Der Cellist Kian Soltani wird mit dem mit 75ʼ000 Franken hochdotierten Credit Suisse Young Artist Award ausgezeichnet. Der mit dem Lucerne Festival eng verbundene Preis wird 2018 zum zehnten Mal verliehen.
Musikzeitung-Redaktion
- 13. Dez. 2017
Kian Soltani (Bild: zVg)
Der Cellist Kian Soltani stammt aus einer persischen Musikerfamilie. Er wurde 1992 im österreichischen Bregenz geboren und begann im Alter von zwölf Jahren sein Cellostudium bei Ivan Monighetti an der Musik-Akademie Basel. Überdies nahm er an Meisterkursen unter anderem von Sol Gabetta, und Jens Peter Maintz teil und schloss sein Studium als «Junger Solist» bei Frans Helmerson an der Kronberg Academy ab.
2015 und 2017 trat Kian Soltani als Solocellist mit dem West-Eastern Divan Orchestra unter Leitung von Daniel Barenboim bei Lucerne Festival auf. Der Preis beinhaltet ein Konzert mit den Wiener Philharmonikern im Rahmen des Sommer-Festivals. Dieses findet am 8. September 2018 unter der Leitung von Franz Welser-Möst im Konzertsaal des KKL Luzern statt.
Der Credit Suisse Young Artist Award ist eine Initiative von Lucerne Festival, den Wiener Philharmonikern, der Gesellschaft für Musikfreunde Wien sowie der Credit Suisse Foundation. Herausragende junge Musikerpersönlichkeiten erhalten den Preis für ausserordentliche Leistungen. Die Preisträger erhalten Mittel und eine Auftrittsmöglichkeit im Rahmen von Lucerne Festival. Der Preis wird alle zwei Jahre vergeben (alternierend mit dem Prix Credit Suisse Jeunes Solistes zur Förderung hochbegabter junger Musikerinnen und Musiker in der Schweiz).
Am Anfang war der Käse
Seit sechzehn Jahren serviert die Zürcher JazzBaragge ihre wöchentlichen Livesessions. Jetzt präsentiert sie sich der ganzen Welt mit einem neuen Gesicht.
Hanspeter Künzler
- 13. Dez. 2017
Bild: JazzBaragge
Jeden Mittwochabend verschwindet das Auditorium des Jazzclubs Moods in Zürich hinter einem schwarzen Vorhang. Davor wird ein Teppich ausgerollt und darauf kommen die Instrumente, die wie ein roter Faden durchs Programm führen: Klavier (dann und wann Gitarre), Kontrabass und Schlagzeug. Die Stimmung eines Raumes ist die wichtigste Voraussetzung für eine wohltemperierte Jamsession. Und hier stimmt sie – unterstützt von einer wohlbestückten Bar – ohne Zweifel. Der Raum wirkt intim genug, um das Gefühl zu vermitteln, man bewege sich unter lauter Freundinnen und Freunden. Aber er ist auch gross genug für ein Publikum, dessen Applaus nicht klingt wie ein gerupftes Huhn: «Wenn wir 150 Leute haben, sind wir gerappelt voll», meint Dave Feusi, ein Mitbegründer und Präsident der JazzBaragge: «Und letzte Woche hatten wir das.»
Seit Februar 2016 ist die vom Verein JazzBaragge organisierte Livesession im Moods daheim. Jetzt fühlt man sich wohl genug, dass man sich der Welt präsentieren kann. Dank einer eleganten neuen Homepage dauert die Reise zur JazzBaragge nur noch so lang wie ein Mausklick. Der Eintritt ist so erst noch frei. Jede Session wird in voller Länge live gestreamt und Teile davon archiviert. Davor, dass Jazzfans künftig lieber zu Hause hocken, um den Abend am Computer mitzuverfolgen, braucht niemand Angst zu haben. Dank der erstklassigen Bild- und Soundqualität bekommt man zwar den Eindruck, dass hier viel Gutes passiere. Aber man spürt auch, dass dieses Gute viel besser wäre, wenn man selber dabei wäre. «Es ist, wie wenn man Platten mit experimenteller Musik bekommt», sagt Vorstandsmitglied Nicole Johänntgen: «Es ist ein Teaser. Man weiss, dass man live dabei sein muss, um die Musik richtig zu erleben.»
Auf der Suche nach dem passenden Club
Nach einem Fehlstart im Jahr 1999 stiessen Dave Feusi und Peewee Windmüller auf die Chäsbaragge in der Brunau. Hier wurde vom Donnerstag bis am Sonntag Fondue serviert, während dem Rest der Woche stand der Laden leer. Der Ort war ideal für die idealistischen Pläne der beiden Initianten, und so gründeten sie im Januar 2001 die «JazzBaragge». Am Anfang programmierten sie am Montag und Dienstag Bands und luden am Mittwoch Musiker zur Jamsession ein. Die Bands zogen nicht. So blieb noch der Jam. Knapp ein Jahr hielt man es aus in der dampfenden Käseglocke. Dann wurde auch hier das Geld knapp.
