Der deutsche Musikjournalist Michael Behrendt erzählt in seinem neuen Buch von 70 Skandalsongs aus den letzten 100 Jahren.
Michael Gasser
- 01. Mai 2019
Foto: Petra Bork/pixelio.de
Vor zwei Jahren widmete sich Michael Behrendt in seinem Buch I Don’t Like Mondays. Die 66 grössten Songmissverständnisse inkorrekt interpretierten Liedinhalten. Was der deutsche Musikjournalist vor allem dazu nutzte, die Lieder und deren Entstehungsgeschichte zu beschreiben. Demselben Muster folgt auch sein neues Werk Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en. Auf 296 Seiten breitet Behrendt insgesamt 70 Lieder aus, die bei ihrer Veröffentlichung für Aufsehen und Aufruhr sorgten. Die laut Autor «bewusst unvollständige und subjektive» Auswahl beginnt mit Claire Waldoffs Herrmann heesst er aus dem Jahre 1914. Als die Öffentlichkeit im frivol-frechen Stück plötzlich einen Seitenhieb auf Herrmann Göring zu erkennen glaubte, führte dies für die Berliner Künstlerin zum Karriereende. Inhaltlich direkter und brisanter zeigte sich Billie Holidays Strange Fruit (1939), in welchem die US-amerikanische Jazzsängerin von den seltsamen Früchten erzählt, die an Bäumen der Südstaaten hängen. Eine unverblümte Anspielung auf mehr als 4700 aktenkundige Lynchmorde an Schwarzen zwischen 1882 und 1968. Beim Versuch, das Stück bei einem Konzert in Mobile, Alabama, anzustimmen, wurde Holiday aus der Stadt gejagt.
In seiner Publikation streift Behrendt vornehmlich altbekannte und heute harmlos wirkende Geschichten, die er wenig tiefschürfend zum Besten gibt: Da ist Dylan, der Widerstand erfährt, als er von der akustischen Gitarre zur elektrischen wechselt, und da sind auch The Who, die 1965 auf ihrer Single My Generation verkünden, es sei besser, jung zu sterben. Nicht zuletzt widmet sich das Buch auch dem Gangsta-Rap, der bisweilen nicht bloss zu gewaltverherrlichenden, sondern auch zu antisemitischen oder homophoben Tendenzen neigt, was der Autor in aller Schärfe verurteilt. Behrendts Haupterkenntnis, dass sich die Grenzen des Akzeptablen immer weiter verschieben, trifft zweifelsohne zu, ist jedoch alles andere als neu. Fazit: Die Lektüre von Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en erweist sich als kurzweilig, ein Must ist sie nicht.
Michael Behrendt: «Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en», 296 S. € 20.00 wgb Theiss, Darmstadt 2019, ISBN 978-3-8062-3922-5
Musikalische Porträts aus Frankreich
Jean-François Dion hat den Exponenten der französischen Trompetenschule rund um Maurice André ein Denkmal gesetzt.
Unzweifelhaft: Die französische Trompetenschule mit ihrem Zugpferd Maurice André hat viele Generationen von Trompeterinnen und Trompetern geprägt wie kaum eine andere. Auch in meiner Jugendzeit war der Grand seigneur de la trompette omnipräsent: Er beherrschte die klassische Trompetenwelt fast im Alleingang, so wie Miles Davis den Jazz prägte.
Es wundert daher nicht, dass Jean-François Dion die Zeit für reif erachtet hat, den Exponenten dieser französischen Trompetenschule eine Hommage zu widmen. In 15 kleineren Einzelstücken zeichnet er ein musikalisches Bild der Widmungsträger (von Roger Delmotte über Bernard Soustrot bis Antoine Curé). Und wer die Meister gut kennt, der kann sich beim Durchspielen dieser manchmal doch etwas etüdenhaft wirkenden Kleinode eines kleinen Schmunzelns kaum erwehren. Die barocken Zitate bei Maurice André einerseits, die aleatorischen Elemente und Dämpferwechsel bei Antoine Curé andererseits sind wohl etwas plakativ geraten – der Beginn von Guy Touvron hingegen erinnert subtil an das Klappern der Mühle vor seinem Haus – ein hübscher Beweis für die Vertrautheit des Komponisten mit seinen Kollegen. Schön auch, dass jeder Maître im Anhang kurz mit Foto und Biografie vorgestellt wird – schade jedoch, dass Grössen wie Pierre Thibaud oder Eric Aubier fehlen, die es nicht minder verdient hätten, etwas beweihräuchert zu werden.
Jean-François Dion : La trompette française – 15 portraits musicaux, für Trompete solo, TP 348, Fr. 20.00, Editions Bim, Vuarmarens
Eine Fundgrube für einseitige Klassikhörer
In diesem Buch hat Roger Willemsen seine Empfindungen für Musik in den verschiedensten Formen festgehalten und lädt zum Mitentdecken ein.
