Kostbare neue alte Melodien

Mit diesen leichten Bearbeitungen für zwei Geigen und Cello macht frühes Ensemblespiel Spass.

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Ursula Erhart-Schwertmann hat bei den berühmten barocken, klassischen und romantischen Komponisten noch unbekannte Melodien gefunden, für zwei Violinen und Cello bearbeitet und mit ausgezeichneten Bogenstrichen versehen. Wie im ersten Heft darf auch der eine oder andere Ohrwurm dabeisein, hier Bizets Carmen-Habanera und Mozarts Luci care…

Die Tonarten bewegen sich zwischen 3 b und 3 Kreuzen, für die Fingersätze der selten benötigten 2.-4. Lagen muss die Lehrperson helfen. Die Schätze können kammermusikalisch und im Ensemblespiel gehoben werden.

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Erstes Triospiel – Leichte Bearbeitungen für 2 Violinen und Violoncello, Heft 2, hg. von Ursula Erhart-Schwertmann, Partitur und Stimmen, D 06042, € 24.95, Doblinger, Wien 2012

Orff-Instrumente spielen – nicht schlagen

Micaela Grüner stellt in ihrem Buch 48 Schlaginstrumente und die richtige Spielweise vor.

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«Ich strebte die Aktivierung des Schülers durch Selbstmusizieren, das heisst durch Improvisieren und Entwerfen eigener Musik an. So wollte ich nicht eine Ausbildung an hochentwickelten Kunstinstrumenten, sondern eine solche an vorzüglich rhythmisch orientierten und verhältnismässig leicht erlernbaren, primitiven, körpernahen Instrumenten.» – Carl Orff (1895-1982) war ein Pionier. Sein Schulwerk revolutionierte die Musikpädagogik und brachte neue Ansätze in den Unterricht, weit über das gemeinhin übliche Singen hinaus: «Elementare Musik ist nie Musik allein, sie ist mit Bewegung, Tanz und Sprache verbunden, sie ist eine Musik, die man selbst tun muss, in die man nicht als Hörer, sondern als Mitspieler einbezogen ist.» Seine Gefährtin Gunid Kneetman fügt hinzu: «Diese Einheit (…) ist (…) nur noch bei Kindern vorhanden. Sie ihnen zu erhalten und weiterzuentwickeln ist eine Hauptaufgabe, die sich die Schulwerk-Arbeit gestellt hat.»

In jeder Schule von heute finden sich «Orff-Instrumente». Erfunden hat Carl Orff sie allerdings nicht, weder das Xylofon noch den Schellenkranz. Aber er hat die Schlaginstrumente zusammengestellt für seinen Unterricht, zuerst für seine Studentinnen in ihrer Ausbildung für Gymnastik, Musik und Tanz, dann für den Einsatz mit Kindern. Und genau genommen dürfe der Name «Orff-Instrumentarium» nur für die Stabspiele verwendet werden, die Orff in Zusammenarbeit mit dem Münchner Instrumentenbauer Karl Maendler entwickelte, meint Autorin Micaela Grüner. 48 verschiedene Schlaginstrumente stellt sie in ihrem Buch vor, aufgeteilt in Stabspiele (Glockenspiel, Xylofon), Fellinstrumente (Trommeln), Kleines Schlagwerk (Claves, Triangel, Rasseln) und Erweiterte Orff-Instrumente (Latin Percussion, Boomwhackers). Diese Einteilung ist zwar weder wissenschaftlich (Instrumente geordnet nach dem klingenden Teil) noch besonders unterrichtspraktisch (was man in den Schulzimmern so findet). Aber sie zeigt die Entwicklung des Instrumentariums auf, vom Kern bis zu den Erweiterungen.

In Kapitel 2 werden Handhabung und Spielweise anschaulich beschrieben und illustriert. Das ist gut, denn Schlaginstrumente haben ein Problem: Man schlägt sie, anstatt sie zu spielen. Dabei sind sie genau so klangsensibel wie ein Klavier oder eine Geige. Wo auf dem Fell muss die Hand aufschlagen, damit die Trommel am vollsten klingt? Welcher Schlag entlockt ihr den lautesten Klang, welcher den trockensten? Und wie nimmt man eine Kabassa eigentlich richtig in die Hand, wie hält man eine Guiro? Überhaupt: Wie macht man damit Musik? Das Kapitel 4, «Mit Orff-Instrumenten spielen», bringt Rhythmuslinien und ganze Spielsätze, welche die Klangvielfalt der Schlagzeuge schön aufzeigen. Und es werden viele unterrichtspraktische Spielideen vorgestellt. Orientierungshören im Raum, Klangketten bilden, Wetterspiele und grafische Notation, Trommelgespräche, Texte und Geschichten verklanglichen. Alle diese Anregungen sind gut beschrieben – in Wort, Bild und Ton – und leicht umzusetzen. Besonders interessant: die Tonbeispiele auf der CD mit Kompositionen von Orff selber!Image

Micaela Grüner: Orff-Instrumente – und wie man sie spielt, Ein Handbuch für junge, alte, kleine und grosse Hände, ED 21039, 128 S., mit CD, € 24.95, Schott, Mainz 2011

Ein Hauch von chopinscher Wehmut

Rezension: Die Klavierwerke von Franz Xaver Mozart weisen in die Frühromantik. Karsten Nottelmann hat sie in zwei Bänden im Henle-Verlag neu herausgegeben.

Franz Xaver Mozart. Gemälde von Karl Schweikart, Lemberg, um 1825. Quelle: wikimedia commons

Franz Xaver Wolfgang Mozart (1791–1844) war ein beachtlicher Pianist und Komponist. Ausgebildet unter anderem bei Johann Nepomuk Hummel und Antonio Salieri, verliess er seine Geburtsstadt Wien bereits 1808 in Richtung Galizien, wo er sich in Lemberg (heute Lwiw in der Ukraine) niederliess. Immer schon als «W. A. Mozarts Sohn» gefeiert, setzte er sich auch kompositorisch mit dem Erbe des Vaters auseinander. Dabei sind wohl weniger seine Don-Giovanni-Variationen von Interesse, bei welchen der erst 14-Jährige dem Menuett aus der Oper viel leeres Tastengeklingel zumutet, als vielmehr die Kadenzen und Auszierungen, die er zu einigen Klavierkonzerten seines Vaters schrieb. Harmonik und pianistische Schreibweise sind hier zum Teil bereits sehr von der Frühromantik geprägt.

Musikalisch am überzeugensten ist F. X. Mozart dann (wen wunderts?), wenn er sich nicht an die Musik seines Vaters anlehnt und sich beispielsweise von der Folklore seiner galizischen Umgebung inspirieren lässt. So geschehen in den Polonaises mélancholiques op. 17 und 22. Da weht schon ein Hauch von chopinscher Eleganz und Wehmut…

All diese Werke und vieles mehr (darunter auch zwei «Diabellivariationen») hat der G. Henle-Verlag nun in zwei schön gestalteten und sehr handlichen Bänden herausgebracht.Image

Franz Xaver Mozart: Sämtliche Klavierwerke, Urtext hg. von Karsten Nottelman, Fingersatz von Rolf Koenen; Band 1, HN 958; Band 2, HN 959; je € 22.00, G. Henle, München 2011/12

Sogar Liszt hatte zuwenige Finger dafür

Rezension: Gabriel Faurés überaus komplexe «Ballade» op. 19 ist in der grossformatigen Ausgabe von Christoph Grabowski deutlich besser lesbar.

