Stadt Basel unterstützt weiterhin ihr Orchester

Auf der Grundlage des Berichts der Bildungs- und Kulturkommission (BKK) hat der Grosse Rat heute Nachmittag den Ratschlag betreffend Bewilligung von Staatsbeiträgen an die Stiftung Sinfonieorchester Basel für den Zeitraum vom 1. August 2019 bis 31. Juli 2023 einstimmig angenommen.

Das Sinfonieorchester Basel mit Ivor Bolton. Foto: Matthias Willi

Mit dem Entscheid setze der Grosse Rat ein Zeichen für die Musikstadt Basel und würdige damit die Arbeit der vergangenen Jahre und «letztlich auch die hohe Auslastungszahlen bzw. kontinuierliche Steigerung der Konzertbesuchenden des Sinfonieorchesters Basel», schreibt das Orchesster. Die Steigerung von der Saison 2017/18 zu 2018/19 betrug rund 20 Prozent.

Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann betonte nach der Abstimmung ausserdem, «die Wichtigkeit eines stehenden Orchesters (Berufsorchesters)» und dass «die hohe Zufriedenheit des Theaters Basel mit dem Sinfonieorchester» das einstimmige Ergebnis (ohne Enthaltung und Gegenstimme) wesentlich beeinflusst habe.

Erster Franco Ambrosetti Jazz Award

Im Rahmen des diesjährigen Festival da Jazz St. Moritz wird erstmals der Franco Ambrosetti Jazz Award vergeben. Die diesjährigen Preisträger sind Känzig & Känzig.

Anna & Heiri Känzig bei Konzert und Preisverleihung im Hotel Walther. Foto: Giancarlo Cattaneo

Mit der mit 10’000 Franken dotierten Auszeichnung will Ambrosetti Persönlichkeiten ehren, die sich um den Jazz in der Schweiz verdient gemacht haben. Sie verbänden «verschiedene Genres, Generationen und Grooves und sprechen eine offene, neugierige Sprache mit verspielter Musikalität auf höchstem Niveau». Darüber hinaus trügen sie mit ihrem umfassenden, internationalen Netzwerk den Schweizer Jazz in die Welt.

Die diesjährigen Preisträger sind Känzig & Känzig. Mit ihrem Album «Sound and Fury» landete Anna Känzig auf Platz 6 der Schweizer Charts. Nun tat sich die vielseitige Sängerin mit ihrem Onkel zusammen: Heiri Känzig zählt international zu den führenden Jazzbassisten – er ist bisher unter anderem mit dem Vienna Art Orchestra, Charlie Mariano und Chico Freeman aufgetreten. Was Känzig und Känzig miteinander verbindet, ist ihr offener musikalischer Horizont. Für ihr erstes gemeinsames Projekt haben sie sich als Inspirationsquelle das Great American Songbook ausgesucht.

Der Preis wird am 30. Juli im Hotel Walther, Via Maistra 215, Pontresina von Franco Ambrosetti persönlich übergeben.

Hunderte Liedtexte online

Der Verein Giigäbank aus dem Muotatal hat ein grosses Reservoir an Liedtexten auf einer Website öffentlich zugänglich gemacht. Damit soll die Freude am Singen neu belebt werden.

Blick auf Muotathal im Muotatal. Foto: Paebi/Wikimedia Commons,© Verein Giigäbank

Die Website https://lieder.giigaebank.ch bringt rund 350 Liedtexte von «Ä altä Älpler» bis «Zwüscha Bärgä» in den Hosensack – Smartphone sei Dank. Es handle sich dabei um Lieder, die beim geselligen Zusammensein im Muotatal und in Illgau gerne gesungen würden, an deren Texte man sich aber nicht immer richtig erinnere, ist auf der Website zu lesen. Ziel sei, die Tradition des offenen Singens im Muotatal zu bewahren.

Dieser Online-Sammlung liegen zwei Singbüchlein zugrunde, das eine wurde 1979 in Muotathal und das andere 1988 in Illgau veröffentlicht. Der Verein weist darauf hin, dass viele Urheber dieser Lieder nicht bekannt seien und man sich daher «in einem Graubereich des Urheberrechts» befinde. Deshalb könnten einzelne Einträge auf Verlangen allenfalls gelöscht werden.

Eine Suchfunktion führt zu bestimmten Liedtexten, man kann sich aber auch anhand des alphabetischen Verzeichnisses inspirieren lassen.

Zur Zeit sind Texte greifbar, vielleicht kommen zu einem späteren Zeitpunkt Audiodateien hinzu.
 

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Screenshot der Website lieder.giigaebank.ch

Tschumi-Preis 2019 auch für Musikvermittlung

Die HKB-Studierenden Olivera Tičević und Valentin Cotton sind mit je einem Eduard-Tschumi-Preis für die beste Gesamtbewertung ihrer Master-Prüfung ausgezeichnet worden. Erstmals wurde mit Laura Müller auch eine Musikvermittlerin prämiert.

Valentin Cotton. Foto: zVg

Olivera Tičević, montenegrinische Sopranistin, absolvierte den Master Specialized Music Performance an der HKB bei Christan Hilz. Sie ist Gewinnerin zahlreicher Wettbewerbe. 2010 und 2013 wurde sie zur vielversprechendsten Künstlerin der Barock Austria Akademie gewählt, daraufhin folgte eine internationale Karriere mit Konzerten in Wien, Stockholm, Heidelberg und Tokio.

Der französische Pianist Valentin Cotton absolvierte am Conservatoire National Supérieur de Musique de Paris in der Klasse von Michel Dalberto seinen Interpretations-Master. Er ist Preisträger mehrerer internationaler Wettbewerbe, so gewann er etwa den ersten Preis beim Concours de France und beim internationalen Wettbewerb von Montrond sowie den Schenk-Preis der gleichnamigen Stiftung in der Schweiz.

Erstmals wurden in der Jurierung aber auch die anderen vier Vertiefungen des Master-Studiengangs berücksichtigt: Musikvermittlung, Forschung, Neue Musik und Kammermusik. Die Musikvermittlerin und Klarinettistin Laura Müller konnte sich innerhalb dieser Neuausrichtung des Wettbewerbs unter anderem mit einem transdisziplinären Vermittlungsprojekt im Kindermuseum Creaviva im Zentrum Paul Klee durchsetzen.

