Vojin Kocic unterrichtet in Zürich

Vojin Kocic wird ab Herbstsemester 2022 an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) als Hauptfachdozent Gitarre tätig. Er tritt dem Gitarrenkollegium mit Heiko Freund (Pop), Theodoros Kapilidis (Jazz) und Anders Miolin (Klassik) bei.

Vojin Kocic. Foto: Andrey Grilc

Wie dieZHdK mitteilt, studierte Vojin Kocic bei Darko Karajic und Srdjan Tosic in Belgrad sowie bei Oscar Ghiglia in Siena. An der dortigen Accademia Chigiana wurde ihm als bislang Einzigem das «Diploma d’Onore» verliehen. An der ZHdK absolvierte er bei Anders Miolin die Master Specialized Music Performance sowie Music Pedagogy.

Er ist mehrfacher Preisträger renommierter internationaler Wettbewerbe und gibt europaweit Konzerte, solo sowie als Solist in namhaften Orchestern.
 

Musiktheaterwissenschaft praxisnah studieren

Ab sofort können Studierende am Musikwissenschaftlichen Seminar Detmold/Paderborn den neuen Schwerpunkt Musiktheaterwissenschaft im Bachelorstudiengang Musikwissenschaft wählen.

Symbolbild. Foto: Kenny Filiaert/unsplash.com (s. unten),SMPV

Von aktueller Performance- und Medienkunst über Oper, Tanztheater und Musical bis hin zu Musikvideo und Filmmusik – in sechs Semestern erwerben die Studierenden nicht nur grundlegendes Wissen über die Musikgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, sondern auch breite Fachkenntnisse und umfassende Methodenkompetenzen im Umgang mit Musik und Theater.

Dabei erleben sie ausserdem die Praxis hautnah: Durch die Kooperation mit der Opernschule der HfM und dem Landestheater Detmold werfen die Studierenden einen unmittelbaren Blick hinter die Kulissen und begleiten Produktionen sowohl wissenschaftlich als auch dramaturgisch.

Interessierte können sich noch bis 21. März für den Studiengang mit Start im Sommersemester 2022 bewerben.

Mehr Infos:
www.uni-paderborn.de/studienangebot/studiengang/musikwissenschaft-bachelor.

Orchestermusik zum 150. Geburtstag

Christof Escher hat acht bisher unveröffentlichte Orchesterwerke von Paul Juon, dem «schweizerischen Tschaikowsky», erstmals ediert.

Undatiertes Porträt von Paul Juon. Bild: Internationale Juon-Gesellschaft

Zu den interessantesten Wiederentdeckungen und Neubewertungen von schweizerischen Romantikern zählt seit den 1980er-Jahren nebst Johann Carl Eschmann, Theodor Fröhlich, Hans Huber und Joachim Raff auch Paul Juon (1872–1940). Der Altersgenosse von Alexander Skrjabin und Enkel eines aus Graubünden nach Russland ausgewanderten Zuckerbäckers nimmt nicht nur seiner Biografie wegen eine Sonderstellung ein.

In Moskau geboren und dort am Konservatorium von Jan Hřímalý (Violine), Anton Arensky und Sergei Tanejew (Komposition) unterrichtet, verbrachte Juon den grössten Teil seines Lebens in Russland und in Deutschland, bevor er 1934 an den Genfersee übersiedelte. Sein Kompositionsstudium hatte er bei Woldemar Bargiel an der Hochschule für Musik in Berlin fortgesetzt, wo er selber Komponisten wie Philipp Jarnach, Heinrich Kaminski, Nikos Skalkottas, Pantscho Wladigerow oder Stefan Wolpe ausbildete. 1896 wurde er mit dem Mendelssohn-Preis ausgezeichnet, 1919 Mitglied der Preussischen Akademie der Künste und 1929 Beethoven-Preisträger. Einen Namen schuf er sich auch mit musiktheoretischen Handbüchern und als Übersetzer.

Obschon er sich von Tschaikowsky stärker als von Brahms beeinflussen liess, ging er zusammen mit Alexander Glasunow, Nikolai Medtner und Sergei Tanejew als «russischer Brahms» in die Musikgeschichte ein. Die Bezeichnung «schweizerischer Tschaikowsky» wäre passender gewesen.

Sein ausserdem nordisch geprägtes Schaffen – Juon revidierte mehrere Werke von Jean Sibelius — setzt mit Musik im Stil der spätrussischen Nationalromantik ein und leitet mit harmonischen und rhythmischen Experimenten sowie mit metrischen Reihen in die Moderne hinüber. Jene weisen, erstmals 1903 angewandt, auf die um 1950 von Boris Blacher entwickelten «variablen Metren» voraus. Nach dem Prinzip von Liszts Klaviersonate h-Moll schuf Juon einsätzige Kompositionen, die aus mehreren satzartigen Teilen bestehen.

Unter den 99 Kompositionen mit Opuszahlen ragen zwei Sinfonien, drei Violinkonzerte, fünf Klaviertrios, vier Streichquartette, mehrere Sonaten und viel Klaviermusik hervor.
Die auf Anregung des Bündner Juon-Biografen Thomas Badrutt 1998 in Zürich gegründete Internationale Juon-Gesellschaft IJG hat vor zehn Jahren eine Orchester-Edition begonnen. Zum 150. Geburtstag des Komponisten am 8. März schliesst sie nun die Aufbereitung aller acht unveröffentlichten Orchesterwerke ab. Darunter befindet sich mit der 1. Sinfonie fis-Moll op. 10 (1895) ein Hauptwerk, das sich durch typisch russische Färbung auszeichnet. Der Schweizer Dirigent Christof Escher hat es zusammen mit der 2. Sinfonie, der Fantasie Vaegtervise und der Suite op. 93 in Lugano und Moskau aufgenommen und als CD-Ersteinspielung bei Sterling herausgebracht (Sterling 1103-2: Fantasie, Sinfonie Nr. 2; Sterling 1104-2: Suite, Sinfonie Nr. 1).

An der von Escher geleiteten Edition wirkte der Schulmusiker Ueli Falett, seit 2012 Präsident der IJG, leidenschaftlicher Bratschist und Leiter von Orchesterwochen, in enger Zusammenarbeit mit. Die mühsame Arbeit des Spartierens auf der Basis von Orchesterstimmen und die Herstellung von Aufführungsmaterialien anhand autografer Partituren rundete Escher mit selber verfassten Vorworten ab.

Nebst kleineren Stücken liegen jetzt die folgenden Werke in Partitur und Stimmen vor: Ballettsuite aus dem Tanzpoem «Psyche» op. 32a, Symphonische Skizzen «Aus einem Tagebuch» op. 35, Tanz-Capricen op. 96, Thema mit Variationen o. op., Drei sinfonische Skizzen o. op. Sie alle befinden sich in der Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne (BCU), wobei nur die Partituren frei aufgerufen und heruntergeladen werden können: https://patrinum.ch/search?cc=AM-Fonds+Paul+Juon&ln=fr&c=AM-Fonds+Paul+Juon

Die Stimmen sind bis Ende 2022 zu bestellen über: ufalett@juon.org

Tinner folgt beim SMR auf Rindlisbacher

Ab März 2022 übernimmt Sandra Tinner die Geschäftsleitung des SMR von Nina Rindlisbacher, die bei Sonart – Musikschaffende Schweiz tätig wird.

Sandra Tinner bei der «Night of Light». Foto: zVg

Sandra Tinner ist in La Chaux-de-Fonds geboren und wuchs mehrheitlich in der Deutschschweiz auf. Sie ist ausgebildete Romanistin und hat an der Universität Zürich in Neurolinguistik über zweisprachige Gehirne doktoriert. Sie arbeitete viele Jahre lang an Hochschulen, hauptsächlich in der Ausbildung für zukünftige Französischlehrpersonen. Die Amateurmusik begleitet sie seit Kindsbeinen.

Durch Zufall kam sie auf ein eher selten gespieltes Instrument, die Mandoline. Sie probt wöchentlich mit der Mandoline oder der Mandola in Zupforchestern, ist Mitbegründerin des schweizerischen Zupforchesters zupf.helvetica und pflegt nebenbei auch noch ihre Leidenschaft für alte Musik mit ihrer Barockmandoline. Seit 2020 präsidiert sie den Zupfmusik-Verband Schweiz. Mehrsprachige Vernetzung in der Schweiz und über die Landesgrenzen hinaus liegt ihr sehr am Herzen.

Diagrammatik der chromatischen Skalen

In ihrem digitalen «Lexikon der Stimmungen» haben Hans Eugen Frischknecht und Jakob Schmid über 300 historische Stimmungen grafisch dargestellt und hörbar gemacht. Daniel Muzzulini hat ihre Art der Visualisierung genauer betrachtet und erörtert davon ausgehend weitere Möglichkeiten.

Diagrammatik der chromatischen Skalen
René Descartes, Compendium Musicae, Amsterdam 1683. Bild: Medienarchiv ZHdK

Darumb sollte man billich mehr Clavier haben / also / dass man zwey d hette / die nur ein Comma von einander weren; Aber weil solches auch in andern Clavibus geschicht / würden der Clavier, sonderlich wenn die geduppelte Semitonia auch noch dazu kemen / gar zu viel werden; Darumb muss man die temperatur brauchen […]  Praetorius 1620, S. 157

 

Die Visualisierungen im digitalen Lexikon der Stimmungen von Hans Eugen Frischknecht und Jakob Schmid lassen die «Dur-Dreiklangtauglichkeit» von Skalen mit 12 Tönen pro Oktave auf einen Blick hervortreten, und machen sie gleichzeitig auch hörbar. Diese besondere Darstellung soll im Folgenden anhand von drei ausgewählten Beispielen erörtert und mit anderen Arten der Veranschaulichung musikalischer Skalen verglichen werden. Daran schliessen sich ein paar eher unsystematische Überlegungen zur Weiterentwicklung von interaktiven Anwendungen zu Tonsystemen und Stimmungen an.

Die Diagramme werden im Lexikon aus den Cent-Abweichungen zur gleichstufigen chromatischen Skala in 12 Halbtöne (12-EDO = Equal Division of the Octave) berechnet, welche in diesem Aufsatz die gleichstufige (chromatische) Skala genannt wird. Über Cent-Angaben können verschiedene Stimmungen miteinander verglichen werden. Die Cent-Skala für Tonhöhen und Intervalle beruht auf der Teilung der Oktave in 1200 gleich grosse Mikrointervalle. Die Halbtöne der gleichstufigen chromatischen Skala messen deshalb 100, die grossen Terzen 400 und die Quinten 700 Cent. Der Durdreiklang in Grundstellung und engster Lage hat demnach die Cent-Werte [0 | 400 |700], wenn man dem Grundton den Wert 0 gibt – allgemein [x | x + 400 | x + 700], wenn x der Cent-Wert des Akkordgrundtons bezüglich des Referenztons c (oder a) ist. Der reingestimmte Durdreiklang hingegen hat (auf das nächste Cent gerundet) die Werte [0 | 386 | 702] und steht in der Frequenzproportion 4 : 5 : 6. Akkorde aus Tönen mit einfachen Grundfrequenzproportionen werden als weitgehend fluktuationsfrei und konsonant empfunden, wenn die beteiligten Töne je ein harmonisches Obertonspektrum haben. Die Zahlen zeigen, dass die Abweichungen der gleichstufigen von den reinen Werten bei der Quinte nur 2 und bei der grossen Terz aber 14 Cent-Einheiten betragen. Die unterschiedliche Wirkung der beiden Dreiklänge liegt hauptsächlich an den verschieden grossen Terzen und an der Klangfarbe.

Wie sind die Diagramme des Lexikons zu verstehen?

Lassen sich die Bauprinzipien einer Skala aus dem visualisierten Zahlenmaterial rekonstruieren? Das ist nicht selbstverständlich. Solange primär Durdreiklänge und ihre enharmonischen Äquivalente in Skalen mit zwölf Tönen pro Oktave im Fokus stehen, ist die Darstellung zwar universell einsetzbar, gleichzeitig aber reduziert sie Tonhöhensysteme, die zwei und höherdimensional gedacht sind, in eine einzige Dimension.

