Der Frühling kann kommen

Am 11. Februar brachte vokal:orgel zusammen mit rund 180 jungen Stimmen Mendelssohns «Walpurgisnacht» und weitere Werke in einer halbszenischen Aufführung im Stadtcasino Basel zu Gehör.

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Die Musikstadt Basel scheint sich den Mai regelrecht herbeizusehnen. Ja, dann soll hier ja so ein grosser europäischer Musikwettbewerb stattfinden, und kurz darauf so ein grosses europäisches Chorfestival. Aber darum geht es hier nicht – nein, die Rede ist von der Walpurgisnacht, dem traditionellen «Tanz in den Mai».

Namentlich abgeleitet von der heiligen Walburga, wird das Fest spätestens seit der europäischen Hexenmanie im 16. und 17. Jahrhundert vor allem mit dem Hexensabbat auf dem Blocksberg assoziiert. Zementiert hat diese Bedeutung Goethe, der das Fest im Faust und andernorts mehrfach bildhaft poetisch beschrieben hat. Aus einer dieser Beschreibungen wurde schliesslich auch Musik: Nachdem sein Lehrer Carl Friedrich Zelter nicht wollte, komponierte Felix Mendelssohn auf Goethes Text die Kantate «Die erste Walpurgisnacht».

Dieses gut halbstündige Stück, das den Winter austreibt und den Frühling einläutet, war am 11. Februar 2025 im Stadtcasino Basel bereits zum zweiten Mal innert kurzer Zeit zu hören. Im vergangenen November hatten es das Collegium Musicum Basel und der Basler Bach-Chor aufgeführt, nun machte sich der junge Konzertveranstalter vokal:orgel daran. Während die erstgenannte Aufführung – entsprechend der beiden altehrwürdigen Institutionen – relativ traditionell daherkam, war die jüngste Umsetzung am 11. Februar 2025 eingebettet in ein durchchoreografiertes, halbszenisches Gesamtprogramm, das einen dramaturgischen Bogen vom tiefen, nordischen Winter zum feierlichen Frühlingsbeginn spannte.

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Dunkler nordischer Winter

In kompletter Dunkelheit wurde eingangs der Flügel aus der Versenkung hochgefahren und Dominic Chamot spielte im Polar-Outfit Fanny Mendelssohns Januar aus den 12 Charakterstücken. Dazu begab sich ein Teil des Chors, gekleidet in Mönchskutten, auf die Bühne, wo er bald in das Rondo Lapponico von Gunnar Arvid Hahn einstimmte – ein frostiges Stück, das dem traditionellen samischen Joik nachempfunden ist, und die lappländische Natur (Gänse, Gewässer, Hügel, Wälder) besingt. Nach einer Sprechchor-Einlage («Kommt!») komplettierte sich während der anschliessenden Orgelkomposition Évocation II von Thierry Escaich der Chor und formierte sich mit dem Rücken zum Publikum. Es folgte das estnische Volkslied Lauliku Lapsepõli (dt. «Die Kindheit des Sängers») in der Version von Veljo Tormis, bei dem sich der Chor nach und nach zum Publikum drehte. Wie die meisten der vorgetragenen nordischen Stücke kreierte das Stück im Musiksaal des Stadtcasino eine gleichsam ätherische Atmosphäre, eine gläserne Klanglichkeit, wie verschiedene Eisflächen, die übereinandergeschichtet waren. Das Lied leitete über in diffuses Flüstern, aus dem sich schliesslich eine solistische Sprechgruppe herauskristallisierte und einen «Fluch auf das Eisen» in Szene setzte – ein eindringlicher poetischer Antikriegstext, der kurz darauf in Raua needmine in estnischer Originalsprache und mit schamanischer Trommelbegleitung auch chorisch ertönte. Das zwischenzeitliche christliche Volkslied Ma on niin kaunis stimmte versöhnlichere Klänge an, indem es die Schönheit der Natur, die Gnade Gottes und die singende Pilgerreise der Seele anpries.

Ein winterlicher, nordischer erster Teil wurde abgerundet mit Fanny Mendelssohns Andante espressive, währenddessen der Chor mit Fingerschnippen den einsetzenden Regen imitierte, der, ohne Verschnaufpause, in den Beginn – «Das schlechte Wetter» – der Walpurgisnacht von Fannys Bruder Felix überleitete.

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Frühlingshafte Szenerie mit Orgel und Klavier

Für die Musik der Walpurgisnacht war am 11. Februar 2025 im Rahmen der vokal:orgel-Aufführung kein Orchester zuständig – dessen Partie wurde für Orgel, Klavier und Perkussion umgeschrieben und von Babette Mondry (Orgel), Dominic Chamot (Klavier) und Tomohiro Iino, Pablo Mena Escudero und Yi Chen Tsai (Perkussion) gespielt. Und wenn wir gleich bei den Beteiligten sind: Der Chor setzte sich aus jungen Stimmen der Gymnasien Muttenz und Laufen sowie der Steinerschule Birseck zusammen, mit dabei war zudem die Junge Oper des Theaters Basel – ein insgesamt 180-köpfiges Ensemble, zusammengehalten durch die Leitung von Abélia Nordmann.

Während der Ouvertüre der «Walpurgisnacht» wandelte sich das Bühnenbild von einer winterlichen zu einer frühlingshaften Szenerie – mit gelb-grüner Kleidung des Chors (der ausserdem bunte Blumenkränze hervorholte) und ebensolcher Beleuchtung. Mendelssohns Stück funktionierte auch in der speziellen Bearbeitung – die Metzler-Klahre-Orgel des Stadtcasino vermochte mit ihren rund 350 Registermischungen die verschiedenen Klangfarben des Orchesters stimmig zu suggerieren und der Musik dabei zugleich einen eigenen, gewinnbringenden Anstrich zu verleihen; das Klavier unterstützte vor allem in der Konturierung der Melodien. Gesanglich überzeugten nicht nur der Chor, sondern auch die Solistin und Solisten – besonders hervorzuheben ist Bariton Felix Gygli, dessen Volumen, Phrasierung und Bühnenpräsenz beeindruckten.

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Auch die Integration der szenischen Elemente (für deren Konzeption Salomé im Hof verantwortlich zeichnete) gelang, beim maskierten Auftritt der «Menschenwölfe und Drachenweiber» kam im Stadtcasino kurzzeitig sogar schon ein bisschen Fasnachtsstimmung auf. Der dramaturgische Gesamtbau der Aufführung war sorgfältig und sinnvoll durchdacht – von Fanny bis Felix Mendelssohn, von Winter bis Frühling, von dunkel bis leuchtend; und im ersten Teil gab es mehrere Entdeckungen aus dem skandinavischen und baltischen Vokalrepertoire. Geradezu ansteckend wirkte der grosse Enthusiasmus der Beteiligten, allen voran jener des Chors. Fazit: Der Frühling kann kommen.

 

Transparenzhinweis:

Lukas Nussbaumer hat den Text im Auftrag von vokal:orgel verfasst und wurde dafür honoriert. Der Text ist zuerst auf der Website des Autors lukasnussbaumer.com erschienen.

