Die Opera Engiadina hat die gleichnamige Familienoper von Marius Felix Lange in rätoromanischer Sprache ins Bündner Hochtal gebracht.
PM/SMZ/ks
- 27. Juni 2025
Chalandamarz-Umzug (Detail) mit der Oberengadiner Besetzung Jöri Würms vorne rechts (Uorsin) und Luisa Würms (Flurina) vorne links. Das Chalandamarz-Lied erklingt am Schluss der Oper aus vollen Kehlen. Alle Fotos: Mayk Wendt
Die Familienoper Schellen-Ursli von Marius Felix Lange erlebte 2019 am Theater Basel ihre erfolgreiche Uraufführung. Jetzt ist das Werk im Engadin präsent. Und zwar in der Originalsprache der Kinderbuch-Trilogie von Selina Chönz und Alois Carigiet (Uorsin/Schellenursli, 1945, Flurina/Flurina und das Wildvöglein, 1952, La naivera/Der grosse Schnee, 1957). Unter dem Titel Schellen-Ursli/Uorsin wird die Oper von 18 singenden Mitwirkenden aufgeführt. Darunter sind 15 Kinder im Alter von 9 bis 14 Jahren. Die Gesangspartien der gemässigt modernen Tonsprache, die auf Elektronik verzichtet, sind anspruchsvoll. Hoch sind auch die Anforderungen an die Camerata Pontresina, das kleine solistisch besetzte Instrumentalensemble. Die Gesamtleitung liegt bei Claudio Danuser. Der Sänger, Dirigent und Musikwissenschaftler mit familiären Wurzeln in Pontresina hat 2020 die Leitung der Opera St. Moritz übernommen. Seither führt er sie unter dem Namen Opera Engiadina weiter.
1. Szene mit v.l.n.r. Chiara Staub (Flurina mit dem Wildvöglein), Gianna Lunardi (Mutter), Chasper-Curò Mani (Vater), Ambra Fanchi (Uorsin)
Doppelbesetzung für beide Engadiner Idiome
Die Hauptrollen sind doppelt besetzt, was den beiden romanischen Idiomen des Engadins Rechnung trägt. Luisa (14) und Jöri Würms (11) aus Pontresina verkörpern Flurina und Uorsin auf Puter, Chiara Staub (12) und Ambra Fanchi (12) aus Sent dieselben Rollen auf Vallader. Es sei nicht einfach gewesen, die Hauptrollen mit Kindern aus dem Engadin zu besetzen, schreibt Claudio Danuser im Programmheft. Die Zusammenarbeit mit der Primarschule Zuoz sei sehr hilfreich gewesen. Der Kern des Kinderensembles stammt von dort. Und dort wurde auch geprobt.
Wetterbaum mit Tieren (Kinderensemble)
Drei Erwachsene komplettieren das Gesangsensemble: Gianna Lunardi (Mezzosopran) als Mutter Madlaina, Chasper-Curó Mani (Bariton) als Vater Andri und Flurin Caduff (Bassbariton) in der Doppelrolle als Onkel Gian und Winter.
Rückkehr des Werks an Originalschauplätze
Marius Felix Lange gilt als Spezialist für grosse Familienopern, der sich auch in anderen Werkgattungen international etabliert hat. Er freut sich über diese zweite Inszenierung. Ganz speziell sei für ihn, dass das Stück mit der Opera Engiadina realisiert werde, und zwar sozusagen an Originalschauplätzen und auf Romanisch. Bevor er nach Fertigstellung des Librettos die Komposition in Angriff nahm, hatte Lange mit dem damaligen Basler Produktionsteam die Vertreibung des Winters im Chalandamarz-Brauch in Ardez und Guarda miterlebt. Das bekannte Chalandamarz-Lied bildet denn auch den musikalischen Schlusspunkt der Oper.
In das ursprüngliche deutsche Libretto hat der Komponist alle bühnenwirksamen Elemente aus der Kinderbuch-Trilogie einfliessen lassen. Episoden um Flurina (eine Identifikationsfigur für kleine Zuschauerinnen), das Wildvöglein und den Lawinenabgang ergänzen die Hauptgeschichte rund um Uorsin und wie er zur grössten Glocke für Chalandamarz kam.
Die Lawine hat den Wetterbaum samt Flurina und die Tiere verschüttet.
Alpenländische Instrumentierung und charakteristische Motive
Die Instrumentation für kleines Ensemble nutzt bewusst Instrumente, die in der alpenländischen Volksmusik verbreitet sind: Geige, Klarinette (mit Alphorn-Fa), Akkordeon, Kontrabass. Dazu kommen Flöten, Viola, Bassklarinette, Vibrafon und Glockenspiel.
«Die Mitwirkenden sind durch kleine musikalische Motive charakterisiert, selbst Flurinas Vogel hat einen (recht eintönigen) Ruf, der nur ihm gehört», erläutert Lange seine Musik. Als einen Höhepunkt der Engadiner Fassung sieht er die Begegnung zwischen Uorsin und dem Winter. Lange hat diese Figur für seine Opernhandlung erfunden. In der Engadiner Fassung singt der Winter als einzige Figur ein unheimliches Lied auf Deutsch, was ihn umso fremdartiger erscheinen lässt.
Der Winter (Flurin Caduff) packt Uorsin (Ambra Fanchi)
Kreatives Team aus Tanz und Theater
Für Regie und Bühne zeichnet Riikka Läser verantwortlich. Die freischaffende Tänzerin und Choreografin führt seit 2022 zusammen mit Tänzer Ivo Bärtsch (Licht und Technik) die Compagnie «Läser @ Bärtsch Tanztheater». Die Kostüme stammen von Briony Langmead.
Weitere Aufführungen:
9. Juli Guarda
10. Juli Stampa
12. Juli Pontresina
13. Juli Sils i.E.
Die Fotos aus den Proben stammen von Mayk Wendt.
Gesamtensemble mit l.v.u.n.o. Briony Langmead, Riikka Läser, Claudio Danuser und r.v.u.n.o. Joni, Simo und Ivo Bärtsch
«Tabu Wagner? Jüdische Perspektiven»
Eine Sonderausstellung im «Richard Wagner Museum» im Landhaus Tribschen bei Luzern beschäftigt sich mit jüdischer Wagner-Rezeption.
PM/SMZ/ks
- 24. Juni 2025
Blick in die Ausstellung. Foto: Heinz Dahinden
Bereits seit April ist die Ausstellung in vier Räumen im Obergeschoss des Tribschener Landhauses zu sehen. Wagner hat dort in den Jahren 1866 bis 1872 gelebt und 1869 seinen 1850 in Zürich geschriebenen Aufsatz Das Judenthum in der Musik neu als Broschüre herausgegeben.
Die Ausstellung Tabu Wagner? Jüdische Perspektiven beleuchtet Wagners Antisemitismus aus einem anderen Blickwinkel. Sie stellt Fragen: Wie wirkte und wirkt Wagner auf Jüdinnen und Juden? Wie gingen und gehen diese mit seiner Judenfeindlichkeit um? Ist sein Werk deshalb ein Tabu? Mit der Ausstellung sollen, wie das Museum schreibt, jüdische Positionen aus fast 200 Jahren sichtbar gemacht und die Vielschichtigkeit des Themas aufgezeigt werden.
6. Juli, 15 Uhr: Themenführung mit Tom Adler
24. August, 16 Uhr: Gespräch «Jüdische Perspektive heute»
19. Oktober, 17 Uhr: Liedrezital Hermann Levi
Eine App zum Improvisieren
«Yes Don’t Panic» heisst die von Marc Jenny entwickelte Webapplikation. Über Tablets oder Smartphones vernetzt, ermöglicht sie Ausführenden und Publikum, das musikalische Geschehen aktiv zu beeinflussen.