Leonhard Euler hat eine chromatische Skala, die einem zweidimensionalen Tonhöhennetz entstammt, vorgeschlagen (Euler 1739, S. 147, 279). Ihre Wiedergabe im Lexikon der Stimmungen ist in Abbildung 1 oben zu sehen. Die Grundtonsymbole, die zwölf kleinen rote Kreise, bilden drei Vierersequenzen, die je auf leicht geneigten parallelen Geradenabschnitten liegen (wenn die beiden C an den Enden der Grafik gedanklich zusammengelegt werden):
f-c-g-d / a-e-h-fis / cis-gis-es-b

Die charakteristische positive Steigung (je 2 Cent pro Quinte) der Geradenabschnitte zeigt an, dass die betreffenden Quinten rein gestimmt sind. Die Skala zerfällt in drei Gruppen zu vier Tönen mit je drei reinen Quintschritten. Diese sind in der obersten Grafik von Abbildung 1 zur Verdeutlichung rot eingerahmt. Die vertikalen Positionen der Grundtonsymbole bestimmen die Intervallstruktur einer Skala vollständig (dies gilt für alle Skalen). Auch die grossen Terzen oder die Quinten bestimmen die Skala vollständig. Die Terz- und Quintsymbole bilden deshalb bei Euler ebenfalls Vierergruppen auf leicht geneigten Geradenabschnitten. Diese redundante Darstellung, der in den 12 Halbton- bzw. Quintschritten enthaltenen Information lässt die Durdreiklänge als Punktekonfigurationen in der Vertikalen hervortreten. Und dank dieser Redundanz erschliessen sich die harmonischen Bauprinzipien einer Skala.

Abb. 1: Bezüglich Durdreiklangreinheit hat das Universum der 12-tönigen Skalen des Lexikons der Stimmungen die beiden Pole Leonhard Euler (oben) und die gleichstufige Skala (Mitte). Die annähernd mitteltönige Stimmung von Michael Praetorius (unten) bewegt sich im Mittelfeld und reduziert Eulers Bevorzugung der Grossterzverwandtschaft zugunsten quintverwandter Durskalen zwischen B-Dur und A-Dur mit acht nahezu harmonischen Durdreiklängen.

Eulers Skala enthält die maximal mögliche Anzahl von sechs idealen Durdreiklängen. Weil bei F, C, G sowie A, E und H alle drei Tonsymbole zusammenfallen, liegt reine Intonation [x | x + 386 | x + 702] vor. Aufgrund ihrer Intervallstruktur ist es in dieser Skala möglich, in den terzverwandten Tonarten C-Dur und A-Dur mit ausnahmslos idealen Durdreiklängen zu musizieren, und die beiden terzverwandten Skalen liegen eine reine grosse Terz im Frequenzverhältnis 5/4 auseinander. Die anderen zehn «Durtonarten» haben alle mehr oder weniger stark modifizierte Dreiklänge. Im hervorgehobenen B-Dur-Dreiklang, beispielsweise, entspricht keines der drei konstituierenden Intervalle der Norm der reinen Stimmung, da alle drei Symbole verschiedene vertikale Positionen einnehmen. Quintverwandte Dreiklänge stehen in den Grafiken jeweils direkt nebeneinander. In Eulers Skala heben sich die Tonarten Es-Dur und As/Gis-Dur in ihrer Intervallstruktur am stärksten von C-Dur und A-Dur ab, denn keiner der gezeichneten Dreiklänge hat die ideale Punktform (die Dreiklänge dieser beiden Skalen sind in der Zeichnung violett umrahmt). Die Fokussierung des Blicks auf jeweils drei benachbarte Akkorde zeigt auch, dass G-Dur und H-Dur (mit blauen Ellipsen hervorgehoben) bei Euler die gleiche Intervallstruktur haben, weil die zugehörigen Symbolmuster deckungsgleich sind. In diesen beiden Tonarten sind die Quinten der Dominantdreiklänge verkleinert, aber ihre grossen Terzen sind rein. Die Subdominate und die Tonika haben die Idealform.

Leichter zu deuten ist die in der Mitte von Abbildung 1 dargestellte Skala. Hier haben alle zwölf Dreiklänge die gleichen Abweichungen von der reinen Intonation, und die drei Linien von Symbolen verlaufen horizontal. Es handelt sich um die gleichstufige Stimmung, die Quintsymbole liegen knapp 2 Cent unter den Grundtonsymbolen (700-702=-2) und die grossen Terzen 14 Cent darüber (400-386=+14). Die Quinten sind also nur wenig kleiner als rein, die grossen Terzen aber merklich weiter als ihre reingestimmte Entsprechung. Ein allfälliger Bedeutungsunterschied der Töne b und ais kann in dieser Konstellation nicht akustisch zum Ausdruck gebracht werden. Während enharmonische Umdeutungen in der gleichstufigen Stimmung kein Intonationsproblem darstellen, beinhaltet die Auswahl von zwölf Tönen in einer reinen syntonischen (das heisst quint-/terzbasierten) Stimmung wie derjenigen von Euler immer auch Entscheidungen über bevorzugte enharmonische Varianten. Der etwas irritierende B-Dur-Dreiklang in Eulers Skala entpuppt sich bei genauerem Hinsehen nämlich als ais-d-f mit einer verminderter Quarte ais-d und einer pythagoreischen Terz d-f, wie die Darstellung von Eulers Skala im Quint-Terzgitter von Abbildung 2 zeigt. In dieser Darstellung werden reine Quinten in der horizontalen und reine grosse Terzen in der vertikalen Richtung angeordnet, sodass den idealen Dur- und Molldreiklängen kleine rechtwinklige Dreiecke entsprechen, der ungewöhnliche «B-Durdreiklang» hingegen besteht aus Eckpunkten des Rechteckgitters und ist ganz anders aus Terzen und Quinten aufgebaut.

Abb. 2: Gitterdarstellung der chromatischen Skala gemäss Leonhard Euler (links) und Marin Mersenne (rechts) Hervorgehoben sind die idealen Dur- und Molldreiklänge von C-Dur sowie der Akkord ais-d-f bzw. b-d-f, der bei Mersenne aus einer pythagoreischen grossen Terz und einer reinen Quinte besteht.

Gitterdarstellungen sind bereits im 17. und im 18. Jahrhundert verwendet worden (Muzzulini 2020, 225). Sie eignen sich nicht direkt für temperierte Stimmungen. Dafür können damit auch syntonische Skalen mit mehr als 12 Tönen pro Oktave dargestellt werden. Ab dem 14. Jahrhundert sind verschiedentlich Skalen mit 17 und mehr Tönen pro Oktave vorgeschlagen worden. In Skalen mit 17 Tönen werden die fünf Notenpaare cis-des, dis-es, fis-ges, gis-as und ais-b typischerweise mit zwei verschiedenen Tonhöhen umgesetzt (vgl. die Beiträge von Martin Kirnbauer, Rudolph Rasch, Denzil Wright und Patrizio Barbieri im Jahrbuch f. Musikwissenschaft 2002). Gitterdarstellungen – auch nicht rechtwinklige – sind in der zeitgenössischen theoretischen Literatur über Stimmungen weit verbreitet, und mit Zusatzinformationen können damit auch mitteltönige und andere Stimmungen veranschaulicht werden (Lindley, 1987, Jahrbuch f. Musikwissenschaft, 2002; Lindley, 1993, S. 28).

Anders als in Eulers Lösung ist es in der Skala von Michael Praetorius (Abb. 1 unten) möglich, in den Tonarten zwischen B-Dur und A-Dur mit Dreiklängen, die alle näher an der Idealform als ihre gleichstufigen Entsprechungen sind, zu musizieren – auf Kosten der restlichen vier Dreiklänge. Modulationen zwischen Durskalen, die im Quintenzirkel C-Dur und G-Dur nahe stehen, führen also nicht zu nennenswerten Intonationsunterschieden. Dafür sind alle Quintschritte mit Ausnahme von gis-es kleiner als rein – und merklich kleiner als in der gleichstufigen Skala, denn die Grundtonsymbole bilden eine nach rechts abfallende Linie. Die sehr grosse verminderte Sexte gis-es, welche die kleinen anderen Quinten kompensiert, wird auch Wolfsquinte genannt. An der Cent-Skala am linken Bildrand sieht man, dass der «Wolf» von Praetorius etwa um ein Viertel eines Halbtons grösser als die Quinte der gleichstufigen Stimmung ist, da die rote Verbindungslinie zwischen gis und es um rund 25 Cent ansteigt.

Abb. 3. Kreisdiagramme aus dem 17. Jahrhundert. Links: Diatonische Skala mit syntonischem Komma («Schisma», 480 : 486 = 80 : 81). Die Zahlen stehen für (geeignet skalierte) Saitenlängen am Monochord. Die Oktave schliesst sich beim «Semitonium majus» (288 (576) | 540 (270)) im Verhältnis 16/15. Das recht ungenau gezeichnete Diagramm entstammt der ältesten erhaltenen Abschrift des heute verschollenen Originals von René Descartes‘ «Compendium musicæ», die etwa 1628 für Isaak Beeckman angefertigt wurde (Descartes (1619, fol. 171r). Rechts: Marin Mersennes Analyse einer chromatischen Skala in reiner Stimmung (Mersenne 1636, 132).

Da im Lexikon der Stimmungen nur oktavperiodische Skalen betrachtet werden, sind ihre Töne genau genommen Oktavklassen oder Tonigkeiten (engl. pitch classes). Dafür bieten sich auch kreisförmige Darstellungen der Töne an. Die von Frischknecht und Schmid verwendete Darstellung zeichnet den C-Dur-Dreiklang am linken und am rechten Ende der Grafik. Vorstellbar wäre auch die Darstellung auf einem Zylindermantel, der dadurch entstünde, dass die Grafik ausgeschnitten und der linke mit dem rechten Bildrand verklebt wird. Die Quintkette bildet darauf eine geschlossene Linie und die Nachbarschaft der drei Durdreiklänge in der C-Dur-Skala wird ersichtlich. Eine entsprechende Übertragung der gleichen Information auf ein Quintzirkel-«Zifferblatt», bei dem die Intonationsänderungen in radialer Richtung eingetragen sind, wäre eine faire, allerdings ebenfalls ungewohnte Darstellung. In kreisförmigen Anordnungen der chromatischen Skala sind die Intervalle häufig als Winkel dargestellt. Das syntonische Komma im Grundfrequenzverhältnis 81/80 misst knapp 22 Cent und müsste in Descartes‘ Kreisdiagramm von Abbildung 3 links einem Winkel von etwas weniger als 6° entsprechen. Im Unterschied zu den uneinheitlichen Winkeln in diesem Manuskript entsprechen die Winkel im lateinischen Erstdruck recht genau den Intervallgrössen, vgl. Muzzulini (2015, 197-199), Wardhaugh (2008). Das Kreisdiagramm von Mersenne in Abbildung 3 rechts ordnet die zwölf Noten der chromatischen Skala auf einem fast regelmässigen Zwölfeck an. Die Verbindungen der Noten sind mit den zugehörigen Frequenzverhältnissen beschriftet. Daraus lässt sich die Gitterdarstellung von Abbildung 2 rechts ableiten.

Alternative Darstellungsmöglichkeiten

In gewöhnlicher zweidimensionaler und interaktiver Bildschirmdarstellung könnte die angesprochene Asymmetrie auch dadurch ausgeglichen werden, dass die Anordnung der Akkorde per Knopfdruck zyklisch permutierbar gemacht wird. Durch solche Permutationen könnte im Direktvergleich von Diagrammen auch leicht festgestellt werden, ob verschiedene Skalen die gleiche innere Struktur haben, das heisst ob sie durch intervallgetreue Transpositionen auseinander hervorgehen, wenn sie auf der gleichen Webpage dargestellt würden. Eine von Isaak Newton betrachtete Skala beispielsweise geht aus derjenigen von Mersenne durch eine Transposition um eine reine Quinte hervor, dass entspricht einer zyklischen Permutation um eine Einheit. Diese Zusammenhänge sind in Gitterdarstellung direkt ablesbar. Denkt man sich etwa die chromatische Skala von Euler um eine reine grosse Terz nach unten transponiert, dann werden alle zwölf Punkte um eine Gittereinheit nach unten gerückt, sodass die neue unterste Zeile die Töne Des, As, Es und B enthält. An der geometrischen Anordnung der zwölf Punkte, welche die innere Struktur repräsentiert, hat sich nichts verändert. Die transponierte Form lässt C-Dur als Teil einer chromatischen Skala mit vier B und einem Kreuz erscheinen, und sie unterscheidet sich von der Lösung von Mersenne (Abbildung 2 rechts) nur in der Intonation einer einzigen Note. Bei Mersenne steht der B-Dur-Dreiklang in pythagoreischer Intonation, seine Quinte ist rein, die grosse Terz im Verhältnis 81/64 ergibt sich aus vier reinen Quinten (minus zwei Oktaven).