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Nils Pfeffer und Anna Krimm unterrichten ab Herbst in Zürich

An der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) kann ab Herbstsemester 2025 bei Niels Pfeffer das Hauptfach Lauteninstrumente und bei Anna Krimm das Hauptfach Viola studiert werden.

Anna Krimm. Foto: Ivel Hippolite   –   Niels Pfeffer. Foto Marc Weber

Niels Pfeffer studierte Generalbass, Cembalo, Gitarre und Laute in Stuttgart, Freiburg, Den Haag und Basel. Dabei wurde er durch ein Deutschlandstipendium sowie eine Excellence Scholarship gefördert und seine Master-Diplomarbeiten wurden preisgekrönt. Er unterrichtet Theorbe, korrepetiert an Cembalo und Laute an verschiedenen Musikhochschulen und verfolgt am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Tübingen sein Dissertationsprojekt. Mit seinen Instrumenten ist er ein gefragter Kammermusikpartner. Zahlreiche Aufnahmen und Wettbewerbe dokumentieren sein Wirken als Continuospieler. Pfeffer machte Fernseh- und Rundfunkaufnahmen und gab Konzerte und Meisterkurse in Europa, im Libanon, in Armenien und Mexiko.

 

Anna Krimm studierte Viola an den Musikhochschulen von Karlsruhe und Berlin (UdK, HfM Hanns Eisler) und Barockviola in Weimar. Sie ist Dozentin für Viola an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main, Stellvertretende Solobratschistin im Beethoven Orchester Bonn und Mitglied bei der Formation Spira mirabilis. Als Gast arbeitet sie mit renommierten Ensembles zusammen, unter anderem mit dem Chamber Orchestra of Europe, dem Radio Sinfonie Orchester Stockholm, mit den Orchestern von RSB, WDR, SWR, dem Ensemble Resonanz und der Kammerakademie Potsdam.

 

Studieninteressierte können sich bis 1. März 2025 zur Aufnahmeprüfung an der ZHdK Musik anmelden: https://www.zhdk.ch/studium/musik/ap-musik

Nachmeldungen sind möglich bis am 10. März an: monika.baer@zhdk.ch

Mich reizte die tiefe Lage der Bratsche

In Dieter Ammanns Violakonzert «no templates» taucht das Soloinstrument manchmal völlig im Orchesterklang unter. Die Uraufführung vom 22. Januar mit Nils Mönkemeyer und dem Sinfonieorchester Basel begeisterte das Publikum.

Vorne, von links: Nils Mönkemeyer, Dieter Ammann, Fabien Gabel. Foto: Benno Hunziker

Vier Jahre lang hat Ammann mit Unterbrechungen an diesem Konzert gearbeitet, Damit beauftragt haben ihn gleich mehrere namhafte Orchester und Festivals: das Sinfonieorchester Basel, das Münchener Kammerorchester, das Lucerne Festival, das Tongyeong International Music Festival und das Esprit Orchestra in Toronto.

Der Orchestersatz ist für den international gefragten Dieter Ammann das liebste Tummelfeld. Er versteht es, die vielen Farben und strukturellen Beziehungen mit grosser Fantasie auszuloten. Die energiegeladene Dynamik und eine bis zur Mikrotonalität austarierte Harmonik weiss er mit überraschender Dramaturgie zu verbinden.

Nach mehreren erfolgreichen Orchesterwerken wie glut (2014–2016) und Turn (2010) wagte Ammann den Schritt zum Konzertanten. Die traditionsschwere Gattung des Solokonzerts kommt seiner Vorstellung von Virtuosität und dem subtilen Aushorchen des solistischen Instruments entgegen. Dabei geht es auch stets um den Kampf zwischen Soloinstrument und Orchester.

Dem Klavierkonzert Gran Toccata (2016–2019) und dem Konzertsatz für Violine und Kammerorchester unbalanced instability (2012–2013) folgt nun also das Violakonzert no templates (keine Schablonen). Für Ammann ist das Komponieren seit je «eine lange Reise ins Offene». Im Verlauf eines Stücks könne zu jedem Zeitpunkt alles passieren. Konstant sei nur der stete Wandel «vom fliessenden Übergang bis zur Ruptur».

Ringen um die solistische Position

Die Möglichkeiten der Bratsche werden in diesem Konzert radikalisiert. Der Solopart bewegt sich hauptsächlich in den tiefen Bereichen, neue Farben entstehen. «Die Tiefen haben etwas Archaisches, das mir gefällt», meint er dazu. Dass er sich darüber hinaus auf die tiefste Saite konzentriert, ist solistisch eine grosse Herausforderung. «Mich reizt die tiefe Lage der tiefsten Saite, weil dies das Spektrum ist, das ich in meinem Geigenkonzert nicht hatte und ich die Bratsche dort unten extrem gerne höre.»

Aber hat die Bratsche überhaupt eine Chance, im Orchesterklang herausgehört zu werden? Nur ab und zu. Nils Mönkemeyer kämpfte über weite Strecken mit rhythmischem Drive und virtuoser Kraft um seine solistische Position. Man sah es, hörte es aber kaum. Dann tauchte die Solostimme auf, um bald wieder abzutauchen. Das Soloinstrument führte einen vielschichtig variierten Dialog mit dem Orchester. Das ergab eine dramaturgische Innenspannung, doch das Ohr suchte den dunklen Bratschenklang oft vergebens.

Das Sinfonieorchester Basel trat dem Solisten mit grosser Besetzung und reichhaltigem Schlagwerk gegenüber. Ammanns fein vernetzte, harmonisch immer wieder «instabile» Musik forderte von den Ausführenden kammermusikalische Qualitäten. Unter der souveränen Leitung von Fabien Gabel, der viel Sinn für die klangliche Raffinessen zeigte, gelang den Baslern eine präzise und kraftvoll-dynamische Interpretation.

Spiel mit Quinten

Besonders originell ist der Anfang. Der Solist beginnt mit Pizzicati auf allen vier Saiten, als würde er sein Instrument einstimmen. Zuerst zupft er ein Cis auf der C-Saite, dann folgt die reine Quinte. So wirken die beiden untersten Saiten anfangs verstimmt. Auf eine weitere verminderte Quinte folgen zwei reine. So spielt Ammann mit Quinten. Er suggeriert damit auch eine «imaginäre» fünfte Saite. Aus der Quinte des Anfangs entwickelt der Komponist das weitere Geschehen und wagt damit eine unverstellte Tonalität. Das Intervall spielt strukturell eine wichtige Rolle und erscheint sowohl melodisch als auch harmonisch.

Die temperierte Stimmung reflektiert Ammann in bestimmten Akkorden. Diese «Zonen von Tonalität» werden verschiedenen Zuständen von (In)Stabilität ausgesetzt und mit klanglich ganz unterschiedlichen Atmosphären konfrontiert. Mikrotonalität, wie er sie etwa im Klavierkonzert mit Spektralharmonik verwendet hat, kommt aber noch immer vor. Das ist subtil gemacht und lässt aufhorchen.

