Die Klassik Stiftung Weimar hat einen weiteren Fall von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut abgeschlossen. Zwei Notenmanuskripte von Franz Liszt wurden an die rechtmäßigen Erben restituiert.
Musikzeitung-Redaktion
- 01. Feb. 2021
Liszt, Manuskript Festlied zu Schillers Jubelfeier (Bild: Klassik Stiftung Weimar)
Die Manuskripte gehörten bis 1937 Emma Frankenbacher, einer Bürgerin jüdischer Herkunft, deren Rechtsnachfolger die Stiftung in Argentinien ausfindig machen konnte. Sie hatte die Manuskripte 1937 verkaufen müssen und starb nach der Deportation 1942 in Theresienstadt. Nach erfolgter Restitution erwarb die Klassik Stiftung Weimar die beiden Manuskripte mit Unterstützung der Thüringer Staatskanzlei und der Freundesgesellschaft des Goethe und Schiller Archivs. Die Handschriften befinden sich nun rechtmässig im Liszt-Bestand des Goethe- und Schiller-Archivs.
Bei den Notenmanuskripten handelt es sich zum einen um eine von Liszt umfassend überarbeitete Partiturabschrift seines 1. Klavierkonzertes Es-Dur. Sie gilt als letztgültige Kompositionsfassung und diente dem Erstdruck (Wien, Haslinger 1857) als Stichvorlage. Das zweite Manuskript − eine Abschrift des «Festliedes zu Schillers Jubelfeier» − enthält eine eigenhändige Widmung Liszts.
Der Verband Musikschulen Schweiz und die Hochschule Luzern – Musik haben im Rahmen eines Forschungsprojekts die jüngsten Entwicklungen im Bereich des netzbasierten Instrumental- und Vokalunterrichts untersucht.
PM/SMZ_WB
- 29. Jan. 2021
Foto: Soundtrap/unsplash.com (s. unten)
In einem Teilprojekt wurden laut einem Newsletter des Verbandes Musikschulen Schweiz (VMS) im August und September 2020 Musiklehrpersonen über den Unterricht während des Lockdowns befragt. 1462 Musiklehrpersonen haben sich an der Umfrage beteiligt.
Die ersten Auswertungen zeigen, dass im Lockdown lediglich 14 Prozent des Grossgruppenunterrichts durch eine Form des Fernunterrichts in vollem Umfang ersetzt wurden, was aufgrund der technologisch bedingten Grenzen des Zusammenspiels (Latenz der Datenübertragung) nicht erstaunt.
Beim Einzelunterricht für Kinder und Jugendliche wurden jedoch 80 Prozent des Unterrichts in vollem Umfang durch Fernunterricht ersetzt, 17 Prozent in reduziertem Umfang und lediglich 3 Prozent des Unterrichts fanden in stark reduziertem Umfang oder gar nicht statt.
Bei den Lernenden wiederum stiess der Fernunterricht auf Akzeptanz. Rund 80 Prozent der Musiklehrpersonen gaben an, dass über drei Viertel der Lernenden regelmässig am Fernunterricht teilgenommen haben. Nach Einschätzung der Musiklehrpersonen haben zudem 44 Prozent der Lernenden des Einzelunterrichts mehr geübt als zu normalen Zeiten. Die Übe-Zeiten von Lernenden in Gruppenangeboten waren entsprechend des hohen Ausfalls des entsprechenden Unterrichts jedoch deutlich geringer als vor den pandemie-bedingten Einschränkungen.
Laut einer Studie des Beratungsunternehmens EY sind die Umsätze in der Kulturbranche coronabedingt um einen Drittel eingebrochen, in der Musik gar um 76 Prozent. Die Einbrüche sind noch grösser als im Tourismus und in der Automobilbranche.
Musikzeitung-Redaktion
- 29. Jan. 2021
Foto: Markus Spiske/unsplash.com (s. unten)
Mit einem Umsatzverlust von 31 Prozent ist die Kultur- und Kreativwirtschaft eine der grössten Verliererinnen in Europa. Noch härter trifft es bloss den Luftverkehr. Darstellende Kunst (Rückgang 90 Prozent) und Musik (Rückgang 76 Prozent) sind am stärksten betroffen; Bildende Kunst, Architektur, Werbung, Bücher, Presse und Audiovisuelles gingen im Vergleich zu 2019 um 20 bis 40 Prozent zurück. Am härtesten getroffen werden Zentral- und Osteuropa (minus 36 Prozent in Litauen bis minus 44 Prozent in Bulgarien und Estland).
EY sieht drei Herausforderungen: Erstens seien nun massive öffentliche Mittel und Förderung privater Investitionen in kulturelle und kreative Unternehmen gefragt. Zweitens müsse die Förderung des diversifizierten Kulturangebots der EU durch einen soliden Rechtsrahmen angeregt werden. Drittens müsse das Potential der Kultur- und Kreativwirtschaften genutzt werden, um den gesellschaftlichen und ökologischen Wandel Europas voranzutreiben.
Einer Mitteilung des Onlinemagazins Slipped Disc ist zu entnehmen, dass Michael Fichtenholz das Amt als Zürcher Operndirektor auf Ende der Saison abgeben wird.
Musikzeitung-Redaktion
- 27. Jan. 2021
Foto: Andrin Fretz/Opernhaus Zürich
Der 1978 in Moskau geborene Fichtenholz folgte in Zürich auf Sophie de Lint. Zuvor war er Operndirektor am Badischen Staatstheater Karlsruhe und künstlerischer Leiter der Internationalen Händel-Festspiele Karlsruhe. Slipped Disc geht davon aus, dass Fichtenholz den Draht zu jüngeren Ensemblemitgliedern nicht gefunden hat.