Alljährlich treten HKB-Studierende, die ihren Master Specialized Music Performance Klassik abschliessen, an einem Solistendiplomkonzert auf. Das Sinfonie Orchester Biel Solothurn begleitete das diesjährige Konzert in Biel unter der Leitung seines Chefdirigenten Kaspar Zehnder. Im Anschluss wurde den Studierenden mit der besten Gesamtbewertung in der anspruchsvollen dreiteiligen Master-Prüfung erneut der mit je 5000 Franken Eduard-Tschumi-Preis verliehen.

Der Sinfoniker Fritz Brun

Der Dirigent Adriano hat alle 10 Sinfonien und auch alle anderen publizierten Orchesterwerke des Schweizer Komponisten aufgenommen.

Fritz Brun und Othmar Schoeck im Schloss Bremgarten BE. Foto: vermutlich 30er-Jahre, zVg

Wer hat schon je eine Sinfonie von Fritz Brun (1878–1959) gehört? Seinen Namen kennt man vielleicht noch, wirkte er doch während über 30 Jahren als Chefdirigent der Bernischen Musikgesellschaft (heute Berner Symphonieorchester). Was aber nur wenige wissen: Brun war der bedeutendste Schweizer Sinfoniker des frühen 20. Jahrhunderts, wenngleich nicht der wichtigste Schweizer Komponist seiner Zeit. Da hatten andere, etwa Arthur Honegger, Frank Martin und Othmar Schoeck, grösseres Gewicht. Aber Fritz Brun war der einzige, der sich hauptsächlich und mit eminenter Begabung der Sinfonik widmete, vergleichbar etwa einem Anton Bruckner – auch in seiner verkannten Bedeutung. Es ist zu hoffen, dass diese bald ein Ende haben wird. Die Publikation sämtlicher Orchesterwerke von Fritz Brun in der vorliegenden Einspielung könnte einen Anstoss geben, dass er endlich die seinem Schaffen zustehende Anerkennung erhält. Zwar haben viele Schweizer Sinfonieorchester in den letzten Jahrzehnten Werke von Brun aufgeführt, es gab auch Radiomitschnitte, und einige seiner Sinfonien wurden auf LP und CD veröffentlicht. Aber es entbehrt nicht der Ironie, dass ein Aussenseiter-Dirigent sein Schaffen in Erinnerung rufen musste, und dies erst noch mit zwei ausländischen Orchestern.

Der Dirigent heisst Adriano, geboren 1944 als Adriano Baumann in Fribourg. Mit dem Moskauer Sinfonieorchester und dem Bratislava Sinfonieorchester hat er im Zeitraum 2003–2015 diese Gesamtaufnahme realisiert. Nach dem Musikstudium am Zürcher Konservatorium wirkte Adriano als Filmmusikkomponist, Herausgeber von Honeggers Filmmusiken und Souffleur am Opernhaus Zürich. Auf Anregung von Ernest Ansermet und Joseph Keilberth wandte er sich schliesslich dem Dirigieren zu und widmete sich fortan unter dem Künstlernamen Adriano der Interpretation wenig bekannter Werke, darunter eben der Filmmusik von Arthur Honegger sowie Orchesterwerken und Opern von Ottorino Respighi. Und er setzt sich auch für wenig gespielte Schweizer Komponisten wie Hermann Suter, Albert Fäsy, Pierre Maurice und Emile Jaques-Dalcroze ein.
Die Idee einer Gesamtaufnahme des sinfonischen Schaffens von Fritz Brun entstand 2002. Damals wandte sich Adriano an Hans Brun, den Sohn von Fritz Brun, mit dem Ersuchen um eine finanzielle Beteiligung an seinem Projekt. Dieser und in der Folge auch die Erbengemeinschaft Brun, heute vertreten durch den Enkel des Komponisten, Andreas Brun, habrn das ehrgeizige Unterfangen in den folgenden Jahren massgeblich unterstützt.

Das jetzt vorliegende Resultat darf sich sehen (und hören!) lassen: eine elf CDs umfassenden Gesamtaufnahme von Bruns Orchesterwerken. Zu den zehn Sinfonien kombinierte Adriano alle publizierten Brun-Werke, darunter die Rhapsodie für Orchester, die Sinfonische Dichtung Aus dem Buch Hiob, die Konzerte für Klavier mit Orchester und Violoncello mit Orchester. Dazu noch die Gesangszyklen 3 Lieder und Gesänge für Alt und Klavier von Othmar Schoeck (orchestriert von Fritz Brun) sowie Bruns 5 Lieder für Alt und Klavier – arrangiert von Adriano für Mezzosopran und Streichsextett.

Diese umfassende Würdigung ist eine einzigartige Tat, die es erlaubt, Bruns Schaffen als Ganzes kennenzulernen. Wie viele seiner komponierenden Zeitgenossen begann Brun in den Fussstapfen von Beethoven, Schumann, Bruckner und Brahms; eigenständig entwickelte er seinen Stil im Bereich der sich allmählich erweiternden Tonalität, ohne diese je in Frage zu stellen. Seine persönliche Musiksprache fand er schon 1901 in der ersten Sinfonie und blieb seinem Stil treu bis zur Zehnten, die er im Alter von 75 Jahren komponierte.

Charakteristisch für Bruns Stil sind die kammermusikalischen Strukturen, die den orchestralen Fluss auflockern und ihm Zeichnung geben, die fassbare Gestaltung grosser Sätze und die reiche spätromantische Harmonik. Besonders schön lässt sich das im ersten Satz der Fünften beobachten, die Brun selber als problematisch taxierte. In den Sätzen 2 und 4 gestaltet er virtuose Fugati mit Zwölftonthemen im freitonalen Raum, wie das auch Bartók und Hindemith gemacht haben.

Bereichert wird diese Publikation durch eine Aufnahme der Achten, die Fritz Brun 1946 als Dirigent mit dem Studio-Orchester Beromünster realisiert hat. Und die Variationen für Streichorchester und Klavier über ein eigenes Thema sind in einer Aufnahme durch das Collegium Musicum Zürich unter der Leitung von Paul Sacher und mit Adrian Aeschbacher aus demselben Jahr zu hören.