Auf der Suche nach neuen Synergien trat die Jazzschule Zürich auf den Plan. Diese führte an der Waldmannstrasse 12 ihren eigenen Klub, und hier quartierte sich nun auch die JazzBaragge ein. Die Verbindung hielt vierzehn Jahre lang – bis die Jazzschule zur Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) ins Toni-Areal zog. Der Versuch, die JazzBaragge im neuen Musikklub Mehrspur der ZHdK anzusiedeln, schlug fehl: «Der neue Klub sah schon auf den Plänen gross und kalt aus», sagt Feusi. «Einen Jam kann man nicht vor 500 Leuten machen.» Da traf die willkommene Einladung vom Moods ein. «Ganz wichtig war uns, dass es niemandem darum ging, Geld zu machen», sagt Feusi. «Es geht einzig und allein darum, Musikerinnen und Musiker zusammenzubringen und Jungen die Möglichkeit zu geben, Kontakte zu schaffen und ihr Metier zu erlernen.»
Der Sound geht um die Welt
Die Umbauzeit im Moods war ideal für die Akklimatisierung der JazzBaragge. Rundum herrschte Aufbruchstimmung, dazu passte es, dass der Mittwochabend sich erst an die neue Umgebung gewöhnen musste. Dabei taten sich dank der neuen audiovisuellen Möglichkeiten des Moods gänzlich neue Perspektiven auf. Allerdings ist es nicht das erste Mal, dass die Jamsessions live gestreamt werden. Zehn Jahre früher schon hatte der in Frankreich gestartete und in Engelberg weitergeführte Digital Broadcast Channel (DBC-TV) Kameras in der JazzBaragge aufgestellt. Und weil der Firmengründer ein grosser Fan der Alternativ-Spielwelt Second Life war, hatte die Session dort sogar ihr permanentes Digital-Zuhause. Natürlich ist die Bild- und Klangqualität heute im Moods ungleich besser. «Wir mussten zuerst noch ausprobieren», sagt Feusi. «Bald merkten wir, dass zu viele Mikrofone und Kameras herumstanden. Sie störten die Zuschauer und lenkten die Musiker ab. Jetzt sind es nur noch zwei Overheads, dazu der Sennheiser-Kopf und Mics für Bass und Klavier, manchmal Gitarre. Das funktioniert gut. Es gibt einen authentischen Klang. Man hört alles, aber es ist keine Studioaufnahme.» So geht der Sound der JazzBaragge nun wieder um die ganze Welt. Vorläufig aber sind die Ziele noch nicht so weit gesteckt. «Wir konzentrieren uns noch auf die Schweiz», erklärt Johänntgen. «Es geht uns darum, den Austausch unter den Musikern zu fördern, sie vielleicht zu animieren, ähnliche Sessions einzurichten. Das ist schon genug Arbeit. Aber es erscheinen schon jetzt manchmal Musikerinnen und Musiker aus Deutschland, Frankreich und anderen Ländern. Letzte Woche war einer aus Palermo da, der hatte auch schon von uns gehört.»
Die Technologie ist brandneu, das Konzept seit sechzehn Jahren unverändert. Ein Basis-Trio spielt ein Set, das 30 bis 45 Minuten dauert. Dann wird die Session eröffnet. Alle dürfen mitmachen. «Jeder muss selber erkennen, was er sich zutrauen kann», sagt Feusi. Damit die Dynamik frisch bleibt, wird das ebenfalls speziell für diese Veranstaltung zusammengestellte Kerntrio alle zwei Wochen ausgewechselt: «Nichts darf zur Gewohnheit verkommen», erklärt Feusi, «sonst ist die Session tot.»
Der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks hat nach Protesten entschieden, dass das bayerische Klassikradio BR-Klassik weiterhin auf UKW zu empfangen sein wird. 2014 hatte der BR für 2018 einen Frequenztausch mit dem Jugendkanal Puls und damit eine Migration auf DAB+ angekündigt.
Musikzeitung-Redaktion
- 13. Dez. 2017
Der Deutsche Musikrat ist mit dem Entscheid zufrieden. Mit dieser Lösung sei sichergestellt, dass das «hervorragende Programm von BR-Klassik für alle Bevölkerungsschichten analog und digital zu empfangen ist».
Hintergrund der Entscheidung ist ein im Vergleich zu 2014 deutlich verändertes Umfeld: Bayern 3 Marktführer bei 20-29-Jährigen in Bayern: Als die Entscheidung 2014 getroffen wurde, statt BR-Klassik künftig Puls über UKW zu senden, drohte ein Generationenabriss über die Programmpalette des BR hinweg.
Heute sei es dagegen gelungen, mit Bayern 3 in der Zielgruppe der 20- bis 29-Jährigen in Bayern Marktführer zu werden – und dies, dank der konsequenten Neuausrichtung der Wellen Bayern 1 und Bayern 3, die 2015 eingeleitet wurde und Bayern 3 in der musikalischen Ausrichtung und Ansprache wesentlich jünger gemacht habe.
Damit bleibt der UKW-Bereich für das Klassikpublikum erhalten, von dem bedeutende Teile den Umstieg auf digitales Radio noch noch vollzogen haben.
Isa Wiss in Luzern ausgezeichnet
Zum dritten Mal vergibt der Verein Jazz Schule Luzern, der den Grundstein für die Jazzausbildung an der Hochschule Luzern legte, einen Preis. Die mit 10ʼ000 Franken dotierte Auszeichnung geht in diesem Jahr an die Stimmkünstlerin und Improvisatorin Isa Wiss.
