Eine praktische und hervorragend gestochene Studienpartitur von Paul Dukas‘ sinfonischem Scherzo.
Michael Kube
- 28. März 2019
Foto: Martin Jäger/pixelio.de
Das Schöne an guten Notenausgaben ist, dass sie nicht so rasch am Firmament verglühen wie all die Sterne und Sternchen der Musikszene. Schreit dort das Marketing regelrecht nach sofortiger Aufmerksamkeit (und Umsatzzahlen), so handelt es sich im Musikalienhandel um sogenannte Longseller – also um Produkte, auf die man immer wieder gerne zurückgreift. So ist es auch mit dem Zauberlehrling von Paul Dukas, der in der Edition Eulenburg im grösseren Format als Studienpartitur nach den Quellen und gestochen scharf erschienen ist.
Grundlage für das 1896/97 entstandene Werk bildet Goethes gleichnamige Ballade. Es sind aber nicht die vielen erfolgreichen Aufführungen in der Alten und Neuen Welt, die für das Nachleben der Komposition entscheidend waren, sondern Walt Disneys legendärer Zeichentrickfilm Fantasia (1940), in dem die Partitur kongenial umgesetzt wurde. Was hier ahnungslos als punktgenaues Mickey-Mousing wahrgenommen werden kann, wird vom Kenner als quasi bildhafte Umsetzung der ursprünglichen Ballade gehört, auf die sich Hollywoods Filmbilder erst nachträglich setzten. Ein Lehrstück über die verschlungenen Wege der Rezeptionsgeschichte. Daher ist auch die sauber gesetzte quellenkritische Neuausgabe der Partitur (einschliesslich Goethes Verse in englischer und französischer Übersetzung) zu begrüssen. – Sie könnte nicht nur heute, sondern auch auf lange Sicht pädagogischen Nutzen haben.
Paul Dukas: L’Apprenti Sorcier, hg. von Jean-Paul C. Montagnier, Studienpartitur, ETP 8081, € 24.50, Eulenburg (Schott), Mainz
Lohnende Trouvaillen
Stücke aus fünf Jahrhunderten für Trompete und Klavier, die an einer Vortragsübung oder einem Wettbewerb eine gute Figur machen.
Das pädagogische Geschick von Kristin Thielemann, der Autorin des vorliegenden Sammelbandes, scheint offensichtlich, schaut man sich die mit Bedacht und Intelligenz zusammengestellten kurzen Trouvaillen aus den letzten fünf Jahrhunderten der Musikgeschichte an. Von Tilman Susato über Händel und Verdi bis zu kleineren Eigenkompositionen versteht es Thielemann, den jungen Solisten und Solistinnen Musik aufzutischen, die sie mit Freude an ihren Vortragsübungen und Wettbewerben zum Besten geben können. Unbekanntes (Deutscher Tanz von Johann Hermann Schein) steht in harmonischem Gleichgewicht mit den klassischen Evergreens (Freude schöner Götterfunken), die Klavierstimme ist einfach gesetzt und könnte auch von interessierten Klavierschülern übernommen werden. Um das Angebot zu komplettieren, findet sich für zuhause auch noch eine Begleit-CD in diesem Heft. Eine wirklich lohnenswerte Alternative bzw. Ergänzung für den Unterricht mit jungen Musikern, welche auf diese Weise behutsam mit den verschiedenen Musikstilen vertraut werden.
Mein erstes Konzert. 26 leichte Vortragsstücke aus 5 Jahrhunderten, hg. von Kristin Thielemann, ED 22326, mit CD, € 18.50, Schott, Mainz 2017
Spanischer Tanz
Im G. Henle-Verlag ist eine Einzelausgabe des dritten spanischen Tanzes von Pablo de Sarasate erschienen.
Walter Amadeus Ammann
- 28. März 2019
Pablo de Sarasate (1844-1908), 1905. Anonymer Fotograf/wikimedia commons
Die acht spanischen Tänze von Pablo de Sarasate kamen erstmals 1878 im Simrock-Verlag heraus. Henle hat sie in einem Heft vereint (HN 1370) und den beliebtesten (und leichtesten), Romanza andaluza, als Einzelheft neu herausgegeben. Der Urtext folgt zur Hauptsache der alten Ausgabe und ist mit Detailanmerkungen und Taktzahlen ergänzt. Die Violinstimme ist zweimal gedruckt: als Urtext und mit sinnvollen Fingersätzen und Bogenstrichen von Ingolf Turban. Zudem sind in der Kavierpartitur im Violinsystem die originalen Fingersätze von Sarasate eingetragen, was von historischem Interesse ist.
Pablo de Sarasate: Romanza andaluza, Spanischer Tanz Nr. 3 für Violine und Klavier, Urtext hg. von Peter Jost, HN 1346, € 7.50, G. Henle, München
Syrisch-schweizerischer Brückenschlag
Die CD «Alrozana» bietet Liedbearbeitungen, dargeboten von Interpreten und mit Instrumenten aus beiden Kulturkreisen.
