Neuer internationaler Cello-Wettbewerb in Dänemark
Die Danish International Cello Competition findet erstmals vom 26. Juni bis 3. Juli 2027 statt. Austragungsort ist die Alsion-Konzerthalle in Sønderborg. Der Wettbewerb soll künftig alle drei Jahre stattfinden.
PM/SMZ/ks
- 30. Juli 2026
Bild: derplan13/depositphotos.com
Die Danish International Cello Competition (DICC) wurde vom Danish Philharmonic Orchestra gemeinsam mit Nordic Artists Management ins Leben gerufen.
Bewerben können sich Cellisten und Cellistinnen aller Nationalitäten, geboren am oder nach dem 27. Juni 1996. Die Bewerbungsfrist läuft vom 15. August bis zum 24. Oktober 2026. Aus den Bewerbungen werden 24 Teilnehmer ausgewählt. Sie treten in 3 Vorrunden und einem Finale gegeneinander an.
Die Wettbewerbswoche beginnt mit einem Eröffnungskonzert des Danish Philharmonic Orchestra. Sie endet mit Finalrunde und Preisverleihung am 3. Juli 2027. Alle Runden sind öffentlich und auch international per Stream zugänglich.
Der künstlerische Leiter Adam Stadnicki begründet die Wahl des Standorts mit Dänemarks Cello-Tradition und dem in Sønderborg ansässigen Saitenhersteller Larsen Strings. Die gute Anbindung der Stadt an Europa habe den Ausschlag gegeben.
Mentoring-Programm Cello Bridge
Begleitend zum Wettbewerb läuft das Mentoring-Programm Cello Bridge unter der Leitung von Trudy Wright, ehemals Tournee- und Projektleiterin bei Harrison Parrott. Es richtet sich an alle 24 Teilnehmenden, auch nach einem möglichen Ausscheiden. Vorgesehen sind Einzelgespräche, Podiumsdiskussionen und Workshops zu Karrierefragen im Musikgeschäft.
Jury und Preise
Die Jury leitet der Cellist Daniel Müller-Schott. Weitere Mitglieder sind Andreas Brantelid, Amelia Jakobsson, Tatjana Vassiljeva-Monnier, Alex Taylor, Kathryn Stott und Niklas Walentin.
Der erste Preis, der Larsen Strings Prize, hat einen geschätzten Gesamtwert von rund 80’000 Euro. Er umfasst 14’000 Euro Preisgeld, zehn Konzerte mit europäischen Orchestern, eine Albumaufnahme mit dem Danish Philharmonic Orchestra bei Pentatone, Mentoring sowie eine dreijährige Zusammenarbeit mit Nordic Artists Management. Der zweite Preis ist mit 8000 Euro dotiert, der dritte mit 5000 Euro. Zusätzlich werden Sonderpreise vergeben.
Das Festival von Morris Wolf und Sergey Tanin bringt seit 2022 Nachwuchstalente mit etablierten Künstlerinnen und Künstlern zusammen.
PM/SMZ/ks
- 27. Juli 2026
Der Pianist Sergey Tanin hat zusammen mit Morris Wolf Musica Andeer gegründet. Foto: Musica Andeer
Gemäss Website wollen der Komponist und Wissenschaftler Morris Wolf und der Pianist Sergey Tanin mit ihrem Festival «mehr Musik in die Region bringen und sowohl für das lokale Publikum als auch Besucher von weiter her eine inspirierende Ergänzung zum kulturellen Leben des Schams bieten.»
In der Reformierten Kirche Andeer ist dieses Jahr vom 18. bis 20. September Musik von der Renaissance bis in die Gegenwart in fünf Konzerten zu hören.
Zwischen den beiden kleinen Ländern Litauen und Schweiz gibt es erstaunlich viele Verflechtungen. Dies zeigte sich auch beim diesjährigen Vilnius Festival.
Andreas Zurbriggen
- 20. Juli 2026
Das Sinfonieorchester St. Gallen interpretiert mit Klangwucht die Komposition «So klingt St. Gallen» von Fabian Künzli. Foto: Dmitrij Matvejev
Wie klingt St. Gallen? Nach der Stille einer Klosterbibliothek? Nach Diskussionen von HSG-Studenten über die Zukunft des Kapitalismus? Auf diese Frage gab es beim Eröffnungskonzert des Vilnius Festivals mit Fabian Künzlis 2025 uraufgeführtem Orchesterwerk So klingt St. Gallen eine klangwuchtige Antwort. Dieses Werk verwebt verschiedene Hörerfahrungen, die im Vorfeld von der Bevölkerung des Kantons St. Gallen eingereicht werden konnten.
Eine eingängige Melodie mit Ohrwurm-Charakter erscheint dabei immer wieder in neuen Instrumentierungen, während dazwischen auch schon mal eine Choralmelodie von Johann Sebastian Bach auftaucht. Doch damit noch nicht genug: Sogar die Atmosphäre eines Cafés in St. Gallen lässt Künzli aufleben. Das Publikum darf sich mitten im Stück mit den Sitznachbarn austauschen. Ein Wurf!
Ein Litauer auf Abschiedstournee
Dass eines der renommiertesten Klassikfestivals des Baltikums seine diesjährige Ausgabe mit dem Werk eines Schweizer Komponisten eröffnete, ist Modestas Pitrėnas zu verdanken. Der in Vilnius geborene Dirigent stand acht Jahre lang an der Spitze des Sinfonieorchesters St. Gallen. Seine Abschiedstournee führte ihn nun mit diesem Klangkörper in seine Heimatstadt. Einige Tage nach dem Konzert ist Pitrėnas immer noch in Gedanken in der Philharmonie von Vilnius: «Es war ein unbeschreibliches Gefühl, das Sinfonieorchester St. Gallen in meiner Heimat zu sehen. Bis heute schwelgt das Orchester in Erinnerungen an Litauen und seine gastfreundlichen Menschen. Darauf bin ich sehr stolz!»
Dem Sinfonieorchester St. Gallen war am Eröffnungskonzert nicht anzumerken, dass es erst spät in der Nacht zuvor in der litauischen Hauptstadt angekommen war. Mit grosser Energie interpretierte es auch Daniel Nelsons Akkordeonkonzert The Ghost Machine Treatise und Beethovens Fünfte Sinfonie. Besonders berührend war die Zugabe des Akkordeonisten Martynas Levickis: In seiner Eigenkomposition The Dawn is Breaking trafen minimalistische Akkordbrechungen auf weit ausholende elegische Kantilenen – inspiriert von litauischer Volksmusik. Ein Juwel!
Jubiläumsausgabe
Das Vilnius Festival feierte in diesem Jahr vom 5. bis 25. Juni seine 30. Ausgabe und ist längst ein Fixpunkt im litauischen Kulturkalender. Im Programm treffen internationale Klassikprominenz und die Förderung des litauischen Musikschaffens aufeinander, nicht zuletzt durch Uraufführungen und Auftragswerke. Dieser Spagat gelingt dem Festival mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit.
An der Spitze des Vilnius Festival steht seit Jahren die litauische Musikwissenschaftlerin Rūta Prusevičienė. In ihrem Büro in der Nationalphilharmonie erzählt sie von Krzysztof Penderecki, der in den 1990er-Jahren zu einer der ersten Ausgaben des Festivals nach Vilnius kam, spannt den Bogen aber auch zu weiteren Schweiz-Litauen-Verbindungen: Um 1900 studierten etwa zahlreiche junge Litauer an der katholisch geprägten Universität Fribourg. Einer von ihnen war Juozas Purickis, der später Aussenminister des unabhängigen Litauen wurde.
Tessiner Stuckaturen und Litauischer Klangkünstler
Das Vilnius Festival entfaltet sich inmitten einer Altstadt, deren Kirchen und Klöster vom Barock geprägt sind. Sogar architektonisch führen einige Spuren in die Schweiz: Im 17. Jahrhundert wirkten Künstler und Stuckateure aus dem heutigen Tessin am litauischen Barock mit. Giovanni Pietro Perti und Giovanni Maria Galli schufen etwa den überwältigenden Stuckraum der Kirche St. Peter und Paul. Die Schweiz-Litauen-Connection ist in Vilnius also nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar.
Die Stuckaturen der Peter- und Paulkirche in Vilnius stammen von Künstlern aus dem heutigen Tessin. Foto: Go Vilnius
Das zweite Konzert des Vilnius Festival gehörte ganz dem litauischen Ausnahmepianisten Andrius Žlabys. Welche unterschiedlichen Klangfarben er in Bachs Ouvertüre nach Französischer Art BWV 831 aus dem Steinway-Flügel hervorzaubern kann, war beeindruckend: Jeder Triller, jede Verzierung, jede rhythmische Schärfung erhielt bei ihm eine eigene Farbe. Žlabys spielte die Musik von Bach als vibrierende Gegenwart. Weniger überzeugend wirkte jedoch die Uraufführung seines Werks Movement für Klavier und Streichquartett, das zwar poetische Passagen hatte, sich aber stilistisch allzu deutlich an andere Komponisten anlehnte, etwa an Arvo Pärt.
