Wie wirkt Musik?

Eckart Altenmüller beleuchtet in seinem Buch «Vom Neandertal in die Philharmonie – Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann» mit grossem Geschick die physiologischen Aspekte des Musizierens.

Ausschnitt aus dem Titelblatt

Warum noch ein Buch über Musik und Gehirn?, fragt sich Eckart Altenmüller gleich als erstes. Es unterscheide sich von anderen, antwortet er selber, weil er auch Fragen nach dem Woher, Wie und Warum stelle. Das Feld steckt er denn auch weit ab, mit Einblicken in die Forschungen zur Urgeschichte des Musizierens, zur Frage, ob Tiere auch Musizieren, zur Emotionsforschung und zur Musiktherapie. All dies tut er in einem wohltuend unprätentiösen, klaren und fundierten Stil. Ergänzt werden die Ausführungen im Fliesstext durch Musikbeispiele, die mit Hilfe von QR-Codes abgerufen werden können.

Altenmüller ist Neurologe und als Flötist Schüler von Aurèle Nicolet, das heisst, sowohl als Musiker wie auch als Wissenschaftler äusserst beschlagen. Er gilt zu Recht weltweit als einer der bedeutendsten Vertreter der Neuromusikologie. Dass die Lektüre des Buches zum grossen Vergnügen wird, ist überdies der Tatsache zuzuschreiben, dass er als Person präsent bleibt. Thesen und Theorien illustriert er vorzugsweise aus seinem persönlichen Erfahrungshintergrund als Flötist. Zahlreiche Beispiele hat er denn auch selber auf seinem Instrument eingespielt. Gut spürbar ist überdies seine Verwurzelung in der westeuropäischen, bildungsbürgerlichen Medizintradition. Einschübe zur Auflockerung der wissenschaftlichen Darlegungen zitieren Persönlichkeiten wie Grimmelshausen, Proust, Ingeborg Bachmann, Ovid und so weiter.

Die stärksten Passagen des Buches stellen die Darlegungen zu physiologischen Aspekten des Musizierens dar. Altenmüller versteht es nicht nur, neuere Resultate zu Hirnphysiologie und Sensomotrik des Musizierens nahezubringen. Auch Übetechniken und Musikerkrankheiten, vor allem den «Musikerkrampf», handelt er erhellend ab. Etwas mehr aufs Glatteis gerät er, wenn es um die eher geisteswissenschaftlichen Gebiete der Emotionstheorien und Musiktherapie geht. Grossen Raum nehmen dabei wiederum die eher physiologischen Forschungen zu Gänsehautmomenten in der Musik ein. Wie Altenmüller selber einräumt, werden solche durch eher banale Dinge wie ein Kratzen auf einer Wandtafel zuverlässiger erzeugt. Man kann sich also fragen, wie gross ihr Erkenntnispotenzial für die Emotionsforschung in der Musik tatsächlich ist.

Wichtige aktuelle Modelle der Emotionsforschung in der Musik bleiben hingegen unerwähnt oder werden bloss am Rande gestreift. Vermissen dürfte man etwa Hinweise auf das ethologische Modell David Hurons oder auf Klaus R. Scherers Komponentenprozessmodell und auf die Emotionstheorien Nico Frijdas, die Ausgangspunkt für die wichtigsten neueren Modelle sind. Auch die Musiktherapie reflektiert Altenmüller vor allem als Physiologe. Einige Beispiele zur aktuellen Musiktherapieforschung scheinen wenig repräsentativ oder überholt.

Image

Eckart Altenmüller: Vom Neandertal in die Philharmonie – Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann, 511 S., € 24.99, Springer, Berlin 2018, ISBN 978-3-8274-1681-0

Nicht jammern, sondern handeln!

Was brauchte es, damit ihre Karrieren so richtig aufblühen konnten? Sechs Schweizer Musikerinnen und Musiker geben Antwort.

Foto: Lindsay Henwood on Unsplash
Nicht jammern, sondern handeln!

Was brauchte es, damit ihre Karrieren so richtig aufblühen konnten? Sechs Schweizer Musikerinnen und Musiker geben Antwort.

Der schubladensprengende, 71-jährige Luzerner Perkussionist Fredy Studer;
Benedikt Wieland und seine Band Kaos Protokoll;
die in allerhand experimentellen Projekten engagierte Joana Aderi;
Nik Bärtsch, mit Ronin und Mobile sowie solo;
Michael Sele, mit the Beauty of Gemina ein Begriff für Fans aufwühlender Rockklänge;
und Andreas Ryser, mit dem Elektronikprojekt Filewile ebenso gut vernetzt wie mit dem Label Mouthwatering:
lauter Schweizerinnen und Schweizer, denen es gelungen ist, sich auf internationaler Ebene zu profilieren. Wir haben sie gefragt, was nötig war, damit sie sich richtig entfalten konnten.

Die drei Fragen lauteten:

Was hat es in deinem Fall gebraucht, dass du dich als Musiker derart schön hast entfalten können?

Sind die Verhältnisse in der Schweiz einer musikalischen Entfaltung zuträglich oder hinderlich?

Ist es für eine musikalische Selbstverwirklichung unabdinglich, ins Ausland zu gehen?

 

Die Antworten von (der Klick auf den Namen führt weiter):

Joana Aderi

Nik Bärtsch

Andreas Ryser

Michael Sele

Fredy Studer

Benedikt Wieland

Kategorien

Andreas Ryser

Was brauchte es, damit sich seine Karriere so schön entfalten konnte?

Was hat es in deinem Fall gebraucht, dass du dich als Musiker derart schön hast entfalten können?

Zuerst beantworte ich die Frage als Musiker: Ich glaube, wir haben bedingungslos an einem Projekt festgehalten, über viele Jahre hinweg. Irgendwann musste dies ein wenig erfolgreich gewesen sein, und wir hatten das Glück, etwas zu machen, das niemand sonst macht …Wir fanden unsere Nische. Und wir hatten mit Joy wohl einfach die grossartigste Sängerin, die in dieser Zeit in der Schweiz war …Wir haben von den Kultursubventionen profitiert, vor allem für die Auslandtourneen. Aber wir haben aus diesen Subventionen auch was gemacht. Und da wechsle ich nun den Hut: Ich war immer derjenige, der sich fürs Business interessiert hat, und auch daran, etwas Nachhaltiges aufzubauen, und die Kultursubventionen so einzusetzen, dass sie uns langfristig etwas bringen. Also statt tolle Gagen eben Promomandate usw.