Das Opernhaus Zürich ist zur Zeit faktisch geschlossen. Aufgrund der Coronakrise finden bis mindestens Ende Februar 2021 keine Vorstellungen mit Publikum mehr statt. Stattdessen macht es einige Produktionen, darunter Bellinis «I Capuleti e I Montecchi» und Glucks «Orphée et Euridice» online verfügbar.
Die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) freut sich, Sabine Morel Poyé in ihrer neuen Funktion als Hauptfachdozentin Querflöte bekannt zu geben. Bislang war sie im Nebenfach Orchesterstellen tätig. An der Tonhalle Zürich ist sie Soloflötistin.
PM/SMZ_WB
- 26. Jan. 2021
Sabine Morel Poyé (Bild: zVg)
Sabine Poyé Morel wurde in Tours, Frankreich, geboren und studierte Flöte bei Isabelle Ory-Grangeponte und am Conservatoire National Supérieur de Musique de Paris in der Klasse von Pierre-Yves Artaud.
Poyé Morel ist Gewinnerin von Flötenwettbewerben in Bukarest und Bayreuth und war Preisträgerin beim Internationalen Wettbewerb Syrinx in Riva del Garda und in Genf. Sie war Mitglied des Orchesters Français des Jeunes unter der Leitung von Marek Janowski und wurde 1998 zur Solo-Flötistin des Orchestre de l’Opéra national de Lorraine ernannt. Seit 2002 ist sie Solo-Flötistin des Tonhalle Orchesters in Zürich.
Musik muss stattfinden
Das 7. Mizmorim Festival widmete sich unter dem Titel «Bohemian Rhapsody» der tschechischen Musik. Die Veranstaltung wurde in stark reduziertem Umfang gestreamt.
Niklaus Rüegg
- 26. Jan. 2021
Aufführung von Erwin Schulhoffs «Concertino». Foto: Benedek Horváth / Mizmorim Festival
Als Anfang Dezember klar wurde, dass Konzerte mit Publikum bis auf Weiteres nicht würden stattfinden dürfen, entschieden sich die Veranstalter ziemlich schnell für einen Livestream. Verschieben war keine Option. Auch von einer Absage wollte niemand etwas wissen, denn damit wäre eine monatelange, intensive Vorbereitungsarbeit vergeblich gewesen. «Musik muss stattfinden», betont die künstlerische Leiterin Michal Lewkowicz und verlangte damit dem Organisationsteam und den Ausführenden kurzfristig viel Flexibilität ab. Natürlich konnte das Geplante nicht eins zu eins übernommen werden. Viele Musikerinnen und Musiker konnten aufgrund von Quarantänebestimmungen oder Krankheit nicht anreisen. Von sieben Konzerten und zwei Familienvorstellungen blieben vier Konzerte übrig, die alle am 24. Januar stattfanden, das Publikumsgespräch wurde verschoben. Die Programme mussten neu zusammengestellt und etliche Werke von Dvořák, Janáček, Martinů, Ullmann, Pavel Haas, Gideon Klein, Marcelo Nisinman und Krištof Mařatka ganz gestrichen werden. Neu ins Programm aufgenommen wurden dafür Osvaldo Golijovs Lullaby & Doina für Flöte, Klarinette, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass – ein lohnendes Wiederhören mit diesem originellen Komponisten, dessen The Dreams and Prayers of Isaac the Blind, für Klarinette und Streichquartett (Festival 2015) und Liederzyklus Ayre, (CH-Erstaufführung, Festival 2018) noch in starker Erinnerung sind. Hinzu kam ausserdem Janáčeks Sonate für Violine und Klavier, welche in der Interpretation von Ilya Gringolts und Benedek Horváth zu einem der Höhepunkte des Festivals wurde.
Stream mit Stockungen
Die Bildregie gehörte zu den Pluspunkten der Übertragung. Auch die Tonqualität war einwandfrei, doch stellte sich, wohl aufgrund fehlender Umgebungsgeräusche, das Gefühl einer eigentümlichen Sterilität und Künstlichkeit ein. Auf die gezwungen wirkenden Verbeugungen am Ende der Darbietungen hätte man gerne verzichtet. Geärgert haben den Schreibenden die häufigen «Ladehemmungen», verursacht durch ein überfordertes Internet, was das Hörvergnügen empfindlich schmälerte (da empfiehlt es sich, die Konzerte nachzuhören, was das Problem meist entschärft).
Trotz allem wurde das Festival, auch unter diesen erschwerten Bedingungen, seinem Grundsatz gerecht, ein vielfältiges, für alle zugängliches Programm bereitzustellen. Oder wie es Michal Lewkowicz ausdrückt: «Es gibt Leute, die kommen ins Konzert, weil sie gerne tolle Musik hören; andere, weil sie gerne tolle Künstler hören. Dann gibt es Leute, die sich wirklich für diese Schwerpunktthemen interessieren. Ich will das alles anbieten.» Das Festival beschränkt sich nicht auf jüdische Werke. Im aktuellen Programm gehören die tschechischen Komponisten Janáček und Dvořák denn auch selbstverständlich dazu. Auch stilistisch und zeitlich gibt es keine Scheuklappen. Gespielt wird, was zum Thema gehört und einem hohen Qualitätsanspruch genügt.