PM/SMZ/ks
- 23. Juni 2025
Die Conducting Oberfläche von Yes Don’t Panic. Bild: Marc Jenny
Der Musiker und Komponist Marc Jenny tüftelte seit 2015 an der Web-App Yes Don’t Panic. «2022 wurde das Konzept im Rahmen eines Transformationsprojekts von JazzChur grundlegend überarbeitet und ist seit 2025 für alle zugänglich», heisst es in der Medienmitteilung. Mithilfe der App können Musikerinnen und Musiker gemeinsam in Echtzeit musikalische Verläufe gestalten, indem die musikalische Leitung dynamisch wechselt: unter den Beteiligten, aber auch hin zum Publikum. Jenny bezeichnet dieses hierarchielose demokratische Zusammenspiel als innovatives «Conducting Concept».
Via Tablet regulieren die Ausführenden ihre Aktivitäten. Foto: Urs Anderegg
Der Zugang ist einfach. Ohne etwas installieren zu müssen, können die Beteiligten ihr Improvisationsprojekt starten. Die App eignet sich für Konzerte, Proben, Jam Sessions, Performances oder ausserhalb des Musikalischen für Workshops. Der musikalische Background spiele keine Rolle, meint Jenny. Nützliche Voraussetzungen hingegen seien Mut, Experimentierfreude, Fehlertoleranz, gemeinsames Gestalten und aufmerksames Zuhören – «um keine Panik aufkommen zu lassen.»
Das Publikum schaltet sich via Smartphone zu. Foto: Urs Anderegg
Mit Höreinschränkung im Konzert
Für ein Erleben mit allen Sinnen lässt das Freiburger Barockorchester das Publikum ganz nah heran. Zusammen mit dem dortigen Institut für Musikermedizin will es zudem herausfinden, wie sich Musikhören auf das Wohlbefinden auswirkt.
Georg Rudiger
- 13. Juni 2025
Ulrike Berger berührt zwischen Cello und Laute sitzend das Cembalo, um die Tonschwingungen wahrzunehmen. Foto: Frank S. FischerDer erste Paukenschlag im Halbdunkel geht durch Mark und Bein. Die Dissonanzen von Streichern und Cembalo bedrängen, die Piccoloflöten erschrecken. Les Éléments von Jean-Féry Rebel beginnt mit «Le cahos». Musik als elementare Kraft – erlebbar mit dem ganzen Körper. Komponiertes Chaos, das aufwühlt. Das Freiburger Barockorchester ist bekannt für seine plastischen, klanglich geschärften Interpretationen. Aber an diesem Sonntagnachmittag im Freiburger Ensemblehaus ist die Wirkung dieser Musik noch viel stärker.
Das Publikum sitzt in der Mitte und ist umgeben vom Orchester. Jeder Besucher darf seinen Hocker dorthin stellen, wo er möchte (Ausstattung: Fenia Garbe), und während des Konzerts seinen Platz wechseln. Auch die Musikerinnen und Musiker ändern zwischen den Werken ihre Position. Die Trompeter spielen mal von hinten, mal von vorne. Die Violinen sind erst ganz nah, dann weit entfernt. Der sonst so leise, kaum wahrnehmbare Klang der Laute ist durch die geringe Hördistanz eine echte Offenbarung. Auch optisch wird das Konzert durch die Nähe zum besonderen Erlebnis. Man kann die Tonerzeugung sehen: die angespannten Gesichtsmuskeln der Bläser, die Bogenstriche und die Schlägel, die das Paukenfell in Schwingung versetzen.
«Miteinander Hören» heisst das gemeinsame Projekt des Freiburger Barockorchesters und des Freiburger Instituts für Musikermedizin (FIM), das von der Hochschule für Musik und dem Universitätsklinikum getragen wird. Das mit Bundesmitteln geförderte Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen mit Höreinschränkungen besser in das Konzertleben zu integrieren. «Es interessiert uns, welche Bedeutung eine Hörbeeinträchtigung hat für den Konzertbesuch, für die Wahrnehmung von Musik und den Hörgenuss», sagt Claudia Spahn, die gemeinsam mit dem HNO-Arzt Bernhard Richter das FIM leitet. Bei der detaillierten Publikumsbefragung im Herbst möchte man aber auch Antworten von Personen ohne Höreinschränkung bekommen, um zu erfahren, wie sich das Musikhören generell auf das Wohlbefinden auswirkt. Nach der genauen Datenanalyse steht in einem dritten Schritt ein Sonderkonzert am 23. März 2026 im Konzerthaus an, in dessen Gestaltung die gewonnenen Erkenntnisse fliessen sollen.
Auf dem Sitzkissen zwischen Laute und Cello
Dass beim besuchten dritten Konzert die Zielgruppe des Formats, also Menschen mit Höreinschränkung, weitgehend fehlt, kann Hans-Georg Kaiser, Intendant des Freiburger Barockorchesters, nicht erklären. «Vielleicht liegt das an der Tabuisierung des Themas in der Gesellschaft. Oder am für unser Abo-Publikum ungewohnten Ort.» Das Konzert bietet mit Livevisuals (Sebastian Rieker) und einer dezenten Choreografie (Friederike Rademann) zusätzliche Reize, die auch Menschen mit einem Hörgerät ein intensiveres Musikerlebnis schenken könnten. Das steht für Kaiser ausser Frage. Inklusiv ist es vor allem deshalb, weil es Personen, die sonst gar keine Musik hören können, ein sinnliches Erleben ermöglicht.
Eine davon ist Ulrike Berger, die eine Hörprothese für Gehörlose und Ertaubte, ein Cochlea-Implantat, trägt. Cochlea bedeutet in diesem Zusammenhang Gehörschnecke. Berger wurde von Projektleiter Andreas Heideker direkt angesprochen. Wie sechs weitere Personen mit Cochlea-Implantat hatte sie sich am Vortag auf den Weg ins Ensemblehaus gemacht. «Wir waren alle total berührt. Ich selbst hatte die Schuhe ausgezogen und spürte so die Vibrationen am Boden, aber auch das Sitzkissen leitete diese weiter.» Seit Jahren hat die Geschäftsführerin der Deutschen Cochlea-Implantat-Gesellschaft (DCIG) kein Konzert mehr gehört, weil Musik durch das elektrische Hören verzerrt klingt. 22 Kanäle können die fehlenden 10 000 Hörsinneszellen nicht ersetzen.
Während des Konzerts setzte sich Berger zwischen Laute und Cello. «Da ich mich auf diese beiden Instrumente konzentrieren konnte, hörte ich die Melodien sehr gut. Und durch meine Hand am Cembalo nahm ich die Tonschwingungen wahr. So kam auch die Harmonie und damit die Musik selbst bei mir wunderbar an.»
Auch Georg Philipp Telemanns Ouvertüre La Bourlesque, Jean Philippe Rameaus Suite aus Les Boréades und Jean-Michel Delalandes Trompetenkonzert (Solo: Jaroslav Rouček, Karel Mňuk) wird durch den Raumklang zu einem besonderen Hörerlebnis. Konzertmeister Gottfried von der Goltz bewegt sich noch ein wenig mehr als sonst, um auch die Musikerinnen und Musiker in seinem Rücken mitzunehmen. Die Motive wandern durch den Raum, das Zusammenspiel klappt trotz der ungewohnten Aufstellungen ausgezeichnet. «Anders ist immer gut», sagt von der Goltz im Gespräch nach dem Konzert. «Auch die Nähe des Publikums war für uns besonders. Mitten im Getümmel zu sein und nicht distanziert auf einer Bühne zu stehen – das belebt unser Spiel.»
Erfolg für das Schweizer Jugendakkordeonorchester
Am diesjährigen World Music Festival in Innsbruck erspielte sich das JAO unter der Leitung von Yvonne Glur in der Höchstklasse den 4. Platz.
PM/SMZ/ks
- 11. Juni 2025
Das Schweizer Jugendakkordeonorchester. Foto: zVg
Vom 29. Mai bis 1. Juni fand nach einer Mitteilung des Schweizer Jugendakkordeonorchesters (JAO) das «weltweit grösste» Akkordeon-Festival in Innsbruck statt. Das JAO erspielte sich dort in der Kategorie Akkordeonorchester Erwachsene in der Höchststufe den 4. Rang mit nur 0.8 Punkten Unterschied auf das drittplatzierte Ensemble. Damit habe es sich die beste Platzierung einer Schweizer Formation in der Geschichte des World Music Festivals erreicht, schreibt das JAO. Unter der Leitung von Yvonne Glur überzeugte es mit Cap Hoorn von Mario Bürki und Circus Maximus von Stephan Hodel.