Mit geringem Programmieraufwand könnten aus dem reichhaltigen Zahlenmaterial des Lexikons Kennzahlen wie die gesamte mittlere quadratische Abweichung der konkreten von den reingestimmten Dreiklängen berechnet werden. Skalen, die durch Transpositionen auseinander hervorgehen, stimmen in der genannten Abweichung überein, und aus der Verschiedenheit der Kennzahlen kann mit Sicherheit auf die verschiedene Struktur der Skala geschlossen werden. Damit lassen sich auf halbautomatischem Weg Dubletten und äquivalente Skalen ermitteln. Die Kenntnis und Sichtbarmachung derartiger Beziehungen wäre für die Orientierung im doch sehr umfangreichen Zahlen- und Bildmaterial hilfreich. James M. Barbour gibt für sein umfangreiches Zahlenmaterial zu zwölfstufigen Skalen durchgängig die mittlere Abweichung und die Standardabweichung zur gleichstufigen Skala in Cent an (Barber 1951). Zweckmässiger wäre es, die Abweichungen der zwölf Durdreiklänge von der reinen Intonation in analoger Weise zu bewerten (vgl. Hall 1973), dann bedeuten kleine Werte Nähe zu den im Fokus des Lexikons der Stimmungen stehenden, ideal gestimmter Dreiklänge.

Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts Sound Colour Space der Zürcher Hochschule der Künste wurden auch interaktive audiovisuelle Tools zu syntonischen (d.h. quint- / terzbasierten Stimmungen) mit Gitter-, Kreis- und Spiralanordnungen erprobt und im Rahmen eines virtuellen Museums veröffentlicht, wie das Lexikon der Stimmungen mit synthetischen Klängen.

Erst in den letzten Jahren gerät Veranschaulichung von Musiktheorie und ihre Geschichte als eigenständiger Zweig der Diagrammatologie mit Bezügen zur musikalischen Ikonologie vermehrt ins Blickfeld der Philosophie, Ästhetik und Musikwissenschaft (Krämer 2016, 179–193). Dieses Essay versuchte auf Parallelen zwischen historischen Diagrammen zur Harmonik und zeitgenössischen Darstellungen, die im Umfeld der Digitalisierung und der Digital Humanities überhaupt erst möglich werden, hinzuweisen. An Diagrammen offenbart sich die Essenz von Theorien und Modellvorstellungen, und sie haben didaktisches Potential, das fast ohne Worte auszukommen scheint. Nicht immer im Laufe der Geschichte wurde der didaktische Wert von Visualisierung gleich bewertet. Während im 18. Jahrhundert didaktische Veranschaulichung eine untergeordnete Rolle zu spielen schien, hat die oben skizzierte Idee des zyklischen Permutierens von Tönen und Harmonien in Tonhöhenstrukturen ihre Vorläufer in dynamischen didaktischen Tools des 16. Jahrhunderts. So finden sich in aufwendig gestalteten Büchern dieser Zeit manchmal auch mehrschichtige Diagramme mit drehbaren Teilen zur Vermittlung elementarmusikalischer Kenntnisse (vgl. Weiss, S. F., 2019).

Zitierte und weiterführende Literatur

Barbieri, P. (2002). The evolution of open-chain enharmonic keyboards c1480–1650. In: Jahrbuch f. Musikwissenschaft (2002), S. 145–184

Barbour, J. M. (1951). Tuning and temperament. A historical survey. Nachdruck: East Lansing: Michigan State College Press, Da Capo Press: New York 1972

Barkowsky, J. (2007). Mathematische Quellen der musikalischen Akustik. Wilhelmshaven : Florian Noetzel Verlag

Descartes, R. (1619). Compendium Musicæ, Ms. Middelburg, fol. 171r (c. 1628)

Duffin, R. W. (2007). How Equal Temperament Ruined Harmony (and Why You Should Care). W. W. Norton, New York

Euler, L. (1739). Tentamen novae theoriae musicae. Petersburg 1739 (S. 147, 279)

Hall, D. (1973). The Objective Measurement of Goodness-of-Fit for Tunings and Temperaments. In: Journal of Music Theory, Vol. 17, No. 2, pp. 274–290. https://doi.org/10.2307/843344

Kirnbauer, M. (2002). «Si possono suonare i Madrigali del Principe» – Die Gamben G. B. Donis und chromatisch-enharmonische Musik in Rom im 17. Jahrhundert. In: Jahrbuch f. Musikwissenschaft (2002), S. 229–250. http://doi.org/10.5169/seals-835143

Krämer, S. (2016). Figuration, Anschaung, Erkenntnis – Grundlinien einer Diagrammatologie. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2176. 179–193

Lindley, M & Turner-Smith, R. (1993). Mathematical Models of Musical Scales – A New Approach. Verlag für Systematische Musikwissenschaft, Bonn

Lindley, M. (1987). Stimmung und Temperatur. Geschichte der Musiktheorie Band 6, Hören, Messen und Rechnen in der frühen Neuzeit, S. 109–331

Mersenne, M. (1636). Harmonie Universelle, contenant la Theorie et la Pratique de la Musique, Paris 1636, Traitez des Consonances, des Dissonances, des Genres, des Modes & de la Composition, Livre Second, Des Dissonances, p.132 (hrsg. von Fr. Lesure, 3 Bde., Faks. P. 1965–1975)

Muzzulini, D. (2015). The Geometry of Musical Logarithms. Acta Musicologica LXXXVII/2 (2015), 193–216. https://doi.org/10.5281/zenodo.5541789

Muzzulini, D. (2017). Chromatic Scales, Syntonic chromatic scales. In: Sound Colour Space (2017)

Muzzulini, D. (2020). Isaac Newton’s Microtonal Approach to Just Intonation. Empirical Musicology Review, Vol 15, No 3-4 (2020), pp. 223–248. http://dx.doi.org/10.18061/emr.v15i3-4.7647

Praetorius, M. (1619). Syntagma musicum, Bd. II, Wolfenbüttel

Rasch, R. (2002). Why were enharmonic keyboards built? – From Nicola Vicentino (1555) to Michael Bulyowsky (1699). In: Jahrbuch f. Musikwissenschaft (2002), 36–93

Schweizer Jahrbuch für Musikwissenschaft (2002). Chromatische und enharmonische Musik, Neue Folge 22, Redaktion Joseph Williman, Peter Lang, Bern 2003

Sound Colour Space – A Virtual Museum, Zurich University of the Arts, 2017, https://2017.sound-colour-space.zhdk.ch

Wardhaugh, B. (2008). Musical logarithms in the seventeenth century: Descartes, Mercator, Newton. In: Historia Mathematica, Volume 35, Issue 1, February 2008, 19–36. https://doi.org/10.1016/j.hm.2007.05.002

Weiss, S. F. (2019). Ambrosius Wilfflingseder’s Erotemata musices. https://www.thinking3d.ac.uk/MusicalVolvelles/

Wright, D. (2002). The cimbalo chromatico and other Italian string keyboard instruments with divided accidentals. In: Jahrbuch f. Musikwissenschaft (2002), 105–136

 

Daniel Muzzulini, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institute for Computer Music and Sound Technology, Zürcher Hochschule der Künste
Contact: daniel.muzzulini@zhdk.ch, Website: www.muzzulini.ch

Klassik ist in der Stadt zu Hause

Wer in einer Grossstadt wohnt, nutzt kulturelle Angebote stärker als die Bevölkerung im ländlichen Raum. Das gilt für fast alle Sparten, besonders aber für klassische Konzerte und Kunstausstellungen.

Ein Ausnahmefall: das Glyndebourn-Opernhaus im ländlichen Raum. Foto: Charlie Dave (s. unten),SMPV

Im Vergleich mit Bewohnerinnen und Bewohnern ländlicher Gebiete gehen Grossstädter mehr als doppelt so häufig in klassische Konzerte und Kunstausstellungen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), die im Rahmen des Projekts «Kulturelle Bildung und Kulturpartizipation in Deutschland» erstellt wurde.

Dazu wurde im Jahr 2018 eine Basisstudie durchgeführt, in der 2592 Personen ab 15 Jahren in Face-to-Face-Interviews befragt wurden. Gleichzeitig wurde die Versorgung der Gemeinden mit Kultureinrichtungen wie Opernhäusern und Kinos anhand offizieller Statistiken ermittelt. In Orten unter 50 000 Einwohnern liegt die Chance, ein Theater oder Orchester anzutreffen, bei nahezu null.

Insgesamt sind Kulturbesuche ziemlich selten: Nur ein Teil der Bevölkerung nimmt die untersuchten Kulturangebote überhaupt wahr, sodass im Durchschnitt ein einziger Besuch pro Jahr der Normalfall ist. Am häufigsten gehen die Menschen ins Kino: die grossstädtische Bevölkerung 4,2 Mal im Jahr, die ländliche Bevölkerung 2,7 Mal im Jahr. Bei Klassikkonzerten und Opern liegen die jeweiligen Durchschnittszahlen bei 1,4 für die grossstädtischen Ballungsräume und 0,6 für weniger besiedelte Regionen.

Mehr Infos: https://kulturpartizipation.uni-mainz.de

Einfühlsamer Lehrer, Schöpfer und Beobachter

Der Sammelband mit 15 Aufsätzen zu Leben, Werk, Lehr- und Vermittlungstätigkeit von Sándor Veress eröffnet neue Betrachtungsweisen.

Sándor Veress 1983 mit dem Berner Streichquartett (v.li.: Henrik Crafoord, Alexander van Wijnkoop, Walter Grimmer, Christine Ragaz). Foto: Peter Friedli

Sándor Veress war von grosser Bedeutung für die Schweizer Musikgeschichte. Eigentlich hatte er ja eine Karriere in den Vereinigten Staaten in Aussicht. Doch als die Lehramtsstelle sich in Pittsburgh aufgrund der ehemaligen Mitgliedschaft in der ungarischen Kommunistischen Partei zerschlug, landete Veress in Bern. Dort blieb er von 1949 bis an sein Lebensende im Jahr 1992. Als angesehener Hochschullehrer unterrichtete er namhafte Schweizer Komponisten und Musikwissenschaftler. Zu seinen Schülern zählten unter anderem Theo Hirsbrunner, Heinz Holliger, Urs Peter Schneider, Jürg Wyttenbach und Roland Moser.

Der Sammelband Sándor Veress gibt lebendige Einblicke. Roland Moser berichtet Positives über seinen Lehrer, der im Unterricht – wohl in einer Mischung aus Bescheidenheit, pädagogischem Gespür und Interesse am anderen – nie «eigene Arbeiten erwähnt oder gezeigt» habe (S. 72). Dass von Veress durchaus hochrangige Werke stammen, belegen die Ausführungen und Analysen von Heinz Holliger über die Passacaglia concertante für Oboe und Streichorchester (1961) sowie die Betrachtungen des Musikwissenschaftlers Bodo Bischoff über das Spätwerk Glasklängespiel für gemischten Chor und Kammerorchester (1978).

Veress, Schüler von keinen Geringeren als Béla Bartók und Zoltán Kodály, war kein Avantgardist. Er fand zwar lobende Worte über die Klangflächenkomposition seines ehemaligen Schülers György Ligeti (S. 43), aber dem Serialismus der 1950er-Jahre stand er skeptisch bis ablehnend gegenüber. Das Lob für Ligeti findet sich in seinem wunderbaren, auf Englisch abgedruckten Text New Trends in European Music since World War II. Hier zeigt sich Sándor Veress nicht nur als einfühlsamer Beobachter, sondern auch als ungeheuer gebildeter, interdisziplinär denkender Kunst- und Kulturwissenschaftler im aufrichtigen Bemühen um eine gesellschaftliche Verankerung der Musik des 20. Jahrhunderts. Der sehr lesenswerte Sammelband mit 15 Aufsätzen ist somit nicht nur für den Veress-Forscher aufschlussreich; er gibt allen Interessierten viele Informationen fernab ausgetretener Pfade einer musikalischen Fortschrittsideologie des 20. Jahrhunderts.

