Effektvolle Schauspielmusik

«Le Colibri» und «La Reine des Neiges» heissen die beiden Stücke, die Christophe Sturzeneggen in farbenreiche, hervorragend instrmentierte Musik gefasst hat.

Christophe Sturzenegger (2. v. li) leitet das Instrumentalensemble von «La Reine des Neiges». Foto: zVg

Der Genfer Musiker Christophe Sturzenegger ist wirklich eine vielseitige Begabung! Seine bisher erschienenen Einspielungen als Hornist und Pianist mit Werken von Strauss, Glière und Schumann zeugen von hervorragendem Können auf beiden Instrumenten. Seine neuste CD mit Schauspielmusik stellt ihn nun als Komponist und Dirigent vor.

Le Colibri

Die Musik zu Le Colibri entstand als Gemeinschaftsproduktion mit der erfolgreichen Westschweizer Schriftstellerin Elisa Shua Dusapin, der Gewinnerin des Schweizer Literaturpreises 2019. Die Geschichte zweier Jugendlicher auf dem Weg zum Erwachsenwerden war ein Auftragswerk für das Orchestre de la Suisse Romande (OSR) und das Genfer Théâtre Am Stram Gram, eines der bedeutendsten europäischen Kinder- und Jugendtheater. Sturzeneggers Musik ist neoromantisch, hervorragend instrumentiert und auch dann ein Hörvergnügen, wenn man die Handlung nicht kennt. Eine in Zusammenarbeit mit der Illustratorin Hélène Becquelin entstandene Graphic Novel von Dusapins Werk zusammen mit Sturzeneggers Musik als Hörbuch erhielt 2023 den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis.

La Reine des Neiges

Vom zweiten Werk auf der CD, La Reine des Neiges nach dem Märchen Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen, zwei Jahre vor dem Disney-Blockbuster entstanden, kann man sowohl eine Konzertsuite als auch eine halbstündige Fassung mit gesprochenem Text (überzeugend interpretiert von Joan Mompart) hören. Andersens Märchen, zur Zeit seiner Entstehung als «für Kinder ungeeignet» etikettiert, mittlerweile aber oft vertont, schildert die Geschichte der Kinder Kay und Gerda, die durch bösartige Zauberkunst voneinander getrennt werden, sich aber im Schloss der Schneekönigin auf Spitzbergen wiederfinden und erlöst werden.

Die musikalische Idee hinter dem Stück war, ein Musiktheaterwerk in der Besetzung von Strawinskys Histoire du soldat zu schreiben, also mit Begleitung eines kleinen Ensembles. Die Aufführung des Théâtre Am Stram Gram wurde in der Schweiz und in Frankreich unzählige Male gespielt und erhielt viel Lob. Die hier vorliegende Aufnahme ersetzt zwar nicht das Theatererlebnis, gibt aber einen lebhaften Eindruck davon. Die Musik erinnert an Kompositionen der «Groupe des Six» oder von Strawinsky und ist erneut sehr instrumentengerecht und effektvoll geschrieben. Sie wird von Mitgliedern des OSR unter der Leitung von Christophe Sturzenegger schwungvoll und klangschön gespielt. Mit einer entsprechenden Textfassung könnte das Stück auch im deutschsprachigen Raum Furore machen.

Musiques de scène : Le Colibri, La Reine des Neiges. Orchestre de la Suisse Romande. Musique et direction Christophe Sturzenegger. Klarthe Records

Über die Lust, Rahmen zu sprengen

In 14 Beiträgen umkreist dieser Text+Kritik-Sonderband Werk und Biografie von Michael Wertmüller.

Michael Wertmüller. Ausschnitt aus dem Buchcover

Wie will man sich einer solchen Fülle nähern? Also dem Œuvre Michael Wertmüllers, eines Schlagzeugers und Komponisten, dessen Werkverzeichnis einen geradezu manischen Schaffensdrang verrät, dessen Partituren an Opulenz und Dichte kaum zu überbieten sind und der sich obendrein noch bewegt zwischen verschiedensten Genres wie Jazz, Neuer Musik inklusive Oper, Kammer- oder Orchestermusik und schliesslich Rock mehrheitlich härterer Gangart.

Nun, die 14 Autoren des reich mit Partituren und Fotos bebilderten Sonderbandes Michael Wertmüller versuchen es. Ein Schwerpunkt liegt auf dem erstaunlich umfangreichen Opern- und Musiktheaterschaffen. Thomas Meyer beschäftigt sich in seinem Text mit Anschlag, das 2013 in Luzern Premiere hatte. Er arbeitet die Entstehung des politisch stark aufgeladenen Werks anschaulich heraus, beschreibt detailliert, wie die Texte des radikalen Schweizer Literaten Lukas Bärfuss und die nicht minder radikale Musik Wertmüllers zusammenfanden. In ihrem Beitrag über die «experimentelle Oper» D·I·E erläutert Barbara Eckle unter anderem die jeglichen traditionellen Rahmen sprengende Konzeption. Zum teilweise ohrenbetäubend lauten Einsatz kommen hier ein klassisches Streichquartett, eine Rapperin, eine Garage-Hardcore-Punkband, ein klassischer Perkussionist und nicht zuletzt das bekannte Jazztrio Steamboat Switzerland, mit dem Wertmüller eine nun schon Jahrzehnte währende Zusammenarbeit verbindet. Diese enge, sich gegenseitig immer wieder befruchtende Kooperation beschreibt Gabrielle Weber mit vielen erfrischenden Interview-Ausschnitten der Bandmitglieder Dominik Blum, Marino Pliakas und Lucas Niggli.

Auch die musikalische Sozialisation Wertmüllers kommt mehrfach (und durchaus mit Wiederholungen) zur Sprache. In Thun wird er gross, spielt offenbar unermüdlich Schlagzeug und erhält dann nach Perkussionsstudien in Bern und Amsterdam eine Stelle im renommierten Concertgebouw-Orchester. «Ich sah die Zukunft vor mir, was andere
sich wünschten, eine feste Stelle im Orchester, war für mich der Horror.» Das sagt dann doch einiges über diesen ungebändigt umtriebigen Musiker und Komponisten.

Michael Wertmüller, Musik-Konzepte Sonderband XI/2024, hg. von Ulrich Tadday, 248 S., € 44.00, Edition text+kritik, München 2024, ISBN 978-3-96707-969-2

PGM: Sparen im Nebel

Am Treffen der Parlamentarischen Gruppe Musik vom 4. März wurden die möglichen Auswirkungen des «Entlastungspakets 27» auf die Musikbranche erörtert.