Jakob Knaus
- 01. Mai 2019
Roger Willemsen 2014. Foto: blu-news.org / wikimedia commons
Wo Sie das Buch auch öffnen, jederzeit ist eine Überraschung möglich, besonders wenn Sie eher einseitig auf die «grosse klassische Musik» eingeschworen sind. Es gelingt dem multikulturellen Musikhörer, Autor und Moderator Roger Willemsen immer wieder, den Leserinnen und Lesern seine «Liebeserklärungen an die Musik» ohne fachmännischen Firlefanz wortmächtig «unterzujubeln», so dass man sich der jahrzehntelangen Einseitigkeit (mit Recht) umso stärker bewusst wird. In fünf Kapiteln werden Stimmungen, Porträts, Vergleiche «Klassik und Jazz» sowie Weltmusik und Zufälliges angeboten, unterschiedlich fokussiert, aber meist in einer Kombination von sparsam eingesetztem historischem Wissen und persönlichem Musikerlebnis. Seine Fixpunkte sind John Coltrane, der «das musikalische Universum vielleicht weiträumiger abgeschritten hat als irgendjemand vor oder nach ihm», und der Jazz in all seinen Facetten. Es geht ihm primär aber nicht um die Beschreibung der Musik, sondern um «die Erkundung der Gefühle» beim Anhören von Musik; und hierin steht ihm ein wundersam reiches Vokabular zur Verfügung. Aber alle, auch die differenziertesten Erkundungen sind nichts ohne den entsprechenden Klang; als ob Ihnen die Speisekarte blumig geschildert würde, Sie aber nichts davon zu essen bekämen. Nach der Lektüre von Willemsens Ausführungen kann man denn auch sofort nachprüfen, ob sie auch für einen selbst zutreffen: Fast alle erwähnten Titel sind auf YouTube anzuhören – übrigens (noch) gratis.
Die tollsten Entdeckungen sind möglich. In den 50 Klassik-und-Jazz-Kombinationen stellt Willemsen Stücke nebeneinander, die beim Erkunden der Gefühle interessante Gemeinsamkeiten freigeben: das Staccato-Spiel des Lennie Tristano etwa nach dem G-Dur-Allegro von Muzio Clementi oder die abenteuerlich-flinke Trompete in Cherokee von Arturo Sandoval, nachdem man Niccolo Paganinis Moto perpetuo angehört hat. Verblüffend auch das Nocturne mit dem Teddy-Charles-Quintett gegenüber dem dritten aus den fünf Orchesterstücken von Anton Webern. Mag sein, dass manche Vergleiche auf Unverständnis stossen oder Wiederholungen auffallen, dass man sich nicht «für einen Angriff auf das sentimentale Zentrum» bereitmachen will, dass manche emotional-bedingten Urteile etwas zu salopp wirken oder dass «Spott zum Gruss» für Rex Gildo überflüssig ist. Aber die Information zur «weitgehend vergessenen» Pianistin Jutta Hipp kommt gerade rechtzeitig in der gegenwärtigen Diskussion um die Revision des Urheberrechts: Kurz vor ihrem Tod hat jemand bemerkt, dass ihr 40 000 Dollar an Tantiemen für Schallplatten zustanden, die nach ihrem Karrierenende noch verkauft worden waren. Ob die heutigen Verbreitungsmedien auch über ein derartiges Langzeitgedächtnis verfügen?
Zum Schluss aber noch eine Merkwürdigkeit: Jacques Loussier, der für unsere Generation eine nicht geringe Bedeutung in Sachen «Horizonterweiterung» hatte, kommt nicht vor. Dabei war noch Anfang der Siebzigerjahre auf der Karteikarte «Loussier, Jacques – Play Bach» im Radiostudio Bern vermerkt, dass diese Schallplatten «nur nach Rücksprache mit dem Abteilungsleiter Musik» im Programm eingesetzt werden dürften. Klar: Als Willemsen (mit Jahrgang 1955) in Hörweite von Loussiers Bach-Spiel kam, war es keine Sensation mehr.
Roger Willemsen: Musik! Über ein Lebensgefühl, 512 S., € 24.00; S. Fischer, Frankfurt 2018, ISBN 978-3-10-397383-9
Besuch aus der Vergangenheit
Wie gehen wir mit früheren Zeiten um? Die neueste Ausgabe des Festivals Alte Musik Zürich vom 22. bis 31. März regte zu so mancher Reflexion an.
Simon Bittermann
- 01. Mai 2019
Aufführung der Vesper von Carlo Donato Cossoni. Foto: Samuel Jaussi
Weshalb soll man Musik historischer Epochen hören? Die Musik zumeist toter weisser Männer, wie sich unlängst eine Bekannte echauffierte. Das Problem fordert die gesamte Klassikbranche heraus, akzentuiert sich für einen Veranstalter wie das Forum Alte Musik Zürich aber noch. Schliesslich stammen die Programmschwerpunkte der von ihm zweimal pro Jahr organisierten Festivals doch oft gar aus längst vergangenen Zeiten.
Wie das diesjährige Frühlingsfestival unter dem Motto «Metamorphosen» aber zeigt, spriessen die Lösungsansätze dort am üppigsten, wo sie am dringendsten benötigt werden. Bewusst oder unbewusst, das über zwei Wochenenden verteilte Programm bot eine Reihe von Antworten auf die Frage, weshalb oder wie man sich mit Werken auseinandersetzen soll, die einem kulturell und gesellschaftlich weit entfernten Umfeld entstammen.