Kontinuität und Qualität
Moderator Moritz Weber konnte einige neue und viele schon aus früheren Festivals bekannte Künstlerinnen und Künstler ansagen und viel informatives Bonusmaterial präsentieren.
Menachem Wiesenberg schlägt in seiner Klezmer Suite eine Brücke zwischen dem volkstümlichen Klezmer und der Klassik. Die Uraufführung der Neufassung für Klarinette, Viola, Kontrabass und Klavier wurde gespielt unter der Führung des stupenden Klarinettisten Chen Halevi. In den drei jiddischen Liedern von Viktor Ullmann, entstanden 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt, gelang es der Sopranistin Aurea Marston eindrücklich, ihre voluminöse Stimme in den Dienst des Volksliedhaften zu stellen und zugleich mit emotionaler Tiefe zu verbinden. Cornelia Lenzin verlieh ihrer Begleitung ein einfühlsames Profil. Die beiden Musikerinnen hinterliessen auch in den beiden komplexen Liedern des Literaten und Musikers Max Brod, Tod und Paradies nach Texten seines Freundes Franz Kafka, einen starken Eindruck. Die Gewinnerin des zweiten Kompositionswettbewerbs, Eleni Ralli, skizziert in ihren 5 Mysterious Scenes für Solovioline Personentypen im Spannungsfeld von Stabilität und Labilität. Ilya Gringolts entfaltete ein höchst differenziertes Klangspektrum. Das Concertino für Flöte (Matvey Demin), Viola (Silvia Simionescu) und Kontrabass (Ute Grewel) von Erwin Schulhoff geriet zu einem virtuosen und schwungvollen Feuerwerk. Für die Aufführung von Antonín Dvořáks Notturno H-Dur op. 40 für Streichorchester brachte Ilya Gringolts einige seiner Studierenden mit auf die Bühne – die Nachwuchsförderung gehört auch zum Festivalkonzept.
Zu guter Letzt stand ein erlesenes Jazzkonzert auf dem Programm. Das Basler Vein-Trio verband böhmische Klänge mit seiner persönlichen Tonsprache. Themen, etwa aus Dvořáks 9. Sinfonie und Smetanas Klavierstück Pensée fugitive sowie sinnigerweise aus der Bohemian Rhapsody der Rockgruppe Queen, wurden zitiert, in Jazzharmonien überführt und in gekonnten Improvisationen variiert.
Mizmorim hat 2021 Corona die Stirn geboten und wird hoffentlich in einem Jahr wieder in analoger Form zu geniessen sein. Die Konzerte sind bis am 27. Januar auf www.mizmorimfestival.com nachzuhören.
Der Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI), Alain Berset, hat sich heute mit einer Delegation von Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Kultursparten zu einem Austausch getroffen.
Musikzeitung-Redaktion
- 25. Jan. 2021
Bild: S. Hofschlaeger/pixelio.de (s. unten)
Die Vertreterinnen und Vertreter der Kulturwelt konnten laut der Medienmitteilung des Bundesrates den EDI-Vorsteher über die konkreten Probleme in Kenntnis setzen, mit denen die Branche konfrontiert ist. Ebenfalls thematisiert wurden die gesamtwirtschaftlichen Massnahmen zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, die dem Kulturbereich ebenfalls zur Verfügung stehen. Zu diesem Zweck waren nebst dem Bundesamt für Kultur (BAK) und der Kulturstiftung Pro Helvetia ebenfalls das Bundesamt für Gesundheit (BAG), das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) sowie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) an der Diskussion vertreten.
Bei der letzten Revision des Covid-19-Gesetzes im Dezember 2020 wurde das zunächst auf Kulturunternehmen beschränkte Instrument der Ausfallentschädigungen auf Kulturschaffende ausgeweitet. Gleichzeitig wurden die Einkommens- und Vermögensgrenzen erhöht, bis zu welchen Kulturschaffende Anspruch auf eine Nothilfe haben. Die Ausweitung der Kurzarbeitsentschädigung auf befristete Anstellungsverträge ist eine weitere Massnahme, die insbesondere für den Kultursektor von grosser Bedeutung ist.
Eine verbindliche Perspektive zur Wiedereröffnung von Kulturinstitutionen oder zur erneuten Zulassung von Kulturveranstaltungen lässt sich laut dem Bundesrat leider derzeit nicht geben. Eine schrittweise Wiedereröffnung hänge von zahlreichen Variablen ab, wie die Fortschritte bei der Durchimpfung, die Verbreitung der neuen Covidmutationen und die Einhaltung der sanitarischen Massnahmen. Der Bundesrat evaluiere die epidemiologische Situation laufend. Sollten in den kommenden Monaten Lockerungen möglich sein, werde dies voraussichtlich etappenweise und je nach Art und Grösse der Veranstaltung erfolgen.
Zur Finanzierung des Massnahmenpakets zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen für den Kultursektor im Jahr 2020 hat der Bundesrat Mittel in der Höhe von 280 Millionen Franken zur Verfügung gestellt. Am 25. September hat das Parlament einer Weiterführung der Massnahmen im Rahmen des Covid-19-Gesetzes zugestimmt und für das Jahr 2021 Mittel in der Höhe von 130 Millionen Franken gesprochen.
Laut dem Deutschen Musikrat sind fast sämtliche Corona-Hilfsprogramme für die Kultur in Deutschland überzeichnet. Er verlangt eine Aufstockung und Verlängerung der Mittel und eine Anpassung und Entbürokratisierung der Hilfen.