Musikzeitung-Redaktion
- 12. Dez. 2017
Isa Wiss (Foto: Francesca Pfeffer)
Die 1978 geborene Isa Wiss schloss 2005 an der Hochschule Luzern mit dem Master in Musikpädagogik ab. Seit einigen Jahren hat sich ihr kreativer Fokus verstärkt auf Bühnen- und musikalisch-literarische Projekte gerichtet.
Isa Wiss ist Mitbegründerin des Mullbaus, dem Raum für improvisierte Musik. Bei den migma Performancetagen Luzern war sie bis 2017 als Kuratorin tätig. Zudem leistet sie mit spezifischen Projekten für Kinder Vermittlungsarbeit. Der Jazzpreis Luzern 2017 wird ihr am Montag, 18. Dezember in der Jazzkantine Luzern überreicht.
Der Jazzpreis Luzern wird alle zwei bis drei Jahre an ein innovatives und kreatives Projekt, eine Organisation, ein Label, eine Band oder eine Einzelmusikerin beziehungsweise einen Einzelmusiker mit Bezug zur Region Luzern verliehen. Die bisherigen Preisträger waren das Jazz Festival Willisau (2012) und das Fischermanns Orchestra (2014).
Ein «eigener» Sitz im Kammermusiksaal
In drei Jahren wird der Neubau des Departements Musik der Hochschule Luzern in Kriens eröffnet. Ein Leitstern des Gebäudes ist der Kammermusiksaal. Um die Vision eines qualitativ hochstehenden und professionellen Konzertsaals umsetzen zu können, ist die Hochschule auf zusätzliche finanzielle Mittel angewiesen. Zu diesem Zweck lanciert sie eine Stuhlpatenschaft für Privatpersonen und Unternehmen.
Der «Salquin Saal» im Neubau des Departements Musik der Hochschule Luzern verspricht punkto Akustik und Klangerlebnis neue Massstäbe in der Kulturszene der Zentralschweiz zu setzen. In dem Saal, der nach Hedy Salquin aus Kriens, der ersten Schweizer Orchesterdirigentin, Pianistin, Kammermusikerin und Komponistin benannt ist, finden rund 300 Personen Platz. Publikum, Konzertveranstalter und Kulturschaffende aus der ganzen Region sollen darin kleinere Musikproduktionen aller Sparten geniessen können. «Um diese Vision zu verwirklichen, ist die Hochschule Luzern bei der Finanzierung der Innenausstattung allerdings auf private Partner und Sponsoren angewiesen», sagt Michael Kaufmann, Direktor des Departements Musik. Ziel sei es, etwa zehn Prozent der Finanzierung der Innenausstattung durch Stuhlpatenschaften zu gewährleisten. Der restliche Betrag wird durch Spenden von Mäzenen, Stiftungen und aus der Privatwirtschaft abgedeckt.
Mit der nun lancierten Aktion «Stuhlpatenschaft» erhalten Privatpersonen und Unternehmen die Möglichkeit, im Kammermusiksaal einen oder mehrere Stühle zu «kaufen» und mit einer individuellen Beschriftung in Form einer Plakette zu versehen. «Das dient aber nicht nur dem guten Zweck. Unsere Stuhlpatinnen und -paten schaffen sich gleichzeitig eine bleibende Erinnerung und erhalten attraktive Gegenleistungen», führt Michael Kaufmann aus. Erhältlich ist die Patenschaft in drei Kategorien, für 300 Franken, 750 Franken und 1000 Franken. Als Dank profitieren Paten und Patinnen – je nach gewählter Kategorie – von besonderen Benefits, beispielsweise von Gratis-Konzertkarten oder einer Einladung zur grossen Eröffnungsfeier im Jahr 2020.
Bezug im Sommer 2020 In Kriens entsteht derzeit das neue Gebäude des Departements Musik der Hochschule Luzern. Der Bezugstermin, ursprünglich für 2019 vorgesehen, wurde aus technischen Gründen auf Sommer 2020 gesetzt. Unerwartete bauliche Massnahmen sowie das nasskalte Wetter Anfang Jahr haben zum Verzug geführt. Die Festlegung der Inbetriebnahme zum Studienjahr 2020/21 stellt sicher, dass die Termin- und Kostenrisiken minimal ausfallen und die Bauqualität gewährleistet bleibt.
Text und Bild dieses Eintrags entsprechen der Mitteilung, die von der Hochschule Luzern – Musik am 7. Dezember 2017 an die Medien verschickt wurden.
Furrer Mitglied des Österreichischen Kunstsenats
Der in Schaffhausen geborene Komponist Beat Furrer ist zum Mitglied des Österreichischen Kunstsenats ernannt worden.
Musikzeitung-Redaktion
- 11. Dez. 2017
Beat Furrer (Copyright: Beat Furrer)
2014 wurde der 1954 im schweizerischen Schaffhausen geborene Komponist, der seit Langem in Österreich lebt, laut der Mitteilung des Bärenreiter Verlages mit dem Grossen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet, was die Voraussetzung für die Mitgliedschaft im Kunstsenat ist.
Die Aufgabe des 1954 gegründeten Österreichischen Kunstsenats besteht darin, die Anliegen der Kunst in der Öffentlichkeit zu vertreten und die öffentlichen Stellen in wichtigen Fragen der Kunst zu beraten. Beat Furrer folgt der Schriftstellerin Ilse Aichinger nach, die im November 2016 verstorben war.
