Zwei « neue» Werke von Bach

Zwei Chaconnen in einem Brüsseler Manuskript werden dem jungen Johann Sebastian Bach zugeschrieben und tragen die BWV-Nummer 1178 und 1179.

Restaurierte Wender-Orgel in der evangelischen Kirche in Arnstadt. 1703 nahm der 18-jährige Johann Sebstian Bach die neu gebaute Orgel in Betrieb. Foto: GFreihalter/wikimedia commons

Als «Weltsensation» kündigten die Medien im vergangenen November die (Wieder-)Uraufführung zweier Chaconnen an, die der Musikwissenschaftler Peter Wollny nach jahrelangen Recherchen nun dem jungen Johann Sebastian Bach zuschreibt und die daher auch zwei BWV-Nummern erhalten haben.

Bach-Schüler Salomon Günther John

Die vorliegende – in gewohnter Weise tadellose – Ausgabe, welche bei Breitkopf & Härtel als Supplement zum 4. Band der derzeit neuesten Gesamtausgabe der Orgelwerke publiziert worden ist, zeichnet im Vorwort die akribische, geradezu «detektivisch» anmutende Spurensuche zu den beiden Werken nach. Durch komplizierte Schriftvergleiche liess sich ein in Brüssel aufbewahrtes, anonymes Manuskript auf den 1695 geborenen Kantor, Lehrer und Organisten Salomon Günther John zurückführen, der 1727 bei einer Stellenbewerbung darauf hinwies, «anfangs bey dem ehemahligen Organist in Arnstadt» (ohne weitere Namensnennung) den Unterricht besucht zu haben. Da aufgrund einer weiteren Abschrift Johns eines sicher von Bach stammenden Werks (BWV 951) angenommen werden kann, dass dieser tatsächlich während Bachs Arnstädter Zeit (1703–07) dessen Schüler war, lässt sich auch für die beiden anonymen Chaconnen im Brüsseler Manuskript eine mögliche Urheberschaft Bachs annehmen. (NB: Zuvor waren diese einem anderen Komponisten, J. C. Graff, zugeschrieben worden, unter dessen Namen sie sogar gelegentlich gespielt wurden.)

Stilmerkmale

Wollny untermauert seine Theorie weiter durch stilistische Vergleiche mit anderen frühen Werken Bachs, deren Merkmale der Schweizer Organist Jean-Claude Zehnder in seiner grundlegenden, im Rahmen der Schola Cantorum Basiliensis Scripta 2009 bei Schwabe erschienenen Arbeit einer umfassenden Analyse unterzogen hat. Zudem erinnern gewisse Figurationen durchaus an Bachs Orgel-Passacaglia BWV 582, welche, genau wie BWV 1178, dann auch in einer Fuge fortgesetzt wird.

Faszinierende Beweisführung

Wie zu erwarten, löste die «Uraufführung» weitere Diskussionen über die Urheberschaft Bachs aus. Ohne hier auf die diversen Argumente pro und contra eingehen zu können: Die beiden auch auf kleineren Orgeln gut realisierbaren Werke zeigen einen Komponisten, der über ein solides Handwerk verfügt, mit virtuoser Spielfreude zu schreiben weiss und gelegentlich (wenn auch nicht immer) eine persönliche Handschrift und «genialische» Züge durchschimmern lässt. Falls es sich dabei tatsächlich um den (18- bis 22-jährigen) Bach handelt, ist hier eine weitere Etappe auf dessen Entwicklungsweg als Komponist erschlossen worden. Faszinierend ist der Weg zu dieser Zuschreibung aber in jedem Fall!

Johann Sebastian Bach: Zwei Chaconnen BWV 1178 und 1179, (Sämtliche Orgelwerke, Supplement zu Band 4), hg. von Peter Wollny, EB 9648, € 16.90, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden   

Neue Musik von Anfang an

Auf und mit dem ganzen Klavier experimentieren, das ist das Ziel des Hefts mit neuen Spieltechniken für Kinder von Ji-Youn Song.

Foto: belchonock/depositphotos.com

Unter dem Titel Mein Klavier – ganz – am Anfang stellt die Pianistin, Klavierpädagogin und Konzertmacherin Ji-Youn Song 15 Charakterstücke und Übungen mit neuen Spieltechniken für Klavier vor. Durch die eigene intensive Auseinandersetzung mit neuer Musik hat die Autorin beim Unterrichten von Kindern entdeckt, wie gewinnbringend gerade am Anfang die Beschäftigung mit experimentellen Techniken des Musizierens sein kann. Im sorgfältig verfassten Vorwort kommt zum Ausdruck, dass es ihr ein grosses Anliegen ist, das Bewusstsein für Spannungsbögen und Proportionen, aber auch das Erarbeiten von grafischer Notation und das Erfahren von musikalischen Grundphänomenen wie hoch-tief, lang-kurz, laut-leise durch Gesten und körperliche Bewegungsabläufe fühlbar und verständlich zu machen.

Mit der Schreibweise des Titels weist uns Ji-Youn Song auf ihre Absicht hin, mit den Schülerinnen und Schülern von Anfang an auf und mit dem ganzen Klavier zu spielen, der Experimentierlust freien Lauf zu lassen und somit wesentliche Erfahrungen in persönlicher und musikalischer Hinsicht zu ermöglichen. Über einen QR-Code kann man zu allen Stücken eine von Kindern realisierte Videoaufnahme abrufen. Zudem gibt die Autorin wertvolle Hinweise zu pädagogischer Zusatzliteratur und für den Anschluss geeigneten Kompositionen von Cage, Cowell, Lachenmann, Dinescu und anderen.

Zu diesem Heft kommt mir spontan das berühmte Zitat von Rumi in den Sinn: «Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.»

Ji-Youn Song: Mein Klavier – ganz – am Anfang, Charakterstücke und Übungen mit neuen Spieltechniken, BA 10879, € 16.95, Bärenreiter, Kassel

Bearbeitungen für Zupforchester

In der auf Musik für Zupfinstrumente spezialisierten Reihe Edition Grenzland des Pan-Verlags ist ein Heft mit drei Stücken aus der Renaissance und dem Barock erschienen.

