Die 30 New Studies for Solo Clarinet des bekannten englischen Komponisten James Rae sind eine Reihe kurzer, abwechslungsreicher Stücke in Stilen von Swing, Blues, Bossa Nova bis zum Walzer. Titel von Another Planet bis Molecules machen sie als Charakterstücke zugänglich und fördern so den musikalischen Ausdruck.
Die ersten «Studien» bewegen sich ausschliesslich im unteren Register und können gut schon als Ergänzung zu einer Klarinettenschule gebraucht werden. Dadurch erhalten auch jüngere oder noch weniger fortgeschrittene Schülerinnen und Schüler früh die Möglichkeit, stilistische Vielfalt zu erleben und musikalische Bilder zu gestalten.
Anschliessend werden die Stücke in kleinen Schritten technisch anspruchsvoller, wobei die Tonarten sowie die Taktarten überschaubar bleiben. Dies ermöglicht einen klar strukturierten Aufbau und unterstützt ein kontinuierliches Lernen ohne Überforderung. Gleichzeitig werden wichtige spieltechnische Aspekte wie Artikulation, Rhythmik und Phrasierung gezielt angesprochen. Metronom-Angabe bei allen Stücken dürfen gerne als Herausforderung angenommen werden und sind eine ideale Ergänzung zum charakteristischen Spiel. Die Tempi regen dazu an, sich bewusst mit Stilistik und Puls auseinanderzusetzen.
Das Heft ist praxisnah und direkt im Unterricht umsetzbar und eignet sich ideal als Brückenbauer zu klassischen Etüdenheften. Es motiviert durch musikalische Vielfalt und bietet gleichzeitig eine solide Grundlage für die Weiterentwicklung auf der Klarinette.
James Rae: 30 New Studies for Solo Clarinet, UE 21 850, € 18.95, Universal Edition, Wien
Zweistimmig durch die Zeiten
Unter dem Titel «Bicinia» erkunden Sini Simonen, Violine, und Alexandre Foster, Violoncello, Kompositionen für zwei Stimmen und klingen dabei manchmal wie ein Quartett.
Torsten Möller
- 13. Juni 2026
Sini Simonen und Alexandre Foster. Foto: zVg
Höchstleistungen gehen in der Regel mit Spezialisierung einher. Doch die Geigerin Sini Simonen und der Cellist Alexandre Foster gehen einen anderen Weg. Sie entscheiden sich für eine Kombination von neoklassizistischen Tönen, von zweistimmig gesetzten Motetten von Orlando di Lasso und von aktuellen Klängen aus verschiedenen Ländern mit je eigenen Stilistiken.
Für Abwechslung ist so schon mal gesorgt. Aber Foster und Simonen gelingt weit mehr. In ihrem Streifzug durch die Zeiten entdecken sie diverse Kleinode, die sie mehr als nur geschliffen präsentieren. Maurice Ravels zwischen 1920 und 1922 komponierte Sonate für Violine und Cello steht im Mittelpunkt. Roman Brotbeck weist im Booklet zu Recht darauf hin, dass es hier «zuweilen wie ein Streichquartett» klingt. Neben der erstaunlichen Klangfülle überzeugt die fulminante viersätzige Hommage an den 1918 verstorbenen Claude Debussy durch Eleganz, polyfone Dichte und rhythmische Finessen, die nach modernem Béla Bartók klingen.
Moser und Winkelman
Im Subtext schwingt die Schweiz mit: Alexandre Foster lehrt als Cello-Professor an der Musikakademie Basel. Bohuslav Martinůs Duo II entstand in der Nähe von Basel, als der Komponist zu Gast war bei Maja und Paul Sacher. Werke von Roland Moser und Helena Winkelman tragen ebenfalls bei zu dieser so herrlich kurzweiligen Produktion: Mosers Drei Widmungen sind hoch konzentrierte Studien, in denen Halbtönigkeit, Flageolett-Welten und Naturtönigkeit besondere Klangeindrücke hinterlassen. In ihrem Frühwerk Rondo mit einem Januskopf ist schon vorgezeichnet, was die in Basel lebende Helena Winkelman bis heute auszeichnet: eine polystilistische Offenheit mit beschwingter Volksmusik und manche Jazz-Rhythmen. Winkelmans quicklebendiges Rondo steht zu Recht am Ende einer CD, auf der Simonen und Foster an jeder Stelle den Ton der so unterschiedlichen Musik treffen. Man kann nur empfehlen: Bitte in einem Rutsch hören!
Bicinia. Werke von Orlandi di Lasso, Bohuslav Martinů, Maurice Ravel, Helena Winkelman, Roland Moser, György Ligeti, Kaija Saariaho. Sini Simonen, Violine; Alexandre Foster, Cello. Claves Records CD 3134
Pianistischer Gang durch Dantes Welt
Viviane Goergen hat nicht nur Marie Jaëlls Konzertstücke auf Dantes «Göttliche Kommödie» eingespielt, sondern ihre Einsichten dazu auch in einem Buch mit CD festgehalten.
Walter Labhart
- 13. Juni 2026
Marie Jaëll (1846–1925) als junge Frau mit elegantem Hut. Foto von J. Ganz, herausgegeben 1890, Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg / wikimedia commons
Zusammen mit ersteingespielten Stücken von Marguerite Roesgen-Champion, Otilie Suková-Dvořáková, Stephanie Zaranek und Vera Winogradowa nahm die in Paris geborene, in Deutschland lebende luxemburgisch-schweizerische Interpretin und Musikpädagogin Viviane Goergen 2017 für ihre pionierhafte CD Pianistische Miniaturen von Komponistinnen (ARS 38 559) auch die Valses Mignonnes von Marie Jaëll-Trautmann (1846–1925) auf. (Besprechung von Daniel Lienhard)
Monumentale Konzertstücke
Ihre intensive Beschäftigung mit der von César Franck und Camille Saint-Saëns ausgebildeten, mit dem österrreichischen Pianisten Alfred Jaëll verheirateten Elsässerin führte zu einer CD, die dieser allein gewidmet ist. Hinter dem unscheinbaren Titel Pièces pour piano (Hänssler Classics HC 24004) verbergen sich drei gross angelegte Trouvaillen der programminspirierten Klavierliteratur: auf Dantes Göttlicher Komödie fussende, monumentale Konzertstücke von starker Eigenart mit den jeweils aus sechs Teilen bestehenden Sätzen «Ce qu’on entend dans l’enfer, dans le purgatoire et dans le paradis» (1894).
Mit ihren ostinaten Dies-Irae-Zitaten in den Höllenszenen und weiteren Motivrepetitionen sowie mit den Fünfer-Takten in der Paradiesdarstellung ging die mit Liszt befreundete Komponistin, die auch als Musikwissenschaftlerin hervortrat, eigene, weit in die Zukunft weisende Wege. Den philoso- phisch tiefgründigen Gehalt der Stücke schöpft die Pianistin, die auf der Basis von mentalem Training junge Musikerinnen und Musiker betreut und schon 1994 ein «Zentrum für Musik und Konstruktives Denken» schuf, mit überzeugender Intensität aus.