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Sándor Veress, hg. von Ulrich Tadday, Musik-Konzepte Heft 192/193, 197 S., € 38.00, Edition Text und Kritik, München 2021, ISBN 978-3-96707-389-8

 

Freies Formverständnis

Bei der Neuausgabe von Clara Schumanns «Drei Romanzen» wird ihre Zusammenarbeit mit Joseph Joachim und Wilhelm Joseph von Wasielewski deutlich.

Clara Schumann um 1853. Fotograf unbekannt / wikimedia commons

Die Drei Romanzen für Violine und Klavier von Clara Schumann treffen beim ersten Kennenlernen sofort ins Herz mit ihren melancholischen, harmonisch reichen Melodiebögen, den fröhlichen Vogelrufen und der beschwingten Begleitung. Ihre Neuausgabe durch die weltweit tätige Geigerin und Pädagogin Jacqueline Ross hat gewichtige Vorteile: In einer dreisprachigen Einführung erzählt sie, wie Clara die Romanzen in Bewunderung von Joseph Joachims Spiel schuf. Romanzen waren bei Schumanns beliebt, weil sie durch freieres Formverständnis der Subjektivität, Spontaneität und dem Gefühlsausdruck mehr Aufmerksamkeit schenkten. Robert animierte seine Frau immer zum Komponieren, liess sogar Lieder von ihnen beiden gemeinsam drucken.

Das in dieser Ausgabe zusätzlich abgedruckte Autograf der ersten Romanze, das Clara dem befreundeten Geiger Wilhelm Joseph von Wasielewski schenkte, gibt Hinweise auf verschiedene Fassungen. Offenbar hatten sie gemeinsam daran gearbeitet. Gewisse Verbesserungen, entstanden anlässlich gemeinsamer Aufführungen der Romanzen mit Joseph Joachim, gelangten nicht mehr in die gedruckte Erstausgabe bei Breitkopf von 1856. Sie sind aber im hier vorhandenen Urtext eingearbeitet. Der ausschliesslich englische Critical Commentary beschreibt die Unterschiede der verschiedenen Autografe und Manuskripte zur Erstausgabe. Der Performing Practice Commentary ist ein lohnendes Lehrwerk zur Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts und gibt zu vielen Stellen jeder Romanze Ausführungsvorschläge für die Interpretierenden. Es werden zwei Violinstimmen geliefert: ein Urtext mit einigen von Joachim überlieferten Fingersätzen und eine von Ross eingerichtete Stimme, deren Vorschläge stilgerecht sind.

Für mich gehören Claras Drei Romanzen untrennbar zusammen mit Roberts Fünf Stücken im Volkston, original für Violoncello und Klavier, von Ernst Herttrich für Violine herausgegeben (Henle, HN 911). Im April 1849 schrieb Clara in ihr Tagebuch: «Diese Stücke sind von einer Frische und Originalität, dass ich ganz entzückt war.» Man darf davon ausgehen, dass die Violinversion auf Schumann zurückgeht; und eines der Stücke hat Joseph Joachim schon 1853 aufgeführt. Beim Musizieren aber stellt sich heraus, dass sich die Violine – eine Oktave höher klingend – zu sehr von dem zur Celloversion unveränderten Klavier absondert; es entsteht eine klangliche Lücke.

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Clara Schumann: Drei Romanzen für Violine und Klavier op. 22, hg. von Jacqueline Ross, BA 10947, € 19.95, Bärenreiter, Kassel 

Alle sind wir Autodidakten

In der Rock- und Jazzgeschichte wimmelt es von pionierhaften Autodidakten. Inzwischen aber wimmelt es auch von Rock-, Pop- und Jazzschulen. Wie vertragen sich systematischer Unterricht und das künstlerische Verlangen, den Konventionen zu entrinnen?

Foto: Warren Wong / unsplash.com

Auf meine Umfrage auf Facebook sind so viele Reaktionen zurückgekommen, dass ich unmöglich alle im gedruckten Artikel zitieren konnte – erst recht nicht in der Länge, in der sie bei mir eingetrudelt sind. Natürlich hatte ich auch ein schlechtes Gewissen: So viel Gedankenarbeit und Mühe darf nicht unbeachtet bleiben! Darum hier eine ausführliche Auswahl der Beiträge. Allen Beteiligten: tausend Dank!

Anmerkung der Redaktion: Die Beiträge werden in alphabetischer Reihenfolge der Vornamen veröffentlicht. Der O-Ton wurde beibehalten. Hinsichtlich Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden meist die Editionsstandards der Schweizer Musikzeitung angewendet. Einige Emojis aus diesen Texten können hier leider nicht als Bilder angezeigt werden.

Andi Gisler

Ich halte es mit meinem Gitarren-Idol James Burton: «Dou you know music theory?»
«Yes but not enough so that it would hurt my playing.»

Die Diskussion um Autodidakt vs. Studium oder Notenlesen vs. «nach Gehör spielen» greift meist zu kurz, ausserhalb von klassischer Musik sind es ja meist bis immer «Mischformen» – ich hatte z.B einige Jahre Klassikgitarrenunterricht, alles andere aber «autodidaktisch» gelernt bzw. bin immer noch täglich dran. Notenlesen kann ich, habe es aber in der Praxis kaum bis nie gebraucht.

Aber viel wichtiger noch ist die Inspiration und der Einfluss von allen Gebieten ausserhalb der Musik. Nebst dem Leben und der persönlichen Erfahrung sind dies Bücher, Filme, Politik, etc. etc. In England z. B. war die Existenz von Art Schools absolut entscheidend für die Entwicklung der Popmusik. Und Pop/Rockmusik kann auch nicht getrennt von Mode, Politik, Gesellschaft betrachtet werden. Meines Wissens hat z. B. niemand bei Pink Floyd Musik studiert. Die Band entstand aber im Umfeld einer «akademischen» Umgebung – 2 oder 3 Mitglieder waren Architekturstudenten. Und dies hatte natürlich enormen Einfluss auf die Musik, die Präsentation, das Artwork, etc.

Vielleicht läuft Jazz Gefahr, durch die Akademisierung zum Elfenbeinturm zu werden. Wenn man aber die Entwicklung sieht, wie viele jüngere «Jazzers» z. B. Elektronik oder Hip-Hop verarbeiten, sehe ich eigentlich keine Gefahr.
Ich habe grad begonnen, die Doku über Keith Jarrett The Art of Improvisation auf YouTube zu schauen. Und als Erstes spricht er genau über dies: «Der Fehler ist zu meinen, Musik komme von der Musik her». Und ich glaube dies stimmt 100%. Als Musiker kommt man nicht drum, intensiv und gnadenlos zu üben. Aber das Befassen mit anderen Sparten kann kreativ äusserst inspirierend sein.

Betty Groovelle

Ja, ich bin auch Autodidaktin. Heisst aber auch vor allem, dass man eine eigene Sprache für Musik entwickelt, man entdeckt alles selber. So Sachen wie Dissonanz Harmonie, Form. Habe zum Glück ausserordentliche analytische Fähigkeiten, ein Engineering-Köpfchen. Was mich immer wieder gewundert hatte ist, dass immer wieder studierte Musiker nicht in der Lage waren, mir meine forschenden Fragen zu beantworten, warum etwas so oder so ist. Mir erschliesst sich auch nicht, warum man Improvisation üben muss, man hört doch, was für Töne passen und wo die Musik hinwill, dann sucht man sich aus, wie extreme und wie lange Umwege man dazu singt. So gibt es einige Sachen, wo ich viel Freiheit habe.

Denn diese wilde Musik mit orchestergrossem Ausmass war schon immer in meinem Kopf. In der Primarschule schon immer gelitten mit diesen Horrorliedern mit den immer gleichen Akkorden wie Hänschen klein, erst spät Jazz entdeckt … endlich etwas, das der Musik im Kopf eher entspricht. Ich bin Jazz, habe es aber nie gelernt. Nun mit dem Computer mit DAW lerne ich Schritt für Schritt, dass meine Musik aus dem Kopf raus kann und ich sie hören kann.

Bruno Spoerri

Ich habe – glaube ich – bis zum 30. Lebensjahr eine ziemlich typische Entwicklung durchgemacht wie fast alle meine Kollegen im Schweizer Jazz. Es gab ja keinerlei Jazzausbildung, und Jazz war verpönt – in Konservatorien war es zum Teil verboten, Jazz zu spielen. Es gab ein paar wenige Leute, die den Spagat wagten z. B. der Pianist Robert Suter, Pianist der Darktown Strutters und Klavier- und Theorielehrer am Konsi Basel.

Ich lernte als Kind Klavier, zuerst beim Pianisten des Trios meiner Mutter (sie war Geigerin und hatte ein Trio, mit dem sie im Cafe spielte – und gelegentlich trat sie als Solistin im Sinfonieorchester auf), dann beim Oberguru der Basler Klavierlehrer, der mir das Klavierspielen völlig verleidete. Immerhin lernte ich einigermassen Noten lesen. Dann begannen Freunde, Jazz zu spielen, und ich wollte mitmachen. Der einzige Platz, der frei war in der Band, war der des Gitarristen, und ich fragte einen Gitarrenlehrer, wie man das am schnellsten lernt. Er empfahl mir die Hawaiigitarre, und ich machte das eine Zeitlang, bis ich merkte, dass das wohl das falsche Instrument war.

Der Lehrer hatte noch ein altes Saxofon, und das verkaufte er mir. Ich kam dann zwei Jahre in ein Internat nach Davos, und dort gab mir der Saxofonist eines Tanzorchesters, Pitt Linder, die ersten richtigen Sax-Stunden, und er liess mich ein paar Swingstücke so lange spielen, bis ich begriffen hatte, wie man im Swingstil phrasiert. Wir hatten in der Schule auch ein Trio, mit dem ich viel übte. Zurück in Basel (1949) hörte ich jede Nacht AFN im Radio,Charlie Parker, George Shearing etc.

Erste Auftritte kamen im Tanzkurs, Jams im Atlantis mit den dortigen Pianisten (Elsie Bianchi, Gruntz, Joe Turner), dann die ersten Jazz Festivals. Der Pianist Don Gais lieh mir sein Book aus und ich schrieb etwa 100 Stücke von Hand ab. In Basel gab es Old style Bands (Darktown Strutters, Peter Fürst) und die Modernisten um George Gruntz. Ich spielte überall mit, machte 1954 die Matur und begann, Psychologie zu studieren. Dann kamen erste Preise im Festival, eigene Bands (Bigband), dann in Zürich beim Weiterstudium das Metronome Quintet. Und ich begann zu arrangieren, zu komponieren etc. – klare Idee war, als Psychologe zu arbeiten und nebenbei so viel wie möglich Musik zu machen. Dann hatte ich zwei Jahre lang Unterricht bei Robert Suter, und er brachte mir Harmonielehre und Kontrapunkt bei.

Dann heiratete ich 1960, lebte weiter das Doppelleben, und begann im Africana zu spielen. Dann kam ich durch Zufall zu einem kleinen Filmmusikauftrag für die Expo 64. Dadurch kam ich in Kontakt mit einer Werbeagentur, hatte noch ein paar Aufträge – und Ende 64 fragte man mich plötzlich, ob ich in eine neue Werbespot-Filmfirma eintreten wolle als Hauskomponist und Tontechniker. Ich machte den Sprung, obwohl ich eigentlich keine Vorbildung dazu hatte, und lernte dann in der Praxis, wie man das macht. Und dann kam ich in Berührung mit elektronischer Musik und mit sog. Beatmusikern (The Savages), Es war alles Learning by doing – bei jedem neuen Auftrag musste ich etwas lernen – dann auch technisch – u. a. weil ich mit den Tonstudios damals Probleme hatte, machte ich mein eigenes Studio auf, bis ich mit Eigenproduktionen auf die Nase fiel (Hardy Hepp, Steff Signer, etc.) etc. etc.