Frisches Präludium und einsamer Höhepunkt
Das begann mit den kleinen Apérokonzerten, in denen Linda Alijaj und Hitomi Inoue, beides Studentinnen der Zürcher Hochschule der Künste, Benjamin Brittens Six Metamorphoses after Ovid für Oboe solo vortrugen. Man könnte das nun den musealen Zugang zur Vergangenheit nennen und läge sicher nicht ganz falsch. Mit der Wahl dieses Stücks und den vom Schauspielstudenten Morris Weckherlin noch zusätzlich vorgetra- genen Ausschnitten aus Ovids Dichtung wurde deutlich und demonstrativ auf die lange Tradition europäischer Kultur verwiesen. Dass es sich bei Britten aber gerade nicht um Alte Musik handelt, verleiht der Sache eine gewisse Frische und zeugt von der Offenheit, mit der das Forum seine Programme gestaltet.
Selbstverständlich konnte man an den beiden Wochenenden auch den unter Veranstaltern wohl gängigsten Umgang mit alten Werken beobachten: Die Frage nach ihrer Aktualität wird gar nicht erst gestellt, sondern man vertraut schlicht auf die Kraft der Musik und versucht, sie in einer guten Interpretation möglichst vorteilhaft zu präsentieren. Am Metamorphosen-Festival etwa in einem Konzert, das Josquin Desprez gewidmet war, dem für viele bedeutendsten Renaissance-Komponisten. Das Vokalensemble Alamire demonstrierte dabei in der Kirche St. Peter eindrücklich, wofür englische Kleinensembles zu Recht berühmt sind. Ungemein agil wurden das Stimmengeflecht umgesetzt, einzelne Stimmen hervorgehoben und so der Klangfluss strukturiert. Einzelne Phrasen bekamen da und dort etwas mehr Raum, ohne dabei das delikate Gefüge zu stören. Selbst die frühe und noch verhältnismässig karge Missa d’ung aultre amer blühte so unter der Leitung des Dirigenten und Musikwissenschaftlers David Skinner sinnlich auf. Fragt sich eigentlich nur, weshalb ausge- rechnet dieses Konzert zu den am schlechtesten besuchten des an sich gut frequentierten Festivals zählte – denn musikalisch war es ein Höhepunkt. Eventuell kann es als Hinweis darauf gedeutet werden, dass es heutzutage nicht mehr reicht, einfach sogenannte Meisterwerke der Musikgeschichte zu präsentieren, um Publikum anzulocken. Oder es war einfach Zufall.
Modern gefärbter Blick zurück und eine Ausgrabung
Grossen Publikumszulauf erzielten hingegen drei Konzerte, in denen versucht wurde, Verlorenes oder auch nur vergessene Traditionen zu neuem Leben zu erwecken. So präsentierte die Deutsche Hofmusik eine Rekonstruktion von Johann Sebastian Bachs verlorener Köthener Trauermusik und das Ensemble Melpomen wagte sich unter Conrad Steinmanns Leitung gar an das Wagnis, die Musik der griechischen Antike zu imaginieren. Und, Zufall oder nicht, gerade in solchen Momenten der tastend spekulativen Annäherung erwies sich die Auseinandersetzung mit dem Früher als ungemein produktiv. Nämlich, indem man dazu gezwungen wurde, über unseren Umgang mit der Vergangenheit nachzudenken.
Am stärksten wurde einem das in der Helferei beim Konzert von Arianna Savalls Gruppe Hirundo Maris bewusst. Savall eröffnete ihre Europareise durch 200 Jahre Minnesang mit einer Einladung ins Mittelalter, und bereits da fragte man sich, ob es nicht doch eher umgekehrt sei. Besucht nicht das Mittelalter uns? Und zwar als guter, sich den Gepflogenheiten des Gastgebers anpassender Gast? Ohne den Dreck und die verstörenden Gewohnheiten mitzubringen? Denn Hirundo Maris bot ja kein authentisches Mittelalter, sondern einen modern gefärbten Blick zurück. Das wäre grundsätzlich nicht problematisch, bleibt einem doch gar nichts anderes übrig, als sich eine bestimmte Sichtweise auf die nur in Text und Melodie überlieferten Weisen so gewissenhaft als möglich zurechtzulegen. Und musikalisch war das auch exzellent und historisch fundiert gelöst. Doch das ganze Brimborium inklusive «Mittelalterkleidung» war befremdlich. Mehr Distanz zum eigenen Tun hätte dem Ensemble nicht geschadet. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen verliess man das Konzert musikalisch beschwingt und intellektuell angeregt. Und was möchte man denn mehr? Viele Veranstaltungen mit neuerer Musik vermögen solches nicht zu leisten.
Eine Einsicht ganz anderer Art vermittelte das Abschlusskonzert mit einer Vesper Carlo Donato Cossonis, eines norditalienischen Komponisten des 17. Jahrhunderts, dessen Musik grösstenteils handschriftlich in der Bibliothek des Klosters Einsiedeln liegt. Es zählt zwar mittlerweile zu den beliebtesten Marketingtricks der Industrie, unbekannte Kleinmeister wiederzuentdecken. Hier konstatierte man allerdings einmal mehr, dass es bei vielen dieser Entdeckungen kein grosser Verlust wäre, wenn sie nie gemacht würden. Doch es zählt zu den vielen Stärken des Festivals, dass einem auch solche Konzerte als gewinnbringend in Erinnerung bleiben.
Das Ensemble Melpomen unter der Leitung von Conrad Steinmann mit Musik der griechischen Antike. Foto: Rolf Mäder
Das Klavierstück von Johanna Doderer wird bestimmt von kleinteiligen Elementen im Stil der Minimal Music, zeigt aber auch emotionale Momente.