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«Sa complexité formelle, sa densité d’écriture, sa richesse harmonique, sa variété émotionnelle et ses difficultés techniques considérables placent cette composition parmi les plus difficiles du répertoire pianistique du 19e siècle.» Dieses Urteil Philipp Faurés über die Ballade op.19 seines Vaters mag heutzutage etwas übertrieben klingen. Tatsache ist, dass sie zu Gabriel Faurés repräsentativsten und ambitioniertesten Klavierwerken gehört.

Was die pianistischen Schwierigkeiten anbetrifft, hat kein geringerer als Franz Liszt dem Komponisten mit dem ihm eigenen Charme geklagt, mehr Finger habe er nicht. Liszt war es vermutlich auch, der zu einer Umarbeitung riet. Fauré nahm sich diesen Rat offenbar zu Herzen, und so kennt man das Werk heute eher in der Fassung für Klavier und Orchester.
Der Bärenreiter-Verlag hat gut daran getan, die Originalfassung im Grossformat herauszubringen. Faurés komlpex versponnener Klaviersatz ist so doch viel angenehmer zu lesen. Christophe Grabowski hat als Herausgeber nicht nur ein lesenswertes Vorwort, sondern auch anregende Interpretationshinweise aus der Feder von Philipp Fauré und der Pianistin Marguerite Long beigefügt.

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Gabriel Fauré: Ballade op. 19, Urtext hg. von Christophe Grabowski, BA 10841, € 12.95, Bärenreiter, Kassel 2012

Blick in Faurés Werkstatt

Rezension: Eine neue Ausgabe der Violinsonate op. 13 ermöglicht eigene Entscheidungen bezüglich Bindung und Dynamik.

Gabriel Fauré, Ölbild von Ernest Joseph Laurent. Quelle: wikimedia commons

Zu Recht hat der eine halbe Generation ältere Camille Saint-Saëns die1877 erschienene erste Violinsonate von Fauré überschwänglich gelobt: «… und über allem schwebt ein Zauber, … der die Masse der gewöhnlichen Zuhörer dazu bringt, die wildesten Kühnheiten als ganz normale Sache zu akzeptieren …» Sie steht ganz vorne im Repertoire der Konzertierenden. Fauré war 1774 zum Sekretär der Société nationale de musique berufen worden, die sich dem «renouveau» des französischen Musiklebens verschrieben hatte im Wettstreit zur deutschen Instrumentalmusik. Dies steht unter Anderem im interessanten Vorwort dieser Neuausgabe. Der Urtext von Henle vergleicht den Erstdruck von Breitkopf & Härtel mit den autografen Skizzen und zeigt Differenzen in Bindebogen und Dynamik auf, die beim Erarbeiten des Werkes zu erwägen sind; es ist ein Blick in Faurés Werkstatt. Neben der Urtext-Violinstimme steht eine Einrichtung von Igor Ozim zur Verfügung. Ozim sucht die richtigen Farben der Saiten auf und passt die Bogenstriche der Dynamik an. Manchmal verwendet er vorsichtige Saitenwechsel für spannende Intervalle, die expressiver auf einer Saite wirken würden.Image

Gabriel Fauré: Sonate Nr. 1 A-Dur op. 13, Urtext hg. von Fabian Kolb,mit zusätzlicher bezeichneter Violinstimme von Igor Ozim, Partitur und Stimmen, HN 980, € 21.00, G. Henle Verlag, München 2012

Heitere Wehmut

Die Sängerin Esther Ackermann scheint bei diesen Lieder nicht an die Zuhörer zu denken – zur Freude der Zuhörer.

Esther Ackermann. Ausschnitt aus dem CD-Cover

In Südfrankreich mit jüdisch-spanischen Wurzeln geboren, sog die in Genf lebende Sängerin Esther Ackermann in ihrer Kindheit die jüdischen Lieder regelrecht auf, die ihr die Mutter zum Einschlafen sang. So erzählt sie. Fasziniert von der Musikalität der Sprache soll sie mit sieben Jahren ihr erstes Gedicht geschrieben haben. Nun, fast 40 Jahre später, hat sie diese Lieder mit dem Gitarristen Paco Chambi unter dem Titel A la una yo naci eingespielt. Es ist ein kurzes Album mit zwölf Stücken – totale Spielzeit gerade mal 31 Minuten – geworden, auf dem sie mit grosser Zartheit die Kindheit und die jüdische Kultur besingt. Und sie tut es intensiv und konzentriert und mit so kindlicher Lust, als ob sie einfach nur für sich beim Gemüserüsten vor dem Haus unter einem schattigen Baum singen würde. Das schafft eine eindringliche Intimität, die umso mehr berührt, als sie den Zuhörer in eine Welt eintauchen lässt, die Sehnsüchte weckt, ohne in volkstümliche Süsslichkeit zu verfallen. Vielleicht ist es die heitere Wehmut ihrer Lieder, dass daraus eine sehr persönliches Album geworden ist. Es hat, was schöne und gute Musik ausmacht: Sie vermag uns zu berühren.

Die einfachen Lieder werden von einer klassischen Gitarre unaufdringlich und mit viel Gespür in folkloristisch-jazzigem Stil begleitet. Mehr braucht diese Musik nicht. Und so hat man man schnell das Gefühl: Hier musizieren zwei Künstler, denen es nie um technische Aufdringlichkeit und Raffinesse geht, sondern einzig um Ausdruck. Passend dazu ein Glas Wein am Bistrotisch und den Traum, irgendwo nach Süden zu entfliehen. – Zum Glück gibt es für A la una yo naci die Repeat-Taste.

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Esther Ackermann: A la una yo naci. Chant traditionnels Judeo-Espagnols, Disques VDE-Gallo, VDE CD-1369

Karriere

Aufsteigen, umsteigen aussteigen … Wir fragen Menschen am Anfang, in der Mitte und gegen Ende ihres Musikerlebens, was Karriere für sie bedeutet. Wie wird man Leiter eines Jazzfestivals? Und was lernt man an der Graduate School of the Arts?

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Karriere

Aufsteigen, umsteigen aussteigen … Wir fragen Menschen am Anfang, in der Mitte und gegen Ende ihres Musikerlebens, was Karriere für sie bedeutet. Wie wird man Leiter eines Jazzfestivals? Und was lernt man an der Graduate School of the Arts?

Focus

Einsteigen, aufsteigen, umsteigen
Musikerinnen und Musiker blicken auf ihre Laufbahn.
Ausführliche Interviews

An der Spitze eines grossen Orchesters
Porträt der Dirigentin Marin Alsop  
Online-Reportage: Orquestra Sinfônica do Estado de Sao Paulo

Une carrière de directeurs de festival
Serge et Francine Wintsch
Deutsche Zusammenfassung

«Gesangskarrieren haben eigene Gesetze»
Die Künstleragentin Rita Schütz im Interview

Ein Hybrid zwischen Wissenschaft und Kunst
Doktorieren an der Graduate School of the Arts in Bern

… und ausserdem

CAMPUS

La formation Willems rejoint les HEM

Un stage aux archives musicales
Le fonds Clara Haskil à la BCUL

Rezensionen Unterrichtsliteratur

FINALE

Rätsel Pia Schwab sucht …

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Festivalleiter – eine Karriere im Bluenote-Fieber

Seit 20 Jahren leiten Serge und Francine Wintsch das Festival JazzOnze+ in Lausanne. Wie erleben sie ihre ebenso anstrengende wie anregende Aufgabe?

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Festivalleiter – eine Karriere im Bluenote-Fieber

Seit 20 Jahren leiten Serge und Francine Wintsch das Festival JazzOnze+ in Lausanne. Wie erleben sie ihre ebenso anstrengende wie anregende Aufgabe?