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Das erste Werk in diesem Heft, Canzona prima per canto solo von Girolamo Frescobaldi, stammt aus dessen Sammlung Primo Libro delle Canzoni von 1628. Der Bearbeiter Frank Scheuerle nimmt die Melodiestimme in die 1. Mandoline und realisiert den Continuo mit den anderen Stimmen. Er verzichtet, wie er ausführt, auf Akkorde in der Gitarrenstimme sowie auf eine Kontrabassstimme zugunsten der Durchsichtigkeit.

Lachrimae antiquae von John Dowland wurde wahrscheinlich 1604 komponiert. Scheuerles Arrangement basiert auf der Fassung für Gambenconsort, wobei Mandolinen-, Mandola- und Kontrabassstimmen jeweils auf den Gambenstimmen basieren. Die Gitarre ist hier in zwei Gruppen aufgeteilt: Die 1. Gitarre übernimmt den Quintus und Teile der Lautenstimme und die 2. Gitarre die restliche Lautenstimme. Scheuerle schreibt das Stück in 4/4-Takt um, was für die Lesbarkeit sicher von Vorteil ist. Die «Arco»-Bezeichnung des Kontrabasses erinnert an die Originalbesetzung, wobei die «Pizzicato»-Bezeichnung im letzten Takt einen Teil der Lautenstimme übernimmt, was gut in den gezupften Klang hineinpasst.

Die Chaconne Two in one upon a Ground aus Henry Purcells Semi-Oper Dioclesian wurde für zwei Flöten und Continuo geschrieben. Scheuerle setzt die beiden Melodiestimmen im Kanon in die zwei Mandolinenstimmen und den Basso continuo mit einem Ostinato in die Mandola- und Gitarrenstimmen. Dabei wird der Continuo auch während des Stücks variiert.

Die Entscheidungen des Bearbeiters in allen Arrangements erzeugen Leichtigkeit und zeigen, wie gut das Zupforchester mit seiner natürlichen Durchsichtigkeit für diese Musik geeignet ist. Scheuerle sorgt für Spielbarkeit, aber behält genug Respekt für den Urtext bei, damit für ein Zupforchester noch Raum zur Interpretation übrigbleibt.

Girolamo Frescobaldi, John Dowland, Henry Purcell: Canzona prima, Lachrimae antiquae, Chaconne, für Zupforchester bearb. von Frank Scheuerle, Partitur, ZO 1115, € 15.00, Pan, Kassel

 

Erhebende Musik aus tieftrauriger Thematik

Das jüngste Album von Black Sea Dahu verarbeitet den Verlust eines nahestehenden Menschen. Daraus erwächst subtile Musik, verstärkt durch die Klänge eines Streichquartetts.

Black Sea Dahu. Foto: zVg

Das um die Schwestern Janine und Vera Cathrein versammelte Zürcher Quintett Black Sea Dahu hat einen Gewaltmarsch zurückgelegt seit seinem 2018 erschienenen Debut-Album White Creatures und dem darauf enthaltenen wundersamen Ohrwurm In Case I Fall For You. Dessen Erfolg hatte zur Folge, dass kaum eine Band aus unseren Breitengraden in den letzten Jahren häufiger in ganz Europa live aufgetreten ist als sie. Und das hat sich natürlich auf das gegenseitige musikalische Verständnis ausgewirkt. Langer Einführung kurzer Sinn: Eine Subtilität so kraftvoll und innig, so komplex und verspielt bringt nur eine Band zustande, deren Mitglieder mit telepathischer Sensibilität aufeinander einzugehen vermögen.

Ihr viertes Album Everything (das Live-Album mitgezählt) springt einen nicht auf Anhieb an wie der Kult-Hit von damals. Die Magie dieser Chansons baut nicht auf «instant», vielmehr bezieht sie ihre Kraft aus filigran gestrickten Gesangsmelodien, die im Wind wehen wie die Schleifen eines Drachens; aus Instrumentalarrangements, die prall gefüllt sind mit feinen Überraschungen – verstärkt übrigens durch die warmen Klänge des Streichquartetts Amours Sur Mars, mit dem man auch schon Konzerte gegeben hat.

Und dann natürlich aus der Stimme von Janine Cathrein und ihren Liedern, die sich, inspiriert und notwendig gemacht durch den Tod ihres Vaters, ums zyklische Wogen des Lebens drehen. «Ich habe kein Album gemacht», sagt sie, «ich habe einen Ort gebaut, um diese Trauer auszuhalten.» Ein herrliches Album, das folk-poppige Gepflogenheiten mit kammermusikalischen Stimmungen vereint und wie der schönste Blues tieftrauriger Thematik erhebende Musik abringt.

Black Sea Dahu: Everything. Mouthwatering Records

Eigenwillige Biografie

Für die erste, überaus detailreiche Biografie von Klaus Huber hat Corinne Holtz eine doppelte Perspektive gewählt.

Klaus Huber 2006 in Stuttgart. Foto: Max Nyffeler

Eine Biografie über Klaus Huber zu schreiben, ist nicht einfach. Die Persönlichkeit des 2017 verstorbenen Komponisten war ebenso, sagen wir mal, problemorientiert wie sein von produktiven Widersprüchen und Brüchen durchzogenes Schaffen.

Corinne Holtz hat als Erste den Versuch gewagt und für ihre Biografie eine eigenwillige Form gewählt. Vier der acht Kapitel sind nämlich aus der Ich-Perspektive des Komponisten geschrieben, was ihn in eine fast intime Nähe zum Leser rückt. Das sieht zunächst nach literarischer Fiktion aus, wird aber mit zahllosen Fussnoten weitgehend korrekt dokumentiert. Das zusammengesetzte Ich, das so entsteht, ist ein Puzzle aus schriftlichen und mündlichen Äusserungen Hubers, aus Briefen, Tagebuchnotizen und Gesprächen mit den Nachkommen, vieles davon unveröffentlicht.