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Fritz Brun: Complete Orchestral Works. Moscow Symphony Orchestra, Bratislava Symphony Orchestra, Adriano, conductor. Brilliant Classics 8968194 (11 CDs)

 

blühen

Üppiges Spriessen braucht den richtigen Boden, im Bereich der Musik zum Beispiel günstige politische Rahmenbedingungen oder fundierte Ausbildung, während schöpferische Zyklen bei allen Musikschaffenden individuell verlaufen.

Titelbild: www.neidhart-grafik.ch
blühen

Üppiges Spriessen braucht den richtigen Boden, im Bereich der Musik zum Beispiel günstige politische Rahmenbedingungen oder fundierte Ausbildung, während schöpferische Zyklen bei allen Musikschaffenden individuell verlaufen.

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Focus


Nicht jammern, sondern handeln

Voraussetzungen für eine blühende Künstlerkarriere


Es ist richtig, wenn man den Kulturbegriff weit fasst

Peter Keller, Min Li Marti und Rosmarie Quadranti diskutieren über kulturelle Blüte
PDF des Interviews


Es tönt aus dem Boden

Forschungsprojekt Sounding Soil


Cultiver son enseignement pour fleurir le chemin dʼaccès à lamusique

Chanter à lʼécole est beaucoup plus quʼun moment de détente


Lorsque les compositeurs éclosent, fleurissent ou sʼétiolent
Le parcours des compositeurs ne suit pas forcément une voie toute tracée


Der Kurtágs und anderer Blumenstücke

Etwas blüht auf und verwelkt wieder. Die «Ars longa» verhandelt die «Vita brevis»

 

… und ausserdem

FINALE


Rätsel
— Pia Schwab sucht


Reihe 9

Seit Januar 2017 setzt sich Michael Kube für uns immer am 9. des Monats in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

Link zur Reihe 9


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Kategorien

Bukolisches

Heinz Holliger und György Kurtág tauschen auf dieser Aufnahme Erinnerungen aus, antworten sich aus der Ferne: Zeugnis einer musikalischen Wahlverwandtschaft.

Ausschnitt aus dem Cover

Der einsame Hirte am Strand, der Geliebten harrend, auf dem Doppelrohrblatt blasend, rufend, klagend: Bukolische Assoziationen dieser Art gehen einem durch den Kopf, vom ersten Ton an, einem Brief aus der Ferne, den György Kurtág im Gedenken an die 2014 verstorbene Harfenistin Ursula Holliger schrieb. Ihr Mann, Heinz Holliger, intoniert dieses Stück auf der Oboe herzzerreissend elegisch. Kein Zufall, wenn wir unter den 37 Tracks dieser CD mehrmals einer ähnlichen Stimmungslage begegnen, in Kurtágs …ein Sappho-Fragment etwa oder in …(Hommage à Tristan) – im 3. Akt der Oper taucht das Englischhorn auf. Holliger seinerseits greift den intensiven und warmen Tonfall auf. Oft handelt es sich um Erinnerungen an Verstorbene, Hommages an Freunde, Reminiszenzen an die Musikgeschichte, sehr berührend, zurufend, nachrufend, beschwörend, klagend, mal in zarten, mal in dunklen Farben, im Spiel von Holliger und Marie-Lise Schüpbach auf Oboe und/oder Englischhorn, und zumal, wenn Ernesto Molinaris Kontrabassklarinette hinzutritt. Es sind auch instrumentale Dialoge und Paarungen, wunderschön vorgetragen, mit Charakter, genau gezeichnet.

Zwiegespräche heisst die CD, die das Label ECM Holliger zum 80. widmet. Auf dem Cover erscheinen beider, Holligers und Kurtágs Name. Es ist das Zeugnis einer langen künstlerischen Freundschaft. Im ersten Moment mag erstaunen, wenn Holliger meint, ihre Kompositionsweisen seien einander ähnlich. Viele ältere Werke kommen einem gänzlich verschieden vor, und doch haben sich die beiden in den letzten Jahrzehnten wahlverwandtschaftlich angenähert. Schliesslich hatten sie in Sándor Veress den gleichen Lehrer. Diese sehr stimmige CD erzählt davon. Und wenn man denkt, das Ganze klinge doch sehr homogen, entdeckt man Nuancen, geheimnisvolle. Die Bezüge werden reicher und enger. So gehen die Stücke zuweilen zwischen beiden hin und her. Der Schweizer vertont Die Ros’ von Angelus Silesius, und der Ungar entgegnet darauf mit einer weiteren Vertonung, die Sarah Wegener singt.

Schliesslich mischt sich noch ein weiterer Künstler ins Gespräch. Der Lyriker Philippe Jaccottet rezitiert sieben seiner Gedichte, die sich Holliger in einer «Lecture pour hautbois et cor anglais» vornimmt. Er folgt darin den Worten, geht aber mit jeder Air ein Stück weiter, ins Mikrotonale und im letzten Stück Oiseaux schliesslich bis ins Geräuschhafte … Es ist eine Musik, die ins Weite reicht und einen fernen Horizont aufsucht.

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Heinz Holliger/György Kurtág: Zwiegespräche. Heinz Holliger, Oboe, Englischhorn, Klavier; Marie-Lise Schüpbach, Englischhorn, Oboe; Sarah Wegener, Sopran; Ernesto Molinari, Klarinetten. ECM 2665

Michael Sele

Was brauchte es, damit ihre Karrieren so richtig aufblühen konnten? Sechs Schweizer Musikerinnen und Musiker gaben Antwort: Michael Sele.

Was hat es in deinem Fall gebraucht, dass du dich als Musiker derart schön hast entfalten können?

Als Schweizer Musiker wächst man aufgrund der Grösse, der Sprache und den Gegebenheiten des Landes mit vielen Einflüssen aus dem Ausland auf. Dabei hatte in meinem Fall vor allem englischsprachige Musik aus England und Amerika seit jeher eine grosse Faszination auf mich ausgeübt. Es war für mich deshalb unabdingbar, auf dem langen und schwierigen Weg, die eigene Handschrift und musikalischen Sprache zu finden, immer auch wieder aufzubrechen, um im Ausland und quasi aus der Ferne meine eigenen Stärken und Eigenheiten herauszufinden. Für mich war das einer der Schlüssel zu möglichst grosser Authentizität, die eigenen Wurzeln zu finden.