Ich meine, alle meine Kollegen hatten ähnliche Voraussetzungen: Unterricht bei Klavierlehrer, oder auch in einer Blasmusik – klassisch orientiert, dann selbst lernen vor allem zusammen mit Freunden, viel Spielen und alles ausprobieren. Gruntz war praktisch der Einzige, der vom Autoverkäufer zum Profi wurde – Ambrosetti und Kennel leiteten Firmen. Viele waren auch Studenten – von diesen gaben allerdings viele das Spielen nach dem Abschluss auf. Ich machte 1958 eine Umfrage (das war meine Diplomarbeit als Psychologe).

Noch ein Gedanke zur Jazzgeschichte: Schon früh gab es die Mär vom selftaught genius – die Original Dixieland Band warb damit, obwohl alle Musiker dort effektiv Musikunterricht hatten – man gab sich als Naturgenie, das war eine gute Werbung. Bluesmusiker waren allerdings öfter ohne Ausbildung – aber auch sie lernten vor allem durch den Kontakt mit älteren Musikern. Und im Rock wurde es auch zu einem Markenzeichen, dass man alles selber gelernt habe – was meistens auch nicht genau stimmt. Auf jeden Fall: zu dem Thema gibt es sehr viel idealisierte Lebensläufe …

Bujar Berisha

Es ist ähnlich wie ein Ausländer zu sein. Du lebst dasselbe Leben, isst dasselbe und machst auch etwa dasselbe nur ist die Sprache anders. Das schliesst aus oder weckt Neugierde. Und so wie alles, hat alles Vor- und Nachteile. Vorteil, du hast von Anfang an eine eigene Handschrift, die andere erst später sich erarbeiten müssen/wollen. Dafür erkennen Autodidakten am Anfang gar nicht ihre Handschrift, sondern sehen diese als Manko … Beispiel, manche hören sofort, dass die Geige schlecht gestrichen wird, obwohl sie keinen Ton in einer Tonskala orten können. Gelernte Violinistinnen und Violonisten brauchen unter Umständen Jahre, um dies zu hören, wie der Bogen die Saiten zum Schwingen bringt.

Christoph Gallio (DAY & TAXI)

Ich hab mir mit 19 Jahren ein Saxofon gekauft und mich autodidaktisch 2 Jahre durchgewurstelt (free Improv und Freejazz in Bands) … danach in 2 Jahren Notenlesen gelernt (Musikschule Basel bei Ivan Rot) und dann ein Jahr Konsi Basel (auch bei Iwan Roth). Und als ich 29 Jahre alt war dann 2 Nachmittage „Unterricht‘ bei Steve Lacy in Paris. Das wars dann mit Instrumentalunterricht. Als Komponist bin ich total autodidaktisch unterwegs.

In Basel war ich mit Philippe Racine (Flöte – heute Professor an der ZHdK, komponiert mehrheitlich, da er wegen einer Dystonie nicht mehr spielen kann) in ner WG. Er war vor mir am Konsi. Super begabt und wurde im Duo mit Ernesto Molinari als Neue Musik-Interpreten rumgereicht und gefeiert. Das ist ja schön und gut. Nur wurde man da als Freejazzer belächelt und auch nicht ernst genommen – das war so ne unausgesprochene Grundstimmung. Ein Mitstudent (auch Saxofonist!) am Konsi nannte mich damals Seelenverkäufer.

Ich hatte in der Freeszene (in Basel und Zürich) zu tun … danach dann sehr schnell mit der Jazzszene sympathisiert (was in der Freeszene wiederum nicht goutiert wurde – man war damals schnell ein Verräter. Kompliziert alles!). Die Freeszene wollte auch an den Topf der Neuen Musik, wollte genauso ernst genommen werden wie die diplomierten Neuetöner. Da gabs ja noch E und U Musik. Und «wir» wurden lange Zeit als U-Musiker (innen gabs wenige – ausser Irene) deklassiert. Warum? Weil wir halt nicht die Konsi-Mühlen durchlaufen haben. Kurz: Wenn man am Konsi war konnte man spielen. Wusste man wie Musik funktioniert.

Wir Freejazzer etc (wir verstanden uns als E-Menschen und waren alle Autodidakten – kann man ja nicht an ner Hochschule studieren) … zogs natürlich auch zu den gleichen Spielorten und Fördertöpfen. Diese mussten verteidigt werden. Es gab die MKS (Musikerkooperative – heute Sonart) und die war bemüht um die Akzeptanz der frei Improvisierenden. Damit auch wir an die Töpfe (auch die waren nie prallvoll!) rankamen. Diese Töpfe wurden aber sehr verteidigt und es brauchte Jahrzehnte, bis sich das ein wenig änderte. Und wenn Geld im Spiel ist, gehts auch schnell um Macht. Wer bekommt es, wer verteilt es. Wer ist Freund, wer nicht.

DAY & TAXI: Drummer Gerry Hemingway (67) ist totaler Autodidakt, ich (65) ja mehrheitlich auch und Bassist Silvan Jeger (37) hat natürlich einen Master im Bassspielen. Es gibt ja heute eigentlich gar keine Autodidakten mehr. Ohne Diplom kann man heutzutage nicht mehr an einer Musikschule unterrichten. Silvan hatte mal ne eigene Band, die ich ganz toll fand …war noch nicht ausgereift, aber auf dem Weg. Leider konnte er sie schlecht verkaufen, und die Mitglieder verhielten sich passiv (sehr normal – halfen nicht mit mit der Gigssuche etc), was ihn enttäuschte und nach nem Jahr gab er die Band auf. Leider null Durchhaltevermögen. Oder die Motivation war zu klein … es ging ihm zu langsam … keine Ahnung…

Anekdote: Unseren letzten Gig in Baden liessen wir aufnehmen. Der Techniker ist masterierter Jazz-Drummer und ca. 25 Jahre jung. Nach dem Gig – der ihm gefiel – fragte er mich nach meiner Ausbildung. Die Antwort kennst du. Und ich sagte ihm, dass Gerry (berühmt und ex Dozent Jazzhochschule Luzern) sogar ein totaler Autodidakt sei. Danach sagte er: OK, ich verstehs nun. Da ist was, dass ich so zum ersten Male höre oder das mich verunsichert. Es irritiert mich. Und er sprach von einer Energie. Ich glaube er spürte das Commitment, das innere Feuer oder so – na, das tönt jetzt doch sehr esoterisch …;-) … Auf jeden Fall hatte mich diese Episode erfreut. Zu merken, dass da ein junger Musiker was mitbekommt, das ihn verunsicherte, zum Nachdenken motivierte. Ich glaube er hat über Musik nachgedacht, was sie kann, was sie soll – oder ganz einfach übers Wie …

Daniel Gfeller

Musik ist die Krankheit, die man mit Musik zu heilen versucht. «War er ein Tier, da ihn Musik so ergriff?» (F. Kafka/Die Verwandlung). Man ist zur lebenslangen «Selbstverwirklichung» verdammt – mit oder ohne formale Bildung. Sogar die Dekonstruktion qua Punkrock ist gescheitert … hopeless. Wir sind stolz darauf, den eigenen Seelenklang zu finden, bis ein Lehrer, oder das Liebes(un)glück oder das Leben die zarten Triebe stutzt … Musik ist auch «Reviermarkieren» – wo ich klinge, bin ich. Formale Ausbildung nimmt einem die Last, dauernd selber absolute Instanz sein zu müssen (meine ich).

Daniel Schnyder

Jeder muss für sich selbst lernen, niemand kann etwas für jemand anderen lernen, deshalb ist per definitionem jeder kreative Geist ein lebenslanger Autodidakt.

Dieter Ammann und Bo Wiget (Dialog)

DA: Einer der Vorteile als Autodidakt ist, dass man Musik beurteilen darf nach dem Motto: Das gefällt mir … das gefällt mir nicht. Allerdings ist dies gleichzeitig auch ein Nachteil, denn tiefergehende Beurteilungskompetenz bleibt einem so verwehrt.

BW: Autodidakt sein heisst so wie ich das verstehe eigentlich nicht, dass man nichts weiss.

DA: Als jemand, der in Teilen kompletter Autodidakt war (Trompete, E-Bass), würde ich so etwas auch nie behaupten.

Emanuela Hutter, Hillbilly Moon Explosion

Ich lernte seit der Primarschule Klavierspielen. Nahm klassischen Gesangsunterricht in Zürich und New York. Das Gitarrenspielen eignete ich mir alleine an.

Dazu habe ich diverse unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Im Gesang musste ich früher, als ich noch klassisch sang, immer umschalten. Oliver von den Hillbillies ging jeweils fast die Wände hoch, wenn meine Stimme jeweils wegen Auftritten mit dem Klassischen Ensemble zu sehr in der Klassik feststeckte. Dort ist das Augenmerk immer auf der Resonanz. Und es wird intensiv am Klang der Vokale gearbeitet. Groove und Verständlichkeit kommen da zuweilen ins Hintertreffen. Der Vorteil: Ich kann 3 Wochen am Stück jeden Abend mit den Hillbillies auftreten ohne heiser zu werden und nach wie vor ohne Mic in einen Raum hinaus singen und viel Resonanz erzeugen, was die Zuschauer jeweils verblüfft.

Ich habe irgendwann gehört und beobachtet, dass meine Lieblingssängerinnen aus Blues und Jazz die Gestaltung ihres Klangs über die Konsonanten «abwickeln». Ich mache das jetzt auch so, was teils den aussergewöhnlichen Mix ausmacht bei den Hillbillies: meine klassisch geschulte Stimme und der Sound der Instrumente.

Was das Klavier betrifft, fällt mir jeweils auf, dass meine Art am Klavier Songs zu schreiben immer noch von den Stücken von Chopin, Grieg und Bartok beeinflusst und begrenzt werden, die ich vor langer Zeit mal intus hatte. Darum dieses altbackene Filmmusik Ambiente bei jenen Songs. Siehe oder höre hier:
https://www.youtube.com/watch?v=nF75w7yTY8c

Das Gitarrenspiel habe ich mir selbst angeeignet. Zum Songs schreiben. Und ab und wann mir Techniken von Gitarristen zeigen lassen, wie z.B. finger-picking. Ich nahm jedoch nie regelmässig Lektionen. Ich bin limitiert und spiele eine urchige Rhythmusgitarre, wobei ich mich freue, dass mein holziger Stil mittlerweile auch im Studio geschätzt und eingesetzt wird. Ja teils gar vorgezogen, und das obwohl ich mit Gitarrencracks zu tun habe, wie Joel Patterson oder Duncan James.

Beides, das seriöse Erlernen eines Instrumentes, wie das autodidaktische Aneignen hat Vor-und Nachteile.

Ernst Eggenberger

Ich bin Songwriter man findet mich auf Youtube. Ich hab in den 80ern mit einer Jazzrockformation Andromeda Konzerte und Platten gemacht. Die letzten 7 Jahre hatte ich das Glück, mit Felix Rüedi am Bass Konzerte und CDs aufzunehmen. Er hat die Jazz-Schule gemacht, ist ein versierter Fret und fretless bassist. Für die CD-Aufnahmen hat er mit meiner Vorlage jeweils die Charts für die Studiomusiker herausgeschrieben. Er sagte immer, es sei ein Glück, dass ich nicht geschult sei, denn sonst könnte ich nicht so freie Songs schreiben, ich kenne keine Regeln, also muss ich mich auch nicht daran halten. Er meinte immer in meinen Songs hätte es immer irgendwo eine Falle bei der Stelle er aufpassen müsse.

Ich hab auch mal einen TV-Auftritt mit der Kapelle Oberalp gehabt, die haben zwei Klarinettisten, einer hat das Konsi gemacht, der andere kann keine Noten lesen, und die spielen seit über 30 Jahren zusammen. Es kann immer alles Vor und Nachteile haben.