«Ode an den Traktor»
Die Hochschule der Künste Bern führte von 14. bis 18. November eine Studienwoche zum Themenkreis «Komposition und Direktion für Blasorchester» durch.
Oliver Waespi und Theo Martin
- 11. Dez. 2017
Komponisten und Dirigenten der Studienwoche. Foto: zVg
Komponieren ist so spannend wie anspruchsvoll: Von einer ungeformten Idee zur Aufführung einer Komposition vor Publikum führt ein komplexer Weg. Die innere Auseinandersetzung mit eigenen Visionen muss die Komponistin oder der Komponist alleine führen. Wenn es aber darum geht, Musik auch tatsächlich mit Dirigentinnen und Musikern zu realisieren, sind praktische Erfahrungen mit Orchestern entscheidend. Dabei stellen sich viele Fragen: Welche Möglichkeiten der Notation gibt es, welches sind ihre Vor- und Nachteile, wie vermeidet man Missverständnisse? Welche Widerstände, praktischen Schwierigkeiten, aber auch neuen Perspektiven zeigen sich? Wie kann eine Komposition akustisch optimal in den Konzertsaal projiziert werden? Wie vielseitig und leistungsfähig ist das Medium «Blasorchester»?
Solche Fragen ging die Hochschule der Künste Bern (HKB) mit der Studienwoche Komposition und Direktion für Blasorchester an (14. bis 18. November 2017). Ebenso wurden im konzentrierten Meisterkurs (Projektleitung Rolf Schumacher) Komponierende mit Master-Studierenden im Bereich Blasorchesterleitung vernetzt.
Grosse stilistische Bandbreite
Die Arbeit an den neuen Stücken begann für die Komponisten bereits vor der Studienwoche, ebenso der Austausch mit dem Dozenten für Komposition, Oliver Waespi. Die stilistische Bandbreite und Qualität der entstehenden Komposition übertraf die Erwartungen deutlich: Festzustellen waren Einflüsse aus dem Jazz, der Filmmusik, der klassischen und traditionellen Bläsermusik wie auch der zeitgenössischen Musik. So war eine höchst anregende Studienwoche zu erwarten.
Diese begann zunächst mit einem Inputreferat, insbesondere über den Aufbau und die Ästhetik des sinfonischen Blasorchesters, sowie intensivem Einzelunterricht. Verschiedene Teilnehmer arbeiteten sehr lange an ihren Kompositionsentwürfen weiter. Teilweise erst morgens um 3 Uhr wurden den Dozenten neue Skizzen übermittelt.
Gegenseitige Anregungen
Anschliessend galt es, die Entwürfe in eine aufführungsreife Form zu bringen und brauchbares Notenmaterial herzustellen. Zudem trafen die Komponierenden zum ersten Mal mit jenen Studierenden zusammen, die ihre Werke aufführen würden. Dadurch ergab sich ein wertvoller Austausch. Darauf folgte die erste ganztägige Probesession mit dem Sinfonischen Blasorchester des Schweizerischen Armeespiels. Zunächst wurden die zwei Werke für Kammerensemble geprobt: Michel Byland deutete in seinem Stück «Die erzürnten Elfen» ein Märchen der Gebrüder Grimm aus, während Pascal Gendre in seiner «Suite Nr. 1» gewissen Ästhetiken der Kammermusik für Bläser im 20. Jahrhundert nachforschte und dabei eine reiche, persönliche Ausdruckspalette entwickelte.
Dann kamen sechs Stücke für sinfonisches Blasorchester auf die Notenpulte, darunter gewisse buchstäblich erst ein, zwei Stunden vor der Probe. Michael Künstles «On the Pulse of Time» enthielt für moderne Filmmusik typische Pulsformen, Melodielinien und Klangfarben, während Tobias Fasshauer in «Invenzione alla Minuetto» ein Menuett einer zeitgenössischen Deutung unterwarf, gleichzeitig dekonstruierte und mit persönlicher Handschrift neu zusammensetzte. Anton Vinogradov erklärte sein Stück «Music op. 16a» zur Hommage an Alfred Schnittke und liess fein gezeichneten, aleatorisch notierten Gesten der Holzbläser – die das Bild eines imaginären, geheimnisvollen Dialogs evozierten – ein erschütterndes Prozessional im ganzen Orchester folgen. «Genealogy» von Timmy Schenk wiederum steht in einer spektralistischen Tradition, in der das harmonische Material aus den Obertonbestandteilen gewisser Grundklänge abgeleitet wird; hier galt es für das Orchester, einen möglichst kontrollierten Klangausgleich zu entwickeln. David Carillos Klangfarbenstück «Translucency» lebte von der Spannung zwischen Licht und Schatten, ausgehend von der Filterung, der Licht unterworfen ist, wenn es durch lichtdurchlässige Materien scheint. Loris Knüsel schliesslich brachte in «Ode an den Traktor» einen Marsch gewissermassen auf Abwege und inszenierte ihn auf originelle und formal konzentrierte Weise neu.