Display eines Musik-Equalizers. gnepphoto/depositphoto.com

Als Präsident des gastgebenden Schweizer Musikrats und Mitglied des Nationalrats eröffnete Stefan Müller-Altermatt den Austausch zwischen Politikerinnen und Vertretern verschiedenster Musikverbände, indem er den Zwiespalt zwischen «finanzpolitischer Realität und kulturpolitischer Verantwortung» benannte.

Da die Bundesausgaben in den kommenden Jahren voraussichtlich stärker steigen werden als die Einnahmen, hat der Bundesrat unter Federführung von FDP-Bundesrätin Karin Keller-Sutter das «Entlastungspaket 27» (EP 27) mit 59 Sparmassnahmen vorgelegt. Raphael Capaul vom FDP-Generalsekretariat präsentierte im Verlauf des Treffens bedrohlich ins Minus stechende Defizitbalken und warnte vor Steuererhöhungen als letztem Ausweg. Referentinnen und Referenten der Branche legten dar, was die Einsparungen für die bereits stark unter Druck stehenden Einkommen von Musikerinnen und Musikern bedeuten könnten.

Entlastungspaket belastet Musikschaffende

Alex Meszmer von Suisseculture erläuterte, der Kulturbereich sei von mindestens 22 der Sparmassnahmen betroffen, es sei aber schwierig, sie im Einzelnen mit ihren konkreten Auswirkungen festzumachen. So generieren beispielsweise weniger Auslandsprojekte von Pro Helvetia auch weniger Urheberrechtsentschädigungen, womit der Schaden für die Musikschaffenden weit grösser ist als im Sparpaket ersichtlich. Meszmer spach denn auch scherzhaft von «Ostereiersuche nach KKS». Er rief in Erinnerung, dass der Bundesrat bei der Präsentation der Kulturbotschaft 2025–28 betont hatte, eine angemessene Entschädigung der Kulturschaffenden garantieren sowie deren Arbeitsbedingungen verbessern zu wollen. Verbesserungen bei der sozialen Sicherheit habe das Parlament auch als Legislaturziel angenommen. Konkret passiert sei bisher allerdings nichts. Das Einkommen von Kulturschaffenden ist seit 2016 rückläufig und weitere Kürzungen oder auch nur das Einfrieren von Mitteln werden diesen Trend weiter verstärken.

Bei Pro Helvetia sieht das EP 27 Einsparungen von 1,5 Millionen Franken vor. Wie Direktor Michael Kinzer und Abteilungsleiterin Musik Dominique Rovini darlegten, ist kaum denkbar, dass sich die Kulturstiftung von den grossen Plattformen wie dem Centre culturel suisse zurückzieht. Es würden also rund 150 Projekte mit 500 Beteiligten weniger unterstützt und die Zusagequote von heute rund 34 Prozent würde weiter sinken, mit unmittelbarem Einfluss auf das Einkommen von Musikschaffenden. Albane Dunand von der Fondation romande pour la chanson et les musiques actuelles zeigte auf, dass Kürzungsmassnahmen diejenigen am stärksten treffen, die bereits in prekären Verhältnissen leben. Ebenso verschwinden in Zeiten des Sparens zuerst Programme, die auf mehr Gleichstellung und Diversität abzielen.

Rico Gubler von der Konferenz Musikhochschulen Schweiz betonte, die Kürzungen resp. das Einfrieren der Mittel führe zu kleiner und unattraktiver werdenden Berufsfeldern. Auch sei die Forschungslandschaft betroffen. Bei der Erhöhung der Studiengebühren seien die Auswirkungen nicht ans Ende gedacht und zum Teil auch kaum absehbar. (Eine Stellungnahme der KMHS zur Erhöhung der Studiengebühren wird in der Ausgabe der Schweizer Musikzeitung zu lesen sein, die am 26. März erscheint.)

Grosse Eile, unklare Folgen

In der Diskussion gab Michael Kaufmann von Sonart zu bedenken, dass das Sparpaket auch ein negatives Signal für Kantone und Gemeinden aussende, die dann mit Kürzungen nachzögen oder nachziehen müssten, wodurch ein Mehrfaches der im EP 27 genannten Beträge verloren ginge. Die ganze Sache sei wahnsinnig diffus, bestätigte Müller-Altermatt: «Wir haben verschiedene föderale Ebenen, die für Kultur- und Musikförderung zuständig sind. Wir haben sehr indirekte Finanzflüsse über diese Ebenen, wir haben Bundesämter, Fördergefässe, und wir haben sehr breite Auswirkungen. Wenn man z. B. touristische Gelder streicht, betrifft das auch Kulturschaffende.»

Derweil gingen die Beratungen zum EP 27 im Nationalrat unmittelbar nach dem Branchentreffen weiter. Noch in dieser Session erfolgt die Differenzbereinigung zwischen den beiden Kammern, damit die Frist für ein allfälliges Referendum  – die Grünen haben es bereits angekündigt – gewahrt wird. So kann eine Volksabstimmung noch in diesem Herbst stattfinden. Der Dachverband Suisseculture diskutiert noch, ob er ein allfälliges Referendum unterstützen will, denn falls EP 27 abgelehnt wird, steht schon ein EP 29 im Raum mit möglicherweise noch drastischeren Einsparungen.

Angesichts einer Volksabstimmung werden sich alle Stimmberechtigten die Frage stellen müssen, ob sie, wie es Müller-Altermatt so treffend formulierte, Kulturförderung einfach als Ausdruck eines edlen Staats bezeichnen wollen, der für seine Bevölkerung mehr macht, als das unbedingt Nötige. Oder ob sie Kultur als strategische Infrastruktur betrachten, die lebenswichtig ist.

Das nächste PGM-Treffen ist am 3. Juni zum Thema «soziale Absicherung, Mindestgagen und Berufsrisiken».

 

Die Energie eines Orchesters

Das Kammerorchester Basel schickte ein Trio ins Tinguely-Museum, um über Nachhaltigkeit nachzudenken. «Unter Strom» lieferte Musikgeschichte im Speedrun, viele Fragen und wenig Antworten.

Musik und Theater zwischen Maschinengetöse. Foto: Lukas Nussbaumer

Dass Musik die Klimakatastrophe abwenden kann, würde vermutlich niemand behaupten. Was aber kann sie tun gegen das Problem, dass die Menschheit (in rasant zunehmendem Masse) über ihre Verhältnisse lebt?