Wolfgang Böhler
- 28. März 2019
Wirbelkasten einer Oud. Foto: wikimedia commons
Der syrische Komponist, Oud-Spieler und Arrangeur Hassan Taha lebt nicht ganz freiwillig in unserem Land. Er hat sich als Flüchtling in Bern niedergelassen und seine Ohren der Musiktradition seiner neuen Heimat zugewandt – auf der Suche nach einem emotionalen Brückenschlag zwischen seinem Herkunftsland und der Schweiz. Der Name seines Ensembles «Brunnen & Brücken» stehe dabei, heisst es im Booklet, als «Metapher für eine lebendige und völkerverbindende Kommunikation, gleichsam getragen vom Urelement Wasser». Die Symbolik erschliesst sich nicht unmittelbar, wird aber nicht weiter erläutert. Die CD Alrozana vereint bernisches und syrisches Liedgut, instrumentiert mit einem Ensemble aus Streichern, Alphorn, Hackbrett, Schwyzerörgeli und der arabischen Laute Oud. Es singen die Schweizerin Barbara Berger und die Syrerin Najat Suleiman. Tahas Einrichtungen wirken originell, klangliche Details überraschen, das Ensemble aus vornehmlich Schweizer Volksmusik-Instrumentarium tönt dabei oft exotisch verwandelt. Da scheint offensichtlich, dass ein Bearbeiter am Werk war, der nicht in die Falle x-fach reproduzierter Klang- und Formklischees tappt, die Musiker hierzulande wohl hindern würden, neue Wege zu beschreiten. Geleitet wird das Ensemble von Hans Martin Stähli. Er verfügt als Musiklehrer an einem Berner Gymnasium und als Chorleiter über reiche Erfahrung im Bearbeiten von Volksliedern, aber auch mit interkulturellen Musikprojekten.
Die Nummern, auch die syrischen, haben alle einen ähnlichen Duktus, schnellere Titel fehlen, was die Zusammenstellung etwas einförmig macht. Vom Berner Liedgut sind die Ikonen versammelt: Simelibärg und Es isch kei sölige Stamme, der erste Kuhreihen, der – vor allem in der Freiburger Variante des Ranz des vaches – gerne auch als Blues der Alpen bezeichnet wird; Stets i Truure, ein tieftrauriges Lied (ausgerechnet in Dur!) und das elegische Lueget vo Bärge und Tal. Aus dem Raster fällt deutlich das ursprünglich mittelalterliche Senfl-Lied Es taget vor dem Walde. Das Original wird von einer lydischen Quarte geprägt, die ja auch die Alphornmusik charakterisiert. Die hier gesungene Vokallinie scheint demgegenüber romantisch weichgespült. Wahl und Funktion dieses als einziges Hochdeutsch vorgetragenen Liedes bleiben auch deshalb rätselhaft. Dank all der Tonarten-Eigentümlichkeiten hätte man möglicherweise noch etwas mehr Schnittstellen zu der differenzierten Skalenwelt der syrisch-arabischen Musik finden können.
Gerade das Dur von Stets i Truure offenbart die Doppelbödigkeit der bernischen Volkslied-Ästhetik, die Leid und Schmerz mit Schlichtheit und scheinbarer Harmlosigkeit kaschiert. In Hassan Tahas Arrangements erfahren die Lieder hingegen eine manchmal hart anmutende Kurzatmigkeit, die von der Aufnahmeästhetik eher unterstrichen wird. Der Raum wirkt kahl und die Instrumente nahe mikrofoniert. Ein weicheres Klangbild hätte diese Unerbittlichkeit vielleicht etwas abgedämpft. Im Grossen und Ganzen zeugt das Projekt aber von einer intensiven und anregenden Auseinandersetzung mit den Gemeinsamkeiten und Unvereinbarkeiten zentraleuropäischer und nahöstlicher Expressivität.
Alrozana. Hassan Taha; Ensemble Brunnen & Brücken, Leitung Hans Martin Stähli. Zytglogge ZYT 4649
Vorstoss in klangliche Tiefen
The Young Gods haben nach langen Jahren wieder ein Album eingespielt, das an die frühere Pionierarbeit mit der Verbindung von Rock und Computer anknüpft.
Heimlich und traurig hatte man sich ja schon abgefunden mit dem Gedanken, dass es von den Young Gods nie mehr neue Musik zu hören geben werde. Umso freudiger die Überraschung, dass nun nach acht Jahren Funkstille doch wieder ein neues Album vorliegt. Die Renaissance einer der weltweit wichtigsten Bands, die je auf Schweizer Nährboden herangewachsen ist, liefert einen gewaltigen Grund zum Feiern. Vom ersten Ton an – die Debut-Maxi-Single Envoyé erschien 1986 – ging das Genfer Trio radikale, eigene Wege. Mit der damals wie heute ungewöhnlichen Kombination von organischem Schlagzeug, Elektronika und Stimme leistete es Pionierarbeit im Versuch, Rock mit Computer zu verbinden. Selbst David Bowie schwärmte von ihnen.
Nach dem Album Everybody Knows war aber der Elektroniker Al Comet nach 22 Jahren aus der Band ausgeschieden. Franz Treichler, der Kopf und die Stimme der Young Gods, fühlte sich verloren, bis er wieder einmal Cesare Pizzi begegnete, dem Apparatebastler, der einst zum Urtrio gehört hatte. Im Rahmen des Cully-Jazz-Festivals von 2015 bekamen Treichler, Pizzi und der langjährige Schlagzeuger Bernard Trontin die Gelegenheit, fünf Tage lang öffentliche Workshops durchzuführen. Im Verlaufe dieser zwanglosen «Jam-Sessions» kehrte bei allen drei Beteiligten die Lust auf Neues zurück.
Aus den in Cully gesäten Samen sind nun die sieben grossartigen Stücke von Data Mirage Tangram entstanden. Ähnlich wie bei den geistesverwandten Einstürzenden Neubauten hat sich das Augenmerk der Young Gods im Verlauf der Jahre von der Erzeugung und Vermittlung von Energie auf das Schaffen filigraner Klanggeflechte verschoben. Songs wie Tear Up the Red Sky und All My Skin Standing zeigen, dass die Young Gods auch heute noch gehörig Rockdampf im Bauch haben. Vor allem aber ihr souveräner Umgang mit der Laut/Leise-Dynamik, dazu Treichlers bemerkenswert subtiler Gesang und Pizzis schlauer Umgang mit Geräuschen sorgen dafür, dass Data Mirage Tangram in klangliche Tiefen vordringt, von denen die meisten anderen Bands nur träumen können.