Sind die Verhältnisse in der Schweiz einer musikalischen Entfaltung zuträglich oder hinderlich?

Das ist eine schwierige Frage und ich würde sagen «weder noch».

Fakt ist aber schon, dass in unserem kleinen Land ein ausgesprochener Fokus auf die für den Mainstream produzierte Popmusik gelegt wird. Da wird auch enorm viel Geld investiert und das ist insofern auch etwas schade, da gerade in diesem Bereich die internationale Konkurrenz übermächtig ist und eigentlich kaum Chancen für einheimische Künstler besteht. Im Gegensatz dazu haben es immer wieder Künstler und Bands in diversen Genres geschafft, auch international beachtliche Erfolge zu feiern, die aus dem Independent Bereich kommen, die mit verhältnismässig wenig finanziellen Möglichkeiten und kaum Support durch die heimischen Musikbranche ihren Weg gegangen sind. Doch in diese Karrieren wird bedeutend weniger investiert.

Ich habe in den letzten Jahren mit meiner Band in 25 Länder über 250 Konzerte gespielt, das wird aber beispielsweise bei der Swiss Music Award Auszeichnung für die beste Live Band nicht mal ansatzweise in Erwägung gezogen, weil es keine Popmusik ist. Gewinner sind Bands, welche innerhalb von ein paar Kilometern auftreten, Hauptsache, es ist Popmusik. Im Bereich der alternativen oder weniger kommerziellen Musikszene fehlt es zudem an genügend einheimischen Festivals oder Auftrittsmöglichkeiten, aber auch an Musikjournalisten und Fachleuten, die sich mit anspruchsvolleren Themen auseinandersetzen, die über einen entsprechenden Background verfügen, es fehlt an Spezialsendungen, Radio- oder TV-Formaten oder auch guten Netzwerken.

Ist es für eine musikalische Selbstverwirklichung unabdinglich, ins Ausland zu gehen?

Absolut, aber man muss sich bewusst sein, im Ausland als Schweizer Musiker oder Band keine Vorschusslorbeeren zu bekommen. Ich habe sogar die Erfahrung gemacht, dass es gerade in Deutschland eher kritisch gesehen wird und es einigen Durchhaltewillen braucht, um sich durchzusetzen. Man spürt schon auch immer noch viele Vorurteile. Die Schweiz wird halt weniger mit guter Musik in Verbindung gebracht, sondern leider immer noch vor allem mit Reichtum, Geld, Schokolade und Käse. Auch ist die Tradition von erfolgreichen Schweizer Künstlern einfach noch nicht in den Köpfen drin. Bands aus Skandinavien haben hier zum Beispiel enormen Bonus.

Michael Sele ist mit the Beauty of Gemina ein Begriff für Fans aufwühlender Rockklänge. thebeautyofgemina.com

Erkenntnis durch die Finger

Eine Forscherkreis um Herausgeber Markus Schwenkreis hat sich mit Improvisation und nach historischen Quellen beschäftigt und dabei der Erfahrung bei Spielen grossen Wert beigemessen.

Ausschnitt aus dem Titelblatt

Der Titel verspricht viel: ein Kompendium über das Improvisieren und Fantasieren im 17. und 18. Jahrhundert, ein geradezu abenteuerliches Unternehmen, denn der Anspruch ist hoch, wo wir doch aus jener Zeit keine direkten Zeugnisse zu dieser Musizierpraxis haben: keine Platten und keine MP3, nur Noten, Berichte und Traktate. Tatsächlich aber haben der Organist Markus Schwenkreis und ein Musikerkreis aus der Schola Cantorum Basiliensis (Forschungsgruppe Basel für Improvisation) da Hochspannendes zusammengetragen: über das Aussetzen einer Generalbasslinie oder eines feststehenden Bassgerüsts, über Kadenzen und Präludien, auch über Tanzsuiten und Fugen, über Choralharmonisierungen und die Zwischenspiele zwischen den Liedversen und überhaupt über die Musik als rhetorische Kunst. Eine ausführliche Bibliografie, ein Glossar und zahlreiche Notenbeispiele sind ein- und angefügt. Denn die tote Theorie wird, wenn möglich, auch gleich in lebendige Praxis umgesetzt. Das unterscheidet dieses grossformatige Compendium von den zahlreichen musikwissenschaftlichen Aufsätzen über historische Improvisierweise, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden. Und das erscheint mir auch als das Abenteuerliche und Wichtigste an diesem Buch: Die Erkenntnis stammt aus der Erfahrung; das Wissen haben sich die Spielend-Schreibenden er-improvisiert; es ging gleichsam durch ihre Finger.

Um ein Beispiel herauszugreifen: Das Formschema einer Fuge, wie es im französischen Orgelunterricht vermittelt wurde, schien Gaël Liardon schon immer etwas einseitig, weil es selbst mit der bachschen Musik, der es zu folgen vorgab, nur wenig gemein hatte. Also untersuchte der 2018 verstorbene Organist aus Lausanne, ein Schüler des Improvisationspioniers Rudolf Lutz, ein anderes Modell, dasjenige der so leichtfüssigen, luziden, scheinbar einfachen und doch höchst originellen Fugen Johann Pachelbels. Er analysierte sie, versuchte sie improvisierend nachzuschöpfen, stiess an seine Grenzen, entdeckte Kniffe und Besonderheiten im Umgang damit und experimentierte sich so in die Analyse hinein. So wird Pachelbel vielleicht selber einst sein Verfahren erarbeitet haben, wer weiss? Das scheint mir eine wunderbare Grundlage für ein dem Gegenstand angemessenes Verfahren, eine Verbindung von Pädagogik und Virtuosität – und dafür, wie die Improvisation selbst in der Musikwissenschaft endlich ihren bedeutenden Platz einnimmt.