Das Naheliegendste: das Thema aktiv ansprechen. Das machte das Kammerorchester Basel am 5. Februar 2026 im Tinguely-Museum mit dem Musiktheaterprojekt «Unter Strom», erarbeitet und aufgeführt von der Violinistin Eva Miribung, dem Violinisten Mathias Weibel und der Regisseurin und Schauspielerin Salomé Im Hof. Von «weit weg» seien sie gekommen und hätten gehört, dass es Probleme gäbe auf der Erde. Ihr Stück sei kein Lamento, sondern «will euch zu nahe treten, vor den Kopf stossen». So die Ansage, nachdem die drei astronautisch Gekleideten zum selbstgebastelten «Energiesong» via Tinguelys Utopia-Maschine auf die Bühne marschiert waren. Dort prophezeite das Orakel von Tinguely, dass die Menschen irgendwann verschwunden sein würden – «darauf erst einmal ein bisschen Musik».

Es folgte in den nächsten 60 Minuten eine Art Speedrun durch die Musikgeschichte, mit Stücken und Songs, die, dramaturgisch geschickt verknüpft, die Natur, die Energie und den eigenen Handlungshorizont ins Visier nahmen. Zum Beispiel der schwedische «Wasserkanon», Lueget, vo Bärgen und Tal, I’ll Follow the Sun der Beatles, Never Turn Your Back On Mother Earth der Sparks oder Bob Dylans Blowin’ in the Wind. Vor allem populäre Lieder standen auf dem Programm, dazwischen gab es aber auch Klassisches von Leclair, Liszt oder Berio. Zu Hilfe nahm sich das Trio eine akustische Violine, eine E-Violine, einen Synthesizer, eine Mandoline und eine Loopstation. Den elektrischen Instrumenten wurde zum Schluss der Performance der Stecker gezogen.

Witz, Konfrontation und irritierendes Klappern

Zwischen den musikalischen Nummern leiteten theatrale Einlagen von einem Stück ins nächste über, hatten aber gleichzeitig die Funktion, das Publikum einzubeziehen. Wie bei einer Befragung, was das gute Leben eigentlich heisse. Die Antworten wurden aufgenommen und bildeten als Loop quasi die zweite Stimme in Vivaldis Sonate in F-Dur. Oder bei einer Quickfire-Session, bei der das Publikum auf Entweder-Oder-Fragen («Bio oder regional», «Fleisch oder Tofu», «Zug oder Velo» etc.) antworten musste. Das Programm hatte Witz, Höhepunkt in dieser Hinsicht war das umgedichtete Vaterunser an einen Öltanker.

Die konfrontative Art und Weise der Performance sorgte dafür, dass man sich als Zuhörerin oder Zuhörer nie einfach nur zurücklehnen konnte, sondern geistig dabei und kritisch bleiben musste. Dass eine Atmosphäre des Sich-Einlullen-Lassens aufkommen könnte, wurde schon allein dadurch verhindert, dass immer wieder mitten in den Stücken die Tinguely-Maschinen zum Laufen gebracht wurden. – Wer sie kennt (übrigens ein schönes Beispiel für Re- oder Upcycling), kann sich vorstellen, dass das Klappern und Krachen in einem Konzert mächtig irritiert.

v. li.: Mathias Weibel, Salomé Im Hof Eva Miribung. Foto: zVg

Umgewandeltes Klassenzimmerstück

Künstlerisch überzeugend war der Abend auf alle Fälle. Und es ist lobenswert, dass sich das Kammerorchester mit der Thematik vertieft auseinandersetzt. Das ist mehr, als viele andere Orchester tun. Eine Handlungsorientierung fehlte aber. Eine Suggestion kam immerhin ganz zum Schluss, als es um die Frustration ging, nichts ausrichten zu können. Nach dem Vorbild von Georg Danzer wurde sie umgedreht in die Freiheit, nicht dasselbe wie andere tun zu müssen, auch mal einfach nichts zu tun. Eine Enthaltsamkeitslogik, die die Menschheit als Ganze nicht aus der Misere herausführen wird, als individuelle Lebensphilosophie aber sicher keine schlechte ist.

Dass Klangkörper wie das Kammerorchester Basel durch ihre Dimension – und die Konzertreisen – selbst viele Ressourcen schlucken, ist natürlich ein paradoxer Umstand. «Unter Strom», Teil der Nachtklang-Serie, kurze Vorstellungen, die Mitglieder des Orchesters in Museen darbieten, ist aber ein gutes Beispiel für Redimensionierung und Synergien; das Konzertticket war gleichzeitig Eintrittsbillett ins Museum. Und da das Trio mit dem Stück auch in Schulen auftritt, war der Abend sozusagen Recycling. Die Thematik zum Programm zu machen, ist auf jeden Fall wichtig – vielleicht kommen so irgendwann auch mehr Antworten als Fragen heraus.

(Mehr) Gespräche mit Blomstedt

Die Neuauflage von «Mission Musik» ist um ein Gespräch mit dem Dirigenten erweitert, das im Verlaufe des letzten Jahres stattgefunden hat.

Herbert Blomstedt. Foto: J. M. Pietsch

Aufschlussreich wird es sein, um das breite musikalische Spektrum des schwedischen Dirigenten Herbert Blomstedt kennenzulernen, wenn man seine Aufnahme von Ingvar Lidholms Poesis hört und gleich auch diejenige von Anton Bruckners vierter Sinfonie und Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe. Der heute 98-jährige Dirigent, der so gar nichts von einem Pultstar an sich hat, aber weltweit von den grossen Orchestern geliebt und deshalb immer wieder engagiert wird, vermag diese mit seiner liebenswürdigen Korrektheit, seiner Selbstdisziplin und der Verantwortung dem Werk gegenüber zu Höchstleistungen zu führen.

Gesprächsthemen

Mission Musik heisst das Buch mit neun Gesprächen der Musikkritikerin Julia Spinola mit Blomstedt. Das letzte, im Mai letzten Jahres in Leipzig geführt, ergab ein umfangreiches Zusatzkapitel für diese dritte Auflage.

Ganz unterschiedliche Bereiche und Situationen werden beleuchtet, speziell auch jene der beiden deutschen Orchester, die er als Chef geführt hat, die Staatskapelle Dresden  1975–1985 und das Gewandhausorchester Leipzig 1998–2005. Selbstverständlich werden die Position des Dirigenten diskutiert und innerbetriebliche Probleme der Orchester; Blomstedt hat ja in seinem langen Leben auch Chefposten in Oslo, Kopenhagen und San Francisco bekleidet. Höchst interessant war sein Beharren auf der alten deutschen Orchesteraufstellung, aber auch sein Herangehen an Werke der Neuen Musik und seine Zuwendung zum Publikum mit kurzen Erläuterungen. Kein Imponiergehabe, sondern ein intensives Bemühen, die Einsichten des Fachmanns verständlich weiterzugeben.