Das nächste World Music Festival findet in drei Jahren vom 25. bis 28. Mai 2028 in Innsbruck statt.
Das JAO steht allen 18 bis 25 Jahre jungen Akkordeonistinnen und Akkordeonisten offen, die Lust haben, auf hohem Niveau Akkordeon zu spielen, sich fördern und fordern zu lassen. Künstlerische Leiterin ist Yvonne Glur.
Franziska Frey übernimmt künstlerische Geschäftsführung beim ZKO
Frey wird ab 1. Oktober die Nachfolge von Lena-Catharina Schneider antreten und das Zürcher Kammerorchester zusammen mit Angela Sgura weiterführen.
PM/SMZ/ks
- 11. Juni 2025
Franziska Frey. Foto (Ausschnitt): Thomas Entzeroth
Die Aargauerin hat Musikwissenschaft, Philosophie und Kulturmanagement studiert. Seit der Saison 2017/18 ist sie Konzertdramaturgin beim Sinfonieorchester St. Gallen. Davor war sie bei weiteren Institutionen als Dramaturgin und Kommunikatorin sowie bei der Aargauer Zeitung als Kulturjournalistin tätig.
Franzsika Frey tritt die Nachfolge von Lena-Catharina Schneider an, die, gemäss einer Mitteilung des Zürcher Kammerorchesters (ZKO), «nahezu sieben Jahre lang für die künstlerische Ausrichtung des ZKO verantwortlich war und in dieser Zeit zahlreiche erfolgreiche Projekte und Kooperationen auf den Weg brachte.» Frey wird das ZKO gemeinsam mit Angela Sgura führen. Letztere verantwortet die kaufmännischen Geschäfte.
Strategisches Marketing für Chöre
Viele Chöre kämpfen mit Nachwuchsmangel und sinkenden Einnahmen. Statt bei der Werbung zu sparen, sollten sie in professionelles Marketing investieren, denn jedes zusätzlich verkaufte Ticket hilft, die Kosten zu decken.
Ernst Wüthrich
- 11. Juni 2025
Viele Chöre kennen die Situation: Weniger junge Sängerinnen und Sänger bedeuten kleinere Ensembles mit vorwiegend älteren Mitgliedern, die für das junge Publikum an Attraktivität verlieren. Die Folge sind bescheidenere Konzerte mit sinkenden Ticketverkäufen, weniger Stammkunden und zurückgehender Sponsorenbereitschaft. Paradoxerweise wird dann oft ausgerechnet bei der Werbung gespart.
Bei schlechten Ergebnissen folgen weitere Sparmassnahmen: bei der Werkauswahl, beim Orchester und bei den Solisten. Diese Qualitätseinbussen fallen Publikum, Sponsoren und Medien auf, was zu noch tieferen Einnahmen und weniger kostenloser Medienberichterstattung führt. So entsteht eine Negativspirale, die Chöre in eine schwache Verhandlungsposition bringt und im schlimmsten Fall zur Auflösung führen kann.
Dabei zeigen Erfolgsbeispiele, dass es auch unter heutigen Bedingungen möglich ist, diese Entwicklung zu durchbrechen. Statt auf Sparen zu setzen, sollten Chöre für Überschüsse kämpfen und Reserven bilden – unterstützt durch begeisterte Gäste, Chormitglieder, Solisten, Orchester und Medien sowie tosenden Applaus. Diese gesellschaftlichen Qualitäten gilt es zu erhalten. Denn der Chorgesang und die jahrhundertelange Musiktradition in Klassik und Volksmusik bilden mit der unverfälschten menschlichen Stimme eine wichtige Alternative zur technisch bestimmten Musikwelt.
Aufmerksamkeit und Erleichterungen für die Neuen
Die Werbung um neue Chormitglieder und eine solide Stammkundschaft wird in vielen Chören zu wenig beachtet. Dabei muss gehandelt werden, bevor der Chor klein und überaltert ist und bevor Einsparungen bei Aufführungen notwendig und sichtbar werden.
Verschiedene Strategien können dabei helfen. Die Verpflichtung aller Chormitglieder, neue Sängerinnen und Sänger zu werben, kann zur moralischen Pflicht gemacht werden. Jüngeren Stimmen sollte eine Sonderstellung und besondere Wertschätzung geboten werden, um den Chor zu einem Ort der Begegnung von Jung und Alt zu machen – beispielsweise durch «Dialogsingen» am Konzert. Eine Zweiteilung des Chors mit einem Kernteil für anspruchsvolle Sequenzen ermöglicht es, starke Stimmen zu halten, während gleichzeitig Raum für Newcomer geschaffen wird.
Die Werbung für neue Singende wird besonders attraktiv durch beliebte und viel gesungene Werke wie das Mozart-Requiem oder auch mal eine Oper. Dabei sollte die Freude am Singen und die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung angesprochen werden. Ein konkretes Beispiel zeigt die Wirksamkeit dieser Strategie: Mit der Frage «Möchten Sie einmal in einer Oper singen?» konnte für das Projekt Tell 2018 ein achtstimmiger Chor von 152 Sängerinnen und Sängern zusammengestellt werden – mit entsprechender Wirkung in der Tell-Arena Interlaken.
Neue Singende können zunächst ad hoc dabei sein und sollten gleich beim ersten Auftritt besondere Aufmerksamkeit erhalten. Die wöchentlichen Proben können durch mehr Ganztagesproben an Samstagen oder verstärktes Üben zu Hause mit Hilfe moderner Technik reduziert werden, um die Teilnahme zu erleichtern.
Attraktiv für Sponsoren und selbst eine Marke werden
Ein Konzert verursacht viele Vorkosten für Werbung und Organisation, bevor die Einnahmen fliessen. Um dieses Risiko zu vermindern, ist ein starker Vorverkauf durch gute Werbung entscheidend. Hier fehlt es jedoch oft an Fantasie und systematischem Vorgehen.
Der Verkauf durch die Chormitglieder selbst kann vielfach noch gesteigert werden. Zusätzlich können Sponsoren dazu bewegt werden, statt Geld zu spenden, eine hohe Anzahl Tickets zu kaufen und diese gratis oder mit Rabatt an ihre Kunden, Mitarbeitenden und Aktionäre weiterzugeben. Dies verspricht eine bessere PR-Wirkung als ein auf den Werbemitteln platziertes Verlegenheits-Logo unter vielen anderen. Ein solcher Ticketverkauf im Paket bietet bereits eine gewisse finanzielle Sicherheit.
Grosses Sparpotenzial besteht in gemeinsamen Aufführungen zweier Chöre, die nicht in Konkurrenz zueinander stehen. Beide können sich die fixen Kosten bis zur Hauptprobe teilen. Denkbar ist auch, das gleiche Konzert an verschiedenen Orten zu veranstalten.
Chöre benötigen ein klar erkennbares Logo als Marke. So wird die Werbung schneller erkannt, richtig identifiziert und gewertet, weil ein solides Image entsteht. Dazu müssen die Zielgruppen bekannt sein und mit der richtigen Werkauswahl und gezielter Werbung angesprochen werden. Die Stammkundenpflege sollte das ganze Jahr über erfolgen.
Diese Marketinggrundsätze werden von vielen Chören unterschätzt. Manche haben noch nicht erkannt, dass sie ihr Konzert zu einer jährlich wiederkehrenden Marke entwickeln können – wie es viele erfolgreiche Musikveranstalter machen. Professionelles Marketing ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit für das Überleben der Chortradition.