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Compendium Improvisation. Fantasieren nach historischen Quellen des 17. und 18. Jahrhunderts, hg. von Markus Schwenkreis, Basel, 408 S. Notenbeispiele, Fr. 74.00, Schwabe, Basel 2018; ISBN 978-3-7965-3709-7

Fredy Studer

Was brauchte es, damit seine Karriere so richtig aufblühen konnte? Fredy Studer.

Was hat es in deinem Fall gebraucht, dass du dich als Musiker derart schön hast entfalten können?

Ich hatte enormes Glück: Ich wuchs in einer Zeit in die Musik hinein, wo es vor allem um Inhalte ging. Für uns war dies damals eine Rebellion – die Motivation war eine Mischung aus Lust und Widerstand (ein Zustand, der übrigens bis heute anhält). Es bestand damals – ohne nostalgisch zu sein – ein «atmosphärisches Klima», in dem die Ökonomisierung, der Anpassungsdruck und das Einschaltquotendenken noch nicht eine derart zentrale Rolle spielten, sondern das Ideal im Vordergrund stehen konnte. Dann gründeten wir 1972 die Band OM, eine verschworene Gemeinschaft, wo wir unsere Musik während zehn Jahren entwickeln konnten. Diese Situation legte für mich und die andern drei den Grundstein für unser Musikerdasein, das bis heute anhält.

Sind die Verhältnisse in der Schweiz einer musikalischen Entfaltung zuträglich oder hinderlich?

Damals beides. Hinderlich in dem Sinn, dass uns nichts geschenkt und auf dem Tablett serviert wurde. Mir wurden auch von Haus aus Steine in den Weg gelegt. Wir mussten kämpfen – und wir wussten wofür. Zuträglich, dass zu jeder Zeit schnell irgendein Job da war, wenn man Geld brauchte.

Heute sind die Möglichkeiten für eine musikalische Ausbildung auch in der Schweiz auf einem hohen Niveau. Das resultiert u. a. im hohen technischen Niveau der Instrumentalisten. Andererseits passiert etliches bloss an der Oberfläche und unter sehr bequemen Voraussetzungen. Deshalb stechen wahrscheinlich auch heute unter den vielen sehr guten Instrumentalisten relativ wenig fantastische Musiker hervor.

Ist es für eine musikalische Selbstverwirklichung unabdinglich, ins Ausland zu gehen?

In meinem Fall war dies nicht notwendig, da ich mit OM verschiedenen internationalen Musikern aufgefallen bin und somit in sehr vielen ausländischen Bands und Projekten mitwirken konnte, ohne z. B. nach London, New York oder Berlin zu ziehen. Insofern war ich auch ohne das Internet entsprechend vernetzt. Wenn sich dies aber nicht in diese Richtung entwickelt hätte, dann wäre ich wahrscheinlich auch ins Ausland gegangen.

 

Fredy Studer ist der schubladensprengende Luzerner Perkussionist. fredystuder.ch

Frühwerke editorisch eingebettet

Der erste Band der Gesamtausgabe von César Francks Orgelwerken bringt nicht wirklich neues Repertoire, erschliesst aber Zusammenhänge rund um die Werkentstehung auf Deutsch.

César Franck an der Orgel von Sainte-Clotilde, Paris 1885. Foto eines Gemäldes von Jeanne Rongier (1852–1934) / wikimedia commons

Dieser erste von acht geplanten Bänden mit César Francks gesammelter Orgel- und Harmonium-Musik präsentiert vier Frühwerke sowie zwei Fragmente. Für viele Orgelspielerinnen und -spieler handelt es sich sicher um Neuentdeckungen, da die Werke nicht im Kanon der zwölf «grossen» Orgelwerke des Komponisten stehen.

Die Fantaisie (Pièce) in A-Dur wurde 1990 von Joël-Marie Fauquet (Editions musicales du Marais) und 2008 in einer um gewisse Druckfehler bereinigten Ausgabe von Bernhard Haas (Butz-Verlag) herausgegeben; zwei Fassungen einer Fantaisie en ut majeur (frühe Stadien der späteren C-Dur-Fantasie aus den Six Pièces) sowie eine Pièce en mi bémol majeur erschienen bereits 1973 bei Schola Cantorum in einer Ausgabe von Norbert Dufourcq. Das charmante Andantino in g-Moll wurde zu Lebzeiten Francks in einer Anthologie publiziert, später auch als Einzelausgabe, erhielt aber von ihm keine Opuszahl. Insofern stellen also nur die fragmentarisch überlieferten und für eine Aufführung leider zu wenig «kompletten» Werke – ein Stück in Es-Dur, von dem nur die letzten fünfeinhalb Seiten erhalten sind, sowie der Anfang einer Prière (ohne Schluss) – wirkliche Neuentdeckungen dar. Dennoch handelt es sich um hochinteressante Zeugnisse des Komponisten, dessen biografische Hintergründe (zum Beispiel sein «Karrierestart» als klavierspielendes Wunderkind bis zu einem fundamentalen Zerwürfnis mit seinem Vater) und kompositorische Entwicklung vom mondänen Salonmusiker zum Mystiker nach wie vor zu wenig zur Kenntnis genommen werden. So ist klar erkennbar, dass Franck diese Werke noch für frühromantische Instrumente (Saint-Roch 1842, Saint-Eustache 1853) konzipiert und sichtlich damit gerungen hat, seine klanglichen Intentionen zu formulieren, weil diese noch nicht dem späteren Standard Cavaillé-Colls und den damit möglichen, einigermassen schematischen «Registrierungs-Szenarien» entsprechen. Auch die Klangsprache des Komponisten wirkt gelegentlich noch etwas ungelenk und (zum Beispiel in nachschlagenden Begleitfiguren) stark vom Klavier inspiriert, aber da und dort schimmern schon gewisse «typische» Franck-Wendungen durch.