Karl-Andreas Kolly
- 01. Mai 2019
Johanna Doderer. Foto: Maria Frodl
Sie trägt einen berühmten Namen, der nicht nur in Österreich einen besonderen Klang hat: Johanna Doderer ist die Grossnichte von Heimito von Doderer, dem Autor des Romans Die Strudelhofstiege und anderer literarischer Meisterwerke. Auch sie kann bereits auf ein beachtliches Œuvre zurückblicken. Die 1969 in Bregenz geborene Komponistin schrieb zahlreiche Werke von Kammermusik über Symphonisches bis hin zur grossen Oper. An Anerkennung und Resonanz fehlt es nicht. Johanna Doderer durfte schon bedeutende Preise und Auszeichnungen entgegennehmen. Und zur Hundertjahrfeier der Republik Österreich 2018 spielten gar die Wiener Philharmoniker in der Staatsoper Teile aus ihrer zweiten Sinfonie.
Eines ihrer jüngsten Werke lässt einen jedoch etwas ratlos zurück. Alles fliesst für Klavier solo (DWV 109) ist im Auftrag des Internationalen Beethoven-Klavierwettbewerbs entstanden und wurde im Rahmen der Eröffnung uraufgeführt. Der Titel soll laut Doderer das Ineinanderfliessen der musikalischen Themen widerspiegeln. Ob auch Impulse aus der Musik Beethovens eingeflossen sind, ist schwer zu sagen. Es gibt ein paar pathetische Momente, aber im Allgemeinen dominieren kleinteilige Begleitfiguren, die im Stil der Minimal Music wiederholt werden. Sie verdichten sich gelegentlich zu emotionaleren Steigerungen, meist aber tritt die Musik an Ort. Dies, obwohl fast immer ein rhythmischer Fluss vorherrscht.
Die pianistische Faktur ist uneinheitlich: Geschickt gesetzten virtuosen Kaskaden stehen banale Passagen gegenüber, die seltsam unbeholfen daherkommen. (Takt 173 z. B. ist nur für Personen mit langen Armen einigermassen spielbar.) Auf der letzten Seite steht eine Anmerkung, wie sie auch von Beethoven stammen könnte: «… mit innigster Empfindung». Kurioserweise ist da auch ein Ausbruch im dreifachen Forte zu bewältigen. Ist da etwa Ironie im Spiel?
Das Stück endet – wie Beethovens Klaviersonate mit der gleichen Werknummer – in reinem E-Dur … und lässt alle Fragen offen.
Johanna Doderer: Alles fliesst (Everything flows) DWV 109, für Klavier solo, D. 01 699, € 14.95, Doblinger, Wien 2018
zupfen
Im Osten zeichnete die Beherrschung von Zupfinstrumenten Weise aus, hier im Westen erfreut sich die Ukulele wachsender Beliebtheit. Unser selektiver Streifzug durch die Familie der Zupfinstrumente schaut auch ins Atelier eines Lautenbauers.
SMZ
- 01. Mai 2019
Titelbild: www.neidhart-grafik.ch
Im Osten zeichnete die Beherrschung von Zupfinstrumenten Weise aus, hier im Westen erfreut sich die Ukulele wachsender Beliebtheit. Unser selektiver Streifzug durch die Familie der Zupfinstrumente schaut auch ins Atelier eines Lautenbauers.
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Focus
Nach unten zupfen heisst «pi», nach oben «pa» Die Pipa-Virtuosin und Komponistin Jing Yang im Interview
Privilégier la souplesse à l’orthodoxie Maurice Ottiger est l’un des rares fabricants de luth en Suisse
Entdeckungen in den Randgebieten Unübliche Zupfinstrumente an Musikschulen
De l’arc à l’archiluth Une brève histoire des cordes pincées
Seit Januar 2017 setzt sich Michael Kube für uns immer am 9. des Monats in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.
Hier können Sie die aktuelle Ausgabe herunterladen. Bitte geben Sie im Printarchiv den Suchbegriff «e-paper» ein. Für Abonnentinnen und Abonnenten ist der Download kostenlos.
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Die Pflege der kulturellen Vielfalt gehört zu den strategischen Zielen des Solothurner Regierungsrates. Das Amt für Kultur und Sport wird deshalb bis Ende Jahr ein Kulturleitbild für den Kanton erarbeiten. Die Öffentlichkeit ist im Mai an vier Regionalforen zur Mitwirkung eingeladen.
Musikzeitung-Redaktion
- 30. Apr. 2019
Beim Franziskanertor in Solothurn. Foto: Monika Sigrist/pixelio.de (s. unten)
Die Erarbeitung des Leitbildes ermögliche, grundsätzliche Fragestellungen vertieft zu bearbeiten, schreibt der Kanton. Beispielsweise, ob die aktuellen Förderinstrumente noch die richtigen sind oder inwiefern die Form des Kuratoriums für Kulturförderung im Milizsystem noch zeitgemäss und zielführend ist. Die Entwicklung des Kulturleitbildes erfolgt durch das Amt für Kultur und Sport in Zusammenarbeit mit dem Kantonalen Kuratorium für Kulturförderung.
In einem ersten Schritt soll mit einer Analyse der aktuellen Solothurner Kulturlandschaft eine umfassende Übersicht über den Ist-Zustand gewonnen werden. Ein wichtiger Ausgangspunkt dazu bildet die 2017 durchgeführte Kulturkonferenz, welche wesentliche Informationen zur Standortbestimmung wie auch zu Zukunftsvorstellungen der Solothurner Kulturakteure hervorbrachte.