Ernst Hofacker

Als alter Wald-und Wiesen-Rock’n’Roll-Gitarrist sage ich: Als Autodidakt hab ich mir immer die nötige Unvoreingenommenheit der Musik und dem Instrument gegenüber bewahrt. Aber ein bisschen Unterricht, hier und da abgucken und der Wille zum vierten Akkord haben nicht geschadet! (Anm. Red. drei Gitarren-Emojis sowie 🙂 )

Hotcha Means Hotcha

In den 60ern waren wir alles Autodidakten, haben abgeguckt, wo wir konnten, Legenden erzählen von Gitarristen, die absichtlich mit dem Rücken zum Publikum spielten, damit man nicht sah, was sie machten, manchmal wurde uns auch von befreundeten Gitarristen etwas beigebracht, ich habe The Last Time vom Vater von Jessi Brustolin gelernt, auch Gloria und die Barrégriffe … das erklärt nämlich auch, warum aus Beat dann Krautrock und später Progrock entstand, ersteres unverkennbar immer wieder erstaunt über die geniale Pentatonik, die man rauf und runternudeln konnte, letztere unverkennbar mit einem verschrobenen Ehrgeiz unterwegs zu Augenhöhe mit den Klassikern.

Schon 1967 meinte unser Bassist aus gutem Hause zu mir, «Bach ist nur für intelligente Leute», war klar, was er damit sagen wollte … aber eben, das war die Saat. Danach, um Sax spielen zu können, musste ich Harmonien kennen und verstehen, darob bin ich heute froh, wo ich Youtube-Videos für Soundbytes-Schieber mit einem Fetisch für Vintage Elektronik sehe, wo man ihnen II-V-I erklärt

Jessi Brustolin

Mir hat mein Vater House of the Rising Sun beigebracht 🙂 Danach war das Buch von Peter Bursch angesagt, anstelle von Noten haben Zahlen Griffe erklärt. Dann tatsächlich ein paar Jahre Jazz-Unterricht, wobei der arme Lehrer an mir verzweifelt ist, ich wollte immer Punk- und Metal-Songs spielen anstelle von Robben Ford. Das ist bis heute so :-))

John C Wheeler (Hayseed Dixie)

Guitarre ja. Klavier nein. Ich wurde klassisch ausgebildet, allerdings kommt das mit Vorteilen und Nachteilen – hauptsächlich heisst das gut für die Technik, schlecht für den Groove.

John C Wheeler und Stephen Yerkey (Dialog)

SY: I’m self-educated… I want to write a memoir on what it’s like to play music for fifty-five years with your head up your ass.

JCW: In 3 years, I’ll be able to help you write it.

Jonathan Winkler

Hatte ein wenig Unterricht aber schliesslich das meiste durch Hören und Nachspielen gelernt – entsprechend limitiert bin ich … Bedaure manchmal schon, nie richtig gelernt zu haben, wie man Gitarre spielt.

Käthi Gohl Moser

Auch nach bald 50 Jahren unterrichten und Aufbau der musikpäd. Masterstudiengänge in BS: Es gibt kein Lernen, das nicht ausschliesslich im/in der Lernenden selbst passiert. Wir sind unter anderem Gärtner, können also für bessere (und leider auch schlechtere) Bedingungen sorgen, wir sind Spiegel für das Fördern der Eigenwahrnehmung, aber vor allem können wir anstecken und Musik/Feuer legen, aber brennen tun die Schüler selber … Fazit: Für fantastische Musik ist Ausbildung nie die einzige Voraussetzung. (Sternen-Emoji)

Kno Pilot

Ich bin weitgehend Autodidakt und halte das bei Indie-Liedermacher-Zeugs (was ich mache) für einen Vorteil. Letzte Woche spielten wir einen neuen Song (ich Bass und Gesang) und ich hörte in meinem Kopf einen «interessanten» Ton, den ich in die Basslinie einbauen wollte. Als ich ihn auf dem Griffbrett gefunden hatte wurde mir klar, dass es sich um die Oktave des Grundtons handelt :-)) . Ausgebildete Musiker würden das nie im Leben als interessanten Ton bezeichnen und ihn vielleicht nicht mal spielen, weil es zu simpel ist

Lukas Schweizer

Ich habe viele Jahre klassischen Gitarrenunterricht gehabt, streng nach Noten. Als ich mit meiner eigenen Musik begonnen habe, musste ich mich zuerst von den «starren» Nöten lösen lernen. Und ich habe erst beim freieren Spielen das System Gitarre richtig begriffen. Zuvor bin ich viel zu fest an den Noten gehangen. Weiter habe ich lange Zeit in Chören (vorwiegend klassische Chormusik) gesungen. Für meine eigene Musik musste ich meine Stimme neu entdecken, herausfinden, was mit ihr möglich ist und was mir gefällt. Auch hier ging es um einen freieren Umgang mit dem Instrument Stimme. Auch mir ist aber die recht fundierte musikalische Grundausbildung, die ich genossen habe, wichtig und die Basis für vieles. Beispielsweise bringe ich mir gerade selbst etwas Klavierspielen bei und da hilft mein musiktheoretisches Wissen schon.

Marc Unternährer

Ich habe klassisch studiert, während dem Studium schon improvisiert und (im weitesten Sinne) Jazz gespielt und brauchte Jahre nach der Ausbildung, um von gewissen Dingen frei zu werden und mich von Vorstellungen zu lösen, wie ich klingen soll und darf. Im Jazz lernte ich durch oftmalige Überforderung mehr und mehr dazu, da bin ich Autodidakt. Das Studium möchte ich nicht missen, heute spiele ich nicht mehr im streng klassischen Bereich.

Martin Söhnlein und Dieter Ammann (Dialog)

MS: Mit Profis hat man zwölf Töne – mit Amateuren alle.
DA: Das ist nicht ganz richtig – Mikrotonalität birgt viel mehr Töne …;))
MS: Da hast du natürlich recht.
DA: Und dann kommt in der zeitgenössischen Musik (was genremässig seit über hundert Jahren, seit dem Zusammenbruch der «Tonalität» als «Neue Musik» bezeichnet wird) noch die ganze Geräuschpalette dazu … Kunstausdruck kennt per se fast keine Grenzen.
MS: Total einverstanden. Der Weg – obwohl das Ziel – spielt da gar nicht mal so eine grosse Rolle.

Matthias Penzel

Meine Erfahrung, nicht anders als beim Auf-Den-Händen-Laufen: Wenn man sich was selbst beibringt, dauert es länger, z.B. auch das Trainieren des Gehörs – und es ist, so scheint mir, es ist dann auch immer viiiiel tiefer in Mark und Bein eingefräst. Denn man spielt dann, bspw. was so Läppisches wie einen 4/4 Takt, so, als hätte man den gerade erfunden. Das ist schwer zu lehren und auch anderen schwer zu vermitteln. Wenn du bei AC/DC (nicht mein Geschmack, sondern sachlich beobachtet) in der Konzerthalle siehst, wie die Leute bis in die echt allerletzte Reihe mitwippen, dann kannst du auch davon ausgehen, dass keiner weiss warum, wenn du mit Drummern darüber sprichst, stösst du sofort auf eine Menge Drummer, die das ganz genau erklären können. Das Wie ist nicht so leicht zu unterrichten … bzw. konventionell unüblich; vielleicht gibt’s auch äh, ‘spirituellere’ Didaktik. Aber kaum am Konservatorium, nehme ich an.

DANN gehört zu den Qualitäten eines Musikers im Pop ja keineswegs nur das Handwerk. The Edge kann oder konnte keine Akkorde, Eddie van Halen keine Melodien, Ozzy konnte nie singen, dito Anthony Kiedis und eigentlich die allermeisten Hardrocksänger, daher mussten sie … wie Pete Towshend mit seiner hässlich grossen Nase: kompensieren. Und das ist im Grund die Story des Rock.

Kompensieren mit Kompositionen, die anders funktionieren, oder mit irrem Spiel (was ganz anderes, schaffen sich tausende Leser von Tabulaturen jeden Monat drauf … die schaffen dann sogar Sachen, bspw. Van Halen’s Beat-It-Solo, das hatte der selbst nie so gespielt, sondern Quincey Jones zusammengeklebt aus mehreren Aufnahmen …). Also, das sind sehr unterschiedliche Qualitäten, die Musiker/Bands letzten Endes zu etwas machen, das nachhaltig bei den Leuten im Kopf bleibt.

In dem Zusammenhang finde ich, müsstest du eigentlich auch mit den Musikern von Celtic Frost sprechen. Bzgl. Langzeitwirkung schon ziemlich fuckin phenomenal.

 

Matthias Wilde

Ich bin Autodidakt, und dies ist irgendwie befreiend, kann aber auch ein Hindernis sein. Gutes theoretisches Wissen erleichtert sicher das Lernen von weiteren Instrumenten und neuer Stile. Als Autodidakt besteht die Gefahr, dass man sich etwas im Kreis bewegt. Das ist natürlich auch bei gut ausgebildeten Musikern möglich und hängt auch von der Person ab, doch mit theoretischem Wissen kann man sich schneller in neue Situationen hereindenken, denke ich. Ach, was weiss ich! Alles hat seine Berechtigung, solange es Erfüllung gibt!

Micha Jung

Bei mir sind die Spielarten mit Menschen verknüpft, von denen ich sie lernte: Div.Flamenco-Stile von Maestro Ricardo Salinas, American Folkpicking von Martin Diem (Schmetterbänd), div. Fingerpickings (Leonard Cohen), E-Git (Schöre Müller), Rhythm. Guitar (Tucker Zimmermann, Joel Zoss) usw.

Michael Bucher

Ich habe vor meinem Studium autodidaktisch Gitarre gelernt, ich war zwar mal da und dort bei einem Lehrer, aber nie regelmässig und vermutlich hatte ich bis zum Studium 5 Lektionen. Ich bin wohl ein Antischulkind gewesen und habe noch heute Mühe zu verstehen, dass das, was man können möchte, in einer Schule zu holen sein soll. Ich bin auch Multiinstrumentalist, mische meine Aufnahmen oft selber, ebenso mache ich die Aufnahmen, mein Umfeld ist gross und willig bei Fragen Tipps zu geben, das Internet mit Wissen gestopft voll, so habe ich die meisten meiner Skills gelernt. Dafür gibts natürlich kein Diplom, gell. 😉

Trotzdem unterrichte ich dann und wann an der ZHDK, habe auch immer wieder Studenten, die zu mir in den Unterricht wollen. Das finde ich grossartig, die Auseinandersetzung mit den «Kids». Das Universum ist voller Äpfel, man muss sie nur pflücken.

Nick Werren

Auch ich: Kompletter Autodidakt. Dies kann hin und wieder, in Zusammenarbeit bzw. Zusammensein mit jazzgeschulten Freundinnen oder Mitmusikern, Komplexe auslösen und ich bezeichne mich in der Szene deshalb ungern als Musiker, obschon ich mich mein halbes Leben durch Musizieren ernährt habe.

Beim Musikunterricht und den Hausaufgaben meiner Kinder versuchte ich in den letzten Jahren möglichst viel nachzuholen. Inzwischen weiss ich, auf welcher Linie das C liegt, das hat mir aber irgendwie nicht viel gebracht.

Nikko Weidemann (ua. Moka Efti Orchestra in der Serie «Babylon Berlin»)

Ich habe am meisten von meinen Studenten (Studierenden) gelernt, als ich 10 Jahre lang Dozent war. Ohne je studiert zu haben. Vorher bin ich 4 Jahrzehnte immer mit der Wünschelrute dorthin, wo ich eine kreative Goldader vermutete. Ich glaube, dass das Sich-Neu-Erfinden-Müssen die wichtigste Quelle ist. Sich in eine Position zu begeben, aus der man nicht so einfach wieder rauskommt, das fordert einem das Beste ab.

Das Problem und das Siechtum des Jazz ist seine Verschulung, seine Akademisierung. Giant Steps als Einbahnstrasse, aus der es kein Entkommen gibt. Natürlich gibt es tradiertes Wissen, auch Keith Richards hat viel davon, aber er entzieht sich der Analyse. Bzw. sagt er in seinem tollen Buch ganz genau, wie seine open tunings sind, er deckt den «code» auf, macht ihn publik. Kann jeder haben und doch hat keiner Keef oder, for that matter, sich selbst, bis er oder sie bereit ist, den Preis zu zahlen.

