Vom Zauber der Chormusik

Die Zürcher Sing-Akademie im Porträt (Publireportage)

Die Zürcher Sing-Akademie, ein professioneller, flexibler Chor, führt im Oktober zusammen mit dem Orchestra La Scintilla das Brahms-Requiem auf. Foto: Priska Ketterer

Ohne die Magie, welche den Chorgesang umgibt, in irgendeiner Weise antasten zu wollen: Dass das gemeinsame Singerlebnis äusserst positive Auswirkungen auf Ausführende und Zuhörende hat, ist mittlerweile durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen belegt worden. Ein Blick hinter die Kulissen der Zürcher Sing-Akademie, eines professionellen Schweizer Chores, zeigt unzählige Beispiele dafür, was diese Musikgattung und ihre Pflege für uns so wertvollmacht.

Chorgesang ist Gemeinschaft

Anne-Kristin Zschunke, klassisch ausgebildete Sängerin, gehört seit mehreren Jahren zum Kern des Zürcher Ensembles und zum Vorstand. Für sie bedeutet Chorgesang in erster Linie Gemeinschaft: «Es bedeutet, gemeinsam Emotionen zu durchleben, ein Erlebnis mit anderen teilen zu können. Als Sängerin auf der Bühne während eines Konzertes die Reaktionen im Publikum zu erkennen, zu sehen und zu spüren, was unser Gesang bei den Leuten bewirkt, ist einfachwunderschön!» Die Momente, in denen eine spürbare Nähe zu den Zuhörerinnen und Zuhörern aufgebaut werden kann, sind für sie als Künstlerin besonders wertvoll.

Florian Helgath, künstlerischer Leiter, legt grossen Wert auf eine gute Arbeitsatmosphäre. Foto: Christian Palm

Aber auch die Chormitglieder müssen sich untereinander verstehen. Für Florian Helgath – künstlerischer Leiter der Zürcher Sing-Akademie – ist eine gute Arbeitsatmosphäre unerlässlich, um ein aussergewöhnliches Ergebnis zu erzielen. «Es braucht Einfühlungsvermögen und Sensibilität, damit sich die Sängerinnen und Sänger frei fühlen.» Denn kein Instrument ist so direkt wie die menschliche Stimme; allein schon, weil man als Sängerin oder Sänger immer mit Text arbeitet.

Dabei ist die Zürcher Sing-Akademie ein äusserst flexibles Ensemble, welches ganz unterschiedliches Repertoire auf die Bühne bringt. Für Yves Brühwiler, Bass, einer der grossen Pluspunkte des Chores: «Es gibt so viel gute Musik! Das eine Mal singen wir a cappella im intimen, fast familiären Rahmen, ein anderes Mal wieder mit grossem Orchester, bekannten Solisten und Dirigenten. Jedes Projekt ist neu und einzigartig. So bleibt nicht nur die Arbeit spannend, auch das Resultat ist immer frisch und lebendig.»

In Kooperation mit verschiedenen Orchestern sind die Sängerinnen und Sänger der Zürcher Sing-Akademie nicht nur innerhalb der Schweiz unterwegs, auch im Ausland hat sich das Schweizer Ensemble einen vorzüglichen Ruf erarbeitet. «Natürlich ist uns in erster Linie wichtig, die Chormusik innerhalb der Schweiz zu pflegen», sagt Franziska Brandenberger, PR-Managerin des Ensembles. Die internationale Konzerttätigkeit, CD-Einspielungen bei renommierten Labels und die Zusammenarbeit mit grossen Dirigenten und Orchestern seien aber unter anderem auch ein Weg, dem heimischen Publikum zu zeigen: «Was ihr in unseren Konzerten hört, ist von Rang und Qualität.»

Herbstsaison 2023

In der Herbstsaison hat das Ensemble zwei grössere Projekte geplant. Ein Programm aus romantischen Werken mit dem Titel «Herzgedanken», welches auch einige unbekanntere Komponisten aus der Schweiz in den Fokus rückt, kommt im September zur Aufführung. Dabei ist der Chor mal a cappella, mal mit Klavierbegleitung zu hören, manche Stücke sind lediglich mit zartem Damenchor besetzt, manche mit kraftvollem Männerchor. Ein solches Programm ist dem Dirigenten Florian Helgath ein Anlass, seinen Chor zu fordern, aber natürlich auch strahlen zu lassen mit Musikstücken, die seinen Sängerinnen und Sängern am besten liegen.

Im Oktober steht eines der ganz grossen chorsinfonischen Werke auf dem Programm: Ein deutsches Requiem von Johannes Brahms. Das Besondere an dieser Aufführung ist, dass sie in Kooperation mit dem Orchestra La Scintilla vom Opernhaus Zürich stattfinden wird. Eine romantische Komposition, interpretiert mit einem historisch informierten Orchester? «Ich freue mich sehr auf die Transparenz der Instrumente und die damit einhergehenden Gestaltungsmöglichkeiten, die das Orchestermitbringt», so Helgath. Für Anne-Kristin Zschunke wird das Brahms-Requiem aus anderen Gründen ein ganz spezielles Projekt. «Man durchläuft Trauer und ihre unterschiedlichen Emotionen ganz direkt, erlebt aber letztlich eine Metamorphose hin zu so unglaublich viel Hoffnung und Trost. Durch dieses Werk wird spürbar, dass der Tod nichts Furchtbares oder Schlimmes ist, sondern zum Leben gehört – Trauer hingegen aufgelöst oder umgewandelt werden kann!»

Konzertdaten

HERZGEDANKEN
14. September, 19.30 Uhr – Schloss Lenzburg
15. September, 19.30 Uhr – Florhof Zürich
16. September, 19.30 Uhr – Rudolf-Steiner-SchuleWetzikon

A CHORAL CELEBRATION
19. Oktober, 19.30 Uhr –Tonhalle Zürich

BRAHMS-REQUIEM
20. Oktober, 19.30 Uhr – Tonhalle Zürich
21. Oktober, 19.30 Uhr – Stadtcasino Basel
22. Oktober, 11.00 Uhr – Französische Kirche Bern

sing-akademie.ch

Die Hitparade: Karrieretreiberin, Kult und Kommerz

Adrian Weyermann, Andreas Rohrer, Andreas Ryser, Annakin, Brandy Butler, Daniela Sarda, Luca Bruno, Michael von der Heide, Stefan Künzli und Toni Vescoli geben Auskunft über ihr Verhältnis zu den Charts.

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Für seinen Artikel bekam Hanspeter Künzler aus der Musikszene mehr oder weniger ausführliche Antworten auf einige Fragen. Da der Platz in der gedruckten Schweizer Musikzeitung beschränkt ist, konnte er nur einen Teil der Rückmeldungen in seinem Text veröffentlichen. Hier nun die kompletten Feedbacks in alphabetischer Reihenfolge.

Adrian Weyermann, Musiker

Wie war dein Verhältnis zur Hitparade als 12- und 18-Jähriger – und heute? Interessiert dich die Hitparade überhaupt noch?

Meine grossen Hightimes mit den «Bestsellern auf dem Plattenteller» hatte ich so zwischen 1978 und 1982, also im Alter von 4 bis 8 Jahren. Da konnte ich den Sonntag kaum erwarten:

Boney M. mit Rivers of Babylon, Blondie Call Me, Stevie Wonder Master Blaster, Robert Palmer Johnny and Mary. Das ist für mich tiefste musikalische Kindheit.

Als 12- bis 18-Jährigem war mir die Hitparade dann bereits sehr egal, mein Herz klopfte bereits unabhängiger. Obwohl ich als Musiker ja schon damals immer irgendwie dazwischenstand. Für die Hitparade zu sperrig, für die Indies zu poppig.

Vor 7 Jahren, als ich an meinem bisher letzten Album für die Weyers schrieb, habe ich einmal versucht, die Top 40 durchzuhören, nur um zu wissen, was man heute so hört. Es zog sich mir leider bei 99 % der Songs alles zusammen. Schade. Ich kam also zum Schluss, dass das wohl nichts (mehr) für mich ist. Heute höre ich aus den Zimmern meiner Töchter immer auch mal aktuelle Hits, die mir irgendwie gefallen.

In den gloriosen Sixties bis weit in die Seventies hinein haben wir ja alle die Hitparade verfolgt, auch wenn wir lange Haare hatten und kifften. Wie sieht das Hitparadenpublikum heute aus?

Manchmal vielleicht wie meiner Töchter, oft ganz anders, denke ich.

Inwieweit war/ist die Hitparade ein Antrieb für dein Schaffen mit The Weyers?

Ich würde behaupten, dass die Messbarkeit des Erfolgs (Klicks, Likes, Social Media, Hitparadenpositionen) mir die Freude an der Musik fast vermiest hätte. Ich habe deshalb nach einem Burnout das Profi-Musikbusiness vor fünf Jahren als Artist/Songwriter bewusst verlassen und bin seither begeisterter Musiklehrer.

Sind Klick-Zahlen heute wichtiger als die Hitparade? Falls ja, welche Konsequenzen hat das?