Interpretation als nächster Schritt
Aufgrund dieser Erfahrungen wurden gewisse Stücke überarbeitet, worauf ein weiterer intensiver Probetag folgte, nunmehr, unter der Anleitung von Philippe Bach, stärker auf Aspekte der Probenmethodik fokussiert. Bach wird übrigens als Nachfolger von Ludwig Wicki ab Frühjahr 2018 an der HKB als Gastdozent wirken. Die neuen Werke wurden durch Dirigier-Studenten Loïc Bera, Jonas Danuser, Isabelle Gschwend und Stefan Popp geprobt und am Abschlusskonzert dirigiert. Sie alle – wie auch das Armeespiel – bewiesen dabei grosse Flexibilität und Durchhaltevermögen, mussten sie doch in den komplexen Proben gleichzeitig den Ideen der Komponisten gerecht werden, Inputs der Dozierenden entgegennehmen und dabei eine persönliche Interpretation entwickeln.
Alle haben diese Aufgabe bravourös gemeistert, wie das Abschlusskonzert der Studienwoche in Kriens zeigte. Hier war nochmals die grosse Vielfalt an Kompositions- und Dirigierstilen zu hören. Letztlich wird sich vielleicht nicht jedes Werk durchsetzen. Zur Weiterentwicklung der Musikgeschichte gehören aber immer auch Umwege. Wer – wie das interessierte Publikum im Südpol – die Uraufführungen mit wachem Geist und offenen Ohren verfolgte, erhielt äusserst spannende Einblicke.
Ein Kompetenzzentrum
Damit bekräftigt die HKB ihre Stellung als führender «Hub» im Bereich der zeitgenössischen Bläsermusik, als Ausbildungszentrum für angehende Dirigenten im Spannungsfeld zwischen Tradition, Gegenwart und Zukunft des bläserischen Musizierens. Dies wird auch durch die letztjährige Schaffung eines neuen Master-Kernfachs «Komposition Harmonie und Brass Band» unterstrichen.
Auf Herbst 2018 hin können neue Anmeldungen für den Master in Komposition für Harmonie und Brass Band innerhalb der Vertiefungen von Composition&Theory an der Hochschule der Künste Bern eingereicht werden. Dieser vermutlich europaweit einzigartige Ausbildungsgang ergänzt die bisherigen Master-Vertiefungen der HKB.
Als Hauptdozierender wirkt der mehrfach ausgezeichnete Schweizer Komponist Oliver Waespi, dessen Anliegen es ist, das Komponieren für Bläserbesetzungen in einen weiteren ästhetischen Kontext zu betten.
Der Master dauert vier Semester. Nebst dem Kernfach sind die künstlerische Praxis, Theorie und Forschung, individuelle Seminare und Vorlesungen im Wahlbereich sowie die abschliessende Master-Thesis und die Verbindung zur Masterausbildung für Blasmusikdirektion (Leitung: Rolf Schumacher) wichtig.
Anmeldeschluss ist der 15. März 2018, Studienbeginn ist im September 2018.
Kontakt: Xavier Dayer, Studiengangsleiter Master of Arts in Composition & Theory
E-Mail: xavier.dayer@hkb.bfh.ch
Tel.: +41 31 848 39 84 www.hkb.bfh.ch/de/studium/master/mact
Brechts Churer Regiestuhl in Zürich
Die «Dreigroschenoper» wird zurzeit im Schauspielhaus Zürich gespielt. Parallel dazu kann im Hotel Ambassador noch bis Ende Jahr ein Sessel bestaunt werden, der Brecht 1948 während der Inszenierung seiner Bearbeitung von Sophokles’ «Antigone» als Regiestuhl gedient hat.
Musikzeitung-Redaktion
- 11. Dez. 2017
Brechts Regiestuhl im Hotel Ambassador. Foto: zVg,SMPV
Bertolt Brecht (189 –1956) ist einer der bedeutendsten deutschen Dichter und Theatermacher des 20. Jahrhunderts. Von 1947 bis 1949 lebte er in Zürich und insgesamt fünf seiner Stücke wurden in der Schweiz uraufgeführt. Mutter Courage und ihre Kinder (1941), Der gute Mensch von Sezuan (1943), Galileo Galilei (die dänische Fassung, 1943), Herr Puntila und sein Knecht Matti (1948) am Zürcher Schauspielhaus und die Antigone des Sophokles (1948) in Chur. Am damaligen Stadttheater im Churer Rätushof unter der legendären Theaterdirektion von Hans Curjel führte Brecht bei der Aufführung seiner Antigone selbst Regie. Die Probenarbeiten hatten Anfang Januar 1948 begonnen. Die Welturaufführung des Stücks erfolgte am 15. Februar 1948 unter grossem Medienaufgebot und mit viel Aufregung um den umtriebigen Weltstar der Literatur.
Nun gibt es den originalen Churer Regiestuhl von Brecht bis Ende Jahr im Kulturhotel Ambassador à l’Opera zu sehen. Und während dieser Zeit wird an der Hotelbar Bertolt Brechts Leibspeise serviert: Schnittlauchbrot!
Die vom Schweizer Saxophonisten Rico Gubler präsidierte Musikhochschule Lübeck hat zusammen mit dem Theater Lübeck als Kooperationsmodell eine für Deutschland neuartige Orchesterakademie entwickelt.
PM/Codex flores
- 08. Dez. 2017
Akademisten der neuen Lübecker Orchesterakademie (Namen s. unten) Bild: Christine Rudolf
Die neue Lübecker Orchesterakademie ist im Herbst 2017 gestartet. Ihre Besonderheit ist das Zusammenwirken der beiden Institutionen, die die Studierenden gemeinsam betreuen, während andere Orchesterakademien in der Regel nur an das Berufsorchester angegliedert sind.