Repertoireschwerpunkte

Dem fragenden Gegenüber gelingt es immer wieder, eindringliche Antworten zur Motivation seiner weltweiten Aktivitäten zu erhalten, während die private Seite seines Lebens völlig ohne Voyeurismus offengelegt wird. Sein Einsatz für die nordische Musik, besonders für Carl Nielsen, Franz Berwald und Carl-Wilhelm Stenhammar, der innige Bezug zur Musik von Johann Sebastian Bach und der späte Zugang zu Anton Bruckner und Richard Strauss belegen die Spezialitäten seines Repertoires. Die neun Sinfonien von Bruckner hat er zweimal mit dem Gewandhausorchester Leipzig realisiert, 2005 bis 2012 und 2023. Die umfangreiche Diskografie im Anhang spiegelt wider, dass der über Neunzigjährige auch noch seine dritte Gesamtaufnahme der Beethoven-Sinfonien sowie einige Sinfonien von Brahms, Stenhammar und Voříšek eingespielt hat.

Herbert Blomstedt: Mission Musik – Gespräche mit Julia Spinola, 199 S., € 26.00, dritte, erweiterte Auflage, Henschel/Bärenreiter, Leipzig/Kassel 2025, ISBN 978-3-7618-2417-7 (Bärenreiter)

Auf den Spuren von Lise Cristiani

In einem Dokumentarfilm spürt Sol Gabetta dem Leben, den Konzerten und atemberaubenden Reisen der ersten öffentlich auftretenden Cellistin nach.

Lise Cristiani. Lithografie von H. J. J. nach einer Skizze von Thomas Couture / Gallica

Sol Gabetta ist Lise Cristiani – zumindest soll das verschwommene Cover ihres jüngsten Albums dies suggerieren. Es feiert den 200. Geburtstag der französischen Cellistin mit Einblicken in ihr Konzertrepertoire, Werken von Offenbach, Schubert, Rossini u. a. (Sony classical 12372444).

Parallel zur Tonaufnahme ist ein 53-minütiger Dokumentarfilm entstanden, in dem sich die argentinische Cellistin gemeinsam mit ihrem Mann, dem französischen Geigenbauer und Restaurator Balthazar Soulier, auf die Spuren dieser geheimnisumwitterten Musikerin begibt. Mit dem Cello ans Ende der Welt heisst er und spielt damit auf Cristianis Konzertreise nach Sibirien im Jahr 1847 an. 1852 starb sie im Alter von 27 Jahren an einer Cholerainfektion, die sie sich auf einer Reise in den Kaukasus, bei der sie vor Soldaten spielte, zugezogen hatte.

Chronologisch erzählt der atmosphärisch dichte Film vom Leben der ersten öffentlich auftretenden Cellistin. Das Cello galt für Frauen als unmoralisch, ja skandalös, weil es mit gespreizten Beinen gehalten werden muss. Der Journalist Waldemar Kamer, der die Geburtsakte in einem Nachlass gefunden hat, berichtet von Cristianis Herkunft, wie sie als uneheliches Kind bei den Grosseltern aufwuchs.

Der Besuch von Originalschauplätzen gibt in Verbindung mit historischen Bildern einen Einblick in das Paris ihrer Kindheit. Sol Gabetta entdeckt gemeinsam mit Balthazar Soulier nicht nur Cristianis Konzertprogramme, sondern spielt auch für ein paar Minuten auf deren Cello im Stradivari-Museum in Cremona. Hier bleibt der Film aber an der Oberfläche. Man hätte von Sol Gabetta gerne mehr gewusst über den genauen Klang des Instruments, das damals 7000 Francs kostete und heute rund 20 Millionen Euro wert ist. War es besonders robust, dass es diese extremen klimatischen Bedingungen auf den Reisen ohne Schäden überstand? Dazu hätte sicherlich Balthazar Soulier etwas erzählen können. Und was kann man, ausgehend vom Repertoire, über das Spiel von Cristiani sagen? Immerhin hat Felix Mendelssohn Bartholdy sein einziges Lied ohne Worte op. 109 für Cello und Klavier ihr gewidmet. Auch das bleibt, abgesehen vom Zitieren einiger zeitgenössischer Kritiken, leider im Dunkeln.

Mit dem Cello ans Ende der Welt – Sol Gabetta auf den Spuren von Lise Cristiani. Film von Simone Jung. Hessischer Rundfunk/Arte. Verfügbar in der ARD-Mediathek bis Dezember 2026.

Link zum Film

 

Kleine Lehrstücke für Streichquartett

«Nur Tropfen» heissen die sieben kurzen Stücke von Theodor Kirchner. Die Neuausgabe enthält auch Hinweise für den Unterricht.

Theodor Kirchner. Foto: Winterthur-Glossar, winbib(Signatur 172088)

Theodor Kirchner, in Leipzig und Dresden ausgebildet, nahm als 20-jähriger auf Empfehlung Felix Mendelssohns in Winterthur eine Organistenstelle an. 30 Jahre wirkte er in der Schweiz als Musiklehrer und Dirigent und gründete eine Familie. In einem schweizerischen Nachruf steht, er habe «während eines Vierteljahrhunderts (…) im Zentrum musikalischen Bestrebens Zürichs und Winterthurs gestanden». In den schwierigen Jahren nach der Rückkehr nach Deutschland wurde er von seinem Freund Brahms unterstützt.

Neben 1000 Klavierstücken komponierte er viel Kammermusik, darunter auch solche mit pädagogischen Absichten wie die sieben kurzen Streichquartette Nur Tropfen. Die mittelschwierigen Stücke unterschiedlichen Charakters umfassen nur 16 bis 60 (schnelle) Takte. Der rhythmisch durchwirkte romantische Stil verlangt von allen Instrumenten Aufmerksamkeit auf das ganze Geschehen. Die Hinweise für den Unterricht von Anna Erdmann-Schiegnitz im Anhang der Ausgabe enthalten wichtige interpretatorische und technische Hilfen.