Zum hundertsten Todestag von Marie Jaëll veröffentlichte Viviane Goergen nun ihre Einsichten in diese Trilogie in einem Buch mit beiliegender CD. Auf Deutsch, Französisch und Englisch und mit Illustrationen aus Dalís Göttlicher Komödie werden einzelne Episoden wie etwa «Dans les flammes», «Sabbat», «Désirs impuissants», «Obsession» oder «Voix célestes» anhand von 38 Notenbeispielen sehr anschaulich beschrieben.
Viviane Goergen: Marie Jaëll – «Pièces pour Piano» und Dantes Göttliche Komödie, 212 S., mit CD, € 59.50, Edition Signum Winfried Heid, Heidelberg 2025, ISBN 978-3-9817062-3-9
Teenager Ravel am Klavier
Die «Sérénade grotesque», geschrieben vom ganz jungen Maurice Ravel, weist auf Charakteristiken späterer Werke voraus.
Karl-Andreas Kolly
- 12. Juni 2026
Die Klavierklasse von Charles-Wilfrid de Bériot am Conservatoire de Paris 1895, ganz links der zwanzigjährige Maurice Ravel. Foto: Eugène Pirou / wikimedia commons
«Nous ne savons rien sur l’origine de cette pièce qui constitue la première composition de Ravel pour le piano.» Dies schrieb Arbie Orenstein im Vorwort zur Erstausgabe der Sérénade grotesque, die 1975 zum hundertsten Geburtstag Ravels bei Salabert erschienen ist. Der prominente Ravel-Forscher, dessen Monografie über den grossen Komponisten immer noch das Mass aller Dinge sein dürfte, war nicht nur der Entdecker des Autografs, das lange als verschollen galt. Er besorgte im selben Jahr auch gleich die Uraufführung.
Fünfzig Jahre später hat nun Andreas Pernpeintner das kurze Klavierstück bei Henle neu herausgegeben. Die Unterschiede zur französischen Erstausgabe sind gering. Man erfährt aber in Pernpeintners Vorwort einige spannende Details darüber, wie Ravel selber dieses Werk beurteilte, das er fast noch als Teenager geschrieben hatte. Offenbar hat er es nie ganz unter Verschluss gehalten.
Die Sérénade grotesque lebt von heftigen Gegensätzen zwischen perkussiven Passagen («très rude, pizzicatissimo») einerseits und längeren Kantilenen («très sentimental») andererseits. Nicht nur die zahlreichen Anklänge an spanische Gitarrenmusik lassen schon die weit berühmtere Alborada del gracioso aus den Miroirs erahnen (Arbie Orenstein fühlte sich gar an Scarbo erinnert). Wie bei diesen späteren Meisterwerken lebt der Klaviersatz auch hier von orchestralen Assoziationen. Zwar ist dieser nicht allzu anspruchsvoll, aber auch die Sérénade hat ihre pianistischen Tücken. Um diese Hindernisse möglichst elegant bewältigen zu können, hat der französische Pianist Cédric Tiberghien einige Fingersätze beigesteuert, die wirklich sehr praktikabel sind.
Insgesamt also eine lohnende Neuausgabe! Für Ravel-Fans sowieso. Aber auch für alle, die gerne einem jugendlichen Genie bei seiner Entwicklung über die Schulter blicken möchten.
Maurice Ravel: Sérénade grotesque, hg. von Andreas Pernpeintner, HN 1590, € 8.00, G. Henle, München
Transkriptionsmethode in US-Manier
Das von Andreas Häberlin vorgelegte Buch «A Music Transcription Method – Notating Recorded Music by Ear» erweitert weniger die Fähigkeiten des Bearbeitenden als dessen Kenntnisse möglicher Hilfsmittel.
Daniel Willi
- 12. Juni 2026
Foto: diignat / depositphotos.com
Der 1987 im Kanton Thurgau geborene Andreas Häberlin lehrt heute an der US-amerikanischen Nova Southeastern University in Florida. Er hat in der Schweiz, wo er an der ZHdK Komposition und Theorie studierte, und international etliche Preise gewonnen, unter anderem 2016 einen Förderpreis des Kantons Thurgau. In den USA hat Häberlin mit Grössen wie Michael Bublé und Barbra Streisand zusammengearbeitet und sich einen Namen als Filmmusik-Produzent gemacht.
Nun legt er sein erstes Buch mit dem vielversprechenden Titel A Music Transcription Method – Notating Recorded Music by Ear vor. Der Titel hält nur bedingt, was er verspricht. In den vier Teilen «Preparation – Process – Interpretation – Resources» geht der Autor akribisch und in wissenschaftlicher Weise, mit einer grossen Zahl an Verweisen auf die einschlägige Literatur, auf die vorwiegend digitale Annäherung an Musik-Transkription ein. Online liefert er eine umfangreiche Sammlung an selbst eingespielten Musik- und Partiturbeispielen zum Buch – die Zuordnung zu den einzelnen Kapiteln erschliesst sich aber nicht unmittelbar.
Man könnte sagen: Um bestehende Musik aufzuschreiben, braucht es überragende Fähigkeiten in Gehörbildung, Rhythmusverständnis und Harmonielehre. Die vorgeschlagenen Methoden gehen aber nicht in die Tiefe, sondern setzen die genannten Fähigkeiten bereits voraus. Das Kapitel «Orchestration» bleibt sehr im Allgemeinen stecken; Häberlin präsentiert hier den Creative Software Sampler Cube und nennt immerhin in der entsprechenden Literaturliste die Instrumentationslehren von Berlioz und Rimski-Korsakow. Zahlreiche technische Hilfsmittel, von Midi-Geräten über Notations-Software bis zur Digital Audio Workstation, werden vorgestellt. Daneben stehen doch recht banale Hinweise, man solle die vom Auftraggeber gesetzte Deadline unbedingt einhalten – und schauen, dass man die Nachbarn beim Abspielen von Musik nicht störe.