Eine Verknüpfung mit der Ausbildung an einer Musikhochschule in Form eines Dreistufenmodells ist in Deutschland einzigartig. Seit September wirken die ersten Akademisten in den Konzerten und Opern des Theaters mit. Ziel ist eine bessere Verzahnung von Ausbildung und Beruf, die sich immer mehr intensiviert. Für jede Stufe müssen die Studierenden die Hürde eines Vorspiels meistern.
Rund 40 junge Musikerinnen und Musiker stellten sich der Auswahljury vor, 20 von ihnen wurden bisher in die Orchesterakademie aufgenommen. Das Projekt, bei dem die Studierenden Pauschalhonorare für ihren Einsatz erhalten, wird von beiden Institutionen mit Unterstützung der Possehl-Stiftung Lübeck finanziert.
Orchester können ihre Auswahl unter den besten Studierenden der international renommierten Musikhochschulen treffen. Auf eine Orchesterstelle bewerben sich bei den Lübecker Philharmonikern je nach Instrument rund 60 bis 100 junge Musikerinnen und Musiker. Eine exzellente Beherrschung des Instrumentes und grosse musikalische Flexibilität wird erwartet. Die Nachwuchsmusiker sollen sich integrieren und ein umfassendes Repertoire für ihren Berufsbeginn erarbeiten.
Akademisten der neuen Lübecker Orchesterakademie (v.l n.r): Caroline Spengler (Viola), Holger Roese (Schlagzeug), Julia Puls (Klarinette), Caroline Lüer (Violine). Bild: Christine Rudolf
stimmen
Was stimmt, wenns stimmt? Vom komponierten Einstimmen über das Stimmen von Instrumenten bis hin zur Frage, inwieweit Werte von Förderern und Geförderten übereinstimmen.
SMZ
- 07. Dez. 2017
Was stimmt, wenns stimmt? Vom komponierten Einstimmen über das Stimmen von Instrumenten bis hin zur Frage, inwieweit Werte von Förderern und Geförderten übereinstimmen.
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Focus
Ins Innere des Klangs Wohin uns der Vorgang des Stimmens führt
Accorder à l’oreille, c’est comme le vélo Entretien avec Julien Vernaz, accordeur de Piano
Le diapason : entre accord et désaccord
Kreieren und konsolidieren Diskussionsbeitrag zur Übereinstimmung von Werten bei Förderern und Geförderten
«Musikermedizin» ist kein Fremdwort mehr — Pia Bucher und die SMM
klaxon Kinderseite — page des enfants
FINALE
Rätsel — Pia Schwab sucht
Reihe 9
Seit Januar 2017 setzt sich Michael Kube für uns immer am 9. des Monats in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.
Hier können Sie die aktuelle Ausgabe herunterladen. Bitte geben Sie im Printarchiv den Suchbegriff «e-paper» ein. Für Abonnentinnen und Abonnenten ist der Download kostenlos.
Allen andern Interessentinnen und Interessenten wird das PDF der aktuellen Ausgabe (oder einer früheren Ausgabe) gerne per E-Mail zugestellt. Kosten: Fr. 8.-. Hier geht es weiter zur Bestellung des e-papers.
Die vollständige Neuedition, die der Carus-Verlag Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem Bach-Archiv Leipzig erarbeitet hat, umfasst 23 Bände in 3 Schubern.
Musikzeitung-Redaktion
- 07. Dez. 2017
Bach-Denkmal vor der Leipziger Thomas-Kirche. Foto: Gabriella Alu’/flickr.com,SMPV
Ab sofort gilt: Zu allen Motetten, Messen, Passionen, Oratorien und den gut 200 geistlichen Kantaten des Thomaskantors ist Notenmaterial für Chor und Orchester auf dem aktuellen Stand der Forschung erhältlich. Im Bereich der geistlichen Vokalmusik waren viele Werke letztmalig vor 50 und mehr Jahren ediert worden, noch dazu meist ohne Aufführungsmaterial.
Das geistliche Vokalwerk ist Teil der Stuttgarter Bach-Ausgabe. Carus hat grossen Wert auf die wissenschaftliche Neuedition der Noten gelegt. Die Ausgaben haben jedoch stets die Aufführung im Blick. Konsequent wurden zu allen Werken Partituren, Klavierauszüge, Chorpartituren und Orchestermaterial vorgelegt. Dirigenten, Sänger und Instrumentalisten mussten bislang auf Material aus dem 19. Jahrhundert zurückgreifen, das den heutigen Ansprüchen an eine historisch-informierte Aufführung nicht gerecht wurde. Viele der auf neuesten Erkenntnissen beruhenden Änderungen im Notentext sind durchaus hörbar und von führenden Bach-Interpreten, u.a. Frieder Bernius, Hans-Christoph Rademann und Masaaki Suzuki, auf CD eingespielt worden.
Bei der Editions der Grosswerke wurden neue editorische Wege beschritten und zum Teil auch Versionen zugänglich gemacht, die von den gängigen Fassungen abweichen. Wo es die Quellenlage erlaubte, machen nun Rekonstruktionen die Aufführung gewisser Werke erst möglich, wobei die rekonstruierten Teile im Notentext deutlich gekennzeichnet sind. Ebenso werden für die Stimmtondifferenzen zwischen den Instrumentengruppen in Bachs frühen Kantaten Lösungen angeboten.
