Musikforschende treffen sich in Mainz

Diese Woche findet (14. bis 17. September) in Mainz der 16. Kongress der deutschen Gesellschaft für Musikforschung statt. Er steht unter dem Motto «Wege der Musikwissenschaft» und dokumentiert so nicht zuletzt die grossen Umwälzungen des Faches mit Blick auf Digitalisierung und stilistische Öffnung.

Foto: Lichtkunst.73/pixelio.de,SMPV

Die Frage nach den Wegen, die eine wissenschaftliche Disziplin in der Vergangenheit einschlug, dann verfolgt, verlassen oder zusammengeführt hat und weiter beschreiten dürfte oder sollte, sei kaum je erschöpfend zu beantworten, schreibt die Gesellschaft. Dennoch habe sie sich entschieden, den Kongress unter dieses Motto zu stellen und damit zu einer Standortbestimmung anzuregen, die ebenso das Herkommen aktueller Themenfelder und Fragestellungen in den Blick nehme wie Optionen ihrer Weiterführung in der Zukunft diskutiere.

Ein Schwerpunkt vieler Beiträge wurde bereits in der Ausschreibung vorgegeben: die Bündelung von «Erkenntnissen und Diskussionen um Vergangenheit und gewordene Gegenwart der Musikforschung als akademische (universitäre und ausseruniversitäre) Disziplin» und deren Vertiefung «im Sinne einer Selbstreflexion als primär wissensgeschichtliche Debatte».

Doch auch die Anregung einer Diskussion zukünftiger Wege der Musikwissenschaft bezogen etwa auf Inhalte, Methoden, Medien und technische Weiterentwicklung werde vielfach aufgegriffen und finde ihren Niederschlag etwa in mehreren Panels zur Rolle der Digitalität.

Webseite der Konferenz: www.gfm2016.uni-mainz.de

In Deutschland sinkt das musikalische Niveau

Deutschland ist nach wie vor Sehnnsuchtsort vieler Musiktalente aus aller Welt. Das erste Beethoven-Kolloquium im Rahmen des Beethoven-Campus Bonn ist jedoch zum Schluss gekommen, dass die Spitzenstellung bedroht ist.

Foto: D. Braun/pixelio.de

Am Kolloquium hat eine Arbeitsgruppe rund um Martella Gutierrez-Denhoff, Leiterin der Musikpädagogik im Beethovenhaus, berichtet, dass in der musikalischen Frühförderung und im Grundschulbereich, also in der Bildung der ersten zehn Lebensjahre ein eklatanter Mangel an Fachkräften herrsche. Auch für die Weiterbildung von interessierten Erziehern und Grundschullehrern fehle es an ausgebildeten Musikpädagogen. Weder bei Erziehern noch bei Grundschullehrern gehöre eine musikalische Grundbildung zur Ausbildung. 

Eine zweite Arbeitsgruppe, geleitet von Matthias Pannes, dem Hauptgeschäftsführer des Verbandes der deutschen Musikschulen, diagnostizierte für die weiterführenden Schulen ein Hauptproblem in der Tendenz zur Ganztagsschule. Dort werde individuelles musikalisches Lernen «enorm erschwert». Musikalische Begabung und Lernbereitschaft müssten insbesondere in der Altersgruppe bis 20 viel stärker fokussiert werden, um in der internationalen Konkurrenz mithalten zu können. Qualifizierte private Musikschulen sollten hierbei viel stärker als bisher einbezogen werden. 

Eine dritte Arbeitsgruppe, angeleitet vom Rektor der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, Heinz Geuen, betonte, dass in der professionellen Ausbildung der Musikhochschulen das Gewicht der Vermittlung und Pädagogik deutlich verstärkt werden muss. Die hohe internationale Attraktivität deutscher Musikhochschulen führe zu einer laufenden Erhöhung des Anteils ausländischer Studierender, die gegenüber dem deutschen Nachwuchs oft einen grossen Vorsprung hätten.

Arbeitsort auf 1100 M.ü.M.

Die Bibliothek Andreas Züst in St. Anton, Oberegg/AI, vergibt jährlich mehrere Atelieraufenthalte für Kulturschaffende aus verschiedensten Sparten, die sich aus dem Universum der angesammelten 10 400 Bücher inspirieren lassen wollen.

Foto: Andrea Gohl

Andreas Züst (1947–2000) war eine legendäre Figur des schweizerischen und europäischen Kunstlebens. Er war Universalist mit unermüdlichem Wissensdrang und dazu ein grosser Bücherliebhaber. So vereint die Bibliothek Andreas Züst sämtliche seiner Leidenschaften in etwa 10 400 Büchern zu Themengebieten wie Wetter, Geologie, Astronomie, Physik, Botanik, Kunstgeschichte, Anthropologie, zu Polarexpeditionen, Fotografie, Malerei, Literatur, Musik, zu Kitsch, UFOs und vielem mehr.

Bibliotheken bieten seit jeher Zugang zu einem Universum möglicher Weltvorstellungen. Nach Walter Benjamin hat sogar ein bescheidenes Buch das Potenzial, ein «Buch des Schicksals» zu werden, je nachdem, welches Verhältnis sein Besitzer, seine Besitzerin zu ihm entwickelt.