Der Ausnahmepianist Andrius Žlabys entlockt dem Flügel unterschiedlichste Klangfarben. Foto: Dmitrij Matvejev
Murmeltiere füttern vor dem Konzert
Musikalisch sind Litauen und die Schweiz stark verflochten. Das Litauische Nationale Sinfonieorchester gastierte vor gut einem Jahrzehnt mehrfach im Gletscherdorf Saas-Fee beim Festival Música Romântica. Festivalleiterin Rūta Prusevičienė erinnert sich, wie die Musiker ihr erzählten, dass sie tagsüber in den Bergen wanderten und Murmeltiere fütterten, bevor sie abends in der Pfarrkirche konzertierten. Das litauische Klavierduo Vilija Poškutė und Tomas Daukantas wiederum lebt seit etlichen Jahren in der Schweiz und gehört längst zur hiesigen Musiklandschaft.
Ein wichtiger Vermittler zwischen litauischer und Schweizer Musik ist der Dirigent und Flötist Kaspar Zehnder: Er kam 2002 erstmals mit Litauen in Kontakt, als das Orchester der Nationaloper bei seinem Festival Murten Classics gastierte. Später dirigierte er in Vilnius und Kaunas, brachte litauische Musik von Loreta Narvilaitė, Onutė Narbutaitė oder Anatolijus Šenderovas in die Schweiz und lud das Klaipėda Chamber Orchestra zu Murten Classics und dem Festival «klangantrisch» in seinem Heimatort Riggisberg ein, dessen künstlerischer Leiter er ist. «Was ich an Litauen schätze, ist, dass sich mit jedem Auftritt, jedem Aufenthalt das Netzwerk erweitert», so Zehnder.
Drei Wochen musikalische Entdeckungen
Rund drei Wochen dauerte das Vilnius Festival. Bereits die ersten Festivaltage zeigten die stilistische Spannweite des Programms. Beim dritten Konzert stand der amerikanische Countertenor Aryeh Nussbaum Cohen im Zentrum. Begleitet vom St. Christopher Chamber Orchestra unter Hossein Pishkar spannte er einen Bogen vom Barock bis in die Moderne. Cohen überzeugte vor allem in den leisen Passagen, wo seine Stimme ein helles, feines, nie gläsernes Timbre entfaltete. Das Kammerorchester wirkte nicht immer restlos eingespielt. Der Funke sprang nur stellenweise über.
Der Reiz des Vilnius Festivals liegt auch darin: Bereits wenige Stunden später bietet das nächste Konzert die Chance auf die nächste musikalische Entdeckung – mit oder ohne Schweiz-Bezug.
Auf der Abschiedstournee mit dem Sinfonieorchester St. Gallen durfte für Modestas Pitrėnas sein Heimatort Vilnius nicht fehlen. Foto: Dmitrij Matvejev
Rechercheplattform für Musikstudiengänge und Themenportal Musikwirtschaft Deutschland
Das Deutsche Musikinformationszentrum veröffentlicht online Informationen zur deutschen Musikwirtschaft sowie einen «Kompass Musikstudium».
PM/SMZ/ks
- 25. Juni 2026
Konzertflügelbau bei der Firma C. Bechstein. Foto: C. Bechstein/D. Saylan/ zVg miz
Mit dem im April online platzierten Themenportal Musikwirtschaft liege «erstmals ein zentral gebündelter Überblick über Strukturen, Daten und aktuelle Entwicklungen dieses wichtigen Bereichs der Kultur- und Kreativwirtschaft vor», schreibt das Deutsche Musikinformationszentrum (miz).
Seit Mai stellt das miz zudem mit dem «Kompass Musikstudium» eine «zentrale Rechercheplattform zur Verfügung, die über 1700 Musikstudiengänge in Deutschland gebündelt zugänglich macht und Studieninteressierten eine gezielte Orientierung ermöglicht».
Lea Suter und Juan González Martínez in Spanien prämiert
Die Schweizer Cembalistin und Organistin Lea Suter sowie der spanische Posaunist Juan González Martínez erhalten für ihre CD «Mediterranean Melodies» den «Melómano de Oro» .
PM/SMZ/ks
- 25. Juni 2026
Schweizer Cembalistin und Organistin Lea Suter sowie der spanische Posaunist Juan González Martínez. Foto: Elisa Meyer
Die Auszeichnung wird von der spanischen Klassikzeitschrift Melómano verliehen. Die CD ist im Januar 2’26 bei MDG erschienen und widmet sich Musik des frühen 17. Jahrhunderts.
Lea Suter und Juan González Martínez bilden seit 2019 das Duo GlossArte. 2025 gewann das Ensemble den 9. Internationalen H. I. F. Biber-Wettbewerb in Österreich. Das in Bremen ansässige Duo stehe laut Medienmittelung für «informierte Aufführungspraxis, die musikalische Rhetorik und künstlerische Freiheit miteinander verbindet».
Dieter Ammann mit Opus Klassik 2026 geehrt
Dieter Ammann erhält die Auszeichnung in der Kategorie «Komponist*in des Jahres» für die CD «glut» bei Schweizer Fonogramm.
PM/SMZ/ks
- 23. Juni 2026
Dieter Ammann 2018. Foto: René Mosele
Opus Klassik hat die 37 Preisträgerinnen und Preisträger der diesjährigen Auszeichnungen am 22. Juni bekannt gegeben. In der Kategorie «Komponist*in der Jahres» waren neben Dieter Ammanns CD glut bei Schweizer Fonogramm Hildur Guðnadóttir für Where To From bei Deutsche Grammophon und Fazil Say für Mozart Requiem / Fazil Say Mozart & Mevlana bei Warner Classics nominiert.
Opus Klassik bezeichnet sich selbst als «Der wichtigste Musikpreis für klassische Musik in Deutschland.» Die Preisverleihungen finden am 10. und 11. Oktober in Berlin statt.
Link zur Rezension der Aufnahme «glut – Dieter Ammann – music for orchestra» mit dem Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Jonathan Nott.
Neue Dozierende für Violine, Gesang und Saxofon in Luzern
Ab Herbstsemester 2026/27 unterrichten Friederike Starkloff, Mimi Doulton und Fabian Willmann an der Hochschule Luzern – Musik.
Friederike Starkloff ist seit der Saison 2023/24 erste Konzertmeisterin des Sinfonieorchesters Basel und wechselt 2026 von der HMDK Stuttgart an die Hochschule Luzern – Musik als Nachfolgerin von Brian Dean, der Ende Frühlingssemester 2026 pensioniert wird.
Die britische Sopranistin Mimi Doulton ist seit 2018 auf vielen Opernbühnen zu erleben. Ihr Schwerpunkt ist das Repertoire des 20. und 21. Jahrhunderts. Sie wird ab dem kommenden Herbstsemester Hauptfach-Dozentin für Gesang. Neuer Dozent für Saxofon wird der deutsche Bandleader, Komponist und Musikwissenschaftler Fabian Willmann.
Barockmusik aus der Schweiz? Durchaus!
Vor 400 Jahren wurde Johann Melchior Gletle im aargauischen Bremgarten geboren. Sein Lebensweg führte ihn als Organisten und Domkapellmeister nach Augsburg.
Christoph Riedo
- 15. Juni 2026
Ausschnitt aus dem Titelblatt von Johann Melchior Gletles Op. 4, «Musica genialis latino-germanica» (Augsburg, 1675). Exemplar der Zentralbibliothek Zürich.
Die Eidgenossenschaft ist kaum als Herkunftsland barocker Komponisten bekannt. Es lag weniger an mangelndem musikalischem Talent, dass sich hierzulande kaum Tonschöpfer hervortaten, als an den gesellschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen. Insbesondere für verheiratete katholische Musiker bestanden in der frühneuzeitlichen Eidgenossenschaft nur wenige Ämter, die eine dauerhafte kompositorische Tätigkeit ermöglichten. Der in Bremgarten/AG geborene Johann Melchior Gletle (1626–1683), dessen Geburtstag sich Anfang Juli zum 400. Mal jährt, verliess deshalb seine Heimat und machte im bayerisch-schwäbischen Augsburg als Domkapellmeister Karriere.
Über Gletles Ausbildungsjahre wissen wir erstaunlich wenig. Gesichert ist lediglich, dass er 1641 die Jesuitenschule in Freiburg/FR besuchte. Im August 1651 wurde er als Organist am Augsburger Dom angestellt. Kurz darauf heiratete er Katharina Streitlin, mit der er 16 Kinder hatte. Bereits im April 1654 wurde er als erster Nichtgeistlicher zum Domkapellmeister ernannt. Dafür erhielt er einen Chorrock, um bei Prozessionen wie die Kleriker aufzutreten. Beide Ämter versah er bis zu seinem Tod Anfang September 1683.