Andreas Häberlin: A Music Transcription Method – Notating Recorded Music by Ear, 178 p., € 50.99, Routledge, New York and London 2025, ISBN 978-1-032-84254-7
Eingesandte Noten – Zupf- und Schlaginstrumente, Akkordeon
Folgende Neuausgaben sind auf der Redaktion eingegangen für:
Harfe – Gitarre – Ukulele – Mandoline – E-Bass – Schlagzeug – Akkordeon
SMZ
- 11. Juni 2026
Grafik: VisualGeneration/depositphotos.com
Gitarre
Januar–Juni 2026
Woman Composers, A graded anthology for guitar, ed. Eva Beneke and Heike Matthiesen, Book 1, Grades 1-4, ED 2375, € 15.00, Schott, Mainz
Armin Kulla: Einmal um die Welt, 37 Volkslieder auf 17 Ländern, leichte bis fortgeschrittene Bearbeitungen für zwei Gitarren, D 829, Dux, Manching
Robert Morandell: Guitar Gold, Gitarrenschule, D 647, mit Videos in 3 Tempi, Dux, Manching
Iris Maucher/Meike Schlegtendal: Wir singen mit Kindern, Das christliche Gitarren-Liederbuch für Kita, Grundschule und Familie, D 840, Dux, Manching
Juli–Dezember 2025
Wieland Harms: Guitar Chord Colours. Moderne Harmonielehre für Gitarristen, die es wirklich wissen wollen, 400 Seiten, € 49.95, Bestellnr. 2291G, Alfred Music, Köln
K. Mertz – Guitar Works, Vol. 12, Seven Opera Fantasies, ed. by Graziano Salvoni, ECH 1429, € 24.50, Edition Chanterelle/Zimmermann, Mainz
Juli–Dezember 2024
Michael Langer: Acoustic Pop Guitar Solos 6, Noten und Tab, mit Audio-Download, D 927, Dux, Manchin
Michael Langer und Ferdinand Neges: Play Guitar Powersteps 1, die ideale Fortsetzung für jede Anfängerschule, mit Audio-Downloads, Dux 3519, Dux, Manching
Michael Langer und Ferdinand Neges: Play Guitar Powersteps 2, die ideale Fortsetzung für jede Anfängerschule, mit Audio-Downloads, Dux 3520, Dux, Manching
Martin Tanner: Einfach schön – schön einfach, Schöne Gitarrenmusik ab der ersten Lektion, Eigenverlag, www.einfach-schoen.ch
Januar–Juni 2024
Sami Kajtazaj: 5 Formen für Gitarre, em 1212, Edition Margaux, Berlin
Juli–Dezember 2023
Béla Bartók: Rumänische Volkstänze, für Gitarre arr. von Dario Bisso Sabàdin, UE 38137, € 16.95, Universal Edition, Wien
Armin Kulla: Eine kleine Reise, leichte bis mittelschwere Ensemblestücke für 3 bis 4 Gitarren, D 826, mit Audio-Stream, Dux, Manching >>> Rezension von Werner Joos
Weihnachtslieder aus aller Welt, für Gitarre solo, VHR 13510, Holzschuh, Manching
Martin Kuhnle: Die Lagerfeuer-Gitarre ohne Noten, 75 unverzichtbare Songs, D 810, Dux, Manching
Januar–Juni 2023
Franz Schubert: Ständchen, Menuett, Walzer, Deutscher Tanz und Ecossaise, bearb. und hg. von Jury Clormann, Erstdruck, BP 2883, Fr. 19.50, Amadeus, Winterthur >>> Rezension von Werner Joos
The José Tomàs Guitar Anthology, Arrangements for Guitar solo by José Tomàs edited by Pedro Jesus Gomez, ECH 2725, € 22.50, Edition Chanteresse (Zimmermann), Mainz >>> Rezension von Werner Joos
Ukulele
Januar–Juni 2026
Iris Maucher/Meike Schlegtendal: Wir singen mit Kindern, Das christliche Ukulelen-Liederbuch für Kita, Grundschule und Familie, D 331, Dux, Manching
Juli–Dezember 2024
Andreas Lutz und Bernhard Bitzel: Das Ukulele-Ding, 200 Lieder und Songs (Text und Akkordziffern), D 342, Dux, Manching
Martin Rube: Die Ukulelenschule für Kinder im Vor- und Grundschulalter, Bestell-Nr. 140, Schuh-Verlag, Gärtringen
Juli–Dezember 2023
Quintenzirkel für die Ukulele, D 1216, Dux, Manching
Mandoline
Januar–Juni 2026
Manuela Frescura: Merhaba, Impressionen einer Reise durch Südmarokko, Duos und Trios für Mandoline, Mandola und/oder Gitarre, Rhythmusinstrumente ad lib., Edition Grenzland, Partitur und Stimmen, PAN KM 2161, € 35.00, PAN, Kassel
Januar–Juni 2025
Carl Stamitz: Sonate op. 16 Nr. 6, für zwei Mandolinen und Mandola (Gitarre) bearb. von Jean-Pierre Yraéta, Partitur mit Stimmen, PAN KM 2155, € 22.00, Edition Grenzland, Pan-Verlag, Basel
E-Bass
Juli–Dezember 2025
Philipp Rehm: Slap fit, Dein Slap-Bass-Workout für fette Grooves, starke Technik und Kreativität, Buch und Online-Audio, Best.Nr. 20315G, € 23.95, Alfred Music, Köln
Juli–Dezember 2023
Philipp Rehm: Bass Matrix. Entschlüssele die Geheimnisse der Bass Grooves, für Einsteiger, Fortgeschrittene und Pros auch ohne Notenkenntnisse, Buch, CD, Online-Audio, Art.-Nr. 20281G, Alfred Music, Köln
Thomas Grossmann: Walking ABC. Bass spielen in Jazz, Rock und Pop für E-Bass und Kontrabass, Edition Hug 11789, mit Audiofiles zum Download, Hug Musikverlage, Zürich
Harfe
Januar–Juni 2026
Claude Debussy: Danses für Harfe und Steichorchester, hg. von Peter Jost; Partitur, HN 3440, € 20.00; Streichersatz, HN 3442, € 45.00; G. Henle, München
Juli–Dezember 2025
Sergej Prokofjew: Sämtliche Werke für Harfe solo, hg. von Sophie Gneissl, HN1649, € 15.00, G. Henle, München
Januar–Juni 2024
Louis Spohr: Fantasie in c-Moll für Harfe op. 35, Anhang: Fantaisie von Johann Georg Heinrich Backofen, hg. von Masumi Nagasawa, BA 10954, € 19.95, Bärenreiter, Kassel >>> Rezension von Sarah O’Brien
Januar–Juni 2023
Claude Debussy: Danses, für Harfe und Steichorchester, hg. von Peter Jost, Studienpartitur, HN 7584, G. Henle, München >>> Rezension von Sarah O’Brien
Schlagzeug
Juli–Dezember 2025
Gerwin Eisenhauer: Bum Bum Tschack; Technik & Lesen, D 421; Grooves & Fills, D 422; Jazz & Latin, D 423; je mit Online-Audi und Video-Links; je € 19.80, Dux, Manching
Januar–Juni 2025
Peter Eötvös: Speaking Drums, Four poems for percussion solo, BAT 60, € 21.00, Schott, Mainz
Christin Neddens’ Creative Flow, Das ultimative Drum Practice Workout, Best.Nr. 20314G, € 22.95, Alfred Music, Köln
Januar–Juni 2024
Olaf Satzer: Garantiert Schlagzeug lernen – für Kinder ab 5-6 Jahren, 136 S., mit Online-Audiotracks, Nr. 20286G, € 21.95, Alfred Music, Köln