In diesem Sinne schreibt die Bibliothek Andreas Züst zweimal jährlich drei Atelieraufenthalte für eine Zeitspanne von ein bis vier Wochen aus. Das Stipendium ist spartenübergreifend angelegt und richtet sich an in- und ausländische Kulturschaffende aus den Bereichen Bildende Kunst, Literatur, Neue Medien, Musik, Bühne, Tanz, Design, Architektur, Film, Foto und kunstnahen Wissenschaften. Als Unterkunft dient die Panoramaherberge Alpenhof, wo auch die Bibliothek ihren festen Platz hat. Das ehemalige Hotel, auf dem appenzellischen St. Anton gelegen, ist Kulturfrachter, beherbergt Kulturschaffende ebenso wie Besucher aus aller Welt. Der Ort ist oft belebt und manchmal überhaupt nicht und ideal als inspirierender Rückzugs- und Arbeitsort mit Raum für Austausch. 

Die Bewerberinnen und Bewerber sind aufgefordert, ihre spezifischen Interessen, ihre Motivation für einen Aufenthalt zu erläutern. Gewünscht sind Projekte, die sich mit der Bibliothek als Ganzes oder einem ihrer Teilgebiete auseinandersetzen. Das Stipendium sieht sich in der Tradition von Bibliotheken als Orten des Wissens in seiner Mannigfaltigkeit. Bewerbungsfristen sind jeweils der 31. Mai für den Aufenthalt im darauf folgenden November und der 31. Oktober für den darauf folgenden April.
 

Weitere Informationen: www.bibliothekandreaszuest.net

Internationales Saxfest in Zürich

Im März 2017 findet in Zürich das erste Schweizer Festival mit dem Schwerpunkt klassisches Saxophon statt. Hinter dem Anlass steht Lars Mlekusch, der an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und in Wien als Professor für Saxophon und Kammermusik amtet.

Foto: © Lars Mlekusch

Während drei Tagen (3. bis 5. März 2017) finden, vorwiegend in den Räumen des Toni-Areals, Lectures, Masterclasses und Konzerte in verdichteter Form statt – unter Mitwirkung zweier Altmeister der Saxophons, Frederick L. Hemke (Chicago) und Iwan Roth (Lugano) – laut Mlekusch der «Vater des klassischen Saxophons in der Schweiz» – sowie jungen Stars der Szene wie Nikita Zimin (Moskau).

Tagsüber präsentieren Studierende aller Saxophonklassen der Schweizer Hochschulen Konzerte, teilweise auch interdisziplinäre Projekte. Abends werden neben den Gästen auch erfolgreiche Alumni mit ihren aktuellen Projekten präsentiert, so beispielsweise das Ensemble Nikel mit Patrick Stadler, das Trio Saeitenwind mit Jonas Tschanz oder Too Hot To Hoot mit Kevin Juillerat aus Lausanne. 

Schwerpunkte der Konzertprogramme liegen auf zeitgenössischer Musik, inklusive einigen Uraufführungen, aber auch auf Bearbeitungen wie etwa «Le Sacre» von Stravinsky für Saxophonorchester und Schlagwerk. Zu hören ist überdies eine Performance der «Five Sax» mit Musikern aus Polen, Belgien, USA, Italien und Chile.

Musikproberaum im Kulturzentrum Reithalle

Per 1. November 2016 vermietet die Stadt St.Gallen im Kulturzentrum Reithalle einen Proberaum zu günstigen Konditionen. Der Raum ist 61 Qudratmeter gross und doppelt belegt.

Foto: NielsR/pixelio.de

Der monatliche Mietzins beträgt inklusive Nebenkosten 160 Franken pro Band. Bands, deren Mitglieder zur Mehrheit unter 20 Jahren sind, profitieren von einem reduzierten Tarif. Die Mietdauer ist auf drei Jahre befristet.

Bewerbungen können bis zum 14. Oktober 2016 an die Fachstelle Kultur, Rathaus, 9001 St.Gallen oder per E-Mail an kultur@stadt.sg.ch gerichtet werden. Die Bewerbungen sollen Angaben zu den einzelnen Bandmitgliedern (bitte Instrumente und Wohnsitz angeben) und zu den musikalischen Aktivitäten der Band enthalten. Bands mit Mitgliedern, welche in St.Gallen wohnhaft sind, haben Vorzug.

Weitere Auskünfte:
Barbara Affolter und Kristin Schmidt
Co-Leiterinnen Fachstelle Kultur der Stadt St.Gallen
071 224 51 60

Festivalauftakt mit lokalen Ensembles

Der Veranstaltungsreigen zum 130. Geburtstag von Othmar Schoeck und zum 175. Geburtstag seines Vaters, des Kunstmalers Alfred Schoeck, wurde am 1. September eröffnet.

Othmar Schoeck war Zeit seines Lebens mit Brunnen verbunden. Männerchor, Musikgesellschaft, Orchester und Singkreis Brunnen waren in ihrer Vergangenheit in der einen oder andern Form mit dem Komponisten oder seiner Familie in Kontakt. Zum Festivalauftakt musizierten diese Vereine Werke Schoecks, sinnigerweise im Hotel Waldstätterhof, woher Schoecks Mutter, die Hotelierstochter Agathe Fassbind, stammte.

Einige der von den vier Vereinen im vollbesetzten Mythensaal zu Gehör gebrachten Kompositionen hatte Schoeck für lokale Anlässe geschrieben, so den Brunner Standschützen-Marsch (1922) sowie Gesang der jungen Krieger und Chor der Priester und Priesterinnen (1906/07) für das Schwyzer Japanesenspiel 1907.
Schoeck-Biograf Chris Walton hielt die Laudatio, die den Menschen und Künstler höchst lebendig näherbrachte. Grossnichte Isabel Schoeck, Landammann Othmar Reichmuth und Kuratoriumspräsident Richard Wyrsch hiessen das Publikum willkommen und unterstrichen die Bedeutung dieses Anlasses je aus ihrer Sicht.