Siehe oben …

 

Andreas Rohrer, Moderator «Sounds!», SRF 3

Ich mach’s kurz und bündig!

Wie war dein Verhältnis zur Hitparade als 12- und 18-Jähriger – und heute? Interessiert dich die Hitparade überhaupt noch?

Mit 12: Grosser Unterhaltungs- und Informationswert. Jeden Winter-Sonntag auf der Heimfahrt aus den Bergen im Auto gehört.

Mit 18: Rund um die Matura war die Hitparade Gradmesser für das, was im Allgemeinen für musikalisch relevant und gut gehalten wurde. Wurde aber durch Alternativen relativiert.

Heute: irrelevant

In den gloriosen Sixties bis weit in die Seventies hinein haben wir ja alle die Hitparade verfolgt, auch wenn wir lange Haare hatten und kifften. Wie sieht das Hitparadenpublikum heute aus?

Wie Alexander Blunschi

Falls Du einmal Musik gemacht hast, war die Hitparade eine Art Leuchtturm oder wirkte sie eher abschreckend?

Für meine nicht weiter nennenswerten Gitarren- und Gesangskünste hatten der Grunge und Pop-Punk der 90er grossen Einfluss, also Sachen, die damals in den Charts zu finden waren.

Sind Klick-Zahlen und Likes heute wichtiger als die Hitparade? Falls ja, welche Konsequenzen hat das?

Ich denke ja. Die Hitparade als Gatekeeper existiert nicht mehr. Verbreitung ist wichtiger als Verkauf. Dass die Hitparade Streams miteinbezieht, ändert an ihrem heutigen Status nichts.

 

Andreas Ryser, Manager einer Plattenfirma, Musiker

Wie war dein Verhältnis zur Hitparade als 12- und 18-Jähriger – und heute? Interessiert dich die Hitparade überhaupt noch?

Ich habe mir die Hitparade als 12-Jähriger auf Kassette aufgenommen, eigene Cover dazu gebastelt mit Fotos aus Bravo oder Pop Rocky, mit 18 ging es mir dann schon ziemlich am A… vorbei, da waren dann Beastie Boys und Living Colour angesagt. Die Hitparade heute schaue ich mir nur noch an, wenn uns jemand mitteilt, dass wir wegen ein paar verkauften Tonträgern in den Album-Charts sind mit unseren Acts … Singles-Hitparade, nee …

In den gloriosen Sixties bis weit in die Seventies hinein haben wir ja alle die Hitparade verfolgt, auch wenn wir lange Haare hatten und kifften. Wie sieht das Hitparadenpublikum heute aus?

Da die Hitparade mit Tiktok-Virals gefüllt ist, die dadurch auf den Streaming-Services sehr gut performen und somit dann eben die Charts bestimmen, ist dies nicht so unsere Baustelle, Hitparaden sind dann halt einfach die Top 100 der Welt.

Inwieweit war/ist die Hitparade ein Antrieb für dein Schaffen mit Filewile heute?

Kein Antrieb. Die Singles-Hitparade ist so global geworden, dass du eigentlich keine Chance hast, da stattzufinden. Dies hat natürlich in erster Linie damit zu tun, das Streaming-Services, wie z. B. Spotify, sehr wenig für die lokalen Musikmärkte machen. Somit sind die Charts viel globalisierter als früher.

Sind Klick-Zahlen heute wichtiger als die Hitparade? Falls ja, welche Konsequenzen hat das?

Hitparaden sind natürlich immer noch der Treiber, um in die kommerziellen grossen Radios zu kommen. Die Hitparade unterscheidet sich ja sehr wenig von den Spotify-Charts. Somit sind all die Charts bei den Streaming-Services oder Tiktok und Youtube viel relevanter, auch weil dort dann nochmal viel zusätzliche Nutzung passieren kann, wenn der Song in den Charts stattfindet. Das Radio war ja früher so etwas wie die Kommunikation der meisten Verkäufe, also eigentlich ein Produkt der Musikindustrie, um mit der Musik, die sich eh schon sehr gut verkauft, noch mehr zu verkaufen …

Wir merken natürlich, dass es einen grossen Impact hat, wenn wir Resultate haben, zum Beispiel in grossen Playlists auftauchen, Konzerte ausverkauft sind oder die Gruppen viele Followers haben. Weil: Der Mensch ist halt einfach sehr langweilig gewickelt, und was viel gehört und gesehen wird, wird automatisch als gut erachtet.

Dies ist ein Phänomen, das sich lustigerweise auch in der Indie-Szene durchsetzt. Wir können auch für noch so experimentelle Musik mit Reichweite-Argumenten noch mehr Reichweite kriegen und so einen Artisten hochschaukeln. Also genau so, wie dies ja der Zweck der Hitparade ist. Eine der besten Strategien überhaupt, wenn es um Live-Auftritte geht, ist diese: Es ist superwichtig, einige Shows schnell auszuverkaufen, dies dann immer und immer wieder zu kommunizieren, so verkaufst du dann weitere Tickets viel schneller und besser, da sind natürlich Social Media sehr hilfreich.


Annakin, Musikerin

Wie war dein Verhältnis zur Hitparade als 12- und 18-Jährige – und heute? Interessiert dich die Hitparade überhaupt noch?

In meiner Teenagerzeit war die Hitparade natürlich schon ein wöchentlich mit Spannung erwartetes Ereignis. Ich verfolgte die Deutsche Hitparade jeden Samstagabend im TV und machte mich gleichzeitig mit viel Haarspray parat für den Ausgang. Die Hitparade läutete quasi das Wochenende ein, denn wir hatten früher noch Schule am Samstagmorgen. Etwas später kam die Hitparade am Sonntag auf DRS 3. Es war die Zeit, als Depeche Modes Enjoy the Silence und Sinéad O’Connors I do not want what I havent’t got in den Charts waren, beides sind noch heute grosse Idole für mich. Heute interessiert mich die Hitparade noch, weil ich bislang die Ehre hatte, mit all meinen Alben darin vertreten zu sein. Aktiv hören tue ich sie aber nicht mehr.

In den gloriosen Sixties bis weit in die Seventies hinein haben wir ja alle die Hitparade verfolgt, auch wenn wir lange Haare hatten und kifften. Wie sieht das Hitparadenpublikum heute aus?  

Ich denke, das hat sich alles massiv verändert. Die Kids von heute sehen anders aus, weil sie andere Idole haben. Heute ist es der Billie-Eilish-Schlabber-Look, wie es mein Göttibub mal formuliert hat, und früher war das Äquivalent vielleicht der Punk und dann der Grunge. Früher waren es die Popper mit den gelierten Haaren und heute liebt man die Nerds, wie Ed Sheeran oder Lewis Capaldi. Eine schöne und vor allem tolerante Entwicklung, finde ich.

Vielleicht war die Hitparade früher auch ein spezielles Ereignis, weil es eine Art erste Playlist war, die man zu hören bekam. Ausser in der Disco gab es damals ja noch keine einfache Möglichkeit, alle Lieblingssongs der Reihe nach zu hören. Man musste immer zuerst das Tape, die CD oder die Platte wechseln. Eine erste Form von Playlist war wahrscheinlich auch das Aufnehmen auf Kassette. Aber da kam man ja immer zu spät und hat den Recordingknopf meistens erst gedrückt, wenn der Song bereits angefangen hatte.

 Inwieweit war/ist die Hitparade ein Antrieb für deine Arbeit heute?

Sie ist kein eigentlicher Antrieb, aber ich finde es jeweils trotzdem cool, wenn ein Album oder ein Song von mir charted.

Sind Klick-Zahlen heute wichtiger als die Hitparade? Falls ja, welche Konsequenzen hat das?

Das mag sein. Ich finde diese Tendenz aber problematisch, da die Klick-Zahlen oft nicht die Wahrheit abbilden und wirklich Geld generieren tun sie auch nur, wenn man unendlich viele Klicks hat.

 

Brandy Butler, Musikerin

How was your relationship with the «hit parade» as a 12- and an 18-year-old? And today? Are you interested in the charts at all today?

When I was 12, I would come home every day after school and watch MTV live. I wouldn’t say that I recognized that what I was watching was more or less the charts, but I definitely was interested in what music was popular at that time for social reasons. By the time I was 18, I was in college and no longer watching MTV for the charts. The internet was still in its baby form but downloading platforms like Napster had just started. And so, the charts were more like what was everyone downloading off of the platforms.

Today I am no longer interested in the charts as we have known them at all, except that I watch a lot of old chart-reruns (like Soul Train and Dick Clark’s Bandstand) with my dad who has dementia. These days I understand that the charts were/are basically a tool run by the major labels to advertise their products. Even streaming platforms. The major playlists have secret curators, and often they are the major labels. I do think what is interesting is how social media can make a song jump to internet stardom based on how people interact with a song. But still, the charts are just a curated playlist. I prefer to make my own.

During the «glorious» 60s up to the mid-70s, we all (I mean people my age, not you!) followed the charts, even if we had long hair and smoked dope. Who follows the charts today?