Sind die Verhältnisse in der Schweiz einer musikalischen Entfaltung zuträglich oder hinderlich?

Wenn du eine Nische bespielst, dann musst du ins Ausland, aber nicht, um dich musikalisch selbst zu verwirklichen (wir haben auch in der Schweiz grossartige Musik gemacht, aber wir haben uns halt auch an keine Vorbilder oder Bands gehalten, wir haben einfach gemacht, was wir wollten, und das Glück gehabt, dass jemand das toll fand …), sondern um genug Publikum erreichen zu können. Das Problem sind halt immer die sehr hohen Lebenskosten in der Schweiz, wir hatten immer 20–30% Jobs nebendran. Wenn du das meiste Geld im Ausland verdienst, sind die Gagen in der Schweiz halt dann weniger wert …

Ist es für eine musikalische Selbstverwirklichung unabdinglich, ins Ausland zu gehen?

Ich glaube aber, und jetzt spreche ich als Manager und Label und Verlag, dass es schon viele Schweizerinnen und Schweizer gibt, die den Biss nicht haben und sich dann eben ziemlich schnell für den einfacheren Weg entscheiden. Wir haben in der Schweiz eine Arbeitslosenquote von 2% und es ist fast immer möglich, einen Job zu finden. Sich für die Musik zu entscheiden braucht als Musiker oder Musikerin auch Mut und viel Selbstvertrauen und wohl auch ein grossartiges Team, das Inputs und Feedback gibt.

Erfahrung kann dann eben auch den Erfolg bringen, wenn jemand ausserordentlich gut ist. Es gibt genug Beispiele, dass Musikerinnen und Musiker es nicht schaffen, erfolgreich zu sein, weil sie sich selber im Weg stehen und nicht verstehen wollen, wie es läuft, oder eben auch niemanden haben, der sie supportet. Und dies finde ich ein Problem in der Schweiz: Es hat zu wenig gute Leute in der Musikindustrie, die nachhaltig und mit viel Wissen Musikerinnen und Musiker weiterbringen und begleiten.

Andreas Ryser ist mit dem Elektronikprojekt Filewile ebenso gut vernetzt wie mit dem Label Mouthwatering.

Mouthwatering Records

Filewile

Spassige Walzerduette

Aleksey Igudesman serviert ein Vergnügen im Dreivierteltakt für zwei Geigen.

Comedy-Geiger-Dirigenten-Unternehmer Aleksey Igudesman. Foto: Julia Wesely

Vom umtriebigen Comedy-Geiger-Dirigent-Unternehmer Aleksey Igudesman habe ich mit grossem Spass seine zehn Walzer für zwei Geigen durchgespielt. Der Simple Waltz zu Beginn ist einfach zu spielen, aber gut geformt. Die anderen neun sind raffinierte Erfindungen in verschiedenen Stimmungen. Sie verlangen geläufiges Spiel und grosse dynamische und agogische Beweglichkeit. Humoristische Wirkungen entstehen durch eingebaute Generalpausen, hektische Begleitfiguren, Kratztöne oder theatralisch atemlose Wendepausen. Die Bearbeitungen von Chopin, Brahms und Johann Strauss treiben deren Inhalt auf die Spitze. Die beiden Stimmen wechseln demokratisch mit der Führung ab; es ist ein Vergnügen für Profis und gute Amateure … und ebenso für die Zuhörer.

Image

Aleksey Igudesman: Waltz & more für 2 Violinen, UE 33657, € 17.95, Universal Edition, Wien

blühen

Üppiges Spriessen braucht den richtigen Boden, im Bereich der Musik zum Beispiel günstige politische Rahmenbedingungen oder fundierte Ausbildung, während schöpferische Zyklen bei allen Musikschaffenden individuell verlaufen.

Titelbild: www.neidhart-grafik.ch
blühen

Üppiges Spriessen braucht den richtigen Boden, im Bereich der Musik zum Beispiel günstige politische Rahmenbedingungen oder fundierte Ausbildung, während schöpferische Zyklen bei allen Musikschaffenden individuell verlaufen.

Alle blau markierten Artikel können durch Anklicken direkt auf der Website gelesen werden. Alle andern Inhalte finden sich ausschliesslich in der gedruckten Ausgabe oder im e-paper.

Focus


Nicht jammern, sondern handeln

Voraussetzungen für eine blühende Künstlerkarriere


Es ist richtig, wenn man den Kulturbegriff weit fasst

Peter Keller, Min Li Marti und Rosmarie Quadranti diskutieren über kulturelle Blüte
PDF des Interviews


Es tönt aus dem Boden

Forschungsprojekt Sounding Soil


Cultiver son enseignement pour fleurir le chemin dʼaccès à lamusique

Chanter à lʼécole est beaucoup plus quʼun moment de détente


Lorsque les compositeurs éclosent, fleurissent ou sʼétiolent
Le parcours des compositeurs ne suit pas forcément une voie toute tracée


Der Kurtágs und anderer Blumenstücke

Etwas blüht auf und verwelkt wieder. Die «Ars longa» verhandelt die «Vita brevis»

 

… und ausserdem

FINALE


Rätsel
— Pia Schwab sucht


Reihe 9

Seit Januar 2017 setzt sich Michael Kube für uns immer am 9. des Monats in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

Link zur Reihe 9


Download der aktuellen Print-Ausgabe

Hier können Sie die aktuelle Ausgabe herunterladen. Bitte geben Sie im Printarchiv den Suchbegriff «e-paper» ein.
Für Abonnentinnen und Abonnenten ist der Download kostenlos.

Allen andern Interessentinnen und Interessenten wird das PDF der aktuellen Ausgabe (oder einer früheren Ausgabe) gerne per E-Mail zugestellt. Kosten: Fr. 8.-.
Hier geht es weiter zur Bestellung des e-papers.