Richard Koechli

Das hängt wohl vor allem auch mit dem Lerntyp zusammen (ich bin tendenziell mehr Autodidakt). Theorie zum Beispiel als grundsätzlich «hurting» für authentische Musik zu bezeichnen, wird dem Ganzen nicht gerecht. Ich hab mir genau so viel Theorie draufgeschafft, wie ich für meine Arbeit (ziemlich dringend) nötig hatte – Feeling, Leidenschaft, feines Gehör usw. reichten bei mir nicht, um das Potenzial verwirklichen zu können. Die Theorie ist ein relativ kleiner, aber sehr wertvoller Teil für mich, um mich orientieren zu können in der Musik, um Dinge reproduzieren und kommunizieren zu können, um mich auch zu erden. Im richtigen Moment muss sie natürlich zurücktreten können, auf der Bühne vor allem. Ich bin schizophren genug und kann, mit Slidegitarre vor allem, auch vollkommen ahnungslos mich von Ton zu Ton schleichen, nur mit Gehör, Neugierde und Herz – aber ich kann vor allem beim Arrangieren und Entwickeln umso raffinierter (und reduzierter) arbeiten, wenn ich haargenau weiss, welche theoretische Funktion jeder Ton hat.

Ich glaube, das Problem ist, anscheinend gegensätzliche Dinge gegeneinander ausspielen zu wollen – das Autodidaktische und das Akademische zum Beispiel. In Wirklichkeit gibt’s davon Millionen von Mischformen. Kein Mensch dieser Welt ist ausschliesslich Autodidakt oder Akademiker. Jede und jeder holt sich auf individuellem Weg das nötige Rüstzeug, um auf seine Weise arbeiten zu können. Und jede und jeder kann von jeder und jedem sowieso lernen, ein Leben lang …;-)

Zum Emotionalen kann ich durchaus sagen, dass zu Beginn meiner Laufbahn als Berufsmusiker die Angst, nicht bestehen und genügen zu können, sehr gross war – und dass es Momente gab, wo ich mir mit allergrösster Sehnsucht irgendeine Ausbildung oder ein Diplom wünschte, welches mir diese Angst hätte wegzaubern können, ein Etikett «jetzt darfst du Berufsmusiker oder gar ‹Künstler› sein» sozusagen. Gleichzeitig wusste ich, dass mein Platz anderswo ist, dass ich an einer professionellen Jazzschule z.B. überfordert gewesen wäre – und so musste ich wohl oder übel lernen, diese Angst aus eigener Kraft zu überwinden. Ist mir gelungen, allerdings ehrlich gesagt auch wiederum nicht aus eigener Kraft – doch das … ist gleich noch ein anderes Thema 🙂

Roland Zoss

Für kreative spontane Musiker sind Noten hindernd. Ich kenne kaum Musiker aus dem Rock-Folk-Songwriter-Flamenco-Bereich die Noten aufschreiben. Persönlich musste ich nach einer Gesangsausbildung wieder lernen intuitiv-stimmungsvoll mit der Stimme umzugehen. Anstatt nur auf die Lautung zu achten. Aber: geblieben ist mir, darauf zu achten, REIN und ohne Druck auf die Stimme zu singen. Nebenbei hat sich dann noch ein absolutes Musikgehör entwickelt … Dank heigisch – Universum …

Saadet Türköz

Ich gehöre bestimmt zu den autodidaktischen Musikerinnen und Musikern als Improvisatorin, Stimmkünstlerin. Heute sehe ich dies diesen Weg – in dem ich ohne Noten Lesen, ohne musikalische (Bildung) als beglückend. Da sehe ich den Vorteil, weil man nach innen horcht, dadurch erhält man die eigene künstlerische Aussagekraft und Farbe. Der Nachteil finde ich einzig dann, wenn ich Anfragen bekomme, die mit geschriebenen Kompositionen zu tun haben. Ich finde dann schade, dass ich es absagen muss, vor allem wenn ich es ein interessantes Projekt finde.

Simon Hari alias King Pepe

– Inzwischen bin ich ein glücklicher Autodidakt.
– Das habe ich aber erst rausgefunden, nachdem ich mit vielen Profis zusammengearbeitet habe. Sie haben mir von ihren mühseligen Entlern-Prozessen berichtet.
– Bis ich diese Profis (und damit meine ich ausgebildete Musikerinnen und Musiker) kennengelernt habe, dauerte es aber viel zu lange. Und das wiederum hat damit zu tun, dass ich eben Autodidakt bin. Ich dachte immer: Jesses, ich Dilettant kann doch jetzt nicht richtig gute Musikerinnen oder Musiker für Zusammenarbeit anfragen. Ich kann ja nichts!
– Ich bin sehr froh, dass ich dann doch den Mut zusammengenommen habe und genau dies getan habe. Und da merkte ich auch: Was für eine schöne Ergänzung: Es ist nicht nur so, dass sie einiges können, was ich nicht kann (eh klar). Auch umgekehrt: ich kann einiges, was sie nicht können und durchaus zu schätzen wissen. (performen * nicht nur musikalisch, sondern auch konzeptuell denken: die ganze Geschichte erzählen wollen * unkonventionell arrangieren … to name a few)
– Unterwegs dazuzulernen hat natürlich nicht geschadet. Was mir dabei gefällt: ich habe mir Musiktheorie superselektiv angeeignet. Von vielem weiss ich immer noch nicht viel, aber in einigen Bereichen habe ich mich total naiv richtig drin verbissen und eine ziemlich eigene Sprache daraus entwickelt.
– Das könnte jeder ausgebildete Musiker bestimmt auch, aber vielleicht ist die Hürde höher, wenn es «Schulstoff» ist. Ich nahm dann ein Musiktheoriebuch zur Hand, und für mich war es wie ein Zauberbuch oooh, jetzt tauche ich in die geheimsten Geheimnisse der Musik ein, was für ein umwerfendes Gefühl.

Tom Best

Ich bin autodidaktischer Schlagzeuger. Deswegen und weil ich zwar schon lange, aber nie konstant am Instrument war, finde ich es schwierig, mich innerhalb der Drummer-Szene in Vergleich setzen zu können. Auch fehlt mir eine gewisse Systematik in der Lerngeschichte. Dafür lerne und übe ich einfach immer grade das, was mich fasziniert. Und muss insofern nicht die Bedürfnisse irgendeines Genres erfüllen – höchstens natürlich der Rock’n’roll-Band, in der ich spiele. Einerseits bin ich also gehemmt, mich mit den «Profis» zu vergleichen. Andererseits geniesse ich in meinem permanenten Laien- und Amateur-Status eine gewisse Narrenfreiheit …

Tot Taylor

I am totally self-educated – gtr, bass, piano, harpsichord, etc, synth, drums, cello, trumpet, French horn. Don’t read music. The ‘Ups’ outweigh the ‘Downs’. But there are ‘downs’. Prejudice mainly. It has simply meant I can make a varied album or recording all by myself whenever/wherever I like. But I love playing with other people, so usually make a BIG decision about each album before I begin. The current FRISBEE was mainly with Shawn Lee, Drums, Paul Cuddeford, guitar, Robbie Nelson and Joe Dworniak on engineering and mixing. Recorded at RAK London and at Riverfish Studios, Cornwall. In pre-production now for the new one, that will be exactly the same set-up.

Urs C. Eigenmann

Ich hab kein einziges Diplom. Spiele und komponiere seit gefühlten 100 Jahren Musik, war Klavierlehrer – Gabriela Krapf hat z. B. mit Best Musik-Matura an der Kanti Trogen abgeschlossen – und war Musik-, Theaterlehrer und Schulbandleiter an der Oberstufe Flawil. Habe viele Rundumelis aufgenommen und lebe immer noch glücklich und aktiv als Musiker und seit neuestem auch wieder als Veranstalter.

 

Ursus Lorenzo Bachthaler

Dazu gilt es pragmatisch zu sagen: Wenige Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker haben das dazu benötigte riesige Talent, heutzutage autodidaktisch in einer immer mehr akademisierten Jazzwelt bestehen zu können. Ich denke, dass heute 99 auf 100 professionelle Jazzmusiker ein Diplom machen, auch mit dem Hintergedanken, dass man so einen Wisch braucht in der Schweiz, will man später an einer Musikschule/Gymnasium/Hochschule unterrichten. Und von den Konzerten bestreiten nur die allerwenigsten ihren Lebensunterhalt. Die Musik, die durch diese Akademisierung entsteht, unterscheidet sich definitiv von der Musik, auf die fast all meine professionellen Jazzmusiker-Freunde immer zurückgreifen, wenn ihnen die Inspiration ausgeht 😉 Wir leben in anderen Zeiten, die andere Geister&eine andere Musik hervorbringen. Was ich persönlich aber als sehr schade empfinde, ist das sukzessive Wegfallen von Szeneorten, die spätabends in Form von Jamsessions soziale Knotenpunkte darstellen und talentierten Musikerinnen und Musiker so die Chance bieten würden, auch ohne akademischen Bildungsweg ihr musikalisches Rüstzeug zu erlangen resp. zu verbessern.

 

800 Werke der Chormusik

Repertoirewerke für Vokalensembles ohne oder mir sehr begrenzter Instrumentalbegleitung aus 450 Jahren sind hier versammelt.

Foto: skopal/depositphotos.com

Ein lobenswertes Unterfangen hat sich Kirchenmusiker und Herausgeber Bernd Stegmann vorgenommen: Eine Übersicht über die europäische Chorliteratur, beginnend im ausgehenden 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das umfangreiche Kompendium aus dem Bärenreiter-Verlag, seit Jahrzehnten zuverlässiger Lieferant von Chorliteratur verschiedenster Couleur, wendet sich an Chorleitende wie an interessierte Sängerinnen. Alphabetisch gereiht finden sich zu 800 Werken der A-cappella-Chormusik Hinweise zur Entstehungsgeschichte, zur Aufführungspraxis und zu ästhetischen Aspekten, die die praktische Repertoirearbeit erleichtern. Eine Kategorisierung in Schwierigkeitsgrade von 1 bis 5 (ausgerichtet an einem Chor «mittlerer Leistungsfähigkeit») kann als Orientierungshilfe dienen, sollte ein Werk noch nicht einstudiert sein. Die eingängige Einführung lässt den Nutzer durch die europäische Musikgeschichte reisen und an den Entwicklungen von Komposition, Interpretation und kultureller Praxis der gemeinschaftlichen Vokalmusik teilhaben.

Die Werkporträts sind unterschiedlich tiefgehend gestaltet; den 22 Autorinnen und Autoren gelingen differenzierte Analysen, Werkbeschreibungen und Hinweise zur Entstehungsgeschichte ebenso wie zum «Ranking» innerhalb des weitverzweigten musik- und kulturhistorischen Schatzes «Chormusik». Das mit 718 Seiten umfangreiche Handbuch weist zudem Register auf zu Komponisten, Autoren, Textquellen und Besetzungsanforderungen, eine praktische Kategorisierung zur raschen Orientierung; ebenso sind Aufführungsdauer und Verlag bei allen Werken angegeben.

Sich wieder einmal mit dem eigentlichen Inhalt der täglichen Arbeit auseinanderzusetzen oder das eine oder andere unbekannte Werk für das eigene Ensemble in Erwägung zu ziehen, dazu regt dieses gelungene Handbuch an. Und es gibt Chorleitenden die Motivation, nach dem trüben Pandemiewinter mit programmatischer Arbeit für bessere Zeiten gewappnet zu sein.

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Handbuch der Chormusik. 800 Werke aus sechs Jahrhunderten, hg. von Bernd Stegmann, XX + 718 S., € 89.99, Bärenreiter/J.B. Metzler, Kassel/Stuttgart 2021, ISBN 978-3-7618-2342-2

Verbeugung vor dem Barock

Mit «Quasi manualiter» für Orgel schlägt Pier Damiano Peretti auf subtile Weise eine Brücke aus unserer Zeit zu barocken Vorbildern.

Pier Damiano Peretti 2018. Foto: Cantakukuruz / wikimedia commons

Der an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien lehrende Komponist und Organist Pier Damiano Peretti leistet mit diesem Werk einen interessanten Beitrag zur Gattung «Neue Musik für historische Orgeln» – eine Idee, die glücklicherweise mehr und mehr Komponierende anregt und hoffentlich auch einen wachsenden Einfluss auf die Konzertprogramme vieler Organisten und Organistinnen haben wird. Peretti geht von einem barocken Instrument des süddeutsch-österreichischen Typus aus, für den sich auch in der Schweiz etliche Beispiele finden, d. h. von einer zweimanualigen Orgel mit kurzer Oktave in Manual und Pedal und einer ungleichschwebenden Stimmung im Stil des 18. Jahrhunderts. Die Registrierungsanweisungen sind auch auf kleineren Instrumenten problemlos realisierbar. Ein Pedal ist zwar nötig, aber übernimmt keine besonderen Funktionen, worauf auch der Titel Quasi manualiter deutet, der das Werk nach barockem Vorbild zwischen «kirchlicher Öffentlichkeit und häuslicher Privatheit» ansiedelt und auf die damalige «Austauschbarkeit» von Tasteninstrumenten jeglicher Art anspielt.