I don’t think people actively follow the charts anymore. The charts were a kind of reference to what you should be listening to and therefore buying. With the start of streaming apps and curated playlists, this lost its relevance. You can listen to literally all the music all the time for 15.- CHF a month, and if you don’t know what you like an algorithm will just automatically pick it for you.

Have the charts ever been a motivational force in your work?

Never ever. I think to make a chart hit in most cases your goal has to be to appeal to the most amount of people possible. In my case I make music for myself, simply because I love to, so that doesn’t really give me a lot of mass appeal. (It does give me really true fans, but I think I would fall more under niche music than anything).

Is the number of clicks more important today than the charts? If so, what are the consequences?

Are clicks more important than plays? I think already there you’re showing your age. 😉  Most people don’t have mouses anymore, so clicks is not a term from the most current generation. Streams and likes are much more important. They are the currency of social media, and in that world, they are worth a lot. You can translate it into sponsorships and ads all which have the potential to generate revenue. However, they also come with barriers. You need access to the playlists or have platform algorithms that push your music (like the major labels do). And still even with all that, it doesn’t necessarily translate outside that world to money. The average payment for a stream is .00002.

I think it could be interesting in today’s world to redefine what charts are and how they could be calculated. But I think the day of charts are kind of over. The internet makes its own recommendations based on the trends, but this can last literally from a day to a few weeks. Usually within a month it is no longer cool to even like that song.

 

 Daniela Sarda, Musikerin

Wie war dein Verhältnis zur Hitparade als 12- und 18-Jährige – und heute?

Als 12- bis 18-Jährige habe ich generell sehr viel Musik gehört. Da ich mich grundsätzlich für Musik interessiert habe, hatte ich natürlich meine Lieblingsalben, welche ich unabhängig von der Hitparade immer hörte. Die Hitparade hatte mehr Einfluss auf bestimmte Trends und dass man einzelne Songs eine Zeit lang sehr mochte. Meinen persönlichen Musikgeschmack hat sie aber nicht beeinflusst. Heute höre ich keine Hitparade mehr, wenn, dann höre ich mir auf Spotify Pop Brandneu oder Fresh Finds an, um Neuerscheinungen zu entdecken.

 Interessiert dich die Hitparade überhaupt noch?

Die Hitparade interessiert mich aktuell nicht.

In den gloriosen Sixties bis weit in die Seventies hinein haben wir ja alle die Hitparade verfolgt, auch wenn wir lange Haare hatten und kifften. Wie sieht das Hitparadenpublikum heute aus?

Ich denke, der Musikgeschmack ist viel individueller geworden. Ich könnte mir vorstellen, dass Menschen, die Musik beiläufig konsumieren, noch Hitparaden hören, aber junge Menschen stellen sich auf Spotify ihre eigenen Playlists zusammen. Ich habe einen kurzen Blick auf die aktuelle Schweizer Hitparade geworfen, ich kenne davon noch zwei, drei Namen (Billie Eilish, Olivia Rodrigo).

 Inwieweit war/ist die Hitparade ein Antrieb für deine Arbeit heute?

 Für meine aktuelle Arbeit war die Hitparade nicht so relevant, evtl. mehr für das Zusammengehörigkeitsgefühl, das man hatte, wenn alle denselben Song singen und dazu tanzen konnten. Meine Arbeit war bereits als junge Sängerin von Soul, R’n’B oder Canzoni inspiriert, diese Musik war nicht immer in den Charts präsent.

Sind Klick-Zahlen heute wichtiger als die Hitparade? Falls ja, welche Konsequenzen hat das?

Beides ist wichtig. Versuchen nicht immer noch viele Künstlerinnen und Künstler in die Hitparade zu kommen? Oder ist dies vielleicht immer noch ein Werkzeug der Majorlabels, um von der grossen Masse konsumiert und gekauft zu werden? Klick-Zahlen (Likes?) stellen wieder mehr das Interesse der einzelnen Musikhörerinnen und -hörer dar, den individuellen Geschmack, und geben speziellen Musikstilen und Nischen eine Plattform, die es in den Charts nicht gäbe.

 

Luca Bruno, Moderator «Sounds!», SRF 3

 Wie war dein Verhältnis zur Hitparade als 12- und 18-Jähriger – und heute? Interessiert dich die Hitparade überhaupt noch?

Als 12- und 18-Jähriger hat mich die Hitparade überhaupt nicht interessiert. Ich war vorher, so etwa im Alter zwischen 6 und 10 Jahren ein riesiger Fan und habe jeden Sonntagnachmittag vier Stunden lang vor dem Radio geklebt. Sogar einen Walkman mit Radio-Tuner habe ich mir schenken lassen, dass ich auch von unterwegs mithören konnte. Ich habe einige Ausgaben auf Kassette aufgenommen und wieder und wieder gehört. Der Hitparadenmoderator auf DRS 3 war auch etwa der grösste Star, den ich mir vorstellen konnte.

Heute ist mir die Album-Hitparade ziemlich egal, auch weil die physischen Verkäufe ja so weit zurückgegangen sind, dass bereits dreistellige Verkaufszahlen für eine Top-10-Platzierung ausreichen. Die Single-Charts finde ich nach wie vor durchaus interessant, weil sie eigentlich noch immer ein relativ guter Gradmesser dafür sind, was gerade populär ist.

In den gloriosen Sixties bis weit in die Seventies hinein haben wir ja alle die Hitparade verfolgt, auch wenn wir lange Haare hatten und kifften. Wie sieht das Hitparadenpublikum heute aus?

Es schauen wohl nur noch Hip-Hop-Fanatikerinnen und -Fanatiker und Ultra-Fans von Popstars regelmässig auf die Hitparade. Kreise, in denen hohe Chartplatzierungen noch wirklich Eindruck schinden – und sich die verschiedenen Fanbases darum Streaming-Kriege und -Wettrennen liefern. Noch immer «bluffen» Hip-Hop-Acts mit Chartplatzierungen – im alternativen Kreis ist das natürlich komplett egal.

Sind Klick-Zahlen und Likes heute wichtiger als die Hitparade? Falls ja, welche Konsequenzen hat das?

Definitiv. Wobei es ja eigentlich das Ziel der Hitparade sein müsste, deckungsgleich mit den Streamingzahlen zu sein. Trotzdem finde ich die Spotify-Charts, wo man auf dem Stream genau sehen kann, wie oft ein Song gestreamt wurde, um einiges transparenter als die Hitparade, deren Berechnungsschlüssel ja noch immer ziemlich nebulös ist.

 

Michael von der Heide, Musiker

Wie war dein Verhältnis zur Hitparade als 12- und 18-Jähriger – und heute? Interessiert dich die Hitparade überhaupt noch?

Ich habe natürlich als Teenager die Hitparade geliebt. Habe sie jeden Sonntag aufgenommen und mich wie die meisten genervt, wenn dann der Moderator oder die Moderatorin noch dreingeschnorrt hat ins Intro oder Outro. Viele von den Kassettli habe ich noch. War natürlich immer wahnsinnig spannend. Wie beim Eurovision Song Contest, man ärgert sich, wenn der Lieblingssong nicht aufs Eins kommt oder wieder aus den Top 10 hinauskippt und, und, und! Aber die Zeit hat mich total geprägt.

Habe lange als interessierter Musiker die Hitparade noch mitverfolgt, um zu sehen, was da noch geht. Aber ich würde sagen, in den letzten vier, fünf Jahren habe ich aufgegeben. Es hat halt viel Musik gehabt, die mich überhaupt nicht angesprochen hat, und ich habe dann doch gemerkt, dass ich aus dem Rennen hinausgefallen bin, was mich auch entspannt.

Für meine Musik war es eigentlich nie ein grosses Thema. Wie man auf meinem ersten Album hört, bin ich musikalisch nie dem Mainstream hinterhergerannt. Ich habe sicher einmal das eine oder andere Lied gehabt, von dem ich dachte, es könnte radiotauglich sein. Und ich habe mich dann natürlich schon gefreut, als mein Album Tourist im Jahr 2000 auf Platz 5 gekommen ist. Oder dass ich in den letzten Jahren doch immer wieder in die Charts gekommen bin, obwohl ich ganz unabhängig unterwegs bin, was die Plattenfirmen betrifft, denn ich habe meine eigene. Das freut mich, aber es ist eigentlich irrelevant. Das Publikum an den Konzerten interessiert es nicht, ob das Album in den Charts ist oder nicht.

Sind Klick-Zahlen und Likes heute wichtiger als die Hitparade? Falls ja, welche Konsequenzen hat das?

Das mit den Klickzahlen tangiert mich nicht gross. Ich habe gerade jetzt eine Single mit Eve Gallagher, wo wir wunderbare Klickzahlen haben, worüber sich alle freuen, ich mich auch, aber das ist auch wirklich für mein Schaffen, für meine Musik, momentan total unwichtig.

In den gloriosen Sixties bis weit in die Seventies hinein haben wir ja alle die Hitparade verfolgt, auch wenn wir lange Haare hatten und kifften. Wie sieht das Hitparadenpublikum heute aus?