Wir verschicken gerne auch die gedruckte Ausgabe. Kosten: Fr. 10.-
Hier geht es weiter zur Bestellung der gedruckten Ausgabe.

Kategorien

Bukolisches

Heinz Holliger und György Kurtág tauschen auf dieser Aufnahme Erinnerungen aus, antworten sich aus der Ferne: Zeugnis einer musikalischen Wahlverwandtschaft.

Ausschnitt aus dem Cover

Der einsame Hirte am Strand, der Geliebten harrend, auf dem Doppelrohrblatt blasend, rufend, klagend: Bukolische Assoziationen dieser Art gehen einem durch den Kopf, vom ersten Ton an, einem Brief aus der Ferne, den György Kurtág im Gedenken an die 2014 verstorbene Harfenistin Ursula Holliger schrieb. Ihr Mann, Heinz Holliger, intoniert dieses Stück auf der Oboe herzzerreissend elegisch. Kein Zufall, wenn wir unter den 37 Tracks dieser CD mehrmals einer ähnlichen Stimmungslage begegnen, in Kurtágs …ein Sappho-Fragment etwa oder in …(Hommage à Tristan) – im 3. Akt der Oper taucht das Englischhorn auf. Holliger seinerseits greift den intensiven und warmen Tonfall auf. Oft handelt es sich um Erinnerungen an Verstorbene, Hommages an Freunde, Reminiszenzen an die Musikgeschichte, sehr berührend, zurufend, nachrufend, beschwörend, klagend, mal in zarten, mal in dunklen Farben, im Spiel von Holliger und Marie-Lise Schüpbach auf Oboe und/oder Englischhorn, und zumal, wenn Ernesto Molinaris Kontrabassklarinette hinzutritt. Es sind auch instrumentale Dialoge und Paarungen, wunderschön vorgetragen, mit Charakter, genau gezeichnet.

Zwiegespräche heisst die CD, die das Label ECM Holliger zum 80. widmet. Auf dem Cover erscheinen beider, Holligers und Kurtágs Name. Es ist das Zeugnis einer langen künstlerischen Freundschaft. Im ersten Moment mag erstaunen, wenn Holliger meint, ihre Kompositionsweisen seien einander ähnlich. Viele ältere Werke kommen einem gänzlich verschieden vor, und doch haben sich die beiden in den letzten Jahrzehnten wahlverwandtschaftlich angenähert. Schliesslich hatten sie in Sándor Veress den gleichen Lehrer. Diese sehr stimmige CD erzählt davon. Und wenn man denkt, das Ganze klinge doch sehr homogen, entdeckt man Nuancen, geheimnisvolle. Die Bezüge werden reicher und enger. So gehen die Stücke zuweilen zwischen beiden hin und her. Der Schweizer vertont Die Ros’ von Angelus Silesius, und der Ungar entgegnet darauf mit einer weiteren Vertonung, die Sarah Wegener singt.

Schliesslich mischt sich noch ein weiterer Künstler ins Gespräch. Der Lyriker Philippe Jaccottet rezitiert sieben seiner Gedichte, die sich Holliger in einer «Lecture pour hautbois et cor anglais» vornimmt. Er folgt darin den Worten, geht aber mit jeder Air ein Stück weiter, ins Mikrotonale und im letzten Stück Oiseaux schliesslich bis ins Geräuschhafte … Es ist eine Musik, die ins Weite reicht und einen fernen Horizont aufsucht.

Image

Heinz Holliger/György Kurtág: Zwiegespräche. Heinz Holliger, Oboe, Englischhorn, Klavier; Marie-Lise Schüpbach, Englischhorn, Oboe; Sarah Wegener, Sopran; Ernesto Molinari, Klarinetten. ECM 2665

Zeichen, Spiele, Blumensträusse

György Kurtág und Heinz Holliger haben mit den Sammlungen «Signs, Games and Messages» sowie «Un bouquet de pensées» und «Mobile» vor allem Oboeninstrumente bedacht.

György Kurtág. Foto: Lenke Szilágyi / wikimedia commons

Kurze Stücke sind praktisch. Sei es zur Ergänzung oder Strukturierung eines Konzertprogrammes, sei es für die instruktive Arbeit im Hochschulbereich oder sei es, um den Komponierenden etwas genauer bei der Arbeit über die Schultern zu gucken. Zwei Sammlungen mit zahlreichen, vorwiegend kurzen Stücken von György Kurtág und Heinz Holliger, die in einer recht grossen Zeitspanne entstanden sind, dürften daher grosse Beachtung finden.

Unter dem Titel Signs, Games and Messages (Zeichen, Spiele und Botschaften) erschienen bereits früher Sammlungen etwa für Violine, Violoncello oder Klarinette. Nun liegen György Kurtágs Solo- und Kammermusikwerke für Oboe und Englischhorn vor, die eine tiefere Betrachtung verdienen. Seine Schreibweise bewegt sich in einem interessanten Spannungsfeld zwischen sehr genau notiert und sehr frei gemeint. Detaillierte Artikulationsangaben wie zum Beispiel verschiedene Bindebögen (hierarchisch oder alternativ gedacht) kontrastieren mit einem weitgehenden Verzicht auf Taktstriche oder allzu genaue Tempo- oder Rhythmusangaben. Einige Ossia-Stellen bieten den Ausführenden Wahlmöglichkeiten. Zentral ist bei Kurtágs Musik immer die möglichst präzise Charakterisierung: Hier helfen variantenreiche, in Worte gefasste Angaben weiter wie più sonore, raddolcendo, con slancio, disperato, pochiss. più intenso oder immer wieder rubato und parlando.