Data Mirage Tangram. The Young Gods (Franz Treichler aka Franz Muse, Cesare Pizzi, Bernard Trontin. Two Gentlemen Records, CD TWOGTL-073-2, Vinyl TWOGTL-073-LP
Eine Träne für die Menschheit
Für den Filmessay «Passion» von Christian Labhart hat Philippe Herreweghe mit seinem Collegium Vocale Gent Teile aus Bachs Matthäuspassion neu aufgenommen.
Max Nyffeler
- 28. März 2019
Filmstill aus «Passion»
Die Messlatte wird gleich zu Beginn hoch gelegt. Zum schwarzen Bildschirm rezitiert eine Stimme aus dem Off Bertolt Brechts Gedicht An die Nachgeborenen aus der Zeit des Nationalsozialismus, dann marschiert eine Hundertschaft schwer gerüsteter Polizisten zu den Klängen von Bachs Matthäuspassion durchs Bild. Die Fallhöhe ist entsprechend: Ein Schnitt, und wir sind am Zürcher Central, wo wir uns 1968 mit der Polizei geprügelt haben – linke Nostalgie in Schwarzweiss. Für Christian Labhart war das die politische Initialzündung. Sein Film ist die typische Autobiografie eines Schweizer Linken, der vor fünfzig Jahren Marx und Adorno las und trotz schwerer Zweifel bis heute an der Utopie vom «richtigen Leben im falschen» festhält. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Sackgasse Baader-Meinhof, Tschernobyl, 9/11, Finanzkrise, Roboter, Syrien, Globalisierung, kaputte Umwelt: ein Abreisskalender des Schreckens, eine permanente Dystopie, aufbereitet mit paradox schönen Bildern aus der sinnentleerten Dingwelt. Wenn Menschen als Individuen vorkommen, dann der Autor selbst und sein Umfeld, ansonsten sind sie anonyme Masse – der Fluch des Denkens in abstrakten Menschheitskategorien. Das unbedingte Ja zum Leben, wie es etwa in Afrika den Alltag der Menschen prägt, ist diesem vom Leiden an der Welt durchzogenen Filmessay fremd.
Als Balsam für die verletzte Seele erklingen Ausschnitte aus der Matthäuspassion mit Philippe Herreweghe und seinem Collegium Vocale Gent. Hier verrichten Menschen eine sinnerfüllte Tätigkeit, ein schroffer Kontrast zu den Bildern einer kaputten Welt. Doch mit Bach scheint Labhart einem Missverständnis aufgesessen zu sein. Durch die weltliche Umcodierung der Passion schlägt das hohe Pathos des religiösen Leidens in profanes Selbstmitleid um, und anstelle von Christus wird dann eben Ulrike Meinhof betrauert. «Was bleibt?», lautet der letzte Zwischentitel. Bachs Schlussmusik gibt die Antwort: «Wir setzen uns mit Tränen nieder.» Ein bisschen mehr hätte es schon sein dürfen.
Passion. Zwischen Revolte und Resignation,ein Film von Christian Labhart. LookNow-Filmverleih. Ab 18. April im Kino
Das Europäische Parlament hat mehrheitlich für die EU-Richtlinie zum Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt abgestimmt. 348 Abgeordnete stimmten dafür, 274 dagegen, 38 enthielten sich. Der Deutsche Musikrat ist erfreut.
Der Abstimmung waren mehrjährige Verhandlungen vorausgegangen. Ziel der neuen Richtlinie ist es, die illegale Nutzung kreativer Werke einzudämmen und die Vergütung ihrer Urheberrinnen und Urheber zu gewährleisten. Vor allem die Regelungen von Artikel 13 sind umstritten. Hiermit sollen Plattformen dazu verpflichtet werden zu prüfen, ob das Hochladen der jeweiligen Inhalte gegen Urheberrechte verstösst. Final ist die neue EU-Richtlinie erst dann beschlossen, wenn auch der Europäische Rat zugestimmt hat – dies gilt jedoch als Formsache. Die Abstimmung der EU-Mitgliedsstaaten wird möglicherweise am 9. April stattfinden.
Laut Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates, gehe es jetzt darum, «ein wirklich freies Internet anzustreben». In dieser Hinsicht gebe es mit den Kritikern der Reform keine Differenz. Die Marktmacht der Internetgiganten sei nach wie vor ungebrochen, aber die neue Richtlinie zwinge sie dazu, ihrer Verantwortung gegenüber Urheberinnen und Urhebern in stärkerem Masse nachzukommen, so Höppner weiter. Die faire Vergütung Kreativschaffender sei die Voraussetzung für Freiheit und Vielfalt im Netz.
Seit Jahrhunderten wird bestehendes musikalisches Material aufgegriffen und verändert. Wie hat man das früher gemacht und welche Fragen stellen sich heute?
SMZ
- 27. März 2019
Titelbild: www.neidhart-grafik.ch
Seit Jahrhunderten wird bestehendes musikalisches Material aufgegriffen und verändert. Wie hat man das früher gemacht und welche Fragen stellen sich heute?
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Focus
Komponieren ist Bearbeiten Neugestaltung von musikalischem Material über die Jahrhunderte
Parures orchestrales Orchestration, réorchestration : la pratique est courante depuis toujours
Kosakenlieder auf der Panflöte Bearbeitungen in der Weltmusik
Wenn Rockmusiker die Klassik entdecken Klassikbearbeitungen in der Rock- und Popmusik
Plus, c’est plus ! Dans ses deux derniers projets, Stephan Eicher a réarrangé ses propres chansons. Il nous explique comment.