Mit ihren akribischen Recherchen beförderte Corinne Holtz auch viele private Details aus Hubers Leben ans Tageslicht. Seine Tochter Katharina Rikus öffnete dafür bereitwillig das Familienarchiv. Aufschlussreich ist der Teil über seine Kindheit und Jugend, die durch einen strengen und keineswegs vorbildlichen Vater dominiert wurden – ein klassisches Über-Ich, von dem sich der kompositorische Spätstarter nie ganz befreien konnte.

Die Werke kommen in der detailsatten Biografie leider etwas zu kurz. Breiten Raum nimmt einzig die Oper Schwarzerde ein, deren Produktion am Theater Basel 2001 die Autorin journalistisch begleitete. In einem ganzen Kapitel, offenbar ein Beifang ihrer Recherchen in der Basler Sacher-Stiftung, betreibt sie dagegen Spurensuche zum Thema Sacher und die Nazis, was etwas nach dem unter Schweizer Kulturlinken eifrig gepflegten Moralsozialismus riecht und hier wie ein Fremdkörper wirkt.

Über hundert Seiten, ein Drittel des Buches, nimmt die umfangreiche Dokumentation mit Anmerkungen, Quellen und Literaturverzeichnis ein. Eine gewaltige Fleissleistung mit Vollständigkeitsanspruch, der aber in einem so komplexen Fall wie Huber wohl nie ganz eingelöst werden kann.

Corinne Holtz: Welt im Werk. Klaus Huber (1924–2017), Biografie, 309 S., Fr. 54.00, Schwabe, Basel 2024, ISBN  978-3-7965-5148-2

Ausführlichere Version dieser Kritik: beckmesser.info/klaus-huber-biografisch-seziert/

Effektvolle Schauspielmusik

«Le Colibri» und «La Reine des Neiges» heissen die beiden Stücke, die Christophe Sturzeneggen in farbenreiche, hervorragend instrmentierte Musik gefasst hat.

Christophe Sturzenegger (2. v. li) leitet das Instrumentalensemble von «La Reine des Neiges». Foto: zVg

Der Genfer Musiker Christophe Sturzenegger ist wirklich eine vielseitige Begabung! Seine bisher erschienenen Einspielungen als Hornist und Pianist mit Werken von Strauss, Glière und Schumann zeugen von hervorragendem Können auf beiden Instrumenten. Seine neuste CD mit Schauspielmusik stellt ihn nun als Komponist und Dirigent vor.

Le Colibri

Die Musik zu Le Colibri entstand als Gemeinschaftsproduktion mit der erfolgreichen Westschweizer Schriftstellerin Elisa Shua Dusapin, der Gewinnerin des Schweizer Literaturpreises 2019. Die Geschichte zweier Jugendlicher auf dem Weg zum Erwachsenwerden war ein Auftragswerk für das Orchestre de la Suisse Romande (OSR) und das Genfer Théâtre Am Stram Gram, eines der bedeutendsten europäischen Kinder- und Jugendtheater. Sturzeneggers Musik ist neoromantisch, hervorragend instrumentiert und auch dann ein Hörvergnügen, wenn man die Handlung nicht kennt. Eine in Zusammenarbeit mit der Illustratorin Hélène Becquelin entstandene Graphic Novel von Dusapins Werk zusammen mit Sturzeneggers Musik als Hörbuch erhielt 2023 den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis.

La Reine des Neiges

Vom zweiten Werk auf der CD, La Reine des Neiges nach dem Märchen Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen, zwei Jahre vor dem Disney-Blockbuster entstanden, kann man sowohl eine Konzertsuite als auch eine halbstündige Fassung mit gesprochenem Text (überzeugend interpretiert von Joan Mompart) hören. Andersens Märchen, zur Zeit seiner Entstehung als «für Kinder ungeeignet» etikettiert, mittlerweile aber oft vertont, schildert die Geschichte der Kinder Kay und Gerda, die durch bösartige Zauberkunst voneinander getrennt werden, sich aber im Schloss der Schneekönigin auf Spitzbergen wiederfinden und erlöst werden.

Die musikalische Idee hinter dem Stück war, ein Musiktheaterwerk in der Besetzung von Strawinskys Histoire du soldat zu schreiben, also mit Begleitung eines kleinen Ensembles. Die Aufführung des Théâtre Am Stram Gram wurde in der Schweiz und in Frankreich unzählige Male gespielt und erhielt viel Lob. Die hier vorliegende Aufnahme ersetzt zwar nicht das Theatererlebnis, gibt aber einen lebhaften Eindruck davon. Die Musik erinnert an Kompositionen der «Groupe des Six» oder von Strawinsky und ist erneut sehr instrumentengerecht und effektvoll geschrieben. Sie wird von Mitgliedern des OSR unter der Leitung von Christophe Sturzenegger schwungvoll und klangschön gespielt. Mit einer entsprechenden Textfassung könnte das Stück auch im deutschsprachigen Raum Furore machen.

Musiques de scène : Le Colibri, La Reine des Neiges. Orchestre de la Suisse Romande. Musique et direction Christophe Sturzenegger. Klarthe Records

Über die Lust, Rahmen zu sprengen

In 14 Beiträgen umkreist dieser Text+Kritik-Sonderband Werk und Biografie von Michael Wertmüller.

Michael Wertmüller. Ausschnitt aus dem Buchcover

Wie will man sich einer solchen Fülle nähern? Also dem Œuvre Michael Wertmüllers, eines Schlagzeugers und Komponisten, dessen Werkverzeichnis einen geradezu manischen Schaffensdrang verrät, dessen Partituren an Opulenz und Dichte kaum zu überbieten sind und der sich obendrein noch bewegt zwischen verschiedensten Genres wie Jazz, Neuer Musik inklusive Oper, Kammer- oder Orchestermusik und schliesslich Rock mehrheitlich härterer Gangart.