Sperie Karas: A Tribute to Charley, 50 rudimental Solos, In honor of my studies with Charley Wilcoxon, 64 S., € 14.95, Alfred Music, Köln
Juli–Dezember 2023
Trommeln für Einsteiger, by Rosy, Afrikanische Trommel & Gesang Loops – Schritt für Schritt, D 419, Dux, Manching
Jost Nickel: Beginner Book für Schlagzeug, Buch und Audio-Online: Art.-Nr. 20292G, € 24.95, Alfred Music, Köln
Elisabeth Amandi: Drumset Safari. Mit 144 Solos rund um die Welt, Spielheft für Einsteiger bis Profis dt/engl., 136 S., plus mp3-Download, € 24.00, Leu-Verlag, Neusäss
Marco Kurmann: Step by Step on Drums, Leitfaden für den Schlagzeugunterricht, Band 1, 98 S., € 24.00, Leu-Verlag, Neusäss >>> Rezension von Daniel Maggi
Sperie Karas: Rock-o-Pation for Today’s Drummers, 50 Übungen für das Blattspiel im Rock, dt/engl, 84 S., Art.-Nr. 20309G, € 16.95, Alfred Music, Köln
Tom Pold: Garantiert Kalimba lernen, Das Lehrbuch für Kalimbas mit 17 Tönen in C-Dur, mit mehr als 100 Songs, 104 S., Art.-Nr. 20294G, € 19.95, Alfred Music, Köln
Luigi Nono: Extracts für Schlagzeugensemble, hg. von Bernhard Wulff, ED 22904, Schott, Mainz
Handpan
Juli–Dezember 2024
Daniel Giordani: Übungsstücke für Handpan, für leicht fortgeschrittene Spieler, mit Online-Videos, D 920, Dux, Manching
Akkordeon
Juli–Dezember 2025
Slavko Avsenik: 12 Oberkrainer Erfolge für Akkordeon und Bb-Stimme; Band 1, WILD 20085; Band 2, WILD 20086; Band 3, WILD 20087; je € 21.80, Walter Wild, Manching
Songs for Freedom, bekannte Popsongs für Akkordeon arrangiert von Waldemar Lang, VHR 1869, Holzschuh, Manchin
Hans-Günther Kölz: Reflections, bekannte Klassik-Stücke und Eigenkompositionen arrangiert für Akkordeon, VHR 1859, Holzschuh, Manching
Januar–Juni 2024
Sami Kajtazaj: Follow me 1, Musik für Akkordeon, Selbstverlag, Thal, samikaj.com
Sami Kajtazaj: Follow me 2, Musik für Akkordeon, Selbstverlag, Thal, samikaj.com
Sami Kajtazaj: Follow me 3, Musik für Akkordeon, Selbstverlag, Thal, samikaj.com
Ende und Anfang in der Kartause
Die dreissigsten Ittinger Pfingstkonzerte vom 22. bis 25. Mai 2026 handelten vom «Auf-hören». – Über die erste Austragung des Festivals unter der künstlerischen Leitung von Reto Bieri und Vertikalität im Erleben von Musik.
Pia Schwab
- 09. Juni 2026
«Letztes Geleit» in Richtung Kartause. Foto: Pia Schwab
Es scheint ein befremdliches Thema für einen, der anfängt. Aber der Bindestrich in «auf-hören» deutet bereits darauf hin, dass es nicht einfach ums Beenden, Schlussmachen geht. Reto Bieri, Klarinettist, Dirigent, Dozent für Kammermusik in München, langjähriger Intendant des Davos-Festivals und leidenschaftlicher Programmgestalter leitet erstmals die Pfingstkonzerte in der Kartause Ittingen. Vor genau dreissig Jahren begannen Heinz Holliger und András Schiff mit dieser Tradition; nach zwanzig Ausgaben übernahmen nacheinander Graziella Contratto, Oliver Schnyder, Maurice Steger, Nicolas Altstaedt, Isabelle Faust und Kristian Bezuidenhout.
Wie kommt das Hören ins Aufhören?
Und nun «hört» Reto Bieri «auf». Im Programmheft führt er aus, wie er das versteht: «Kaum ein anderes Wort sagt so entschieden Nein und hält zugleich eine Öffnung bereit. Man sagt: ‹Hör auf!› und meint Stillstand. Doch im Innern des Wortes liegt etwas anderes verborgen: ein Hören … » Aufhören also wie aufhorchen. Diese Deutung leuchtet ein für einen, der auf Musik aus ist. Aber stimmt sie auch? Kluges Etymologisches Wörterbuch bestätigt, dass «aufhören» im Mittelalter gleichchbedeutend gewesen sei mit «hören» und leitet her: «Wenn jemand auf etwas sein Augenmerk richtet, dann lässt er zugleich von seiner Tätigkeit ab.» Aufhören als Bereitsein für das Neue, das sich ankündigt.
Reto Bieri erklärt diese Wahl mit dem ersten Eindruck, den die Kartause auf ihn gemacht habe: «Du kommst durch dieses Portal und findest dich in einer neuen, geschlossenen Welt. Der offenste Raum ist der Himmel. Das war auch für die Karthäuser so, die sich hinter diese Mauern zurückgezogen und ein Paradies eingerichtet haben.» Von hier aus erschliesst sich das ganze Festivalprogramm.
Radikales Hintersichlassen
Es beginnt mit der Extremform des Aufhörens, dem Tod. Zum Auftakt am Freitagabend gibt es ein dreiteiliges «Letztes Geleit», das genau dieses Hinkommen, Abschiednehmen und Wiederaufleben inszeniert. Einige hundert Meter von der Kartause entfernt formiert sich ein Detachement des Musikvereins Weinfelden, marschiert dann bedächtig los, spielt den Trauermarsch «Teure Mutter». Dann Stillstand, Stille. Es geht weiter, gleiche Musik, gleiche Langsamkeit. Wieder Stille. Ganz hinten im Trauerzug der Festivalbesucher macht sich Unruhe breit. Jemand regt sich auf, dass der Lautsprecher, der auf einem Karren mitgeführt wird, falsch platziert sei, man höre ja nichts. Es gibt nichts zu hören, das wird dann allmählich klar. Es gibt langsames Schreiten zum Trauermarsch – auf die Halbe! – und stilles Stehenbleiben. Gar nicht so einfach zu ertragen. Beim dritten Stillstehen merke ich, dass sich meine Augen schliessen, ich mich in die Situation ergebe. Bieri wird später bestätigen «dass man es fast nicht aushält, diese Wiederholungen, dieses Treten an Ort». Und er wird erzählen, welch einzigartige Erfahrung es für die beteiligten Musikstudierenden gewesen sei, da mitzumarschieren mit Spielerinnen und Spielern, die einen völlig anderen musikalischen Hintergrund haben. Wie der Tambourmajor ihnen erklären musste, wie sie im Glied zu stehen hätten, Fersen zusammen, Füsse im 45-Grad-Winkel. Auch Bieri hat sich im Klarinettenregister eingereiht und erweist der «teuren Mutter» die Reverenz. Fünf Mal muss der Marsch gespielt werden, bis man die Kartause erreicht, und in der Langsamkeit beginnt die Minze am Weg zu duften.