Das umfangreichste und bekannteste Werk der Sammlung ist In Nomine – all’ongherese, eine grossartige Monodie, die in leicht veränderter Form für zahlreiche Instrumente existiert. Aber auch einige kürzere Stücke verdienen eingehendes Studium, wie etwa das Sappho-Fragment oder die zweiteilige Hommage à Elliott Carter. Bei den Kammermusikwerken tritt häufig ein Klarinetteninstrument hinzu (in nicht weniger als drei Fällen ist es die Kontrabassklarinette). Als ganz kurzes Duo sticht hier sicher das heftige Versetto für Englischhorn und Bassklarinette heraus, aber auch das unendlich langsame und (bis auf einen kurzen Ausbruch) unendlich stille Rozsnyai Ilona in memoriam für Englischhorn und Kontrabassklarinette. Äusserst poetisch sind ausserdem die beiden Duos für Sopran und Oboe bzw. Englischhorn, Lorand Gaspar: Désert und Angelus Silesius: Die Ros’. Alle Werke dieser aussergewöhnlichen und grossartigen Sammlung sind Heinz Holliger gewidmet, aus dessen Feder die andere Ausgabe stammt, über die hier berichtet werden soll.

Image

Seine Sammlung besteht aus zehn Duos für ein Oboeninstrument und Harfe, die ursprünglich für den Eigengebrauch komponiert wurden. Es sind verspielte, teilweise sehr kurze Werke, Geburtstagsgeschenke etwa für Robert Suter, Elliott Carter oder Peter-Lukas Graf, die in der Ausgabe nun auch teilweise für andere Melodieinstrumente bearbeitet sind (Flöte, Karinette, Saxofon). Zwei längere und sehr anspruchsvolle Stücke stechen auf den ersten Blick aus den «Albumblätter-Miniaturen» heraus: zum einen das titelgebende Werk Un bouquet de pensées, seinem geschätzten Lehrer Émile Castagnaud zum 90. Geburtstag gewidmet, ein weit ausladender dialogisch angelegter Gesang aus dem Jahr 1999 für Oboe d‘amore und Harfe; zum anderen Surrogò, all’ongherese, 2006 György Kurtág gewidmet, eine sirrende und flirrende Komposition (diese Ausdrücke finden sich im Untertitel!) höchst energievollen Charakters für Englischhorn und Harfe, welche sich am Ende ins klangliche Nichts auflöst.

Image

In Ergänzung zu dieser äusserst lohnenden Zusammenstellung wurde nun in einem separaten Heft das bereits früher publizierte Mobile für Oboe und Harfe neu aufgelegt. Einerseits ist die Neuausgabe unabdingbar, da sowohl im Harfen- als auch im Oboenpart signifikante Änderungen eingearbeitet wurden. Andrerseits verliert das Werk nun ein entscheidendes Charaktermerkmal: Die zwölf kurzen Teile waren in der Erstausgabe auf einer grossen Seite abgedruckt und konnten in drei verschiedenen Abfolgen gespielt werden. Wenn nun mit der Neuausgabe ein ganzes Heft (in dem die drei Versionen hintereinander abgedruckt sind) durchgespielt wird und darüber hinaus ständig in den Übergangsfermaten störend geblättert werden muss, fällt der quasi improvisatorische Charakter der Aufführung komplett weg, für den der Titel Mobile steht. Der Rezensent erlaubt sich zu empfehlen, die einzelnen Teile etwas zu verkleinern und wie bei der Erstausgabe auf einen grossen Karton zu kleben. Bei guter Platzierung könnten die beiden Musikerinnen oder Musiker sogar von einem Notenkarton spielen, womit noch lebendigere und spontanere Interaktionen möglich wären.

Image

György Kurtàg: Signs, Games and Messages, Solos und Kammermusikwerke für Oboe und Englischhorn, Z. 15 074, ca. Fr. 52.00, Editio Musica Budapest 2018

Heinz Holliger: Un bouquet de pensées, 10 Stücke für Oboe (Oboe d’amore, Englischhorn) und Harfe (einzelne Stücke auch für Flöte/Altflöte, Klarinette, Sopran-/Alt-/Tenorsaxophon und Harfe), Partitur und Stimmen ED 9467, € 55.00, Schott, Mainz

id., Mobile, für Oboe und Harfe, Spielpartitur ED 5384, € 28.00, Schott, Mainz

Benedikt Wieland

Was brauchte es, damit seine Karriere so richtig aufblühen konnte?

Was hat es in deinem Fall gebraucht, dass du dich als Musiker derart schön hast entfalten können?

Den Mut, den Willen und den Drang es trotzdem zu tun!

Ob ich mich dabei schön entfaltet habe, ist sehr relativ, sicherlich war und ist mein Weg nicht unbedingt gradlinig, dafür laufe ich mit zu offenen Armen, Augen und Ohren durch die Welt. Immer wieder entdecke ich etwas Neues, was mich fasziniert. Die Balance zwischen all meinen Tätigkeiten zu halten ist oft nicht einfach, aber ich empfinde es als grosses Glück, das zu tun was mir Spass macht.

Bei mir ist die Entfaltung ein stetiger Prozess indem es auch darum geht, Wünsche, Visionen und Erwartungen in Einklang mit meinem Handeln zu bringen.

Sind die Verhältnisse in der Schweiz einer musikalischen Entfaltung zuträglich oder hinderlich?

Für mich müsste die Frage lauten: Macht die Schweiz, ein Land mit einer hohen Lebensqualität und hoher wirtschaftlicher Stabilität, genug, um die musikalische Entfaltung zu fördern?
Ja und nein. Die Schweiz hat eine starke und vor allem sehr breite Kulturförderung, die uns natürlich viel ermöglicht.

Gerade in der Nischenmusik entsteht dadurch viel Spannendes, weil es dort leichter ist, einfach mal etwas auszuprobieren.

Mal abgesehen davon, dass die sozialen Verhältnisse in der Schweiz ja nicht besonders toll sind insbesondere für künstlerische Berufe oder allgemein für Leute, die nicht in erster Linie dem Geld hinterherrennen, wären die Voraussetzungen wohl gar nicht sooo schlecht.

Aber könnte man noch mehr tun? Definitiv. Geld zu haben ist nicht innovativ. Innovativ ist, was man daraus macht, und da tut sich die Schweiz schwer, mehr Farbe zu bekennen, gerade in unseren musikalischen Breitengraden. Ausserdem spielt die gesellschaftliche Denkweise eine grosse Rolle. Musik hat dabei noch lange nicht die Akzeptanz, wie zum Beispiel der Sport.

