische Wort ‹Shalom› als auch das arabische ‹Salam›. Beides bedeutet Friede. Wir möchten beim Festival nicht zwischen den verschiedenen Kulturen trennen, sondern über die Musik zusammenfinden. Jerusalem ist eine Stadt, die uns als Gesellschaft zusammenbringt», sagt Michal Lewkowicz, die Gründerin und künstlerische Leiterin des Kammermusik-Festivals Mizmorim in Basel. Fast alle Konzerte, Lesungen und Führungen der zwölften, unter dem Motto «Jerusalem» stehenden Ausgabe waren ausverkauft. Renommierte Künstler und Ensembles wie das Gringolts Quartet, der Klarinettist Reto Bieri oder der Flötist Ariel Zuckermann sorgten für musikalische Exzellenz. Aber auch junge Talente wie das erst 2024 gegründete Arola Quartet aus Bern, das aus der im November erstmals stattgefundenen Masterclass hervorging, konnte man beim Festival entdecken.
Arola Quartet aus Bern. Foto: Mizmorim/Liron Erel
Um Jerusalem drehten sich also fast alle Veranstaltungen. Lukas Landmann gab im Jüdischen Museum der Schweiz einen Einblick in die 5500-jährige Geschichte der Stadt, die 34-mal erobert wurde. Heidy Zimmermann zeigte in der Paul-Sacher-Stiftung die 1967 entstandene, unveröffentlichte Komposition Jerusalem für Solosänger, Sprecher, zwei Chöre und Orchester von Roman Haubenstock-Ramati. Das Vokalensemble Voces Suaves widmete sich in seinem Programm «Wenn ich Dein vergesse …» Psalmvertonungen von der Renaissance bis zur Gegenwart, denen der israelisch-palästinensische Oud-Spieler Taiseer Elias in seinen Soli arabische Melodien gegenüberstellte. Schon im Eröffnungskonzert «The Ties that Bind us» von David Krakauer (Klarinette) und Kathleen Tagg (Klavier) fand sich neben Jazz- und Klezmer-Anklängen mit November 22 ein Werk des syrischen Komponisten Kinan Azmeh.
Von Bach bis Feldman
Das Konzert «Yerushalayim shel zahav» im SRF-Studio Basel verband abendländische Musik von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach mit sieben ganz verschiedenen, von Hila Baggio expressiv gesungenen Jerusalem-Liedern, die die Bandbreite des Judentums und seiner Musik zeigten: von sephardisch bis chassidisch, von jiddisch bis jemenitisch. Marcelo Nisinman hat dafür spannende Arrangements für Flöte (Ariel Zuckermann), Violine (Ilya Gringolts), Cembalo (Francesco Corti) und sich selbst am Bandoneon geschrieben, die jedem der Lieder eine eigene Farbe geben.
Yerushalayim shel zahav im langsamen Dreiertakt, das durch die israelische Sängerin Ofra Haza international bekannt wurde, verliert in Nisinmans Version an Pathos und gewinnt an Vielschichtigkeit. Sein The silent wall genanntes Porträt der Stadt, das das Festival in Auftrag gegeben hatte, ist überraschend weltlich, klingt nach Tango und Lebensfreude. Und vermittelt einen guten Eindruck von der Lebendigkeit und Multikulturalität der Stadt, über die man sich anschliessend im Foyer bei Hummus, Pita und Bier noch rege austauscht.
Das Konzert «Yerushalayim shel zahav» im SRF-Studio Basel. Foto: Mizmorim/Liron Erel
Dem jüdischen US-amerikanischen Komponisten Morton Feldman, der am 12. Januar 100 Jahre alt geworden wäre, waren gleich zwei Konzerte gewidmet. Beim Late-Night-Termin stand das halbstündige Why patterns? für Flöte, Glockenspiel und Klavier (1978) auf dem Programm. Tiefe Flötentöne (Anja Clift) treffen auf hohe, warme Klavierklänge (Dmitry Batalov). Christian Dierstein verbindet die Linien am Glockenspiel. Das ist ganz zärtliche, intime Musik, die die Zeit stehen lässt und aus einfachen Tonwechseln Ereignisse macht. Das mit etlichen Schweizer Erstaufführungen gespickte Abschlusskonzert «Jerusalem-Syndrom» mit dem Mizmorim-Festival-Ensemble spannte im Ackermannshof einen Bogen vom aus Nazideutschland in die USA geflohenen jüdischen Komponisten Stefan Wolpe (1902–1972) zum in Deutschland lebenden israelischen Palästinenser Samir Odeh-Tamimi, dessen Trio Li-Umm-Kámel arabische Musik mit europäischen Komponiertraditionen verbindet. Eine weitere interkulturelle Begegnung an diesem Festival.
Radio SRF 2 Kultur präsentiert am 19.3.2026 von 20 bis 22 Uhr in der Sendung «Im Konzertsaal» einen Querschnitt aus dem Programm des diesjährigen Mizmorim-Festivals.