An vier Abenden im Mai informiert das Amt für Kultur und Sport über den Stand der Arbeiten. Im Beisein von Regierungsrat Remo Ankli, Vorsteher des Departementes für Bildung und Kultur, werden ausgewählte Themen gemeinsam diskutiert. Eingeladen sind Persönlichkeiten aus Kultur und Politik sowie die interessierte Öffentlichkeit.
Die Regionalforen finden statt: Montag, 6. Mai, 18.00 Uhr, Aula BBZ Solothurn Donnerstag, 9. Mai, 18.00 Uhr, Kulturzentrum Schützi Olten Dienstag, 21. Mai, 18.00 Uhr, Kloster Dornach, Refektorium Dienstag, 28. Mai, 18.00 Uhr, VEBO, Restaurant Treffpunkt, Oensingen
Die Platzzahl ist beschränkt! Anmeldungen bis spätestens eine Woche vor dem jeweiligen Veranstaltungsdatum: aks@dbk.so.ch.
Samuel Steinemann ist der neue Geschäftsführer des Künstlerhauses Boswil. Der Zuger Musikmanager tritt am 1. November 2019 die Nachfolge von Michael Schneider an.
Musikzeitung-Redaktion
- 29. Apr. 2019
Samuel Steinemann (Bild: zvg)
Samuel Steinemann, geboren 1971, wuchs in Zug auf und studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Musikethnologie an der Universität Zürich sowie Kulturmanagement an der ZHAW. Während und anschliessend an die Studienzeit verfasste er Musikkritiken, Programmhefttexte und arbeitete für Künstleragenturen und Konzertveranstalter (unter anderem Tonhalle Zürich, KKL Luzern, Kartause Ittingen).
1998 war er Mitgründer der Zuger Sinfonietta und zwischen 2000 und 2008 leitete er die Festival Strings Lucerne als deren Geschäftsführer. Seit 2009 ist Samuel Steinemann Intendant des Theater Casino Zug.
Das Künstlerhaus Boswil ist Zentrum für klassische Musik, Ort der Begegnung, des internationalen Kulturaustauschs, der künstlerischen Auseinandersetzung und des Rückzugs. Akzente liegen auf der Neuen Musik und der musikalischen Jugendförderung: Mit dem Ensemble Boswil für Neue Musik, dem Jugend-Sinfonieorchester Aargau und dem Jugendorchester Freiamt ist das Künstlerhaus im Bereich der Orchestererziehung Träger dreier eigener Ensembles.
Viotti wird Chefdirigent in Amsterdam
Der 29-jährige gebürtige Schweizer Lorenzo Viotti wird ab der Spielzeit 2021/22 Chefdirigent der Niederländischen Philharmonie und der niederländischen Nationaloper. Damit tritt er die Nachfolge von Marc Albrecht an, der die Leitung zum Ende der Saison 2019/20 nach zehn Jahren abgibt.
Musikzeitung-Redaktion
- 26. Apr. 2019
Foto: Desiré van den Berg/Dutch National Opera
Viotti absolvierte bis 2015 ein Masterstudium in der Dirigierklasse von Nicolás Pasquet, Gunter Kahlert und Martin Hoff an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar. Seit Beginn der Spielzeit 2018/19 wirkt er als Chefdirigent des Gulbenkian-Sinfonieorchesters Lissabon.
Viotti wurde in Lausanne in eine französisch-italienische Musikerfamilie geboren. Er studierte Klavier, Gesang und Schlagzeug in Lyon. In Wien besuchte er später die Dirigierklasse von Georg Mark und spielte als Schlagzeuger in verschiedenen Orchestern, unter anderem mit den Wiener Philharmonikern.
Bereits mit 25 Jahren war er Gewinner des Young Conductors Award der Salzburger Festspiele 2015, des 11. internationalen Dirigentenwettbewerbs des Orchestra de Cadaqués sowie Erster Preisträger des Dirigierwettbewerbs beim MDR Sinfonieorchester. 2017 wurde er vom International Opera Award in London als Newcomer des Jahres gekürt.
Kecker Geist in der Einöde
Die dritte Ausgabe des Fröhlich-Tages lockte am Wochenende vom 13. und 14. April viele Besucherinnen und Besucher nach Brugg.
Sibylle Ehrismann
- 26. Apr. 2019
Friedrich Theodor Fröhlich (1803–1836). Bild: Wikimedia
Die Internationale Fröhlich-Gesellschaft Brugg, initiiert von der Sängerin Barbara Vigfusson, setzt sich seit 2016 für die Aufführung und Verbreitung der Musik des Aargauer Frühromantikers Friedrich Theodor Fröhlich (1803–1836) ein. Mittlerweile gibt es auch einen Fröhlich-Konzertchor Brugg, den der Kirchenmusiker Markus J. Frey leitet, und einen Kulturverein «Fröhlich-Konzerte Brugg».
Dass der Aargau den bedeutendsten Schweizer Frühromantiker hervorgebracht hat, ist spätestens seit der Dissertation des Winterthurer Gymnasiallehrers Pierre Sarbach von 1987 und seinen Fröhlich-Aufführungen mit dem Vokalensemble pro musica bekannt. Fröhlichs Missa wurde dann auch 1987 in der Reihe «Schweizerische Musikdenkmäler» publiziert, sie stellte sich aber peinlicherweise als Abschrift Fröhlichs einer Messe von Johann Gottlieb Naumann (1741–1801) aus dem Jahr 1794 heraus. Dabei gibt es bei Fröhlich selbst sehr viel zu entdecken: gut singbare Chor- und Vokalensemblewerke, einige Orchesterouvertüren, viele Lieder, Kammermusik und Klavierstücke – originelle Gebrauchsmusik im besten Sinne des Wortes. Der Nachlass befindet sich übrigens in der Universitätsbibliothek Basel.