Das ausgezeichnete Vorwort der Herausgeberin erschliesst diese Zusammenhänge nun auch für ein deutsch- und englischsprachiges Publikum, da Joël-Marie Fauquets massstabsetzende Biografie (Fayard 1999) nur in französischer Sprache erhältlich ist. Der mustergültig aufgemachte Notentext und der ausführliche Kritische Bericht liefern eine Fülle von Details zu den Werken, ihrer Entstehungsgeschichte und Realisierung und dokumentieren herausgeberische Entscheide auch im Spiegel der bereits bekannten Editionen. Man darf also gespannt sein, ob aus den Folgebänden auch neue Erkenntnisse zu den bereits in Originalausgaben (frz. Verlage, Nachdruck bei Butz) und Kritischen Neueditionen (Wiener Urtext, Henle) erhältlichen «kanonischen» Werken Francks zu gewinnen sind.

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César Franck: Sämtliche Orgel- und Harmoniumwerke, Band I: Frühe Orgelwerke / Fragmente, hg. von Christiane Strucken-Paland, BA 9291, € 29.95, Bärenreiter, Kassel

Zeichen, Spiele, Blumensträusse

György Kurtág und Heinz Holliger haben mit den Sammlungen «Signs, Games and Messages» sowie «Un bouquet de pensées» und «Mobile» vor allem Oboeninstrumente bedacht.

György Kurtág. Foto: Lenke Szilágyi / wikimedia commons

Kurze Stücke sind praktisch. Sei es zur Ergänzung oder Strukturierung eines Konzertprogrammes, sei es für die instruktive Arbeit im Hochschulbereich oder sei es, um den Komponierenden etwas genauer bei der Arbeit über die Schultern zu gucken. Zwei Sammlungen mit zahlreichen, vorwiegend kurzen Stücken von György Kurtág und Heinz Holliger, die in einer recht grossen Zeitspanne entstanden sind, dürften daher grosse Beachtung finden.

Unter dem Titel Signs, Games and Messages (Zeichen, Spiele und Botschaften) erschienen bereits früher Sammlungen etwa für Violine, Violoncello oder Klarinette. Nun liegen György Kurtágs Solo- und Kammermusikwerke für Oboe und Englischhorn vor, die eine tiefere Betrachtung verdienen. Seine Schreibweise bewegt sich in einem interessanten Spannungsfeld zwischen sehr genau notiert und sehr frei gemeint. Detaillierte Artikulationsangaben wie zum Beispiel verschiedene Bindebögen (hierarchisch oder alternativ gedacht) kontrastieren mit einem weitgehenden Verzicht auf Taktstriche oder allzu genaue Tempo- oder Rhythmusangaben. Einige Ossia-Stellen bieten den Ausführenden Wahlmöglichkeiten. Zentral ist bei Kurtágs Musik immer die möglichst präzise Charakterisierung: Hier helfen variantenreiche, in Worte gefasste Angaben weiter wie più sonore, raddolcendo, con slancio, disperato, pochiss. più intenso oder immer wieder rubato und parlando.

Das umfangreichste und bekannteste Werk der Sammlung ist In Nomine – all’ongherese, eine grossartige Monodie, die in leicht veränderter Form für zahlreiche Instrumente existiert. Aber auch einige kürzere Stücke verdienen eingehendes Studium, wie etwa das Sappho-Fragment oder die zweiteilige Hommage à Elliott Carter. Bei den Kammermusikwerken tritt häufig ein Klarinetteninstrument hinzu (in nicht weniger als drei Fällen ist es die Kontrabassklarinette). Als ganz kurzes Duo sticht hier sicher das heftige Versetto für Englischhorn und Bassklarinette heraus, aber auch das unendlich langsame und (bis auf einen kurzen Ausbruch) unendlich stille Rozsnyai Ilona in memoriam für Englischhorn und Kontrabassklarinette. Äusserst poetisch sind ausserdem die beiden Duos für Sopran und Oboe bzw. Englischhorn, Lorand Gaspar: Désert und Angelus Silesius: Die Ros’. Alle Werke dieser aussergewöhnlichen und grossartigen Sammlung sind Heinz Holliger gewidmet, aus dessen Feder die andere Ausgabe stammt, über die hier berichtet werden soll.

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Seine Sammlung besteht aus zehn Duos für ein Oboeninstrument und Harfe, die ursprünglich für den Eigengebrauch komponiert wurden. Es sind verspielte, teilweise sehr kurze Werke, Geburtstagsgeschenke etwa für Robert Suter, Elliott Carter oder Peter-Lukas Graf, die in der Ausgabe nun auch teilweise für andere Melodieinstrumente bearbeitet sind (Flöte, Karinette, Saxofon). Zwei längere und sehr anspruchsvolle Stücke stechen auf den ersten Blick aus den «Albumblätter-Miniaturen» heraus: zum einen das titelgebende Werk Un bouquet de pensées, seinem geschätzten Lehrer Émile Castagnaud zum 90. Geburtstag gewidmet, ein weit ausladender dialogisch angelegter Gesang aus dem Jahr 1999 für Oboe d‘amore und Harfe; zum anderen Surrogò, all’ongherese, 2006 György Kurtág gewidmet, eine sirrende und flirrende Komposition (diese Ausdrücke finden sich im Untertitel!) höchst energievollen Charakters für Englischhorn und Harfe, welche sich am Ende ins klangliche Nichts auflöst.

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In Ergänzung zu dieser äusserst lohnenden Zusammenstellung wurde nun in einem separaten Heft das bereits früher publizierte Mobile für Oboe und Harfe neu aufgelegt. Einerseits ist die Neuausgabe unabdingbar, da sowohl im Harfen- als auch im Oboenpart signifikante Änderungen eingearbeitet wurden. Andrerseits verliert das Werk nun ein entscheidendes Charaktermerkmal: Die zwölf kurzen Teile waren in der Erstausgabe auf einer grossen Seite abgedruckt und konnten in drei verschiedenen Abfolgen gespielt werden. Wenn nun mit der Neuausgabe ein ganzes Heft (in dem die drei Versionen hintereinander abgedruckt sind) durchgespielt wird und darüber hinaus ständig in den Übergangsfermaten störend geblättert werden muss, fällt der quasi improvisatorische Charakter der Aufführung komplett weg, für den der Titel Mobile steht. Der Rezensent erlaubt sich zu empfehlen, die einzelnen Teile etwas zu verkleinern und wie bei der Erstausgabe auf einen grossen Karton zu kleben. Bei guter Platzierung könnten die beiden Musikerinnen oder Musiker sogar von einem Notenkarton spielen, womit noch lebendigere und spontanere Interaktionen möglich wären.