In der Galerie am Leewasser ist die Ausstellung «Alfred Schoeck – Abenteurer, Landschaftsmaler und Jäger» vom 27. August bis 24. September zu sehen, die das Othmar-Schoeck-Festival sozusagen einrahmt. Dieses bietet Einblick in die Lebenswelt der Familie, vermittelt und reflektiert das Werk des Komponisten. Neben Kammer- und Sinfoniekonzerten, einer Performance in der Villa Schoeck und Führungen sind besonders der Wettbewerb für Liedduo und das Symposium zur Oper Das Schloss Dürande hervorzuheben. Die Vorrunden des Wettbewerbs am 6. und 7. September sind frei zugänglich, das Schlusskonzert (Tickets im Vorverkauf) findet am 9. September statt. Das Symposium in Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste Bern, ebenfalls ohne Voranmeldung frei zugänglich, beginnt am Freitag, 9. September um 14 Uhr und dauert bis Sonntag, 11. September um 16 Uhr.

 

Olympische Spielereien

Die «Herkulesaufgaben» des Tiroler Gitarristen Robert Morandell atmen den mutig-verschmitzten Geist aufgeweckter griechischer Halbgötter, bleiben aber dennoch auf irdischer Augenhöhe.

Ausschnitt aus dem Titelblatt

Eine romantische Arpeggiostudie, ein einfacher Blues, ein jazziger Rhythmus, Akkorde aus reinen und übermässigen Quarten, ein munteres Siebenachtelstück – von allem ist etwas dabei. Die meisten der «12 + 1 Etüden auf dem Weg zum Gitarrenolymp» sind in e-Moll oder G-Dur gehalten, einige auch mit starkem chromatischem Einschlag. Direkt unter den Noten stehen rudimentäre Tabulaturen. Dies erleichtert jenen Schülerinnen und Schülern, die im Notenlesen weniger sattelfest sind, bei hohen Lagen oder vielen Vorzeichen die Orientierung auf dem Griffbrett.

Jedes Stück hat eine klare Struktur, die es dem Autor ermöglicht, mit minimalen Zusatzanweisungen Variationen vorzuschlagen, zum Beispiel ein neues Anschlagsmuster, eine andere Reihenfolge der Töne innerhalb eines Taktes oder veränderte Bindebögen. Daraus ergeben sich verschiedene Schwierigkeitsgrade, die von den Spielerinnen und Spielern in vorgegebenen Kästchen abgehakt werden können. Auch fürs Auswendigspielen, für den richtigen Fingersatz und fürs Spieltempo gibt es entsprechende Piktogramme.

Von der Aufmachung her richtet sich das Heft vorwiegend an Kinder. Die Stücke können aber geradeso gut von Jugendlichen gespielt werden. Alle Nummern sind bestimmten Gestalten oder Orten der griechischen Mythologie zugeordnet, zudem sind sie mit kurzen Kommentaren versehen. Keine Angaben gibt es über die Urheberschaft der Illustrationen – stammen sie von Morandell selbst?

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Robert Morandell, Herkulesaufgaben, 12 + 1 Etüden auf dem Weg zum Gitarrenolymp, D 35 958, € 14.50, Doblinger, Wien 2015

Licht über Schatten

Dieses Duo für zwei Querflöten von Michael Schneider verbreitet mit modernen Spieltechniken eine hoffnungsvolle Stimmung.

Foto: Andreas Heim/flickr.com

Anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung der Konzentrationslager hat der Pan-Verlag 2015 die Komposition Licht über Schatten für zwei Flöten des Komponisten Michael Schneider (*1964) veröffentlicht. Schneider, dessen Werk von Kammermusik, Vokalmusik bis hin zu Orchesterwerken reicht, erhielt schon während seiner Gymnasialzeit wichtige Anregungen bei János Tamás und studierte dann bei Dimitri Terzakis in Bern Komposition.

Licht über Schatten entstand bereits 1993 in einem Meisterkurs Komposition von Edisson Denissow während den Internationalen Musikfestwochen in Luzern, wo es noch im selben Jahr von Kathrin Rengger und Katja Marty uraufgeführt wurde. Der Komponist hat das Duo Elfriede Frank, der zweiten Ehefrau des Vaters von Anne Frank gewidmet, die selbst den Holocaust überlebte, aber ihren Mann und ihre drei Kinder verlor. Er beschreibt sie im Vorwort als vitale und aufgeschlossene Frau, über deren Leben durch den Verlust dieser Familienmitglieder ein Schatten blieb. Ein Gedicht des unter Stalin verfolgten Lyrikers Ossip Mandelstam (1891–1938) mit dem Titel In weite Ferne ist dem Stück als Motto vorangestellt. Ohnmacht und Gewalt auf der einen Seite stehen Hoffnung, Menschlichkeit und der Kraft der Poesie auf der anderen Seite gegenüber.