Musikzeitung-Redaktion
- 25. Jan. 2021
Foto: Christa Dodoo/unsplash.com (s. unten)
Der erneute Lockdown seit Anfang November 2020 habe, so der Deutsche Musikrat, unter anderem durch das faktische Arbeitsverbot für zahlreiche Akteurinnen und Akteure im Musikbereich, zu einem Stillstand der Musikwirtschaft geführt. Nachdem anfangs die von der Bundesregierung angekündigten Überbrückungshilfen aufgrund ihrer strengen Antragsregularien weite Teile des professionellen Musiklebens und insbesondere die Soloselbstständigen ausschlossen, hat die Bundesregierung nun Nachbesserungen angekündigt.
Dazu gehört unter anderem die Verdopplung der Betriebskostenpauschale für Soloselbstständige im Rahmen der Neustarthilfe auf 50 Prozent ihres Referenzumsatzes von 2019, wie dies auch der Deutsche Musikrat gefordert hat. Problematisch bleiben aber das komplexe Antragsverfahren und Verzögerungen bei der Auszahlung. Von den veranschlagten 15 Milliarden Euro an Wirtschaftshilfen wurden bisher nur 1,2 Milliarden Euro ausgezahlt.
Die Kriterien der Überbrückungshilfe II wurden rückwirkend zum Nachteil vieler Unternehmen geändert, da das EU-Beihilferecht in der ursprünglichen Fassung nicht genügend berücksichtigt worden war. Auch für die November- und Dezemberhilfen wird es für grosse Unternehmen unter Umständen Nachkorrekturen geben. Diese rückwirkenden Änderungen der Antragsregularien führen dazu, dass manchen Firmen zum Teil erhebliche Rückzahlungen drohen.
Esther Roth hat den Kompositionswettbewerb Beethoven 2020 der Société Philharmonique de Bienne (SPB) gewonnen. Sie setzte sich gegen 21 weitere Bewerber durch. Gefragt: ein Streichquartett, das einen Bogen von Beethoven zum eigenen Kompositionsstil schlägt.
Musikzeitung-Redaktion
- 21. Jan. 2021
Esther Roth. Foto: zVg
Esther Roth wurde 1953 in Zürich geboren und lebt heute in Gontenschwil. Sie hat sich nicht nur als Musikerin und Komponistin einen Namen gemacht, sondern auch als Performerin, Malerin und Modedesignerin. Ihre Komposition mit dem schlichten Titel «Streichquartett» hat die Jury laut der Medienmitteilung «durch ihre persönliche Sprache und das hohe handwerkliche Niveau überzeugt». Das geschaffene Gleichgewicht zwischen der kompositorischen Idee, der Referenz an Beethoven, der gewählten Form und ihrer Entwicklung, drückten sich aus «in zarter und verhaltener Poesie».
Die Jury war mit Michael Jarrell, Beat Furrer und Giorgio Battistelli besetzt. Als besonders erwähnenswert beurteilte sie neben Roths Werk die Komposition «Beethoven for ever» des Komponisten und Dirigenten Michel Tabachnik. Das Werk von Esther Roth wird vom Quartett Sine Nomine anlässlich des Konzerts der SPB am 9. Mai 2021 um 17.00 Uhr in der Pasquart-Kirche uraufgeführt.
Bagdasarjanz in Amerika
Die University of Missouri-Kansas City porträtiert im Rahmen ihres Onlineprojekts «Shining a light» die Schweizer Geigerin Ursula Bagdasarjanz.
Musikzeitung-Redaktion
- 21. Jan. 2021
Bild: Screenshot der Plattform «Shining a light»
Aus den 1960-Jahren gibt es zahlreiche Radioaufnahmen mit Ursula Bagdasarjanz. Sie gehörte «zu den besten Geigerinnen ihrer Zeit in der Schweiz» und brauchte «den Vergleich mit der damaligen internationalen Konkurrenz nicht scheuen. Ausserdem machte sie sich um das Schweizer zeitgenössische Erbe verdient und hinterliess zwei bemerkenswerte Lehrbücher für Violintechnik.» (SMZ 10/2006, S. 44)
Ebenfalls 2008 hat VDE Gallo diese Aufnahmen nachbearbeitet veröffentlicht. Darunter sind Bagdasarjanz‘ Referenzaufnahmen der Kompositionen Othmar Schoecks für Violine. 2011 kam eine weitere CD dazu. Darauf sind u.a. ihre Sept poésies pour Violon et Piano zu hören. Die Geigerin wurde später von Radio SRF und vor allem auch in Amerika mehrfach gewürdigt, was auf ihrer Website dokumentiert ist. Kürzlich nun wurden die Sept poésies in die Bestände der Bibliothek der University of Missouri-Kansas City aufgenommen. Über das auf der Plattform Shining a light: 21st Century Music from Underrepresented Composers veröffentlichte Kurzporträt der Geigerin kann man die Stücke anhören, eine Notenseite einsehen und – wohl vor allem für amerikanische Musikfans geeignet – die Noten ausleihen.
Auf Shining a light porträtiert die Bibliothek weniger bekannte Komponistinnen und Komponisten mit ihrer Musik aus dem 21. Jahrhundert.
Jürg Odermatt und David Moore habe ihre Hassliebe zum Aufwachsen in der Provinz in einem multimedialen Package gefasst.