Nun, die 14 Autoren des reich mit Partituren und Fotos bebilderten Sonderbandes Michael Wertmüller versuchen es. Ein Schwerpunkt liegt auf dem erstaunlich umfangreichen Opern- und Musiktheaterschaffen. Thomas Meyer beschäftigt sich in seinem Text mit Anschlag, das 2013 in Luzern Premiere hatte. Er arbeitet die Entstehung des politisch stark aufgeladenen Werks anschaulich heraus, beschreibt detailliert, wie die Texte des radikalen Schweizer Literaten Lukas Bärfuss und die nicht minder radikale Musik Wertmüllers zusammenfanden. In ihrem Beitrag über die «experimentelle Oper» D·I·E erläutert Barbara Eckle unter anderem die jeglichen traditionellen Rahmen sprengende Konzeption. Zum teilweise ohrenbetäubend lauten Einsatz kommen hier ein klassisches Streichquartett, eine Rapperin, eine Garage-Hardcore-Punkband, ein klassischer Perkussionist und nicht zuletzt das bekannte Jazztrio Steamboat Switzerland, mit dem Wertmüller eine nun schon Jahrzehnte währende Zusammenarbeit verbindet. Diese enge, sich gegenseitig immer wieder befruchtende Kooperation beschreibt Gabrielle Weber mit vielen erfrischenden Interview-Ausschnitten der Bandmitglieder Dominik Blum, Marino Pliakas und Lucas Niggli.

Auch die musikalische Sozialisation Wertmüllers kommt mehrfach (und durchaus mit Wiederholungen) zur Sprache. In Thun wird er gross, spielt offenbar unermüdlich Schlagzeug und erhält dann nach Perkussionsstudien in Bern und Amsterdam eine Stelle im renommierten Concertgebouw-Orchester. «Ich sah die Zukunft vor mir, was andere
sich wünschten, eine feste Stelle im Orchester, war für mich der Horror.» Das sagt dann doch einiges über diesen ungebändigt umtriebigen Musiker und Komponisten.

Michael Wertmüller, Musik-Konzepte Sonderband XI/2024, hg. von Ulrich Tadday, 248 S., € 44.00, Edition text+kritik, München 2024, ISBN 978-3-96707-969-2

PGM: Sparen im Nebel

Am Treffen der Parlamentarischen Gruppe Musik vom 4. März wurden die möglichen Auswirkungen des «Entlastungspakets 27» auf die Musikbranche erörtert.

Display eines Musik-Equalizers. gnepphoto/depositphoto.com

Als Präsident des gastgebenden Schweizer Musikrats und Mitglied des Nationalrats eröffnete Stefan Müller-Altermatt den Austausch zwischen Politikerinnen und Vertretern verschiedenster Musikverbände, indem er den Zwiespalt zwischen «finanzpolitischer Realität und kulturpolitischer Verantwortung» benannte.

Da die Bundesausgaben in den kommenden Jahren voraussichtlich stärker steigen werden als die Einnahmen, hat der Bundesrat unter Federführung von FDP-Bundesrätin Karin Keller-Sutter das «Entlastungspaket 27» (EP 27) mit 59 Sparmassnahmen vorgelegt. Raphael Capaul vom FDP-Generalsekretariat präsentierte im Verlauf des Treffens bedrohlich ins Minus stechende Defizitbalken und warnte vor Steuererhöhungen als letztem Ausweg. Referentinnen und Referenten der Branche legten dar, was die Einsparungen für die bereits stark unter Druck stehenden Einkommen von Musikerinnen und Musikern bedeuten könnten.

Entlastungspaket belastet Musikschaffende

Alex Meszmer von Suisseculture erläuterte, der Kulturbereich sei von mindestens 22 der Sparmassnahmen betroffen, es sei aber schwierig, sie im Einzelnen mit ihren konkreten Auswirkungen festzumachen. So generieren beispielsweise weniger Auslandsprojekte von Pro Helvetia auch weniger Urheberrechtsentschädigungen, womit der Schaden für die Musikschaffenden weit grösser ist als im Sparpaket ersichtlich. Meszmer spach denn auch scherzhaft von «Ostereiersuche nach KKS». Er rief in Erinnerung, dass der Bundesrat bei der Präsentation der Kulturbotschaft 2025–28 betont hatte, eine angemessene Entschädigung der Kulturschaffenden garantieren sowie deren Arbeitsbedingungen verbessern zu wollen. Verbesserungen bei der sozialen Sicherheit habe das Parlament auch als Legislaturziel angenommen. Konkret passiert sei bisher allerdings nichts. Das Einkommen von Kulturschaffenden ist seit 2016 rückläufig und weitere Kürzungen oder auch nur das Einfrieren von Mitteln werden diesen Trend weiter verstärken.

Bei Pro Helvetia sieht das EP 27 Einsparungen von 1,5 Millionen Franken vor. Wie Direktor Michael Kinzer und Abteilungsleiterin Musik Dominique Rovini darlegten, ist kaum denkbar, dass sich die Kulturstiftung von den grossen Plattformen wie dem Centre culturel suisse zurückzieht. Es würden also rund 150 Projekte mit 500 Beteiligten weniger unterstützt und die Zusagequote von heute rund 34 Prozent würde weiter sinken, mit unmittelbarem Einfluss auf das Einkommen von Musikschaffenden. Albane Dunand von der Fondation romande pour la chanson et les musiques actuelles zeigte auf, dass Kürzungsmassnahmen diejenigen am stärksten treffen, die bereits in prekären Verhältnissen leben. Ebenso verschwinden in Zeiten des Sparens zuerst Programme, die auf mehr Gleichstellung und Diversität abzielen.

Rico Gubler von der Konferenz Musikhochschulen Schweiz betonte, die Kürzungen resp. das Einfrieren der Mittel führe zu kleiner und unattraktiver werdenden Berufsfeldern. Auch sei die Forschungslandschaft betroffen. Bei der Erhöhung der Studiengebühren seien die Auswirkungen nicht ans Ende gedacht und zum Teil auch kaum absehbar. (Eine Stellungnahme der KMHS zur Erhöhung der Studiengebühren wird in der Ausgabe der Schweizer Musikzeitung zu lesen sein, die am 26. März erscheint.)