Der Komponist beschreibt in dem Duo mit leisen, luftdurchsetzten, zerbrechlich wirkenden Tönen eindrucksvoll Stimmungen, die inspiriert sind vom Schicksal verfolgter Menschen. Das Stück beginnt dunkel und geheimnisvoll in der tiefen Lage, wird aber im weiteren Verlauf durch die Ausweitung und Verlagerung des Tonumfangs in die zweite und dritte Oktave der Flöten, die sich im Wechselspiel beleuchten, immer heller, bewegt sich dynamisch aber immer noch im leisen Bereich zwischen pp und mf. Es kommen immer mehr Farben in den Dialog der beiden Querflöten, zunächst durch eine Flageolettmelodie in beiden Stimmen, die sich in der Oberstimme oft abwechseln, und dann noch durch gleichzeitige Multiphonics in beiden Stimmen, die fast wie Sphärenklänge tönen, wenn auch das Stück immer wieder in die tiefe Lage zurückkehrt. Der Schluss des Duetts ist frei mit Whistletönen gestaltet und erinnert an ein Flüstern der Stimmen. Licht über Schatten macht nachdenklich und ist ein eindrucksvoller Dialog, in dem durch die Klangfarben der Flöten hoffnungsvolles Licht über Schatten geworfen wird.

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Michael Schneider, Licht über Schatten, für zwei Flöten, PAN 360, € 9.00, Pan, Basel/Kassel 2015

Ein, zwei oder drei Hörner

Bekannte und noch unbekannte Stücke aus dem 18. und 19. Jahrhundert in Neu- oder Erstausgaben

Foto: Spitalfields_E1/flickr.com

Bekannte Hornwerke, die der Henle- und der Bärenreiter-Verlag in den letzten Jahren herausgegeben haben, Mozarts Hornkonzerte (HN 701–4, BA 5311–13) und das Hornquintett (HN 826) sowie Beethovens Sextett op. 81b (HN 955) und Brahms’ Horntrio (BA 9435), wurden hier bereits besprochen (SMZ 6/2004, S. 40; SMZ 4/2011, S. 38; SMZ 9/2013, S. 20). Die editorische Linie findet nun bei Henle im Erscheinen von zwei kurzen Kompositionen ihre Fortsetzung. Beide sind auch geeignet für den Unterricht fortgeschrittener Schüler:

In Glasunows Rêverie spiegelt sich die Liebe des Komponisten zum Waldhorn, dessen Spiel er sich nebst Klavier, Violine und Violoncello aneignete und es bis zur Mitwirkung im Studentenorchester brachte. Dem Werk, 1890 geschrieben und erst bei der Drucklegung von Mélodie in Rêverie umbenannt, gehen zwei weitere Kompositionen für Horn und Streicher voraus: Idyll op.14,1 und die 2. Serenade op. 11, entstanden 1884.

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Alexander Glasunow, Rêverie op. 24 für Horn und Klavier, hg. von Dominik Rahmer, HN 1285, € 7.50, G. Henle, München 2015

Das Bläserquintett op. 43 von Carl Nielsen zeigt den Komponisten als Meister in der Behandlung der Blasinstrumente: Jeder Spieler erhält hier seine eigene brillante Kadenz. Später schrieb Nielsen Konzerte für die Flöte und die Klarinette, leider blieb er uns Hornisten ein Solokonzert schuldig. Der nun neu erschienene Canto serioso war als Probespielstück für eine damals zu besetzende 4. Hornstelle am Königlichen Theater Kopenhagen in Auftrag gegeben worden. Dass es Nielsen nicht nur für ein Gelegenheitswerk hielt, beweist sein späteres Umschreiben für Violoncello.

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Carl Nielsen, Canto serioso für Horn und Klavier, Urtext hg. von Dominik Rahmer, HN 586, € 9.00, G. Henle, München 2014

In der von Doblinger herausgegebenen Reihe Diletto Musicale, sind die Sechs kleinen Stücke für drei Hornisten von Franz Alexander Pössinger (1767–1827) erschienen. Die kurzen, unterhaltsamen Kompositionen eignen sich für das Zusammenspielen unter jungen Hornisten. Sie waren vermutlich einem Hornvirtuosen der Beethovenzeit, Friedrich Hradezky, zugeeignet. Er soll in der Besetzungsliste der Wiener Fidelio-Aufführungen figuriert haben und blies 1824 vermutlich das berühmt-berüchtigte Hornsolo im 3. Satz von Beethovens Neunter Sinfonie.

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Franz Alexander Pössinger, Sechs kleine Stücke op. 30 für drei Hörner, hg. von Rudolf H. Führer, DM 1475, € 19.95, Doblinger, Wien 2014

Von Simon Scheiwiller liebevoll ediert erscheint bei Kunzelmann ein Concerto für zwei Hörner des im 18. Jahrhundert in Leibach und Graz als Kapellmeister und Musikdirektor tätig gewesenen Wenzel Wratny. Es handelt sich um ein vergnügliches, auch von fortgeschrittenen Laien oder von Naturhornspielern auszuführendes Stück.

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Wenzel Wratny , Concerto per 2 Corni da Caccia in Es-Dur, Klavierauszug und Stimmen, hg. von Simon Scheiwiller, Erstausgabe, OCT 10335a, Fr. 35.00, Edition Kunzelmann, Adliswil 2014

Angereicherter Mikrokosmos

Die grosse Welt von Bartóks kleinen Klavierstücken mit einer grossen Menge an Zusatzinformationen.

Foto: Daniel Kaiser/flickr.com

Wer den Mikrokosmos von Béla Bartók in der gewohnten Aufmachung von Boosey & Hawkes kennt, wird überrascht sein, wenn er nun die neue (und erste) Urtext-Ausgabe der Wiener Urtext Edition in den Händen hält. Aus den sechs schlanken Heften I bis VI sind drei umfangreiche Bände geworden. Diese Aufteilung mit je zwei Heften pro Band entspricht offenbar der ursprünglichen Intention Bartóks, der sie aber gegen den Verlag Boosey & Hawkes nicht durchsetzen konnte.