Hanspeter Künzler
- 21. Jan. 2021
Coverbild
Sogenannte Konzeptalben kommen selten gut. Oft ersticken sie unter dem Ballast der Ambitionen von Künstlern und Künstlerinnen, die unter einer inflationären Vorstellung vom Tiefgang ihrer Einsichten leiden. Aber es gibt Ausnahmen, und eine besonders feine Ausnahme bildet das vorliegende Multimedien-Konzeptalbum zum Thema «Neuhausen am Rheinfall». Das Projekt begann mit der Idee für eine lockere Zusammenarbeit von zwei Stammgästen im Schaffhauser Musikklub TapTab, nämlich Jürg Odermatt von der Gitarrenband Papst & Abstinenzler und David Moore alias Electronica-Tüftler Kneubühler und Herr Mehr. Herausgekommen ist eine charmante Bezeugung von Hassliebe ans Aufwachsen in der Provinz in der Form einer «Package», zu der nicht nur ein Tonträger, sondern auch ein Büchlein mit Musik, Texten, Fotos, Collagen und Zeichnungen von befreundeten Künstlerinnen und Künstlern gehören.
Als raffinierten (schaffhauserdeutscher) Texter interessieren Odermatt die Details am Rande, zum Beispiel die lokale Trolleybus-Route, die bei einem Friedhof anfängt und bei einem anderen Friedhof aufhört – und dass die Diskothek, wo er selber einst die ersten Tanzschritte wagte, Terminus hiess. Andere Stücke sind einer Eisenbrücke gewidmet oder dem letzten Mann, der am Galgen auf dem Hügel gehängt wurde, oder dem Hotel Schweizerhof, wo Kaiserin Sissi einmal abgestiegen ist. Ähnlich lakonisch und sanft ironisch wie der Projekttitel klingen die Töne, welche diese Schilderungen begleiten. Sie bestehen aus filmischen, beat- und bassgetriebenen Klangcollagen, die sich zwischendurch auch einen feisten Disco-Groove oder einen Ohrwurm (Trolleybus, Chaltfront) gönnen. Die Bilder, die teils dokumentarischen, teils metaphorischen Charakter haben, vertiefen unser Verständnis für die Materie – und Odermatts Essay Kindheit im Kaff bildet quasi die Kirsche auf einem in der Tat köstlichen Coupe.
Frank Hill hat seine Gitarrenschule überarbeitet, drei Bände liegen bereits vor. Zum Schule von Norbert Roschauer ist ein Spielbuch erschienen.
Werner Joos
- 20. Jan. 2021
Ausschnitt aus dem Heft-Cover von Frank Hill
Dass in einer Gitarrenschule die Töne zuerst mit dem Daumenanschlag eingeführt werden, ist an sich nicht aussergewöhnlich. Kennzeichnend für das Unterrichtswerk Gitarrespielen – Gitarrenspiele ist aber, dass der Daumen beim Anschlag durchwegs an die nächste Saite angelegt, also apoyando gespielt wird. Die überarbeitete und im Eigenverlag neu herausgegebene Schule von Frank Hill besticht durch eine Fülle an Material, das auf diesem Grundgedanken beruht. Nach vielen auf den tiefen Saiten gespielten Melodien treten als Konsequenz davon auch Zeige-, Mittel- und Ringfinger der rechten Hand anfangs nur im Zusammenspiel mit dem Daumen auf. Merkwürdig unklar bleibt, wo allenfalls der Wechselschlag zwischen Zeige- und Mittelfinger einsetzt. Dass praktisch keine Fingersätze vorkommen, trägt zu einem gediegenen Notenbild bei. Zahlreiche Lieder mit ausgeschriebenen Begleitungen können auch kammermusikalisch umgesetzt werden und runden den ersten Band ab.
Der zeitgleich erschienene Band II bietet mit über 200 Nummern eine weitere reichhaltige Auswahl an attraktiven Spielstücken und ist auch für den Unterricht von Pädagoginnen und Pädagogen, die das technische Konzept des Autors nicht teilen, bestens geeignet. Mittlerweile gibt es bereits einen dritten Teil des auf ambitionierte sieben Bände angelegten Lehrwerks. Er trägt den Untertitel «Musik für jede Gelegenheit – Solo».
Wesentlich marktschreierischer kommt der Lehrgang Heute hau‘n wir in die Saiten! für Kinder ab 6 Jahren von Norbert Roschauer daher. Wer das neue, ergänzende Spielbuch dazu aufschlägt und die Lieder und Stücke genauer betrachtet, ist positiv überrascht. Apoyando oder nicht? – Solche Fragen werden hier nicht diskutiert. Die Lieder sind aber sauber gesetzt, mit klaren Angaben zu begleitenden Rhythmus- und Zupfmustern. Sie reichen von der traditionellen deutschen Volksmelodie und dem Weihnachtslied über Folk und Gospel bis zum Rocksong. Wer allerdings klassische Gitarrenliteratur sucht, ist mit anderen Heften besser bedient.
Frank Hill: Gitarrespielen – Gitarrenspiele, neue Fassung mit Zeichnungen von David Marian, 2 Bände, je € 24.80, Musica Longa, Berlin
Norbert Roschauer: Heute hau’n wir in die Saiten! Spielbuch zur Bestseller-Methode, Buch, CD und Online-Files, Art.-Nr. 20278G, € 19.95, Alfred Music, Köln
Ein diskreter Mäzen
Ihre Forschungen in den nun geöffneten Archiven des Musikkollegiums und Werner Reinharts Privatarchiv hat Ulrike Thiele in ihrer Dissertation zusammengetragen.