Es gibt keine Ausbildung für angehende Leiterinnen und Leiter eines Festivals. Die meisten lernen es, während sie schon leidenschaftlich an der Arbeit sind, wie Serge und Francine Wintsch. Ihre Verbundenheit mit ihrem Festival ist eine Art Liebesgeschichte. Mit glänzenden Augen erzählen sie vom Programm, das sie für die diesjährige Ausgabe im Herbst zusammengestellt haben, für vier Abende mit rund zehn Konzerten.

Ihre ersten Karriereschritte waren für die jetzige Aufgabe sehr nützlich: Francine ist gelernte Typografin und war für die Werbung einer grossen Firma zuständig. Serge war Chef eines Architekturbüros, und er ist auch Musiker. Um zu spielen, musste er oft selbst organisieren: Auftrittsmöglichkeit suchen, Mitspieler zusammentrommeln, sich um Honorare und Mahlzeiten kümmern. Als sie sich begegneten, wurden sie ganz selbstverständlich zu einem Duo von «Musikereignis-Fabrikanten». Blieb nur, ein Betätigungsfeld zu finden, das sich bald in der Leitung des Festivals Onze+ auftat. Dieses war von einer Gruppe von Lausanner Musiker zur Förderung zeitgenössischer improvisierter Musik gegründet worden.

Tourneegestaltung

Die Programmgestaltung ist die Schlüsselaufgabe eines Festivaldirektors. Als die Wintschs «ihr» Festival übernahmen, war das Programm radikal. «Wir wollten zwar mit aufregenden und aufstrebenden Künstlern weitermachen, wussten aber auch, dass es bekannte Namen braucht.» Die Lösung ist – wie bei so vielen anderen Festivals – eine Mischung aus sicheren Werten und Experimenten.

Dabei begnügen sich Wintschs nicht mit den Guppen, die ohnehin gerade unterwegs sind. Sie denkten sich ein Idealprogramm aus und stellen nötigenfalls eine Tournee für den gewünschten Künstler zusammen, so dass sich der Auftritt an ihrem Festival bestens einfügt. Manchmal organisieren sie auch eine Vorstellung ausser der Reihe, für die sie eigens Subventionen suchen. Dieses Jahr zum Beispiel eine Hommage à George Gruntz.

Buchhaltung und «Arterhaltung»

Ein Festival organisieren heisst auch Geld auftreiben. Mit einem Budget von einer halben Million ist das JazzOnze+ ein «armes» Festival, das dank einer Truppe von Freiwilligen funktioniert. Wintschs erhalten seit kurzer Zeit eine kleine Entschädigung für ihre Arbeit. Aber was treibt sie an, immer wieder diesen ganzen Aufwand auf sich zu nehmen? «Es ist die Freude, die Musik, die wir lieben, hier zu präsentieren, wo wir leben. Und das Vergnügen, wunderbare Menschen zu treffen.»

Schliesslich gehört auch zur Karriere des Festivalleiters, das Weiterleben seiner Veranstaltung zu sichern. Bei JazzOnze+ erlaubt der freie Eintritt im EspaceJazz, dass auch junge Leute ein Ohr reinstrecken – und des öfteren hängen bleiben. Auf dieser Bühnen hören sie junge Gruppen, deren Musik näher bei aktuellen Trends ist als der Jazz.

www.jazzonzeplus.ch

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Diskussion

Zum Beitrag «Spannende Aufgaben für alle, die Wagner hassen!» von Roman Brotbeck («Schweizer Musikzeitung», Nr. 7/8/2013, S. 19 – in der Reihe «Carte Blanche»)

Zum Beitrag «Spannende Aufgaben für alle, die Wagner hassen!» von Roman Brotbeck («Schweizer Musikzeitung», Nr. 7/8/2013, S. 19 – in der Reihe «Carte Blanche»)

Gezielte Provokation kann anregend wirken. Diese Wirkung wird jedoch verfehlt, wenn unsachliche Verallgemeinerung bzw. manipulative Darstellung Anwendung findet. Roman Brotbeck formuliert in der zweiten Hälfte seines Beitrags ein beherzigenswertes Anliegen: Er ermuntert zur vorurteilsfreien Beschäftigung mit Werken des Musiktheaters, deren angemessene Rezeption durch abwertende Äusserungen Richard Wagners blockiert oder behindert wurde. Die Darstellung dieses Anliegens hätte der vorangehenden Sätze nicht bedurft; diese lassen zunächst die Absicht vermuten, der Autor habe sich mit einigen provozierenden Betrachtungen der Aufmerksamkeit der Lesenden versichern wollen, geraten aber zu einer Folge von Unterstellungen und Halbwahrheiten.

Es mag methodisch korrekt sein, sich bei der Betrachtung von Person und Biografie Wagners nicht von dessen Wirkungsgeschichte beeinflussen zu lassen. Die Betrachtung von Wagners Wirkungsgeschichte kann dagegen nicht ausblenden, dass seine besondere Bedeutung in den Jahren des nationalsozialistischen Regimes nicht nur auf posthume Vereinnahmung zurückzuführen ist (wie sie etwa im Fall Anton Bruckners geschehen ist), sondern auch auf die Nähe von Strategien und Positionen. Die laut Brotbeck «raunend» und «beschwörend» vorgebrachte Formulierung «Urvater des Nationalsozialismus» stellt eine unzulässige Vergröberung dieses Zusammenhangs dar. Wenn sie sich tatsächlich in einer der von Brotbeck kritisierten Darstellungen nachweisen lassen sollte, so wäre das noch kein Grund, die Untersuchung der genannten problematischen Aspekte Wagners grundsätzlich für unnötig oder unangebracht zu erklären – es wäre allenfalls ein Grund, eine differenziertere Darstellung anzumahnen. Brotbeck erweckt in diesem Teil seines Textes den unglücklichen Eindruck, er wolle oder könne die Bewertung von Wagners Antisemitismus relativieren, da dessen militante Äusserungen in die Zeit vor Entstehung des Nationalsozialismus fallen. Es gibt jedoch (salopp gesagt) für diesen Antisemitismus keine «Gnade der frühen Geburt» (bzw. keine «Gnade des rechtzeitigen Todes»).

Die im letzten Satz des ersten Absatzes in ein drastisches Bild verpackte Unterstellung, die Auseinandersetzung mit Wagners Antisemitismus geschehe anstelle der wesentlich unbequemeren Untersuchung der Verbrechen der Nationalsozialisten, stelle demnach ein Ablenkungsmanöver oder eine Verdrängung dar, ist ebenfalls ungeheuerlich – zumindest, solange sie nicht in einem einzigen Fall belegt wird, d. h. solange sie als Vorwurf gegen die Gesamtheit der zu Wagners Antisemitismus Schreibenden gelesen werden kann. Da zu Beginn des Satzes allgemein von «Verbrechen» die Rede ist (nach der Erwähnung der «Massenmörder» im vorangegangenen Satz) stellt sich tatsächlich der Eindruck ein, Brotbecks pauschaler Vorwurf der Verdrängung oder mangelnden Aufarbeitung gelte dem Umgang (zumindest der Wagner-Kritiker) mit dem «Dritten Reich» im Allgemeinen – dass im folgenden Absatz des Textes ausschliesslich Beispiele aus dem Bereich der Musik genannt werden, impliziert jedoch, dass Brotbecks Bezichtigung nur den Umgang mit dem nationalsozialistisch dominierten Musikleben bezeichnet.