Ein etüdenhaft-monotoner erster Satz eröffnet den Zyklus, an den sich ein verspieltes, mit «fantastico» betiteltes Sätzchen für eine Vierfuss-Flöte anschliesst. Ein zwischen Sarabande («quasi kaputte Dorforgel») und agiler Corrente changierender Satz bildet das Herzstück; ein kurzes Rezitativ und ein tänzerischer Schlusssatz komplettieren das etwa zehnminütige Werk. Peretti gelingt in diesen kurzen – spieltechnisch und rhythmisch allerdings recht anspruchsvollen – Stücken auf gekonnte Weise eine Verbindung zwischen der Klangsprache unserer Zeit und einer musikalischen Gestik, die zwar ihre historischen Vorbilder erahnen lässt, aber dabei nicht «neobarock» wirkt. Fazit: eine Bereicherung des Repertoires, die sich ausgezeichnet mit Werken des Barocks kombinieren lässt.

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Pier Damiano Peretti: Quasi manualiter für Orgel, D 02 531, € 14.95, Doblinger, Wien

Mozart auf Wiener Gitarren

Raoul Morat und Christian Fergo spielen auf neunsaitigen Instrumenten und entlocken den Klaviersonaten neue Seiten.

Christian Fergo (li) und Raoul Morat mit den Wiener Gitarren. Foto: zVg

Die Gitarrenszene ist ja eine sonderliche. Im «Paralleluniversum» der Musikgeschichte gibt es viel von Johann Sebastian Bach, aber halt auch viele Kleinmeister, die sicher gut spielen, aber nicht immer gut komponieren konnten. Raoul Morat aus Luzern und sein dänischer Duo-Partner Christian Fergo kennen die Problematik, und sie beantworten sie ausgesprochen klug mit Bearbeitungen grosser Meister. Nach Franz Schubert nahmen sie sich nun Wolfgang Amadeus Mozart vor. Die vier Klaviersonaten Nr. 4, 5, 10 und 11 transkribierten sie für ihre Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlichen «Wiener Gitarren» mit jeweils neun Saiten. – Und heraus kommt Besonderes.

Sehr fein kommt Mozart daher. Die Verzierungen klingen wunderbar und die – so manchen Pianisten zu Recht verschreckenden – Läufe ergeben sich völlig mühelos. Ja es hat sogar den Anschein, als bekämen die Klaviersonaten im Duo eine Spur mehr Dynamik und Vitalität als auf dem Solo-Klavier. Es hört sich einfach natürlich an und nach einem schön geradlinigen musikalischen Fluss. Dazu trägt auch bei, dass die beiden sich mit gitarristischen Manierismen zurückhalten. Flageoletts streuen sie nur selten ein, nur sehr dezent färben sie den Klang mit der rechten Zupfhand, ohne zu nah am Steg zu spielen. Kurz: Es klingt erfrischend «ungitarristisch».

Mozart-Kennern dürfte so eine Bearbeitung ein Stirnrunzeln hervorrufen, schreiben die Gitarristen in ihrem gelungenen Booklet-Text. Doch sie haben gute Argumente parat. Der Steinway sei ja von Tasteninstrumenten des 18. Jahrhunderts mindestens ebenso weit entfernt wie von Wiener Gitarren. Recht haben sie! Nach dieser CD will man Mozart erstmal gar nicht mehr auf dem Konzertflügel hören.

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Wolfgang Amadeus Mozart: Piano Sonatas Arranged for Guitar Duo. Duo Morat-Fergo. Challenge Classics CC 72867

Eine ferne, innige Welt

Mit Ernest Blochs «Schelomo» und Henri Dutilleux’ «Tout un monde lointain» sind auf dieser «Hommage à Armin Jordan» bisher unveröffentlichte Aufnahmen zu hören.

Armin Jordan. Foto: Jacques Sarrat (Erato)

Armin Jordan (1932–2006) war nach Ernest Ansermet, dem legendären Gründer des Orchestre de la Suisse Romande, die zweite grosse Künstlerpersönlichkeit, die diesen Klangkörper der welschen Schweiz nachhaltig prägte. Nun, fünfzehn Jahre nach seinem Tod, erscheint eine Hommage-CD mit einer Aufnahme, die Jordan mit dem Cellisten François Guye noch machen konnte, die aber nicht veröffentlicht wurde.

Jordan war zwar gebürtiger Luzerner, doch das Frankofone lag ihm im Blut. Er war ein leidenschaftlich glühender Musiker und alles andere als ein Despot. Seinen Orchestermusikern begegnete er vielmehr auf Augenhöhe, er bestand darauf, dass ihn alle duzten, er war ihnen ein väterlicher Freund. Und er liebte das Musiktheater, die Oper. So war ihm auch das Theater Basel, dem er als Musikdirektor der Oper fast zwanzig Jahre lang (bis 1989) angehörte, eine musikalische Heimat.

Das Orchestre de la Suisse Romande übernahm Jordan 1985 von Horst Stein und blieb ihm zwölf Jahre treu. Mit zahlreichen Tourneen, etwa nach Japan, Belgien, Grossbritannien oder Südkorea, festigte er den internationalen Ruf des Klangkörpers, den er mit vielen Plattenaufnahmen auch dokumentierte. Es war nicht zuletzt der spezifische Klang des OSR, der sich von anderen Orchestern unterschied und grosse Labels aufhorchen liess. Jordans Aufnahmen erschienen hauptsächlich bei Erato. Der warme, innige Klang prägt auch die Hommage-CD, die mit Ernest Blochs Schelomo-Rhapsodie (1916) und Henri Dutilleux’ Tout un monde lointain (1967–70) spezielle Werke vereint. Erschienen ist diese nun aber bei Cascavelle.

Man muss nicht lange reinhören, bis man Jordans dramaturgische Kraft, seine plastische Darstellungskunst erkennt. Der Rhapsodie von Bloch kommt sie besonders zugute, erzählt diese doch das Drama vom sterbenden Schelomo, der die Prunksucht seiner Herrschaft bitter bereut. Auch der fabelhafte Cellist François Guye vermag den Schelomo mit innig erregter Kantilene darzustellen.

Wie schon Ernest Ansermet pflegte Jordan besonders die schweizerisch-französische Schule mit Arthur Honegger, Othmar Schoeck und Frank Martin; daneben stand die Musik von Igor Strawinsky, Maurice Ravel und Claude Debussy regelmässig auf den Programmen des OSR. In dieses Umfeld passt Dutilleux‘ Tout un monde lointain für Violoncello und Orchester ausgezeichnet. Die Aufnahme ist luzide und kammermusikalisch fein austariert. Dabei entfalten Solist und Orchester einen lyrischen Dialog, der die moderne Farbgebung des Werks magisch zum Leuchten bringt. Treffender könnte eine Hommage à Armin Jordan nicht ausfallen.

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Hommage à Armin Jordan. Ernest Bloch: Schelomo; Henri Dutilleux: Tout un monde lointain. François Guye, violoncelle, Orchestre de la Suisse Romande, Leitung Armin Jordan. Cascavelle VEL 1620

Raum und Musse

Anlässlich ihrer dritten Begegnung auf Platte widmen sich der Schlagzeuger Gilbert Paeffgen und die Akkordeonistin Susanna Dill der musikalischen Reduktion und beweisen, dass weniger tatsächlich oftmals mehr ist.

Foto: zVg

Auf die Frage nach seinen Einflüssen erklärte der deutsche Jazzmusiker Gilbert Paeffgen (geboren 1958) einst in einem Interview: «Was mich anspricht, sind Menschen, Musiker und Schlagzeuger mit Ausstrahlung, Eigenständigkeit und Profil, die etwas zu erzählen haben.» Und genau so jemanden hat der seit Ende der Siebzigerjahre in der Schweiz ansässige Paeffgen in seiner Duopartnerin Susanna Dill gefunden.

Nach Legendes d’Hiver (2010) und 13 Épisodes lumineux et enjoués (2015) haben die beiden unter dem Titel Zwischen den Zügen nun ihre dritte Zusammenarbeit veröffentlicht. Geworden ist es eine Aufforderung, frank und frei durch die eigenen Erinnerungen, Gedanken und Realitäten zu streifen. Grundlage dafür bildet der asketische und schier ausgezehrte Sound, den die beiden kreieren. Dieser stützt sich einzig auf Dills Akkordeon und Paeffgens Hackbrett ab. Die elf Stücke nehmen sich Zeit, um sich zu entfalten und um gezielt Klänge zu setzen. Im Gegenzug bieten sie Raum und Musse.

Das Album zeichnet sich eher durch Strenge als durch Verspieltheit aus, dennoch wirken die zumeist getragenen Kompositionen durchwegs sensibel und sinnlich. Während das Titellied sowohl Kommen als auch Gehen zu verheissen scheint, fliegen Tracks wie das ätherisch anmutende Dichtes Huschen oder das versonnene Märchen von Station zu Station und von Stil zu Stil. Die von Musette, Tango, keltischem Folk und moderner Klassik inspirierten Motive zeugen dabei nicht nur von der Improvisationsfreude der beiden Musiker, sondern insbesondere auch von ihrer lyrischen Schaffenskraft.

Mit Zwischen den Zügen ist Dill und Paeffgen eine Art Soundtrack gelungen, welcher – ähnlich wie Ry Cooders Paris, Texas – Geschichten voller Sehnsucht formuliert, die entrückt, handfest und grazil zugleich sind. Das Resultat ist ein eindrucksvolles Werk zweier eindrucksvoller Künstler, die zu einem gemeinsamen Ausdruck gefunden haben.

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Susanna Dill und Gilbert Paeffgen: Zwischen den Zügen. Everest Records er_096

Autodidaktik

Talente zu erkennen und zu entfalten, braucht mehr oder weniger äussere Unterstützung. Eigeninitiative spielt in jedem Fall eine zentrale Rolle.

 

Talente zu erkennen und zu entfalten, braucht mehr oder weniger äussere Unterstützung. Eigeninitiative spielt in jedem Fall eine zentrale Rolle.

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Focus

Jedes Lernen ist ein Selbst-Lernen
Interview mit Natalia Ardila-Mantilla, Professorin für Musikpädagogik

Enseigner la musique lorsqu’on est autodidacte
Que peut apporter de différent l’enseignant qui a appris par lui-même ?

Learning by Doing: Musik-Administration

Auto-apprentissages
Certains compositeurs ont été plus ou moins autodidactes

Alle sind wir Autodidakten
Wie vertragen sich systematischer Unterricht und das künstlerische Verlangen, den Konventionen zu entrinnen?
Ausführliche Antworten von vielen Musikerinnen und Musikern

La RMS parle du thème de ce numéro à la radio : Espace 2,
Pavillon Suisse, 22 février, de 20h à 22h30 (à environ 21h50/2:13:30)

… und ausserdem

RESONANCE

Vita brevis – oder: Ein Schlag ist ein Schlag
Replik auf Ich liebe es, langsam zu spielen in Schweizer Musikzeitung 1_2/2022

Letztlich geht es um die künstlerische Freiheit — Was wir aus der Pandemie lernen können

Radio Francesco — les rêves / die Träume

Le Montreux Jazz accompagne 20 jeunes talents

Carte blanche für Thomas Meyer

CAMPUS

Chatten über … Volksmusik und wie man sie lernt — Fränggi Gehrig und Markus Brülisauer

Mehr Konkurrenz auf dem Unterrichtsmarkt

Spielwiese für den Jazznachwuchs — Jugendjazzorchester.ch

Musik wie die Muttersprache lernen

FINALE


Rätsel
— Thomas Meyer sucht


Reihe 9

Seit Januar 2017 setzt sich Michael Kube für uns immer am 9. des Monats in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

Link zur Reihe 9


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