Klage in hoher Lage

In die höheren Lagen durfte sich Nils Mönkemeyer nur in zwei Ausnahmefällen aufschwingen. Er machte wahrhaft magische Momente daraus, einmal aus dem Ende der Kadenz (Cadenza II, ins Offene). Es ist eine «zitathafte Klage», in der ein Schubert-Lied aufscheint. Mit dieser Klage gedenkt Ammann seines Komponistenfreundes Wolfgang Rihm, der kürzlich verstorben ist. Rihm und Ammanns Familie ist dieses Konzert gewidmet.

Mönkemeyer hebt diese Passage mit inniger Hingabe und subtiler Tongebung in eine andere Sphäre. Seine vergeistigte Musikalität offenbart sich auch im Schluss des Konzerts. Langsam steigt der Bratschenklang auf, ganz alleine, mit rein intonierten Flageoletts bis in die höchsten Höhen. Das ist betörend – wie schon der Anfang: ein grossartiger Einfall. Das Publikum war hingerissen und spendete allen Beteiligten begeisterten Applaus.

Das Sinfonieorchester Basel begleitete den Bratschisten Nils Mönkemeyer unter der Leitung von Fabien Gabel. Foto: Benno Hunziker

Exil als Biografie und Schaffensbedingung

Das 11. Mizmorim-Kammermusikfestival fand vom 29. Januar bis am 2. Februar in Basel und Baselland statt. Das Thema «Exil» liess es erneut zu einem Zyklus aktiven Erinnerns werden. Am 20. März ist auf SRF 2 ein Querschnitt zu hören.

 

Ilya Gringolts und Lawrence Power. Foto: Liron Erel & Co

Durch die aktuellen Entwicklungen gewann das Thema «Exil» weit über Basel hinaus an Relevanz – auch durch die Biografien vorgestellter Musikpersönlichkeiten, die vor dem Holocaust flohen oder in Konzentrationslagern Deutschlands den Tod fanden. «Exil» wurde als «Feier der vielfältigen Begegnungen von jüdischer Musik und westlicher Kunstmusik» erfahrbar, zwangsläufig auch die äusserst empfindliche Membran zwischen Kritikkompetenz und Antisemitismus.

Ein gutes Beispiel für angestossene Wissens- und Bewusstseinsprozesse war das Late Night Concert des Pianisten Denis Linnik, einem Empfänger der Mizmorim-Nachwuchsförderung. Dieser spielte im Teufelhof die Burlesken op. 31 des nach seinem amerikanischen Exil lange vergessenen Ernst Toch, ein Intermezzo des sich zwischen Skrjabin und Strawinsky positionierenden Arthur Lourié und die frühe Sonate des mit vermutlich 106 Jahren im Jahr 2002 verstorbenen Leo Ornstein. Solche Entdeckungen machen die Energie und den Anspruch des Mizmorim-Festivals aus. Die Kompositionen offenbarten unterschiedliche kreative Qualität.

Neben etablierten Konzertorten wie der Druckereihalle Ackermannshof fanden Konzerte in der 2024 eröffneten Kunsthalle Baselland statt. Das Start-Konzert in Zürich ausgenommen, gastierte das Mizmorim-Festival damit erstmals ausserhalb Basels.

Kurator Erik Petry vom Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel, zu dessen Studierenden Mizmorim-Leiterin Michal Lewkowicz gehörte, liegt die Verbindung von Programmgestaltung vor allem zur Geschichte des 20. Jahrhunderts am Herzen. Barbara Häne, auch sie eine Alumna von Petry, resümierte nach ihrer Führung über «Exil in der Schweiz» im Jüdischen Museum Basel: «Antisemitismus endet nicht an der Grenze.» Insofern ist eine Würdigung und Verortung des Mizmorim-Festivals nur nach Kriterien der Interpretation und der Qualität von Kompositionen definitiv nicht möglich, schliesst immer globale Migrationen von Juden und regionale Faktoren ein. Zumindest gilt das für die vor dem Millennium entstandenen Kompositionen. Der vom Geiger Ilya Gringolts betreute Kompositionswettbewerb für das Festival 2026 mit dem Motto «Jerusalem» blickt in die Zukunft, ebenso die Konzerte speziell für junges Publikum.

Verhallter Eröffnungsabend

Wenig erfolgreich war man mit dem Performance-Komponisten Janiv Oron. Sein Hauptbeitrag wurde zur Festivaleröffnung im Musiksaal des Stadtcasinos als Uraufführung angekündigt. Das rüde Stück Histoire du soldat des lange staatenlosen Exil-Russen Igor Strawinsky erwies sich als sinnfällige Schnittstelle zum Mizmorim-Motto. Orons Sounddesigns blähten die kleine Besetzung allerdings mit Halleffekten auf und überwölkten das Finale des in Hinblick auf Antisemitismus nicht ganz unbescholtenen Kosmopoliten Strawinsky.

Der Schweizer Charles-Ferdinand Ramuz hatte das Märchen 1917 aus der russischen Afanassjew-Sammlung in sein Heimatland versetzt sowie für drei Sprechrollen, eine Tänzerin und Kammerensemble mit exponierter Violine (idealer Part für Ilya Gringolts) eingerichtet. 1975 wurde der Neubau des Theaters Basel mit der auch bei der Mizmorim-Aufführung verwendeten deutschen Übersetzung von Mani Matter eröffnet. Eine Regie nannte man nicht für die halbszenische Aufführung, bei der das Parkett für einen langen Laufsteg leer blieb und das Publikum vom Rang auf die enervierende Inselsituation der Prinzessin und des ihr angetrauten Soldaten hinabblickte. Die profunde Einführung von Heidy Zimmermann in der Paul-Sacher-Stiftung, die Strawinskys Nachlass erschliesst, hatte die Aufmerksamkeit für die aussergewöhnliche Bedeutung des Werks geschärft. Das finalisierte Partitur-Autograf schenkte Strawinsky übrigens zum Dank für seine Hilfe dem Winterthurer Mäzen Werner Reinhart.

Weitgreifende Moderne

Die Mizmorim-Idee verwirklichte sich in den folgenden Tagen weitaus überzeugender. Das zweite Streichquartett des bei Krakau geborenen und an der Wiener Musikhochschule als Professor wirkenden Roman Haubenstock-Ramati erwies sich interpretiert vom Gringolts Quartet als brillantes Kompendium von Kompositionstechniken der Moderne. In der letzten Spielzeit wurde Haubenstock-Ramatis Kafka-Oper Amerika in Zürich mit sensationellem Erfolg aufgeführt. Die Materialien dazu gehen ebenfalls an die Sacher-Stiftung.

Affirmative Wildheit zeigte die bereits in Zürich erklungene Uraufführung des Duos sh’nayim levad (leàn?) zwei allein (wohin?) des Composers in Residence Hed Bahack (geb. 1994). Ilya Gringolts und der Viola-Virtuose Lawrence Power steigerten die Vitalitätsrendite des Werks, in dem Bahack die Extremwerte zwischenmenschlicher Kommunikation von Angst bis Krisenerfahrung suggestiv auffädelt. Bahacks Stück ist auch ein performatives Ereignis – wie Mark Kopytmans October Sun für Singstimme, Flöte, Violine, Violoncello, Klavier und Schlagzeug (1974). In dieser Schweizer Erstaufführung zeigte das Mizmorim-Festival-Ensemble auch das organisiert Ziellose der in allen Stimmen und vielen Stilen mit atonalem Fortissimo-Aufbäumen mäandernden Komposition.