War im ersten Absatz von Wagner-Kritikern und (im Sinne des Titels der Ausführungen) von «Wagner-Hassern» die Rede (mit Seitenhieben auf das im «Wagner-Jahr» besonders umfangreiche Wagner-Schrifttum), so wird im zweiten Absatz der gegenwärtige Umgang mit musikalischen Protagonisten bzw. Erzeugnissen aus der Zeit des Nationalsozialismus anhand von drei Beispielen belegt, was im Kontext der Wagner-Thematik der anderen Teile des Textes allenfalls als Exkurs gelten kann. Hier werden Beispiele genannt, die nach Darstellung Brotbecks «landauf» und «landab» zu finden sind bzw. allgemein «in den Kirchen» (von denen es ja immer noch eine recht grosse Zahl gibt) – damit und mit der zuvor geäusserten Unterstellung einer von Verdrängung und Bequemlichkeit bestimmten Themenwahl erweckt Brotbeck verallgemeinernd den Eindruck, es habe bisher keine ernsthafte Beschäftigung mit Opfern, Profiteuren und Tätern der nationalsozialistischen Gleichschaltung des Musiklebens gegeben. Dieser Eindruck entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Es mag zwar sein, dass die Bearbeitung dieses Themas erst spät eingesetzt hat und auch nach der ersten umfassenden Publikation (Joseph Wulf: Musik im Dritten Reich – Eine Dokumentation, Gütersloh 1963) noch lange ein Thema von Aussenseitern geblieben ist; allerdings müsste Brotbeck bekannt sein, dass seit Beginn der 1980er-Jahre (seit Fred K. Priebergs Buch Musik im NS-Staat, Frankfurt/M. 1982, Neuauflage Köln 2000) eine grosse Zahl von Aufsätzen und Büchern zum Thema vorgelegt wurde. Die Auswirkungen dieser Studien auf Repertoire und Programmgestaltung sind nicht gross, da hier mehrheitlich von Musik die Rede ist, die als «nicht mehr neu, aber noch nicht alt» ohnehin weitgehend gemieden wird – immerhin konnte aber in Aufführungen und Editionen auf zahlreiche von den Nationalsozialisten verfemte, vertriebene, ermordete Komponisten hingewiesen werden (P. Ben-Haim [P. Frankenburger], H. Berlinski, B. Goldschmidt, E. I. Kahn, V. Ullmann u. a.). Diese Initiativen sind keineswegs an ein Ziel gelangt, sie sollten intensiviert, breit diskutiert und allgemein bekannt gemacht werden – es kann der aktuellen Situation aber nicht gerecht werden, die Bemühungen vorschnell in Abrede zu stellen, wie es im Text Brotbecks geschieht.

Zwei Leistungen können von den genannten Versuchen nicht erwartet werden: Eine Wiedergutmachung dessen, was den Verfolgten und Vertriebenen angetan wurde, und eine von weiterem Nachdenken befreiende eindeutige Einteilung aller Nicht-Verfolgten und Nicht-Emigrierten in «gut» (oder zumindest «unbelastet») und «böse». Viele Fälle werden seit Jahren kontrovers betrachtet – als Beispiel mag die Diskussion um Hugo Distler dienen, dessen widersprüchliches Verhalten bereits 1997 Gegenstand einer eigenen Publikation war (Stefan Hanheide [Hrsg.]: Hugo Distler im Dritten Reich, Osnabrück 1997). Auch Richard Strauss hat ein wechsel- und teilweise rätselhaftes Verhalten gezeigt, dessen Beschreibung in Lexikon-Artikel Eingang gefunden hat (vgl. wikipedia.org/wiki/Richard_Strauss) – seine von Brotbeck erwähnte Präsidentschaft in den Anfangsjahren der Reichsmusikkammer verdient natürlich Kritik. Wie aber soll nach Meinung Brotbecks im Fall Strauss künftig verfahren werden? Soll auf Aufführungen seiner Werke verzichtet werden? Wagner, den Brotbeck in seinem ersten Absatz als zu Unrecht «geprügelten» Ururgrossvater darstellt, ist trotz der «Prügeleien» bis jetzt von solchen Massnahmen verschont worden: Die von Brotbeck für unangemessen erklärte Wagner-Schelte hat dessen Popularität und Präsenz auf den Spielplänen noch nicht wirksam einzuschränken vermocht.

Brotbeck bezeichnet Carl Orffs Carmina Burana als eines jener «nationalsozialistischen Propagandastücke», die auch heute häufig aufgeführt werden. Welches sind die anderen heute noch (oder womöglich heute wieder) geschätzten Propagandastücke? Wodurch eignen sich die Carmina Burana als Propagandastück – etwa durch die archaisierende Stilistik der Musik oder den Text? Wurde das Werk womöglich gezielt zum Zweck der Propaganda komponiert? Bis jetzt kann noch nicht einmal nachgewiesen werden, dass es tatsächlich als Propagandastück eingesetzt wurde. Die Uraufführung 1937 geschah im Rahmen des letzten Tonkünstlerfests, das der mit Beteiligung Franz Liszts gegründete «Allgemeine deutsche Musikverein» vor seiner erzwungenen Auflösung veranstalten konnte. Die Carmina waren erfolgreich, wirkten aber «anfangs genügend eigenwillig, um in den Kreisen von Rosenberg und sogar Goebbels verdächtig zu erscheinen» (Michael Kater: Die missbrauchte Muse – Musiker im Dritten Reich, München und Wien 1998, S. 363; ähnlich S. 352). Dagegen schreibt wikipedia.org/wiki/Carmina_Burana_(Orff) über das Werk: «Speziell in der NS-Diktatur war es populär. Nazigrössen wie Hitler und Goebbels sagten die Carmina Burana von Orff besonders zu.» Als Beleg für diese auch in ihrer Diktion nicht restlos geglückte Darstellung wird allerdings nur eine Stelle des Buchs Adolf Hitler: A Psychological Interpretation of His Views on Architecture, Art, and Music von Sherree O. Zalampas (Bowling Green State Univ. 1990) genannt, wo es heisst «The melodies are quite folk-like in their simplicity and clear-cut stanzas. For these reasons perhaps, Hitler liked the work.» 1940 wurden die Carmina in Dresden von Karl Böhm dirigiert, der den Nationalsozialismus durch öffentliche Aufrufe aktiv unterstützt hatte, dagegen wurden während des Krieges Aufführungen in Görlitz abgesetzt auf Betreiben der nationalsozialistisch eingestellten Pianistin Elly Ney, die das Werk in Gegenwart des örtlichen NSDAP-Kreisleiters als «Kulturschande» bezeichnete (Prieberg S. 326).

Dieser notgedrungen kurze Überblick mag zeigen, dass die Einstufung von Orffs Erfolgsstück als nationalsozialistische Propagandamusik eine bedauerliche Überzeichnung und höchst eigenwillige Interpretation Brotbecks darstellt. Damit ist Orff nicht von seinen «Verstrickungen» freigesprochen: Er hat sich von staatlichen Stellen fördern lassen und Auftragsarbeiten geschrieben, etwa die Komposition Einzug und Reigen der Kinder für die Olympischen Spiele in Berlin 1936. Eine Bewertung ist im Einzelfall kompliziert: Als Orff zugesagt hatte, eine Bühnenmusik zu Shakespeares Ein Sommernachtstraum zu liefern, dürfte er gewusst haben, dass hinter dem Kompositionsauftrag der Versuch der Nationalsozialisten stand, Ersatz für die verbotene Bühnenmusik von Felix Mendelssohn Bartholdy zu schaffen. Für Orff dürfte der Auftrag schon deshalb sehr attraktiv gewesen sein, da er nun eine Umarbeitung seiner bereits im Jahr 1917 – damals jedoch ohne politische Implikation und ideologische Motivation – zum gleichen Thema komponierten Musik vorlegen und vermarkten konnte.