Ich nehme an, vom Aussehen her ähnlich wie in den 80ern, ähnlich gestylt, wie ich in den 80ern gewesen bin. Heute kenne ich ja nicht so viele junge Leute, aber die hören die Hitparade nicht. Ich weiss nicht, wer da wirklich noch dran hängt. Die hören doch Spotify und Playlists.

 

Stefan Künzli, Musikredaktor bei CH-Media

Hatte die Hitparade für dich eine Bedeutung als Knirps?

Unbedingt! Ich bin im Jahr 71 eingestiegen, da war ich 9, blutjung, das hat mich schon geprägt, war fast das einzige, was man damals am Schweizer Radio hat hören können. Da war die Hitparade für mich sehr wichtig und prägend. Heute natürlich nicht mehr.

Wann hat sich das geändert?

Schleichend, in den 70er-Jahren, als ich Richtung Jazz ging. Dann war ich schon nicht mehr so interessiert. Aber nebenher habe ich immer noch mitgenommen, was da lief. Es war ja auch noch relevant zu jener Zeit, insofern als es abgebildet hat, was wirklich die erfolgreichsten Songs waren, was sich wiederum auf den Verkauf der Alben auswirkte. Das kann man heute nicht mehr. Es ist ziemlich schwierig geworden, das alles nachzuvollziehen.

Und man hat sich riesig gefreut, wenn mal eine Schweizer Band in den Charts war.

Davon habe ich wenig mitbekommen. Pepe Lienhard, Sheila Baby, Swiss Lady. Und natürlich Heavenly Club, das war glaub ich im ersten Schweizer Hitparadenjahr.

Hast du Erinnerungen an bestimmte Hitparadenstücke?

Ziemlich genau kann ich mich erinnern. Ich habe es richtig aufgesogen. Suzi Quatro zum Beispiel, grandios, Sweet, Slade, das war damals auf der Linie als Teenie. Und Deep Purple, Black Night, die ersten harten Sachen – finde ich übrigens heute noch gut …

Toni Vescoli, Musiker

Wie war das damals für euch, als «Heavenly Club» auf Platz 1 kam?

Das war natürlich ein verrückter Sommer. Wir waren auf Tournee, als Sauterelles, zusammen mit Arlette Zola, an einem Abend sie zuerst, am anderen wir. Natürlich waren wir gespannt, ob Heavenly Club in die Hitparade käme. Und tatsächlich, es ging nicht lang, da waren wir drin, und die Platte ist gestiegen und gestiegen und auf einmal war es so weit, Platz 1. Da hat Christoph Schwegler gesagt: «well, well, well, und auf Platz 1, Les Sauterelles!» War natürlich gewaltig für uns. Wir haben Christoph persönlich gut gekannt, er kam immer ins Atlantis, wenn wir dort gespielt haben.

Es war eine verrückte Sache, und dass wir dann sechs Wochen auf Platz 1 blieben, war damals eine kleine Sensation. Hat uns sehr gefreut. Auf der anderen Seite hat es mich auch ein bisschen auseinandergerissen, denn meine Tochter Natalie kam zu genau der Zeit auf die Welt, als wir in der Hitparade waren. Ich wusste bald nicht mehr, was ich jetzt lässiger finden sollte, hahaha! Aber lässiger war dann halt schon die Geburt meiner Tochter!

Inwieweit war die Hitparade für euch ein Antrieb, vor und nach dem Hit?

Antrieb – natürlich hatte man als Band das Gefühl, es wäre schon lässig, wenn man in die Hitparade käme. Aber wir wollten ja eigentlich nur Platten machen. Heavenly Club war nicht einmal unser Favorit. Eigentlich hätten wir Montgolfier als Hit gewollt. Aber klar denkt man dran, dass man gern einen Hit hätte.

Gab es nach dem Hit Druck von der Plattenfirma, die Formel zu wiederholen?

Unter Druck von der Plattenfirma sind wir nicht gestanden. Es war aber sowieso leicht tragisch, denn bald nach der Tournee, die wir dann machten, fing die Band an, auseinanderzubröckeln. Düde Dürst, der Drummer, hat mit Hardy Hepp zu jammen angefangen, und irgendwann ist er dann ausgestiegen, 1968. Schade, wir hätten in Deutschland gross einsteigen können nach einer Plattenkonferenz in Hamburg. Ist dann halt nichts draus geworden. Ich habe weitergemacht mit den Sauterelles, dann aber bald einmal allein. Auch finanziell war es nicht mehr interessant. Die ganze Szene hatte sich verändert. Die Klubs. Es gab keine wochenlangen Engagements mehr, man musste Einzelauftritte machen.

Galt es in der progressiven Umgebung nicht als uncool, in den Charts aufzutauchen?

Naja, 1968 waren wir eigentlich nicht in einer progressiven Szene. Ich würde eher sagen, das wäre dann Düde mit Krokodil gewesen. Aber die Sauterelles waren eh eher eine kommerzielle Sache, da war es gar nicht uncool, einen Hit zu haben. Viel schwieriger ist es geworden, als ich Mitte der 70er-Jahre in die Charts kam, zuerst mit dem Pfäffli, dann Scho root. Da hat es dann schon von ein paar Leuten getönt (mimt Berner Akzent): «Aha, du bist ja halt jetzt in der Hitparade, gell?»

Die Berner Troubadours fanden das ziemlich daneben, dass jetzt ein sogenannter Liedermacher in die Hitparade kommt. Das war ja damals sehr ungewöhnlich. Mani Matter und all die anderen kamen nie in die Hitparade. Dann kommt dieser Vescoli mit der Züri-Schnure daher und fegt alles weg, hahaha. Die Hitparade habe ich in den 60er-Jahren verfolgt, in der Zeit von Heavenly Club, später dann nicht mehr so. Als ich meine eigenen Lieder auf Schweizerdeutsch machte, war die Hitparade nicht mehr so wahnsinnig wichtig.

 

Ausgabe 9_10/2023 – Focus «Ansporn»

Inhaltsverzeichnis

Focus

Sich trauen und andere ermutigen
Interview mit Nicole Johänntgen

Das innere Feuer am Brennen halten
Antriebslosigkeit beim Musiklernen verhindern

Die Hitparade: Karrieretreiberin, Kult und Kommerz
Ansporn und Frust der Charts
Statements von Adrian Weyermann, Andreas Rohrer, Andreas Ryser, Annakin, Brandy Butler, Daniela Sarda, Luca Bruno, Michael von der Heide, Stefan Künzli und Toni Vescoli

Waldesluft in Musik fassen
Was trieb Komponisten aus verschiedenen Epochen an?

Die «unsterbliche Geliebte» in Solothurn?
Ein bisher unbekannter Eintrag in einem Hotelregister

 (kursiv = Zusammenfassung in Deutsch des französischen Originalartikels)

 

Critiques

Rezensionen von Tonträgern, Büchern, Noten

 

Echo

La musique contemporaine dans les grands festivals
Gros plan de Verbier à Lucerne

Klingende Nebenwege durchs Gebüsch
Festival Rümlingen im Tessin

Picture a day like this
Opéra de George Benjamin

Radio Francesco
La chimère | Die Chimära

Keine Kompromisse eingehen, dennoch verständlich bleiben
Martin Derungs – Nachruf

Eine Pionierin des Chorgesangs
Verena Scheidegger – Nachruf

Ecouter la voix des apprenants
Le concept de « Learner Voice » à Lausanne

Chatten über …
Ensemblegründung und -leitung

Carte blanche für Andreas Wiedmer
Die Einzelleistung  befeuert das Kollektiv


Basis

Artikel und Nachrichten aus den Musikverbänden

Eidgenössischer Orchesterverband (EOV) / Société Fédérale des Orchestres (SFO)

Konferenz Musikhochschulen Schweiz (KMHS) / Conférence des Hautes Ecoles de Musique Suisse (CHEMS)

Kalaidos Musikhochschule / Kalaidos Haute École de Musique

Schweizer Musikrat (SMR) / Conseil Suisse de la Musique (CSM)

CHorama

Schweizerische Gesellschaft für Musik-Medizin (SMM) / Association suisse de Médecine de la Musique (SMM)

Schweizerische Musikforschende Gesellschaft (SMG) / Société Suisse de Musicologie (SSM)

Schweizerischer Musikerverband (SMV) / Union Suisse des Artistes Musiciens (USDAM)

Schweizerischer Musikpädagogischer Verband (SMPV) / Société Suisse de Pédagogie Musicale (SSPM)

SONART – Musikschaffende Schweiz

Stiftung Schweizerischer Jugendmusikwettbewerb (SJMW)

Arosa Kultur

SUISA – Genossenschaft der Urheber und Verleger von Musik

Verband Musikschulen Schweiz (VMS) / Association Suisse des Écoles de Musique (ASEM)

 

Wunderkind und dreifache Muse
Rätsel von Chris Walton

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Ausgabe für CHF 8.- (+ CHF 2.- Versandkosten) bestellen

Eine Pionierin des Chorgesangs

Mit Verena Scheidegger hat die Basler Musikwelt diesen Sommer eine ihrer bedeutendsten Chorleiterinnen verloren.