Zwischen Bremgarten und Augsburg
Gletle verbrachte insgesamt 32 Jahre mit seiner Familie in Augsburg und publizierte dort acht Musikdrucke, von denen sieben erhalten sind. Auf sämtlichen Titelblättern erscheint er als Bremgarter Bürger und Augsburger Domkapellmeister («Bremgartensi. Ecclesiae Cathedralis Augustanae Capellae magistro»). Bis zu seinem Tod liess er sich alljährlich im Bürgerregister von Bremgarten eintragen. Weshalb, bleibt bislang ungeklärt. Diesen und weiteren Fragen zu Gletle und seinem Umfeld widmet sich eine Tagung der Universität Genf vom 21. bis 23. August 2026 in Muri/AG. Parallel dazu erklingen im Rahmen der Konzertreihe «Musik in der Klosterkirche» Werke Gletles und seines musikalischen Umfelds.
Der Augsburger Dom eröffnete dem katholischen Laien berufliche Möglichkeiten, die ihm in der Eidgenossenschaft weitgehend verschlossen geblieben wären: Die Kapellmeisterstellen in eidgenössischen Klöstern wurden in der Regel mit Konventualen besetzt und setzten einen Ordenseintritt voraus. Als verheirateter Familienvater kamen für Gletle faktisch nahezu ausschliesslich Kathedral- und Stiftskirchen als Arbeitgeber infrage.
Welches Ansehen er zu Lebzeiten genoss, zeigt ein Urteil des Musiktheoretikers Sébastien de Brossard (1655–1730). Unter den Komponisten des deutschen Sprachraums schätzte dieser besonders Johann Melchior Gletle und Samuel Capricornus (1628–1665). Über Gletle schrieb er: «Seine Musik ist ausgewogen und regelmässig aufgebaut, zugleich aber – wenn es nötig ist – glänzend und leicht. Sie ist kunstvoll, ausdrucksstark, anmutig und vor allem den jeweiligen Orten, Zeiten und dem eigentlichen Sinn der Worte hervorragend angepasst [Übersetzung des Autors].»
Für einen heute weitgehend vergessenen Komponisten ist dies ein bemerkenswertes Urteil. Im Vorfeld seines 400. Geburtstags wurden daher weitere Werke aus seinem bislang nur bruchstückhaft erschlossenen Œuvre transkribiert – sowohl für Aufführungen als auch zur kritischen Einordnung seines Schaffens. Die Vorbereitungen zu Tagung und Jubiläum haben zudem die weite zeitgenössische Rezeption seiner Musik sichtbar gemacht: im mitteleuropäischen Raum (Mitteldeutschland, Elsass, Schweiz, Österreich, Südtirol), in Zentraleuropa und Skandinavien sowie bis in die Jesuitenreduktionen Südamerikas.
Ein Bremgarter Bürger, der in Augsburg Karriere machte und dessen Musik bereits um 1700 bis nach Südamerika rezipiert wurde: Johann Melchior Gletle gehört zu den faszinierenden, noch immer zu wenig bekannten Figuren der Musikgeschichte der Alten Eidgenossenschaft – mit globaler Reichweite.
Daniel Schnyder ist seit jeher fasziniert von den Schnittstellen zwischen Musikstilen und -traditionen weit über Europa hinaus. In den Hirschmann-Meisterkursen teilt er seine Erkenntnisse mit dem Nachwuchs.
Christoph Geissbühler
- 15. Juni 2026
«Worlds Beyond Orchestra 2025»: Probe zum Konzert im Rahmen des Lucerne Festivals Foto: Hirschmann-Meisterkurse
Seit rund 30 Jahren hat der in Zürich geborene Komponist und Multiinstrumentalist Daniel Schnyder seinen Lebensmittelpunkt in New York City. Trotzdem ist er nach wie vor regelmässig in der Schweiz, gibt Konzerte und Meisterkurse und setzt sich eingehend mit der hiesigen Kulturszene auseinander. Dass dabei seine Zusammenarbeit mit dem von Valérie Probst gegründeten Nachwuchsförderverein Loc.Artium seit 2025 (vorher mit der Stiftung Schweizerischer Jugendmusikwettbewerb) besonders gut funktioniert, liegt nicht zuletzt am Grundgedanken dieses Projekts, den Schnyder seit Jahrzehnten konsequent lebt: die Relativierung von Genregrenzen, das aktive Hinterfragen der Unterscheidung von E- und U-Musik und den konsequenten Einbezug von Musiktraditionen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen.
Die Einengung überwinden
Daniel Schnyder gehört zu den vielseitigsten und international meistgespielten Schweizer Komponisten, dessen Œuvre viele Gattungen von Kompositionen im Stil der Renaissance und des Barocks bis hin zum zeitgenössischen Musiktheater abdeckt. Im ausführlichen Telefongespräch wird schnell klar, dass dem nicht nur unermüdliche Schaffenskraft und Neugier zugrunde liegen, sondern ebenso breite und detailreiche Kenntnisse der Musikgeschichte über sämtliche Traditionslinien hinweg. Dabei geht es ihm nicht primär um Positionsbezüge oder theoretische Diskussionen, vielmehr möchte er an teils jahrhundertealte Tatsachen, Einsichten und Bewegungen erinnern, die in der allgemeinen Entwicklung der modernen Musik oft ungenügend rezipiert oder gar bewusst ignoriert wurden.
Die Auswirkungen dieser Entwicklung seien offensichtlich, erläutert Schnyder. Die Zweite Wiener Schule und der daraus hervorgegangene Serialismus wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vom akademischen Musikbetrieb als absolut postuliert; die entsprechenden Werke werden heutzutage aber kaum noch aufgeführt. Die vielen Gegenbewegungen (unter anderem unter dem Begriff «Third-Stream-Music» zusammengefasst), die als Reaktion auf diese Einengung entstanden, sind in den meisten Fällen auch nicht bis in den etablierten Konzertbetrieb vorgedrungen. Und dessen Kanon wiederum entwickelt sich seit Jahrzehnten kaum weiter, als wolle man der grossen Unübersichtlichkeit mit ebenso resoluter Besitzstandswahrung begegnen. Der grundsätzlichen Offenheit gegenüber der Jazzmusik und anderer nicht europäischer Musik, die vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet war, möchte man heute zwar Rechnung tragen – über die rein formale Zusammenführung von Jazz- und Klassikdepartementen an Musikhochschulen hinaus bleibe jedoch der angestrebte Austausch unter allen Beteiligten hinter den Erwartungen zurück.
Offene Grundhaltung fördern
Auch die Tatsache, dass Maurice Ravels Bolero und Georges Bizets Oper Carmen bis heute zu den meistgespielten Orchesterwerken respektive den erfolgreichsten Opern überhaupt gehören – und beide explizit von nicht europäischer Musik inspiriert sind – führt Schnyder gern ins Feld, um klarzumachen, dass seine Ansichten weder neu noch revolutionär sind. Vielmehr ist ihm wichtig, das Bewusstsein für eine offene Grundhaltung zu bewahren und zu fördern, damit sich das zeitgenössische Musikschaffen ohne Scheuklappen und adäquat mit der aktuellen Gesellschaft auseinandersetzen kann. Bestehende Strukturen zu kritisieren, wäre hierbei fehl am Platz, da erstens musikalische Entwicklungen schon immer als Reaktionen auf gesellschaftliche stattgefunden haben und zweitens, weil der aktuelle Musikbetrieb durch die neuen medialen Entwicklungen starkem Druck ausgesetzt ist. Dennoch betrachtet es Schnyder als unerlässlich, überholten Vorurteilen konsequent entgegenzuwirken und vor allem auch dem musikalischen Nachwuchs diese grundsätzliche Offenheit überhaupt erst zu vermitteln.
In den Hirschmann-Meisterkursen, die Valérie Probst auf eine Anfrage der Hirschmann-Stiftung hin entwickelte, hat er hierfür ein vortreffliches Betätigungsfeld gefunden. Obwohl es in der Schweiz bekanntlich nicht an Stiftungen und sonstigen Förderorganisationen mangelt, erachtet er gerade dieses hochspezialisierte Projekt, das immer noch nicht ohne Weiteres aus den bestehenden akademischen Strukturen heraus konzipiert werden könnte, als bemerkenswert. Umso mehr bedauert er, dass das diesjährige Abschlusskonzert nicht mehr im Rahmen des Lucerne Festivals stattfinden wird.