Durch das erwähnte, zweifellos bahnbrechende und verdienstvolle Buch von Prieberg wurde im Jahr 1982 bekannt, dass Johann Nepomuk David die Motette Heldenehrung auf Worte Adolf Hitlers komponiert hatte. Die Mitteilung Priebergs führte damals zu Diskussionen und zum Rücktritt des Niederländers Cornelis van Zwol aus dem Präsidium der 1978 gegründeten «Internationalen Johann-Nepomuk-David-Gesellschaft». Hier seien einige Informationen zum Werk nachgereicht, fussend auf Forschungen und Publikationen von Bernhard A. Kohl: David vertonte den in anderen Quellen bisher nicht nachweisbaren Text: «Wer seinem Volke so die Treue hält, der soll selbst in Treue nie vergessen sein». Die Motette trägt die Widmung «Den gefallenen Lehrern und Studierenden der Staatl. Musikhochschule in Leipzig zum Gedächtnis» und wurde zweimal aufgeführt, zunächst am 7. November 1942 anlässlich einer Feierstunde der seit 1933 gleichgeschalteten Deutsch-Japanischen Gesellschaft – dies ist die von Brotbeck erwähnte Aufführung «vor diplomatischen Vertretern der Achsenmächte» – sodann am 27. März 1943 am selben Ort (in der Krypta des Völkerschlachtdenkmals) in einer Gedenkstunde für die gefallenen Lehrer und Studierenden, die im Rahmen der Feiern zum 100. Jahrestag der Gründung der Leipziger Hochschule (bis 1941 Konservatorium) stattgefunden hat. Vom Verlag Breitkopf & Härtel, in dem fast alle veröffentlichten Werke Davids erschienen sind, wurde die Komposition zwar für die beiden Aufführungen vervielfältigt, jedoch nicht publiziert: Es existiert kein Copyright-Vermerk und keine Verlags- oder Editionsnummer, so dass angenommen wird, dass David die Komposition nicht zur Veröffentlichung freigegeben hat. Zu den Umständen der Auftragserteilung und Textauswahl liegen keine amtlichen Zeugnisse vor, sondern nur eine Mitteilung Davids an Kohl, der David persönlich auf die Heldenehrung angesprochen hat, nachdem er – Jahre vor dem Erscheinen von Priebergs Musik im NS-Staat – auf den Titel gestossen war: Nach eigener Darstellung wurde David mit der Komposition beauftragt (dies wird von damaligen Schülern Davids bestätigt) und musste den Text aus einer Reihe von Vorschlägen auswählen, wobei alle übrigen Vorschläge «unbrauchbar» waren, also wohl stärker ideologisch befrachtet als das vertonte Zitat, bei dem die Urheberschaft mehr kompromittiert als der Wortlaut. In Stellungnahmen zweier damaliger Studierender der Leipziger Hochschule (publiziert 1983 in Heft 4 der Mitteilungen der Internationalen Joh.-Nep.-David-Gesellschaft) findet sich die Darstellung, dass es David peinlich gewesen sei, das Stück dem von ihm geleiteten Chor vorzulegen, und dass er um Verständnis für diese «Pflichtübung» gebeten habe.

Auch David hat finanzielle Förderung nicht zurückgewiesen: Im Jahr 1941 wurde ihm der «Gaukulturpreis des Gaues Oberdonau der NSDAP» verliehen. In Priebergs umfangreicher letzter Veröffentlichung Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945 (CD-Rom-Lexikon, Kiel 2004) wird für November 1943 Davids Beitritt zum bereits seit 1922 existierenden, aber längst gleichgeschalteten «Reichsbund Deutsche Familie» nachgewiesen. Dagegen legen viele Zeugnisse und Berichte über Davids Leipziger Zeit den Schluss nahe, dass dieser sich seine Unabhängigkeit gegenüber den herrschenden Ideologien bewahrt hat. Einige Beispiele: David hatte 1938 eine Aufführung von Strawinskys Psalmensymphonie durchgesetzt – explizit gegen ein Verdikt, das der «städtische NS-Kulturbeauftragte» ausgesprochen hatte; er hat sich für den Komponisten Günter Raphael eingesetzt, der als «Halbjude» angesehen wurde und über den ein Berufs- und Aufführungsverbot verhängt worden war. David wurde 1942 kommissarisch mit der Leitung der Hochschule betraut, doch nie offiziell zum Direktor des Instituts ernannt – dies wird im umfangreichen Wikipedia-Artikel zur Leipziger Musikhochschule falsch dargestellt. In seiner Eigenschaft als kommissarischer Leiter hat David bis Februar 1945 für die Aufrechterhaltung des Unterrichts- und Prüfungsbetriebs gekämpft. Es wird wohl nie ganz geklärt werden können, inwieweit die Heldenehrung und eventuell auch der genannte Beitritt zu einer gleichgeschalteten Institution als taktisches Vorgehen zu betrachten sind. Wie sehr sich David als Leiter der Kantoreien der Hochschule und als Komponist in seinem Einsatz für die Kirchenmusik behindert sah, belegt das Zitat aus einem Brief, den er im Sommer 1942, also im Jahr der Komposition der inkriminierten Heldenehrung, an seinen zur Wehrmacht eingezogenen Schüler Helmut Hilpert schrieb – hier heisst es nach der Aufzählung der neusten Instrumentalkompositionen Davids: «Für Chor zu schreiben ist nicht möglich, weil die Texte ja doch eigentlich verboten sind.» Diese Äusserung kann als Hinweis gelesen werden darauf, dass David die Heldenehrung auch zum Zeitpunkt ihrer Entstehung nicht als gültiges Werk angesehen hat.

Dieser abermals kurze Überblick kann natürlich nicht dazu führen, Davids Wirken in der Zeit des «Dritten Reichs» zu glorifizieren (wie es andernorts tatsächlich versucht wurde), er mag aber doch zu der Einsicht führen, dass Brotbecks Bestreben, David in einer Beispielsammlung musikalischer Exponenten des Nationalsozialismus zu vereinnahmen, als unsachliche Verallgemeinerung anzusehen ist. Anfechtbar und tendenziös ist seine Darstellung nicht nur deshalb, weil sie Aufführungen von Davids Werken in die Nähe von Verdrängung und mangelndem Geschichtsbewusstsein rückt, sondern auch deshalb, weil sie den Eindruck erweckt, Davids Werke würden angesichts der angeblich mangelhaften Untersuchung der Biografie ihres Komponisten «in den Kirchen gesungen», also an vielen Orten und damit insgesamt recht häufig aufgeführt. Das Gegenteil ist der Fall: Aufführungen von Werken Davids stellen in der Kirche ebenso wie im Konzertsaal eine grosse Ausnahme dar, was angesichts der Qualitäten dieser Kompositionen bedauert werden muss. Die Diskussion um Davids Wirken in den Jahren des «Dritten Reichs» hat sich bereits in zweifacher Weise nachteilig auf die Häufigkeit von Aufführungen ausgewirkt: Einerseits wurde der Tatbestand Heldenehrung immer wieder ähnlich plakativ und undifferenziert genannt wie bei Brotbeck. Dabei hat sich ein zweifelhaftes «in dubio contra reum» erhalten, das in der Phase der ersten Auseinandersetzung mit dem Thema «Musik im NS-Staat» als emotionale Reaktion verständlich war, heute aber nicht mehr angemessen ist. Ein Beispiel für diese Verallgemeinerung aus der Erfahrung des Schreibenden: Ein renommierter Schweizer Organist hat in einem Gespräch über Musik des 20. Jahrhunderts geäussert, es sei sicher lohnend, sich mit den Orgelwerken Davids zu beschäftigen, sei aber «aus politischen Gründen» unstatthaft. – Andererseits wurde der tonal fundierten und häufig nach alten Mustern gearbeiteten Kirchenmusik der 1930er-Jahre in manchen Diskussionen pauschal eine stabilisierende Funktion und Wirkung gegenüber dem NS-Regime unterstellt – ohne Ansehung der Komponistenpersönlichkeit. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an Äusserungen des Organisten und Komponisten Gerd Zacher in der Zeitschrift Musik und Kirche und an den von Michael Kater ausgesprochenen Generalverdacht gegenüber «der neuen Schule restaurativer Kirchenmusik» (S. 313). Die Werke Davids und vieler anderer Komponisten – auch ihre Kirchenmusik – entziehen sich solchen Etikettierungen. Erschreckend ist, dass hier manchmal ein Schubladen-Denken spürbar wird, das von ferne an peinliche Muster erinnert: Die Gleichsetzung, dass ein in Deutschland in jener Zeit tonal oder modal Komponierender mit Sicherheit ein «Nazi» gewesen sein müsse, funktioniert natürlich genau so wenig wie die in NS-Publikationen zu findende absurde Gleichsetzung, «atonale» Kompositionen müssten zwangsläufig das Werk eines jüdischen Komponisten sein.