Inhalt:
0. Situation und Risiken der heutigen klassischen Laien-Chöre im Allgemeinen
1. Nachwuchsförderung
2. Finanzen, Verkauf: Risiken und Chancen
3. Gesucht: Neue Lösungs-Ansätze – Wege, die zum Ziel führen sollen
4. Beispiel aus der Praxis: «Oltner Sommernachtskonzert»
5. Konzert-Management-Modell
6. Ziele
7. Strategie – (Weg zum Ziel)
ANHANG Schema für Budgetierung, Preisfindung und Nachkalkulation – ein Rechenbeispiel
Der Autor
Ernst Wüthrich ist Marketingexperte und singt in zahlreichen Chören mit. 2018 hat er als Initiator und Leiter das Projekt «Oper Tell Interlaken» mit über 300 Mitwirkenden realisiert.
Gesang, Gebärde, Tanz am EJCF: ein Fest der Freude
Zum 14. Mal fand das Europäische Jugendchor-Festival in Basel und der Region statt. Über 60 Kinder- und Jugendchöre aus 13 Ländern fanden bei geschätzten 40 000 Besucherinnen und Besuchern ein begeistertes Echo.
Jürg Erni
- 05. Juni 2025
Der Jugendchor Mboa aus Kamerun unter der Leitung von Jean-Alexis Bakond im Musiksaal des Stadtcasinos Basel. Foto: Jürg Erni
Nach dem Verebben der Megawatt-Lautstärken des Eurovision Song Contests verwandelte Europas aus rund 2750 Kehlen singende Jugend die Regio Basiliensis in ein wogendes Meer. Die gemeinsam intonierte Bitte Dona nobis pacem könnte die kriegstreibenden Potentaten zum Friedenstiften umstimmen.
Die menschliche Stimme ist das kostbarste Instrument. Wenn der Atem die Stimmbänder zum Schwingen bringt, wenn Mimik und Gestik die Botschaft von Musik und Text unterstützen, dann trifft sie das Gegenüber mitten ins Herz. Die Tage und Nächte des Europäischen Jugendchorfestivals (EJCF) waren am Auffahrtswochenende ein einziger Jubelgesang und ein Feiern der Solidarität unter Generationen und Nationen. Dank des immensen Einsatzes von Festivalleiterin Kathrin Renggli und ihren freiwilligen Helferinnen und Helfern ging diese Jugendchor-Biennale mit 19 Festival- und 45 Gastchören perfekt über die Bühnen drinnen und draussen bei schönstem Wetter.
Es begann mit einem fulminanten Chorspektakel in der prominent besetzten St. Jakobshalle. Der Basler Bundesrat Beat Jans begrüsste die Jugendlichen und Festivalgäste auf Englisch mit einem launigen Vergleich zwischen einer Bundesratssitzung und einer Chorprobe, die beide meist harmonisch enden. Spontan liess sich der Hobby-Schlagzeuger zu einer Kostprobe seines Könnens auffordern. Mit eilig herbeigeschafften Sticks schlug er virtuos die Trommelfelle und Hi-Hats. Darauf gings Schlag auf Schlag mit auswendig gesungenen und in Gruppen bewegt vorgetragenen Stücken, so die tausendstimmige, am Mischpult live gesteuerte Neukomposition Mono des Bassisten James Varghese. Den Abschluss machte der zum Hit gewordene Festivalsong Music is Everywhere. Es folgten Workshops, Länderfokus, Atelierkonzerte, Chorleitungstreffen, Gottesdienste, Chorschiff-Fahrten auf dem Rhein bis zum lauschigen Picknick auf der Schützenmatte.
Naturschwärmerei und Erbebenschrecken
Wo beginnen mit der Aufzählung der Höhepunkte, die an den fünf Tagen und Abenden nicht abreissen wollten? Einige Spezialitäten seien herausgegriffen, so die strengen A-Cappella-Sätze des Freiburger Chœur St-Michel gefolgt von lüpfigen Bovet-Tänzen und einem fetzigen Pink-Floyd-Arrangement; weiter die alten Cantigas des spanischen Nubah- und die sagenhaften Huldigungen an die schwärmerische Natur des Isländer Huldur-Chors. Schon zur Eröffnung befeuerte Masis Aram Gözbek auf dem Hochsitz die im Rund versammelten Chöre und danach seinen Boğaziçi Youth Choir aus Istanbul bei dessen kraftvollen Vokalisen und Rufen aus Anatolien und der Schwarzmeer-Region.
Der Boğaziçi Youth Choir aus Istanbul unter Masis Aram Gözbek. Foto: Jürg Erni
Starke Bilder aus Kamerun verkörperte der Mboa-Chor mit Tierrufen aus der Wildnis und mit urwüchsigen Gesängen zu Verlöbnis und Trauer bis zu martialischen Aufrufen, angespornt durch Trommel und Fussstampfen. Ein eindringliches Bild des Schreckens zum Basler Erdbeben von 1356 rief das Werk Erdbibdem, ein Kompositionsauftrag der Knabenkantorei Basel an den Letten Ēriks Ešenvalds, hervor.
Singendes Glas und fletschende Löwenzähne
Berührend der Auftritt in Trachten des Romanian Radio Children’s Choir aus Bukarest. Wie aus einer anderen Zeit klangen die Gesänge mit gedehnten Vokalen und gedrechselten Konsonanten im Regentanz und in einer Hochzeitsszene.
Der rumänische Radio-Kinderchor aus Bukarest in der Pauluskirche. Foto: Jürg Erni
Höfische Szenen sang und tanzte der New Amsterdam Youth Choir in prachtvollen Kostümen. Ein Wiegen und Wogen beim Schreiten und Hüpfen, Verneigen und Knien, zeitgemäss begleitet von Fidel und Laute. Lachsfarbig gewandet rieben die Mädchen des Tiara-Chors aus Riga zum lieblichen Gesang die Ränder unterschiedlich voller Gläser: Zauberklänge wie von einer Glasharmonika.
Schliesslich ein gross besetzter Auftritt der Jungen Sinfoniker der Musikschule Basel. Sie wagten sich an Wagners Lohengrin-Vorspiel und gewannen die Meisterprobe mit sattem Blech und fein zeichnenden Streichern. 300 Jugendliche brachten das populäre Werk Lionteeth des Schweden Anders Edenroth zur Schweizer Erstaufführung. Unter der inbrünstigen Leitung von Raphael Immoos bezwangen die vokalen und instrumentalen Stimmen mit Lippen und Zungen die fletschenden Löwenzähne.
Fazit des fünftägigen Jugendchor-Treffens: ein heiteres Fest der gesanglichen und menschlichen Begegnungen, auch ein exzellenter Leistungsausweis der Leiterinnen und Leiter, die ihre Chöre zu stimmlichen wie körperlichen Höchstleistungen herausforderten. Mit Standing Ovations quittierte das Publikum die Auftritte der internationalen Elitechöre wie der regionalen Schulchöre.
Eröffnungskonzert EJCF 2025 in der St. Jakobshalle, Basel. Foto: Christian Flierl
Die Schublade am Ende der Schubladen
Xavier Dayer versteht unter Postdisziplinarität die Begegnung der Künste – Interview
Das Abenteuer, die Genre-Grenzen hinter sich zu lassen Das Ensemble Vide mischt Musik, Bild und Performance
Postdisziplinäre Programmgestaltung und ihre Tücken
Der Berner Konzertanbieter bee-flat setzt auf pointierte Programme, bestimmt von Dringlichkeit statt von Kategorien
Chat: Lisa et Tom discutent d’interdisciplinarité et de postdisciplinarité
(kursiv = Zusammenfassung in Deutsch des französischen Originalartikels)
Mit geeinter Stimme schreien
Musikerinnen und Musiker aus der Romandie haben sich zu Wort gemeldet, um ihre Besorgnis und die zunehmenden Schwierigkeiten beim Ausüben ihres Berufs auszudrücken.
Neue Orchestermusik für das Land
Mit Kompositionsaufträgen fördert orchester.ch neue Werke. Das Publikum soll nicht nur Neuartiges zu hören bekommen,
sondern intensiver an der Musik teilhaben.