Vokalensemble Vox Clamantis im Klostergarten. Foto: Barbara Camenzind
Leichenschmaus, gespielt und völlig wahr
Im Barockgarten hat sich Vox Clamantis um das runde Wasserbecken aufgestellt und begrüsst die Eintreffenden mit gregorianischen Gesängen, auch mit der Pfingstsequenz. Im anschliessenden Konzert in der Remise singt dieses estnische Vokalensemble mit seiner schlafwandlerischen Homogenität The Deer’s Cry von Arvo Pärt, dem Komponisten, dem es sehr nahesteht und der beinahe aufgehört hätte, um dann nach Jahren zu einer neuen Stimme zu finden. Zum Schluss erklingt Henryk Góreckis Kleines Requiem für eine Polka, auch hier Wiederholungen, Treten an Ort und plötzliches Hervorbrechen einer nostalgisch-überdrehten Ausgelassenheit. Für Heiterkeit sorgt auch Schauspieler Jürg Kienberger, der schon draussen als «Pfarrer» eine etwas disparate Ansprache zwischen Gotthelfzitaten und automatischen Telefonansagen gehalten hat. Dort haben mich diese tragikomisch-parodistischen Intermezzi etwas befremdet; auf der Bühne gefallen sie mir. Es tut gut zu lachen zwischen dieser konzentrierten Musik. Auf die Frage, ob dieses «Theater» nicht auf Widerspruch stosse, wird Bieri von einem Pfarrer berichten, der ihm erbost geschrieben habe. Mittlerweile sei ein sehr anregender Austausch daraus geworden.
Der Abend schliesst, wie es sich für Trauerfeiern gehört, mit dem Leichenmahl. Alle sitzen im Restaurant der Kartause: Suppe, man beginnt sich zögerlich zu unterhalten, Hauptgang, Mark Padmore begleitet von Anthony Romaniuk singt Schuberts Abschied von der Erde, Dessert, Schlittschuhläufer-Walzer. Die Festivalmusikerinnen und -musiker stehen zwischen den Tischen, wo gerade Platz ist, und spielen, die Gäste singen-summen-murmeln mit in mehreren Wiederholungen, bis die Trauer weggeschmolzen ist und alle sicher sind, dass nach dem Schluss wieder etwas beginnt. «… das Ende ist der Anfang von der anderen Seite», wird Karl Valentin im Festivalprogramm zitiert.
Der «Pfarrer» (Jürg Kienberger) und Blumenmädchen führen den Trauerzug an. Foto: Barbara Camenzind
Gegen Ende des Leichenmahls singt Mark Padmore ein Shanty, als wären wir im Pub. Foto: Barbara Camenzind
Überall in der Kartause beginnen um Pfingsten die Rosen zu blühen. Foto: Pia Schwab
Beziehungslos im Horizontalen
Ein Zusammengehörigkeitsgefühl macht sich breit. Langjährige Festivalbesucher finden, dass ihnen genau so etwas Gemeinsames bisher gefehlt habe. Eine Gemeinde? Übernimmt hier die Musik die Rolle der Kirche? Für Bieri ist die Nähe zum Litugischen und Religiösen einerseits stark autobiografisch: «Ich habe als Kind selbstverständlich die Karfreitagsprozession mitgemacht, durstig vier Stunden den Hang hinauf. Im katholischen Lehrerseminar haben wir jeden Morgen gregorianische Choräle gesungen. Andererseits scheinen mir die Wurzeln verlorenzugehen für vieles, das uns geprägt hat. Wir leiden heute unter einer gigantischen Kultur-Amnesie. Auch in der Musik können wir oft keine Bezüge mehr herstellen und wissen nicht mehr, woher etwas kommt, wohin es geht. Hier begegnen wir dem Hintergrund dieser klösterlichen Lebensweise, einer umfassenden Sorgfalt, einer Vertikalität. Im Alltag bewegen wir uns häufig nur noch im Horizontalen und vergessen darüber, dass es auch etwas über und unter uns gibt.»
Aufhören und Erblühen
Sieben Konzerte umfasst das diesjährige Programm. Sie mischen Musik vom Mittelalter bis in die Gegenwart, weniger als Abfolge denn als Konsequenz. Dabei fällt die Prozession, das Machen, immer stärker weg und macht der Essenz Platz. Endpunkt ist Brahms’ Klarinettenquintett op. 115, das er geschrieben hat, nachdem er eigentlich schon mit dem Komponieren abgeschlossen hatte. Auf-hören, immer wieder! In der Matinee vom Pfingstsamstag singt Vox Clamantis zuerst das gregorianische Antiphon Ubi caritas et amor und geht dann nach einem einzigen Atemzug in Maurice Duruflés Motette über dieses Thema über, so dass der Eindruck entsteht, die einstimmige Melodie breche unhaltbar auf in eine mehrstimmige Farbigkeit. Später erblüht Os justi auf dieselbe Weise zu Bruckners Motette. Auf-hören! Nächstes Jahr soll es ums «Wieder-holen» gehen.
An diesen Pfingsten reichen die Besetzungen vom Solo bis zum 14-köpfigen Ensemble, neben Vox Clamantis sind das Trio Gaspard in der Kartause, das Streichquartett Meta4 und viele andere. Bieri sagt, er habe darauf gedrängt, dass die Interpreten und Interpretinnen die ganze Zeit über hier seien. Viele gingen gar nie hinaus. Es ist auch keine Stadt in der Nähe. Aber die alten Rosen – die Kartause ist berühmt für ihre umfangreiche Sammlung – gehen in diesen Tagen auf. Solche historischen Sorten blühen nur einmal im Jahr, nach wenigen Wochen ist ihr Spiel vorbei, dafür duften sie einmalig.
Hinkommen, Abschiednehmen und Wiederaufleben. Foto: Pia Schwab
Nachhall und Zukünfte
Schoecks Liederzyklus «Nachhall» erfährt eine textliche und musikalische Fortschreibung von Michael Emanuel Bauer, beides noch einen Remix.
Thomas Meyer
- 07. Apr. 2026
Ausschnitt aus dem CD-Cover
Über ihrem gemeinsamen Faible für k-punk aka Mark Fisher, einen 2017 verstorbenen englischen Musikkritiker und Kulturtheoretiker, fanden sie zusammen. Und was machten der Pianist Stefan Kägi und der Komponist Michael Emanuel Bauer daraus? Sie nahmen Othmar Schoecks späten Liederzyklus Nachhall, betrachteten ihn «aus dem Geist der Derrida’schen Hauntology» und bearbeiteten ihn. Die Ausgangslage ist so ungewöhnlich wie der daraus entstehende Mix: Kägi interpretiert den Zyklus zusammen mit dem Bassbariton Robert Koller; neben das Original tritt eine textliche und musikalische Fortschreibung, Bauers «Afterimages». Schliesslich remixt der deutsche Experimentalmusiker Gunnar Geisse noch einiges davon. Das Ganze bekommt einen englischen Titel: Schoeck vs. Bauer Or What Futures are you Longing For? Wo sind wir da?