Das Spannende am Mizmorim-Festival war nicht nur der Streifzug durch unbekannte Musikgefilde mit Beiträgen von Exiljuden, deren Spur sich in den Wanderbewegungen des 20. Jahrhunderts oftmals verlor. Hörende sahen sich vor der Herausforderung, die bewusste Wahrnehmung der historischen Bedingungen mit unbefangener Offenheit für das Musikerlebnis abzuwägen.

Am 20. März 2025 ist auf SRF 2 um 20 Uhr in der Sendung Im Konzertsaal ein Querschnitt zu hören sein:

https://www.srf.ch/audio/im-konzertsaal/mizmorim-festival-2025-ein-rueckblick?id=AUDI20250320_NR_0023

Strawinskys «Histoire du soldat» im Musiksaal des Stadtcasinos. Foto: Liron Erel & Co

 

Stefan Escher wird neuer Geschäftsführer bei der Stiftung SJMW

Der Stiftungsrat des Schweizerischen Jugendmusikwettbewerbs (SJMW) hat an seiner Sitzung vom 29. Januar 2025 Herrn Stefan Escher aus Zürich zum neuen Geschäftsführer gewählt. Er folgt auf Valérie Probst.

Stefan Escher. Foto: Raphael Zubler – Photo Motion

Stefan Escher kommt aus einer Musikerfamilie und ist seit 15 Jahren als Künstleragent und Konzertveranstalter mit der Musikszene bestens vertraut. Von 2015-2019 leitete er die Konzertreihe Meisterinterpreten in der Tonhalle Zürich und seit 2020 war er als Künstleragent bei IMG Artists für internationale Instrumentalisten und Dirigenten zuständig. Er bringt zudem Erfahrung im Bankwesen mit und besitzt einen Master in Arts Management. Der Stiftungsrat freut sich, die Geschäftsleitung der Stiftung Stefan Escher zu übertragen und wünscht ihm viel Erfolg und Freude bei seiner neuen Aufgabe.

Stefan Escher folgt auf Valerie Probst. Sie wird den SJMW per Ende Februar 2025 als Geschäftsführerin verlassen und sich neuen Herausforderungen zuwenden. In ihrer 18-jährigen Tätigkeit als Geschäftsführerin hat Valérie Probst die Entwicklung des SJMW mit grossem Engagement massgeblich geprägt. Unter ihrer Führung wurden Förderprojekte umgesetzt, die den Preisträgerinnen und Preisträgern wertvolle Chancen eröffnet und nachhaltige Erfahrungen ermöglicht haben. Valérie Probst war dabei stets eine verlässliche und inspirierende Begleiterin für den musikalischen Nachwuchs.

Der Stiftungsrat bedauert den Fortgang sehr und dankt Valérie Probst für ihren langjährigen, äusserst wertvollen Einsatz zugunsten des musikalischen Nachwuchses in der Schweiz sowie für die konstruktive und erfolgreiche Zusammenarbeit bestens und wünscht ihr für ihre Zukunft alles Gute und viel Erfolg bei ihren neuen Vorhaben.

Der Stiftungsrat wird neu präsidiert von Andreas Wegelin, CEO der SUISA Genossenschaft der Urheber und Verleger von Musik in Zürich.

Ein chinesischer Doppelsieg

Die 5. Ausgabe der Basel Composition Competition (BCC) vom 30. Januar bis 2. Februar 2025 war erneut eine spannende Begegnung mit neuen Orchesterkompositionen. 255 Werke von Autoren und – wenigen – Autorinnen zwischen 15 und 91 Jahren wurden eingereicht.

Die Bestplatzierten Qianchen Lu (1. Preis), Ersing Wang (2. Preis) und Ramón Humet (3. Preis). Foto: Benno Hunziker/Basel Composition Competition

Dass kein Schweizer oder keine Schweizerin den ersten Preis von 60 000 Franken in einem der höchstdotierten Kompositionswettbewerbe der Welt gewinnen würde, stand schon vor der eigentlichen Austragung fest. Die zwölf Komponistinnen und Komponisten, deren Werke ausgewählt und in drei Konzerten im Paul-Sacher-Saal des Don Bosco Basel dem Publikum präsentiert wurden, stammten nämlich aus Deutschland, Spanien, Italien, Mexiko, der Slowakei, Griechenland und der Volksrepublik China. Die Jury, der die Aufgabe zufiel, die zwölf ihrer Meinung nach besten Werke aus der Riesenmenge an Einsendungen zu bestimmen, bestand aus Michael Jarrell, Augusta Read Thomas, Liza Lim, Andrea Lorenzo Scartazzini und aus Florian Besthorn, dem Direktor der Paul-Sacher-Stiftung. Christoph Müllers Artistic Management GmbH und sein Team veranstalten die BCC.

 Nach den drei Wettbewerbskonzerten wählte die Jury fünf Werke für das Abschlusskonzert aus, die nochmals gespielt und aus denen die prämierten Arbeiten ermittelt wurden. Angesichts der Tatsache, dass es unter den zeitgenössischen Komponistinnen Stars wie Unsuk Chin, Olga Neuwirth, Kaija Saariaho oder Anna Thorvaldsdottir gibt, deren Werke häufig aufgeführt werden, konnte man erstaunt sein, dass nur gerade ein Werk von einer Frau ausgewählt und aufgeführt wurde. Man begründete den mickrigen Frauenanteil mit den insgesamt wenigen von Komponistinnen eingereichten Arbeiten.

Nacht, Farben, Vögel

Am Schluss war es aber so, dass die überaus schüchterne 25-jährige Chinesin Qianchen Lu, derzeit noch Studentin von Shen-Ying Qian in Shanghai, nicht nur den erstmals vergebenen Publikumspreis in der Höhe von 5000 Franken, sondern auch den 1. Preis der Basel Composition Competition gewann. Ihre Nine Odes to The Night nach Gedichten von T. S. Eliot sollen nach den Worten der Komponistin Vagheit und Fluidität nächtlicher Eindrücke schildern und die Unschärfe und Verwandlung der Nacht erfassen, um schliesslich in der Ungewissheit zu verschwinden. Das dicht gewobene Klangband, vielleicht etwas zu lang geraten, fasziniert durch aparte Klangfarben und poetische Stimmungen.

Noch fantasievoller instrumentiert war The Gaze of Mnemosyne. Four Afterimages for Orchestra ihres chinesischen Landsmanns Erqing Wang, der an der Kunstuniversität in Graz bei Annesley Black studiert. Jede Orchestergruppe trägt in diesem Werk, das den 2. Preis erhielt und dem man mit grossem Vergnügen zuhörte, zu einem ausserordentlich farbigen Ganzen bei. Das Stück ist eine eigentliche Hommage an die Musik von Debussy und Ravel, die auch durch Zitate präsent, vielleicht überpräsent, ist.