Verena Scheidegger im Jahr 2007. Foto: zVg

Bereits Ende der 1950er-Jahre macht Verena Scheidegger-Buser (1942–2023) erste Gehversuche als Chorleiterin, nachdem der Kirchenchor, in den sie doch eben erst eingetreten ist, sich aufzulösen droht. Während ihres Studiums als Pianistin und Chorleiterin am damaligen Basler Konservatorium leitet sie bereits drei Chöre. Ihre prominenten Vorbilder und Lehrmeister sind der Schweizer Komponist und Pädagoge Theodor Diener, der für sie das Oratorium Lazarus komponiert, und Paul Schaller als Chorleitungsdozent am Konservatorium. Sie setzt sich als berufstätige Frau mit Familie bei ihren vorwiegend männlichen Kollegen erfolgreich durch und verwirklicht ihre wertvollen Erkenntnisse aus dem Studium in der Neugründung der Peterskantorei Basel 1965. Damit gehört sie zu den Pionierinnen der Schweizer Chorleiterszene.

Neue Impulse für Kirchenchöre

Sie feilt an einem neuen, bahnbrechenden Profil «Kirchenchor», der nebst monatlichen Gottesdiensten zusätzlich Konzerte mit Solisten und Orchester oder weltliche Serenaden bestreitet. Erstmals werden die Sängerinnen und Sänger in der Chorprobe stimmbildnerisch geschult, was damals weder beliebt noch üblich ist. Ihre Programmwahl ist innovativ mit klarem Konzept. Sie kennt die Grenzen ihres neu gegründeten Chores und verzichtet auf das übliche Repertoire, das sie lieber andern, vorab den professionellen Institutionen überlässt. Im Gegenzug zieht sie die Aufmerksamkeit durch kluge Programmierung auf sich, was auch der professionellen Szene nicht entgeht. Nebst Werken, die im 18. und 19. Jahrhundert zu den meistaufgeführten gehörten und in Vergessenheit geraten sind, darunter Grauns Tod Jesu oder Herzogenbergs Geburt Christi, erteilt sie Kompositionsaufträge. Diese sind perfekt auf die Peterskantorei abgestimmt, während die Solisten und das Orchester höchst anspruchsvolle Parts abzuliefern haben. Stellvertretend sei das Oratorium Petrus des Basler Komponisten Rudolf Jaggi (1940–2015) erwähnt. Wer ein Ohr davon mitbekommt, stellt fest, dass es sich hier weder um Gebrauchsmusik noch um künstlerische Kompromisse handelt. Improvisationsstellen, Aleatorik und schroffe Dissonanzen sind allgegenwärtig. Überdies ist dieses Oratorium ein Geheimtipp für heutige Chöre.

Ü 50

Und noch einmal ist Verena Scheidegger ihrer Zeit voraus. Mit ihr altern, wie in allen Chören, auch die eigenen Mitglieder. Zudem werden in den Basler Chören Altersgrenzen gezogen. Scheidegger nutzt die Gunst der Stunde und gründet in Zusammenarbeit mit der Senioren-Universität und der Basler GGG den «Chor50». Diesmal schielt nicht nur die Schweiz, sondern auch das Ausland nach Basel. Der neue Chor besteht aus erfahrenen und routinierten Singenden bestandener Konzertchöre. Scheidegger ist überzeugt, dass sich stimmlich etwas machen lässt, und sie bekommt recht. Anekdoten berichten, dass sich auch Singwillige unter 50 Jahren interessiert hätten, worauf die Chorleiterin um Geduld gebeten und sie auf die Warteliste gesetzt habe. Damit zeigt sich noch eine weitere Charakterstärke. Es lag ihr fern, andere Vereine zu konkurrenzieren. Im Gegenteil, sie interessierte sich für die Arbeit ihrer Kolleginnen und Kollegen und stand ihnen mit Rat und Tat bei. Sie war regelmässig Gast an den Konzerten der Chöre der Hochschule für Musik Basel und freute sich fortwährend, neue Chormusik kennenzulernen.

Abschliessend sei erwähnt, dass Verena Scheidegger ebenso erfolgreich als Klavierlehrerin an der Musik-Akademie Basel unterrichtete.

Cantate Domino Canticum Novum – Singt dem Herrn ein neues Lied, dies war Verena Scheideggers Lebenselixier. Die Chorszene trauert um eine Künstlerin und Pädagogin, welche das Basler Musikleben massgeblich geprägt hat.

Keine Kompromisse eingehen, dennoch verständlich bleiben

Am 31. Mai 2023 ist Martin Derungs in Basel verstorben. Derungs war als konzertierender Musiker und Komponist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Martin Derungs, aufgenommen in Zürich im November 1999. Foto: Keystone/Ayse Yavas

Martin Derungs wurde am 12. Mai 1943 in Chur geboren. Mit den ebenfalls komponierenden Bündner Musikern Gion Antoni Derungs, Gion Giusep Derungs und Urban Derungs war er nicht näher verwandt. Sein Vater war der Lehrer Josef Derungs (1914–2002), der sich ebenfalls musikalisch profiliert hat, namentlich als Chorleiter und Musikpädagoge.

Künstlerischer Werdegang

Erste musikalische Prägungen empfing Derungs durch seinen Vater und Lucius Juon (1913–2015), den charismatischen Kirchenmusiker und Gründer der Churer Singschule. Es folgte das Studium in Zürich mit den Fächern Orgel (Luigi Favini), Klavier (Hans Andreae) und Komposition (Paul Müller-Zürich). Ein weiteres Kompositionsstudium führte ihn danach zu Günter Bialas nach München (1967–1971). Mit folgenden Worten erinnerte er sich an jene Zeit: «Mit ihm habe ich es ausnehmend gut getroffen. Im Gegensatz zu Stockhausen oder Boulez hat er keineswegs versucht, uns eine konkrete Tonsprache – die wohl die seinige gewesen wäre – aufzuzwingen, und hat sich in dieser Hinsicht stark zurückgenommen. Dennoch haben wir natürlich seine Sachen angehört und auch sehr geschätzt. Was wir bei ihm in erster Linie gelernt haben, ist die Ökonomie der Mittel. Wenn einem wenig in den Sinn kommt, soll man keine Symphonie schreiben, sondern vielleicht zwei Miniaturen.»1

Derungs versah von 1980 bis 1984 einen Lehrauftrag für Cembalo, Generalbass und Kammermusik an der Staatlichen Hochschule für Musik in Karlsruhe. Er war Redaktor bei der Musikabteilung des Schweizer Radios in Zürich und beim Kurzwellensender «Deutsche Welle» in Köln. Doch war Derungs für Aufgaben dieser Art auf Dauer nicht geschaffen. «Die Radioarbeit war für mich einige Zeitlang interessant, aber nach drei Jahren hatte ich genug davon. Ein Vollzeitstelle wie diese war zuviel für mich. Ich habe in dieser Zeit überhaupt keine Konzerte mehr gegeben, nur noch komponiert. Das habe ich nicht länger ausgehalten, ich musste wieder auf die Bühne. So bin ich denn zurück nach Zürich, ohne eine Anstellung in der Tasche.»2

Freischaffender Musiker

Derungs blieb danach im Wesentlichen freischaffend. Zahlreich waren dafür seine weitgehend ehrenamtlichen Engagements auf dem Gebiet der Musikförderung. Die Musikerkooperative Schweiz, eine Vereinigung von improvisierenden Musikern, präsidierte er während vier Jahren. Ebenfalls vier Jahre lang war er Präsident des Schweizerischen Tonkünstlervereins. Neun Jahre war er Mitglied der Programmkommission des Künstlerhauses Boswil. Weiter stand er der Musikkommission der Stadt Zürich vor, wo unter anderem Stipendien und Werkjahre zu vergeben waren. Schliesslich betreute er während einigen Jahren das Musikkollegium Zürcher Oberland in Wetzikon.

Als konzertierender Musiker bevorzugte er das Cembalo. Wir erinnern uns etwa an eine auswendig gespielte Wiedergabe des Wohltemperierten Claviers, in für ihn typischer Manier ergänzt durch ein Stück zeitgenössischer Musik.

Komponist

Zur Charakterisierung seines Komponierens lassen wir Martin Derungs nochmals selbst zu Wort kommen: «Ich war ungefähr 45, als ich mich als Komponist soweit gefunden hatte, dass ich sagen konnte: Ich tue, was ich will, egal, was die anderen denken. Das war in den früheren Achtzigerjahren; da wurde mir klar, was mein Stil sein sollte. Dafür waren zwei Faktoren wichtig: Erstens, dass ich recht viel für Gesang geschrieben habe. Dabei hatte ich nie Lust, die Sänger zu drangsalieren, sondern ich habe immer Stücke komponiert, welche die Leute auch gerne gesungen haben.

Das Zweite ist die Auseinandersetzung mit der sogenannten Alten Musik. In diesem Zusammenhang ist eine ganze Reihe von neuen Stücken für historische Instrumente wie Blockflöte, Cembalo oder Barockgeige entstanden. In den späteren Achtzigerjahren hat mich dann die Welt des Musiktheaters zu interessieren begonnen. Das erste grosse Werk dieser Gattung, das ich schreiben durfte, war Bündner Wirren. Szenen um Jürg Jenatsch für die Davoser 700-Jahre-Feier. Dort haben in der Schlussszene dreihundert Personen auf der Bühne gestanden. Beteiligt waren Laienchöre und nicht weniger als fünf Orchestergruppen, die auf die riesige Szene verteilt waren.