Kulturelle Traditionen musikalisch verbinden
Die Hirschmann-Meisterkurse finden alljährlich in der Schweiz oder im umliegenden Ausland statt und bringen Musikhochschulabsolventinnen und -absolventen mit international führenden Musikerinnen und Musikern unterschiedlicher Traditionen zusammen. Bisher haben folgende Komponisten die Meisterkurse musikalisch gestaltet: Fabian Müller, Klaus Ospald, Xavier Dayer, Philippe Racine, Jörg Widmann, Richard Dubugnon, Oscar Bianchi, Daniel Schnyder, Till Löffler, Felix Baumann und Daniel Fueter. In den letzten Jahren wurde der Fokus nun gemeinsam mit Daniel Schnyder auf Musik aus nicht europäischen Kulturen gerichtet: Im Jahr 2023 erwuchs unter dem Titel «Worlds Beyond Orchestra» ein vielseitiges Programm, das gemeinsam mit Musikern aus New York unter anderem am Eröffnungskonzert des Lucerne Festivals aufgeführt wurde.
Im letzten Jahr fand der Kurs unter dem Titel «Silkroad» statt. Das Programm beinhaltete Verbindungen zwischen orientalischen Klangfarben, Rhythmen und musikalischen Ausdrucksformen sowie der klassischen Musik, in der die jungen Virtuosen ausgebildet sind. Zusammen mit Musikerinnen und Musikern aus China und dem Mittleren Osten entstanden musikalische Brücken zwischen neuen Kompositionen, traditionellen arabischen Rhythmen und bekannten Werken der europäischen Klassik.
So verbanden sich unterschiedliche kulturelle Traditionen zu einem vielschichtigen musikalischen Werk, das auch die urbane Klangwelt der Gegenwart widerspiegelte. Das klassische Streichorchester wurde durch die Klänge von Pipa und Nay sowie durch traditionelle Schlaginstrumente wie Riqq, Darbuka und Rahmentrommeln erweitert. Vierteltöne, ungewohnte Rhythmen und melismatische Melodielinien verliehen der Musik zusätzliche Nuancen. Einen besonderen Kontrast setzte das westliche Saxofon. Es steht für die Welt des Jazz, der seit jeher Einflüsse aus unterschiedlichen Traditionen aufnimmt. Zugleich verkörpert es das Prinzip der spontanen musikalischen Erfindung, der Improvisation, die in vielen östlichen Musiktraditionen zentral ist und im Jazz eine neue Rolle erhielt.
Im laufenden Jahr werden am Hirschmann-Meisterkurs Blasinstrumente im Zentrum stehen und für 2027 ist eine eingehende Auseinandersetzung mit afrikanischen Musiktraditionen geplant. Anmeldungen sind noch möglich: https://locartium.ch/de/progr/worlds-beyond-2026-brassology
Das Schöpferische erproben
Erstmals fand im Stellwerk Basel Ende Mai das «Atelier Création» statt, ein kleines, von der Musik-Akademie Basel initiiertes Festival, das sich der Kreativität widmet, an der Nahtstelle von Laien und Professionalität.
Thomas Meyer
- 12. Juni 2026
Fotos: Donata Ettlin
Vierzig Minuten dauerte die freie Improvisation, lange für ein Laienensemble, das erst seit drei Jahren in diese Musik hineingewachsen ist. Die Teilnehmenden, vier Frauen und ein Mann, brachten die Instrumente im Raum verteilt auf unterschiedlichste Weise zum Klingen. Es waren nicht «ihre» Instrumente, die sie bedienten, und so lässt sich auch nicht von einem Spielen im üblichen Sinn eines Beherrschens sprechen. Vielmehr war es eine gemeinsame Entdeckungsreise, wobei sie von zwei Profis, Peter Schärli an der Trompete und Sylwia Zytynska an der Perkussion, unterstützt wurden. Das integrierte sich alles mühelos, ein Ganzes entstand, worüber sich die fünf im Gespräch danach selber erstaunt – und berührt – zeigten.
In diesem Ü65-Impro-Ensemble mit dem Namen Ad libitum sind Menschen mit unterschiedlichem Background zusammengekommen im gemeinsamen Wunsch, Musik zu machen, ja, endlich das Instrument zu spielen, das sie sich ein Leben lang gewünscht hatten. Das Ergebnis, zu erleben im Rahmen des Festivals «Atelier Création», klang vielversprechend, die Aktion sei zur Nachahmung empfohlen. Es geht, wie Zytynska, die künstlerische Leiterin, in der Einleitung des Programmhefts schreibt, um einen Ort, «an dem nicht Können oder Wissen im Vordergrund stehen, sondern Neugier, Präsenz und die Bereitschaft zu hören und mitzumachen». Das sprang am ersten Festivalabend aufs Publikum über.
Am folgenden Tag trat die junge Generation auf, das Ensemble ImproNext, das seit Langem an der Musikschule Basel besteht. Das Projekt wird jedes Jahr in zwei Altersgruppen (12–15 und 15–19 Jahre) durchgeführt – unter der Leitung von Zytynska und dem Geiger Egidius Streiff. Die gezeigte Konzeptimprovisation der Jugendlichen Am Puls der Stadt führte in ganz andere Klangräume. Die Tonmeisterin Małgorzata Albińska Frank mischte konkrete Klänge und Geräusche aus dem urbanen Arbeitsumfeld hinein. Eine vielschichtige Klangkulisse drehte sich im Raum. Vielleicht wird der eine oder die andere der Beteiligten später den Weg in die Musikwelt einschlagen, vielleicht aber werden sie auch «nur» (aber das ist so viel) mit einer intensiven Erfahrung und offenen Ohren in die Welt hinausgehen. Auf der Spur des Schöpferischen.
Zuhören Schweiz und Stellwerk als Partner
Etwas Wesentliches bei diesem «Atelier Création» nämlich ist der Fokus auf dem Musikschaffen von Laien, an den unterschiedlichen Nahtstellen (bekanntlich auch Sollreissstellen) zur Professionalität. Das kleine Basler Festival, das am letzten Maiwochenende erstmals stattfand, verliess bewusst den Campus der Musik-Akademie, die Initiantin und Förderin des Anlasses ist, und suchte einen anderen Ort der Kreativität auf. In den gedrängten Räumlichkeiten des Stellwerks im Bahnhof St. Johann ist seit 2010 die Kreativbranche eingezogen. Das Restaurant Perron bietet eine kleine Konzertbühne. Als Gastgeberin wirkte die Geschäftsleiterin des Vereins Stellwerk Xenia Fünfschilling ebenfalls in der Programmgruppe des Festivals mit, so wurde der Ort mitbedacht und trug zum Gelingen bei.
«Hörminuten», stille Momente des Innehaltens und Aufmerkens mitten in der Stadt.
Da Sylwia Zytynska auch die Gründerin und künstlerische Projektleiterin von «Zuhören Schweiz» ist, erhielt dieser Verein ebenfalls eine wichtige Rolle. Die «Hörminuten», stille Momente des Innehaltens und Aufmerkens – ein genuines Projekt des Vereins –, eröffneten das «Atelier Création» und wurden von Jugendlichen und Kindern mitten in der Stadt dargeboten. Und neben den bereits erwähnten Performances gab es auch ein zeremoniell durchkomponiertes Abendessen mit musikalischen Einlagen.
Schaufenster für den Kompositions-Workshop
Der eigentliche Ausgangspunkt zu diesem Minifestival war jedoch «Komposition Plus», ein Workshop für junge Komponierende, der heuer schon zum fünften Mal stattfand, geleitet vom Komponisten Lukas Langlotz und vom Dirigenten Matthias Kuhn. Bislang wurde der übers Jahr dauernde Kurs im internen Rahmen abgeschlossen. Um ihm mehr Öffentlichkeit zu geben, entstand das «Atelier Création», wo übrigens auch die Resultate des Workshops «Songwriting» unter der Leitung von Anna Hirsch zu hören waren. Für beide Kurse standen den Laien an allen Arbeitstagen und zum Schlusskonzert professionelle Begleitensembles zur Verfügung. Es ist ja wesentlich, dass sie das, was sie im Kopf erdacht und in die Partitur gesetzt haben, im Zuhören überprüfen und notfalls korrigieren.
Es war denn auch eine ungemein anregende Atmosphäre, die man bei den drei Arbeitstagen bzw. Ateliers von «Komposition Plus» erleben konnte. Ein Prozess kam in Gang. Die Teilnehmenden brachten ihre Partituren mit, konnten sie anhören, ganz sowie in Auszügen, konnten mit den beiden Leitern und den Musikern diskutieren und danach weiter daran feilen. «Es ist etwas, was die lernenden Komponistinnen und Komponisten so sonst kaum anderswo erfahren, insofern eine Spezialität unserer Basler Musikschule», wie Lukas Langlotz sagt und darauf verweist, dass sich einzig beim Young Composers Project am Künstlerhaus Boswil Ähnliches findet.