Weniger überzeugen konnte Bird in Space des Spaniers Ramón Humet (3. Preis). Wie Messiaen ist der Komponist von Vogelstimmen fasziniert, in diesem Stück vom südamerikanischen Turpial. Humet stellt sich vor, dass ein kleiner Vogel in einer riesigen Kathedrale zu singen beginnt. Ein interessanter Gedanke, der aber das Stück nicht trägt und es langfädig wirken lässt.

Unter den nicht preisgekrönten Werken gab es einige, die originell und ansprechend oder zumindest interessant waren, so etwa das pointillistische Musikbild punctum contra punctum von Jona Kümper, der effektvolle Macabre Carnival von Aurés Moussong oder die gewaltige Klangeruption Flowered Fluidity von Carlos Satué, die nach komplizierten mathematischen Prinzipien konstruiert ist.

Leistungs- und vermittlungsstarkes Basler Musikleben

Das Kammerorchester Basel unter der Leitung von Tito Ceccherini, die Basel Sinfonietta unter Pablo Rus Broseta und das Sinfonieorchester Basel unter Roland Kluttig interpretierten die durchwegs schweren Werke engagiert und auf hohem technischem Niveau. Dass es in einer Stadt von der Grösse Basels drei Orchester gibt, die anspruchsvollste zeitgenössische Kompositionen spielen können, ist nicht selbstverständlich. Alle nominierten Werke wurden auf Video aufgenommen und später auf dem Youtube-Kanal der BCC veröffentlicht.

Zum Konzept der BCC gehört auch die Zusammenarbeit mit der Musikhochschule und den Gymnasien der Region. Studenten und Studentinnen der Hochschule erarbeiten in Workshops Werke von Jurymitgliedern und präsentieren sie in Vorkonzerten. Dieses Jahr konnte man durchwegs sehr gut gespielte Stücke von Liza Lim und Augusta Read Thomas hören. Axis Mundi für Solofagott (2012/13) von Liza Lim mit zuvor kaum gehörten Klängen dieses Instruments erlebte etwa eine massstabsetzende Aufführung durch Timm Kornelius. Verschiedene Komponistinnen und Komponisten besuchen in der Woche des Wettbewerbs je eine Schulklasse, die sich bereits zuvor ganz gezielt mit ihrem Werk und mit Neuer Musik im Allgemeinen auseinandergesetzt hat.

Ragna Schirmer und Immanuel Richter ab Herbst an der ZHdK

Die Zürcher Hochschule der Künste gibt zwei neue Professuren ab dem Herbstsemester 2025 bekannt: Ragna Schirmer für das Hauptfach Klavier und Immanuel Richter für das Hauptfach Trompete.

Ragna Schirmer (Foto: Heike Helbig) und Immanuel Richter (Foto: Pia Clodi)

Laut einer Mitteilung der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) umfasst die Diskografie der preisgekrönten Pianistin Ragna Schirmer «derzeit 18 CDs, 2 DVDs sowie 2 Vinyl-Einspielungen mit umfangreichem Repertoire von der Musik des Barock bis zu zeitgenössischen Werken. Ragna Schirmer konzertiert weltweit mit ihren eigenen historischen Tasteninstrumenten oder auf modernen Konzertflügeln. In ungewöhnlichen Projekten und für sie inszenierten Theaterproduktionen lässt sich zudem das dramaturgische Geschick der Pianistin erkennen, mit dem sie ihre Programme in geschichtliche Zusammenhänge einbettet.» Als Pädagogin setze sie Schwerpunkte auf «Körper- und Selbstwahrnehmung, Auftrittstraining und Lampenfieberbewältigung sowie das Ausarbeiten von Interpretationen mit Liebe zum Detail. Die Förderung der Individualität der Studierenden ist ihr dabei ein besonderes Anliegen.»

«Ich freue mich sehr, an meine ‹alma mater› als Dozent zurückzukehren und meine Erfahrungen an die nächsten Generationen weiterzugeben», sagt Immanuel Richter zu seiner neuen Stelle an der ZHdK. Seine Studien (Lehr, Orchester- und Konzertdiplom) hat er am damaligen Konservatorium Zürich bei Claude Rippas abgeschlossen. Der ebenfalls preisgekrönte Musiker hat laut der ZHdK-Mitteilung als Solotrompeter in verschiedenen Schweizer Orchestern und im Orchester der Mailänder Scala mit namhaften Dirigierpersönlichkeiten gearbeitet. «Als gefragter Solist und Kammermusiker ist er regelmässig auf europäischen Bühnen zu erleben. Er ist langjähriger Dozent für Trompete an der Hochschule Luzern – Musik.»

Umfrage zu Arbeitsbedingungen in der Musikvermittlung

Die Online-Befragung des Netzwerks Junge Ohren läuft bis am 5. März. Sie soll Aufschluss geben über die Arbeitsrealität von Personen, die im deutschsprachigen Raum in der Musikvermittlung aktiv sind.

KI generiertes Symbolbild (depositphotos.com)

Das Netzwerk Junge Ohren schreibt, die «Befragung soll Aufschluss über berufliche Kontexte und Tätigkeitsfelder geben, sie untersucht Anforderungen und Rahmenbedingungen von Musikvermittlung und erforscht die Auswirkungen des Berufsfeldes auf persönliche Entscheidungen und gesellschaftliche Potenziale.»

Die Daten werden online anonym erhoben.

Weitere Informationen und Link zum Fragebogen

Andri Hardmeier und Francesca Verunelli neu in Luzern

Andri Hardmeier übernimmt die Leitung des Instituts für Klassik und Kirchenmusik. Francesca Verunelli wird Dozentin für Theorie, Instrumentation und Komposition.

Francesca Verunelli (Foto: Rui Camilo) und Andri Hardmeier (Foto: Caroline Minjolle)

Wie die Hochschule Luzern – Musik schreibt, wird Francesca Verunelli das Institut für Neue Musik, Komposition und Theorie ab dem Frühlingssemester 2025 verstärken. Mit ihren vielseitigen Erfahrungen werde die international renommierte Komponistin die Hochschule Luzern – Musik bereichern.

Andri Hardmeier übernimmt die Leitung des Instituts für Klassik und Kirchenmusik am 1. März 2025. Neben vielen anderen beruflichen Stationen war er langjähriger Leiter der Abteilung Musik bei Pro Helvetia und bringe damit «hervorragende Kenntnisse des musikalischen Berufsfelds sowie der Förderlandschaft mit».