Dass die drei Bände so angeschwollen sind, hat aber noch andere Gründe: Jedem Band ist ein Vorwort der Herausgeber Michael Kube und Jochen Reutter vorangestellt, das sich sehr detailliert mit der Entstehungsgeschichte, den Quellen und weiteren Hintergründen des Mikrokosmos befasst. Darauf folgt das Vorwort des Komponisten.

Der Notentext selber ist raumgreifend und sehr übersichtlich gestaltet und wird zusätzlich noch mit Einblicken in Bartóks eigene Handschrift aufgelockert. Seine Anmerkungen zu den einzelnen Stücken finden sich anschliessend genauso wie umfassende und sehr lesenswerte Hinweise zur Interpretation aus der Feder von Peter Roggenkamp. Umfangreiche Kritische Anmerkungen fehlen natürlich ebenso wenig wie einige bisher unveröffentlichte Stücke und die Sonderfassungen für Bartóks Sohn Péter.

Wer also einen vertieften Einblick in den Mikrokosmos gewinnen möchte, wird hier fürstlich bedient, und das erst noch zu einem moderaten Preis. Inwieweit diese Neuausgabe die Verbreitung des Werkes für den praktischen Unterricht fördern wird, ist eine andere Frage. Da sind andere Stücke Bartóks (etwa die Sammlung Für Kinder) immer schon auf willigere Ohren gestossen. Der Mikrokosmos ist eben doch nicht primär eine Klavierschule, sondern vor allem ein Kompendium bartókscher Kompositionskunst.

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Béla Bartók, Mikrokosmos in drei Bänden, Urtext hg. von Michael Kube und Jochen Reutter, Fingersätze vom Komponisten; Band 1 (Vol 1 & 2), UT 50411, € 24.50; Band 2 (Vol 3 & 4), UT 50412, € 27.50; Band 3 (Vol 5 & 6), UT 50413, € 27.50; Wiener Urtext Edition, Schott/Universal Edition 2016

Heiter und hintergründig

«Le Chansonnier pour Mariette», Bagatellen für Klavier und die Kammerkantate «Miracles de l’enfance» von Albert Moeschinger: Werke aus drei verschiedenen Schaffensphasen.

Albert Moeschinger. Foto: Traffelet

Bereits zum dritten Mal haben die Albert-Moeschinger-Stiftung und die Edition Müller & Schade einen Tonträger mit Werken des Schweizer Komponisten vorgelegt. Der Mitschnitt eines  Konzertes im Konservatorium Bern enthält Kompositionen aus drei Schaffensperioden: die Neun Bagatellen für Klavier von 1931 – Moeschinger wirkte damals noch als Pianist, Lieder von 1950/51, aus der Periode, als er sich mit der Zwölftontechnik zu befassen begann, und die Miracles de l’enfance von 1961, ein ausgefeiltes Kammermusikwerk des Vierundsechzigjährigen.

Moeschinger, 1897 in Basel geboren, studierte nach einer Banklehre Klavier und Komposition in Bern, Leipzig und München. Nach Wanderjahren als Salonmusiker wurde er als Klavier- und Theorielehrer ans Konservatorium Bern berufen. Von 1948 an widmete er sich in Saas-Fee ganz seinen Kompositionen, wohnte ab 1956 in Ascona und verbrachte den Lebensabend in Thun.

Ein Freund des Komponisten, Hans Oesch, Ordinarius für Musikwissenschaft an der Universität Basel, hat in Moeschingers Hauptwerken einen «Zug ins Grüblerisch-Sinnierende» und im Gegensatz dazu «humorvolle und bukolisch-heitere» Elemente erkannt.

Dieses Wechselspiel bringt Simon Bucher in den Neun Bagatellen für Klavier MWV 395 ausgezeichnet zum Ausdruck. Im Chansonnier pour Mariette MWV 153 erinnert sich der Komponist im Wallis an die Begegnung mit der Sängerin Mariette Schüpfer an der Basler Fasnacht. Die intensive Beziehung spiegelt sich in Vertonungen nach Gedichten von Dante, Goethe, Alfred Tennyson, Trakl, Gabriele D’Annunzio und Eugen Roth, die in der lebendigen Interpretation der Altistin Barbara Magdalena Erni zum köstlichen Vergnügen werden.

Die Kammerkantate Miracles de l’enfance MWV 97 für Singstimme, fünf Holzbläser, Harfe, Schlagzeug und Kontrabass nach Gedichten französischer und belgischer Kriegskinder, Texten, die Moeschinger in einer unter dem Titel Zauber der Kindheit erschienenen Sammlung gefunden hatte, ist in lautmalerischen Passagen voll hintergründiger Trauer. Sie wird von Barbara Magdalena Erni und vor allem von der Leiterin des ganzen Projektes, Helene Ringgenberg, exemplarisch nachvollzogen.

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Albert Moeschinger: Le Chansonnier pour Mariette, Neun Bagatellen, Miracles de l’enfance. Barbara Magdalena Erni, Alt; Simon Bucher, Klavier; Instrumentalensemble; Leitung Helene Ringgenberg. Müller & Schade M&S 5085.02

Ein Orchester aus vier Händen

Das Klavierduo Adrienne Soós & Ivo Haag ist daran, die vier Sinfonien von Johannes Brahms in dessen eigenen, vierhändigen Klavierarrangements einzuspielen. Die erste CD mit der Sinfonie Nr. 2 überrascht in mehrerer Hinsicht.