Anliegen dieser Ausführungen ist es nicht, eine einzelne Persönlichkeit möglichst rein zu waschen, sondern eine differenzierte Betrachtung und Darstellung anzumahnen. Daraus erwachsen «spannende Aufgaben» für alle, die sich nicht mit dem Niveau von Stammtischparolen zufrieden geben wollen. Natürlich darf bei der Betrachtung der Geschichte nichts beschönigt oder ausgelassen werden – der Antisemitismus Richard Wagners ebenso wenig wie Zugeständnisse, politische Naivität, Anbiederung oder aktive Mittäterschaft von Musikern im NS-Staat. – Diese Ausführungen übersteigen das für einen Leserbrief übliche Mass, obwohl sie viele Aspekte nur in der Art eines Überblicks streifen. Damit die Form eines Leserbriefs gewahrt bleibt und der Text nicht noch länger wird, sind die bibliografischen Nachweise lückenhaft – diese können aber bei Bedarf gerne vollständig nachgereicht werden.

Matthias Wamser, Rheinfelden
wamserbaerthlein@sunrise.ch

Das «Unabgegoltene im Vergangenen»

Ein Zürcher Symposiumsband gewährt umfassenden Einblick in Klaus Hubers Werk.

Foto: Harald Rehling

Komponisten, die mit historischer und aussereuropäischer Musik operieren, gibt es heute wie Sand am Meer. Wirklich spannende Ergebnisse kommen nicht immer dabei heraus. Klaus Huber jedoch war einer der ersten, der fern weltmusikalischer Moden und postmoderner Oberflächlichkeiten Anregungen aus anderen Kulturkreisen auf substanzielle Weise produktiv machte. Auch deshalb heisst diese instruktive Einführung in seine Arbeit Transformationen, «ein konzeptuelles Leitmotiv von Hubers kompositorischen Strategien», wie die Herausgeber Jörn Peter Hiekel und Patrick Müller erläutern.

Dieser Band, der zurückgeht auf ein Symposium der Zürcher Hochschule der Künste im März 2010, war überfällig! Denn im Falle des frisch gebackenen Trägers des Musikautorenpreises herrscht doch ein seltsames Missverhältnis zwischen der fraglosen Relevanz seines Œuvres und dessen wissenschaftlicher Rezeption; ganz zu schweigen von der Bedeutung Klaus Hubers als Lehrer, der zahlreiche Protagonisten der neuen Musik entscheidend prägte (einer der wenigen Aspekte im Übrigen, den diese Publikation nicht berücksichtigt).

Jörn Peter Hiekel setzt einleitend die ästhetischen Wegmarken unter der «Idee des Transformativen», die auf Überwindung eines eindimensional eurozentrischen Denkens angelegt ist. Im Folgenden werden die bei Huber eng miteinander verflochtenen Spannungsfelder des Politischen, Spirituellen, Transkulturellen und Geschichtsbezogenen umfassend beleuchtet.
Zwei langjährige Begleiter des huberschen Schaffens sorgen zu Beginn für gespannte Aufmerksamkeit: Während Max Nyffeler in der kenntnisreichen Erörterung nationaler Befindlichkeiten das schweizerische Profil Hubers schärft, hält Claus-Steffen Mahnkopf in seinem Beitrag «Die Wahrheit von Klaus Hubers Musik» ein leidenschaftliches Plädoyer für einen in Verruf geratenen Kunstbegriff. Für Mahnkopf ist Huber ein Musterbeispiel künstlerischer Integrität. Dass Hubers Musik Bekenntnismusik auf allerhöchstem Niveau ist, macht Thomas Gartmann in seinen Ausführungen zur «Geistlichen Musik» evident und markiert das Spirituelle als künstlerischen Widerstand mit utopisch-sozialen Potentialen. Dieser Aspekt wird auch von Susanne Kogler betont, die Hubers Klang-Sprache als ausgesprochen kommunikativen Ort der (Selbst-)Erfahrung betrachtet. Dass die Solostücke hier nicht aussen vor bleiben, ist Heidy Zimmermann zu verdanken, die im Modus instrumentaler Monodie (Ein Hauch von Unzeit, Transpositio ad infinitum, …Plainte …) die humane Dimension der Einzelstimme aufdeckt.

Eine Idee, die sich wie ein roter Faden durch diese Veröffentlichung zieht, ist das von Huber bei Ernst Bloch gefundene «Unabgegoltene im Vergangenen». Will heissen: ein kreatives Weiterdenken von ästhetischen Phänomenen, die zu ihrer Zeit ihr ganzes Potential noch nicht entfalten konnten. Hierauf hebt Martin Zencks ertragreiche Untersuchung Zur transepochalen Affinität des späten 20. Jahrhunderts zum Manierismus des frühen 17. Jahrhunderts ab, das geistige Herzstück dieses Buches. Dabei streicht er nicht nur die Bedeutung der Musik Gesualdos für Hubers Werk anhand ausgewählter Skizzenanalysen der Lamentationes sacrae et profanae ad responsoria lesualdi heraus, sondern damit exemplarisch eine wesentliche Funktion alter Musik in der neuen Musik der letzten Jahrzehnte. Wie sich das «Unabgegoltene» und dessen Strategien auch auf Hubers eigene Stücke bezieht, veranschaulicht Sibylle Kayser anhand ausgewählter «Re-Kompositionen».

Einen streng analytischen Ansatz verfolgt Christian Utz, der in seiner Untersuchung Morphologie und Bedeutung der Klänge in Klaus Hubers «Miserere hominibus» tief in die Klangmaterie abtaucht – Physis statt Semantik, Objektivismus versus autorzentrierte Deutung. Auf der Suche nach einer «inhärent-musikalischen Narrativität» exemplifiziert Utz raumgreifend eine Deckungsgleichheit von struktureller Klangorganisation und «morphologischer Präsenz». Das sollte doch aber bei jedem halbwegs vernünftigen Werk zu finden sein. Die «gestischen Topoi», die er in Miserere entdeckt, wären auch in zahlreichen Stücken anderer Komponisten dingfest zu machen.