Link zur HSLU-Meldung Andri Hardmeier

Link zur HSLU-Meldung Francesca Verunelli

Ausgabe 01_02/2025 – Focus «Über Musik reden»

Foto: Holger Jacob

Inhaltsverzeichnis

Focus

Ich lade den Hörer in meinen Kopf ein
Francesco Biamonte im Interview über Musik und Sprache

Auf der Suche nach Wörtern für das Gefühlte
«The Listeners» reden nach Konzerten über die Musik

Pop, schwarz auf weiss
Für Hanspeter Künzler sei es ein gewisses «Je ne sais quoi», das ihn zur Berichterstattung animiere

Die Diskothek (im Zwei) – ein privater Hörklub für alle
Carte blanche von Moritz Weber

Chatten über … Podcasts
Susanne Stähr und Ulrike Thiele tauschen sich aus

(kursiv = Zusammenfassung in Deutsch des französischen Originalartikels)

Critiques

Neuerscheinungen Tonträger, Webseiten, Noten

Echo

Mit Bruckners Dritter nach Rom
Das neu gegründete Swiss National Orchestra gastierte auf seiner ersten Auslandsreise im Vatikan

Das Zukunftsorchester mit Vergangenheit
Die Junge Deutsche Philharmonie gilt als Vorreiterin der selbstverwalteten Orchester. In Basel brachte sie ein Werk von Daniel Schnyder erstmals zu Gehör.

Gespeicherte und entfesselte Zeit in der Dampfzentrale Bern
Das Ensemble Proton und das Nouvel Ensemble Contemporain wagen mit Enno Poppes Zyklus «Speicher 1 – 6» eine klangliche Gratwanderung

Penser d’abord à ce qui nous fait vibrer
La HEM de Genève et Neuchâtel fête ses quinze ans. Béatrice Zawodnik  fait le point avec nous et imagine l’avenir.

Ein Walliser in Amerika
Ludwig Bonvin, ein fast vergessener Schweizer Komponist und Musikforscher

Basis

Artikel und Nachrichten aus den Musikverbänden

Eidgenössischer Orchesterverband (EOV) / Société Fédérale des Orchestres (SFO)

Konferenz Musikhochschulen Schweiz (KMHS) / Conférence des Hautes Ecoles de Musique Suisse (CHEMS)

Kalaidos Musikhochschule / Kalaidos Haute École de Musique

Schweizer Musikrat (SMR) / Conseil Suisse de la Musique (CSM)

CHorama

Schweizerische Gesellschaft für Musik-Medizin (SMM) / Association suisse de Médecine de la Musique (SMM)

Schweizerische Musikforschende Gesellschaft (SMG) / Société Suisse de Musicologie (SSM)

Schweizerischer Musikerverband (SMV) / Union Suisse des Artistes Musiciens (USDAM)

Schweizerischer Musikpädagogischer Verband (SMPV) / Société Suisse de Pédagogie Musicale (SSPM)

SONART – Musikschaffende Schweiz

Stiftung Schweizerischer Jugendmusikwettbewerb (SJMW)

Arosa Kultur

SUISA – Genossenschaft der Urheber und Verleger von Musik

Verband Musikschulen Schweiz (VMS) / Association Suisse des Écoles de Musique (ASEM)

 

Dixit Sixtus
Rätsel von Chris Walton

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Ausgabe für CHF 10.- (+ CHF 2.- Versandkosten) bestellen

Das Zukunftsorchester mit Vergangenheit

Die Junge Deutsche Philharmonie gilt als Vorreiterin der selbstverwalteten Orchester. Als Gegenmodell gegründet, ist sie heute eher ein Sprungbrett in den etablierten Klassikbetrieb. Ihre Neujahrstournee begann sie im Basler Stadt-Casino.

 

Delyana Lazarova dirigierte mit Witz, Swing und Präzision. Bild: Fotoman

 

Die Junge Deutsche Philharmonie (JDPh), Beiname «das Zukunftsorchester», feierte im vergangenen Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Eine kleine Gruppe aus dem Bundesjugendorchester gründete 1974 eine eigene Formation, da die jungen Leute keine Lust hatten, einem Berufsorchester beizutreten. Damals hatte der etablierte Klassikbetrieb bei vielen Studierenden einen schlechten Ruf. Basisdemokratisch und selbstverwaltet sollte das neue Orchester sein und sich klar vom verkrusteten Konzertleben absetzen. Ein «spätes Wetterleuchten der 68er-Bewegung» nannte dies Lothar Zagrosek, von 1995 bis 2014 Erster Dirigent und Berater der JDPh. Heute sei es «für Orchestermusiker ebenso wie für Dirigenten ein Sehnsuchtsziel, dort eingeladen zu sein». (JDPh-Magazin Taktgeber 55, S. 8)

Allen Unkenrufen zum Trotz hat sich das Mitbestimmungsmodell im klassischen Konzertbetrieb als alternative Organisationsform durchgesetzt. Ähnlich funktionierende Formationen wie das Ensemble Modern, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, das Ensemble Resonanz, das Freiburger Barockorchester oder auch die Basel Sinfonietta sind seit Jahren höchst erfolgreich. Die Mitglieder der JDPh arbeiten in verschiedenen Ausschüssen an der Zukunft des Orchesters, den Programmen sowie an der Auswahl von Dirigentinnen und Solisten. In der Mitgliederversammlung werden die Vorschläge diskutiert und zur Abstimmung gebracht.

 

Angesiedelt zwischen Studium und Beruf

Die JDPh ist bei Studierenden deutschsprachiger Musikhochschulen als Ausbildungsorchester heute sehr begehrt, denn es wird auf höchstem künstlerischem Niveau und mit hochkarätigen Dirigenten und Solistinnen musiziert. Viele Profi-Orchester schätzen die Schulung an der JDPh und greifen gerne auf deren Absolventinnen und Absolventen zurück. Unter den vielen erfolgreichen ehemaligen Mitgliedern findet man Namen wie Thomas Hengelbrock, Jun Märkl, Stefan Dohr und Sabine Meyer. Die momentan 280 Mitglieder zwischen 18 und 28 Jahren aus 35 verschiedenen Hochschulen wurden einem strengen Auswahlverfahren unterworfen: 10 bis 15 Prozent der 500 Bewerberinnen und Bewerber, die jedes Jahr zum Probespiel kommen, werden, zunächst provisorisch, aufgenommen. Im Schnitt bleiben sie 4 Jahre.

Gegenwärtig sind 5 Mitglieder aus Schweizer Hochschulen dabei. Schwerpunkte in der Programmgestaltung bilden zum einen die sinfonische Literatur des 19., 20. und 21. Jahrhunderts. Diese gelangt in den Frühjahrs- und Herbsttourneen zur Aufführung. Zu Neujahr wird meist auf ein spritziges Programm mit mehreren kürzeren Werken gesetzt. Ein anderer Schwerpunkt ist die zeitgenössische Musik. Das «Freispiel», ein biennal durchgeführtes, experimentelles Festival, fand im vergangenen Sommer unter dem Titel «Shifting Futures» mit 13 Konzerten in Frankfurt letztmals statt.