Sentimentalisch ist die Gefühlslage: ein Zurück, ein Nachsinnen ist zentral, wie es der Titel Nachhall verdeutlicht. Schoeck war sich seiner Position als Spätgeborener, als Nachromantiker, ja sogar gewissermassen als Epigone bewusst. Und er entdeckte sie in den Gedichten von Nikolaus Lenau und Matthias Claudius wieder. Resignation schwingt mit – und schwappt dann auf Bauer über, der sie auf vielfältige Weise bricht. Stilistisch überraschend klingt da so einiges aus der Musikgeschichte herein. Nachhall ist immer. Diese Brechung ist durchaus notwendig, da die Tonlage Kollers, der doch ein so gewitzter Vermittler sein kann, bei Schoeck gelegentlich ins Sentimentale, Rührselige abgleitet. Aber vielleicht gehört gerade dies auch in eine solche Assemblage. Aufgesetzt und nicht integriert wirken danach allerdings Geisses Remixes, die wohl einen Vorhall der ersehnten Zukünfte repräsentieren sollen.
Schoeck vs. Bauer Or What Futures are you Longing For? Othmar Schoeck: Nachhall; Michael Emanuel Bauer: Afterimages; Remixes von Gunnar Geisse. Robert Koller, Bassbariton; Stefan Kägi, Klavier. aDevantgarde records, nur online
Mazurken des 21. Jahrhunderts
Thomas Fortmann hat drei Stücke dieser traditionsreichen Gattung geschrieben, die viel Spielfreude verbreiten, aber auch dunkle Klänge hören lassen.
Karl-Andreas Kolly
- 06. Apr. 2026
Thomas Fortmann. Foto: zVg
Thomas Fortmann ist ein sehr ungewöhnlicher Komponist und ungewöhnlich ist auch sein Werdegang. Geboren 1951 im Kanton Bern als Sohn der Sopranistin Greta Saar und des Unternehmers Rudolf Fortmann schrieb er schon mit 17 einen ersten Pop/Rock-Hit, der in vielen Ländern veröffentlicht wurde. In den folgenden Jahren erschienen über 100 Titel bei verschiedenen internationalen Labels. Er komponierte auch die Musik zum Musical Tell!, in dem Udo Lindenberg die Hauptrolle spielte. Offenbar verspürte er danach Lust, sich neu zu erfinden. Mit 26 Jahren wendete er sich jedenfalls dem Studium der klassischen Musik zu und verfasste dann in lockerer Folge vor allem Kammermusik, aber auch zwei Sinfonien, ein Oratorium, Lieder und mehrere Bühnenwerke.
Von beschwingt bis tief dunkel
Eine seiner jüngsten Kompositionen sind die Drei Mazurkas‚ die kürzlich in der Edition Kunzelmann erschienen sind. Die erste mit der polnischen Überschrift Mazurek dla Anny ist ein lebhaftes Stück, in dem sich viel Spielfreude breitmacht und das etwa wie eine freitonale Weiterentwicklung der Mazurken von Karol Szymanowski klingt. In der Mazurek dla Arii‚ dem zweiten Stück des Triptychons, wechseln sich meditative Passagen mit leicht beschwingten ab. Insgesamt dominiert eine lyrische Note. Auffallend sind hier die zum Teil extrem tiefen Lagen im Pianissimo, die das Klavier wie ein Raunen aus einer verborgenen Unterwelt klingen lassen. Die dritte Mazurka, Mazurek dla Arianki, führt uns zunächst zurück in die Spielfreude der ersten. Im Verlauf tauchen aber auch wieder die dunklen Farben auf und führen zu einem überraschend klar tonalen Höhepunkt (Allargando). Auf den letzten Seiten werden auch die beiden anderen Mazurken zum Teil ganz wörtlich zitiert. Eindrücklich der Schluss, der im zartesten Pianissimo verhaucht!
Die drei Stücke liegen recht gut in den Fingern. Nur im letzten finden sich einige virtuosere Passagen. Gewöhnungsbedürftig ist nicht die Harmonik, sondern manchmal die Art und Weise, wie Fortmann Akkorde notiert. So zum Beispiel in der dritten Mazurka bei Takt 23: Das ist ganz offensichtlich ein reiner As-Dur-Akkord. Wozu das «gis» im Bass? Ich bin sicher, Thomas Fortmann hätte eine originelle Antwort darauf …
Die Drei Mazurkas wurden übrigens von der Auftraggeberin Anna Kijanowska auf CD eingespielt (21st Mazurkas, Dux Recording Producers), dies mit Brillanz und viel Einfühlungsvermögen.
Thomas Fortmann: Drei Mazurkas, MS-2631, Fr. 24.00, Müller & Schade/Edition Kunzelmann, Adliswil
Martins Angelegenheit mit Gott
Die A-cappella-Messe für Doppelchor von Frank Martin ist in einer fundierten und praxistauglichen Ausgabe erschienen.
Markus Utz
- 04. Apr. 2026
Frank Martin an seinem Schreibtisch. Foto: frankmartin.org
Frank Martin ist einer der wichtigsten Schweizer Komponisten. Als Sohn eines calvinistischen Pfarrers in Genf wurde er früh geprägt von den Passionen Bachs, den Liedern Schumanns und César Francks Modalharmonik. Unter dem Einfluss Debussys, Strawinskys und Schönbergs löste er sich von der funktionalen Tonalität und entwickelte seine eigene Klangsprache, die sich durch Singbarkeit und Transparenz auszeichnet.
Seine Messe für Doppelchor beinhaltet viele dieser Einflüsse und ist eines der beliebtesten A-cappella-Werke des 20. Jahrhunderts. Sie entstand in den Jahren 1922 (Rom) und 1926 (Zürich). Martins Manuskripte aus den 1920er-Jahren (heute in der Paul-Sacher-Stiftung Basel) verschwanden danach für 40 Jahre in der Schublade. Sie waren, wie er selbst betonte, nie für eine Veröffentlichung bestimmt, sondern «eine Angelegenheit zwischen Gott und mir».
Vom deutschen Komponisten Michael Ostrzyga wurde beim Bärenreiter-Verlag eine vorbildliche Urtextausgabe herausgegeben. Sie nimmt eine Neubewertung zur Entstehung und Aufführungsgeschichte der Messe vor und berücksichtigt erstmals sämtliche Quellen, darunter eine bislang unbekannte Radio-Aufnahme von 1970 unter Anwesenheit des Komponisten. Auf solch eine wissenschaftlich fundierte und gleichzeitig praxistaugliche Ausgabe hat man schon lange gewartet. Sehr zu empfehlen!