Adrienne Soós und Ivo Haag. Foto: zvg

Ob vierhändig oder an zwei Klavieren, das Klavierduo Adrienne Soós & Ivo Haag ist auf hohem pianistischem Niveau immer für Überraschungen gut. Die beiden forschen im grossen Fundus brachliegender Klavierarrangements aus dem 19. Jahrhundert, die ausgedient haben, weil es heute Tonträger gibt. Damals lernte man in den bürgerlichen Salons nämlich auch neue Sinfonien Klavier spielend kennen.

Dabei finden Soós & Haag immer wieder gehaltvolle Kostbarkeiten, auf ihren Instinkt kann man sich verlassen. Auf der vorliegenden CD ist es die lyrisch verspielte Sonate g-Moll für vierhändiges Klavier op. 17 von Hermann Goetz (1840–1876). Goetz stammte aus Königsberg, wirkte später aber als Organist, Musiklehrer und Kritiker in Winterthur und Zürich. Hier traf er auch auf Johannes Brahms.

Das Hauptwerk dieser CD ist die 2. Sinfonie von Brahms, vom Meister eigenhändig für Klavier vierhändig arrangiert. Die beiden Pianisten offenbaren in dieser Aufnahme die Originalität von Brahms’ Klaviersatz. Der kompakte sinfonische Satz bekommt auch in den ruhigen, statischen Momenten – etwa zu Beginn des Adagio non troppo – eine durchhörbare Struktur, und pedaltechnisch wird der Klang der virtuosen Akkordik nie aufgebauscht oder verwischt.
Interessant ist auch die differenzierte orchestrale Farbgebung: etwa die für Brahms typischen «singenden» Violinen mit weitatmig phrasiertem Legato, oder dann die weichen, dunklen Bläser. Die volksliedhafte Thematik wird freudig frisch präsentiert, und so homogen das Duo zum Gesamtklang verschmilzt, so feinfühlig, rhythmisch federnd und auf das Detail bedacht kostet es die Dialoge aus.

Ganz anders ist der Satz in Goetz‘ Originalkomposition für vierhändiges Klavier. Die zwei Klavierparts sind intimer verwoben, zart und leicht im Ton. Hier geht es nicht mehr um das grosse Orchester, hier findet ein lineares, perliges Widerspiel der beiden Pianisten statt: einfallsreich, fantasievoll und dramaturgisch raffiniert. Adrienne Soós und Ivo Haag präsentieren das charmant und inspiriert, und sie formulieren den Gehalt dieser Sonate plastisch aus. Clara Schumanns Marsch Es-Dur für Klavier zu vier Händen, eine neckisch-virtuose Gelegenheitskomposition, setzt dieser hörenswerten CD einen kecken Schlusspunkt.

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Piano Duo Adrienne Soós & Ivo Haag: Johannes Brahms, Sinfonie Nr. 2; Hermann Goetz, Sonata g-Moll op. 17; Clara Schumann, Marsch Es-Dur. telos music TLS 218

aufbewahren

Wie konserviert man Musik? Und was wird aufbewahrt? Wir blicken ins Notenarchiv von Reto Parolari, fragen nach der Lebensdauer von Digitalisaten, wundern uns über Technik, die Töne haltbar machte, staunen über das Archiv des Jazz-Festivals von Montreux und erfahren, wie es vor knapp dreissig Jahren zur Schweizerischen Nationalphonothek kam.

aufbewahren

Wie konserviert man Musik? Und was wird aufbewahrt? Wir blicken ins Notenarchiv von Reto Parolari, fragen nach der Lebensdauer von Digitalisaten, wundern uns über Technik, die Töne haltbar machte, staunen über das Archiv des Jazz-Festivals von Montreux und erfahren, wie es vor knapp dreissig Jahren zur Schweizerischen Nationalphonothek kam.

Alle blau markierten Artikel können durch Anklicken direkt auf der Website gelesen werden. Alle andern Inhalte finden sich ausschliesslich in der gedruckten Ausgabe oder im e-paper

Focus

Digitalisiert für die Ewigkeit?

Conserver la musique : quand l’éphémère devint éternel
Complément sur les premiers enregistrements en Suisse

La Fonoteca nazionale svizzera, storia di un preché
Traduction française

100 000 Titel — im Notenarchiv von Reto Parolari

Le Montreux Jazz Festival archivé par lʼEPFL — entretien avec Alain Dufaux

Was bleibt? — Konzerterinnerungen aufbewahren
Ausführliche Version des Artikels
 

… und ausserdem

RESONANCE


Den Klang sichtbar gemacht
— Bernhard Päuler zum Gedenken

Zugunruhe : une migration — participants recherchés

Guitare, arpeggione et piano-forte

Konservativer Anarchistenfreund — Adolf Reichel und sein Werk

Selbstkritik wäre gut – Selbstreflexion noch besser  —  Urs Frauchiger über die bittere Folgenlosigkeit der Musikinitiative

«Familienzone» — Davos Festival vom 6. bis 21. August

«Zusammenklang»  — Konzert mit 118 Kirchenglocken in St. Gallen

«Er-Innerung» — 10. Musiktage in Valendas

«Nationaloper»  — Schweizerpsalm in Berlin

Carte blanche für Michael Eidenbenz

Rezensionen — Neuerscheinungen
 

CAMPUS


Olivier Faller s’en est allé, mais ses idées continuent à voguer ici-bas

Au rythme d’une journée de rythmique pour seniors

Stimmen emotional programmieren — Brett Mannings Gesangsmethode

klaxon — Kinderseite (PDF)

Rezensionen Lehrmittel — Neuerscheinungen
 

FINALE


Rätsel 
—  Pia Schwab sucht 

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Was bleibt?