Grossstädtisch ausgebildet in der Provinz
Seine musikalische Grundausbildung erhielt Fröhlich im Zürcher «Singinstitut» von Hans Georg Nägeli. Ursprünglich sollte er Jura studieren. Doch das Musikleben in Berlin stürmte regelrecht auf ihn ein: Er besuchte viele Konzerte und kam mit den besten Musikern der Zeit in Kontakt, u. a. mit Felix Mendelssohn Bartholdy und Friedrich Zelter von der Berliner Sing-Akademie. In diesem Umfeld erlebte Fröhlich 1829 auch Mendelssohns musikhistorisch bedeutende Wiederaufführung von Bachs Matthäuspassion mit.
Seine Passions-Cantate schrieb er kurz nach der Rückkehr aus Berlin und führte sie 1831 in Aarau auf – nicht mit Orchester, sondern mit Klavierbegleitung. Fröhlich war in eine musikalische Einöde zurückgekehrt. In Aarau gab es kein Orchester und an der Kantonsschule noch keinen geregelten Musikunterricht, mit dem er sich hätte eine Existenz aufbauen können. So gründete er seine eigene Singschule.
Die Texte für die Passions-Cantate, die auf den vier Evangelien beruhen, lieferte ihm sein Bruder, der reformierte Theologe Abraham Emanuel Fröhlich. Das Oratorium ist umfangreich, besteht aus 21 Nummern und hat nicht nur eine originelle Besetzung, Fröhlich «spielt» auch damit: gemischter Chor, Frauenchor und Männerchor singen im Wechsel, dazu kommen sechs Solisten und ein bläserreiches Orchester. Auffällig ist die eigenwillige und dennoch gut sangbare Melodieführung, harmonisch findet er immer wieder zu interessanten, eben frühromantischen Wendungen und Farben. Die Instrumentation ist überraschend gut.
Aufführung eines erstmals gedruckten Werks
In der Stadtkirche Brugg war Fröhlichs Oratorium nun unter der souveränen Leitung von Markus J. Frey zu erleben. Im beteiligten Fröhlich-Konzertchor Brugg war auch das ausgezeichnete Frauen-Vokalensemble Vocembalo eingegliedert, das Barbara Vigfusson, leitet. Das war deutlich zu hören in den gut intonierten, extrem hohen Sopranpartien. Insgesamt meisterten der Chor und das Orchester Chaarts dieses Werk mit frischem Schwung, guter Intonation und präzisen fugierten Einsätzen.
Dass an diesem Fröhlich-Projekt gute und für die Sache engagierte Musikerinnen und Musiker am Werk sind, zeigte auch der Sonntag. Das Lieder-Rezital mit der Sopranistin Muriel Schwarz und ihrer subtil auf sie eingespielten Pianistin Andrea Wiesli bettete Fröhlichs Lieder – darunter auch einige Schweizer Lieder im Dialekt – zwischen solche der Geschwister Fanny Hensel Mendelssohn und Felix Mendelssohn Bartholdy. Die biedermeierlichen, von Fröhlichs Humor und Lebensfreude zeugenden Stücke kamen einfühlsam und witzig zur Geltung.
Zudem nahm sich der Geiger Sebastian Bohren mit dem Stradivari-Quartett der Schweizer Erstaufführung des vom Amadeus-Verlag erstmals edierten Klavierquartetts d-Moll (1835) an; am Klavier war Benjamin Engeli. Sie spielten das Werk des Aargauer Frühromantikers nach Mozarts Klavierquartett Nr. 1 in g-Moll KV 478 und zeigten, dass es neben Mozart durchaus bestehen konnte. Mit ihrer Freude an Fröhlichs Klangsinn und keckem Geist steckten sie das Publikum an. Es wäre an der Zeit, diese lokal wie national bedeutsame Fröhlich-Initiative kulturpolitisch stärker zu fördern.
Die St.Gallische Kulturstiftung zeichnet den Musiker und Komponisten Francisco Obieta aus Au im Rheintal mit einem mit 15’000 Franken dotierten Anerkennungspreis aus. Ebenfalls einen Anerkennungspreis erhält die Rapperswiler Choreografin und Tänzerin Nelly Bütikofer. Ein Förderpreis in der Höhe von 10’000 Franken geht an an die in Buchs aufgewachsene Journalistin und Herausgeberin Doris Büchel.
Musikzeitung-Redaktion
- 26. Apr. 2019
Francisco Obieta. Foto: zVg
Der aus Argentinien stammende und im Rheintal beheimateten Musiker Francisco Pablo Obieta bewegt sich als Solist am Kontrabass, als Dirigent oder Arrangeur zwischen Tradition und Avant Garde. Als Komponist hat er mehr als vierzig Werke hervorgebracht, die von Kammer- und Orchestermusik, sakralen Kompositionen bis zur Oper, wie die 2008 vom Theater St.Gallen uraufgeführte «Destino Tango», reichen.