«Komposition Plus»
Hier darf man gehört werden wollen
Das sei es gerade, was ihn gereizt und stetig weitergebracht habe, meinte einer der Teilnehmer: Ronan Hughes, im Hauptberuf Geograf, hat die Workshops von Anfang an besucht und enorm profitiert. Davon zeugte auch sein kraftvolles und klar geformtes Stück Might. Vorgegeben war eine extravagante Besetzung mit Trompete, Posaune, Tuba, Kontrabass und Perkussion. Sie forderte heraus und führte die fünf zu ganz unterschiedlichen Lösungen. Marcus Schmied, als Perkussionslehrer am Gymnasium Leonhard tätigt, horchte auf suggestive Weise in die Obertöne und ihre Proportionen hinein. Tanja Bippus-Jäger, schon seit Längerem als interdisziplinäre Künstlerin unterwegs, entwickelte ein grooviges und abwechslungsreiches Stück namens G wie Gott und G wie Goethe. Caner Öztas und Gion Pinösch wiederum, die Jüngsten, beide vor der Matura stehend, stellten eine sehr appellative Musik vor: Öztas, indem er für Heimweh die Instrumente durch den Raum wandern liess, und Pinösch, indem er in Aufbruch auf die Weltlage reagierte und seine Musik in einem Frieden enden lässt. Das klang alles sehr frisch – und getragen auch vom Wunsch, damit hervorzutreten und sich hören zu lassen. Ja, auch das ist ein Moment, das sich Laien oft nicht recht zutrauen: gehört werden wollen.
Transparenzhinweis: Der Autor übernahm bei der Veranstaltung eine moderierende Rolle und schrieb einen Essay fürs Programmheft, ist also durchaus für das Projekt eingenommen. Es scheint ihm aber schlicht zu wertvoll, als dass es unerwähnt bleiben dürfte.
Neue künstlerische Co-Leitung für das Collegium Novum Zürich
Alexandre Babel und Joan Jordi Oliver übernehmen ab dem 1. August 2026 die künstlerische Co-Leitung beim Collegium Novum Zürich (CNZ).
CNZ
- 08. Juni 2026
v.l. Joan Jordi Oliver und Alexandre Babel. Foto: Benoît Piccand
Der Schlagzeuger, Komponist und Kurator Alexandre Babel war unter anderem Mitglied des Ensembles KNM Berlin und künstlerischer Leiter des Eklekto Geneva Percussion Center. Er entwickelt Projekte, die die Erwartungen des Publikums in Bezug auf die Eroberung neuer Kontexte hinterfragen. 2021 wurde er mit dem Schweizer Musikpreis ausgezeichnet.
Joan Jordi Oliver ist Saxofonist, Komponist und Kurator. Derzeit ist er künstlerischer Leiter des Ensembles TaG Neue Musik Winterthur und kuratiert die Konzertreihe «Strom am Mittag» sowie verschiedene Projekte an der Schnittstelle von zeitgenössischer, experimenteller und elektronischer Musik.
Die neue Co-Leitung folgt auf Matthias Arter und Andri Hardmeier, die das künstlerische Profil des CNZ in den vergangenen Jahren mit neuen Formaten und Konzertreihen entscheidend geprägt und weiterentwickelt haben.
Ausgabe 3/2026 – Focus «Glück»
SMZ
- 04. Juni 2026
Inhaltsverzeichnis
Focus
Glücksbringerin am Pflegebett
Interview. Die Musikspitex versorgt zu Hause oder im Heim mit Seelennahrung. In Eins-zu-eins-Konzerten wenden sich Mirjam Toews und ihr Team geschwächten, demenzkranken oder sterbenden Menschen zu. Wie sehr dies berührt, bestätigen eine Aktivierungsfachfrau und eine Angehörige. Und wir erleben es bei Herrn J.
Glücklicher mit Musik Es ist gar nicht so einfach, seine Lebenszufriedenheit zu erhöhen. Musik kann dazu beitragen, vorausgesetzt, man hört sie in dieser Absicht. Das findet jedenfalls eine amerikanische Doppelstudie.
Zwischen satirischem Chanson und Spass-Rock Musik und Humor passen gut zusammen. Das wusste man schon in der Antike, und auch heute machen Künstlerinnen und Künstler das Publikum mit dieser Verbindung glücklich. Einige Beispiele aus der Romandie.
Eine Anstiftung zum Singen im Alltag
Als Menschenrecht versteht der Autor das absichtslose, selbstvergessene Singen, und er regt dazu an, sich dieses oft verlorene Glück wieder zu erobern.
Der Platz in der gedruckten Ausgabe reicht längst nicht für alle Texte, deshalb werden sie hier aufgelistet und auf die entsprechenden Online-Artikel verlinkt. Diese sind grösstenteils schon vor Erscheinen der gedruckten Ausgabe publiziert worden.
Kian Soltani au sommet
Considéré comme l’un des meilleurs violoncellistes de sa génération, il est un invité régulier des festivals les plus prestigieux. De retour aux Sommets Musicaux de Gstaad, Kian Soltani a donné une interprétation très remarquée de Boccherini, avec la complicité de la Camerata Salzburg. Entretien.
L’éternel jeu cristallin De passion à surprise, du classique à la pop, du décloisonnement au grand écran
Durant la première saison du Grand Récital, le 25 avril dernier, Martha Argerich et Dong Hyek Lim ont joué avec passion et sérénité, complicité absolue, avec l’éternel jeu cristallin de Martha Argerich. A la Cinémathèque, le pianiste Lucas Debargue a improvisé sur « Le Fantôme de l’Opéra ».
Annäherungen an den Kosmos
Das Festival Interfinity in Basel hat sich innerhalb weniger Jahre als erfolgreiche Veranstaltungsreihe etabliert, die Musik und Wissenschaft verbinden will. Die Ausgabe 2026 stand vom 7. bis 20. März unter dem Motto «Exoplaneten & Kosmos».
Die Zukunft der Kunstmusik gestalten
Die diesjährige Ausgabe von Classical:Next, des weltgrössten Fachtreffens für klassische und zeitgenössische Musik, fand in Budapest statt. Die Schweizer Beteiligung war marginal.
SGNM: Ende einer Institution
Nach dreissig Jahren übergibt die Schweizerische Gesellschaft für Neue Musik ihr Mandat als ISCM Switzerland an die Schweizer Musikedition. Ein Rückblick auf Geschichte, Krisen und Leistungen eines Vereins mit schmalem Budget und grossem Wirkungskreis.
Barockmusik aus der Schweiz? Durchaus!
Vor 400 Jahren wurde Johann Melchior Gletle im aargauischen Bremgarten geboren. Sein Lebensweg führte ihn als Organisten und Domkapellmeister nach Augsburg.
Ein neuer Konzertsaal für Altdorf
Seit die Winter wärmer und die Skipisten kürzer werden, haben die Bergregionen den touristischen Sommer entdeckt und mit ihm die Kultur. Andreas Haefliger will das alte Zeughaus im Urner Kantonshauptort dafür umbauen.
Ein Haus der Volksmusik für alle
Carte blanche für Markus Brülisauer
Ein Resonanzraum für Zürichs Klassiktalente
Die Förderlandschaft für die musizierende Jugend ist im Kanton Zürich um eine Plattform reicher: «Zurich Youth Classical» ZYC will mehr sein als ein Wettbewerb. Die künstlerische Persönlichkeit soll im Mittelpunkt stehen.
Fleiss, Talent, Ausdauer und eine Prise Menschenkenntnis sind die Grundbedingungen einer erfolgreichen Karriere. So ganz ohne glückliche Zufälle geht es aber selten. Die hier folgenden vollständigen Zitate ergänzen den Artikel «Am seidenen Faden des Glücks» von Hanspeter Künzler in der Ausgabe 3/2026.
Diverse, Redaktion SMZ
- 04. Juni 2026
Die Zitate sind in alphabetischer Reihenfolge der Vornamen aufgelistet. Hanspeter Künzler hat die Musikschaffenden im Frühling nach «Sliding-Doors-Momenten» gefragt, wo Zufall und Glück dem Weg wichtige neue Impulse gaben.
Cooles Thema … eines, das mich fast täglich begleitet, denn ich habe tatsächlich immer wahnsinnig viel «Glück».
Ich habe mir dazu ein paar Gedanken gemacht und bin irgendwie immer wieder beim Gleichen gelandet: Das Glück ist sehr oft einfach nur um die Ecke, aber man muss auch parat dafür sein, es sehen und annehmen.
Viele Momente, in denen ich wohl «Glück» hatte, hatten auch mit viel Resilienz, Arbeit und Hartnäckigkeit zu tun. Es heisst ja schliesslich nicht umsonst: «Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.» Denn niemand hat auf einen gewartet, und man muss proaktiv sein, um Chancen zu nutzen, die auch als «Glück» deklariert werden könnten.
Zum Beispiel: Als ich unbedingt ein US-Booking wollte, schrieb ich meinem heutigen Agenten, dass ich nächste Woche in L.A. sei und ob er mit mir einen Kaffee trinken gehe. Ich hatte kein Ticket nach L.A. und keinen Urlaub geplant. Als ich Glück hatte und er «Ja, why not» schrieb, buchte ich mir ein Ticket und flog nach L.A. … Wir haben nun drei US Touren gespielt – Glück gehabt, aber eben auch proaktiv.