Verena Naegele
- 20. Jan. 2021
Werner Reinhart. Ausschnitt aus dem Buchcover
«Reinhart» ist dank der hochkarätigen Kunstsammlung am Römerholz des Winterthurers Oskar Reinhart (1885–1965) noch immer ein schweizweit klingender Name. Dass sein Bruder Werner (1884–1951) auf musikalischem Gebiet ebenso Bedeutendes geleistet hat, ist mittlerweile vor allem noch Insidern bekannt. Werner Reinhart war eher im Hintergrund tätig, unterstützte das Musikkollegium Winterthur und holte den bedeutenden Dirigenten Hermann Scherchen in die Eulachstadt. Dank ihnen wurde das Orchester zwischen 1923 und 1951 zu einem europäischen Zentrum der zeitgenössischen Musikpflege.
Reinhart war ein exzellenter Amateur-Klarinettist, der ein Flair für die Neue Musik hatte und sie in den Fokus seines Wirkens stellte. Dieses aber war diskret, finanzielles Engagement bei Aufführungen wurde oft gar nicht erwähnt. Dank Peter Sulzers Standardwerk 10 Komponisten um Werner Reinhart (Band I, 1979; Band II, 1980) weiss man seit Langem, dass er, ähnlich wie Paul Sacher in Basel, in Winterthur ausgewählte Komponisten langfristig unterstützte und stärkte. Dazu zählten Strawinsky, Krenek und Honegger, aber auch Hindemith oder Richard Strauss. Gerade der mit dem Hitler-Regime «verbandelte» Strauss gab immer wieder Anlass zu Vermutungen in Zusammenhang mit Reinhart. Viel wurde gemunkelt, Genaueres war nicht bekannt.
Nun wurden die Archive des Musikkollegiums und damit auch Reinharts Privatarchiv geöffnet; die Musikwissenschaftlerin Ulrike Thiele konnte sie durchforsten und daraus ihre Dissertation schreiben. Bei Bärenreiter ist das Resultat erschienen. Die Spannung war gross, doch gewisse Erwartungen werden darin nicht erfüllt. Thiele berichtet differenziert und stets abwägend. Das gilt etwa für den Umgang Reinharts mit den nach 1933 gleichgeschalteten Donaueschinger Kammermusik-Aufführungen, die er noch 1938 besuchte und unterstützte.
Es lässt etwas ratlos, wenn Thiele den berühmten Fall des opportunistischen Wilhelm Furtwängler, der im Februar 1945 trotz heftigster Proteste in Winterthur dirigierte, als «Demonstration einer musikpolitischen Position» wertet, «der die Vorstellung von einer strikten Trennbarkeit von Kunst und Politik zugrunde liegt». Ebenso die Bewertung von Reinharts Umgang mit Richard Strauss.
Dafür freut man sich über bisher unbekanntes Mäzenatentum, etwa dass De Fallas Aufführung von Meister Pedros Puppenspiel im Marionettentheater Zürich 1926 durch Reinhart ermöglicht wurde. Oder wie umfangreich er Clara Haskil über viele Jahre ideell und materiell förderte und ihr so das Überleben sicherte. Insgesamt verbirgt sich in Thieles Dissertation ein Fundus an Informationen und Quellen zur Musikgeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert.
Ulrike Thiele: Mäzen und Mentor. Werner Reinhart als Wegbereiter der musikalischen Moderne, Schweizer Beiträge zur Musikforschung, Band 27, 332 S., € 39.95, Bärenreiter, Kassel 2019, ISBN 978-3-7618-7201-7
Historisch informierte Orgelpraxis
Matthias Schneider ist ein ausgewiesener Buxtehude-Kenner und hat nun ein Buch zur Aufführungspraxis auf der Orgel vom Mittelalter bis Bach verfasst.
Bernhard Billeter
- 20. Jan. 2021
Titelseite von Bachs Orgelbüchlein. Quelle: wikimedia commons
Es gibt Fachbücher für Organisten und Orgelliebhaber zuhauf. Jedoch bislang keines, das im Mittelalter beginnt und bis zu J. S. Bach führt. Kein Geringerer als Matthias Schneider, Dozent an der Universität von Greifswald und Leiter von einschlägigen Sommer-Ferienkursen daselbst, hat nun eines verfasst. Es soll in einem zweiten Band weitergeführt werden bis ins 20. Jahrhundert. Nach einer Einleitung über Notationen, historische Fingersätze usw. drehen sich zehn Kapitel um: Mittelalter-Renaissance, norddeutsche Orgeltabulaturen, italienische Musik, Sweelinck und seine Schüler, Samuel Scheidt, Dieterich Buxtehude, süddeutsche, iberische und französische Orgelmusik, schliesslich Bach.
Allen Benutzenden des Buches ist zu empfehlen, es als Nachschlagewerk zu betrachten. Lesen Sie jeweils über den Komponisten, von dem Sie ein Werk erarbeiten. Ein Vorteil von Schneiders Methode: Er äussert sich ausgiebig über wenige ausgewählte Werke. Was Sie hierbei erfahren, können Sie auf andere Werke derselben Gattung anwenden.
Dieterich Buxtehude
Buxtehude ist ein Spezialgebiet Schneiders; er ist einer der beiden Herausgeber der Jahresschrift Buxtehude-Studien. Hier erörtert er den Komponisten auf 27 Seiten.