Ich kenne kein anderes Land, wo man mich nach meinem Beruf fragt und dann gleich nach gegebener Antwort nochmals nachhakt, was ich denn sonst noch mache …

Ist es für eine musikalische Selbstverwirklichung unabdinglich, ins Ausland zu gehen?

Nö, unabdinglich würde ich nicht sagen. Ich kenne so viele Musikerinnen und Musiker, die sich ohne längere Auslandaufenthalte ebenso verwirklicht haben.

Aber ich kann es trotzdem jedem empfehlen. Vor allem, wenn du den Drang verspürst, mal aus der «Wohlfühlzone» auszubrechen. Für mich ist Musizieren auch eine ständige Suche und mich würde es einengen, wenn ich nicht die Möglichkeit hätte, mein vertrautes Umfeld, meine Zone mal verlassen zu können.

Zudem finde ich all die neuen Eindrücke, die ich in einem fremden Land bekomme, sehr erfrischend: andere Lebensformen, andere Denkweisen, andere Menschen, andere Perspektiven … All das empfinde ich als grosse Bereicherung für meinen Weg. Und es ist doch auch spannend, die Schweiz mal von aussen zu betrachten, da sieht Vieles ganz anders aus, als wenn man drin lebt …

Ich habe jetzt natürlich vor allem vom Leben im Ausland gesprochen. Oder meintest du Touren? Bei Nischenmusik ist es natürlich unabdingbar, ins Ausland zu gehen, weil die Schweiz dafür viel zu klein ist. Wir müssen sofort raus. Am besten gleich am 2. Tag!:-)

Benedikt Wieland ist Gründer und Mitglied der Band Kaos Protokoll. kaosprotokoll.ch

Frühwerke editorisch eingebettet

Der erste Band der Gesamtausgabe von César Francks Orgelwerken bringt nicht wirklich neues Repertoire, erschliesst aber Zusammenhänge rund um die Werkentstehung auf Deutsch.

César Franck an der Orgel von Sainte-Clotilde, Paris 1885. Foto eines Gemäldes von Jeanne Rongier (1852–1934) / wikimedia commons

Dieser erste von acht geplanten Bänden mit César Francks gesammelter Orgel- und Harmonium-Musik präsentiert vier Frühwerke sowie zwei Fragmente. Für viele Orgelspielerinnen und -spieler handelt es sich sicher um Neuentdeckungen, da die Werke nicht im Kanon der zwölf «grossen» Orgelwerke des Komponisten stehen.

Die Fantaisie (Pièce) in A-Dur wurde 1990 von Joël-Marie Fauquet (Editions musicales du Marais) und 2008 in einer um gewisse Druckfehler bereinigten Ausgabe von Bernhard Haas (Butz-Verlag) herausgegeben; zwei Fassungen einer Fantaisie en ut majeur (frühe Stadien der späteren C-Dur-Fantasie aus den Six Pièces) sowie eine Pièce en mi bémol majeur erschienen bereits 1973 bei Schola Cantorum in einer Ausgabe von Norbert Dufourcq. Das charmante Andantino in g-Moll wurde zu Lebzeiten Francks in einer Anthologie publiziert, später auch als Einzelausgabe, erhielt aber von ihm keine Opuszahl. Insofern stellen also nur die fragmentarisch überlieferten und für eine Aufführung leider zu wenig «kompletten» Werke – ein Stück in Es-Dur, von dem nur die letzten fünfeinhalb Seiten erhalten sind, sowie der Anfang einer Prière (ohne Schluss) – wirkliche Neuentdeckungen dar. Dennoch handelt es sich um hochinteressante Zeugnisse des Komponisten, dessen biografische Hintergründe (zum Beispiel sein «Karrierestart» als klavierspielendes Wunderkind bis zu einem fundamentalen Zerwürfnis mit seinem Vater) und kompositorische Entwicklung vom mondänen Salonmusiker zum Mystiker nach wie vor zu wenig zur Kenntnis genommen werden. So ist klar erkennbar, dass Franck diese Werke noch für frühromantische Instrumente (Saint-Roch 1842, Saint-Eustache 1853) konzipiert und sichtlich damit gerungen hat, seine klanglichen Intentionen zu formulieren, weil diese noch nicht dem späteren Standard Cavaillé-Colls und den damit möglichen, einigermassen schematischen «Registrierungs-Szenarien» entsprechen. Auch die Klangsprache des Komponisten wirkt gelegentlich noch etwas ungelenk und (zum Beispiel in nachschlagenden Begleitfiguren) stark vom Klavier inspiriert, aber da und dort schimmern schon gewisse «typische» Franck-Wendungen durch.

Das ausgezeichnete Vorwort der Herausgeberin erschliesst diese Zusammenhänge nun auch für ein deutsch- und englischsprachiges Publikum, da Joël-Marie Fauquets massstabsetzende Biografie (Fayard 1999) nur in französischer Sprache erhältlich ist. Der mustergültig aufgemachte Notentext und der ausführliche Kritische Bericht liefern eine Fülle von Details zu den Werken, ihrer Entstehungsgeschichte und Realisierung und dokumentieren herausgeberische Entscheide auch im Spiegel der bereits bekannten Editionen. Man darf also gespannt sein, ob aus den Folgebänden auch neue Erkenntnisse zu den bereits in Originalausgaben (frz. Verlage, Nachdruck bei Butz) und Kritischen Neueditionen (Wiener Urtext, Henle) erhältlichen «kanonischen» Werken Francks zu gewinnen sind.

Image

César Franck: Sämtliche Orgel- und Harmoniumwerke, Band I: Frühe Orgelwerke / Fragmente, hg. von Christiane Strucken-Paland, BA 9291, € 29.95, Bärenreiter, Kassel

Sonderpreis der Kritiker für Simon Wiener

Am Internationalen Violinwettbewerb Leopold Mozart hat der der 1994 geborene Simon Wiener aus Uster, derzeit Student an der ZHdK Zürich, in Augsburg den Sonderpreis der Kritikerjury gewonnen.