Theodor Kirchner: Nur Tropfen. Ganz kleine Stücke für Streichquartett, hg. von Wolfgang Birtel, SE 1059, € 14.00, Schott, Mainz

Violine statt Stimme

Die aus Stimmvokalisen hervorgegangenen Geigenmelodien von Sergei Prokofjew in neuer Ausgabe.

Sergei Prokofjew 1918 in New York. Foto: Bains News Service / Library of Congress

Für die von ihm geliebte Sängerin Nina Koshetz begann Prokofjew 1920 in New York Vokalisen für Singstimme und Klavier zu schreiben. Er beendete diese fünf Lieder ohne Worte während einer Tournee in Kalifornien. 1925 in Paris baten ihn Joseph Szigeti, Paweł Kochański und Cecilia Hansen, die Melodien für Violine zu bearbeiten. Kochański half bei der Umgestaltung der Geigenstimme; die Klavierstimme blieb unverändert. Sie erschienen 1925 bei Edition russe de Musique in Berlin. Seither gehören sie zum wichtigen Geigenrepertoire. Eine Barcarolle macht den Anfang, es folgen ein Wiegenlied, eine geheimnisvolle Grübelei, ein Scherzando (Seguidilla) und eine Nocturne.

Die Neuausgabe enthält viele kleine Berichtigungen, die in den Bemerkungen erläutert sind, und erscheint mit einem grosszügigen Notensatz.

Sergej Prokofjew: Fünf Melodien für Violine und Klavier op. 35a, hg. von Fabian Czolbe, mit einer zusätzlichen von T. A. Irnberger bezeichneten Violinstimme, HN1539, € 13.00, G. Henle, München

Partiturlesen lernen

Paul Suits schafft es in seinem Buch «Score Reading», dieses vielschichtige Gebiet gut strukturiert und praxisnah zu vermitteln.

Ausschnitt aus dem Buchcover

Zum Thema Partiturspiel gibt es im Gegensatz zu verwandten Bereichen wie beispielsweise Generalbass kaum Literatur. Das liegt sicherlich an der Vielschichtigkeit der Materie, in die auch Fachgebiete wie Blattlesen, Instrumentation, Harmonielehre oder Stilkunde mit einfliessen. Die Didaktik ist entsprechend schwer übersichtlich darzustellen.

Ein dahingehend gelungener Versuch sind die mittlerweile vergriffenen zwei Bände Schule des Partiturspiels von Günter Fork (erschienen 1980), die sich aber wegen ihres Umfangs im Unterricht nicht bewähren konnten. Einschlägig sind noch immer die vier Hefte Partiturspiel von Heinrich Creuzburg (erschienen 1956), in welchen aber Klaviereinrichtungen vorgeschlagen werden, die vollkommen praxisfern sind. Was diesen Aspekt betrifft, bot Alfred Stenger mit Partiturspiel, leichtgemacht von 2004 einen interessanten Zugang, wobei das «leicht gemacht» trügt, denn Partiturspiel ist nicht leicht!

Umfassender Zugang, konkrete Hilfestellungen

Nun legt Paul Suits ein neues, klug aufgebautes, englischsprachiges Buch vor und stellt sich dieser Tatsache: «There are artistic fields in which inspiration outweighs perspiration. In score reading the reverse is true […]» Die Anweisungen sind knapp gehalten und die langjährige Unterrichtserfahrung des Autors ist überall spürbar.

Das Lesen der transponierenden Instrumente vermittelt Suits über das Erlernen der sogenannten «alten Schlüssel»: Ersetzt man einen vorgezeichneten Schlüssel durch einen anderen, verschiebt sich der Bezugston, was eine Transposition zur Folge hat. Korrigiert man zusätzlich bestimmte Versetzungszeichen, lässt sich so eine transponierende Stimme direkt lesen. Vorangestellt wird eine nützliche Leseübung, damit sich die Lernenden im Bezugssystem eines jeweils neuen Schlüssels einrichten. Anhand hervorragend ausgewählter Literaturbeispiele wird man dann durch alle Schlüssel und im Orchester vorkommenden Transpositionen geführt.

Für das Erfassen harmonischer Zusammenhänge empfiehlt Suits Generalbassbezifferung und absolute Akkordsymbole. Besonders wertvoll sind die Kapitel «Arranging the Score at the Piano» und «Dealing with unplayable Pieces». Die darin vorgeschlagenen Methoden und Beispiele sind praxisnah: das Reduzieren eines Orchestersatzes auf sein harmonisches Gerüst und das nachträgliche Hinzufügen spielbarer Stimmen einerseits sowie das regelmässige Lesen und innere Hören ohne Instrument andererseits. Suits versteht «Partiturspiel» umfassend und setzt den Titel Score Reading mit Absicht: «In working with my students, techniques of playing, singing, imagining, and analyzing the score are all employed, often alternating in rapid succession.»

Allen, die sich mit der schwierigen Disziplin des Partiturlesens beschäftigen wollen, sei dieses Buch voller hilfreicher Anregungen sehr empfohlen!

Paul Suits: Score Reading: Time-honored Principles and New Approaches, 124 p., € 37.00, Tredition, Hamburg 2025, ISBN 978-3-384-57748-1

Eine Tonspur mit Bild

Anka Schmids Film «Melodie» zeigt anhand von ganz unterschiedlichen Menschen, welche Kraft und welches Glück im Singen liegen kann.

Die letzte Totensängerin auf einer griechischen Insel. Filmstill

Es gibt Filme, die sieht man. Und es gibt Filme, die hört man. Anka Schmids neustes Werk Melodie gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. «Eine Tonspur mit Bild», so könnte man ihn auch nennen. Erstaufgeführt am 28. September 2025 in der Kategorie Sounds am Zürcher Filmfestival, ab März 2026 regulär im Kino, ist er weit mehr als ein Musikdokumentarfilm: Er ist ein poetisches Mosaik darüber, wie Singen zu Lebensader, Ritual, Widerstand, Trost und Zugehörigkeit werden kann.

Die Protagonistinnen und Protagonisten sind so vielfältig wie ihre Stimmen. Da ist die Black Woman Joanna Kora, die ihre Erfahrungen aus der Black-Lives-Matter-Bewegung in Gesang verwandelt und als Musiklehrerin und Leadsängerin im Chor Go and Sing mit jedem Ton Hoffnung und Begeisterung weckt. Die Appenzeller Sennerin, die Abend für Abend mit dem Alpsegen nicht nur ihre Kühe, sondern auch sich selbst beschützt. Die Tessiner Hip-Hopperin, im Zwiespalt zwischen Wut über die fehlende Förderung für alternative Jugendkultur und der tiefen Verwurzelung in ihrer Heimat. Der Kurde, dem sieben Jahre Gefängnis nicht die Stimme nahmen und der nun seiner kleinen Tochter in der Schweiz Lieder vorsingt, damit sie als Kurdin ohne Land nicht ohne Kultur bleibt. Und die letzte Totensängerin einer griechischen Insel, die nach dem Verlust ihres Mannes allein durch das Klagelied Halt und Lebensinhalt findet – und die bange Frage stellt: Wer wird ihre Klage anstimmen, wenn sie selbst nicht mehr ist?