Buxtehude notierte noch nicht in unserer Notenschrift, sondern in Buchstaben (sog. Tabulaturnotation). Kein einziges Autograf ist erhalten. Die ganz unbefriedigende Quellenlage hat dazu geführt, dass gute und eigenmächtige Notenherausgeber zu stark abweichenden Resultaten gelangt sind. Bei den eigenmächtigen sticht Klaus Beckmann negativ hervor wegen seiner sogenannten «inneren Textkritik». Schneider unterlässt zwar eine Warnung vor diesen Ausgaben; Die Probleme sind z. B. durch Vergleich mit der neuesten und besten Ausgabe von Michael Belotti leicht festzustellen (letztere sind allerdings überaus kostspielig).
Die verbreitetste nicht choralgebundene norddeutsche Form heisst bedeutungsgleich Toccata oder Präludium (jedoch nicht wie später bei Bach und seinen Zeitgenossen Präludium und Fuge). Sie besteht aus einer Anzahl abwechselnd freier und fugierter Abschnitte. Schneider bespricht gründlich auf beinahe 5 Seiten ein einziges Beispiel, nämlich die Toccata in d BuxWV 155 in Bezug auf Taktarten (Tabulaturnotation zeigt keine Taktstriche), die Verteilung auf Pedal (selten mit Ped. bezeichnet) und Manual sowie auf die beiden Hände, auf artikulative Trennung von Motiven, die Freiheit des Überlegato und die Freiheit, Verzierungen verschiedener Art einzufügen. Die Wahl von Registrierungen und Manualwechseln ist Sache der Interpretation. Ob und in welchen Formteilen organo pleno angebracht ist, will bedacht sein. Auf Instrumenten aus der Epoche der «Orgelbewegung», die häufig übertrieben scharf und laut klingen, sollen die Ohren des Publikums nicht strapaziert werden.
Solche Formen wurden zur Zeit Buxtehudes, seiner Vorgänger und Nachfolger in Gottesdiensten und Abendmusiken in der Regel improvisiert. Sind deshalb aufgeschriebene Kompositionen lediglich gedacht als Muster? Erfrischend in Schneiders Darstellung ist das weite Feld der Freiheiten. Wir sehen daraus, dass er nicht nur musikwissenschaftlich korrekt darstellt, sondern aus seiner Erfahrung als Kursleiter schöpft.
Drei ostinate Formen sowie ostinate Teile von Toccaten stellt Schneider in Beispielen zur Diskussion. Choralgebundene Werke erfahren eine ähnlich freie Behandlung. – Schneider beschreibt Buxtehudes Hauptorgel in der Marienkirche von Lübeck, die 1518 entstanden ist, selbstverständlich mitteltönig gestimmt.1561 und 1598 wurde sie vergrössert. Kein Geringerer als der berühmte Orgelbauer Friederich Stellwagen arbeitete seit 1634 selbständig in Lübeck. Bis 1641 dauerte sein Umbau in der Marienkirche. Vermutlich 1684, also während Buxtehudes Amtszeit erhielt sie eine Kompromiss-Stimmung in der Art von Werckmeister-III. Durch diese wurden Tonarten mit vielen Vorzeichen erst möglich. Dies hilft, ganze Kompositionen (z. B. Präludium in fis-Moll BuxWV 146) oder Teile davon (Präludium in C-Dur BuxWV 137 mit H-Dur-Dreiklängen) zu datieren.
Bei den historischen Fingersätzen müsste mit folgenden Einschränkungen gerechnet werden: eine Stimme pro Hand, Tonleiterausschnitte auf- und abwärts, Tonarten mit wenig Gebrauch von Obertasten. Auch für mehrere polyfone Stimmen pro Hand gelten sie nicht. Zudem ist zu bedenken, dass der gesamte Unterricht für Tasteninstrumente auf dem Clavichord erteilt wurde (mit Ausnahme von Frankreichs Clavecinisten im 18. Jahrhundert). Auf dem feinfühligen Clavichord muss jeder Finger die Tasten möglichst ganz vorn niederdrücken. Dies ist auch der Sinn von Tastaturen, bei denen die Untertasten nur 2 bis 2,5 cm über die Obertasten hinausreichen, im Vergleich zu heutigen Klaviertastaturen mit 4,5 cm. Schliesslich sind in den meisten Ländern die «guten» Finger 1 und 3 auf relativen Betonungen zu nehmen, die «schlechten» 2 und 4 relativ unbetont; in Frankreich kehrt sich das um wegen des «jeu inégal».
Johann Sebastian Bach
Ihm widmet der Autor 49 Seiten. Es lohnt sich, Schneiders ausführliche Beschreibung der von Bach im Laufe seines Lebens gespielten Orgeln und die damaligen Registrierungsanweisungen genau zu lesen. Er behandelt z. B. die Angabe «pro organo pleno» vorsichtig und differenziert: Nicht jedes Präludium, jede Fuge erträgt lauten Klang. Schneider hätte grundverschiedene akustische Verhältnisse und die Auswirkungen maritimen und kontinentalen Klimas hinzufügen können: Während in Norddeutschland grosse Kirchen in Backstein-Gotik mit langem Nachhall vorherrschten, hatten Kirchen in Bachs thüringischer Heimat viele Holzeinbauten, also kurzen Nachhall. So konnte Bach schnelle harmonische Wechsel komponieren, ohne für die Gemeinde unverständlich zu werden. Das Klima hat gravierende Folgen für die Orgeldispositionen: in Norddeutschland viele Zungen, in Mitteldeutschland nur wenige und als Zungenersatz terzhaltige Mixturen. Grundsätzlich gilt auch heute noch: bei langem Nachhall langsam spielen und möglichst wenige und nur leise Register ziehen.