Grosse Eile, unklare Folgen

In der Diskussion gab Michael Kaufmann von Sonart zu bedenken, dass das Sparpaket auch ein negatives Signal für Kantone und Gemeinden aussende, die dann mit Kürzungen nachzögen oder nachziehen müssten, wodurch ein Mehrfaches der im EP 27 genannten Beträge verloren ginge. Die ganze Sache sei wahnsinnig diffus, bestätigte Müller-Altermatt: «Wir haben verschiedene föderale Ebenen, die für Kultur- und Musikförderung zuständig sind. Wir haben sehr indirekte Finanzflüsse über diese Ebenen, wir haben Bundesämter, Fördergefässe, und wir haben sehr breite Auswirkungen. Wenn man z. B. touristische Gelder streicht, betrifft das auch Kulturschaffende.»

Derweil gingen die Beratungen zum EP 27 im Nationalrat unmittelbar nach dem Branchentreffen weiter. Noch in dieser Session erfolgt die Differenzbereinigung zwischen den beiden Kammern, damit die Frist für ein allfälliges Referendum  – die Grünen haben es bereits angekündigt – gewahrt wird. So kann eine Volksabstimmung noch in diesem Herbst stattfinden. Der Dachverband Suisseculture diskutiert noch, ob er ein allfälliges Referendum unterstützen will, denn falls EP 27 abgelehnt wird, steht schon ein EP 29 im Raum mit möglicherweise noch drastischeren Einsparungen.

Angesichts einer Volksabstimmung werden sich alle Stimmberechtigten die Frage stellen müssen, ob sie, wie es Müller-Altermatt so treffend formulierte, Kulturförderung einfach als Ausdruck eines edlen Staats bezeichnen wollen, der für seine Bevölkerung mehr macht, als das unbedingt Nötige. Oder ob sie Kultur als strategische Infrastruktur betrachten, die lebenswichtig ist.

Das nächste PGM-Treffen ist am 3. Juni zum Thema «soziale Absicherung, Mindestgagen und Berufsrisiken».

 

Die Energie eines Orchesters

Das Kammerorchester Basel schickte ein Trio ins Tinguely-Museum, um über Nachhaltigkeit nachzudenken. «Unter Strom» lieferte Musikgeschichte im Speedrun, viele Fragen und wenig Antworten.

Musik und Theater zwischen Maschinengetöse. Foto: Lukas Nussbaumer

Dass Musik die Klimakatastrophe abwenden kann, würde vermutlich niemand behaupten. Was aber kann sie tun gegen das Problem, dass die Menschheit (in rasant zunehmendem Masse) über ihre Verhältnisse lebt?

Das Naheliegendste: das Thema aktiv ansprechen. Das machte das Kammerorchester Basel am 5. Februar 2026 im Tinguely-Museum mit dem Musiktheaterprojekt «Unter Strom», erarbeitet und aufgeführt von der Violinistin Eva Miribung, dem Violinisten Mathias Weibel und der Regisseurin und Schauspielerin Salomé Im Hof. Von «weit weg» seien sie gekommen und hätten gehört, dass es Probleme gäbe auf der Erde. Ihr Stück sei kein Lamento, sondern «will euch zu nahe treten, vor den Kopf stossen». So die Ansage, nachdem die drei astronautisch Gekleideten zum selbstgebastelten «Energiesong» via Tinguelys Utopia-Maschine auf die Bühne marschiert waren. Dort prophezeite das Orakel von Tinguely, dass die Menschen irgendwann verschwunden sein würden – «darauf erst einmal ein bisschen Musik».

Es folgte in den nächsten 60 Minuten eine Art Speedrun durch die Musikgeschichte, mit Stücken und Songs, die, dramaturgisch geschickt verknüpft, die Natur, die Energie und den eigenen Handlungshorizont ins Visier nahmen. Zum Beispiel der schwedische «Wasserkanon», Lueget, vo Bärgen und Tal, I’ll Follow the Sun der Beatles, Never Turn Your Back On Mother Earth der Sparks oder Bob Dylans Blowin’ in the Wind. Vor allem populäre Lieder standen auf dem Programm, dazwischen gab es aber auch Klassisches von Leclair, Liszt oder Berio. Zu Hilfe nahm sich das Trio eine akustische Violine, eine E-Violine, einen Synthesizer, eine Mandoline und eine Loopstation. Den elektrischen Instrumenten wurde zum Schluss der Performance der Stecker gezogen.

Witz, Konfrontation und irritierendes Klappern

Zwischen den musikalischen Nummern leiteten theatrale Einlagen von einem Stück ins nächste über, hatten aber gleichzeitig die Funktion, das Publikum einzubeziehen. Wie bei einer Befragung, was das gute Leben eigentlich heisse. Die Antworten wurden aufgenommen und bildeten als Loop quasi die zweite Stimme in Vivaldis Sonate in F-Dur. Oder bei einer Quickfire-Session, bei der das Publikum auf Entweder-Oder-Fragen («Bio oder regional», «Fleisch oder Tofu», «Zug oder Velo» etc.) antworten musste. Das Programm hatte Witz, Höhepunkt in dieser Hinsicht war das umgedichtete Vaterunser an einen Öltanker.