 

Heute geht es um Jobs

Was ist geblieben von den damaligen idealistischen Zielen? Jürgen Normann, eines der Gründungsmitglieder, war mehr als vier Jahrzehnte Solo-Kontrabassist der NDR-Radiophilharmonie in Hannover. «Haben wir wirklich etwas bewirkt?», fragt er sich rückblickend. Da könne man geteilter Meinung sein, denn «die schlechten Traditionen von damals bestehen zum Teil noch immer». (ebd. S. 9) Doch die Welt dreht sich weiter und die beruflichen Realitäten verändern sich. Jonathan Nott, Erster Dirigent seit 2014, ordnet das Bestreben der Mitglieder ein: «Zwar schätzen sie nach wie vor die Selbstverwaltung und basisdemokratische Organisation, aber sie wollen auch Jobs, sie wollen in den Betrieb hinein, vielleicht gegenläufig zu dem, wofür ein Teil der Gründer gekämpft hatte.» (ebd. S. 22)

Die hohe Fluktuation und das Einbinden aller in die Verantwortung bleibt eine der grossen Stärken der JDPh. Die Medienverantwortliche Johanna Kehl sagt: «Die JDPh erfindet sich jedes Mal neu. Durch die Selbstbestimmtheit unserer Mitglieder, die aktiv die Gestaltung der Programme und der Konzertformate übernehmen und verantworten, entsteht eine besondere Energie und die Freiheit, innovative Ideen zu entwickeln und auszuprobieren.»

Das Saxofonquartett Kebyart in William Bolcoms Concerto Grosso. Bild: Fotoman

Diese besondere Energie war im Konzert «Celebrations» vom 9. Januar unmittelbar zu spüren. «Die Vorreiterin der selbstverwalteten Orchester» sorgte beim Publikum für Begeisterung und gute Stimmung. Delyana Lazarova dirigierte mit Witz, Swing und Präzision. Das Programm mit Copland, Gershwin, Bolcom, Bernstein und Daniel Schnyder zeichnete sich aus durch einen Stilpluralismus zwischen Klassik, Neuer Musik und Jazz. Trotz grosser Besetzung blieb der Streicherklang immer schlank und plastisch. Blech, Holz und Perkussion waren durchwegs prominent im Einsatz, etwa in William Bolcoms Concerto Grosso mit dem umwerfenden Saxofonquartett Kebyart. In Daniel Schnyders komplexem Konzert für Orchester (UA, Auftragswerk JDPh) erhalten normalerweise eher stiefmütterlich behandelte Instrumente wie Tuba, Bassposaune und Kontrafagott motivisch wichtige Soli zugeteilt.

Die Junge Deutsche Philharmonie hatte bei Daniel Schnyder ein Werk bestellt. Der Komponist bei der Uraufführung seines Konzerts für Orchester in Basel. Bild: Fotoman

Neue Streichquartettreihe in Bern

Das Berner Yehudi-Menuhin-Forum hat einen Musikzyklus unter dem Namen «Streichquartett Bern» lanciert. Erste Konzerte finden am 17. und 18. Januar mit dem Vogler-Quartett statt.

Vogler-Quartett Leipzig. Foto: Marco Borggreve

Das Streichquartett habe sich in den letzten 300 Jahren zur «Königsklasse» der Streichinstrumente etabliert, schreibt das Yehudi-Menuhin-Forum in seiner Mitteilung vom 12. Januar. Es sei heute eine in verschiedenen Musikstilen eine vielseitige Musikgattung für professionelle Musikerinnen und Musiker wie auch Amateure. Deshalb will das Forum einen Akzent in diesem Bereich setzen.

Den Anfang von «Streichquartett Bern» macht das Vogler-Quartett Leipzig am 17. und 18. Januar im Berner Yehudi-Menuhin-Forum. Es soll auch weitere Angebote für Mitwirkende und Zuhörende geben.

Weitere Informationen: menuhinforum.ch

Weniger Musikunterricht in St. Gallen

Das St. Galler Bildungsdepartement will ab dem nächsten Schuljahr die Lektionenzahl ab der 3. Primarklasse kürzen. Betroffen ist auch der Musikunterricht.

Bald leere Unterrichtsräume? Symbolbild: Paylessimages/depositphotos.com

Je nach Klasse sind unterschiedliche Fächer von den Kürzungen betroffen. Gemäss einer Nachricht des Online-Portals Sardona24.ch soll ab nächstem Schuljahr in der sechsten Primarschulklasse nur noch eine Musiklektion stattfinden. Bisher waren es zwei.

In anderen Klassen gibt es weniger Lektionen in Französisch, Englisch oder im Fach Natur, Mensch, Gesellschaft. Auf der Oberstufe fallen Lektionen in den Schwerpunkt- und Wahlfächern weg.

Mit diesen Kürzungen könne die grosse Beanspruchung der Klassenlehrkräfte vermindert werden. Deren Entlastung um eine Unterrichtslektion war im Sommer 2024 beschlossen worden.

Der Kantonale Lehrerinnen- und Lehrerverein St. Gallen kritisiert diesen Entscheid in seiner Mitteilung vom 8. Januar. Der Entscheid sei aus rein finanzpolitischen Überlegungen ohne vorgängige Vernehmlassung bei den Akteurinnen und Akteuren der Schule gefallen. Es sei ein heikler Sparentscheid, mit dem die St. Galler Regierung die Bildungsqualität im Kanton gefährde.

Der Schweizer Musikrat erarbeitet mit den involvierten Mitgliedsverbänden eine Strategie, wie sichergestellt werden kann, dass der gemäss Schweizer Verfassung (BV67a, Abs. 2) verlangte und im Lehrplan verankerte «hochwertige Musikunterricht» an den Schulen tatsächlich stattfindet und nicht aus Spar- oder anderen Gründen abgebaut wird. Dazu wird sich eine Steuerungsgruppe am 22. Januar konstituieren.

Gespeicherte und entfesselte Zeit in der Dampfzentrale Bern

Erwartungshaltungen fehl am Platz! Das Ensemble Proton und das Nouvel Ensemble Contemporain wagen mit Enno Poppes Zyklus «Speicher 1–6» eine klangliche Gratwanderung. Und reüssieren.

Das Ensemble Proton und das Nouvel Ensemble Contemporain proben am 11. Dezember in Bern unter der Leitung von Gregor A. Mayrhofer. Foto: Pablo Fernandez

 

Was wohl mit Speicher genau gemeint ist? Eine Festplatte? Ein altes bäuerliches Gebäude? Oder vielleicht das menschliche Gehirn? Fragen dieser Art begleiteten einen an diesem Winterabend in das Kesselhaus der Dampfzentrale, wo sogleich die nächste Besonderheit wartete – 22 Instrumente standen auf der Bühne bereit, Harfe und zwei grosse Schlagwerke inklusive. Noch gespannter wartete man also auf die ersten Klänge und wurde erneut überrascht von einer Solo-Bratsche, die mit endlosen Glissandi schier minutenlang nach festen Tonhöhen suchte.

In diesem Werk für grosses Kammerorchester, zwischen 2008 und 2013 komponiert, bildet jeder der sechs Speicher eine eigenständige Klanglandschaft, die sich durch ihre spezifische Atmosphäre und musikalische Sprache auszeichnet. Poppe entwickelt darin eine Welt der Kontraste: von sanften, lyrischen Passagen, die an eine stille Meditation erinnern, bis hin zu kraftvollen und rhythmischen Ausbrüchen, die das Publikum aufrütteln. Die Musik ist dabei nicht immer leicht verständlich, und auch in emotionaler Hinsicht führt sie oft auf neue Pfade. Im Konzert spürte man unvermittelt, wie die Klänge die Stimmung im Saal veränderten; mal hin zu konzentrierter Aufmerksamkeit, oftmals auch zu ausgelassener Heiterkeit.