Ausserdem erhielt Wiener noch den Sonderpreis Kammermusik für die beste Interpretation des 1. Satzes aus dem Trios Nr. 1 d-Moll op. 49 von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Die Kritikerjury lobte insbesondere Wieners musikalische und expressive Intelligenz sowie seinen einzigartigen Zugang zu den Kompositionen.

Simon Wiener erhielt ab dem Alter von viereinhalb Jahren Violinunterricht. Von 2010 bis 2014 war er Schüler von Zakhar Bron. Anschliessend führte er sein Masterstudium bei Renaud Capuçon an der Hochschule Lausanne weiter, wo er 2018 sein Solistendiplom mit Auszeichnung abschloss. Derzeit ist er Schüler von Ilya Gringolts an der ZHdK in Zürich.

Der alle drei Jahre durchgeführte Augsburger Leopold Mozart Wettbewerb zählt zu den angesehensten Violinwettbewerben. Er ist Mitglied im Weltverband der Internationalen Musikwettbewerbe (WFIMC), Genf.

PGM: Harmonisch, dissonant, temperiert?

Der bundesrätliche Entwurf der Kulturbotschaft 2021–2024 stand im Zentrum des Treffens der Parlamentarischen Gruppe Musik mit Delegierten der Musikorganisationen. Diese können bis am 20. September Stellung nehmen.

Bundeshaus in Bern mit Fontänen. Foto: Katharina Wieland Müller / pixelio.de

Die Veranstalter freuten sich: Der Aufmarsch am 5. Juni im Allresto in Bern war gross, rund 35 Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlichster Musikverbände und des Parlaments hörten David Vitali zu, dem Leiter der Sektion «Kultur und Gesellschaft» im Bundesamt für Kultur (BAK). Eingeladen zu diesem Treffen hatte die Parlamentarische Gruppe Musik (PGM) mit ihrem Präsidenten, Nationalrat Stefan Müller-Altermatt. Der Einladung mit dem Titel Die neue Kulturbotschaft druckfrisch: Die Vorschläge des Bundes und die Forderungen des Musiksektors – harmonisch oder dissonant? beigelegt waren die Bemerkungen und Fragen des Schweizer Musikrates zur Kulturbotschaft 2021 ff.

Die Grundlagen für dieses Papier hatte der Schweizer Musikrat (SMR) bereits im Sommer 2018 zusammen mit seinen Mitgliedern erarbeitet und die aus diesen Konsultationen hervorgehenden sieben Kernanliegen des Musiksektors am 6. September 2018 mit dem BAK und Pro Helvetia besprochen. Zusammengefasst waren es: 1. Wertschätzung der Musik im Allgemeinen, 2. Debatte über eine faire Entschädigung von Urheber- und Interpretenrechten vs. Internetfreiheit, 3. Ermöglichung bereichsübergreifender Projekte, 4. Anschubfinanzierungen, 5. langfristige Entwicklungsstrategien für die drei Genres Volksmusik, aktuelle Musik, Klassische Musik, 6. Promotion der Schweizer Musik im Ausland und 7. Umsetzung des Artikels 67a «Musikalische Bildung» der Bundesverfassung.

Schwerpunkt musikalische Bildung

Vitali erläuterte zunächst den Hintergrund der am 29. Mai veröffentlichten Kulturbotschaft und verwies auf die Kontinuität ihrer strategischen Entwicklungslinien «Kulturelle Teilhabe», «Gesellschaftlicher Zusammenhalt» sowie «Kreation und Innovation», bevor er auf Neuerungen zu sprechen kam. Seine Ausführungen konzentrierte er auf die Umsetzung des Musikartikels, wofür seine Sektion zuständig ist. So soll das Programm Jugend und Musik weiter ausgebaut und ein Talentförderungsprogramm in Zusammenarbeit mit den Musikschulen und Musikhochschulen aufgebaut werden. Vorgesehen ist die Einführung einer Talentkarte nach dem Vorbild von Jugend + Sport. Dazu beantragt das BAK für die gesamte Förderperiode 25.6 Millionen Franken – rund 8 Millionen mehr als in der Vorperiode. Zudem soll der Musikartikel 67a BV um einen vierten Absatz ergänzt werden, Wortlaut zur Zeit: «Er [der Bund] kann musikalisch Begabte durch spezifische Massnahmen fördern.» Die mangelnde Verbindlichkeit dieser Kann-Formulierung hob Christine Bouvard, Präsidentin des Verbandes Musikschulen Schweiz, in der anschliessenden Fragerunde hervor.

Alle anderen Aspekte des Entwurfs die Musik betreffend wurden lediglich gestreift, da weder eine Vertretung aus der BAK-Sektion «Kulturschaffen» noch von Pro Helvetia anwesend waren. Die Delegierten von Sonart – Musikschaffende Schweiz formulierten die Erwartung, dass die Organisationen professioneller Kulturschaffender in der Kulturbotschaft nicht ausschliesslich auf ihre Rolle als gewerkschaftliche Dienstleister beschränkt werden. Sie müssen – wie ihre Partnerorganisationen im Ausland – ebenso wahrgenommen werden als die einzigen landesweit agierenden und darum unverzichtbaren Vermittler von Netzwerk, Diskurs und inhaltlichem Austausch, auch wenn die Mittel für letzteres nicht mehr aus der Bundeskasse fliessen.

Wie geht es weiter?

Jetzt gilt es, die Chance der Vernehmlassung zu ergreifen und die spezifischen Anliegen klar und deutlich zu formulieren. Der Schweizer Musikrat wird ein Muster zuhanden seiner Mitglieder entwerfen. Sie sind frei, die Vorlage nach ihrem Wunsch zu bearbeiten oder eine eigene Stellungnahme zu verfassen. Bis am 20. September 2019 können diese an die Adresse StabsstelleDirektion@bak.admin.ch geschickt werden. Die Verabschiedung der Kulturbotschaft wird im Februar 2020 erwartet, danach geht sie ins Parlament und soll am 1. Januar 2021 in Kraft treten.

Link zur Kulturbotschaft 2021-2024

Die Botschaft kann von dieser Seite heruntergeladen werden:
https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-75271.html

Wie klingt die Zukunft?

Eine Konferenz des Netzwerks Junge Ohren stellte in Berlin experimentelle Ansätze der Klangarbeit mit Kindern in Schulen vor. Referiert hat auch Barbara Balba Weber aus Bern.