Fasziniert haben mich auch die beiden Projekte, die ich mit dem Chor der Bündner Kantonsschule habe realisieren können. Es ist nicht selbstverständlich, dass man Fünfzehn- bis Neunzehnjährige für so etwas begeistern kann. Diese jungen Leute hatten bis dahin vielleicht ein wenig Mozart auf dem Klavier gespielt und wurden nun mit einer Musik konfrontiert, die sich wohl nicht auf Anhieb erschliesst. Bei diesem Projekt war die eine Hälfte von mir komponiert, die andere bestand aus Jazz. Die Jugendlichen haben zunächst natürlich vor allem auf den Jazz angesprochen, aber am Schluss waren sie davon eher übersättigt. Dafür hatten sie, wie sie mir sagten, meine Stücke begriffen und sangen sie gerne. Als Komponist keine Kompromisse einzugehen und dennoch verständlich zu bleiben, dieser Mittelweg ist mir wichtig.»3

 

Anmerkungen

1 Thomas, Stephan: Musik schaffen und Musik fördern – der Komponist Martin Derungs, in: Bündner Jahrbuch 2013
2 Ebenda
3 Ebenda

Camerata Pontresina mit neuer Intendanz

Nach über dreissig Jahren hat Jürg H. Frei die Leitung der Camerata Pontresina offiziell an seinen Nachfolger Xaver Fässler übergeben.

Die Camerata Pontresina, das Kurorchester von Pontresina, gibt es seit 1910. Foto: Pontresina Tourismus

Die täglichen Morgenkonzerte der Camerata Pontresina im Taiswald seien ein Sommer-Evergreen, teilt Pontresina Tourismus mit. Sie finden seit 1910 von Mitte Juni bis Ende September statt. Nebst dem «Kurorchester» am Konzertplatz Tais spielten einst kleine und grosse Salonorchester-Formationen auch in Hotels und in Pavillons der Hotelparks. Bis in die 1940er-Jahre im Winter gar auf den lokalen Eisfeldern. Als offizielles Kurorchester von Pontresina noch immer im Einsatz steht die Camerata Pontresina.

 Xaver Fässler, bereits seit 1990 Klarinettist der Camerata Pontresina, hat nun von Jürg H. Frei die Intendanz übernommen. Frei hatte als «Der Doktor mit der Flöte» das Kurorchester Pontresina seit 1989 geführt und für das erfolgreiche Fortbestehen der legendären Camerata Pontresina gesorgt. Fässlers Anliegen ist es, zusammen mit Daniel Bosshard, Pianist und Bibliothekar der Camerata, die Tradition der Engadiner Kurorchester fortzusetzen und weiterzuentwickeln.

 

Tuba-Treffen im Kampus Südpol

Das Tuba+-Forum der Zentralschweiz fördert die Vernetzung in der Instrumentengruppe Althorn-Bariton-Euphonium-Tuba. Ein nächster Weiterbildungstag findet am 28. Oktober statt.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 2. Tuba+-Forum-Tags. Foto Dominik Baumgartner

Beim letzten Treffen im Mai konnten die rund 40 Anwesenden von Profis profitieren: Sie arbeiteten mit Simon Styles, Tuba, Thomas Rüedi, Bariton/Euphonium und Julien Roh, Althorn an ihren Grundlagen, konkret an Literatur oder studierten Ensemblestücke ein. Die Teilnehmenden erfuhren etwas über die Pflege ihrer Instrumente, besuchten eine Noten- und Zubehörausstellung und das Schlusskonzert.

Der Vorstand des Tuba+-Forums Zentralschweiz unter dem Präsidenten Remo Capra freut sich auf die nächsten Anlässe:

28. Oktober 2023: 2. Tuba+-Ensemble-Tag
16. Dezember 2023: Les Tubas de Noël
4. Mai 2024: 3. Tuba+-Forum-Tag

Wechsel in der Direktion von Murten Classics

Nach dem Festival 2023 wird Jacqueline Keller als Direktorin von Murten Classics zurücktreten.

Murten. Foto: Ron Sumners, depositphotos.com

Wie das Festival mitteilt, wird Jacqueline Keller nach 20 Jahren als Direktorin von Murten Classics nach dem diesjährigen Festival von ihrer Funktion zurücktreten. Für das Festival 2024 werde sie allerdings noch den Produktionsteil leiten, das heisst, mit dem künstlerischen Leiter zusammenarbeiten und die Künstler-Engagements und -Betreuung wahrnehmen. Eine Nachfolge sei aufgegleist und werde zu gegebener Zeit bekanntgegeben.

Die Medienmitteilung bei Murten Classics

Internationales Jugendmusiktreffen in Zürich

Vom 11. bis 14. Juli 2024 treffen sich Jugendmusikvereine aus der ganzen Welt am Welt-Jugendmusik-Festival in Zürich. Die Anmeldefrist läuft bis am 31. Oktober.

Thomas Gansch (links) ist WJMF-Botschafter, die Festivalleitung liegt bei Erich Zumstein. Foto: WJMF

Wie das Welt-Jugendmusik-Festival (WJMF) mitteilt, bietet es Wettbewerbe auf höchstem Niveau für Orchester in Harmonie-, Brass-Band-, oder Big-Band-Besetzung. Weitere Wettbewerbsdisziplinen sind die Parademusik, der Hallenshow-Wettbewerb, sowie Tambouren-Wettbewerbe in verschiedenen Kategorien. Teilnehmen können Jugendmusikformationen mit Mitgliedern im Alter bis 25 Jahre (drei Jokermitglieder, die älter sind, sind erlaubt).

In der Jury sitzen namhafte Musikerinnen und Musiker aus dem In- und Ausland. Der Trompeter und Mnozil-Brass-Gründer Thomas Gansch ist Festivalbotschafter, die Festivalleitung liegt bei Erich Zumstein, Direktor der Musikschule Konservatorium Zürich.

Anmeldefrist bis 31. Oktober 2023

Vereine aus dem In- und Ausland können bis am 31. Oktober über die Website ihre Teilnahme anmelden. Wer das Jugendalter bereits hinter sich gelassen hat und trotzdem gerne aktiv dabei sein möchte, kann sich als Helferin oder Helfer anmelden. Gesucht werden unter anderem Personen für die Betreuung der Vereine aus dem In- und Ausland.

Welt-Jugendmusik-Festival

Das Welt-Jugendmusik-Festival-Zürich (WJMF) entstand anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Jugendmusik Zürich 11. Mittlerweile hat es sich zu einem internationalen Festival für Amateur-Musikerinnen und Musiker im Alter zwischen 9 und 25 Jahren entwickelt. Seit 1985 reisten für jedes Festival zwischen 2600 und 4500 Jugendliche aus aller Welt nach Zürich, um Gleichgesinnte anderer Vereine aus aller Welt zu treffen, mit ihnen zu musizieren und sich mit ihnen in verschiedenen Kategorien zu messen. Insgesamt 250 Orchester aus rund 50 Ländern trafen sich in den vergangenen 33 Jahren zu einem faszinierenden musikalischen Wettstreit. Das letzte WJMF fand 2017 statt. Das Festival 2021 fand pandemiebedingt nicht statt.

www.wjmf.ch

96 Talente auf der Musikinsel Rheinau

Die internationale Plattform für begabte Musikerinnen und Musiker, die Youth Classics Swiss International Music Academy (SIMA), bringt vom 14. bis 23. Juli auf der Musikinsel Rheinau musikalischen Nachwuchs aus 24 Ländern zusammen.

Musikinsel Rheinau. Foto: yulan/depositphotos.com

Die Youth Classics Swiss International Music Academy (SIMA) ist eine private Initiative zur Förderung junger musikalischer Talente. Musikerinnen und Musikern, die an einer Musikhochschule studieren oder in Zukunft ein Musikstudium anstreben, bietet die Academy während der Sommerferienzeit, dieses Jahr vom 14. bis 23. Juli, eine intensive, hochwertige musikalische Ausbildung. An der 13. SIMA auf der Musikinsel Rheinau nehmen 96 Musikerinnen und Musiker aus 24 Ländern – davon rund ein Drittel aus der Schweiz – teil.

Einzelunterricht, Proben und spezielle Einblicke

Dozierende renommierter Musikhochschulen wie der Zürcher Hochschule der Künste, der Hochschule der Künste Bern, der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, der Hochschule für Musik und Theater München, der staatlichen Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin oder der Universität der Künste Berlin arbeiten während der Academy im Rahmen des Solounterrichts mit den Teilnehmenden. Ergänzend zum Einzelunterricht finden Proben mit Korrepetition und Kammermusikunterricht sowie verschiedene Spezialveranstaltungen statt. So bauen die Teilnehmenden im Team in einer Geigenbauwerkstatt unter Anleitung des renommierten Geigenbauers Stefan-Peter Greiner eine Geige und erweitern im Workshop «Der Weg zur mentalen Stärke» die eigenen Fähigkeiten rund um das Üben und die Performance beim Auftreten. Es werden zudem diverse Sonder- und Förderpreise vergeben.