Wie die Zeit vergeht

Ein zentraler Aspekt in Speicher 1–6 ist das Spiel mit Raum und Zeit. Poppe dehnt und staucht den musikalischen Zeitfluss. Dadurch entsteht ein Gefühl von ständiger Bewegung und Veränderung, das den Hörer unweigerlich in seinen Bann zieht. Die einzelnen Speicher können als unterschiedliche Räume aufgefasst werden, die jeweils eine eigene Perspektive auf das Vergehen der Zeit haben. Manchmal scheint diese stillzustehen, während die Klänge sich endlos ausdehnen, dann wiederum beschleunigt sich das Geschehen zu einem fulminanten Ritt ins Ungewisse. Die Kombination traditioneller Orchesterinstrumente mit vereinzelten elektronischen Elementen erzeugt dabei eine einzigartige Klangkulisse, die gleichzeitig vertraut und fremdartig wirkt. Poppe schafft es, eine Brücke zu verschiedenen musikalischen Epochen zu schlagen und zugleich eine völlig neue musikalische Sprache zu entwickeln.

Sein Zyklus ist ein herausforderndes Stück, das ein hohes Mass an technischem Können und interpretatorischer Präzision erfordert. Und es verlangt von den Musikerinnen und Musikern neben Virtuosität auch ein ausgeprägtes Verständnis für die komplexen Strukturen und Feinheiten der Komposition. Die beiden Ensembles erfüllten diese Anforderungen an diesem Abend vollauf. Unter der Leitung des deutschen Dirigenten Gregor A. Mayrhofer, der mit beeindruckender Autorität und Übersicht agierte, gelang den Aufführenden eine Darbietung, die sowohl die strukturelle Raffinesse als auch die klangliche Vielfalt des Werks hervorhob. Gemeinsam sorgten sie dafür, dass die dichten, bisweilen spröden Texturen nie überforderten, sondern stets präzise und transparent blieben.

Wie Ordnung und Chaos zusammenhängen

Speicher 1–6 entwickelte sich so während rund 70 Minuten zu einem Dialog zwischen den Musikern, dem Publikum und in gewisser Weise auch dem Komponisten. Poppe fordert mit diesem Zyklus dazu auf, aktiv mitzuhören und sich ganz auf die Musik einzulassen. Dabei ist es ihm ein Anliegen, keine interpretatorischen Hinweise vorauszuschicken, keine begrifflichen Hinweise sollen das Erlebnis vorprägen. Was sich dabei ergeben kann, ist ebenso überraschend wie individuell. Oftmals scheinen diverse Synthesizer gleichzeitig aufzuheulen oder klagend zugrunde zu gehen, manchmal klingen die Streicher wie verstreute Datenträger in den letzten Momenten vor ihrer Desintegration; und immer wieder wirken die Klänge wie eine subtile Darstellung der Wechselwirkung von Ordnung und Chaos.

Das Kesselhaus der Dampfzentrale, ganz in schwarz gehüllt, erwies sich einmal mehr als passender Austragungsort. Die Akustik war angemessen trocken, die Beleuchtung manchmal vielleicht ein bisschen zu kontrastreich. Nichtsdestotrotz schien auch die Örtlichkeit diese Aufführung umstandslos in ihren mittlerweile reichen Speicher für zeitgenössisches Kunstschaffen aufzunehmen.

 

Die Aufführungen fanden am 17. und am 20. Dezember 2024 in Bern respektive in La Chaux-de-Fonds statt. Konzertausschnitte werden zu einem späteren Zeitpunkt auf Youtube veröffentlicht.

Meinrad Schütter: Zu Unrecht vernachlässigt

Ute Stoecklins Schütter-Biografie ist 2010 erschienen. In England ist jetzt eine überarbeitete Version auf Englisch herausgekommen. Dies nehmen wir zum Anlass, Torsten Möllers Rezension vom März 2011 hier öffentlich zugänglich zu machen.

Foto: Meinrad-Schütter-Gesellschaft

«Was für ein Werk!! Und wer weiss etwas davon? Ich denke, das ist schon etwas ganz Besonderes. Und wie unterscheidet sich das gegenüber der Geschäftigkeit, die heute herrscht.» Robert Suter hat im Brief an seinen Kollegen und Zeitgenossen Meinrad Schütter (1910–2006) in wenigen Worten Wesentliches erfasst: Zum einen die Begeisterung über das ebenso reichhaltige wie absonderliche Schaffen eines Komponisten, der viele Klavierlieder schuf, zahlreiche opulente Orchesterwerke, eine grosse Oper namens Medea und sich in Form einer Grossen Messe sogar der im 20. Jahrhundert prekär gewordenen Kirchenmusik zuwandte. Zum anderen kommt in Suters Worten der Aussenseiter Schütter zur Sprache. Seitdem Carl Vogler in kaum erträglicher Arroganz dem jungen Komponisten die Aufnahme in den Tonkünstlerverein verweigerte, hat Schütter im Schweizer Musikleben nie richtig Fuss fassen können. Lag es an seinem eigenartigen Temperament, an der latenten Sperrigkeit seiner Werke oder an konservativen Gralshütern wie dem Herrn Präsidenten Vogler?

Das von Ute Stoecklin, der langjährigen Wegbegleiterin Meinrad Schütters, verfasste Buch gibt Antworten. Reich an biografischen Fakten, ausgestattet mit zahlreichen Originaldokumenten und Fotografien, nicht zuletzt mit vielen Werkbetrachtungen und einem beeindruckenden Werkverzeichnis gelingt es, Schütter von verschiedenen Seiten zu porträtieren. Vielleicht hatte der Platz, den Stoecklin vielen Zeitzeugen inklusive auf Dauer redundanter Lobeshymnen einräumte, besser genutzt werden können für differenzierte Werkanalysen, vielleicht hätte ein Autor mit nüchterner und distanzierter Aussenperspektive dem Buch gut getan – Stoecklins Verdienst bleibt von solcherlei Kritik unangetastet: Mit ihrer 230-seitigen, gründlich lektorierten Biografie ist die Basis geschaffen für eine tiefer gehende Beschäftigung mit einem Komponisten, der – eine beigefügte CD vorwiegend mit Kammermusik stellt es musikimmanent unter Beweis – zu Unrecht zu einem Vernachlässigten wurde.

Ute Stoecklin: Meinrad Schütter 1910–2006, Lebenswerk Musik oder «Die Kunst, sich nicht stören zu lassen», 230 S., mit CD, Fr. 44.50, Müller & Schade, Bern 2010, ISBN 3-905760-06-4

Englische Neuausgabe

Meinrad Schütter – Maverick Swiss Composer, by Ute Stoecklin, translation by Chris Walton. 188 pages, 23.3 x 15.5 cm, 16 colour and 33 b/w illustrations, hardcover, ISBN: 978-0-907689-70-6

Das neue Werkverzeichnis in der überarbeiteten Ausgabe stammt von Chris Walton.

 

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