Als Orchesterleiter und Dozent inspiriere er «Jugendliche wie Senioren, Professionelle wie Laien mit seiner unermüdlichen Leidenschaft für die Musik» und führe sie zu mitreissenden Interpretationen, schreibt der Kanton St. Gallen. Zudem habe er als Musikpädagoge mehrere pädagogische Werke herausgebracht, die zu Standards für Kontrabassisten geworden sind.
Entspannte Schlagzeuger, gestresste Geiger
Israelische Forscher haben untersucht, wie weit Lampenfieber und Flow-Erlebnisse unter Orchestermusikern von sozialen Umständen abhängen. Ihre Resultate zeigen, dass Schlagzeuger offenbar mehr im Flow sind als Streicher, Registersolisten mehr als Tutti-Spieler.
Musikzeitung-Redaktion
- 25. Apr. 2019
Foto: bardo/pixelio.de,SMPV
Susanna Cohen und Ehud Bodner von der israelischen Bar-Ilan Universität untersuchten 202 Orchestermusiker auf ihr Verhältnis von Auftrittstress auf der einen Seite und Flowerlebnissen auf der andern.
Die Auswertungen zeigten, dass Stimmführer und erste Solisten mehr im Flow sind als zweite Solisten und Tutti-Spieler. Zweite Solisten (Associate principals) kämpfen mit mehr Stress als die ersten, und Schlagzeuger sind mehr im Flow als Streicher. Zudem sind laut den Befunden ältere Musiker mehr im Flow als jüngere.
Originalartikel: Susanna Cohen und Ehud Bodner: «Flow and music performance anxiety: The influence of contextual and background variables», Musicae Scientiae, April 2019, https://doi.org/10.1177/1029864919838600
Musikhochschule Luzern öffnet Jazzarchiv
Vor zwei Jahren hat das Schaffhauser Jazzfestival sein Archiv der Hochschule Luzern übergeben. Diese hat zusammen mit der Schweizerischen Nationalphonothek das Material katalogisiert sowie digitalisiert. Sie macht es in einem Online-Archiv am 22. Mai 2019 der Öffentlichkeit zugänglich.
Musikzeitung-Redaktion
- 24. Apr. 2019
Bild (v. l.): Hausi Naef, Urs Röllin, Barbara Ackermann (alle OK Schaffhauser Jazzfestival) und Michael Kaufmann (Direktor Hochschule Luzern-Musik)
Zusammen mit der Schweizerischen Nationalphonothek und mit Unterstützung weiterer spezialisierter Institutionen, wie dem Schweizer Radio und Fernsehen SRF und der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, sind über 3000 Künstlerbiografien, 2500 Stunden Tonaufnahmen, Medienberichte und Bilder, Videos und sämtliches Werbematerial professionell aufgearbeitet worden.
Das Archiv dokumentiert den Jazz und die improvisierte Musik in der Schweiz seit den frühen 1990er-Jahren. Die audiovisuelle Sammlung besteht vor allem aus Konzerten, vom SRF live aufgezeichneten Ton- und Video-Aufnahmen sowie von den von Bands beim Programmkomitee eingereichten Tonträgern.
Lanciert wird das Online-Archiv anlässlich der Eröffnung des diesjährigen Festivals am Mittwoch, 22. Mai 2019 im Kulturzentrum Kammgarn. Zum Start sind dort ausgewählte Jahrgänge zugänglich, weitere werden nach und nach ergänzt.
Der Traum von einem «Salzburg» Osteuropas
Alexey Botvinov organisiert zum fünften Mal Odessa Classics, das grösste Musikfestival der Ukraine. Es findet vom 1. bis 9. Juni statt.
Musikzeitung-Redaktion
- 23. Apr. 2019
Zuschauerraum des Opernhauses in Odessa. Foto: Odessa Classics,Foto: Odessa Classics,Foto: Odessa Classics,Foto: Odessa Classics
Was verbindet die Aare-Stadt Bern mit der Schwarzmeer-Metropole Odessa? Nichts, es sei denn, man vergegenwärtige sich das anlässlich der Ukrainischen Kulturtage im Yehudi-Menuhin-Forum stattgefundene Konzert «Odessa Classics in Bern». Neben dem Geiger Michael Guttmann und dem Cellisten Samuel Justitz sitzt der ukrainische Pianist Alexey Botvinov am Flügel und spielt an diesem Abend so, dass augenblicklich klar wird: Hier hat einer eine Mission – Odessa Classics. Der oft in der Schweiz gastierende Pianist, der eine unverzichtbare Stütze vieler Ballette des Choreografen Heinz Spoerli (Goldbergvariationen) war und ist, engagiert sich unermüdlich für das Festival in seiner Heimatstadt.