Seit Januar 2017 setzt sich Michael Kube für uns immer am 9. des Monats in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.
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Das in Bregenz beheimatete Symphonieorchester Vorarlberg (SOV) hat mit dem Briten Leo McFall einen neuen Chefdirigenten. Mit ihm ist eine mindestens fünfjährige Zusammenarbeit vereinbart, die zur Saison 2020/21 startet.
Musikzeitung-Redaktion
- 26. März 2019
Leo McFall (Bild: Ville Hautakangas)
Damit kehrt der gebürtige Londoner nach Vorarlberg zurück, wo er im Vorjahr bereits zwei SOV-Produktionen leitete. Er tritt die Nachfolge von Gérard Korsten an, der im Sommer 2018 nach 13 Saisonen sein Amt niedergelegt hatte. Vorausgegangen war der Entscheidung ein intensives Auswahlverfahren, in das auch die Musiker des Symphonieorchester Vorarlberg einbezogen waren.
McFall gewann 2015 den Deutschen Dirigentenpreis, ein Jahr zuvor war er Finalist beim Nestlé and Salzburg Festival Young Conductors Award gewesen. Als Gastdirigent arbeitete er bei renommierten Klangkörpern wie dem City of Birmingham Symphony Orchestra, BBC Philharmonic und beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. Bernhard Haitink assistierte er beim Chicago Symphony Orchestra und den Wiener Philharmonikern.
Das Symphonieorchester Vorarlberg wurde 1984 durch eine Gruppe von Musizierenden und Musikbegeisterten aus dem Land zwischen Arlberg und Rhein ins Leben gerufen. Seine Mitglieder sind 120 professionelle Musikerinnen und Musiker aus Vorarlberg und den benachbarten Regionen. Es spielt jede Saison einen Zyklus von sechs Konzerten in Bregenz und Feldkirch, dazu kommen eine grosse Opernproduktion im Vorarlberger Landestheater, Konzerte und szenische Projekte bei den internationalen Bregenzer Festspielen im Sommer, beim Festival Montforter Zwischentöne, weitere Gastspiele und CD-Produktionen.
Vier Basler Orchester brauchen mehr Geld
Die Basel Sinfonietta, das Ensemble Phoenix Basel, das Kammerorchester Basel und das La Cetra Barockorchester Basel kämpfen mit einem gemeinsamen Aufruf für mehr öffentliche Gelder. Es fehlen ihnen total 743’000 Franken, die sie weder mittels Eintritten noch mittels Fundraising zusätzlich am Markt generieren können.
Der Basler Regierungsrat hat 2012 das strategische Ziel formuliert, Basel als Musikstadt zu stärken und zu profilieren. Zum musikalischen Reichtum von Basel trägt insbesondere eine Vielzahl von professionellen Orchestern bei. Eine von der Abteilung Kultur in Auftrag gegebene Analyse ergab jedoch, dass die nationale und internationale Ausstrahlung nicht dem bezüglich Qualität und Vielfalt vorhandenen Potenzial entspreche. Wichtiger Grund dafür sei bei den überwiegend privat finanzierten Orchestern, dass die Musikerhonorare weit unter dem Lohnniveau des Sinfonieorchesters Basel und den tariflichen Empfehlungen des Schweizerischen Musikerverbandes lägen, was Folgen für die künstlerische Kontinuität der Orchester habe.
Vor diesem Hintergrund beschloss der Grosse Rat 2015 die neue Programm- und Strukturförderung Orchester des Kantons Basel-Stadt und bewilligte total 5’576’000 Franken für die Jahre 2016 bis 2019. Auf Empfehlung einer unabhängigen Fachjury vergab der Regierungsrat 2016 für die Jahre 2017 bis 2019 total 3’960’000 Franken aus der Programmförderung an die vier Orchester Basel Sinfonietta, Ensemble Phoenix Basel, Kammerorchester Basel und La Cetra Barockorchester.
Gemäss Leistungsauftrag werden damit laut Darstellung der vier Orchester die sich programmatisch ergänzenden Basler Konzertreihen der vier Orchester gefördert, wobei sich die Musikerhonorare – im Sinne der Verbesserung der sozialen Sicherheit der Kulturschaffenden gemäss Kulturfördergesetz – an den tariflichen Empfehlungen des Schweizerischen Musikerverbandes orientieren sollten. Nachdem sie während eineinhalb Saisons Erfahrungen sammeln konnten, können die vier Orchester gemeinsam bestätigen, dass mit der Programmförderung zwar erste Schritte in die richtige Richtung gemacht werden konnten. Die beabsichtigte Verbesserung der sozialen Sicherheit seien aufgrund einer nach wie vor bestehenden Unterfinanzierung jedoch noch nicht erreicht worden.
Die mittels Programmförderung teilfinanzierten Orchester erwirtschaften einen Eigenfinanzierungsgrad von 55 bis 86 Prozent. Um für ihre Basler Konzertreihen Basishonorare gemäss den tariflichen Empfehlungen des Schweizerischen Musikerverbandes bezahlen zu können, fehlen ihnen jährlich 743’000 Franken, die sie weder mittels Eintritten noch mittels Fundraising zusätzlich am Markt generieren können.