Welche Erinnerung bleibt von klassischen Konzert- oder Opernaufführungen? Ein passionierter Musikliebhaber hat seine Hörerlebnisse in einer Datenbank systematisch erfasst.

Foto: Daniel Stricker/pixelio.de
Was bleibt?

Welche Erinnerung bleibt von klassischen Konzert- oder Opernaufführungen? Ein passionierter Musikliebhaber hat seine Hörerlebnisse in einer Datenbank systematisch erfasst.

Musikaufführungen sind vergängliche Ereignisse, oft lagern im Kopf des Zuhörers nur bruchstückhafte, meist optische Erscheinungen, z. B. ein besonders gestenreicher Dirigent oder eine ungewöhnliche Orchesteraufstellung. Akustische Vorgänge im Gedächtnis zu halten ist schwierig, mit Übung geht’s besser, aber der Eindruck bleibt flüchtig. Der Wunsch, das Hörerlebnis der erlebten Aufführungen durch einen, wenn auch nur wenig aussagekräftigen Hinweis gewissermassen zu verewigen, hat mich bewogen, bei jeder Aufführung eines klassischen Musikstückes, die ich erleben konnte, Zeit, Ort und Interpreten in der Partitur einzutragen. In Ergänzung dieser Rohdaten findet man in meinen Partituren auch detaillierte Angaben, z. B. über Wiederholungen, Kürzungen (kommen heute nur noch selten vor), dynamische, agogische, metrische Besonderheiten. Die Zeitmessung der einzelnen Sätze habe ich ebenfalls eingetragen, sie ist letztlich das einzige «harte» Kriterium, das eine Aufführung objektiv kennzeichnet. Mit der Zeit ist so ein grosser Datenberg entstanden, den ich mit dem Mittel moderner Computertechnik greif- und analysierbar machen wollte. Nach mehreren fruchtlosen Versuchen ist es gelungen, durch komplexe Programmierung¹ als File-/Server-Lösung für Windows 7 und Microsoft Access 2010 eine Datenbank mit überaus flexiblen Abfragemöglichkeiten zu erstellen. Über die Website almamusica.org kann auf die Daten zugegriffen werden.

Was ist gespeichert?
Vorerst bedarf der Sammelmechanismus eines Kommentars. Es ist evident, dass die dokumentierten Aufführungen, weil immer nur von einer einzigen Person verfolgt, auf einer persönlich bestimmten Selektion beruhen. Abwesenheit, Arbeitsbelastung, Zeitmangel aus familiären und beruflichen Gründen, nicht zuletzt auch gewisse persönliche Vorlieben für Komponisten oder Werkgattungen haben den Dokumentationsprozess weitgehend beeinflusst. Die frühesten Einträge stammen von 1953/54; bis heute sind ganz unterschiedliche Jahres-Aufführungszahlen vorgekommen (so etwa 43 Einträge 1977 gegen 525 im Jahr 1954). Da immer noch einige Werke nicht in die Datenbank aufgenommen sind, (vor allem Kammermusik), gibt es zusätzliche Lücken in der Dokumentation. Eine erste Übersicht² zeigt die wesentlichen Parameter und ihre Anzahl:

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Eine dokumentierte Aufführung enthält also mindestens folgende Parameter: Datum (kann bei Schallplatten/CD/Radio-Aufnahmen oft nicht ermittelt werden); Art der Aufführung (live, ab CD, Radio-Übertragung); Ort (Land/Nation); Interpreten (aufgeschlüsselt nach Funktion und mit Angabe von allenfalls charakterisierten Rollen in Oper und Oratorium).

Ergebnisse
Die erste Tabelle gibt Aufschluss über die Art des Hörerlebnisses:

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Auffallend ist der verhältnismässig geringe Anteil von Live-Ereignissen und CD- oder LP-Erfahrungen. Im Gegensatz dazu sieht man ein massives Überwiegen von Rundfunk-Produktionen (sowohl direkt wie auch zu einem späteren Zeitpunkt).

Die folgenden Tabellen zeigen jeweils nur die am häufigsten vorkommenden Ereignisse, da die «am seltensten vorkommenden» Hinweise kaum aussagekräftig sind.

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Auffallend ist die absolut und relativ hohe Frequenz von Opern-Aufführungen, besonders von Richard Wagner, die sich durch den Besuch namhafter Bühnen (regelmässig in Bayreuth von 1985–2015, Wien, Zürich) erklären lässt. Die am häufigsten gehörten Opern sind:³

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Über die Gattungsgrenzen hinweg wurden am häufigsten gehört:

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Die Häufigkeit von Werken des 20. Jahrhunderts:

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Ein interessantes Kapitel sind Analysen zur geografischen Verteilung der Aufführungen: Ausgehend von einem Gesamt-Mittelwert erscheinen so die Abweichungen (häufiger/seltener), am interessantesten für Komponisten: Nicht unerwartet bestehen für die Wiener Klassik (Haydn, Mozart, Beethoven) keine wesentlichen geografischen Unterschiede (mit Ausnahme einer deutlich erhöhten Beliebtheit für Haydn in England). Für Bruckner finden wir ein deutliches Übergewicht in Österreich, Deutschland und geringe Zahlen in USA, England und Frankreich, Brahms ist in allen Ländern dem Durchschnitt entsprechend vertreten mit Ausnahme einer signifikanten Häufung in der Schweiz. Die Zusammenstellung der Resultate für Komponisten des 20. Jahrhunderts (klassische Moderne) ergibt z. B. für Schönberg wenig Abweichungen, ausser einer erstaunlichen Häufung in Frankreich, für Messiaen einen Vorsprung in England und deutlich in Frankreich. Bemerkenswert ist der «Fall Hindemith» mit teilweise grossen Rückständen in England und USA, kompensiert durch massive Häufung in Deutschland und, etwas weniger ausgeprägt, in der Schweiz.