Fotos: Maren Strehlau

Konzentriert stehen die Fünftklässler auf der Bühne. Einige bearbeiten Schlaginstrumente, ein Mädchen hat eine Gitarre auf den Schoss gelegt und zupft daran. Eine Gruppe Kinder pfeift und macht Laute mit dem Mund: brummen, quietschen, ploppen, schnalzen. Ein Kind lässt Wasser in ein Gefäss laufen, das Geräusch wird über Mikrofone verstärkt.

Das Stück, das hier erklingt, haben die Kinder im Rahmen des Projekts Klangradar erarbeitet. Das Konzept: Komponistinnen und Komponisten gehen drei Monate lang in eine Schule und begeben sich gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern auf eine Klangexpedition. Klangradar und die Ergebnisse der diesjährigen Projektphase zum Thema «Glück. Eine Klangspurensuche» wurden an der Konferenz Aufbruch in neue Hörwelten. Schule & Klangforschung am 23. Mai 2019 in Berlin vorgestellt. Organisiert und dazu eingeladen hatte das Netzwerk Junge Ohren.

Image

Führen und folgen

Wer einen solchen gemeinschaftlichen Kompositionsprozess anleiten wolle, so erläuterte die Komponistin Cathy Milliken in ihrer einleitenden Keynote, müsse die paradoxe Fähigkeit haben, gleichzeitig zu führen und zu folgen. Denn nur wer sich wirklich auf die Klangwelten einlässt, die die anderen Teilnehmenden mitbringen, kann eine «neue» Musik entstehen lassen und über die Begrenzungen der eigenen Klangvorstellungen hinausgehen.

Auch die Musikvermittlerin Barbara Balba Weber von der Hochschule der Künste Bern betonte, dass Offenheit eine der Eigenschaften sei, die es für solche Musikvermittlungsprojekte brauche. In der Begegnung von Schülern, Lehrpersonen und professionellen Musikschaffenden treffen ganz unterschiedliche Vorstellungen davon aufeinander, was Musik ist – und verschmelzen im besten Fall zu einem unerhörten neuen Ganzen. Darin hat jede Klangfarbe, jede Klangvorstellung ihren Platz, und so wird das gemeinschaftliche Komponieren ganz nebenbei sogar zu einer Übung in Demokratie, Vielfalt und Gleichberechtigung.

Image

Spazieren und konstruieren

Wie sich Klangexperimente im schulischen Alltag unterbringen lassen, wurde in einem Rundgang zur «Klangforschung in der schulischen Praxis» vorgestellt. Zum Beispiel der «Soundwalk». Angeleitet vom Musiker und Kulturwissenschaftler Manuel Schwiers bewegte sich eine Gruppe lauschend durch den Kreuzberger Sommernachmittag. Wie klingt eigentlich der Übergang vom Hinterhof auf die Strasse? Auf welche Klangumgebungen treffe ich, während ich mich durch die Stadt bewege? Und welchen Einfluss nehme ich, indem ich meine Aufmerksamkeit auf verschiedene Aspekte des Stadtklangs richte? Ist das vielleicht schon eine Art von Komposition? Nach mehreren intensiven Phasen des Lauschens diskutierte man überall solche Fragen, und es wurde deutlich, dass alleine das Hinhören auf die Umgebung, für das weiter keine Materialien notwendig sind, viele Ansatzmöglichkeiten für die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern bieten kann – jedenfalls wenn es gelingt, dass sie sich auf diese Art der geschärften Wahrnehmung einlassen.

Die Komponistin Steffi Weismann bringt die Umgebung der Schüler auf etwas andere Art zum Klingen, nämlich indem diese aus Alltagsgegenständen selber Instrumente bauen. Eine ihrer Entdeckungen: die Quietschgeräusche, die Styropor macht, wenn man es anfeuchtet und an Glasscheiben reibt. Auch aus Eimern, Plastikverpackungen und Gummibändern baut Weismann mit den Kindern Instrumente, die in die Kompositionsprojekte Eingang finden.

Image

Loopen und kneten

Wie man Apps für die pädagogische Klangarbeit nutzen kann, stellte der Musiker Matthias Krebs vor, der in Hamburg das Gebäude der Elbphilharmonie gemeinsam mit Schülern auf seine Klangmöglichkeiten hin abklopft. Dabei erstellen sie mithilfe von Tablets kurze Videosequenzen, die sich digital bearbeiten, kombinieren und loopen lassen und so ebenfalls zu selbst gestalteten Klangsequenzen führen.

Der Klangkünstler und Galerist Knut Remond erweitert die Dimensionen dessen, was Klang eigentlich ist, hin zur Skulptur. Sein vorgestelltes Experiment im Rahmen der Konferenz: hinausgehen, auf die Umgebung lauschen – und das Gehörte dann mit Hilfe von Knete oder Ton in eine «Klangskulptur» umwandeln. Welche Klänge wohl entstehen, wenn diese Skulpturen wiederum von Musikern interpretiert werden?

An Ideen zu Klangexperimenten, das hat die Konferenz bewiesen, mangelt es nicht. Und in der Podiumsdiskussion «Wie klingt die Schule der Zukunft?» wurde deutlich, dass sich mehr und mehr Schulen auf solche Projekte einlassen, auch wenn die festen Strukturen des schulischen Alltags das nicht gerade einfach machen. Gewiss haben die Konferenzteilnehmer Inspirationen mit nach Hause genommen, wie auch sie in Zukunft dazu beitragen, dass Schule nach Vielfalt, Gemeinschaft und Aufbruch klingt.

Auszeichnung für Walter Labhart

Das Aargauer Kuratorium verleiht dem Musikforscher und -dramaturgen, Kurator und Kulturpublizisten Walter Labhart den Anerkennungspreis 2019.