Die vier Orchester beantragen deshalb gemeinsam, die Programmförderung Orchester um jährlich 743’000 Franken von jährlich 1’320’000 Franken in der Periode 2017 bis 2019 auf jährlich 2’063’000 Franken in der Periode 2020 bis 2022 zu erhöhen. Gemessen «am basel-städtischen Kulturbudget von über 128’000’000 Franken verhältnismässig geringen Erhöhung» würde «ein unbestrittener Missstand bezüglich sozialer Sicherheit von Musikerinnen und Musikern behoben und ein konsequenter weiterer Schritt zur Stärkung und Profilierung Basels als Musikstadt getan», schreiben die Orchester weiter.
Zwischen Tiflis und Zürich
Das Festival Close Encounters, das aktuelle Musik aus der Schweiz und Georgien zusammenführt, fand zum sechsten Mal statt. Es ist eine Erfolgsgeschichte.
Thomas Meyer
- 25. März 2019
Bild: close encounters/Maja Sumbadze
Junge Weltstars der Klassikszene stammen aus Georgien; der Georgier Gija Kantscheli war nach Glasnost einer der meistbeachteten zeitgenössischen Komponisten, auch dank Luigi Nonos Support und seinen CDs bei ECM. Die Musiktradition des Landes ist respektabel, und das 1917 gegründete, lange sowjetisch geprägte Konservatorium von Tiflis das älteste der Region. Da erstaunt es doch, dass erst vor zwei Jahren das erste georgische Ensemble für zeitgenössische Musik gegründet wurde. Kürzlich trat «Georgia Modern» in Zürich beim Festival «Close Encounters» auf, und es präsentierte Musik, die irgendwie dem Klischee neotonaler, weiträumiger, osteuropäischer Klanglandschaften entspricht – und doch nicht. Die Mischung lässt aufhorchen. Die jüngeren Komponisten Demetre Gamsachurdia und Giorgi Papiashvili bewegen sich in einem stilistischen Niemandsland, fern von Rezepturen.
Freundschaftliche Begegnungen
Das Konzert zeugte auch von der Qualität der Musiker. Der Komponist Reso Kiknadze, seit 2012 auch Rektor der Musikhochschule von Tiflis, hob in einem Gespräch hervor, wie wichtig die Gründung dieses Ensembles sei. Er betonte aber auch, wie sehr ihm das Festival in all den Jahren geholfen habe. Der Kontakt ist wichtig. Ob es allerdings eine «unheimliche Begegnung der dritten Art» war, wie bei uns ja der Titel von Steven Spielbergs Film Close Encounters jeweils übersetzt wird? Wenn es sich um eine Begegnung mit dem Fremden, wenn auch nicht Ausserirdischen, handelt, dann – so suggeriert die Spielberg-Assoziation – ist es eine positive, nicht von Angst und Horror getragene, sondern eine der Inspiration und Horizonterweiterung. Gegründet wurde das helvetisch-georgische Festival 2005 von Tamrika Kordzaia und dem Komponisten Felix Profos. Die Pianistin, die 1997 selbst aus Georgien in die Schweiz kam, leitet es heute noch und hat es stilistisch geöffnet. Dieses «Festival für aktuelle Musik» bietet nicht nur Avantgarde, sondern ein weites Spektrum, in dem zum Beispiel auch Clubkonzerte Platz haben, und es sucht die Begegnung auch jenseits des Musikalischen. So lud Kordzaia diesmal den Schweizer Architekten Peter Zumthor ein.
Nicht nur Musik aus den beiden Ländern wird ausgetauscht, auch die Musikerinnen, Musiker und Musikinstitutionen begegnen einander. Das ist bereichernd für beide Seiten. Kiknadze, der zuvor an der Musikhochschule Lübeck und dort vor allem im Bereich elektronischer Musik arbeitete, meint, dass das Musikleben in Tiflis sehr lebendig sei und sogar fast aufregender als in Deutschland. Tatsächlich ist das Neue dort oft noch neu. Es gibt eine Neugier für das Experiment – und ein Publikum. Der Kunstraum Walcheturm war zwar beim Konzert von Georgia Modern ganz ordentlich besetzt, aber in Tiflis füllt das Ensemble grössere, wenn auch nicht die ganz grossen Säle. Vor allem kämen sehr viele jüngere Leute ins Konzert, meint Kordzaia.
Bereichernder Stilmix
Stilistisch lässt sich das nicht einengen. Alexandre Kordzaia zum Beispiel, der heute in Den Haag und Tiflis lebt, komponiert Werke für klassische Ensembles, mixt aber auch poppige Songs. Beim Festival war er an Flügel und Elektronik mit dem Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor zu erleben – im Gemeinschaftsprojekt «SHWUIIT», das auch frei improvisierte Passagen enthält.
Das Mondrian Ensemble wiederum trat zusammen mit der Komponistin Natalia Beridze auf, die auch als Tusia oder T.B. unterwegs ist. Sie ist Autodidaktin und produziert vor allem elektronische Musik. Mapping Debris heisst ihr Stück für Klavierquartett und Elektronik, das auf Sound- und Vocal-Samples basiert, die, so das Programmheft, «ungebraucht auf der Harddisc der Komponistin lagen. Diese Sound-Fetzen gleichen den Trümmern eines abgestürzten Flugzeugs, in welchen nur schwer eine komplexe Struktur zu erkennen ist und die erst beim analytischen Zusammensetzen wieder Sinn ergeben.» Trümmerhaft wirkt die Musik gerade gar nicht, sondern ziemlich geordnet, aber die Zusammensetzung ist tatsächlich ungewöhnlich: ruhige Streichergesten, heterogene Tonfelder, poppige Einsprengsel und Geräuschfragmente. Der Mix scheint mir zwar nichts genuin Georgisches zu sein, er entstammt vielmehr einer Strömung, die schon vor Jahrzehnten in den USA, etwa mit dem Kronos Quartet, begann. Aber es entsteht doch eine eigentümliche Musik, die einen danach weiter beschäftigt.