Internationale Begegnungen auf allen Ebenen

Die Teilnehmenden und Dozierenden aus der ganzen Welt leben während der Academy auf der Musikinsel Rheinau an einem Ort. Dadurch wird der Austausch mit den bedeutenden Musikpädagogen und mit gleichgesinnten Musiktalenten zusätzlich gefördert. Als besonderen Höhepunkt gibt die international führende Geigensolistin Julia Fischer als Gast im Rahmen eines Spezial-Meisterkurses Einblicke in ihre Arbeit als Künstlerin.

Öffentliche Konzerte

An verschiedenen öffentlichen Konzerten zeigen die jungen Musiktalente ihr Können. Einige ausgewählte Musikerinnen und Musiker treten am Schlusskonzert vom 23. Juli 2023 im grossen Konzertsaal der Zürcher Hochschule der Künste in Zürich auf.

Präsentation der Teilnehmenden der 13. Swiss International Music Academy 2023
Donnerstag, 20. Juli 2023 / Freitag 21. Juli 2023 – jeweils 19.30 Uhr
Mühlesaal, Klosterinsel 2, 8462 Rheinau
Eintritt frei – Kollekte

Abschlusskonzert der Kammermusikgruppen
Samstag, 22. Juli 2023, 14.00 Uhr
Bergkirche St. Nikolaus, 8462 Rheinau
Eintritt frei – Kollekte

Abschlusskonzert der 13. Swiss International Music Academy 2023
Sonntag, 23. Juli 2023, 17.00 Uhr
Zürcher Hochschule der Künste, Grosser Konzertsaal, Toni-Areal,
Pfingstweidstrasse 96, 8005 Zürich
Eintritt frei – Kollekte

Othmar Schoeck Festival Brunnen 2023

Unter dem Motto «Le plus beau pays du monde?» findet vom 1. bis 3. September 2023 bereits das fünfte Othmar Schoeck Festival statt.

Ein Gemälde von Alfred Schoeck bildet die Grundlage des diesjährigen Flyers.

Im Zentrum des fünften Othmar Schoeck Festivals nach 2016, 2020, 2021 und 2022 stehen der Herkunftsort des Komponisten und das Umfeld, in dem Othmar mit seinen drei Brüdern Paul, Ralph und Walter aufgewachsen ist. Wie haben sich die dortigen kulturellen Verhältnisse seit Beginn des 20. Jahrhunderts verändert? Und wie steht es aktuell um die Kultur im Kanton Schwyz?

Motto

«Le plus beau pays du monde?»
Der Landschaftsmaler Alexandre Calame (1810–1864) hatte wie sein Kollege Alfred Schoeck (1841-1931), Othmars Vater, bei François Diday (1802–1877) in Genf studiert. Er war begeistert vom Blick auf den Urner See und die schneebedeckten Alpen. Diese Umgebung bezeichnete er als «den schönsten Landstrich der Erde».

Das Othmar Schoeck Festival setzt hinter Calames Zitat, das noch immer einen Stein vor dem längst abgebrannten Hotel Axenstein ziert, ein Fragezeichen. Wie konnten die vier Schoeck-Brüder damals dort ihren künstlerischen Neigungen nachgehen?

Musik

Schoecksche Lieder sind in der Masterclass von Cornelia Kallisch zu hören: wie zunächst an ihnen gefeilt wird und wie sie dann abschliessend beim Auftritt klingen.

Im Konzert mit dem Swiss Symphonic Wind Orchestra kommt Schoecks Präludium op. 48 zur Aufführung. Weiter auf dem Programm stehen Werke seiner Zeitgenossen Hindemith und Weill sowie aktuellen Stücken von Oliver Waespi und Stephan Hodel. Das Othmar Schoeck Festival hat dem vielseitigen Schweizer Komponisten Stephan Hodel ein Werk in Auftrag gegeben: Information Overload wird am 2. September in der Werkhalle Dettling uraufgeführt. Das Swiss Symphonic Wind Orchestras spielt unter der Leitung von Niki Wüthrich.

Der ehemalige Park rund um die Künstlervilla und das Hotel Eden lädt schon ab dem 31. August jeweils abends zum Verweilen ein. Eine Installation mit Licht und Klang verzaubert die Anlage in einen «Garten Eden».

Diskussion

Kulturpolitische Fragen von einst und heute stehen im Zentrum sowohl des Vortrags von Heidy Greco-Kaufmann über Oskar Eberle als auch im Podium Kulturfragen unter der Leitung von Bruno Steiner.

Details zum Programm unter diesem Link: https://schoeckfestival.ch/2023-le-plus-beau-pays-du-monde/

 

Die Schweizer Musikzeitung ist Medienpartnerin des Othmar Schoeck Festivals.

Musikfestival Bern: Verwurzelungen

Indem es lokale Kräfte bündelt und sie in einen internationalen Vergleich stellt, hat das Musikfestival Bern im Lauf der letzten zehn Jahre sein unverwechselbares Gepräge entwickelt. Diesen September fragt es nach unseren Wurzeln und bietet dazu ein vielfarbiges Programm.

Sinnliche Musikerlebnisse im Berner Münster. Foto: Annette Bouteillier

Das mathematische Wurzelzeichen steht heuer als Thema über dem Programm des Musikfestivals Bern. Manch jemand wird dabei zunächst an mathematische Operationen denken, aber gleichzeitig öffnen sich dahinter auch imaginäre (Zahlen-)Räume und weiterführende Fragen und Assoziationen. Wo liegt unser Ursprung, wie tief reichen unsere Wurzeln: biologisch, kulturell und musikalisch, biografisch? Wie gehen wir damit um? Gerade heute?

Die Themen, die sich das Musikfestival Bern alljährlich gibt, sind mehrdeutig und lassen einen weiten Bedeutungsraum offen. Mit «Irrlicht», «Schwärme» oder «unvermittelt» waren frühere Jahrgänge überschrieben. Dazu können jeweils Musikschaffende aus Stadt und Kanton Bern ihre Projektentwürfe eingeben. Das vierköpfige Kuratorium, welches das Festival künstlerisch leitet, wählt daraus mehrere Konzepte aus, ergänzt sie mit eigenen Ideen und gestaltet damit ein Programm. Der Spielraum reicht dabei von Konzerten mit improvisierter und komponierter Musik und Musiktheater über Installationen und Performances bis hin zu Filmen und Diskussionsveranstaltungen. Die Vermittlung nimmt dabei einen wesentlichen Platz ein.

Wurzeljahr 2023

Jedes Projekt greift die Thematik auf seine Weise auf: Im Wurzeljahr 2023 ist da zum Beispiel das Ensemble Mycelium, das den Pilz schon im Namen trägt und das schon frühere Festivaljahrgänge auf unverwechselbare Weise bereichert hat. Die Wurzel dient ihm «als Metapher für unser gegenwärtiges Verwurzeltsein in der (realen und virtuellen) Welt, wir verwenden sie als (essbare) Materie (Wurzelgemüse), wir belauschen ihre Verbindungen und Anschlüsse im Kommunikationsnetz pflanzlicher Ökosysteme und wir nutzen sie als mathematische Komponente in der experimentellen Klangbearbeitung».

Dem Ursprung der Arten und mithin auch des Menschen geht das Vokalensemble SoloVoices in L’origine des espèces des greco-französischen Komponisten Georges Aperghis nach, der lange als Dozent an der Hochschule der Künste in Bern wirkte und das Théâtre musical in der Schweiz wesentlich mitprägte. Andere Konzerte gehen «Back to Bach» oder den lokalen Verwurzelungen nach, etwa der Künstlerin Meret Oppenheim, die hier einst in der Schule ihre rebellischen Seiten entdeckte.

Zahlreiche wichtige Schweizer Komponisten stammen aus Bern und besuchten hier einst den Unterricht bei Sándor Veress, so etwa Heinz Holliger, Jürg Wyttenbach oder Roland Moser. Dessen Brentanophantasien stehen im Zentrum des Konzerts «Wurzeln in Bern». Ausserdem vertont Moser im Auftrag des Festivals einen Text von Mani Matter. Der früh verstorbene Chansonnier aus der Bundeshauptstadt ist ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod immer noch eine Lichtfigur der hiesigen Kulturszene.

Mehrere Epochen

Eine andere wichtige Figur der Berner Szene wird im Konzert des Arditti-Quartetts gefeatured: Daniel Glaus, Komponist und bis vor einem Jahr Münsterorganist. Von ihm erklingt ein neues Streichquartett. Uraufführungen sind so ein wesentlicher Bestandteil des Musikfestivals Bern. Aber es versteht sich nicht nur als Festival für Neue Musik, sondern bringt immer mehrere Epochen ins Spiel. So erklingt zur Eröffnung etwa Mahlers Lied von der Erde, in der kammerorchestralen Version von Reinbert de Leeuw. Peter Rundel leitet ein Kollektivensemble.