Eine Prise ESC-Verrücktheit für das Lied «Lied Basel» führte eine Art Song Challenge durch und weckte damit die internationale, diverse und poppige Seite der Gattung Lied
Verlosung: 300 Jahre Vier Jahreszeiten Zwei Pässe zu gewinnen für die Ringvorlesung «Vivaldis Vier Jahreszeiten»
Schicken Sie für die Verlosung eine E-Mail an contact@musikzeitung.ch mit Name, Adresse, E-Mail-Adresse
Einsendeschluss: 11. August 2025
Seit 1992 haben Arvo Ratavaara und seine Frau in Basel Jugendchöre von Estland bis Ukraine betreut und beherbergt. Er erinnert sich an eindrückliche Begegnungen und berührende Stimmen, an Polizeieskorten und improvisierten Fast-Food und ganz besonders an Jugendliche, die sich Mut zusingen.
Interview: Jürg Erni
- 22. Mai 2025
Schlusskonzert am EJCF 2023 mit dem Mädchenchor Shchedryk aus der Ukraine Foto (Ausschnitt): Knud Schulz
Der 1952 in der Nähe von Helsinki geborene Finne Arvo Ratavaara verlor als dreijähriges Kind seinen vom Krieg gezeichneten, invaliden Vater. Er wuchs in einfachen Verhältnissen bei seiner Mutter auf, die vor dem Krieg fliehen musste. Als Jugendlicher war er in Deutschland Sprachpraktikant. Nach Schulabschluss und Militärdienst absolvierte er in der Schweiz eine Berufsausbildung in psychiatrischer Krankenpflege und danach eine Ausbildung zum Lehrer für Krankenpflege. Nach der Pensionierung pflegte Ratavaara im Nachtdienst alte, zumeist an Demenz leidende Menschen. Er ist mit einer Schweizerin verheiratet. Ihr Sohn lebt mit Frau und Kindern im Baselbiet, die Tochter seit vielen Jahren in Finnland.
Er ist fasziniert von der russischen Sprache und hat ausgedehnte Reisen nach Russland wie auch in die Ukraine unternommen. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine löste bei ihm einen Schock aus. Seine Sprachkenntnisse lassen ihn die aktuellen Geschehnisse aus Quellen beider Länder tiefgründiger verfolgen.
Mit dem Europäischen Jugendchorfestival (EJCF) ist Arvo Ratavaara als «musikalischer Laie», wie er bekennt, 1992, dem Gründungsjahr des Festivals, in Berührung gekommen. Zusammen mit seiner Frau folgte er der Aufforderung, Chormitglieder als Gasteltern zu beherbergen. Die ersten Gäste waren zwei Sängerinnen des Mädchenchors Ellerhein aus der estnischen Hauptstadt Tallinn, die gegenüber von Helsinki am Finnischen Meerbusen liegt. Ein Jahr vor dem Festival hatte Estland die Unabhängigkeit von der sowjetischen Herrschaft erlangt. Die Gasteltern erfuhren, dass Jugendliche dieses Chores aktiv beim Widerstand gegen die Sowjetpanzer beteiligt gewesen waren.
In bewegenden Worten erzählt Arvo von den an- und aufregenden Erfahrungen mit den jungen Sängerinnen und Sängern. Er bekennt, sie hätten ihm «eine neue Welt» eröffnet.
Arvo, welche Erinnerungen hast du an die erste Begegnung mit dem Mädchenchor Ellerhein? Wir trafen die Mädchen mit anderen Gasteltern auf dem Münsterplatz zum Empfang. Die erste Frage war: In welcher Sprache kann man sich mit ihnen unterhalten? Unsere kleine Tochter antwortete spontan: «Mi Papi ka finnisch und sie verschtöhn finnisch; also kei Problem!»
Ein besonderes Erlebnis war auch der Knabenchor Martve aus Tiflis: Ich hatte in meinem Leben noch nie diese Art von Stimmen gehört. Bei ihrem Auftritt war ich wie benommen. Ich sah vor dem inneren Auge Berglandschaften mit weidenden Pferden. Den Knabenchor durfte ich bei seinem zweiten Festivalbesuch im Jahr 2010 betreuen.
1995 war der finnische Mädchenchor Kiimingin Kiurut Gastchor. Wie erlebtest du den Chor aus deiner Heimat? Ja, das waren für mich bekanntere Klänge aber doch auch wieder ganz neue. Auf der Frontseite der Basler Zeitung erschien mit farbigem Bild ein Artikel, der den Gesang des Mädchenchors zutreffend als «filigran» bezeichnete. Ich bekam in der BaZ-Geschäftsstelle gratis 40 Exemplare, die ich den Chormitgliedern als Andenken verteilen konnte. Bei einem Ausflug in Augusta Raurica wurden dem Chor für ein angestimmtes Lied Objekte aus römischer Zeit gezeigt. Ich organisierte auch eine Alpenrundfahrt, was die jungen Sängerinnen sehr genossen.
1998 gastierte der Mädchen-Kammerchor Carmina Slovenica unter der Leiterin Karmina Šilec. Ein in seiner sängerischen Disziplin wohl stark bewegender Auftritt. Die Mädchen sangen und bewegten sich langsam hin zum Publikum, reichten den Zuhörenden die Hand. Taschentücher wurden hervorgeholt, und man konnte da und dort schluchzen hören. Nach dem Konzert kam ein alter Mann zu mir und erzählte, wie ihn der Gesang zutiefst berührt habe und das Erlebnis in seinem Leben einzigartig sei.
2001 und 2014 kamen zwei Jugendchöre aus dem weissrussischen Minsk nach Basel: der Knabenchor Kapella Khloptchikau und der Studentenchor der Musik-Akademie Belarus. Der Knabenchor kam 2001 mit dem Bus zu spät an. Die Mensa war geschlossen. Wohin? Es klappte bei Mc Donalds. Sie waren bereit, innert kurzer Zeit 40 Leute zu verköstigen. Die Begleiterin forderte die müden und etwas wilden Jungen auf: «Bei Mc Donalds müsst ihr euch benehmen wie in der Kirche!»
Es gab auch eine besondere Begegnung mit der Polizei. Auf der Fahrt in die Innenstadt verlor ich die Orientierung. Die weissrussischen Chauffeure wussten auch nicht, wie weiterfahren. Ich sah beim Barfi vor uns ein Polizeiauto. Mit dem Slogan im Kopf «Die Polizei, dein Freund und Helfer» stieg ich aus und fragte die Polizisten, ob sie uns helfen könnten. Sie sagten «Folgen Sie uns», schalteten das Blaulicht ein und eskortierten uns bis zum Ziel. Als der Polizist danach zu uns kam, befürchteten die Chauffeure Schlimmes. Sie staunten nicht schlecht ob der Hilfestellung der Basler Polizei. Darauf die Chauffeure: «Das waren aber coole Typen!»
Mit einem Sänger blieb ich nach dem Festival in Kontakt und unterstützte ihn finanziell bei der Aufnahmeprüfung zu einem Musikstudium in Deutschland. Über 20 Jahre später bekam ich einen Anruf von ihm. Er lebt und arbeitet immer noch in Deutschland und hat eine Familie mit drei Kindern.
Beim Studentenchor gab es 2014 einen bewegenden Moment. Die Chorleiterin Inessa Bodyako hatte ihren kleinen Sohn und ihr Baby dabei. Dirigieren und Kinderbetreuung gingen nicht gut zusammen. Also bot die Festivalleitung eine freiwillige Babysitterin auf. Ein Beispiel, wie weit die umfassende Betreuung dieses Jugendchorfestivals reicht!