Singen ist mehr als Klang

Schmid erzählt diese Geschichten ohne Pathos, getragen von der Musik und den Gesichtern der Singenden. Die Kamera fängt das Strahlen, die Müdigkeit, die Leidenschaft ein. Doch das eigentliche Herzstück ist die Tonspur. Tonmeister Reto Stamm verzichtet weitgehend auf elektronische Verfremdung, er transportiert die Stimmen pur, unverstellt, in ihrer ganzen Körperlichkeit. Man hört Atempausen, Reibungen, Unvollkommenheiten – und genau das macht den Film so echt.

Am Ende, wenn junge Frauen vom Frauenstreik singend und trommelnd den Platz füllen, schliesst sich der Kreis: Singen ist mehr als Klang. Es überwindet Grenzen, bringt Fremde näher zueinander als jedes Argument. Schmids Film zeigt, dass wir uns im Glück des Singens begegnen können, jenseits von Herkunft, Sprache oder Hautfarbe. Ein Dokumentarfilm, der nicht nur im Ohr bleibt, sondern auch im Herzen.

Melodie. Anka Schmid, Buch und Regie. Frenetic-Films. Ab 5. März 2026 im Kino.

Trailer

Volkslieder für junge (und ältere) Trios

Die Triosätze von Raphael Benjamin Meyer basieren auf traditionellen Schweizer Melodien des 16. bis 20. Jahrhunderts. Sie klingen gut und werden insbesondere junge Spielerinnen und Spieler erfreuen.

Foto: Priscilla du Preez / unsplash.com

Die Auswahl dieser 17 Schweizer Volkslieder ist repräsentativ: Die populärsten aus allen vier Sprachregionen sind dabei. Einzelne darunter sind «Kunstlieder», die aufgrund ihrer Beliebtheit zum Allgemeingut wurden. Der Basler Komponist und Blockflötist Raphael Benjamin Meyer legt in seinem Eigenverlag Basilisk Arrangements vor, die von beliebigen Instrumenten im Trio gespielt werden können oder auch als Duo mit einer Klavierbegleitung, die sich aus den tieferen beiden Stimmen ergibt.

Sehr hilfreich ist das Angebot, Einzelstimmen für transponierende Instrumente oder mit anderem Schlüssel kostenlos per QR-Code von der Website des Verlags basilisk-edition.ch herunterzuladen. Bei einer Aufführung mit Streichtrio erhält man zum Beispiel die zweite Stimme im Bratschenschlüssel und in der «richtigen» Oktave, sodass sie nicht über die erste zu liegen kommt.

Der Satz ist gekonnt gemacht; er geht eher in Richtung «Kunstmusik», klingt aber ausgesprochen gut und wird speziell jugendlichen Musizierenden bei ihrer ersten Kammermusikerfahrung viel Freude bereiten. Wie in den meisten Liedersammlungen üblich, gibt es keine Tempobezeichnungen, nur einmal heisst es «Swing». Der Schwierigkeitsgrad ist niedrig, Erfahrung im Notenlesen ist von Vorteil. Bei allen Liedern ist der Text mit sämtlichen Strophen angegeben, was auch eine vokale Wiedergabe ermöglicht. Für eine bequem singbare Tonhöhe müssen die Lieder allerdings transponiert werden.

Populäre Lieder mit und ohne Autor

So vertraut diese Volkslieder der älteren Generation sein mögen, den Kindern und Jugendlichen werden sie verloren gehen, wenn in den Primarschulen immer weniger gesungen wird. Die Musikschule übernimmt heute die Aufgabe des Erhalts unserer musikalischen Tradition. Lieder wie Luegid vo Bärg und Tal, Le ranz des vaches, Guggisberglied, Le vieux chalet, Aprite le porte, Dorma bain und Vo Lozärn gäge Weggis zue und viele mehr werden dank dieser Arrangements der jungen Generation von Musizierenden nahegebracht oder in Erinnerung gerufen.

Auch weniger populäre Lieder mit bekannter Autorschaft wie Weischus dü (Eugen Meyer, *1934), Du fragsch mi wär i bi (Heidi Stucki, 1915–2012) und Anneli wo bisch geschter gsi? (Gottfried Bohnenblust, 1883–1960) haben den Weg in diese Sammlung gefunden.

Schweizer Trios, für Blockflöten, Streicher oder andere Instrumente arrangiert von Raphael Benjamin Meyer, Partitur und Stimmen (online), RM 21, Fr.23.50, Basilisk Edition, Basel

Raritäten für Clara

Die Pianistin Kathrin Schmidlin hat Stücke zusammengetragen, die Clara Schumann gewidmet wurden. Das bringt Komponistinnen und Komponisten ans Licht, die kaum mehr bekannt sind.

Kathrin Schmidlin. Foto: Daniele Caminiti

Clara Schumann geniesst zu Recht den Ruf einer überragenden Musikerin des 19. Jahrhunderts. Ihr Ruhm überstrahlte selbst denjenigen ihres Mannes Robert. Als Virtuosin, Komponistin und Pädagogin prägte sie eine ganze Epoche. Ihr nicht allzu grosses kompositorisches Œuvre wird seit einigen Jahren vermehrt aufgeführt. Das Opernhaus Zürich gestaltet derzeit einen ganzen Ballettabend nach dem Leben der Ausnahmekünstlerin. Um die dreissig Komponisten widmeten ihr Klavierwerke, von denen sie allerdings nur ganz wenige in ihr Repertoire aufnahm.

Die Schweizer Pianistin Kathrin Schmidlin setzt sich mit ihrer bei Claves erschienenen Doppel-CD Clara Schumann gewidmet für Werke von zehn Komponisten und einer Komponistin ein, von denen die meisten nie im Konzertsaal zu hören sind. Bei der Werkauswahl wurde sie von Walter Labhart beraten. Schmidlin studierte in Zürich, Nürnberg und Basel bei Karl-Andreas Kolly, Wolfgang Manz und Tobias Schabenberger. Ihre bisherigen CDs waren Werken von Komponistinnen gewidmet und wurden sehr positiv rezensiert.