Walter Labhardt (Bild: zvg)

Der 1944 am Bodensee geborene, seit langem im aargauischen Endingen wohnhafte Labhart arbeitete als Redaktor und Journalist für Radio, Fernsehen und Printmedien. Seit über 40 Jahren ist er freiberuflich als Musikforscher, Dramaturg und Kurator tätig. In dieser Zeit konzipierte und gestaltete er Dutzende von Ausstellungen, organisierte Konzertreihen von Aargauer oder internationalen Komponisten, verfasste Monografien über Aargauer Künstler wie Peter Mieg, Martin Ruf oder Werner Wehrli. Mit der Unterstützung durch seine Frau Dora hat er zudem über die Jahrzehnte ein grosses Archiv mit Fachliteratur, Partituren, Autographen, Tonträgern, Konzertprogrammen und vielem mehr zusammengetragen.

Mit dem 2017 neu geschaffenen Anerkennungspreis zeichnet das Aargauer Kuratorium besondere Verdienste auf dem Gebiet der Kulturvermittlung aus. Wie mit dem Kunstpreis des Kantons Aargau verfolge es, schreibt der Kanton Aargau, damit nicht zuletzt das Ziel, die Aufmerksamkeit eines breiteren Publikums auf ein Schaffen zu richten, welches oft wenig im Scheinwerferlicht stehe.

 

Scholz folgt in Bern auf Märki

Der Stiftungsrat von Konzert Theater Bern (KTB) hat Florian Scholz zum neuen Intendanten für das KTB gewählt. Der 49jährige Florian Scholz leitete die letzten sieben Jahre das Stadttheater Klagenfurt in Österreich, welches wie das KTB als Mehrspartenhaus organisiert ist.

Florian Scholz. Foto: Arnold Pöschl, Stadttheater Klagenfurt

Florian Scholz startet bereits in der nächsten Spielzeit als designierter Intendant und wird ab 2021 die künstlerische Gesamtverantwortung am Konzert Theater Bern übernehmen. Ab dieser Spielzeit wird auch der Schweizer Theaterregisseur Roger Vontobel zum KTB stossen

Zentral für die Wahl sei insbesondere Scholz‘ Schaffen an einem Mehrspartenhaus gewesen, schreibt KTB: Als Intendant des Theaters des Landes Kärnten und der Stadt Klagenfurt bringe er seit sieben Jahren mit über 250 festangestellten Mitarbeitenden pro Saison circa 15 Neuproduktionen in den Sparten Oper und Musiktheater, Schauspiel, Tanz sowie im Kinder-und Jugendtheater in rund 200 Aufführungen auf die Bühne. Er zeichnet für alle Sparten verantwortlich und ist als Intendant des Kärntner Sinfonieorchesters ebenfalls für das Konzertwesen zuständig.

Vor seiner Intendanz am Stadttheater Klagenfurt arbeitete Florian Scholz, der an der Universität Zürich ein Aufbaustudium zum Theaterleiter absolviert hat, als Direktor für Internationale Beziehungen und Sonderprojekte an der Bayerischen Staatsoper bei Nikolaus Bachler in München (2006-2012). Dort war er unter anderem für die Kuratierung des Sonderprogramms der Münchner Opernfestspiele verantwortlich. Zuvor war er an der Opéra National de Paris als Assistent von Gerard Mortier und am Deutschen Nationaltheater Weimar als Spielstättenleiter tätig sowie an der Schaubühne Berlin bei Thomas Ostermeier als Regieassistent. Zwischen den Jahren 1995 und 2000, nach seinem Studium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin, arbeitete der gebürtige Heidelberger als Schauspieler an verschiedenen deutschsprachigen Bühnen.

Zum Team von Florian Scholz stösst der Schauspieldirektor Roger Vontobel. 1977 in Zürich geboren, studierte Vontobel Schauspielregie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Er führte Regie unter anderem am Schauspiel Essen und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg sowie an den Münchner Kammerspielen, dem Deutschen Theater Berlin, Maxim Gorki Theater, Schauspiel Köln, am Royal Danish Theatre in Kopenhagen und in Paris am Théâtre National de la Colline. Von 2011-2016 war Vontobel Hausregisseur am Schauspielhaus Bochum, seit 2016 ist er in gleicher Funktion am Schauspielhaus Düsseldorf tätig.

Die Intendanz wurde von der Findungskommission in einem mehrstufigen Verfahren ausgewählt. Geleitet wurde sie von Nadine Borter, der Stiftungsratspräsidentin von KTB. Weitere Mitglieder der Findungskommission waren Anna Badora, Georges Delnon, Marcel Brülhart, Markus Hongler, Ueli Studer, Hansueli Glarner und Giulia Meier.

Winterthur hebt Subventionskürzung auf

Der Winterthurer Stadtrat hat die im Rahmen eines Haushaltsanierungsprogramms beschlossene, ausserordentliche Kürzung der Subventionsbeiträge für das Musikkollegium Winterthur mit Wirkung ab dem Beitragsjahr 2019 aufgehoben.

Musikkollegium vor dem Stadthaus. Foto: Paolo Dutto

War das Haushaltsanierungsprogramm vor fünf Jahren Grund für diese ausserordentliche Massnahme, seien die dazu nötigen Voraussetzungen heute nicht mehr gegeben, schreibt die Stadt. Die ebenfalls als Sanierungsmassnahme beschlossene, temporäre Anhebung des kommunalen Steuerfusses sei darum vom Grossen Gemeinderat mit Hinweis auf die eingetretene Entspannung der städtischen Finanzlage wieder rückgängig gemacht worden.

In der Folge erachtete es der Stadtrat als richtig und vertraglich angezeigt, die Subventionskürzung an die beiden betroffenen Institutionen Musikkollegium Winterthur und Swiss Science Center Technorama ab 2019 aufzuheben. Für die Rückgängigmachung dieser Sparmassnahme ist der Stadtrat zuständig. Der Grosse Gemeinderat hat der vom Stadtrat beantragten Budgetanpassung ebenfalls zugestimmt.

Die Rückgängigmachung rechtfertige sich umso mehr, so die Stadt weiter, als für sämtliche übrigen subventionierten Kulturinstitutionen die Beiträge einerseits im Rahmen der Gesamtbeurteilung der befristeten Verträge, andererseits im Rahmen des Museumskonzepts durch den Grossen Gemeinderat bereits angepasst worden seien.
 

get_footer();