Die konfrontative Art und Weise der Performance sorgte dafür, dass man sich als Zuhörerin oder Zuhörer nie einfach nur zurücklehnen konnte, sondern geistig dabei und kritisch bleiben musste. Dass eine Atmosphäre des Sich-Einlullen-Lassens aufkommen könnte, wurde schon allein dadurch verhindert, dass immer wieder mitten in den Stücken die Tinguely-Maschinen zum Laufen gebracht wurden. – Wer sie kennt (übrigens ein schönes Beispiel für Re- oder Upcycling), kann sich vorstellen, dass das Klappern und Krachen in einem Konzert mächtig irritiert.

v. li.: Mathias Weibel, Salomé Im Hof Eva Miribung. Foto: zVg

Umgewandeltes Klassenzimmerstück

Künstlerisch überzeugend war der Abend auf alle Fälle. Und es ist lobenswert, dass sich das Kammerorchester mit der Thematik vertieft auseinandersetzt. Das ist mehr, als viele andere Orchester tun. Eine Handlungsorientierung fehlte aber. Eine Suggestion kam immerhin ganz zum Schluss, als es um die Frustration ging, nichts ausrichten zu können. Nach dem Vorbild von Georg Danzer wurde sie umgedreht in die Freiheit, nicht dasselbe wie andere tun zu müssen, auch mal einfach nichts zu tun. Eine Enthaltsamkeitslogik, die die Menschheit als Ganze nicht aus der Misere herausführen wird, als individuelle Lebensphilosophie aber sicher keine schlechte ist.

Dass Klangkörper wie das Kammerorchester Basel durch ihre Dimension – und die Konzertreisen – selbst viele Ressourcen schlucken, ist natürlich ein paradoxer Umstand. «Unter Strom», Teil der Nachtklang-Serie, kurze Vorstellungen, die Mitglieder des Orchesters in Museen darbieten, ist aber ein gutes Beispiel für Redimensionierung und Synergien; das Konzertticket war gleichzeitig Eintrittsbillett ins Museum. Und da das Trio mit dem Stück auch in Schulen auftritt, war der Abend sozusagen Recycling. Die Thematik zum Programm zu machen, ist auf jeden Fall wichtig – vielleicht kommen so irgendwann auch mehr Antworten als Fragen heraus.

(Mehr) Gespräche mit Blomstedt

Die Neuauflage von «Mission Musik» ist um ein Gespräch mit dem Dirigenten erweitert, das im Verlaufe des letzten Jahres stattgefunden hat.

Herbert Blomstedt. Foto: J. M. Pietsch

Aufschlussreich wird es sein, um das breite musikalische Spektrum des schwedischen Dirigenten Herbert Blomstedt kennenzulernen, wenn man seine Aufnahme von Ingvar Lidholms Poesis hört und gleich auch diejenige von Anton Bruckners vierter Sinfonie und Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe. Der heute 98-jährige Dirigent, der so gar nichts von einem Pultstar an sich hat, aber weltweit von den grossen Orchestern geliebt und deshalb immer wieder engagiert wird, vermag diese mit seiner liebenswürdigen Korrektheit, seiner Selbstdisziplin und der Verantwortung dem Werk gegenüber zu Höchstleistungen zu führen.

Gesprächsthemen

Mission Musik heisst das Buch mit neun Gesprächen der Musikkritikerin Julia Spinola mit Blomstedt. Das letzte, im Mai letzten Jahres in Leipzig geführt, ergab ein umfangreiches Zusatzkapitel für diese dritte Auflage.

Ganz unterschiedliche Bereiche und Situationen werden beleuchtet, speziell auch jene der beiden deutschen Orchester, die er als Chef geführt hat, die Staatskapelle Dresden  1975–1985 und das Gewandhausorchester Leipzig 1998–2005. Selbstverständlich werden die Position des Dirigenten diskutiert und innerbetriebliche Probleme der Orchester; Blomstedt hat ja in seinem langen Leben auch Chefposten in Oslo, Kopenhagen und San Francisco bekleidet. Höchst interessant war sein Beharren auf der alten deutschen Orchesteraufstellung, aber auch sein Herangehen an Werke der Neuen Musik und seine Zuwendung zum Publikum mit kurzen Erläuterungen. Kein Imponiergehabe, sondern ein intensives Bemühen, die Einsichten des Fachmanns verständlich weiterzugeben.

Repertoireschwerpunkte

Dem fragenden Gegenüber gelingt es immer wieder, eindringliche Antworten zur Motivation seiner weltweiten Aktivitäten zu erhalten, während die private Seite seines Lebens völlig ohne Voyeurismus offengelegt wird. Sein Einsatz für die nordische Musik, besonders für Carl Nielsen, Franz Berwald und Carl-Wilhelm Stenhammar, der innige Bezug zur Musik von Johann Sebastian Bach und der späte Zugang zu Anton Bruckner und Richard Strauss belegen die Spezialitäten seines Repertoires. Die neun Sinfonien von Bruckner hat er zweimal mit dem Gewandhausorchester Leipzig realisiert, 2005 bis 2012 und 2023. Die umfangreiche Diskografie im Anhang spiegelt wider, dass der über Neunzigjährige auch noch seine dritte Gesamtaufnahme der Beethoven-Sinfonien sowie einige Sinfonien von Brahms, Stenhammar und Voříšek eingespielt hat.

Herbert Blomstedt: Mission Musik – Gespräche mit Julia Spinola, 199 S., € 26.00, dritte, erweiterte Auflage, Henschel/Bärenreiter, Leipzig/Kassel 2025, ISBN 978-3-7618-2417-7 (Bärenreiter)

Auf den Spuren von Lise Cristiani

In einem Dokumentarfilm spürt Sol Gabetta dem Leben, den Konzerten und atemberaubenden Reisen der ersten öffentlich auftretenden Cellistin nach.

Lise Cristiani. Lithografie von H. J. J. nach einer Skizze von Thomas Couture / Gallica

Sol Gabetta ist Lise Cristiani – zumindest soll das verschwommene Cover ihres jüngsten Albums dies suggerieren. Es feiert den 200. Geburtstag der französischen Cellistin mit Einblicken in ihr Konzertrepertoire, Werken von Offenbach, Schubert, Rossini u. a. (Sony classical 12372444).

Parallel zur Tonaufnahme ist ein 53-minütiger Dokumentarfilm entstanden, in dem sich die argentinische Cellistin gemeinsam mit ihrem Mann, dem französischen Geigenbauer und Restaurator Balthazar Soulier, auf die Spuren dieser geheimnisumwitterten Musikerin begibt. Mit dem Cello ans Ende der Welt heisst er und spielt damit auf Cristianis Konzertreise nach Sibirien im Jahr 1847 an. 1852 starb sie im Alter von 27 Jahren an einer Cholerainfektion, die sie sich auf einer Reise in den Kaukasus, bei der sie vor Soldaten spielte, zugezogen hatte.