Ansonsten würde ich sagen, dass mein «Sliding-Moment» folgender war:
Ein Freund fragte mich, ob ich für die Kebab-Bude, bei der er im Sommer aushalf, ein Banner zeichnen könne. Die Bude mit dem Banner wurde am Zürich Openair aufgestellt und ich bekam als Bezahlung Openair-Tickets. So stand ich dann da, unwissend, dass dieser Abend alles Gang setzen würde. Ich sah mir einige Bands an und landete schliesslich bei einem Konzert einer Band, die ich wenige Wochen zuvor auf KEXP entdeckt hatte. Wolf Alice. Nach dem Konzert wusste ich: Ich muss jetzt auch eine Band gründen, damit wir eines Tages Support für Wolf Alice sein können. Das sieht nach Spass aus, das möchte ich auch machen. Und so war es dann auch.
Ich möchte antworten, ohne es gross zu Tode zu denken: Ich kam vom Sommerlager nach Hause, wo ich zum ersten Mal ein paar Gitarrenakkorde gelernt hatte. Ich war angefressen und nur ein paar Tage später kam mein Papa nach Hause mit einer Gitarre in der Hand, die er bei einem Strassenflohmi für 50 Franken per Zufall gesehen hat, als er auf Montage war, er war Innendekorateur. Was für ein Glück das für mich war, was für eine Inspiration, und wie schön, dass mein Papa meine Angefressenheit mit dem Gitarrespielen ohne zu zögern gleich genährt hat.
Von der Persönlichkeit her neige ich dazu, die Realität auf der anderen Seite der Sliding Doors sofort als neue Normalität anzunehmen. Retrospektiv erscheint es mir dann völlig naheliegend, dass ich durch diese Türen geschlüpft bin und sich alles so ergeben hat … Also keine prägnanten Fügungsgefühle meinerseits.
Im Prozess einer längeren Psychotherapie gab es jedoch einen absoluten Schlüsselmoment. Nämlich als mein ganzer Körper bis in die Tiefe verstanden hat, dass Selbstwert und Musik entkoppelt werden können. Seit diesem Tag exponiere ich mich musikalisch richtig gern, davor war’s oft mit Leiden verbunden.
Mitte August 2025 wurde ich zu einem Vortrag über Glück eingeladen. Ich hatte mich ca. sechs Monate intensiv mit Glück und dessen Bedeutung beschäftigt. Ich nutze oft die Redenwendung «Jetzt habe ich aber Glück gehabt in alltäglichen Momenten. Für mich gibt es verschiedene Glücksmomente. Ich beziehe es auf meine Berufung. Ich bin Jazzmusikerin und liebe es, mein Instrument zu erkunden und meine Liebe zur Musik über Musik an andere Menschen weitergeben zu können.
Ich bin gerade auf Südfrankreich-Andalusien-Tour und das Feedback an alle meine Mitmusiker ist, dass wir so glücklich ausschauen und aber auch einen Spagat zwischen unserer gesellschafts-politischen Lage und der Leichtigkeit im Spiel machen. Es «gelingt» uns, die Menschen mitzunehmen. Ich erlebe dieses Glück in jedem Konzert. Wir üben und üben, doch da ist die Energie, die du nicht üben kannst, sondern die sich wie ein magischer Faden durch den Raum spannt. Das nenne ich Glück und was fällig ist, fällt einem irgendwann zu. Etwas, was ich nicht mit Worten beschreiben kann.
Ich hatte aber dennoch zwei Schlüsselerlebnisse, die mir dieses Glück, die Kraft der Musik, die Kunst dessen zu spüren und weiterzugeben, näherbrachte. Ich war noch im Studium, als ich eingeladen wurde, bei der IASJ (International Association of Schools of Jazz) als Saxofonistin in Helsinki mitzuwirken. Unter der Leitung von David Liebman kamen viele Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker zusammen, wurden in Gruppen eingeteilt, und haben zusammengespielt. Und dann gab es diesen einen Moment. Ich spielte in einer Band mit dem US-Drummer Brandon Lewis zusammen. Wir spielten einen Jazz-Standard und da passierte es. Ich fiel in Trance. Ich kann mich nur noch dran erinnern, als ich plötzlich erwachte. Das war das Ende des Saxofon-Drum-Solos. Ich weiss nicht mehr was passierte in diesen zwei oder drei Minuten? Es war aber so atemberaubend, dass mir klar wurde, das will ich. Das war für mich ein sehr starkes und konkretes Glücksgefühl in der Musik.
Das Gleiche passierte mir fünf Jahre später. Wieder im Improvisationsbad mit Drums und Saxofon. Und dann habe ich realisiert, dass da was passiert. Da wusste ich, das ist kein Zufall mehr, sondern das soll so sein. Und diese Energie, die sich da aufbaute, spiegelte sich im Publikum wider. Trance-Zustand pur.
Da möchte ich Bandleader Pepe Lienhard zitieren: «Wenn das Glück kommt, muss man parat sein.» Mir kommt kein Moment in den Sinn, der pures Glück war. Fügung schon eher, also das Zusammenspiel von Vorbereitung, Intuition und von Kräften, die nicht in meiner Hand liegen. Wir vermischen wohl auch oft Schicksal und Glück. Wer weiss schon, was das für Kräfte sind, ob sie überhaupt real sind? Defensive Menschen nennen Glück Privilegien und kreative Menschen nennen Glück Chancen.
Ich würde erst mal sagen, als gläubiger Christ gibt es da bei mir zwei Ebenen – die klingt nicht sehr spektakulär und sexy: Ich bin vollkommen überzeugt und habe immer und immer wieder erfahren, dass die «Sliding-Doors-Momente» jeden Tag stattfinden, auch im Beruf und gerade auf der Bühne – dem Inbegriff für das Agieren im Hier und Jetzt. Ich habe derart viele solche Momente erlebt, wo ich mich getragen, inspiriert und frei fühlte auf der Bühne, obwohl es dafür nicht den geringsten Grund (etwa das sogenannte «Selbstbewusstsein») gegeben hätte, sondern nur Angst und Ungewissheit. Glück und Zufall also haufenweise; jeder gelungene, berührende Ton (auf der Gitarre wie beim Gesang) ist – ich spiele Songs nie zwei Mal gleich – im Grunde Glück und Zufall. Und eben … es ist kein Eigenverdienst.
Drei Beispiele aus meiner Karriere, wo es aufgrund glücklicher Fügungen – und aufgrund von wunderbaren Menschen, die es inszenierten – einen gehörigen Ruck gab:
Beispiel 1)
Polo Hofer. Ende der 1990er-Jahre wurde Polo auf mich aufmerksam (ich glaube, es passierte aufgrund einer Empfehlung von Hank Shizzoe) und wir begegneten uns dann auch zwei, drei Mal auf der Bühne und im Studio. Polo gab mir zu verstehen, dass ich in seinen Augen ein «Künstler» sei (eine gehörige Portion Honig, ich genoss sie); er erwähnte meinen Namen auch einige Male in den Medien – und irgendwann Anfang der 2000er-Jahre, im Interview für die renommierte Kulturbeilage einer grossen Tageszeitung, musste er auf verschiedene neunmalkluge Fragen antworten. Eine davon war: «Züri West oder Patent Ochsner?» Polo, schlagfertig wie er war, antwortete mit: «Richard Koechli» … Das war in der Szene für mich der Ritterschlag.
Beispiel 2)
Bei einem Blueskonzert in Luzern, ich glaube Ende der 1990er-Jahre, erhielt ich die Gelegenheit, als Slidegitarrist spontan für ein, zwei Songs beim renommierten US-Blueser Larry Garner mitzuspielen. Larry sagte danach noch auf der Bühne zu mir: «Ich werde mich an deinen Namen und an dein Gesicht nicht erinnern – aber deine Slidegitarre werde ich nie vergessen.» Das war der persönliche Ritterschlag in der Blues-Szene; von da an wusste ich: «Mit der Slidegitarre (und nur mit ihr) kannst du auf jeder Bühne und in jedem Kontext dieser Welt auf Augenhöhe frei aufspielen. Es ist dein Joker.»