Das geistliche Vokalwerk. Gesamtedition in 23 Bänden Herausgegeben von Ulrich Leisinger und Uwe Wolf in Zusammenarbeit mit dem Bach-Archiv Leipzig
• Format 19 x 27 cm, Klavierauszugsformat, auch zum Dirigieren geeignet • 12.500 Seiten – 248 Werke – 23 Bände – 3 Schuber • 629 € (statt 769 €; Einführungspreis gültig bis 30.6.2018) • Einzeln erhältlich: Kantaten und Motetten (2 Schuber 31.501/00), Messen, Passionen und Oratorien (1 Schuber 31.502/00)
Die Unesco hat die Basler Fasnacht in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit eingetragen. Dieser zweite Schweizer Eintrag folgt auf das 2016 eingetragene Winzerfest in Vevey.
Musikzeitung-Redaktion
- 07. Dez. 2017
Guggemuusig \“Schränz-Gritte\“ im Sujetkostüm 2006 (Bild: Markus Nägele)
Die Unesco beurteilte die Kandidatur laut Bundesamt für Kultur (BAK) als beispielhaft. Die Aufnahme auf die Repräsentative Liste verstärke die Sichtbarkeit des immateriellen Kulturerbes im städtischen Raum und unterstreiche die wichtige Rolle der Sprache, in diesem Fall des Basler Dialekts, bei der Vermittlung dieses Kulturerbes.
Im März 2016 wurde die Basler Fasnacht vom BAK bei der UNESCO als zweite Schweizer Kandidatur für die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit eingereicht. Das zwölfte Zwischenstaatliche Komitee für die Bewahrung des immateriellen Kulturerbes hat an seiner Sitzung auf der Insel Jeju (Südkorea) am 7. Dezember 2017 entscheiden, die Basler Fasnacht in die Repräsentative Liste aufzunehmen.
Stadt Genf erinnert an Dinu Lipatti
Die Stadt Genf ehrt anlässlich seines hundertsten Geburtstages den 1950 früh verstorbenen Pianisten Dinu Lipatti, mit einer Memorientafel am Haus, das er vor seinem Tod mit seiner Frau Madeleine in der Rhonestadt bewohnt hat
Musikzeitung-Redaktion
- 06. Dez. 2017
Lipatti mit Frau am 16 September 1950 in Besançon (Bild: Bibliothèque nationale de France)
Das Haus befindet sich an der Rue des Chaudronniers 7. Der rumänische Pianist wohnte dort die letzten Jahre seines Lebens. Mit der Tafel will die Stadt an das «immense Talent und seinen unverwechselbaren Stil» erinnern, der bis heute Pianistinnen und Pianisten beeinflusse. Lipatti liess sich 1943 in der Schweiz nieder und unterrichtete ab 1944 am Genfer Konservatorium im Rahmen einer Klavier-Meisterklasse.
Bei seinem letzten Auftritt am 16. September 1950 in Besançon musste er sein Konzert geschwächt abbrechen; er verabschiedete sich vom Publikum mit einer Klavierbearbeitung des Bach-Chorals «Jesus bleibet meine Freude». Er starb im Alter von 33 Jahren am 2. Dezember 1950 in Genf. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof in Chêne-Bourg.
Richard Flury – ein Romantiker?
Chris Walton hat Leben und Schaffen des Solothurner Komponisten Richard Flury (1896–1967) nachgezeichnet. Neben der ausführlichen englischsprachigen Biografie ist auch eine kurzer deutscher Abriss mit Werkverzeichnis erhältlich.
Christine Fischer
- 06. Dez. 2017
Gemälde von Cuno Amiet, 1948 (Ausschnitt aus dem Buchcover)
«S isch immer e so gsi» – das musikalische Motto Solothurns meinte Chris Walton beim Schreiben seiner lesenswerten und auf umfangreichen unveröffentlichten Materialien fussenden, englischsprachigen Richard-Flury-Biografie selbst zu hören (S. 102/3). Seine Lebenserzählung des in Biberist geborenen, in Basel, Bern und Wien ausgebildeten Komponisten, die mit einem vollständigen Verzeichnis des umfangreichen Œuvres und einer CD mit einer gelungenen Auswahl an historischen Aufnahmen und Neueinspielungen ausgestattet ist, hat sich denn auch grundlegend mit dessen selbstverordneten musikalischen Anachronismen auseinanderzusetzen.
Es dauert gute 200 unterhaltsame, reich bebilderte und strikt chronologisch gehaltene Seiten, bis Fleisch an die schon im Buchtitel genannten Romantizismen des 1896 geborenen Komponisten kommt. Ein wohltuend unterstrichener Blick von aussen auf die Deutschschweiz (Wie schmeckt Mehlsuppe? Was haben der Table Mountain und der Weissenstein gemein?) mündet in eine argumentative Herleitung des Romantikers Flury aus einem nie überwundenen Komplex der Provinzialität und konstatiert eine herbeidefinierte geistige Zuflucht, zu der sich durchaus Alternativen geboten hätten. Starke Passagen finden sich in der Verortung dieser interessanten Komponistenfigur im Schweizer Bildungs- und Musikausbildungssystem (Flury wirkte als Orchesterleiter und Kantonsschullehrer in Solothurn), auch im Vergleich mit seinen Schweizer Berufskollegen, die, im Gegensatz zu Flury, im Alter allesamt nahezu ganz verstummten (S. 95, 113).