Ganz zentral im Schaffen von Klaus Huber ist, insbesondere ab 1990, die Arbeit mit Stimmungen und Tonsystemen jenseits der europäischen Zwölfteilung der Oktave. Diesem wesentlichen Aspekt widmet sich Till Knipper in differenzierter Veranschaulichung der vielfältigen Ausprägungen und Kombinationen von «Mikrotonalität» (ein Begriff, den Huber nicht mehr gelten lässt) zwischen Naturintervallen, Vierteltönigkeit, Drittel- und Sechsteltönen und der Verwendung arabischer Maquams und nimmt dabei nicht zuletzt ihre semantische Funktion im Werkkontext in den Blick. Alles andere wäre bei Huber wohl Erbsenzählerei …

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Transformationen, Zum Werk von Klaus Huber, hg. von Jörn Peter Hiekel und Patrick Müller, Edition Neue Zeitschrift für Musik, 232 S., € 22.95, Schott, Mainz 2013, ISBN: 978-3-7957-0823-8

Requiem mit Variationen

Wie setzen Komponisten in verschiedenen Zeiten ihre Beschäftigung mit Tod und Sterben in Musik um? Ein gewichtiges Buch blickt in die Tiefe und bleibt dabei sehr nah an den Partituren.

Foto: alf loidl – pixelio.de

Urs Stäubles gerade erst erschienener Band Auf dass wir klug werden ist in mancher Hinsicht ein ungewöhnliches Buch. Das beginnt schon mit dem Titel, dessen Sinn sich erst erschliesst, wenn man den ganzen Satz kennt, aus dem hier zitiert wird: «Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden.»

Dieser Vers aus dem 90. Psalm, den Johann Sebastian Bach in seinem Actus tragicus vertont hat, bringt den Leser nun auf die richtige Spur. Ausgehend vom gregorianischen Requiem bespricht Urs Stäuble auf seinem Gang durch die Musikgeschichte acht Werke, die sich mit dem Tod auseinandersetzen. Nebst Bachs eben erwähnter Kantate sind dies die Musikalischen Exequien von Heinrich Schütz, die Requiem-Vertonungen von Mozart, Verdi, Brahms, Dvořák und Fauré sowie die Nr. VIII aus Le Laudi von Hermann Suter.

Ungewöhnlich auch die formale Anlage des Buches: Die einzelnen Beiträge sind als «Thema und acht Variationen» gruppiert, wobei in einem kurzen Epilog noch einmal die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Vertonungen quasi verdichtet aufgezeigt werden. Die Analysen der einzelnen Werke – erläutert anhand zahlreicher Notenbeispiele – verraten einen Autor, der diese Musik nicht nur vom Hören, sondern auch vom eigenen Musizieren kennt. In der Fülle des Materials finden sich immer auch ganz persönliche und originelle Einsichten, wie sie wohl nur einem ausübenden Musiker vergönnt sind.

Die einzelnen Kapitel bzw. Variationen beginnen jeweils mit einer biografischen Skizze, die das Leben des Komponisten bis zur Entstehung des besprochenen Werkes beleuchtet. Bei Mozart betrifft das logischerweise sein ganzes Leben. Im ersten Moment stutzt man. Wozu soll das gut sein? Diese Skizzen sind jedoch sehr gelungene Einstimmungen, die man sich nicht entgehen lassen sollte.
Ungewöhnlich an Urs Stäubles Buch ist natürlich auch der Umfang. Die 560 Seiten sind nicht zum einmaligen Durchlesen geeignet. Der Band ist eine reiche Schatztruhe und lädt immer wieder zumVerweilen und Vergleichen ein – auf dass wir klug werden …

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Urs Stäuble,
Auf dass wir klug werden
Ein Thema und acht Variationen
568 S., geb., Fr. 129.00
Books on Demand, Norderstedt
ISBN 978-3-9522448-1-4

Aus königlicher Hand

Mary Oleskiewicz präsentiert vier Sonaten des Flöte spielenden Friedrich II. als Erstveröffentlichungen.

Friedrich II. porträtiert von Johann Georg Ziesenis dem Jüngeren. Quelle: wikimedia commons

Der Preussenkönig Friedrich II. (1712–1786) hat zahlreiche Kompositionen für sein Instrument veröffentlicht. Seiner Schwester Wilhelmine schrieb er mit Begeisterung und Humor über seine Werke, auch geht aus dem Briefwechsel hervor, dass Friedrich manchmal die Hilfe von Hofkomponisten wie Carl Heinrich Graun, Johann Joachim Quantz und Johann Friedrich Agricola erhalten habe. Zu Friedrichs Lebzeiten wurden seine Werke systematisch von höfischen Kopisten erfasst, die meisten Abschriften gingen jedoch verloren. Im Jahr 1889 brachte der Bach-Kopist Philipp Spitta eine Ausgabe mit 25 Sonaten des Preussenkönigs heraus, von denen beinahe die Hälfte zu dessen spätesten Werken zählten.

Meistens sind Friedrichs Sonaten viersätzig in der Reihenfolge langsam-schnell-langsam-schnell angelegt, wie es auch bei den meisten anderen Berliner Hofkomponisten wie Quantz, Benda und Carl Philipp Emanuel Bach üblich war. Die langsamen Kopfsätze sind meist von einschmeichelnder Natur, reich verziert, oft lyrisch und mit rhetorischer Sprechweise. In der sehr früh komponierten Flötensonate a-Moll Sp. 21 findet sich im ersten Satz ein instrumentales Rezitativ. Mit dem cantablen ersten Satz der C-Dur-Sonate hatte Friedrich möglicherweise eine Huldigung an seinen Lehrer Johann Joachim Quantz im Sinne, der den Kopfsatz seiner eignen C-Dur-Sonate in ähnlicher Weise gestaltet hatte. Die Sonate B-Dur Sp. 76 beginnt sogar mit einem ausladenden Largo in b-Moll, bevor in der zweiten Hälfte des Stückes B-Dur erreicht wird. Im langsamen Eingangssatz der h-Moll-Sonate Sp.83 ist auch der empfindsame Stil, wie ihn beispielsweise C. Ph. E. Bach komponierte, spürbar. In Friedrichs Kompositionen ist die Tendenz ablesbar, die Sonaten immer länger und technisch anspruchsvoller zu machen. Dass der König, der ein Repertoire von ca. 290 Konzerten und 150 Sonaten von Quantz auf der Traversflöte spielte, selbst über äusserst virtuose Fähigkeiten verfügt haben muss, belegt die Sonate h-Moll Sp. 83, welche beispielsweise im zweiten Satz Allegretto sehr schnelle Passagen mit Sprüngen bis zum dreigestrichenen e und fis, in 32-teln notiert, enthält. Auch das Allegro assai überzeugt durch seine spielerischen Triolenkonfigurationen.

Bei diesen vier Sonaten handelt es sich um ansprechende Kompositionen, in denen Erfindungskraft, Stilempfinden und Können des Preussenkönigs sicht- und hörbar werden.Image

Friedrich II. der Grosse: Vier Sonaten für Flöte und Basso continuo,Erstdruck hg . von Mary Oleskiewicz, Partitur und Stimme, MR 2266, € 29.50, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2012

Duo, Trio, Villanelle

Kammermusikwerke mit Horn in neuen, spannend dokumentierten Ausgaben.