Beispiel 3)
Vor allem am Anfang meiner Karriere – als ich noch nicht Sänger war und «nur» instrumental arbeitete – träumte ich stets davon, interessante Jobs in der Filmmusik-Szene zu erhalten. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich dort eine Tür aufstossen könnte (quasi jeder Slidegitarren-Job in der Film- und Werbe-Branche ging damals an Max Lässer, mit gutem Recht), und es passierte für mich rein gar nichts in dieser Richtung. Fast 20 Jahre später (2012), ich dachte längst nicht mehr an den Filmmusik-Traum, kam plötzlich die Anfrage von Peter Von Siebenthal (ex-Züri West) – Peter war inzwischen ein renommierter Filmmusik-Produzent, und er suchte Bluesmusik für einen Spielfilm. Das Projekt war noch nicht konkret; ich schickte ihm ein paar Aufnahmen von mir, hörte dann ein Jahr lang nichts mehr – und dann, ich hatte das Ganze bereits vergessen, kam die Zusage: Du spielst Gitarrenmusik zur Verfilmung des Pedro Lenz-Erfolgsromans Der Goalie bin ig. Das war an sich bereits ein Highlight für mich – die Arbeit mit Peter zusammen war derart locker, inspirierend und frei, dass ich mir schon beinahe unverschämt vorkam: Ich improvisierte zu laufenden Filmszenen und hatte noch nie zuvor (und nie danach) auf spielerische Weise derart gutes Geld verdient. Der eigentliche Knüller kam aber danach – als dieser Film 2014 bei der Schweizer Filmpreisverleihung flächendeckend abräumte und wir auch für die Filmmusik ausgezeichnet wurden. By the way, einer von uns beiden musste die Dankesrede halten; Peter wollte das auf gar keinen Fall, und ich – als Stotterer – griff zum Kunstgriff, die Rede singend zu halten (https://www.srf.ch/play/tv/kultur-extras/video/beste-filmmusik-peter-von-siebenthal-und-richard-koechli?urn=urn:srf:video:3c6a76a8-3e78-4061-84df-306493765c63). Das wurde zur Attraktion des Abends – alle meinten, der Koechli sei ein unglaublich origineller Kerl, haha, wo es doch bloss eine (vorbereitete) Notlösung war. Fazit: Den Filmmusik-Traum hatte ich damals längst ausgeträumt gehabt. Wenn du Träume aufgibst, nichts erzwingen willst und vom Schicksal auch nichts erwartest – können Türen plötzlich unverhofft aufgehen, und du gewinnst z.B. eben beim ersten Filmmusik-Job gleich den Schweizer Filmmusikpreis. Für mich stimmt somit die Formel «hör nie auf zu träumen» definitiv nicht …
Alle drei Beispiele zeigen, dass diese Sliding-Doors-Momente immer und ohne Ausnahme von Menschen ermöglicht werden, die für andere Menschen irgendetwas tun und ihnen eine Chance oder auch «nur» ein konstruktives Feedback geben. Das ist der freie Wille des Menschen – Gott kann nur durch Menschen wirken und Türen öffnen. Der Mensch muss das Spiel nicht mitmachen, wenn er nicht will. Jeder glückliche Mensch allerdings versucht, diese Rolle zu spielen – weil er weiss, dass auch sein Glück nur dadurch ermöglicht wurde.
Fai Baba und ich kannten uns mehr oder weniger flüchtig aus der Musikszene, über die Jahre mal hier oder dort am selben Festival gespielt und kurz Hallo gesagt, etc.
Im Spätherbst 2021 haben wir uns dann bei Till Ostendarps grossem «BlauBlau Alle Sterne» im Dachstock der Reitschule Bern ein bisschen besser kennengelernt. Und dann haben wir uns für den 21. Dezember 2021 in meinem Studio verabredet zum Hängen und Gitarre spielen. Als wir gemeinsam in den Keller hinunterstiegen, habe ich schnell realisiert, dass mein Studiopartner Paul Märki dummerweise schon da ist – ich hatte vergessen, eine Reservation in unserem Studio-Kalender zu machen, so doof!
Etwas beschämt stelle ich also Paul und Fai einander vor. Während Paul seine Sachen zusammenpackt, beginnt Fai auf seiner Gitarre zu spielen und wir hangeln uns durch den Smalltalk. Irgendwie entsteht die Idee, dass wir ja auch alle drei zusammen spontan etwas aufnehmen könnten. Paul setzt sich ans Drum, ich nehme den Bass und los gehts. Ein paar Stunden später laufen wir begeistert und etwas ungläubig mit einem fertigen Instrumental-Tune namens Winter Solstice aus dem Studio.
Über die Weihnachtszeit haben wir dann voller Stolz unseren Familien und Freunden diese Musik gezeigt, und sie freuten sich mit. Also mussten wir uns nochmal treffen und schauen, ob’s wieder funktioniert – und das tat es! So entstand unser Debütalbum Löwenzahnhonig. Wir konnten uns nicht ausmalen, was alles noch kommen würde.
Nächste Woche fahren wir zum wiederholten Mal auf Europatour mit unserem zweiten Album Kirschblütenboogie, diesmal bis nach England. Die Show in London ist schon seit Wochen ausverkauft. All das wäre nicht passiert, hätte ich im Dezember 2021 eine Reservation im Studiokalender gemacht.
Ich frage mich das oft, wieso ich in meiner Karriere da stehe, wo ich stehe: Dozentin an der Hochschule der Künste Bern und Solo-Fagottistin im Musikkollegium Winterthur. Wo würde ich heute sein, wenn mir andere Türen geöffnet worden wären?
In meine Ausbildung habe ich viel investiert, besonders im Alter von 14 bis 25 Jahren habe ich etliche Stunden mit meinem Instrument, dem Fagott, verbracht, mich täglich gefilmt, analysiert und verbessert.
Heute weiss ich, dass diese Investition alleine aber nicht gereicht hätte. In der Mathematik gibt es richtig oder falsch – in der klassischen Musik, in der Kunst allgemein, ist das alles etwas komplizierter …
Als ich 19 Jahre alt war, habe ich für das Praktikum im Musikkollegium Winterthur vorgespielt, und das «Glück» gehabt, dass meine Art den musikalischen Geschmack der Jury getroffen hat – insbesondere den des damaligen Solo-Fagottisten. Ich denke, er hat etwas in meinem Spiel gehört, das ihn berührt hat. Dabei darf man natürlich nicht vergessen, dass ich vor und nach diesem Moment an etlichen anderen Probespielen nicht in die engere Auswahl kam.
Ich fühlte mich in dem Holzbläser Register des Musikkollegiums auf Anhieb sehr wohl und konnte mich gut klanglich mischen – die Chemie hat gestimmt! Und so geschah es, dass ich mich musikalisch und persönlich im Musikkollegium Winterthur neben meinem Mentor weiterentwickeln durfte. Drei Jahre später ging «glücklicherweise» der 2. Fagottist des Orchesters in Pension, der die Stelle für mehr als 30 Jahre besetzt hatte und mir gelang es, mich am Probespiel gegen alle anderen durchzusetzen.
Obwohl ich mich auf der Stelle des zweiten Fagottes wohl gefühlt habe, spürte ich klar, dass ich der Welt mehr von mir und meiner musikalischen Persönlichkeit zeigen möchte, und machte Probespiele für Solo-Fagott Positionen in Lugano und München – ohne Erfolg.
Mein Karrieresprungbrett hat sich durch ein sehr trauriges Ereignis ergeben: Mein Kollege, mein Mentor und Vorbild, erkrankte schwer und verstarb im Jahr darauf. Er war nicht nur Solo-Fagottist des Musikkollegiums Winterthur, sondern auch Dozent an der Hochschule der Künste Bern. Und so geschah es, dass ich nach verschiedenen Verfahren in seine Fussstapfen treten durfte, in Bern sowie in Winterthur. Manchmal ist es für mich schwierig, auf seinem Platz zu spielen, denn je nach Stück kommen Erinnerungen an ihn hoch, die mich traurig stimmen. Aber ab und zu passiert es, dass ich kurze Passagen nicht wie «ich», sondern unbewusst wie «er» spiele, zum Beispiel bei Brahms Sinfonien, die ich etliche Male neben ihm gespielt habe und seine Spielart unbewusst aufgesogen habe. Diese Momente rutschen mir dann so quasi heraus. Das bringt mich dann oft zum Schmunzeln.
Ich wünschte, er würde noch heute auf seinem Stuhl in Winterthur sitzen und uns alle mit seinem Spiel inspirieren. Ich wäre einfach einen anderen Weg gegangen und würde heute vermutlich irgendwo anders meine Musik machen und/oder lehren, denn in meiner Jugend habe ich genug dafür investiert und heute Ressourcen, auf die ich zurückgreifen kann, auch dank meinen Eltern, die mir diesen Weg ermöglicht haben.
Nachtrag vom 18. Mai: Gerade vor zwei Tagen hat sich mein Lebenslauf noch geändert. Habe ein Probespiel gewonnen und werde ab nächster Saison als Solo-Fagottistin im Orchester Santa Cecilia in Rom spielen.
Veronica Fusaro (Sängerin, Songschreiberin – protokolliert vor ihrem ESC-Auftritt)
Sitze grad im Makeup-Stuhl und habe eine Minute, um dir antworten zu können 🙂 Ich glaube nicht an den einen entscheidenden Sliding-Doors-Moment, in dem plötzlich alles kippt. Rückblickend ist es eher die Summe viel kleiner Entscheidungen, Begegnungen und Erfahrungen, die meinen Weg geprägt haben. Diese einzelnen Schritte haben mich Stück für Stück in dem bestätigt und gestärkt, was ich heute mache. Spannend ist aber: Gerade aktuell habe ich das Gefühl, dass sich vieles verdichtet und plötzlich klarer wird, als würden sich diese Entwicklungen jetzt zu einem grösseren Bild zusammenfügen.