Von Bargiel bis Smetana

Die vorliegende Aufnahme bietet einen ausserordentlich interessanten Querschnitt durch die Klaviermusik der romantischen Epoche. Unter den Komponisten gibt es mit Alexander Dreyschock und Stephen Heller berühmte Klaviervirtuosen, mit Felix Mendelssohn Bartholdy und Vinzenz Lachner angesehene Dirigenten, mit Woldemar Bargiel, dem Stiefbruder von Clara Schumann, und Johann Peter Emilius Hartmann bedeutende Hochschullehrer und mit Eduard Bernsdorf einen der wichtigsten Musikschriftsteller.

All ihren Werken ist eine grosse Vertrautheit mit dem Klavier anzuhören. Natürlich gilt das gleiche für Johannes Brahms, von dem eine auch von zahlreichen anderen Komponisten für verscheidene Besetzungen bearbeitete Gavotte von Christoph Willibald Gluck zu hören ist, und für Robert Schumann, dessen sogenannte Geistervariationen, kurz vor seinem Tod entstanden, ein sehr eigenartiges Stück sind, das sich nicht unbedingt beim ersten Hören erschliesst. Elisabeth von Herzogenbergs Allegro appassionato wurde nach ihrem Tod von ihrem Mann Clara Schumann gewidmet. Bedřich Smetanas 4 Skizzen beweisen, dass seine Klaviermusik zu Unrecht vergessen ist. Daneben sind vor allem auch die Stücke von Bargiel und Bernsdorf, letztere als Ersteinspielung, sehr hörenswert.

Kathrin Schmidlin spielt mit Leidenschaft und grossem technischem Können. Besonders die virtuosen Stücke begeistern. Leider ist der Klavierklang sehr direkt, wie aus zu grosser Nähe aufgenommen, selbst Pedalgeräusche sind zu hören. Neben ihrer künstlerischen Qualität ist die engagierte Einspielung auch aufgrund ihres Repertoirewerts zu empfehlen.

Clara Schumann gewidmet. Werke von Bargiel, Lachner, Dreyschock, Heller, R. Schumann, E. von Herzogenberg, Brahms, Hartmann, Mendelssohn, Bernsdorf, Smetana. Kathrin Schmidlin, piano. Claves Records 3122/23

Sinnliche Reichhaltigkeit

Aus der Zusammenarbeit von Mario Marchisella und João Orecchia ist mit «Antitopèia» ein ebenso kühner wie einladender Klangkosmos entstanden.

João Orecchia und Mario Marchisella. Foto: Bandcamp

Um der Gefahr vorzubeugen, dass die unumgänglicherweise längeren, einführenden Erklärungen die Lust am Hinhören ruinieren könnten: Antitopèia bietet eine ungemein dynamische und stimmungsvolle Melange von globalen Einflüssen und lokaler Performance, die uns ihre experimentelle Kühnheit mit viel Wärme nahebringt.

Im Kern besteht die Band The Sea Around Us aus dem Zürcher Schlagzeuger, Multiinstrumentalisten und Komponisten Mario Marchisella sowie dem derzeit in Marseille lebenden, italienisch-südafrikanischen Klarinettisten, Bassisten und Synthi-Spezialisten João Orecchia. Die beiden lernten sich 2008 in Johannesburg kennen, als Marchisella im Rahmen einer Pro-Helvetia-Residency mit seiner Lebens- und Werkpartnerin Marianne Halter – die beiden beschäftigen sich mit Video- und anderen Kunstinstallationen – dort weilte. Rasch erkannten sie eine «Seelenverwandtschaft», die in der Folge zu allerhand weiteren Projekten in Südafrika und der Schweiz führte.

Nun hat der kreative Austausch endlich in einem Album Niederschlag gefunden. Die Arbeit begann mit einer einwöchigen Zusammenkunft in Marchisellas Zürcher Studio. Die täglichen, stundenlangen «Jams» wurden alle aufgenommen und hernach – wieder zu Hause – separat nach vielversprechenden Passagen durchforstet.

Bei einem zweiten Treffen ergänzten sie ausgewählte Originalaufnahmen mit zusätzlichen Instrumentalparts und elektronischen Bearbeitungen. Nun verspürten sie das Bedürfnis nach weiteren Zutaten. So verbrachten die Stimmkünstlerin Saadet Türköz, der Wortperformance-Künstler Gilles Furtwängler und die Geigerin/Elektronikerin Magda Drozd je einen halben Tag im Studio und reagierten mit eigenen Beiträgen auf das ihnen vorgelegte Klangmaterial.

Nicht zuletzt dank einer südafrikanisch angehauchten Bassunterlage, resolutem Schlagzeug und atmosphärischen Synthitupfern wirken diese Stücke geradezu fleischlich in ihrer sinnlichen Reichhaltigkeit.

The Sea Around Us: Antitopèia. Mario Marchisella, Drums, Guitar, Piano, Bass; João Orecchia, Bass Clarinet, Synthesiser, Bass. Guests: Magda Drozd, Violin, Electronics (1, 2, 3), Saadet Türköz, Lyrics & Voice (2, 4), Gilles Furtwängler, Lyrics & Voice (1, 6). Digital und Vinyl. Audioscope/Irascible

Auseinandersetzung mit dem Schönklang

Das erste Streichquartett von Daniel Glaus auf diesem Album ist 1980 entstanden, das jüngste 2023. Es spielt das Arditti Quartet. Vollendet wird die Klangreise mit einem Liebeslied für Sopran, Harfe und Streicher.

Daniel Glaus. Foto: Jan Oprecht / Neos

Unter den Organisten findet sich eine besondere Spezies an kompletten Musikern: schier allumfassend gebildet, gleichermassen in Interpretation, Improvisation wie in Komposition gewandt (wobei letztere oft etwas vernachlässigt wird), in Literatur und Theologie bewandert, in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem sozialen wie liturgischen Beziehungsnetz des Gottesdiensts tätig; hinzu kommen die Kenntnisse in Orgelbau und Unterricht. Handwerk und geistiger Überbau gehen da wahrlich Hand in Hand.