Foto: Sabine Schmidt / pixelio.de

Von drei Urtextausgaben in exzellenter Aufmachung ist zu berichten. Auffallend und erfreulich in allen dreien ist eine mit Akribie betriebene Quellenforschung mit den daraus resultierenden, spannend zu lesenden Begleittexten. Es handelt sich um Perlen des Kammermusikrepertoires mit Horn: das Trio für Violine, Horn und Klavier op. 40 von Johannes Brahms, die Villanelle für Horn und Klavier von Paul Dukas und Adagio und Allegro für Horn und Klavier op. 70 von Robert Schumann. Brahms’ Trio wurde ursprünglich für Naturhorn geschrieben, Dukas’ Villanelle für Naturhorn in Kombination mit Ventilhorn, Schumanns Werk gilt als das erste Stück, in dem das chromatische Horn verwendet wurde.

Dominik Rahmers Vorwort zur Villanelle liest sich beinahe wie ein Kriminalroman und gibt ausserdem Aufschluss über die Geschichte des Horns im Wandel vom Natur- zum Ventilhorn in Paris um die Wende zum 20. Jahrhundert.Image

Christopher Hogwood hat das Brahms-Trio auch in der vom Komponisten autorisierten Fassung für Violine, Violoncello und Klavier ediert, mit Wissen und Sorgfalt. Die vier Instrumente, Violine, Violoncello, Klavier und Horn, waren übrigens jene, die Brahms selbst spielte. Im Anhang finden sich nebst einigen Faksimileseiten ein Albumblatt von 1853, also zwölf Jahre vor Entstehung von Opus 40, mit dem Thema des Trios aus dem 3. Satz des später entstehenden Horntrios.Image

Von Schumanns Adagio und Allegro ist gleichzeitig die Urtextausgabe einer Fassung für Violine und Klavier erschienen (HN 1025).Image

Paul Dukas: Villanelle für Horn und Klavier, Urtext hg.Dominik Rahmer, HN 1170, € 13.00, G. Henle, München, 2012

Johannes Brahms: Trio für Violine, Horn und Klavier Es-Dur op.40, Urtext hg.von Christopher Hogwood, BA 9435, € 26.95, Bärenreiter, Kassel 2011

Robert Schumann: Adagio und Allegro für Horn und Klavier As-Dur op.70, Urtext hg.von Ernst Herttrich, HN 1023, €13.00, G. Henle, München 2012

Schöpferin gegen alle Widerstände

In ihrer Suite für Violine und Klavier verarbeitete Mel Bonis ländliche Impressionen. Ihr gesamtes, umfangreiches Werk lohnt eine Wiederentdeckung.

Mel Bonis porträtiert von Charles-Auguste Corbineau / wikimedia commons

Mélanie Bonis’ Klavierimprovisationen empfanden ihre kleinbürgerlichen Pariser Eltern als Plage, doch – gefördert von César Franck – durfte sie das Conservatoire Supérieur besuchen, musste ihre erfolgreichen Studien aber vor dem Ende abbrechen, weil eine Liebschaft zu dem Mitstudenten Amédée Hettich den Eltern nicht genehm war. In eine Ehe mit dem 25 Jahre älteren reichen Witwer Albert Domange mit fünf Söhnen gesteckt, dem sie weitere vier Kinder schenkte, blieb ihr wenig Zeit für die Musik. Trotzdem konnte sie unter dem Pseudonym Mel Bonis (komponierende Frauen wurden damals nicht ernst genommen; einige Editionen musste sie selber finanzieren) bei Leduc und Eschig einige Werke veröffentlichen. Hettich förderte sie gegen die Jahrhundertwende wieder zu intensivem, sogar preisgekröntem Musikschaffen (sie wurde sogar Sekretärin der Société des Compositeurs). Eine gemeinsame Tochter konnte sie bis 1914 geheim halten. Im ersten Weltkrieg engagierte sie sich für Waisenkinder und Kriegsgefangene. Trotz Depressionen komponierte sie unermüdlich bis zu ihrem Lebensende. Ihre 300 Werke für Klavier, Orgel, Kammerensemble, Gesang, Orchester können sich am Format von Fauré und Chausson messen, aber fielen zu Unrecht dem Vergessen zum Opfer.

Für die dreisätzige Suite von 1926, deren Manuskript im Familienarchiv aufgefunden wurde, liess sich die Komponistin von ihrem Leben auf dem Land inspirieren: I Jour de fête überrascht mit prickelnden, synkopierten Auftaktmotiven, in denen sich die beiden Instrumente folgen. Ein gesanglicheres Intermezzo wird beendet von einem Galopp. II Sous la ramée ist eine ausgedehnte Träumerei, souverän zwischen den Tonarten schwebend. III Cortège champêtre kehrt zum C-Dur von I zurück mit vielen fantasievollen Modulationen, an einen leichtfüssigen Umzug von Majoretten erinnernd. Musikalisch anspruchsvoll schenkt diese Suite den Interpretinnen und Interpreten viel Freude.

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Mel Bonis, Suite pour violon et piano op. 114, hg. von Eberhard Mayer und Ingrid Mayer, Erstveröffentlichung, fue 4390, € 22.00, Furore-Edition, Kassel 2012

Lehrreicher Urtext

Rezension: Vivaldis Violinsonaten op. 2 – von Venedig aus europaweit verbreitet. Von Bernhard Moosbauer neu herausgegeben als Wiener Urtext.

Antonio Vivaldi, Karikatur von Pier Leone Ghezzi / wikimedia commons

Vivaldis Sonaten op. 2 – das seit Corelli übliche Einstandswerk eines jungen aufstrebenden Musikers – standen lange Zeit ganz im Schatten seiner Violinkonzerte, obschon sie aus den vergleichbaren Werken der Zeitgenossen herausragen. Diese sonate da camera mit deutlich dialogisch mitwirkendem Basso könnten sogar als Duette mit Cello verwendet werden. Es scheint, dass Vivaldi viele der darin vorkommenden, virtuos wirkenden, doch nicht zu schwierigen schnellen Sätze geschrieben hat, um sie im Unterricht mit seinen Schülerinnen im Pio Ospedale della Pietà zu verwenden. Er hat den 1709 bei Bortoli in Venedig erschienenen Erstdruck dem damals in dieser Stadt weilenden König von Dänemark und Schweden gewidmet, so europaweite Verbreitung anstrengend. Auch die Bestellung des Nachdrucks bei Rogers in Amsterdam entsprach diesem Bestreben: Er ist in Kupferstichtechnik hergestellt – leserlicher als der venezianische Typendruck (von Letzterem ein Faksimile in der Partitur Seite 47) – und enthielt neu eine Bezifferung des Basses, was der Verwendung durch adelige Amateure im Norden entgegenkam. In Italien, wo nur ausgebildete Musiker spielten, war das nicht nötig.

Bereits Adolf Buschs bei Breitkopf & Härtel Leipzig erschienene gute Bearbeitung der Sonata II mit schön verziertem Adagio und der «Urtext op. 5» bei Nagels (Walter Upmeier) – von Vivaldi im Titel als zweiter Teil aus op. 2 bezeichnet – beweisen die Wertschätzung im letzten Jahrhundert. Im vorliegenden, ausgezeichneten Urtext mit leicht auszuführender Generalbassaussetzung von Joachim Reutter bestechen das ausführliche und hilfreiche Vorwort und die Kritischen Anmerkungen. Sie geben viele wertvolle Hinweise zu einer stilvollen Interpretation.

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Antonio Vivaldi: Sonaten für Violine und B.c. op. 2, herausgegeben von Bernhard Moosbauer, Partitur mit Generalbassaussetzung von Jochen Reutter, Violin- und Bassstimme UT 50176, € 29.95, Wiener Urtext Edition (Schott/Universal Edition), Wien 2012

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