Elektronische Musik hat in Georgien eine besondere Stellung. Das liegt auch an Reso Kiknadze, der diese bereits ältere Entwicklung stark fördert. Als Rektor des altehrwürdigen Konservatoriums hat er nicht nur das Fach Jazz installiert, sondern auch einen Lehrgang für Musiktechnologie. Im ganzen Kaukasusgebiet ist es die einzige Schule, die so etwas anbietet, und so kommen auch Studierende aus den umliegenden Ländern, etwa aus dem Iran, nach Tiflis. Das bereichert die Szene und wirkt weiter.
Das Schweizer Radio SRF 2 Kultur vermeldet den Tod des Komponisten Hans Wüthrich. Der gebürtige Berner Oberländer war Schüler von Sandor Veress und Klaus Huber und galt als Pionier des experimentellen Musiktheaters. Er wurde 82 Jahre alt.
Wüthrich kam in Aeschi (Kanton Bern) zur Welt und studierte am Konservatorium Bern bei Sava Savoff (Klavier) und Sandor Veress (Theorie). Von 1968 bis 1972 erhielt er überdies Kompositionsunterricht von Klaus Huber. 1974 gründete er das Ensemble mixt media basel, das sich laut dem Eintrag im Verzeichnis Musinfo besonders Werken im Zwischenbereich von Musik und Theater widmet. Von 1985 bis 2002 war Wüthrich Dozent für Musiktheorie an der Musikhochschule Winterthur-Zürich und seit 2009 Mitglied der Akademie der Künste Berlin.
Wüthrich gewann zahlreiche Preise, darunter mehrmals den Kompositionspreis an den Internationalen Kompositionswettbewerben Boswil, den Grand Prix Paul Gilson de la Communauté radiophonique des programmes de la langue francaise, den Spartenpreis für Musik des Kantons Basel-Landschaft, und er war einer der Nominierten für den Schweizer Musikpreis 2016.
Musikmesse 2019
Vom 2. bis 5. April 2019 wird das Frankfurter Messegelände zum Showroom der Instrumentenbranche – und zum Treffpunkt für Hersteller, Händler, Professionals und Musiker aus allen Teilen der Welt. Für Leserinnen und Leser der Schweizer Musikzeitung gibt es Eintrittsgutscheine (s. unten).
Musikzeitung-Redaktion
- 19. März 2019
Impression von 2018: Domsingschule im der Galleria. Foto: Messe Frankfurt GmbH/Pietro Sutera,SMPV
Die Musikmesse findet in diesem Jahr erstmals an vier Werktagen (Dienstag bis Freitag) statt. Sie setzt damit mehr denn je auf den fachlichen Austausch internationaler Professionals und schärft ihren Markenkern als grösste europäische Fachmesse der Musikwirtschaft. In diesem Bestreben öffnet die Musikmesse erstmals seit 2015 wieder komplett zeitgleich mit der Prolight + Sound, der «Global Entertainment Technology Show».
Auch nach der Messe bleibt es musikalisch in Frankfurt. Zum vierten Mal präsentiert das «Musikmesse-Festival» Highlight-Konzerte in 50 Locations und auf dem Messegelände. Mit dabei: Die Talente des Internationalen Deutschen Pianistenpreises sowie – in einem grossen Abschlusskonzert – Soul-Legende Gregory Porter und die Neue Philharmonie Frankfurt.
Neue Hallenaufteilung entlastet den Schrittzähler
Besucher der Musikmesse 2019 dürfen sich über verkürzte Wege freuen. Die Halle 3 bündelt auf zwei Ebenen ein breites Spektrum von Pianos und Keyboards über Drums + Percussion, Gitarre und Bass, Holz- und Blechblasinstrumenten, Streichinstrumenten, Harmonikainstrumenten sowie Noten. Erstmals ist der gesamte Audio-Bereich auf einer Hallenebene konzentriert: So finden Besucher in Halle 8.0 sowohl Synthesizer und Recording-Equipment als auch Produkte rund um Live-Beschallung.
Neu ist die gemeinsame «Networking Area» für Musikmesse und Prolight + Sound in Halle 4.1, die sich gezielt an Händler sowie Entscheider der Branche richtet. Mit aufwendig gestaltetem Lounge-Konzept bietet sie den idealen Rahmen für Geschäftsgespräche in entspannter Atmosphäre.
Voller Einsatz für die musikalische Bildung
Das neue «Music Education Center» im Congress Center Messe Frankfurt schafft eine zentrale Plattform für die Themen Nachwuchsförderung und Weiterbildung. Zu den Highlights zählt der Fachtag KlassenMusizieren (Freitag, 5. April), der Anregungen für modernen, praxisorientierten Unterricht gibt. Am selben Tag prämiert der Europäische Schulmusikpreis fortschrittliche Projekte im Bereich des methodisch-kreativen Arbeitens mit Musikinstrumenten. Darüber hinaus finden Workshops und Seminare rund um Musiktherapie sowie erstmals die Preisverleihung zum Wettbewerb Neue Therapie-Instrumente statt.
Für junge musikalische Entdecker bietet das Nachwuchsprojekt «Discover Music» eine Entdeckungsreise in die Welt der Töne und Klänge. Unter pädagogischer Anleitung von erfahrenen Mitgliedern der Frankfurt Music Academy können bereits Schulkinder Instrumente nach Lust und Laune ausprobieren.