Waltons auktoriale Perspektive, die über das Gut und Schlecht der Musik abschliessend urteilen möchte, befragt diese in letzter Konsequenz selbstisolationistisch veranlagte Figur nicht grundlegend und versetzt das Buch in ein Fortschrittsdenken, gegen das sich der Komponist gerade stellte. So werden die «modernsten» und kürzesten Werke der 1920er-Jahre mit Tendenzen in die Atonalität und Gebrauchsmusik als die besten und auch heute noch aufführenswert beschrieben.
Den besonders im Alterswerk ausgeprägten Romantizismen in der Tiefe nachzugehen, hätte wohl auch eine deutlichere Auseinandersetzung mit Flurys – wohl nicht körperlich vollzogener (S. 189)– Vorliebe für blutjunge Mädchen bedeutet, die mit einigen unangenehmen Stellen im Briefwechsel mit seinem Lehrer Ernst Kurth (S. 124) und in den Widmungen, vor allem seiner Lieder und Kammermusik, als Inspirationsquelle belegt sind. Es hätte bedeutet, eine Diskussion seiner Religiosität (mit Exkommunion nach der Scheidung und Wiederaufnahme nach Zölibatsgelübde) nicht zu scheuen, um seine geistlichen Kompositionen (und eine Verklärung dieser Mädchen in die Madonnenrolle hinein) zu verstehen. Vermutlich war dies alles nicht einfach umzusetzen bei einem Buch, das in enger Zusammenarbeit mit dem Sohn aus zweiter Ehe und mit Unterstützung der Familienstiftung entstand. «S isch immer e so gsi».
In der Kleinen Reihe der Zentralbibliothek Solothurn sind ein 30-seitiger biografischer Abriss und ein verkürztes Werkverzeichnis in deutscher Sprache erschienen: Chris Walton: Richard Flury (1896–1967). Ein Schweizer Romantiker, Kleine Reihe Band 5,
41 S., Fr. 20.00, Zentralbibliothek Solothurn, 2017, ISBN 978-3-9524247-2-8
Chris Walton: Richard Flury. The life and music of a Swiss romantic. 328 p., £ 25.00, Toccata Press, London 2017, ISBN 978-0-907689-44-7
Romantische Trouvaillen
Bei Coviello Classics ist am 1. Dezember 2017 unter dem Titel «Fantasie | Sonate» ein hörenswertes Album für Flöte und Klavier erschienen.
Niklaus Rüegg
- 05. Dez. 2017
Miriam Terragni und Catherine Sarasin (v. li.) Foto: zVg
Für die Querflöte gibt es sehr wenig Literatur aus der Romantik, darum ist es äusserst verdienstvoll, dass sich die Soloflötistin des Aargauer Symphonie Orchesters «argovia philharmonic» Miriam Terragni zusammen mit ihrer Duopartnerin, der Pianistin Catherine Sarasin auf Entdeckungstour durch die Basler und Pariser Antiquariate gemacht hat. Die Ausbeute war sehr erfreulich: Allein sechs Stücke erleben auf dieser CD ihre weltweit erste Wiedergabe auf Tonträger – und es handelt sich dabei um echte Trouvaillen aus der deutschen (Spät-)Romantik und dem französischen Fin de Siècle.
Den Anfang macht die Fantasie-Sonate in A-Dur op. 17 des Liszt-Schülers Max Meyer-Olbersleben (1850–1927). Obwohl schon mehrfach im Druck erschienen, ist diese grosse dreisätzige Sonate heute so gut wie vergessen. Eine echte Referenzaufnahme fehlte bisher. Diese Lücke darf jetzt als geschlossen gelten. Die beiden Solistinnen ziehen gleich zu Beginn alle Register und lassen ein subtiles, ausgewogenes Zusammenspiel hören. In der anspruchsvollen Ballade in gis-Moll op. 9 für Klavier desselben Komponisten vermag sich Catherine Sarasin als kompetente Solistin zu profilieren. Dem Violinvirtuosen und Konzertmeister von Wagners Gnaden am Bayreuther Festspielhaus August Wilhelmj verdanken wir die Violinstimme zu Richard Wagners kurzer Klavierromanze WWV 94, welche von Miriam Terragni wiederum auf die Flöte übertragen wurde. Von Wilhelmj selbst stammt die Ballade: Sie verbindet Anklänge an eine wagnerische Chromatik mit einer ausladenden spätromantischen Harmonik. Lili Boulangers Pièce erlebt eine träumerische Premiere, gefolgt von der besser bekannten, zart musizierten Nocturne. In Dans la forêt enchantée des Franzosen Léon Moreau (1870–1946) wird die Ruhe des Waldes und das Vorbeischwirren flirrender Sylphen (Luftgeister) plastisch dargestellt. In der Valse Lente variiert Louis Masson die gemächliche Melodie allmählich ganz filigran – mit Ohrwurmpotenzial. Deux Morceaux op. 41 von Victor Alphonse Duvernoy (1842–1907), aufgestöbert in der berühmten Pariser Rue de Rome, sind bei keinem Verlag mehr gelistet. Das Intermezzo, das dem bedeutungsschweren Lamento folgt, setzt mit seinem bezaubernd leichten Rhythmus den Schlusspunkt dieser rundum geglückten Aufnahme.