Chronologisch erzählt der atmosphärisch dichte Film vom Leben der ersten öffentlich auftretenden Cellistin. Das Cello galt für Frauen als unmoralisch, ja skandalös, weil es mit gespreizten Beinen gehalten werden muss. Der Journalist Waldemar Kamer, der die Geburtsakte in einem Nachlass gefunden hat, berichtet von Cristianis Herkunft, wie sie als uneheliches Kind bei den Grosseltern aufwuchs.

Der Besuch von Originalschauplätzen gibt in Verbindung mit historischen Bildern einen Einblick in das Paris ihrer Kindheit. Sol Gabetta entdeckt gemeinsam mit Balthazar Soulier nicht nur Cristianis Konzertprogramme, sondern spielt auch für ein paar Minuten auf deren Cello im Stradivari-Museum in Cremona. Hier bleibt der Film aber an der Oberfläche. Man hätte von Sol Gabetta gerne mehr gewusst über den genauen Klang des Instruments, das damals 7000 Francs kostete und heute rund 20 Millionen Euro wert ist. War es besonders robust, dass es diese extremen klimatischen Bedingungen auf den Reisen ohne Schäden überstand? Dazu hätte sicherlich Balthazar Soulier etwas erzählen können. Und was kann man, ausgehend vom Repertoire, über das Spiel von Cristiani sagen? Immerhin hat Felix Mendelssohn Bartholdy sein einziges Lied ohne Worte op. 109 für Cello und Klavier ihr gewidmet. Auch das bleibt, abgesehen vom Zitieren einiger zeitgenössischer Kritiken, leider im Dunkeln.

Mit dem Cello ans Ende der Welt – Sol Gabetta auf den Spuren von Lise Cristiani. Film von Simone Jung. Hessischer Rundfunk/Arte. Verfügbar in der ARD-Mediathek bis Dezember 2026.

Link zum Film

 

Kleine Lehrstücke für Streichquartett

«Nur Tropfen» heissen die sieben kurzen Stücke von Theodor Kirchner. Die Neuausgabe enthält auch Hinweise für den Unterricht.

Theodor Kirchner. Foto: Winterthur-Glossar, winbib(Signatur 172088)

Theodor Kirchner, in Leipzig und Dresden ausgebildet, nahm als 20-jähriger auf Empfehlung Felix Mendelssohns in Winterthur eine Organistenstelle an. 30 Jahre wirkte er in der Schweiz als Musiklehrer und Dirigent und gründete eine Familie. In einem schweizerischen Nachruf steht, er habe «während eines Vierteljahrhunderts (…) im Zentrum musikalischen Bestrebens Zürichs und Winterthurs gestanden». In den schwierigen Jahren nach der Rückkehr nach Deutschland wurde er von seinem Freund Brahms unterstützt.

Neben 1000 Klavierstücken komponierte er viel Kammermusik, darunter auch solche mit pädagogischen Absichten wie die sieben kurzen Streichquartette Nur Tropfen. Die mittelschwierigen Stücke unterschiedlichen Charakters umfassen nur 16 bis 60 (schnelle) Takte. Der rhythmisch durchwirkte romantische Stil verlangt von allen Instrumenten Aufmerksamkeit auf das ganze Geschehen. Die Hinweise für den Unterricht von Anna Erdmann-Schiegnitz im Anhang der Ausgabe enthalten wichtige interpretatorische und technische Hilfen.

Theodor Kirchner: Nur Tropfen. Ganz kleine Stücke für Streichquartett, hg. von Wolfgang Birtel, SE 1059, € 14.00, Schott, Mainz

Violine statt Stimme

Die aus Stimmvokalisen hervorgegangenen Geigenmelodien von Sergei Prokofjew in neuer Ausgabe.

Sergei Prokofjew 1918 in New York. Foto: Bains News Service / Library of Congress

Für die von ihm geliebte Sängerin Nina Koshetz begann Prokofjew 1920 in New York Vokalisen für Singstimme und Klavier zu schreiben. Er beendete diese fünf Lieder ohne Worte während einer Tournee in Kalifornien. 1925 in Paris baten ihn Joseph Szigeti, Paweł Kochański und Cecilia Hansen, die Melodien für Violine zu bearbeiten. Kochański half bei der Umgestaltung der Geigenstimme; die Klavierstimme blieb unverändert. Sie erschienen 1925 bei Edition russe de Musique in Berlin. Seither gehören sie zum wichtigen Geigenrepertoire. Eine Barcarolle macht den Anfang, es folgen ein Wiegenlied, eine geheimnisvolle Grübelei, ein Scherzando (Seguidilla) und eine Nocturne.

Die Neuausgabe enthält viele kleine Berichtigungen, die in den Bemerkungen erläutert sind, und erscheint mit einem grosszügigen Notensatz.

Sergej Prokofjew: Fünf Melodien für Violine und Klavier op. 35a, hg. von Fabian Czolbe, mit einer zusätzlichen von T. A. Irnberger bezeichneten Violinstimme, HN1539, € 13.00, G. Henle, München

Partiturlesen lernen

Paul Suits schafft es in seinem Buch «Score Reading», dieses vielschichtige Gebiet gut strukturiert und praxisnah zu vermitteln.

Ausschnitt aus dem Buchcover

Zum Thema Partiturspiel gibt es im Gegensatz zu verwandten Bereichen wie beispielsweise Generalbass kaum Literatur. Das liegt sicherlich an der Vielschichtigkeit der Materie, in die auch Fachgebiete wie Blattlesen, Instrumentation, Harmonielehre oder Stilkunde mit einfliessen. Die Didaktik ist entsprechend schwer übersichtlich darzustellen.