Die «SongsCon Frankfurt» gibt im Rahmen der Musikmesse Songwritern und Produzenten Hilfestellung beim Aufbau ihrer professionellen Karriere. Zu den Programmpunkten zählen ein A&R-Panel mit Entscheidern von Plattenlabels, Songwriting Camps und Masterclasses sowie eine Listening Session, bei der sich kreative Musiker Experten-Feedback zu ihren Kompositionen einholen können. Ebenso geht der «European Songwriting Award» in eine neue Runde. Bei der Award-Show mit Live-Finale (5. April) können Songwriter und Produzenten ihre Kompositionen vor einer hochkarätig besetzten Jury mit internationalen A&Rs vorstellen. Für den Gewinner geht es direkt ins Studio: Es winkt ausserdem Radio- und Online-Promo für die besten Songs.
Musik auf dem Gelände und in der City
Neben Workshops, Masterclasses und Tutorials bietet die Musikmesse den gesamten Tag Live-Musik nationaler und internationaler Künstler.
Abends wird das Messegelände zum Epizentrum des «Musikmesse-Festivals» – auf der Bühne stehen nationale und internationale Acts wie Pop-Rock-Legende Tony Carey (4.4., Festival Arena), Rap-Legende Samy Deluxe (4.4., Festhalle Frankfurt), ein DJ-Set von Mousse T. & Glasperlenspiel (5.4. Festival Arena) sowie die international erfolgreiche A-cappella-Band The Real Group (3.4., Festival Arena). Auch in 50 Frankfurter Clubs und Event-Locations finden insgesamt rund 100 Konzerte im Rahmen des Festivals statt. Besucher der Musikmesse erhalten ein Gratis-Festivalbändchen, mit dem sie die Events des Musikmesse-Festivals vergünstigt oder sogar kostenfrei besuchen können.
Zur feierlichen Eröffnung bietet das Grand Finale des Internationalen Deutschen Pianistenpreises einen Leckerbissen für Freunde hochkarätiger Klaviermusik (1. April, Alte Oper Frankfurt). Begleitet durch die Philharmonie Baden-Baden unter der Leitung von Dirigent Douglas Bostock zeigen junge Spitzenpianisten ihr Können. Auf dem Programm stehen das Klavierkonzert Nr. 2 op. 18 in c-Moll von Rachmaninoff sowie das Klavierkonzert Nr. 1 op. 15 in d-Moll von Brahms.
Musikmesse Plaza rockt den Samstag
Am Samstag nach der Musikmesse (6. April) präsentiert die Musikmesse Plaza ein völlig neues Veranstaltungskonzept, das ganz auf Musikbegeisterte aller Altersstufen abzielt. Gemeinsam mit Partnern aus der Kreativbranche realisiert die Messe Frankfurt einen Pop-up Market mit vielfältigen Themenwelten und Direktverkauf: von Vintage-Instrumenten über Tonträger bis hin zu Lifestyle-Produkten. Zum Höhepunkt einer Woche voller Musik und Entertainment erwartet Musikfans das Abschlusskonzert des US-amerikanischen Soul-Künstlers Gregory Porter, der erstmals gemeinsam mit der Neuen Philharmonie Frankfurt auftritt.
Leserinnen und Leser der Schweizer Musikzeitung, welche die Musikmesse 2019 besuchen möchten, senden ein Mail mit dem Betreff «Musikmesse 2019» bis am 28. März 2019 an die E-Mail-Adresse sk@tf-solutions.ch (Kontaktperson: Frau Susanne Kiene) und erhalten Eintrittsgutscheine (solange Vorrat).
Aus für Kulturpreis der Bernburger
Er war mit 100’000 Franken einer der höchstdotierten Kulturpreise weit über die Schweiz hinaus. Nun ist laut einer Meldung der «Berner Zeitung» aber Schluss damit. Das Geld soll anders verteilt werden.
Musikzeitung-Redaktion
- 19. März 2019
Wappen der bernischen Gesellschaften 1796, Zeichnung von Franz Niklaus König (Nachweis s. unten)
Die Strategieänderung geht laut der Zeitung auf Patrizia Crivelli zurück, die seit einem Jahr im Amt befindliche Leiterin der Fachstelle Kultur und Gesellschaft der Burgergemeinde. Das Amt wurde als «burgerliches Pendant zur städtischen Kultursekretärin» (Berner Zeitung) neu geschaffen. Die beiden Amtsinhaberinnen von Burgergemeinde und Stadt, Crivelli und Franziska Burkhardt, kennen sich. Sie waren beide früher für das Bundesamt für Kultur tätig.
Der mit 100’000 Franken dotierte Kultupreis der Burgergemeinde Bern wurde im Juni 2018 zum 30. und letzten Mal verliehen und ging an das Kleinkunsttheater «La Cappella», eine renommierte Berner Bühne für Kabarett, Chanson und Kleinkunst. Frühere Preisträger waren unter anderen die Camerata Bern, die Geigenbauschule Brienz, das Swiss Jazz Orchestra und das Konzertlokal Mühle Hunziken.
Das m4music-Festival tat sich bei seiner 22. Ausgabe einmal mehr als Konzertort und Branchentreff hervor. Während die Musik positive Zeichen setzte, gaben sowohl der Musikjournalismus als auch das Konzertgeschäft Anlass zur Sorge.
Michael Gasser
- 19. März 2019
Foto: Alessandro Della Bella
Die Zahlen waren einmal mehr beeindruckend: Nicht nur rund 1000 Vertreter der Musikbranche, sondern auch an die 6000 Fans besuchten die 22. Ausgabe des dreitägigen Popmusikfestivals m4music in Lausanne und Zürich. Während namentlich die Zürcher Folkband Black Sea Dahu und das zwischen Rock, Rap, Pop und Noise agierende Winterhurer Duo Ikan Hyu für musikalische Höhepunkte besorgt waren, wurde an den gut dreissig Veranstaltungen des Konferenzteils über so unterschiedliche Themen wie Auftrittsmöglichkeiten in Europa, das (Über-)Leben als Songwriterin oder die aktuellen Absatzahlen im Musikbusiness diskutiert.