Foto: Odessa Classics
Festivalintendant Alexey Botvinov
Der heute 54-jährige Musiker hat dieses zu einer Zeit gegründet, als der bewaffnete Konflikt in der Ostukraine aufflammte, der bis heute anhält. «Plötzlich war der Krieg da. Niemand hätte sich das vorstellen können», erzählt Botvinov und spricht von seinem Zorn und inneren Protest, aber auch von seinem Schmerz und seiner Trauer über die vielen Menschen, die gestorben sind. «Damals habe ich mir überlegt: Was kann ich bloss tun, um dem Krieg und der schlimmen, alle verunsichernden Situation etwas entgegenzuhalten.» Musik! «Freunde sagten mir zwar: Was du dir mit deinem Festival ausmalst, ist völlig unrealistisch.» Doch Botvinov stampfte das primär von Privaten, inzwischen aber auch von der Stadt Odessa und der Region mitfinanzierte Festival Odessa Classics aus dem Boden. 2015 ging es erstmals erfolgreich über die Bühne. Mittlerweile sind aus den anfänglich vier Festivaltagen neun geworden. «Ich will aber noch weiter expandieren – auf zwei oder vielleicht sogar drei Wochen», betont Botvinov und träumt von «einem Salzburg für Osteuropa». Das erscheint keineswegs unrealistisch, wenn man sich die wachsende Zahl der Besucher in Erinnerung ruft, die etwa von Kiew, Charkiw, Lwiw (Lemberg) und immer öfter auch aus dem Ausland anreisen.
Viel Neuland für die Ukraine
Wer aus Westeuropa nach Odessa reist, wird sich vielleicht wundern, weil er in der mediterran-verspielten Hafenstadt dieselben Künstler und Ensembles wie in seiner Heimat antrifft. In der jüngeren Vergangenheit waren dies Vadim Repin, Maxim Vengorov, Dimitri Ashkenazy, Antonio Meneses und Matthias Goerne; in diesem Jahr wird man den Pianisten Cyprien Katsaris und Pietro De Maria, dem Geiger Daniel Hope, dem Zürcher Kammerorchester sowie dem Mischa-Maisky-Trio begegnen. Ein Blick ins Programm zeigt: Es werden zu einem grossen Teil Werke von Mozart, Beethoven, Rachmaninow, Chopin, Tschaikowsky, Grieg, Vivaldi und Gershwin gespielt; unter dem Titel Tango Sensations jedoch auch Kompositionen von Piazzolla, Lipesker und Bernstein. Roby Lakatos und sein Ensemble verstärken den Eindruck eines Festivals, das vieles für viele bietet. Nur gängiges Repertoire also? «Nein», sagt Alexey Botvinov, «wir widmen auch einen ganzen Abend dem zeitgenössischen, georgischen Komponisten Gija Kantscheli. Er lebt heute in Antwerpen; möchte aber unbedingt nach Odessa kommen.»
Foto: Odessa Classics
Daniel Hope (rechts) ist Artist in Residence
Wer den Sinn von Odessa Classics verstehen wolle, betont der Pianist immer wieder, dürfe eines nie vergessen: «Die Ukraine wurde 1991 unabhängig. Doch seither kamen keine grossen Künstler aus dem Ausland in unser Land. Künstler und Komponisten, die Westeuropäern längst bekannt sind, sind den Ukrainern vielfach kein Begriff, was zum Beispiel auch auf einen Komponisten wie Erwin Schulhoff zutrifft. Deshalb muss ich auf jeden Fall versuchen, die Balance zwischen Bekanntem und Unbekannterem zu halten. Stars sind für unser Publikum ganz wichtig. Es hat sie in der jüngeren Vergangenheit verpasst; jetzt soll es sie kennenlernen dürfen.» Zu ihnen zählt auch Daniel Hope, der während drei Jahren Artist in Residence bei Odessa Classics sein wird.
Für Einheimische und Gäste
Im Rahmen einer unter dem Motto «Pilgrims» laufenden Extra-Serie mit hochbegabten, jungen ukrainischen Musikern werden Spezialitäten wie etwa das Konzert «Spiegel im Spiegel» mit Werken von Arvo Pärt und Max Richter gepflegt. Überdies wird ein Jugend-Musikwettbewerb ausgerichtet. Der Gewinner oder die Gewinnerin erhält neben einem Geldbetrag auch die Möglichkeit, bei dem für alle kostenlosen Open Air am Fusse der Potemkinschen Treppe aufzutreten, die der Regisseur Sergej Eisenstein in seinem Film Panzerkreuzer Potemkin weltberühmt gemacht hat. Kurz: Alexey Botvinov wagt mit Odessa Classics einen Spagat. Einerseits will er «das einheimische Publikum, das Musik liebt und versteht», ansprechen, andererseits ein westeuropäisches.
Foto: Odessa Classics
Konzert bei der Potemkinschen Treppe
Dieses erlebt neben den Hauptkonzerten im prächtig renovierten Opernhaus und in der Philharmonie vor allem aber Odessa, die 1794 von Katharina der Grossen gegründete Hafenstadt mit östlichem Charme und südlichem Flair. Die Geschichte der heutigen Millionenmetropole ist traditionell von vielen Völkern, Religionen und Kunst geprägt. Von Alexander Puschkin stammt der Ausspruch: «In Odessa atmet man Europa.» Ob der Dichter ohne die inspirierende Wirkung dieser Stadt je seinen Versroman Eugen Onegin geschrieben hätte? Odessa ist aber auch die Heimat legendärer Geiger wie David Oistrach, Nathan Milstein und Zakhar Bron sowie nicht minder legendärer Pianisten wie Emil Gilels, Swjatoslaw Richter und Shura Cherkassky.
Ja, Odessa sei unwiderstehlich, sagt Alexey Botvinov. Selbst er lasse sich immer wieder von der besonderen Atmosphäre seiner Heimatstadt überraschen. Während der Festivalzeit vor allem beim Open-Air-Konzert: «Blicke ich dann zu den 10 000 Zuschauern auf den Stufen der Potemkinschen Treppe hoch, ist das jedes Mal ein unvergleichliches Erlebnis.»
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