Ein dahingehend gelungener Versuch sind die mittlerweile vergriffenen zwei Bände Schule des Partiturspiels von Günter Fork (erschienen 1980), die sich aber wegen ihres Umfangs im Unterricht nicht bewähren konnten. Einschlägig sind noch immer die vier Hefte Partiturspiel von Heinrich Creuzburg (erschienen 1956), in welchen aber Klaviereinrichtungen vorgeschlagen werden, die vollkommen praxisfern sind. Was diesen Aspekt betrifft, bot Alfred Stenger mit Partiturspiel, leichtgemacht von 2004 einen interessanten Zugang, wobei das «leicht gemacht» trügt, denn Partiturspiel ist nicht leicht!

Umfassender Zugang, konkrete Hilfestellungen

Nun legt Paul Suits ein neues, klug aufgebautes, englischsprachiges Buch vor und stellt sich dieser Tatsache: «There are artistic fields in which inspiration outweighs perspiration. In score reading the reverse is true […]» Die Anweisungen sind knapp gehalten und die langjährige Unterrichtserfahrung des Autors ist überall spürbar.

Das Lesen der transponierenden Instrumente vermittelt Suits über das Erlernen der sogenannten «alten Schlüssel»: Ersetzt man einen vorgezeichneten Schlüssel durch einen anderen, verschiebt sich der Bezugston, was eine Transposition zur Folge hat. Korrigiert man zusätzlich bestimmte Versetzungszeichen, lässt sich so eine transponierende Stimme direkt lesen. Vorangestellt wird eine nützliche Leseübung, damit sich die Lernenden im Bezugssystem eines jeweils neuen Schlüssels einrichten. Anhand hervorragend ausgewählter Literaturbeispiele wird man dann durch alle Schlüssel und im Orchester vorkommenden Transpositionen geführt.

Für das Erfassen harmonischer Zusammenhänge empfiehlt Suits Generalbassbezifferung und absolute Akkordsymbole. Besonders wertvoll sind die Kapitel «Arranging the Score at the Piano» und «Dealing with unplayable Pieces». Die darin vorgeschlagenen Methoden und Beispiele sind praxisnah: das Reduzieren eines Orchestersatzes auf sein harmonisches Gerüst und das nachträgliche Hinzufügen spielbarer Stimmen einerseits sowie das regelmässige Lesen und innere Hören ohne Instrument andererseits. Suits versteht «Partiturspiel» umfassend und setzt den Titel Score Reading mit Absicht: «In working with my students, techniques of playing, singing, imagining, and analyzing the score are all employed, often alternating in rapid succession.»

Allen, die sich mit der schwierigen Disziplin des Partiturlesens beschäftigen wollen, sei dieses Buch voller hilfreicher Anregungen sehr empfohlen!

Paul Suits: Score Reading: Time-honored Principles and New Approaches, 124 p., € 37.00, Tredition, Hamburg 2025, ISBN 978-3-384-57748-1

Eine Tonspur mit Bild

Anka Schmids Film «Melodie» zeigt anhand von ganz unterschiedlichen Menschen, welche Kraft und welches Glück im Singen liegen kann.

Die letzte Totensängerin auf einer griechischen Insel. Filmstill

Es gibt Filme, die sieht man. Und es gibt Filme, die hört man. Anka Schmids neustes Werk Melodie gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. «Eine Tonspur mit Bild», so könnte man ihn auch nennen. Erstaufgeführt am 28. September 2025 in der Kategorie Sounds am Zürcher Filmfestival, ab März 2026 regulär im Kino, ist er weit mehr als ein Musikdokumentarfilm: Er ist ein poetisches Mosaik darüber, wie Singen zu Lebensader, Ritual, Widerstand, Trost und Zugehörigkeit werden kann.

Die Protagonistinnen und Protagonisten sind so vielfältig wie ihre Stimmen. Da ist die Black Woman Joanna Kora, die ihre Erfahrungen aus der Black-Lives-Matter-Bewegung in Gesang verwandelt und als Musiklehrerin und Leadsängerin im Chor Go and Sing mit jedem Ton Hoffnung und Begeisterung weckt. Die Appenzeller Sennerin, die Abend für Abend mit dem Alpsegen nicht nur ihre Kühe, sondern auch sich selbst beschützt. Die Tessiner Hip-Hopperin, im Zwiespalt zwischen Wut über die fehlende Förderung für alternative Jugendkultur und der tiefen Verwurzelung in ihrer Heimat. Der Kurde, dem sieben Jahre Gefängnis nicht die Stimme nahmen und der nun seiner kleinen Tochter in der Schweiz Lieder vorsingt, damit sie als Kurdin ohne Land nicht ohne Kultur bleibt. Und die letzte Totensängerin einer griechischen Insel, die nach dem Verlust ihres Mannes allein durch das Klagelied Halt und Lebensinhalt findet – und die bange Frage stellt: Wer wird ihre Klage anstimmen, wenn sie selbst nicht mehr ist?

Singen ist mehr als Klang

Schmid erzählt diese Geschichten ohne Pathos, getragen von der Musik und den Gesichtern der Singenden. Die Kamera fängt das Strahlen, die Müdigkeit, die Leidenschaft ein. Doch das eigentliche Herzstück ist die Tonspur. Tonmeister Reto Stamm verzichtet weitgehend auf elektronische Verfremdung, er transportiert die Stimmen pur, unverstellt, in ihrer ganzen Körperlichkeit. Man hört Atempausen, Reibungen, Unvollkommenheiten – und genau das macht den Film so echt.

Am Ende, wenn junge Frauen vom Frauenstreik singend und trommelnd den Platz füllen, schliesst sich der Kreis: Singen ist mehr als Klang. Es überwindet Grenzen, bringt Fremde näher zueinander als jedes Argument. Schmids Film zeigt, dass wir uns im Glück des Singens begegnen können, jenseits von Herkunft, Sprache oder Hautfarbe. Ein Dokumentarfilm, der nicht nur im Ohr bleibt, sondern auch im Herzen.

Melodie. Anka Schmid, Buch und Regie. Frenetic-Films. Ab 5. März 2026 im Kino.

Trailer

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