All dies vereinigt Daniel Glaus in seinem Schaffen. Geboren 1957 in Bern, wirkte er von 1985 bis 2006 als Organist an der Stadtkirche Biel, ab 2007 als Münsterorganist in Bern und dort verantwortlich für die Kirchenmusik sowie die Abendmusiken. Damit verbunden war die Professur für Orgel und Komposition an die HKB. An der ZHdK unterrichtete er Komposition und Instrumentation. Ende 2022 trat er von diesen Ämtern pensionshalber zurück. Aber Glaus war nie nur Kirchenmusiker: Die Begegnung mit seinem Lehrer Klaus Huber und später vor allem mit Luigi Nono führte ihn auch dazu, in seinen Werken über das rein Musikalische hinauszudenken. Die Geschichte ist in seiner Musik ebenso präsent wie die unmittelbare Gegenwart.

Das spiegelt sich in seinen Werken mit Streichquartett, die seine Entwicklung markieren. Das erste Quartett, entstanden 1980 in der Studienzeit am Berner Konservatorium, ist schon voll ausgebildet und reflektiert die frühe Auseinandersetzung mit klassischen Formen (Fuge, Scherzo, Choral), aber auch mit der Zwölftontechnik auf eigenständige Weise. Das dritte titels Naezach von 2001 ist eine Quartettfassung des ersten Satzes der dritten von vier orchestralen Sephiroth-Symphonien und bezieht sich auf jüdische Mystik, die Kabbala. Nochmals einen grösseren Klangreichtum entfaltet das vierte, das 2023 beim Musikfestival Bern uraufgeführt wurde. In weitgedehnten Klangfeldern sind Spektralklänge eingebettet, oft roh, ja ungezähmt, dann aber auch wieder wunderschön wie in einer gregorianischen, ja alpsegenhaften Gesanglichkeit.

Die dramatische Auseinandersetzung mit dem Schönklang, auf ebenso faszinierende wie selbstkritische Weise, taucht immer wieder im Schaffen von Daniel Glaus auf: Es ist ein Zeichen der Widerständigkeit, des Horchens. Die Musik macht sich nicht restlos gefügig, sie fordert immer auch heraus. Das bleibt selbst in der poetischen Kantate Chammawet Ahawah für Sopran, Harfe und Streichquartett gewahrt. Ein polyglottes Liebeslied, basierend auf dem alttestamentlichen Hohen Lied, aber dabei ebenso intim wie zuweilen ungestüm. Für all das stehen Glaus hier beste Interpreten und Interpretinnen zur Verfügung: Christina Daletska und Consuelo Giulianelli in der Kantate und das phänomenale Arditti Quartet auf der ganzen CD.

Daniel Glaus: Works for and with string quartet. Arditti Quartet; Christina Daletska, Sopran; Consuelo Giulianelli, Harfe. Neos 12508

Romantischer Barock

In der «Holberg-Suite» meinte Edvard Grieg seine Persönlichkeit zu verstecken, seine Handschrift bleibt in diesem wichtigen Werk für Streichorchester aber immer erkennbar.

Edvard Grieg. Bild von Erik Werenskiold (Schnitt). Artvee

Griegs Suite Aus Holbergs Zeit gehört zu den Hauptsäulen des Repertoires für Streichorchester. Damit der rassige Rhythmus im ersten Satz, die wunderschönen Kantilenen in den mehrfach geteilten Stimmen der mittleren Sätze und der in den Soli virtuose Rigaudon angemessen zur Geltung kommen, braucht es aber Ausführende auf hohem Niveau. Für mich ist diese Suite ein Stück für professionelle, allenfalls semiprofessionelle Kammerorchester. Und ein herrlicher Einstieg in die Musik für ambitionierte jugendliche Streicherinnen und Streicher!

Umso mehr begrüsse ich das Erscheinen dieser Neuausgabe bei Henle, die allen heute unverzichtbaren Komfort bietet: Taktzahlen in der Partitur und in allen Stimmen, grossformatiges Papier in dicker Qualität, Stimmensatz 3/3/2/2/1, klares Notenbild und einen aufführungstauglichen Seitenumbruch. Wer digital unterwegs ist, kann Partitur und Stimmen auch in der Henle-App erwerben.

Zuerst für Klavier, dann für Streichorchester

Edvard Grieg komponierte die Suite 1884 anlässlich des 200. Geburtstags des norwegischen Universalgelehrten und Dichters Ludvig Holberg (1684–1754), den er auch als «Molière des Nordens» bezeichnete. Der Fassung für Streichorchester ging die Version für zweihändiges Klavier voraus (ebenfalls bei Henle erhältlich, HN 432). Sie ist heute weniger bekannt als das vom Komponisten im Februar 1885 fertiggestellte Arrangement für Streichorchester. Es scheint, dass Edvard Grieg den Streicherklang bereits beim Komponieren des Klavierwerks im Ohr hatte. Der vierte Satz «Air» ist eines der schönsten Streicherstücke, eine Musik für die einsame Insel!

Der Herausgeber Ernst-Günter Heinemann nennt die Erstausgaben von Partitur und Stimmen bei Peters in Leipzig (1886) mit den handschriftlichen Eintragungen des Komponisten als wesentliche Quellen. Grieg dirigierte die Uraufführung in Bergen am 13. März 1885 (aus handschriftlichen Stimmen) selbst. Das Autograf, welches danach dem Verlag als Stichvorlage diente, ist leider verschollen. Bogenstriche und gelegentliche Fingersätze, die in den Stimmen eingetragen sind, dürften bereits dort vorhanden gewesen sein und ganz den Vorstellungen des Autors entsprechen. Sie wurden in diese Henle-Ausgabe übernommen. Doch – keine Sorge — es sind deren wenige, und sie sind alle gut!

Grieg kann sich nicht verleugnen

Wenn es sich bei der Holberg-Suite auch um «romantischen» Barock handelt, der mit heutigen Erkenntnissen der historisch informierten Musikpraxis wenig gemein hat, ist sie doch ein wertvolles Zeitdokument der Rezeption von Barockmusik zu Griegs Zeiten. Das Werk lässt uns schmunzelnd zur Kenntnis nehmen, wie sein romantischer Schöpfer durch das barocke Idiom hindurch immer wieder erkennbar bleibt, entgegen seiner Bemerkung in einem Brief an Julius Röntgen von 1884: «Es ist eigentlich als Ausnahme eine gute Übung, seine eigene Persönlichkeit zu verstecken.»

Edvard Grieg: Aus Holbergs Zeit. Suite im alten Stil op. 40, Fassung für Streichorchester, hg. von Ernst-Günter Heinemann; Partitur, HN 3320, € 22.00; Stimmensatz, HN 3322, € 45.00; Studienpartitur, HN 7012, € 10.00; G. Henle, München

 

 

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