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György Kurtàg: Signs, Games and Messages, Solos und Kammermusikwerke für Oboe und Englischhorn, Z. 15 074, ca. Fr. 52.00, Editio Musica Budapest 2018

Heinz Holliger: Un bouquet de pensées, 10 Stücke für Oboe (Oboe d’amore, Englischhorn) und Harfe (einzelne Stücke auch für Flöte/Altflöte, Klarinette, Sopran-/Alt-/Tenorsaxophon und Harfe), Partitur und Stimmen ED 9467, € 55.00, Schott, Mainz

id., Mobile, für Oboe und Harfe, Spielpartitur ED 5384, € 28.00, Schott, Mainz

Beeindruckende Materialsammlung

Die «Geschichte der Schweizer Volksmusik» von Brigitte Bachmann-Geiser beeindruckt durch ihre Fülle an Themen, Quellen, Bildern und Klängen.

Ausschnitt aus dem Titelblatt

Das Buch von Brigitte Bachmann-Geiser ist keine Geschichte der Volksmusik, wie die Autorin im Vorwort selber feststellt, sondern eine vierhundertseitige Materialsammlung. Warum es trotzdem diesen Titel trägt, bleibt allerdings ein Geheimnis.

Die Publikation fasst das Lebenswerk von Brigitte Bachmann-Geiser zusammen; darin liegt die Stärke, gleichzeitig aber auch die Schwäche des Buches. Beeindruckend ist die Vielfalt an Themen sowie die Breite des gesammelten Materials. Kaum jemand hat sich so lang und intensiv mit verschiedenen Facetten der Schweizer Volksmusik auseinandergesetzt, und so ist eine einzigartige Sammlung von Materialien zusammengekommen, die das Buch zur Pflicht für alle Spezialisten macht. Von historischen Zeugnissen über Alpsegen, Jodelarten, Volkslied, Alphorn, Blasmusikwesen bis zu Kinderinstrumenten und Kalenderbräuchen werden vielfältige Themen behandelt. Zu allen Kapiteln ist reiches Bildmaterial abgedruckt. Akustisch wird die Sammlung vervollständigt durch zwei CDs mit Beispielen zu den einzelnen Kapiteln und mit Melodien, Rhythmen und Lärm in Kalenderbräuchen, insgesamt also ein beachtliches Konzept, das nicht nur textlich, sondern auch optisch und klanglich beeindruckt.

Das Buch weist aber einige Schwächen auf, die den positiven Gesamteindruck trüben. Die Auswahl und Gewichtung des Materials scheint sehr zufällig. So wird beispielsweise auf dreizehn Seiten über Viehschellen und Kuhglocken berichtet, während dem eidgenössischen Jodlerverband gerade einmal eine Seite zugestanden wird. Auch die Ländlermusik – immerhin eine der zentralen Gattungen der Schweizer Volksmusik – wird auf fünfeinhalb Seiten abgehandelt. Diese Gewichtung wäre zu verschmerzen, wenn sie irgendwie begründet würde. Es fehlt aber jeder Hinweis darauf, warum sie so ausgefallen ist bzw. was denn hier unter Volksmusik verstanden wird. Ebenfalls unbefriedigend ist der Umgang mit dem gesammelten Quellenmaterial. So wird beispielsweise behauptet, die Kuhreihen im 18. und 19. Jahrhundert seien ohne Text aufgeschrieben worden, weil die ausländischen Forscher mit der Schweizer Mundart nichts anfangen konnten, dabei wird aber unterschlagen, dass Jean-Jacques Rousseau sein Beispiel explizit der Sackpfeife zuschrieb. Schade ist auch, dass zahlreiche Detailfehler vorkommen. So wird z. B. ein Foto mit Stocker Sepp vor einer Swissair-Maschine auf «um 1925» datiert, obwohl die Swissair erst 1931 gegründet wurde, oder behauptet, dass Bligg mit seinem Titel Volksmusigg wochenlang in der Hitparade gewesen sei, was sich anhand der Listen der Schweizer Hitparade nicht bestätigen lässt.

Am stärksten enttäuscht jedoch, dass die meisten Kapitel in den 1970er- und 1980er-Jahren stehengeblieben sind und kaum aktualisiert wurden – und wenn, dann mit wenigen, unsorgfältig recherchierten Sätzen. Das fällt besonders beim Kapitel «Erneuerung der Volksmusik» ins Gewicht, das sich auf die 1960er bis 1980er beschränkt und die letzten 25 Jahre, in denen die Schweizer Volksmusik äusserst lebendig war und sich stark verändert hat, kaum erwähnt.

Als Quellensammlung für kritische Spezialisten ist das Buch also sehr empfehlenswert, als Überblick für Einsteiger hingegen wenig geeignet.

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Brigitte Bachmann-Geiser: Geschichte der Schweizer Volksmusik, 399 S., 187 Abb., 2 CDs, Fr. 64.00, Schwabe, Basel 2019, ISBN 978-3-7965-3853-7

Benedikt Wieland

Was brauchte es, damit seine Karriere so richtig aufblühen konnte?

Was hat es in deinem Fall gebraucht, dass du dich als Musiker derart schön hast entfalten können?

Den Mut, den Willen und den Drang es trotzdem zu tun!

Ob ich mich dabei schön entfaltet habe, ist sehr relativ, sicherlich war und ist mein Weg nicht unbedingt gradlinig, dafür laufe ich mit zu offenen Armen, Augen und Ohren durch die Welt. Immer wieder entdecke ich etwas Neues, was mich fasziniert. Die Balance zwischen all meinen Tätigkeiten zu halten ist oft nicht einfach, aber ich empfinde es als grosses Glück, das zu tun was mir Spass macht.

Bei mir ist die Entfaltung ein stetiger Prozess indem es auch darum geht, Wünsche, Visionen und Erwartungen in Einklang mit meinem Handeln zu bringen.

Sind die Verhältnisse in der Schweiz einer musikalischen Entfaltung zuträglich oder hinderlich?