Frank Martin: Messe pour double Chœur a cappella, hg. von Michael Ostrzyga, Partitur, BA 11315, € 16.50, Bärenreiter, Kassel
Zwei « neue» Werke von Bach
Zwei Chaconnen in einem Brüsseler Manuskript werden dem jungen Johann Sebastian Bach zugeschrieben und tragen die BWV-Nummer 1178 und 1179.
Tobias Willi
- 03. Apr. 2026
Restaurierte Wender-Orgel in der evangelischen Kirche in Arnstadt. 1703 nahm der 18-jährige Johann Sebstian Bach die neu gebaute Orgel in Betrieb. Foto: GFreihalter/wikimedia commons
Als «Weltsensation» kündigten die Medien im vergangenen November die (Wieder-)Uraufführung zweier Chaconnen an, die der Musikwissenschaftler Peter Wollny nach jahrelangen Recherchen nun dem jungen Johann Sebastian Bach zuschreibt und die daher auch zwei BWV-Nummern erhalten haben.
Bach-Schüler Salomon Günther John
Die vorliegende – in gewohnter Weise tadellose – Ausgabe, welche bei Breitkopf & Härtel als Supplement zum 4. Band der derzeit neuesten Gesamtausgabe der Orgelwerke publiziert worden ist, zeichnet im Vorwort die akribische, geradezu «detektivisch» anmutende Spurensuche zu den beiden Werken nach. Durch komplizierte Schriftvergleiche liess sich ein in Brüssel aufbewahrtes, anonymes Manuskript auf den 1695 geborenen Kantor, Lehrer und Organisten Salomon Günther John zurückführen, der 1727 bei einer Stellenbewerbung darauf hinwies, «anfangs bey dem ehemahligen Organist in Arnstadt» (ohne weitere Namensnennung) den Unterricht besucht zu haben. Da aufgrund einer weiteren Abschrift Johns eines sicher von Bach stammenden Werks (BWV 951) angenommen werden kann, dass dieser tatsächlich während Bachs Arnstädter Zeit (1703–07) dessen Schüler war, lässt sich auch für die beiden anonymen Chaconnen im Brüsseler Manuskript eine mögliche Urheberschaft Bachs annehmen. (NB: Zuvor waren diese einem anderen Komponisten, J. C. Graff, zugeschrieben worden, unter dessen Namen sie sogar gelegentlich gespielt wurden.)
Stilmerkmale
Wollny untermauert seine Theorie weiter durch stilistische Vergleiche mit anderen frühen Werken Bachs, deren Merkmale der Schweizer Organist Jean-Claude Zehnder in seiner grundlegenden, im Rahmen der Schola Cantorum Basiliensis Scripta 2009 bei Schwabe erschienenen Arbeit einer umfassenden Analyse unterzogen hat. Zudem erinnern gewisse Figurationen durchaus an Bachs Orgel-Passacaglia BWV 582, welche, genau wie BWV 1178, dann auch in einer Fuge fortgesetzt wird.
Faszinierende Beweisführung
Wie zu erwarten, löste die «Uraufführung» weitere Diskussionen über die Urheberschaft Bachs aus. Ohne hier auf die diversen Argumente pro und contra eingehen zu können: Die beiden auch auf kleineren Orgeln gut realisierbaren Werke zeigen einen Komponisten, der über ein solides Handwerk verfügt, mit virtuoser Spielfreude zu schreiben weiss und gelegentlich (wenn auch nicht immer) eine persönliche Handschrift und «genialische» Züge durchschimmern lässt. Falls es sich dabei tatsächlich um den (18- bis 22-jährigen) Bach handelt, ist hier eine weitere Etappe auf dessen Entwicklungsweg als Komponist erschlossen worden. Faszinierend ist der Weg zu dieser Zuschreibung aber in jedem Fall!
Johann Sebastian Bach:Zwei Chaconnen BWV 1178 und 1179,(Sämtliche Orgelwerke, Supplement zu Band 4), hg. von Peter Wollny, EB 9648, € 16.90, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden
Neue Musik von Anfang an
Auf und mit dem ganzen Klavier experimentieren, das ist das Ziel des Hefts mit neuen Spieltechniken für Kinder von Ji-Youn Song.
Stefan Furter
- 02. Apr. 2026
Foto: belchonock/depositphotos.com
Unter dem Titel Mein Klavier – ganz – am Anfang stellt die Pianistin, Klavierpädagogin und Konzertmacherin Ji-Youn Song 15 Charakterstücke und Übungen mit neuen Spieltechniken für Klavier vor. Durch die eigene intensive Auseinandersetzung mit neuer Musik hat die Autorin beim Unterrichten von Kindern entdeckt, wie gewinnbringend gerade am Anfang die Beschäftigung mit experimentellen Techniken des Musizierens sein kann. Im sorgfältig verfassten Vorwort kommt zum Ausdruck, dass es ihr ein grosses Anliegen ist, das Bewusstsein für Spannungsbögen und Proportionen, aber auch das Erarbeiten von grafischer Notation und das Erfahren von musikalischen Grundphänomenen wie hoch-tief, lang-kurz, laut-leise durch Gesten und körperliche Bewegungsabläufe fühlbar und verständlich zu machen.
Mit der Schreibweise des Titels weist uns Ji-Youn Song auf ihre Absicht hin, mit den Schülerinnen und Schülern von Anfang an auf und mit dem ganzen Klavier zu spielen, der Experimentierlust freien Lauf zu lassen und somit wesentliche Erfahrungen in persönlicher und musikalischer Hinsicht zu ermöglichen. Über einen QR-Code kann man zu allen Stücken eine von Kindern realisierte Videoaufnahme abrufen. Zudem gibt die Autorin wertvolle Hinweise zu pädagogischer Zusatzliteratur und für den Anschluss geeigneten Kompositionen von Cage, Cowell, Lachenmann, Dinescu und anderen.
Zu diesem Heft kommt mir spontan das berühmte Zitat von Rumi in den Sinn: «Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.»
Ji-Youn Song: Mein Klavier – ganz – am Anfang, Charakterstücke und Übungen mit neuen Spieltechniken, BA 10879, € 16.95, Bärenreiter, Kassel
Bearbeitungen für Zupforchester
In der auf Musik für Zupfinstrumente spezialisierten Reihe Edition Grenzland des Pan-Verlags ist ein Heft mit drei Stücken aus der Renaissance und dem Barock erschienen.
Melina Murray und Sandra Tinner
- 01. Apr. 2026
Foto: VladK213/depositphotos.com
Das erste Werk in diesem Heft, Canzona prima per canto solo von Girolamo Frescobaldi, stammt aus dessen Sammlung Primo Libro delle Canzoni von 1628. Der Bearbeiter Frank Scheuerle nimmt die Melodiestimme in die 1. Mandoline und realisiert den Continuo mit den anderen Stimmen. Er verzichtet, wie er ausführt, auf Akkorde in der Gitarrenstimme sowie auf eine Kontrabassstimme zugunsten der Durchsichtigkeit.