2004 war Moldawien mit dem Jugendchor Gloria zu Gast. Da gab es ein fast dramatisches Zwischenspiel mit einem Mädchen, das wegen mutmasslichen Ladendiebstahls in Polizeigewahrsam genommen worden war. Die Polizisten konnten sich mit ihr in keiner Sprache verständigen. Sie fanden aber einen Zettel mit den Telefonnummern von uns Chorbetreuenden bei ihr. So übersetzte ich auf dem Posten, und die Sängerin wurde gegen Kaution freigelassen. Sie war todunglücklich und hörte nicht auf zu weinen. Sie hatte grosse Angst vor der Reaktion der Chorleitung. Zusammen mit der Office-Managerin des EJCF beschlossen wir, dass niemand von dem Vorfall erfahren würde. Nach dem Zwischenfall hatte das Mädchen Angst vor seinem Soloauftritt im Abschlusskonzert. Der Chor sang ein schönes, melancholisches Klagelied. Die Stimme des Mädchens im Solopart klang berührend, vielleicht besonders für mich, weil ich wusste, was sie durchlebt hatte.
Eine Begebenheit zum Moskauer Kinderchor Vesna von 2016? Da gab es eine unheimliche Begegnung im vollbesetzten Tram. Dabei stiess ich einen Mann mit schwarzen Haaren, schwarzen Augen und schwarzem Bart an und entschuldigte mich bei ihm dafür. Er starrte mich während der ganzen Fahrt aggressiv an. Ich unterhielt mich mit den russischen Sängerinnen und immer, wenn ich zu ihm schaute, sah ich seinen grimmigen Blick. Ich dachte, er fühle sich in seiner Ehre verletzt und befürchtete Schwierigkeiten. Plötzlich sagte er auf Russisch zu mir: «Sie sprechen gut Russisch». Auf meine Frage antwortete er einsilbig, dass er aus dem Kaukasus komme. Nach diesem Kompliment stieg er aus. Ich war verblüfft und erleichtert.
Zwei Jahre später war ein weiterer russischer Chor aus Jekaterinburg zu Gast, diesmal der Knaben- und Männerchor der Kinderphilharmonie Swerdlowsk. Welche Begegnung war dabei prägend? Der Chor sang zusammen mit dem Bündner Chor Incantanti ein russisch-orthodoxes Lied zu Ehren der Muttergottes. Die Intensität war beeindruckend.
Ein anderes Mal führte der Abt von Kloster Mariastein den russischen Chor in die Kapelle in der Felsenhöhle. Mit seiner Genehmigung sangen sie dort ihr Marienlied. Es war sehr stimmungsvoll. Die anwesenden Besucher waren überrascht, das Lied schien sie in ihrer andächtigen Stimmung zu berühren.
2021 gastierten zwei Schweizer Jugendchöre aus Uster und Thalwil am EJCF. Warum keine auswärtigen Chöre? Das war im Corona-Jahr mit entsprechenden Reisebeschränkungen. Das Singen war nur möglich nach täglichen Selbsttests und mit Maske. Aber die Jugendlichen bewältigten die Umstände mit Bravour. Sie studierten Gesänge mit der gastierenden finnischen Dirigentin Sanna Valvanne ein, was auch für mich eine schöne Begegnung war.
Dein letztes Jahr als Chorbetreuer 2023 mit dem Mädchenchor Shchedrykaus Kyjiw muss beklemmend gewesen sein? Der Krieg wurde als Thema eher verdrängt und wich der unbändigen Freude am Singen und Auftreten. Die Mädchen feierten das gemeinsame Singen mit anderen Chören in befreiender Friedfertigkeit. In Rheinfelden bestaunten sie die schönen Häuser der Altstadt. Es gab aber doch einige Momente der Trauer. Die Mädchen sahen am Morgen auf ihren Apps, dass Kyjiw bombardiert worden war. Heftigster Moment war, als zwei Sängerinnen die Nachricht bekamen, dass ein Verwandter beziehungsweise ein Bekannter im Krieg umgekommen sei. Danach sangen sie trotz allem wieder aus voller Kehle.
Ein eindrücklicher Moment war nach einem Konzert im Dom von Arlesheim. Zufällig hörte ich, wie im Keller, der als Garderobe für den finnischen Kammerchor des Gymnasiums Vaskivuori diente, ein Junge Finlandia von Sibelius anstimmte. Andere fingen nach und nach an mitzusingen, bis der ganze Chor einstimmte. Der Gesang stieg immer mächtiger aus dem schweren, alten Gewölbe hinauf ins Freie.
Sibelius hat die Hymne während der Periode der russischen Unterdrückung komponiert. Sie wurde zum Symbol des finnischen Freiheitswillens. Der Liedtext entstand später während des Zweiten Weltkriegs, als Finnland seine Unabhängigkeit im Winterkrieg und Fortsetzungskrieg gegen die Sowjetunion verteidigte.
Am nächsten Tag waren der ukrainische und der finnische Chor in der Unimensa. Nach dem Essen bat mich jemand vom finnischen Chor, mich mit dem ukrainischen Chor zu ihnen zu setzen. Die Sängerinnen und Sänger stellten sich im Kreis um uns herum auf und intonierten Finlandia.
Mir liegt sentimentaler Patriotismus fern. Aber dieses Erlebnis hat mich nur noch geschüttelt. Ich realisierte, dass ich einen Chor mit jungen Leuten betreute, die zu Hause gerade Ähnliches erlebten, wovon die Finlandia-Entstehungsgeschichte erzählt und dass dies auch mit der Geschichte meiner Herkunft zu tun hat.
Warum jetzt aufhören? Ich habe mir überlegt, ob ich es überhaupt schaffe aufzuhören. Aber ich muss mit meinen Kräften haushalten. Das «private Konzert» in der Unimensa war für mich ein passender Schlusspunkt für den Einsatz als Chorbetreuer. Zwischen dem ersten und dem letzten Festival hat sich viel mehr ereignet, als ich hier erzählen kann. Es war eine erlebnisreiche Zeit. Es war wunderbar, ein Teil des grossartigen Festivals zu sein. Es gab viele interessante Begegnungen und ganz viel Musik. In der Festivalorganisation herrscht eine gute und optimistische Stimmung. Ganz besonders schätze ich Kathrin Renggli als Leiterin des Festivals mit der grossen Organisation und komplexen Logistik, aber vor allem auch als Mensch mit ihrer herzlichen und motivierenden Art.
Mit all diesen Erinnerungen ist es schön, nun in den «Ruhestand» zu treten. Bei der letzten Begegnung in der Unimensa verabschiedete ich mich mit einigen ermutigenden Worten von «meinem» ukrainischen Chor. Die Chorleiterin Marianna Sablina hiess mich willkommen in der Ukraine. «Nach dem Krieg dann» fügte sie hoffnungsvoll hinzu.
Arvo, ich danke dir herzlich für das tiefgründige Gespräch!
Neue Orchestermusik für das Land
Mit Kompositionsaufträgen fördert orchester.ch neue Werke. Das Publikum soll nicht nur Neuartiges zu hören bekommen, sondern intensiver an der Musik teilhaben.
Thomas Meyer
- 15. Mai 2025
Das Luzerner Sinfonieorchester am 11. Mai 2025 im Konzertsaal des KKL Luzern. Foto: Luzerner Sinfonieorchester/Philipp Schmidli
Wie häufig erklingt zeitgenössische Schweizer Orchestermusik in unseren Sinfoniekonzerten? Wie oft überhaupt ist dort Helvetisches zu hören, selbst Gestandenes wie Honegger oder Schoeck? Die Frage beschäftigt nicht nur die Pro Helvetia, die auftragsgemäss das einheimische Schaffen fördern soll, sondern auch die Orchester selber. Vor einem Jahrzehnt lancierte die Pro Helvetia das Projekt œuvres:suisses, bei dem sich elf Sinfonieorchester mit je drei Uraufführungen beteiligten. Ziel war es nicht nur, neue Stücke zu unterstützen, sondern sie auch in Umlauf zu bringen. Das war kein Misserfolg; einige der Stücke wurden tatsächlich aufgegriffen. Aber man durfte sich nicht darauf ausruhen.