Das Musikfestival Bern ist damit stark lokal und regional verwurzelt, sucht aber gleichzeitig den internationalen Vergleich und die Ausstrahlung über den engeren Bereich hinaus. Zu diesem Zweck wurde die Französin Éliane Radigue zur Komponistin im Fokus gewählt: Ihre einzigartige, reduzierte, zu den Grundlagen des Klingens reichende Musik wird in vier Konzerten des Festivals zu hören sein. Das belgische Vokalensemble Graindelavoix, das für die Musik des Spätmittelalters und der Renaissance radikal umwälzende Ansätze gefunden hat, ist als Ensemble in Residence in Bern zu Gast.

Musik und Wissenschaft

Das Musikfestival Bern versucht damit den Spagat: unmittelbare Klangerfahrung und die Vermittlung von Extremen. Die Kommunikation zum Publikum spielt dabei eine entscheidende Rolle. In diesem Zusammenhang ist auch eine Reihe zu sehen, in der Musik und Wissenschaft aufeinandertreffen: Aspekte des Festivalthemas – heuer zum Beispiel das Woodwideweb oder die Geburt – werden dabei herausgegriffen und diskutiert. Ein kurzes wissenschaftliches Impulsreferat wird künstlerisch ergänzt mit einem dazugehörigen neuen Stück oder einer Performance; dann treten beide Seiten ins Gespräch miteinander. So kommt es immer wieder zum anregenden Erfahrungsaustausch.

Das Musikfestival Bern « √ » findet dieses Jahr vom 6. bis 10. September statt. Tickets und Infos: musikfestivalbern.ch

Das Kuratorium (v.l.): Susanne Huber, Martin Schütz, Thomas Meyer, Vera Schnider. Foto: Samuel Paul Gäumann

Concours d’Interprétation Musicale de Lausanne 2023

Der Concours d’Interprétation Musicale de Lausanne (CIML) fand am 17. und 18. Juni in Lausanne statt. Zwei Cellistinnen und ein Cellist wurden ausgezeichnet.

(v.l.) Milo Ferrazzini, Clara Schlotz, Axelle Richez. Foto: zVg

Der Tessiner Milo Ferrazzini (Hochschule für Musik und Theater München) gewann den 1. Preis sowie den Guy-Fallot-Sonderpreis. Pascale Fallot, die Tochter des bedeutenden Cellisten, überreichte ihm den Preis. Ferrazzinis Interpretation von Werken von Dieter Ammann, Ludwig van Beethoven und Nadia Boulanger überzeugte sowohl die Jury als auch das Publikum.

Die beiden anderen Finalistinnen des Wettbewerbs, Clara Schlotz (Conservatoire de Lausanne) und Axelle Richez (Zürcher Hochschule der Künste), gewannen beide ex aequo einen 2. Preis.

Eine der Besonderheiten des Concours d’Interprétation Musicale de Lausanne ist die Auszeichnung von Klavierbegleitern. In diesem Jahr hat die Familie von Guy Fallot auch diesen Preis gestiftet. Er ging an Yukiko Tanaka, Klavierbegleiterin an der Haute Ecole de Musique de Lausanne.

Die Jury setzte sich zusammen aus François Guye (Präsident), Sonia Wieder-Atherton, Ophélie Gaillard, Nicolas Chalvin und Christian Favre.

Neuer künstlerischer Leiter für das SJSO

Das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester SJSO hat Johannes Schlaefli als künstlerischen Leiter gewonnen. Bis zum Sommer 2026 wird er das Orchester im Wechsel mit Gästen leiten.

Johannes Schlaefli an der diesjährigen Frühjahrstournee des SJSO. Foto: David Bühler

Schlaefli wird gemeinsam mit den jungen Orchestermitgliedern die künstlerische Planung verantworten. Als Experte wird er die Probespiele begleiten und das Orchester strategisch weiterentwickeln.

Der plötzliche Hinschied des langjährigen Chefdirigenten Kai Bumann im Juni 2022 bedeutete einen grossen persönlichen und künstlerischen Verlust und stellte das SJSO hinter den Kulissen vor Herausforderungen. Mit der jetzigen Verpflichtung von Schlaefli wird eine faire, transparente Suche nach einer Chefdirigentin resp. einem Chefdirigenten mit dem dafür nötigen Vorlauf ermöglicht. Die Ausschreibung erfolgt im Herbst 2023. Nach Probedirigaten und -tourneen wird voraussichtlich im Mai 2026 die Wahl stattfinden.

Idealbesetzung

Johannes Schlaefli ist emeritierter Professor für Orchesterdirigieren an der Zürcher Hochschule der Künste und ständiger Gastprofessor an der Musikhochschule in Frankfurt.

Als Dirigierlehrer ist er international sehr gefragt. Einladungen etwa an die Sibelius Akademie Helsinki, das Aspen Music Festival sowie an Musikhochschulen in Wien, Berlin oder an die Juilliard School in New York zeugen von seiner starken Ausstrahlung. Bei der Conducting Academy des Menuhin Festivals Gstaad wirkt er jeweils als «head of teaching».

Johannes Schlaefli stand an der Spitze der Serenata Basel (heute Kammerorchester Basel), des Berner Kammerorchesters, des Kurpfälzischen Kammerorchesters Mannheim und des Collegium Musicum Basel. Als Gastdirigent ist er mit vielen Orchestern weltweit aufgetreten. In Zürich kennt man ihn zudem über Jahrzehnte als Leiter der verschiedenen akademischen Orchesterformationen.

Als Alumnus des SJSO, mit seiner immensen Erfahrung und seinen künstlerischen und menschlichen Qualitäten ist er für die künstlerische Leitung des SJSO eine Idealbesetzung.

Talentschmiede

Das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester SJSO gehört zu den wenigen gesamtschweizerischen Kulturinstitutionen. Seit 1969 ist es die sinfonische Talentschmiede der Schweiz. Junge begabte Musikerinnen und Musiker zwischen 15 und 25 Jahren aus allen Landesteilen begeistern in zwei Tourneen pro Jahr ihr Publikum von Genf bis Rorschach. Ehemalige Mitglieder spielen heute in renommierten Orchestern im In- und Ausland.

Termine

Steinway-Klavierwettbewerb 2023

Ende Juni fand in Zürich der Schweizer Ableger des internationalen Wettbewerbs statt. Alexander Sahatci wird als Hauptgewinner am Finalkonzert in Hamburg teilnehmen.

Foto: Steinway Schweiz

Der Verein Unite Classics organsierte zusammen mit Musik Hug die diesjährige Steinway Piano Competition Switzerland. In den drei Altersgruppen erhielten Stefan Szypura, Jonathan Ng und Alexander Sahatci dank ihrer herausragenden musikalischen Darbietungen erste Preise. Alexander Sahatci ging dabei zusätzlich als Hauptgewinner hervor. Damit bekommt er die Gelegenheit, Mitte September beim internationalen Steinway Finalkonzert in Hamburg aufzutreten.

Die Jury bestand aus Jun Kanno (Japan/Frankreich), William Fond (England) und Benjamin Engeli (Schweiz). Sie wurde von Tamara Kordzadze (Schweiz/Georgien) präsidiert und lobte das hohe Niveau der jungen Teilnehmenden. Der Wettbewerb motiviere den pianistischen Nachwuchs, sein volles Potenzial zu entdecken und zu entfalten, ist die Jurypräsidentin überzeugt.

 Master Classes, während denen die Teilnehmenden von erfahrenen Künstlern profitieren konnten, ergänzten den Wettbewerb.

Neben den Hauptpreisen vergab Unite Classics auch Spezialpreise, um aussergewöhnliche Leistungen in verschiedenen Bereichen zu würdigen. Zum Beispiel ging der Preis «The best teacher» in Anerkennung der entscheidenden Rolle der Lehrpersonen hinsichtlich des künstlerischen Wachstums junger Talente an Arta Anricane und Fernando Viani.

Ein besonderes Highlight des Wettbewerbs war der Einsatz des Steinway Spirio-R Flügels, der die Welt der klassischen Musik mit Spitzentechnologie verbindet. Der Steinway-Klavierspiel-Wettbewerb-Schweiz war weltweit der erste Klavier-Wettbewerb, der diese Technologie schon 2020/21 und auch dieses wieder Jahr nutzte. Bei den Vorrunden wurden hochauflösende Aufzeichnungen der Darbietungen erstellt, die es der Jury ermöglichten, Teilnehmende in beispielloser Tonqualität zu bewerten, unabhängig davon, ob sie live in Zürich auftraten oder in einer digitalen Vorrunde. Die Aufzeichnungen wurden kombiniert mit hochauflösenden Videoaufnahmen digital an die Jury übermittelt. Dieses Vorgehen kann zur Modernisierung internationaler Wettbewerbe beitragen und hat sich besonders während der Pandemie vor zwei Jahren als äusserst nützlich erwiesen.

Der nächste Steinway-Klavierspiel-Wettbewerb-Schweiz findet im Frühjahr 2025 statt. Erste Informationen finden sich auf https://www.uniteclassics.com/steinway

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