Lachrimae antiquae von John Dowland wurde wahrscheinlich 1604 komponiert. Scheuerles Arrangement basiert auf der Fassung für Gambenconsort, wobei Mandolinen-, Mandola- und Kontrabassstimmen jeweils auf den Gambenstimmen basieren. Die Gitarre ist hier in zwei Gruppen aufgeteilt: Die 1. Gitarre übernimmt den Quintus und Teile der Lautenstimme und die 2. Gitarre die restliche Lautenstimme. Scheuerle schreibt das Stück in 4/4-Takt um, was für die Lesbarkeit sicher von Vorteil ist. Die «Arco»-Bezeichnung des Kontrabasses erinnert an die Originalbesetzung, wobei die «Pizzicato»-Bezeichnung im letzten Takt einen Teil der Lautenstimme übernimmt, was gut in den gezupften Klang hineinpasst.
Die Chaconne Two in one upon a Ground aus Henry Purcells Semi-Oper Dioclesian wurde für zwei Flöten und Continuo geschrieben. Scheuerle setzt die beiden Melodiestimmen im Kanon in die zwei Mandolinenstimmen und den Basso continuo mit einem Ostinato in die Mandola- und Gitarrenstimmen. Dabei wird der Continuo auch während des Stücks variiert.
Die Entscheidungen des Bearbeiters in allen Arrangements erzeugen Leichtigkeit und zeigen, wie gut das Zupforchester mit seiner natürlichen Durchsichtigkeit für diese Musik geeignet ist. Scheuerle sorgt für Spielbarkeit, aber behält genug Respekt für den Urtext bei, damit für ein Zupforchester noch Raum zur Interpretation übrigbleibt.
Girolamo Frescobaldi, John Dowland, Henry Purcell: Canzona prima, Lachrimae antiquae, Chaconne, für Zupforchester bearb. von Frank Scheuerle, Partitur, ZO 1115, € 15.00, Pan, Kassel
Erhebende Musik aus tieftrauriger Thematik
Das jüngste Album von Black Sea Dahu verarbeitet den Verlust eines nahestehenden Menschen. Daraus erwächst subtile Musik, verstärkt durch die Klänge eines Streichquartetts.
Hanspeter Künzler
- 31. März 2026
Black Sea Dahu. Foto: zVg
Das um die Schwestern Janine und Vera Cathrein versammelte Zürcher Quintett Black Sea Dahu hat einen Gewaltmarsch zurückgelegt seit seinem 2018 erschienenen Debut-Album White Creatures und dem darauf enthaltenen wundersamen Ohrwurm In Case I Fall For You. Dessen Erfolg hatte zur Folge, dass kaum eine Band aus unseren Breitengraden in den letzten Jahren häufiger in ganz Europa live aufgetreten ist als sie. Und das hat sich natürlich auf das gegenseitige musikalische Verständnis ausgewirkt. Langer Einführung kurzer Sinn: Eine Subtilität so kraftvoll und innig, so komplex und verspielt bringt nur eine Band zustande, deren Mitglieder mit telepathischer Sensibilität aufeinander einzugehen vermögen.
Ihr viertes Album Everything (das Live-Album mitgezählt) springt einen nicht auf Anhieb an wie der Kult-Hit von damals. Die Magie dieser Chansons baut nicht auf «instant», vielmehr bezieht sie ihre Kraft aus filigran gestrickten Gesangsmelodien, die im Wind wehen wie die Schleifen eines Drachens; aus Instrumentalarrangements, die prall gefüllt sind mit feinen Überraschungen – verstärkt übrigens durch die warmen Klänge des Streichquartetts Amours Sur Mars, mit dem man auch schon Konzerte gegeben hat.
Und dann natürlich aus der Stimme von Janine Cathrein und ihren Liedern, die sich, inspiriert und notwendig gemacht durch den Tod ihres Vaters, ums zyklische Wogen des Lebens drehen. «Ich habe kein Album gemacht», sagt sie, «ich habe einen Ort gebaut, um diese Trauer auszuhalten.» Ein herrliches Album, das folk-poppige Gepflogenheiten mit kammermusikalischen Stimmungen vereint und wie der schönste Blues tieftrauriger Thematik erhebende Musik abringt.
Black Sea Dahu: Everything. Mouthwatering Records
Eigenwillige Biografie
Für die erste, überaus detailreiche Biografie von Klaus Huber hat Corinne Holtz eine doppelte Perspektive gewählt.
Max Nyffeler
- 30. März 2026
Klaus Huber 2006 in Stuttgart. Foto: Max Nyffeler
Eine Biografie über Klaus Huber zu schreiben, ist nicht einfach. Die Persönlichkeit des 2017 verstorbenen Komponisten war ebenso, sagen wir mal, problemorientiert wie sein von produktiven Widersprüchen und Brüchen durchzogenes Schaffen.
Corinne Holtz hat als Erste den Versuch gewagt und für ihre Biografie eine eigenwillige Form gewählt. Vier der acht Kapitel sind nämlich aus der Ich-Perspektive des Komponisten geschrieben, was ihn in eine fast intime Nähe zum Leser rückt. Das sieht zunächst nach literarischer Fiktion aus, wird aber mit zahllosen Fussnoten weitgehend korrekt dokumentiert. Das zusammengesetzte Ich, das so entsteht, ist ein Puzzle aus schriftlichen und mündlichen Äusserungen Hubers, aus Briefen, Tagebuchnotizen und Gesprächen mit den Nachkommen, vieles davon unveröffentlicht.
Mit ihren akribischen Recherchen beförderte Corinne Holtz auch viele private Details aus Hubers Leben ans Tageslicht. Seine Tochter Katharina Rikus öffnete dafür bereitwillig das Familienarchiv. Aufschlussreich ist der Teil über seine Kindheit und Jugend, die durch einen strengen und keineswegs vorbildlichen Vater dominiert wurden – ein klassisches Über-Ich, von dem sich der kompositorische Spätstarter nie ganz befreien konnte.
Die Werke kommen in der detailsatten Biografie leider etwas zu kurz. Breiten Raum nimmt einzig die Oper Schwarzerde ein, deren Produktion am Theater Basel 2001 die Autorin journalistisch begleitete. In einem ganzen Kapitel, offenbar ein Beifang ihrer Recherchen in der Basler Sacher-Stiftung, betreibt sie dagegen Spurensuche zum Thema Sacher und die Nazis, was etwas nach dem unter Schweizer Kulturlinken eifrig gepflegten Moralsozialismus riecht und hier wie ein Fremdkörper wirkt.
Über hundert Seiten, ein Drittel des Buches, nimmt die umfangreiche Dokumentation mit Anmerkungen, Quellen und Literaturverzeichnis ein. Eine gewaltige Fleissleistung mit Vollständigkeitsanspruch, der aber in einem so komplexen Fall wie Huber wohl nie ganz eingelöst werden kann.
Corinne Holtz: Welt im Werk. Klaus Huber (1924–2017), Biografie, 309 S., Fr. 54.00, Schwabe, Basel 2024, ISBN 978-3-7965-5148-2