Viele Orgeln besassen zu Bachs Zeit in der grossen Oktave keine vollständige chromatische Reihe. Schneider bespricht in allen Teilen seines Buches die sogenannte «kurze Oktave», die «gebrochene Oktave» und das fast überall fehlende Cis. Einzig die Schlosskirche von Weimar besass Cis in den zwei Manualen und im Pedal (entgegen der unzutreffenden Darstellung durch Hermann J. Busch, korrigiert durch Jean-Claude Zehnder). Bach weilte ab Januar 1703 während 6 Monaten in Weimar, angestellt am Hof als «Laquey». Im vorletzten Stück der Partitenreihe über Ach, was soll ich Sünder machen BWV 770 kommt einmal in der linken Hand das verräterische Cis vor. Dies erlaubt, das Werk in diese Zeit zu datieren. Schneider diskutiert verdientermassen ausführlich dieses entzückend jugendfrische Werk.
Viele Orgelwerke Bachs entstanden während seiner Weimarer Zeit: das Orgelbüchlein, die 17 grossen Choralbearbeitungen (nach 1740 geringfügig revidiert als Leipziger Choräle bezeichnet), mehr als die Hälfte seiner Präludien und Fugen und die Concerto-Bearbeitungen nach Vivaldis L’estro armonico op. 3. Jede Gattung wird in wenigen Beispielen genau besprochen. Drei Präludien fehlen: A-Dur BWV 536, f-Moll BWV 534 und c-Moll BWV 546. Bei deren Fugen wurde die Autorschaft Bachs von David Humphreys und Peter Williams bezweifelt. Ich konnte jedoch nachweisen, dass sie lange vorher entstanden sind und dass die Fuge in A-Dur manualiter zu spielen ist, wobei das Pedal erst kurz vor Schluss dazu kommt (in: The Organ Yearbook 2008).
Sicher richtig schreibt Schneider bei den 6 kammermusikalischen Triosonaten BWV 525–530, für den ältesten Sohn Wilhelm Friedemann komponiert, dass pro Stimme ein Register genüge, dass zur bequemeren Spielbarkeit die linke Hand mit Vierfuss eine Oktave tiefer gegriffen werden könne und vor allem, dass für das Pedal ein Sechzehnfuss überflüssig sei. Schneider hätte hier noch die Kantaten mit obligater Orgel aus dem Jahreszyklus 1726/27 erwähnen können, ebenfalls für Wilhelm Friedemann geschrieben, bevor dieser Leipzig verliess.
Was in einer zweiten Auflage dieses zukunftsträchtigen Handbuches zu ergänzen wäre: Fälle von Temporelationen in der «proportio sesquialtera». Genannt seien nur zwei eindrückliche Beispiele: Präludium und Fuge in a-Moll BWV 543. Die Viertel des gemessen schreitenden, mit vielen Dissonanzen befrachteten Präludiums nehmen den gleichen Zeitraum ein wie drei Achtel in der alerten Fuge. Umgekehrt verhalten sich Präludium und Fuge in G-Dur BWV 541: ganze Takte im gleichen Zeitraum wie halbe Takte der Fuge. Nur so entfaltet das Präludium mit der Beischrift Vivace die notwendige Spritzigkeit, ohne stark übertriebenes Tempo in der anspruchsvollen Fuge.
Matthias Schneider: Handbuch Aufführungspraxis Orgel, Band 1: Vom Mittelalter bis Bach. 267 S. geb. € 49.95, Bärenreiter, Kassel 2019, ISBN 978-3-7618-2338-5
Vom Wesen des Feuers
Die Kammerkomposition «Feux» von Caroline Charrière ist ein attraktives Stück für sechs oder sieben Musiker mit Dirigent.
Die Schweizer Komponistin, Flötistin und Dirigentin Caroline Charrière (1960–2018) lebte und wirkte nach Studien bei Aurèle Nicolet, Jean Balissat und René Klopfenstein hauptsächlich in Fribourg. 2015 entstand das vorliegende zwölfminütige Werk Feux für Flöte, Klarinette, Marimba, Schlagzeug, Violine, Viola und Violoncello. Inspirieren liess sich die Komponistin von den verschiedenen Stadien und Aspekten des Feuers: kleines Flämmlein, aufkeimendes Feuer, Schwelen unter der Asche, Irrlicht, Hitze, Zerstörung, Aufregung, Qualen, Reinigung, Liebe, Asche und Trostlosigkeit, Wiedergeburt und Freude. Hie und da werden einige Noten eines isländischen Volkslieds eingefügt. Für die Zuhörer wird dieses programmatische Konzept nachvollziehbar, das Stück ist abwechslungsreich und spannend.
Von der Besetzung her kann Feux etwa mit Schönbergs Pierrot Lunaire und/oder mit den Folk Songs von Luciano Berio kombiniert werden (ersteres braucht anstelle des Schlagzeugs ein Klavier, letzteres eine Harfe, beide zusätzlich eine Sängerin bzw. Diseuse). Nicht zu vergessen ist der Dirigent, den es für Feux auf jeden Fall braucht! Marimba und Schlagzeug können von derselben Person gespielt werden. Die Instrumente habe allesamt gut realisierbare Partien mit vielseitigen Spieltechniken. Ein attraktives Stück Neue Musik von einer allzu früh verstorbenen Schweizer Komponistin!