Fazit
Die Ergebnisse sind wohl für einen «mittleren Klassikliebhaber» mit einer Vorliebe für Oper einigermassen repräsentativ. Leider gibt es in der mir bekannten Literatur seit der Einstellung des Konzert-Almanachs, der vom Heel-Verlag (Königswinter) von 1981–2002 jedes Jahr einen vollständigen Überblick über die Programme klassischer Musik in deutschen Sprachraum anbot, keine umfassende Darstellung von Konzert- und/oder Opernaufführungen mehr.(4) Dank der aufwendigen Programmierung ist unsere Datenbank vielseitig verwendbar und enthält Informationen, die Anlass zum Nachdenken oder sich wundern sein können.

 
Anmerkungen

¹ Ich danke Herrn René Panzeri von der CreLog GmbH, Dietikon, für die sorgfältige Ausarbeitung des Projektes und für seine unbeirrbare Unterstützung meines Vorhabens.

² Alle Zahlenangaben beziehen sich auf das Datum 1. Juli 2016.

³ In einer neuen Arbeit werden Aufführungsstatistik, Regieästhetik und Publikumsverhalten anhand von aktuellen Opernproduktionen weltweit, mit Schwergewicht Deutschland behandelt. Sven Friedrich: Das phantasmagorische Kunstwerk – Tendenzen und Perspektiven der Opernregie, in: Wagnerspektrum 12, I 2016, S. 161-197.

4 Unter http://www.univie.ac.at/nsw/sachgruppen/780.html ist eine Übersicht über sämtliche Spielarten von Referenzwerken zum (nicht nur) klassischen Musikbetrieb einsehbar. Man findet über 280 Einträge, vor allem Werkverzeichnisse, Lexika, Kataloge, Handbücher.
 

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Autor
Rudolf P. Baumann, in einem musikalischen Elternhaus aufgewachsen, hat dank Klavierstunden und regelmässige Konzertbesuche schon früh die Welt der klassischen Musik kennengelernt. Prägend war der Unterricht bei Armin Schibler, Musiklehrer am Literargymnasium Zürich. Schon als Schüler begann er, die besuchten Aufführungen zu dokumentieren. Als Dr. med. leitete er von 1969 bis 2001 das Institut für pathologische Anatomie in Neuenburg.
 

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Tango und Kontrapunkte

Auf ihrem Erstling «Puerta Sur» widmeten sich Marcela Arroyo, Andreas Engler und Daniel Schläppi ganz dem Tango. Jetzt, sieben Jahre später, öffnet das Trio seine Musik und findet dabei zu noch grösserer Ausdrucksstärke.

Marcela Arroyo, Andreas Engler und Daniel Schläppi. Foto: zvg

Nach ihrem Album New Tango Songbook von 2014 wendet sich Marcela Arroyo wieder ihrer Zusammenarbeit mit Violinist Andreas Engler und Kontrabassist Daniel Schläppi zu, die sich 2009 bereits in der gemeinsamen CD Puerta Sur niederschlug. Während dieses Werk reizvolle Einblicke in argentinische Soundlandschaften ermöglichte, erweist sich der Nachfolger Tres Mil Uno als stilistisch breiter; er widmet sich nicht nur Liedern aus Arroyos Heimat, sondern auch Kompositionen europäischer Provenienz – wie dem Tucholsky-Gedicht Sie, zu ihm, das von Kolsimcha-Gründer Michael Heitzler ursprünglich für Xavier Kollers Literaturverfilmung Gripsholm (2000) vertont wurde.

In der Bearbeitung von Arroyo, Engler und Schläppi verströmt das Stück mehr als bloss einen Hauch Melancholie und lässt en passant die Welt der Dreissigerjahre wiederauferstehen und nachfühlen. Mal wird die Geige gezupft, mal aufs Zärtlichste gestrichen, aber stets umgarnt das Instrument die Stimme der Sängerin, in der sowohl Humor als auch Hoffnung und Liebesverzweiflung zum Ausdruck kommen. Die drei Musiker schnuppern nur zu gerne auch an anderen Genres, verlieren aber den Tango nie aus dem Fokus: Während Preludio para el año 3001 aus der Feder von Horacio Ferrer (Text) und Astor Piazzolla (Musik) – für dessen Œuvre Arroyo schwärmt – insbesondere durch seine anmutigen Farben gefällt, besticht Oblivion durch das Aufeinanderprallen von rauchigem Gesang und den Wehmutsklängen von Kontrabass und Violine.

Die insgesamt 15 Songs sind voller Leidenschaft. Das Trio versteht es jedoch, diese bei Bedarf auch zu zähmen, und obwohl es sein Flair für die Tangomusik nie versteckt, setzt es immer wieder Kontrapunkte aus Fado, Klezmer oder Blues. Trotz ihrer stilistischen Vielfalt wirkt die Platte nie überfrachtet, im Gegenteil: Die Nummern präsentieren sich ebenso entschlackt wie filigran. Das nutzen Arroyo, Engler und Schläppi zu charmanten und agilen Wechselspielen, klugen Improvisationen und zeigen grosse Ausdruckskraft.

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Marcela Arroyo (voc), Andreas Engler (vl), Daniel Schläppi (kb): Tres Mil Uno. CATWALK / CW 160016-2, www.marcela-arroyo.com

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