Streaming auf dem Vormarsch
Im Panel «Der Musikmarkt 2018, 2019 und darüber hinaus» lautete die Erkenntnis: Die Lage bessert sich. Wachstumsmotor sind nicht mehr die CD-Verkäufe oder die Downloads, sondern das Streaming-Geschäft. Im vergangenen Jahr hat der Schweizer Tonträgermarkt einen Umsatz von rund 170 Millionen Franken getätigt – das sind 3,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Laut Ivo Sacchi, dem Managing Director von Universal Music Schweiz, gibt es Musikgattungen, die bis zu 95 Prozent ihrer Tonträgereinnahmen aufgrund von Streaming erzielen. «Das gilt insbesondere für Urban, Deutsch-Rap und Hip Hop.» Ein etwas anderes Bild zeichnete Marc Lynn, Bassist der Rocktruppe Gotthard: «Rockfans wollen nach wie vor das physische Produkt in den Händen halten können.» Er schätzte, dass sich rund 70 Prozent der Fans die Musik von Gotthard immer noch auf Vinyl oder CD zulegen würden. Das unterscheide sich jedoch von Kontinent zu Kontinent. «In Südamerika wird fast nur noch gestreamt.» Universal-Vertreter Sacchi zweifelt nicht daran, dass sich der Trend zum Streaming fortsetzen werde, auch in der Schweiz: «Das Potenzial ist bei Weitem noch nicht ausgeschöpft.» Dafür spricht alleine schon die Tatsache, dass wöchentlich 15 000 Songs auf Streaming-Portale wie Spotify hochgeladen werden.
Musikjournalismus im Krebsgang
Weniger erfreulich präsentierte sich hingegen die Situation im Musikjournalismus. Beim Panel zum Thema kristallisierte sich vor allem eine gewisse Ratlosigkeit heraus. Linus Volkmann, der bis letztes Jahr für das nun eingestellte Musikmagazin Intro tätig war, erklärte: «Der Musikjournalismus hat seine Gatekeeper-Funktion eingebüsst. Dementsprechend kommen die jungen Zielgruppen von heute ohne Printprodukte aus.» Dennoch oder gerade deshalb zeigte sich Ane Hebeisen, Pop-Redaktor bei der Tageszeitung Der Bund, überzeugt, Musikjournalismus sei nach wie vor nötig – und zwar mehr denn je. «Es braucht Schreiberinnen und Schreiber, die Vertiefung schaffen und die Türe zu anderen Musikwelten aufstossen.» Tatsache ist aber, dass etwa der Tages-Anzeiger seit vergangenem Jahr kein Budget mehr für freie Musikjournalisten hat. Volkmann, der auch als Buchautor tätig ist, vermochte dem Niedergang des Musikjournalismus allerdings auch Positives abzugewinnen: «Wer Bock hat, über Musik zu publizieren, kann das jetzt einfach machen.» Etwa mittels eines Youtube-Kanals oder eines Blogs.
Clubs vom Aussterben bedroht
In seiner Keynote «Monopoly im globalen Konzertgeschäft» beschäftigte sich der unabhängige Konzertagent Berthold Seliger aus Berlin mit seiner Branche, die noch vor wenigen Jahren als Goldgrube gepriesen wurde. Seit 2012 würden nun allerdings Grosskonzerne auf diesem Gebiet laufend an Einfluss gewinnen. Während kleine Clubbetreiber versuchten, Künstlerinnen und Künstler nachhaltig aufzubauen, seien Riesenplayer wie Live Nation nur am Geschäft interessiert. Und das mit gutem Grund: «Ein Prozent aller Künstler generiert 60 Prozent aller Konzerteinnahmen», wusste Seliger. Eine Tatsache, die ihn eine staatlich verordnete Solidaritätsabgabe für unabhängige Clubs und Veranstalter fordern liess. «Und zwar für jedes Ticket, das mehr als 50 Euro kostet.» Das sei eigentlich unausweichlich, weil die örtlichen Clubs und Veranstalter zunehmend eine aussterbende Gattung darstellten. Dass sich die Situation von selbst bessert, glaubte Seliger nicht.
Stadt-Land-Graben
Und wie bewertete Festivalleiter Philipp Schnyder von Wartensee die 22. Ausgabe dieser Veranstaltung des Migros-Kulturprozents? «Es waren drei lebendige, intensive Tage mit tollen Entdeckungen von Schweizer Talenten», gab er zu Protokoll. Aufgefallen sei ihm insbesondere, wie offen viele der rund 1000 Vertreter der nationalen und internationalen Musikbranche aufeinander zugegangen seien. «Man begegnet sich je länger je stärker nicht als Konkurrenten, sondern sieht in erster Linie vielfältige Möglichkeiten zur Zusammenarbeit.» Kritischer sah er hingegen eine andere Entwicklung: Zwar gebe es keinen Graben mehr zwischen Musikern aus der Deutschschweiz und der Romandie, dafür scheine der Austausch zwischen Künstlern aus der Stadt und solchen vom Land immer mehr zu harzen. Schnyder zog jedoch eine positive Gesamtbilanz: «Seit je ist es die Philosophie von m4music, jüngere und ältere Musikschaffende an unserem Festival zusammenzubringen. Und das läuft.»