Teilhaben statt erklärt bekommen
So hat orchester.ch, der Dachverband von fünfzehn Schweizer Berufsorchestern, neuerlich die Initiative ergriffen. «Für aktuelle Musik in der Gesellschaft» und «Neue Töne braucht das Land» titelt der Verband frohgemut auf seiner Homepage. Der Übertitel «zusammen, insieme, ensemble» deutet ein Surplus an. Es geht nicht nur um Uraufführung, sondern auch um Musikvermittlung: «Zur Aufführung kommen Werke zeitgenössischer Musik, die über Kompositionsaufträge an in der Schweiz arbeitende Komponistinnen und Komponisten entstanden sind – und sowohl die Bedeutung des Austauschs mit der Gesellschaft als auch Partizipation, Inklusion und Teilhabe berücksichtigen.»
Neuerer und Traditionalisten
Musikvermittlung also – und deutlich mehr als das. Keine blossen Erläuterungen, sondern eine Musik, die sich von selber erklärt, im Teilhaben. Interessant ist der Vergleich der beauftragten Komponisten und Komponistinnen. Von den 29 Namen, die bei œuvres:suisses beteiligt waren und damals gestandene Positionen innerhalb der Neuen Musik repräsentierten, taucht nur noch einer erneut auf: Richard Dubugnon, kein Avantgardist, sondern ein versierter, farben- und erzählfreudiger Komponist. Daneben erscheinen meist jüngere Musiker und Musikerinnen, die zwischen den Genres stehen und mit ihnen spielen. Das weist auf einen Paradigmenwechsel hin: Das zeitgenössische Musikschaffen hat sich gewandelt und auseinanderdividiert, wie besonders an den Orchesterwerken deutlich wird, die auf ein grösseres Publikum zielen. Da sind die Neuerer, die es jenseits der spezialisierten Festivals etwas schwerer haben, weil sie Konventionen in Frage stellen; hier die Traditionalisten, die den Apparat, wie man ihn so schön nennt, bedienen wollen und können.
Frühlingshoffnung mit Kinderchor und Drums
Jalalu-Kalvert Nelson und die Klasse 4B der Volksschule Kriens. Foto: Luzerner Sinfonieorchester/Philipp Schmidli
Von den zehn Stücken, die zwischen dem 11. und 24. Mai in drei Sprachregionen aus der Taufe gehoben wurden, seien hier zwei sehr unterschiedliche herausgegriffen. In seinem Muttertagskonzert, das Vivaldi und vor allem dessen Vier Jahreszeiten gewidmet war, stellte das Luzerner Sinfonieorchester ein neues Stück mit dem passenden Titel The New Spring vor. Geschaffen hat es der aus Oklahoma stammende Jazzmusiker und Komponist Jalalu-Kalvert Nelson. Seine politisch motivierte Komposition Jim is Still Crowing schaffte es jüngst ins Finale um den renommierten Pulitzer-Preis.
Jalalu-Kalvert Nelson und die Kantorei Luzern. Foto: Luzerner Sinfonieorchester/Philipp Schmidli
Seit längerem lebt er in Biel. Und in der Schweiz wird seine Musik allmählich stärker beachtet, zu Recht, denn sie verbindet Engagement und Eingänglichkeit, Experiment und Erzählhaltung. Die Hoffnung auf einen neuen Frühling wird in musikalischen Bildern ausgedrückt, Vivaldi-Anklänge stehen neben illustrativen Geräuschpassagen. Das nimmt das Ohr sofort ein und überfordert es nicht. Mindestens ebenso wichtig wie das Resultat war jedoch die Vorbereitung. Nicht nur das Luzerner Sinfonieorchester war beteiligt, sondern auch die Luzerner Kantorei, ein Kinderchor also. Hinzu kam der Drum Circle Luzern, der viel zum rhythmischen Drive beitrug. Und die Geräuschebene hatte die Klasse 4B der Volksschule Kriens erarbeitet, unterstützt vom Perkussionisten Miguel Ángel García Martin.
Das Publikum sitzt bei «Hereinspaziert» mittendrin: Das Zürcher Kammerorchester unter der Leitung von Daniel Hope mit einem Werk von Richard Dubugnon. Foto: Thomas Entzeroth
Intensiver Klangeindruck mittendrin
Die eigentliche Uraufführung von Richard Dubugnons Passacaille concertante erfolgte am 13. Mai in einem barock-neobarocken Programm des Zürcher Kammerorchesters und fügte sich dort bestens ein. Der aus Lausanne stammende Komponist hat dafür die alte Form mit spätromantischen Klängen gefüllt und schön zum Gleiten gebracht. Am Sonntagnachmittag zuvor fand die Musikvermittlung dazu statt, in einer öffentlichen Probe, die allerdings mehr sein wollte. Die Kulturvermittlerin Lisa Stepf entwickelte zusammen mit Lena-Catharina Schneider, der künstlerischen Leiterin des ZKO, ein partizipatives Erlebnisformat unter dem Titel Hereinspaziert. Das Publikum, darunter zahlreiche Kinder, wurde in Gruppen von etwa zwölf Personen unterteilt, die zwischen vier Stationen wechselten. Bei den einen gaben der Komponist bzw. der Dirigent Daniel Hope eine kurze Einführung ins Werk; bei den anderen beiden sass man mitten im Streichorchester entweder in den höheren oder den tieferen Registern. Die Musikerinnen und Musiker liessen sich gern auf das Gespräch mit den Laien ein. Im Zentrum stand dabei weniger das neue Werk als die Intensität des Klangeindrucks, die man dort erlebte. Man hatte teil.
Eine öffentliche Probe, die mehr ist. Foto: Thomas Entzeroth
Weitere Konzerte im Rahmen von «Neue Töne braucht das Land»
Das Leipziger Gewandhaus hat seit diesem Montag ein Webradio, das rund um die Uhr klassische Musik sendet.
SMZ/ks
- 14. Mai 2025
Das Gewandhausorchester 2022 im Grossen Saal des Gewandhauses Leipzig. Foto: Eric Kemmitz
Chefredaktor des «Gewandhausradios» ist Martin Hoffmeister. Auf dem Programm: 24 Stunden klassische Musik samt Live-Übertragungen aus dem Gewandhaus und Sendungen wie etwa das wöchentliche Magazin «Inside Gewandhaus».
Laut Impressum steht die Stiftung Zukunft Gewandhaus zu Leipzig Projekte gGmbH hinter dem Projekt. Aus einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen ist zu erfahren, dass neben eigenen Einspielungen des Gewandhausorchesters ein Grossteil der gesendeten Aufnahmen von ihm verbundenen Ensembles und der Naxos Music Library, dem Projektpartner, stammen.
Eine Prise ESC-Verrücktheit für das Lied
«Lied Basel» führt die Art Song Challenge durch und weckt damit die internationale, diverse und poppige Seite der Gattung Lied. Die Genregrenzen seien längst durchlässig, finden klassische Konzertanbieter in Basel.
Georg Rudiger
- 14. Mai 2025
Links: Katrīna Paula Felsberga und Justine Eckhaut (Lucija Novak); rechts: Mikhail Timoshenko und Elitsa Desseva (Annemone Taake); v.o.: Gerda Iguchi (Moritz Schläfer); Nishad Pandey und Arko Mukhaerjee (zVg); Lena Kuchling und Bernhard Höchtel (Buxhofer)
Ein Knistern, aus dem sich allmählich ein gebrochener, pulsierender Akkord schält. «Sag, welch wunderbare Träume halten meinen Sinn umfangen», singt Marie Gerhardine Iguchi mit eindringlicher Stimme – den Synthesizer auf dem Schoss. Richard Wagners Wesendonck-Lied Träume erhält ein ganz neues Gewand: Klassik meets Elektronik. Bislang hat die Opernsängerin ihre beiden musikalischen Leidenschaften getrennt ausgelebt. In Träume schafft Gerda, wie sich die Sängerin bei diesem Projekt nennt, eine Synthese. Mit einem Video davon hat sie sich bei der neu ins Leben gerufenen Art Song Challenge beworben. «Ein Song ist ein Leben – zu geniessen, solange es währt, und für seine Endlichkeit zu schätzen», schreibt Iguchi dazu.