Europäische Studie über die Auffindbarkeit kultureller Inhalte in der digitalen Welt
Die Europäische Kommission hat in der breit angelegten Untersuchung «Study on the discoverability of diverse European cultural content in the digital environment» analysiert, wie sichtbar kulturelle Inhalte im digitalen Raum tatsächlich sind. Die Studie, erarbeitet von einem internationalen Forschungskonsortium, kommt zu einem klaren Schluss: Nicht das Angebot entscheidet, sondern die Auffindbarkeit.
Thomas Wiederkehr
- 02. Juni 2026
smuki/depositphotos.com
Die Dynamiken, die auf europäischer Ebene sichtbar werden und in der europäischenStudie benannt werden, betreffen die Schweiz in besonderer Weise. Denn die Mechanismen, die darüber entscheiden, welche Musik gehört wird, wirken auch hier, treffen jedoch auf einen Markt, der durch mehrere Sprachräume zusätzlich fragmentiert ist.
Algorithmen entscheiden, was gehört wird
Streaming-Plattformen sind heute der wichtigste Zugang zu Musik. Welche Songs dort sichtbar sind, hängt stark von algorithmischen Empfehlungen und kuratierten Playlists ab.
Diese Systeme orientieren sich primär an bestehenden Hörgewohnheiten und globalen Trends. Verstärkt wird dieser Effekt durch die Marktstruktur: Ein grosser Teil der kuratierten Inhalte wird in internationalen Konzernzentralen der Streaminganbieter gesteuert, oft ohne vertiefte Kenntnisse lokaler Szenen oder kultureller Kontexte.
Das führt dazu, dass sich Aufmerksamkeit auf bereits erfolgreiche Inhalte konzentriert, während neue, lokale oder sprachlich weniger verbreitete Musik es deutlich schwerer hat, ein Publikum zu erreichen.
Sprachräume als unsichtbare Grenzen
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung bestätigt: Sprache wirkt im digitalen Raum wie ein struktureller Filter. Nutzerinnen und Nutzer bewegen sich überwiegend innerhalb ihrer Sprachräume, sogenannter «language silos».
Das hat direkte Auswirkungen auf die Sichtbarkeit: Inhalte in kleineren Sprachen werden deutlich seltener empfohlen und verbreitet als solche in global dominierenden Sprachen.
Englischsprachige Songs aus der Schweiz werden von den Plattformen nicht als «Schweizer Musik», sondern als Teil des globalen englischsprachigen Angebots behandelt. Sie konkurrieren deshalb direkt mit Millionen internationaler Veröffentlichungen – was ihre Sichtbarkeit zusätzlich erschwert.
Für die Schweiz ist diese Dynamik besonders relevant. Mit vier Landessprachen trifft hier ein kleiner Markt auf mehrere kulturelle Räume. Was sich in Europa im Grossen zeigt, verdichtet sich in der Schweiz im Kleinen: Vielfalt ist vorhanden – aber sie verteilt sich auf voneinander getrennte Wahrnehmungsräume.
Mehr Angebot bedeutet nicht mehr Präsenz
Die Zahl verfügbarer Songs wächst rasant. Gleichzeitig bleibt ein grosser Teil davon praktisch unsichtbar. Die Untersuchung beweist: Online sein allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, ob Musik überhaupt gefunden wird.
Hinzu kommt eine Entwicklung, die diese Dynamik weiter verschärft: Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz steigt die Menge an produzierter Musik nochmals stark an. Die Folge ist eine
zusätzliche Verdichtung der Konkurrenz um Aufmerksamkeit.
Damit verschiebt sich die zentrale Frage: Nicht mehr «Wird genug produziert?», sondern «Wer wird gehört?»
Sichtbarkeit als kulturpolitischen Frage
Die Ergebnisse unterstreichen, dass kulturelle Vielfalt im digitalen Umfeld nicht automatisch entsteht. Neben Plattformen spielen weiterhin kuratierte Formate, Medien und gezielte Förderung eine wichtige Rolle, um unterschiedliche Stimmen sichtbar zu machen.
IndieSuisse, SONART und der Dachverband Schweizer Musikrat setzen sich deshalb im Austausch mit Plattformen, Medien und Politik verstärkt mit der Frage auseinander, wie Sichtbarkeit im digitalen Raum gestärkt werden kann.
Auch das Publikum prägt, was sichtbar wird
Allerdings entscheiden nicht nur Algorithmen über Sichtbarkeit, sondern auch das Verhalten der Nutzerinnen und Nutzer. Ein grosser Teil der Nutzung erfolgt über vorgegebene Empfehlungen,
Trends oder automatisierte Playlists. Aktive Suche nach neuer oder unbekannter Musik findet vergleichsweise selten statt.
Wer bewusst auswählt und seinen Musikgenuss nicht nur den Algorithmen überlässt, beeinflusst unmittelbar, welche Inhalte sichtbar werden und sich verbreiten.
Möglichkeiten, Schweizer Vielfalt hörbar zu machen:
Gezielt nach Schweizer Musik suchen – statt sich nur auf automatische Empfehlungen zu verlassen
Eigene Playlists erstellen und teilen
Kuratierte Angebote nutzen, etwa Playlists von Labels oder Medien (z. B. «IndieSuisseMonday #fresh»)
Musik bewusst weiterempfehlen
Ein Thema mit wachsender Relevanz
Die Frage der Auffindbarkeit kultureller Inhalte entwickelt sich zunehmend zu einer zentralen Herausforderung für Kultur, Medien und Politik. Mit der fortschreitenden Digitalisierung verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der Produktion hin zur Distribution – und damit zur Frage, wer überhaupt sichtbar wird.
Gleichzeitig verstärken technologische Entwicklungen wie algorithmische Empfehlungssysteme und generative Künstliche Intelligenz bestehende Dynamiken. Ohne gezielte Gegensteuerung droht die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen im digitalen Raum zunehmend unterzugehen.
Was die europäische Untersuchung zeigt, ist deshalb mehr als eine Momentaufnahme:
Die Sichtbarkeit von Musik wird zur zentralen Voraussetzung dafür, dass kulturelle Vielfalt auch tatsächlich stattfinden kann.
IndieSuisse, SONART und der Dachverband Schweizer Musikrat fordern von Politik und Verwaltung geeignete Rahmenbedingungen und zeitgemässe regulatorische Antworten, um dieser wirtschafts- und kulturpolitischen Fehlentwicklung wirksam entgegenzutreten.
Auf Einladung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste präsentierte sich Bettina Skrzypczak in der Münchner Residenz mit einem Porträtkonzert unter dem Motto «Komponieren im Zeichen der Verantwortung».
Max Nyffeler
- 19. Mai 2026
Uraufführung von Bettina Skrzypczaks «A Dialogue between the Soul and Body» am 5. Mai 2026 in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München. Foto: BAdSK
Mit Kompositionen aus den letzten 25 Jahren gab es einen lebendigen Einblick in ihr reichhaltiges Kammermusikschaffen. Auf dem Programm standen fünf Werke: Das viel gespielte Flötensolo Mouvement aus dem Jahr 1999, die stachelig-virtuose Scène I für Violine und Violoncello, das Klaviersolo Daphnes Lied, komponiert 2002 für Massimiliano Damerini und die Biennale Venedig, die beim Musikfestival Bern 2023 uraufgeführte Canzona ad astra für Bariton, Klarinette und Violoncello über Textfragmente des Astronomen Johannes Kepler, sowie, als Uraufführung, A Dialogue between the Soul and Body, ein Kompositionsauftrag der Akademie.
Dem neuen Werk liegt ein Text des englischen Barockdichters und Politikers Andrew Marvell zugrunde, der die Widersprüche zwischen Körper und Seele als ein konfliktreiches Mit- und Gegeneinander ohne Ausweg beschreibt. Ein zeitlos aktuelles Thema, nicht nur für heutige Psychologen. Der Text inspirierte die Komponistin zu einem deklamatorisch gestenreichen Duett in Form von Rede und Gegenrede, wobei die ineinander verzahnten Stimmen von den fünf Instrumenten lebhaft kommentierend unterstützt werden. Mit Maud Niklas (Sopran), Robert Koller (Bariton) und den Musikern des Münchner Ensembles der/gelbe/klang unter der Leitung von Peter Hirsch wurde das Werk zum grossen Publikumserfolg.
In einem halbstündigen Gespräch mit dem Komponisten und Akademiemitglied Nikolaus Brass erhielt Bettina Skrzypczak ausserdem die Gelegenheit, ausführlich über ihre Werke und ihre künstlerischen Auffassungen zu sprechen.