Für mich müsste die Frage lauten: Macht die Schweiz, ein Land mit einer hohen Lebensqualität und hoher wirtschaftlicher Stabilität, genug, um die musikalische Entfaltung zu fördern?
Ja und nein. Die Schweiz hat eine starke und vor allem sehr breite Kulturförderung, die uns natürlich viel ermöglicht.

Gerade in der Nischenmusik entsteht dadurch viel Spannendes, weil es dort leichter ist, einfach mal etwas auszuprobieren.

Mal abgesehen davon, dass die sozialen Verhältnisse in der Schweiz ja nicht besonders toll sind insbesondere für künstlerische Berufe oder allgemein für Leute, die nicht in erster Linie dem Geld hinterherrennen, wären die Voraussetzungen wohl gar nicht sooo schlecht.

Aber könnte man noch mehr tun? Definitiv. Geld zu haben ist nicht innovativ. Innovativ ist, was man daraus macht, und da tut sich die Schweiz schwer, mehr Farbe zu bekennen, gerade in unseren musikalischen Breitengraden. Ausserdem spielt die gesellschaftliche Denkweise eine grosse Rolle. Musik hat dabei noch lange nicht die Akzeptanz, wie zum Beispiel der Sport.

Ich kenne kein anderes Land, wo man mich nach meinem Beruf fragt und dann gleich nach gegebener Antwort nochmals nachhakt, was ich denn sonst noch mache …

Ist es für eine musikalische Selbstverwirklichung unabdinglich, ins Ausland zu gehen?

Nö, unabdinglich würde ich nicht sagen. Ich kenne so viele Musikerinnen und Musiker, die sich ohne längere Auslandaufenthalte ebenso verwirklicht haben.

Aber ich kann es trotzdem jedem empfehlen. Vor allem, wenn du den Drang verspürst, mal aus der «Wohlfühlzone» auszubrechen. Für mich ist Musizieren auch eine ständige Suche und mich würde es einengen, wenn ich nicht die Möglichkeit hätte, mein vertrautes Umfeld, meine Zone mal verlassen zu können.

Zudem finde ich all die neuen Eindrücke, die ich in einem fremden Land bekomme, sehr erfrischend: andere Lebensformen, andere Denkweisen, andere Menschen, andere Perspektiven … All das empfinde ich als grosse Bereicherung für meinen Weg. Und es ist doch auch spannend, die Schweiz mal von aussen zu betrachten, da sieht Vieles ganz anders aus, als wenn man drin lebt …

Ich habe jetzt natürlich vor allem vom Leben im Ausland gesprochen. Oder meintest du Touren? Bei Nischenmusik ist es natürlich unabdingbar, ins Ausland zu gehen, weil die Schweiz dafür viel zu klein ist. Wir müssen sofort raus. Am besten gleich am 2. Tag!:-)

Benedikt Wieland ist Gründer und Mitglied der Band Kaos Protokoll. kaosprotokoll.ch

Andreas Ryser

Was brauchte es, damit sich seine Karriere so schön entfalten konnte?

Was hat es in deinem Fall gebraucht, dass du dich als Musiker derart schön hast entfalten können?

Zuerst beantworte ich die Frage als Musiker: Ich glaube, wir haben bedingungslos an einem Projekt festgehalten, über viele Jahre hinweg. Irgendwann musste dies ein wenig erfolgreich gewesen sein, und wir hatten das Glück, etwas zu machen, das niemand sonst macht …Wir fanden unsere Nische. Und wir hatten mit Joy wohl einfach die grossartigste Sängerin, die in dieser Zeit in der Schweiz war …Wir haben von den Kultursubventionen profitiert, vor allem für die Auslandtourneen. Aber wir haben aus diesen Subventionen auch was gemacht. Und da wechsle ich nun den Hut: Ich war immer derjenige, der sich fürs Business interessiert hat, und auch daran, etwas Nachhaltiges aufzubauen, und die Kultursubventionen so einzusetzen, dass sie uns langfristig etwas bringen. Also statt tolle Gagen eben Promomandate usw.

Sind die Verhältnisse in der Schweiz einer musikalischen Entfaltung zuträglich oder hinderlich?

Wenn du eine Nische bespielst, dann musst du ins Ausland, aber nicht, um dich musikalisch selbst zu verwirklichen (wir haben auch in der Schweiz grossartige Musik gemacht, aber wir haben uns halt auch an keine Vorbilder oder Bands gehalten, wir haben einfach gemacht, was wir wollten, und das Glück gehabt, dass jemand das toll fand …), sondern um genug Publikum erreichen zu können. Das Problem sind halt immer die sehr hohen Lebenskosten in der Schweiz, wir hatten immer 20–30% Jobs nebendran. Wenn du das meiste Geld im Ausland verdienst, sind die Gagen in der Schweiz halt dann weniger wert …

Ist es für eine musikalische Selbstverwirklichung unabdinglich, ins Ausland zu gehen?

Ich glaube aber, und jetzt spreche ich als Manager und Label und Verlag, dass es schon viele Schweizerinnen und Schweizer gibt, die den Biss nicht haben und sich dann eben ziemlich schnell für den einfacheren Weg entscheiden. Wir haben in der Schweiz eine Arbeitslosenquote von 2% und es ist fast immer möglich, einen Job zu finden. Sich für die Musik zu entscheiden braucht als Musiker oder Musikerin auch Mut und viel Selbstvertrauen und wohl auch ein grossartiges Team, das Inputs und Feedback gibt.

Erfahrung kann dann eben auch den Erfolg bringen, wenn jemand ausserordentlich gut ist. Es gibt genug Beispiele, dass Musikerinnen und Musiker es nicht schaffen, erfolgreich zu sein, weil sie sich selber im Weg stehen und nicht verstehen wollen, wie es läuft, oder eben auch niemanden haben, der sie supportet. Und dies finde ich ein Problem in der Schweiz: Es hat zu wenig gute Leute in der Musikindustrie, die nachhaltig und mit viel Wissen Musikerinnen und Musiker weiterbringen und begleiten.

Andreas Ryser ist mit dem Elektronikprojekt Filewile ebenso gut vernetzt wie mit dem Label Mouthwatering.

Mouthwatering Records

Filewile

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