Liederabend goes Pop
Die Art Song Challenge (ASC) heisst nicht zufällig so ähnlich wie der Eurovision Song Contest (ESC), der gerade in Basel die Stadt elektrisiert. Silke Gäng, Mezzosopranistin und künstlerische Leiterin des Festivals «Lied Basel», war schon immer von der Diversität und Internationalität des ESC begeistert. Und überlegte sich, was sie vom ESC übernehmen könnte, um den klassischen Liedgesang ein wenig aufzupeppen und einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. «Das ESC-Motto ‹United by music› spricht auch mich unmittelbar an», stellt sie fest. «Wir möchten mit unserem neuen Liedwettbewerb niederschwellig jungen Sängerinnen und Sängern eine Bühne geben und sie dazu animieren, auch andere musikalische Traditionen mit einzubeziehen.»
Ähnlich wie der ESC regt auch der ASC an, in der Sprache des Heimatlandes zu singen. Ziel sei es, die Liedprogramme vielseitiger und kulturübergreifender zu machen. Und auch die strenge Form von Liederabenden zu überdenken. Um die internationale Ausrichtung zu betonen, hat sich «Lied Basel» für diesen Wettbewerb mit anderen Liedfestivals in Deutschland (Liedstadt, Heidelberger Frühling), Spanien (Schubertíada) und England (Leeds Lieder) zusammengetan. 130 Einreichungen aus 29 Ländern lautet die Bilanz der ersten, besonders auf Social Media beworbenen und online durchgeführten ASC. Die Künstlerinnen und Künstler der fünf ausgewählten Beiträge erhalten ein Konzertengagement bei einem der Festivals. Der online gewählte Publikumspreis ist mit 1000 Euro dotiert.
Pop goes Hochkultur
Dass Liederabende frischen Wind aus der Popwelt gut gebrauchen können, ist unbestritten. Wie sieht es in Basel mit anderen Veranstaltern der sogenannten Hochkultur aus? Das Sinfonieorchester Basel hat nicht nur mit dem Konzert Symphonic Games, das Soundtracks aus Videogames präsentierte, im Rahmen des ESC-Begleitprogramms gespielt, sondern war am «Klassik & Crossover Day» auch mit einem Schlagzeugensemble auf der Open-Air-Bühne am Barfüsserplatz zu hören. «Offenheit gegenüber verschiedenen Stilen und neuen Impulsen ist Teil unserer künstlerischen Haltung», sagt Elisa Bonomi, Pressesprecherin des Sinfonieorchesters Basel, und verweist auf frühere gemeinsame Auftritte mit der ESC-Teilnehmerin Anna Rosinelli und einen kommenden mit dem Schweizer Popsänger Ritschi.
Das Theater Basel bietet während des Eurovision Song Contests auf dem Theaterplatz direkt neben der offiziellen Partymeile mit dem «Pop-up Teaclub» ein «Refugium der Entspannung» mit kostenlosem Tee, Pflanzen und nachhaltigen Sofas aus Strohballen. Eigene Veranstaltungen zum Thema ESC sind nicht geplant. Aber mit Produktionen wie dem technounterlegten Es wär so schade wenn du das verpasst oder Herbert Grönemeyers Musical Pferd frisst Hut finden immer wieder popkulturell gefärbte Projekte in den normalen Spielplan. «Die strikte Unterscheidung zwischen Pop- und Hochkultur gehört längst der Vergangenheit an», lautet das Statement des Theaters Basel.
Für die Basel Sinfonietta war es wegen der eigenen langfristigen Programmplanung nicht möglich, noch auf den ESC-Zug aufzuspringen. «Inklusion, Subkulturen sowie Empowerment, besonders für marginalisierte Gruppen, sind Themen, die die Basel Sinfonietta immer wieder aufgreift», sagt Geschäftsführerin Daniela Martin. Der ESC biete viel Inspiration in Sachen visueller Inszenierung, Social Media und Stärkung der Community. Sie betont, dass sich das Neue-Musik-Ensemble durchaus auch in popmusikalischen Kontexten bewege, wie vergangene Zusammenarbeiten mit dem DJ Janiv Oron, der afrikanischen Popband Burkina Electric oder der NDR-Bigband zeigten.
In Zukunft live und vor Publikum?
Eher nach Pop klingen auch die ausgewählten ASC-Beiträge Schaun des österreichischen Duos Lena Kuchling und Bernhard Höchtel und Aam Paka von Nishad Pandey und Arko Mukhaerjee, bei dem ein traditionelles bengalisches Volkslied auf eine E-Gitarre trifft. Auch der letzte Teil von Franz Schuberts Leiermann in der faszinierenden, zweistimmigen Version der Lettin Katrīna Paula Felsberga und der Französin Justine Eckhaut verlässt den klassischen Gesang. In Zukunft möchte Silke Gäng die Art Song Challenge gerne live vor Publikum stattfinden lassen und dabei wie der ESC jedes Jahr den Ort wechseln innerhalb der vernetzten Festivals. United by Music nicht nur digital, sondern in echt. Das wär’ was.
Bis zum 17. Mai kann auf der Website von «Lied Basel» abgestimmt werden, wer den Publikumspreis erhalten soll: Link zur Website
Honorarempfehlungen für Freischaffende
Sonart will mit den heute publizierten Empfehlungen die Einkommen professioneller Musikerinnen und Musiker verbessern.
PM/SMZ/ks
- 14. Mai 2025
Symbolbild: sirichaiDeposit
Die Empfehlungen wurden in einem mehrjährigen Prozess und in Absprache mit Experten und Partnerorganisationen erarbeitet. Sie «berücksichtigen die unterschiedlichen Voraussetzungen innerhalb der Musikszene und enthalten eine gewisse Bandbreite», schreibt Sonart – Musikschaffende Schweiz.
Entstanden ist ein 38-seitiger Leitfaden, der auf der Website frei zugänglich ist. Vorgeschlagen werden Stunden-, Tages- und Wochenpauschalen für Selbständigerwerbende aller Musikgenres. Es wird unterschieden zwischen «FairPay» und «MinimumPay».
Die Zürcher Hochschule der Künste hat Dimitri Howald und Mikkel Ploug als Hauptfachdozenten Gitarre Jazz/Pop ernannt.
ZHdK
- 13. Mai 2025
Mikkel Ploug (Foto: Antonio Porcar) und Dimitri Howald (Bild: foto-graf)
Dimitri Howald und Michel Ploug werden aber dem Herbstsemester an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) unterrichten.
Dimitri Howald (geb. 1993) ist ein national und international gefragter Gitarrist und Komponist. Sein siebtes unter eigenem Namen erschienenes Album Southern Return bringt seine vielfältigen Einflüsse von Contemporary Jazz, New Wave bis Tropicalismo zu einer persönlichen Mischung zusammen. Live präsentiert er diese Musik in renommierten Clubs und Festivals im In- und Ausland mit seiner aktuellen Formation Dimitri Howald & The Amnis Band als Quartett oder als erweiterte Band inkl. Streichtrio (SRF Kultur, 2025). Er tritt ausserdem mit dem Dimitri Howald Trio in Erscheinung, komponiert und ist aktiv als Sideman in diversen Projekten. Entsprechend lang und divers ist die Liste der Clubs, Festivals und Musikschaffenden, mit denen er zusammengearbeitet hat.
Der dänische Gitarrist und Komponist Mikkel Ploug (geb. 1978) ist mit seinen Bands Mikkel Ploug Group, Mikkel Ploug Trio und Equilibrium in ganz Europa, Brasilien und den USA aufgetreten. Er hat 18 Alben für international renommierte Labels aufgenommen und mit zahlreichen internationalen Jazzgrössen zusammengearbeitet. Zudem trat er als Solist mit dem Königlichen Ballett in Kopenhagen auf und arbeitet mit dem amerikanischen Choreografen und Tänzer Tilman O’Donnell sowie dem preisgekrönten Komponisten Bent Sørensen zusammen. Das britische Jazzmagazin Marlbank bezeichnet ihn als «…one of Europe’s most pioneering contemporary jazz guitarists.»